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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Belphegor und Fromal umarmten sich freundschaftlich, indessen daß dieser versicherte, wie sehr er aller falschen Anmaßung feind sey und darum frey gestehe, daß nach seiner Erfahrung der Schwur einer immerwährenden Freundschaft nur in Romanen, in der Einsamkeit oder beständigem Elende statt finde. Während daß diese Umarmung beide beschäftigte, rief Medardus voller Schrecken: »Jesus, Maria! siehst du, Brüderchen?« – Der Schrecken hatte ihn ganz vergessend gemacht, daß er ein Protestant war, und er wiederholte zu verschiedenen malen sein altes, angewöhntes »Jesus, Maria!« – Als sich Fromal nach ihm umsah, erblickte er einen Löwen, der seine beiden Vorderklauen auf die Schultern des Medardus gelegt hatte und keuchend den aufgesperrten Rachen über seinem Kopfe hielt, daß es nur noch nöthig war zuzuschnappen, um ihn mit Einem Bisse vom Rumpfe abzureißen. Die ganze Gesellschaft war in der höchsten Bestürzung und sahe das Ungeheuer wie versteinert an. Fromal bemerkte zuerst, daß das Thier von Zeit zu Zeit einen schmerzhaften Blick auf die linke Klaue und dann einen bittenden auf ihn warf, aus welcher Gestikulation er schloß, daß es von einem Uebel befreyt zu seyn wünschte. Weil dies eine so bequeme Gelegenheit war, sich in die Gunst dieses gefürchteten Gesellschafters zu setzen, so nuzte sie Fromal, faßte seinen Muth zusammen und näherte sich ihm, um den Schaden zu besichtigen. Der Löwe brüllte ihm einen freudigen Dank entgegen, daß der arme Medardus, dem diese Dankbarkeit wegen der Nähe in ihrer ganzen Stärke in die Ohren fuhr, vor Erschrecken vorwärts niederstürzte und eine Zeitlang glaubte, daß er wahrhaftig in dem Magen des Löwen schon verdaut würde. Das Thier warf sich auf die rechte Seite und reichte Fromaln die kranke Klaue dar. Die Kur war höchstgefährlich; denn er hatte sich einen scharfen Feuerstein so tief in das Fleisch eingetreten, daß kaum genug hervorragte, um ihn anzufassen; überdieß machte die Furcht die Hand des Wundarztes zitternd und jeden Handgriff unsicher. Doch er sezte muthig an und zog ihn glücklich heraus, nahm etliche Palmblätter, band sie ihm mit einem Reste von europäischem Bindfaden, den er eben in der Tasche fand, darauf und zog sich demüthig in eine bescheidne Ferne zurück. Der Patient riß die Verbindung ab und leckte die blutende Klaue, bis das Blut gestillt war. Alsdann sprang er auf, lehnte sich an Fromaln hinan, der jeden Augenblick statt des Honorariums seinen Tod erwartete, und leckte dankbar sein Gesicht mit der breiten Zunge, daß es von Geifer triefte. Diese großmüthige Gesinnung erwarb ihm das Zutrauen der ganzen Gesellschaft so sehr, daß sie ihm ihre Hochachtung und aufrichtige Ergebenheit durch Liebkosungen von jeder Art an den Tag legten, die er mit erhabner Majestät in Gnaden anzunehmen geruhte. Da man aber befürchtete, daß bey längerer Gesellschaft der Hunger endlich in nahrungslosen Zeiten die Dankbarkeit des Monarchen ersticken und er seine eifrigen Verehrer alsdann aufspeisen möchte, so dachte man auf eine heimliche Entfliehung von ihm. Doch jeden Schritt, den Fromal that, begleitete er; er war sein Busenfreund.

Mitten unter diesen Ueberlegungen und Bemühungen, seiner Freundschaft zu entwischen, kam ein Trupp von schwarzen Einwohnern des Landes, die kaum den Löwen erblickten, als sie sich ihm mit den ehrerbietigsten Konvulsionen und feierlichsten Geberden auf den Knieen näherten. Das majestätische Thier blieb ernsthaft an der Seite seines geliebten Fromals liegen und bewegte sich nicht Einen Fuß, so sehr die Schwarzen ihn auch darum ersuchten.

Dieses Thier war, wie sich nachher zeigte, ein wichtiges Mitglied des dasigen Staats. Die Einwohner leben mit den Löwen im beständigen Streite, um dessentwillen man Schanzen und Kastele angelegt hat, die jene Feinde so regelmäßig angreifen und bestürmen, als wenn sie die Kriegskunst des Königs von Preussen gelesen hätten. Wenn bey einer solchen Belagerung sich der Vortheil auf die Seite der Belagerer zu neigen scheint, so wird ein gezähmter Löwe, den man in jeder Festung zu diesem Endzwecke unterhält, als Bevollmächtigter zu seinem Geschlechte abgesendet, sie durch glimpfliche Vorstellungen von ihren ruchlosen Feindseligkeiten abzubringen und billige Friedensbedingungen zu erbitten. Diese Vermittelung ist, wie man es ihr ansieht, eine Erfindung der Priester, die einen solchen Abgesandten, statt des Beglaubigungsschreibens, mit geweihten Palmblättern behängen – eine Zierde, die er gemeiniglich bey dem ersten Ausgange von sich wirft. Ein Dorf hatte eben izt eine solche harte Belagerung auszustehn, und da man sich auf das Aeußerste gebracht sah, so griff man zu dem lezten Rettungsmittel und sendete den geheiligten Löwen ab. Doch kaum war der Treulose herausgelassen, als er die Wichtigkeit seiner Sendung und seinen ganzen Auftrag vergaß, sein Kreditiv von sich warf, davon rennte und belagern und bestürmen ließ, so lange man beliebte. Auf diesem Wege hatte er sich die Wunde zugezogen, die Fromal kurirte und wofür er izt ihm die Freundschaft erwies und sich nicht von seiner Seite trennte, ohne den Bitten seiner Aufsucher nachzugeben.

Da die Priester diese Vertraulichkeit merkten, so winkten sie den drey Europäern, ihnen zu folgen, welches sie thaten, worauf der Löwe gleichfalls sich aufmachte und neben seinem Befreyer herhinkte. Als sie an die Festung gelangten, fanden sie die Besatzung in Bereitschaft, an dem noch freyen Orte auszuziehen und alles, was sie von ihren Vorräthen hineingerettet hatten, der Raubbegierde ihrer Angreifer zu überlassen. Die höchste Gefahr drohte: die Löwen kletterten in dichter Schlachtordnung den Wall hinauf, der aus Sand und Holze verfertigt war, und ein Wagehals unter ihnen hatte seine Klauen schon kaum etliche Zolle von dem obersten Rande des Walles entfernt, als Fromal mit seinen Begleitern ankam. Er stieg hinauf, das Schlachtfeld zu besehen, und fand die Klauen jenes Verwägnen schon oben, um durch einen Schwung den Bösewicht vollends herauf zu bringen. Schnell hieb er mit seinem türkischen Säbel sie beide ab, daß das Thier rückwärts über seine nachfolgende Armee wegstürzte und den ganzen Wall hinunterrollte. Darauf verlangte Fromal Feuer, erfuhr aber durch Zeichen, daß keines mehr vorhanden war; sie hatten schon oft mit brennenden Baumzweigen auf ihre Feinde kanonirt, die nach einem kleinen Rückzuge sogleich wieder anrückten. Endlich war ein starker Regen dazwischen gekommen, hatte alle ihre brennenden Materialien ausgelöscht, und neues anzumachen, hatten sie weder Zeit noch Gegenwart des Geistes genug, besonders da ihre Methode, Feuer zu bekommen, ungemein langsam von statten gieng. Fromal schlug mit einem europäischen Messer an den afrikanischen Feuerstein, den er dem Löwen aus dem Fuße gezogen hatte, fieng das Feuer mit trocknen Palmblättern auf, hielt sie an eine resinöse Materie, die leicht Feuer fängt und von den Einwohnern zu diesem Endzwecke herbeygeschaft war, brachte es glücklich zur Flamme, zündete vorräthige Baumzweige an, befahl auch andern, seinem Beispiele zu folgen, und so rennte er nebst einem Truppe Einwohner mit flammenden Fackeln den Wall hinauf, fuhr mit ihnen auf die kletternden Feinde zu, die sich anzuhalten hatten und deswegen nicht vertheidigen konnten, sengte ihnen Rachen, Mähne und Ohren; sie stürzten brüllend herunter, andre wollten dem Feuer trotzen, ließen sich aber doch vertreiben, die sämtliche Belagerer geriethen in Verwirrung, stürzten, rollten, wälzten sich hinunter und nahmen mit versengten Nasen und Ohren ihren Abzug, indessen daß ihnen Fromal mit seinem siegreichen Truppe unaufhörlich lodernde Aeste nachschickte, so weit man sie schleudern konnte. Da der Sieg ungezweifelt war, erhub Fromal ein lautes Triumphgeschrey, welches die Einwohner nachahmten, worauf sie ihn auf ihren Schultern ins Dorf nebst seinen beiden Gefährten zurücktrugen.

»Siehst du, Brüderchen?« sagte Medardus zu Belphegorn, als sie auf einem öffentlichen Platze niedergesezt wurden, »sagte ich dir nicht: ›Wer weis, wozu das gut ist, daß Prinz Amurat sich erstach, daß die Markisinn gespaltet, alle unsre Mitsklaven niedergehauen und die Schiffer von uns ersäuft wurden?‹ – Siehst du nun? Wir sollten hier die Löwen verjagen und vielleicht gar –«

»Viel Anstalt zu einem kleinen Nutzen!« sagte Belphegor, »wenn er dies ganz seyn soll!«

»Nur Geduld, Brüderchen! Wer weis, wer weis!«

Es war die hergebrachte Gewohnheit des Landes, daß die heiligen Löwen nach einem glücklich abgelaufnen Löwenkriege mit einem Menschen beschenkt wurden, dessen Aufopferung sie wegen des Schadens wieder versöhnen sollte, den man ihrem Geschlechte zugefügt hatte. Aus einer ökonomischen Absicht, die Eingebornen des Dorfs zu schonen, kamen die Priester diesmal auf den sinnreichen Einfall, einen von den drey angelangten Weißen dazu anzuwenden, die ihnen ohnehin verdächtig worden waren, weil sie die Ueberwindung der Feinde bewerkstelligt und dadurch ihre priesterliche Wunderkunst beschämt hatten. Aus tückischem, priesterlichen Neide thaten sie den unseligen Vorschlag und bestunden darauf, so sehr auch das Volk aus Dankbarkeit sich demselben widersezte; und konnte ein christlicher Pabst, blos um eine angenommene Grille geltend zu machen, versichern, daß es ihm und Gotte angenehmer wäre, wenn die Priester Schwärme Konkubinen hielten und Millionen unehliche Kinder umbrächten, als daß ein Priester Eine rechtmäßige Frau nähme und Ein rechtmäßiges Kind zeugte, so darf man es einem afrikanischen Priester um so viel weniger verargen, wenn er aus Neid einen häßlichen Weißen den Löwen vorsetzen und lieber undankbar seyn, als eine hergebrachte Gewohnheit übertreten will. Sie beharrten hartnäckig darauf und lasen, ich weis nicht warum, den armen Medardus zum Schlachtopfer aus, während daß er sich bemühte, seinem Freunde die weise Anordnung der menschlichen Begebenheiten und ihre Abzweckung zum Guten zu beweisen.

Fromal merkte bald, daß eine außerordentliche Bewegung unter seinen neuen Freunden vorgieng, er erkundigte sich bey seinem Nachbar, der ihm durch seine Pantomime zur Noth errathen ließ, daß seinem Gefährten eine Gefahr bevorstünde, ob er gleich die eigentliche Beschaffenheit derselben nicht zu erfahren vermochte. Ehe er sie ausstudieren konnte, sah er seinen armen Freund schon von den Priestern umringt, die ihn mit den heiligen Binden von Palmblättern behiengen und zur Speise der Löwen einweihten. Fromal errieth zwar ihre Absicht nicht, allein aus dem vorhergehenden Winke eines Schwarzen schloß er doch nichts Gutes; er zischelte dem Belphegor seinen Argwohn ins Ohr, der ihn nicht so bald vernahm, als er mit seiner gewohnten Heftigkeit auf die Priester losgehn wollte. Doch Fromal stieß ihn zurück und übernahm es, für ihn zu sprechen: er drohte mit seinem Säbel, riß dem Medardus den ganzen Opferschmuck vom Leibe und stellte sich zu seiner Beschützung neben ihn, welches auch Belphegor that. Mit gezognen Säbeln erwarteten sie alle drey in geschloßner Reihe den Angriff; niemand wagte es. Doch plözlich, schneller als sie sehen konnten, war Medardus mitten aus ihnen verschwunden, mit Leib und Seele verschwunden. Sie staunten, sie drohten nochmals, foderten ihn wieder: nichts antwortete ihnen als eine traurige Geberde, mit welcher sich die Umstehenden an die Brust schlugen. Belphegor schäumte vor Wuth und Zorn; er hieb einen dastehenden Priester in die Schulter und holte nach einem andern aus, als der ganze Haufe sie beide auf die Schultern faßte und laut rief: »Nazib! Nazib!« Unter diesem Geschrey wurden sie fortgetragen und langten in kurzer Zeit in einer mit Bergen umschloßnen Ebne an, wo sie ein Gebäude, einer deutschen Gauklerbude ähnlich, und um dasselbe etliche kleinere von gleicher Architektur antrafen. Sie merkten aus allen Umständen, daß sie sich in der königlichen Residenz befanden, um der schwarzgelben Majestät vorgestellt zu werden, welches nach einem langen Aufenthalte außer dem Palaste wirklich geschehen sollte, während dessen alles innerhalb des Gebäudes in Bewegung war und sie vermuthen ließ, daß man entweder das Audienzzimmer zu ihrem Empfange in Ordnung bringe oder ein Schafott für sie baue.

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