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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Belph.: »Aber, Fromal, so wären ja die verschiedenen Stufen, die die Menschheit durchwandert hat, nichts als verschiedene Formen von Kriege, die nur die Veränderung der Waffen und des Manövre unterschiede?«

Fr.: »Nicht anders! wenigstens bis hieher, nicht anders! – So gar Menschen, die nicht –«

Med.: »Brüderchen, da ich studierte, hörte ich viel von Grundtrieben und abgeleiteten Trieben: die beiden häßlichen, die du da nennst, sollen doch wohl nicht die Grundtriebe des Menschen seyn?«

Fr.: »Freund, nichts ist schwerer und willkührlicher als die Genealogie von den Trieben der menschlichen Seele. Ich weis, welche in ihr liegen, aber welche die Natur gepflanzt hat und welche aus diesen aufgewachsen sind, das ist mir völlig unbekannt. Ich denke aber, daß zu allen, was in der Seele ist, die Natur eine Anlage mitgetheilt haben muß. So viel weis ich auch, welche unter diesen Trieben die zu allen Zeiten, unter allen Völkern, unter allen Menschen allgemeinen gewesen sind; diese, schließe ich, müssen ihm eben so wesentlich als Augen, Nasen, Ohren seyn; wie aber nie zwey Nasen, zwey Augen einander völlig gleich sehn, so hat der Neid, die Vorzugssucht bey verschiedenen Nationen, bey verschiedenen Menschen, in verschiedenen Ständen der Menschheit und der Gesellschaft eine verschiedene Mine; die Grundzüge aber sind bey allem eins. – Diese Allgemeinheit derselben leuchtet am drollichsten bey denen hervor, die das Schicksal in eine solche Lage sezte, daß sie nicht herrschen oder mit ihren Mitbrüdern um Sklaverey, Länder und Völker die Lanze brechen konnten. Um bey der allgemeinen Thätigkeit nicht müßig zu seyn, ersannen sie sich ein andres Etwas, ihre Tapferkeit daran zu üben; sie wählten unblutige Waffen, wie sie ihre Umstände erlaubten, und wenn sie einen Kitzel bekamen, das Schauspiel etwas interessanter zu machen, so zogen sie Leute mit hinein, denen Würgen und Morden verstattet war. Die Philosophen erfanden sich ein Ding, das sie Wahrheit nennten; um dieses hinkten sie herum wie die Götzendiener des Baals. Sie erfanden eine Kriegskunst, Regeln des Angriffs und des Rückzugs, Trenscheen, Stratageme, Laufgräben, grobes und kleines Geschütze; und die edlen Ritter der Wahrheit sind jederzeit die treflichsten Kanonirer gewesen. Das schnurrichste bey dem ganzen Kriege war, daß das bestrittne Ding gar nirgends existirte, sondern erst aufgesucht werden sollte. Folglich war ihr Krieg ohngefähr auf den Schlag, als wenn die europäischen Mächte einen um die terra australis incognita, die unentdeckten Länder des Süderpols führen wollten. Was müßten sie thun, um ihrem Streite doch einen leidlichen Anstrich zu geben? – Spanien würde sagen: ›Ich supponire, daß mein Alt- und Neukastilien diese Länder vorstellt‹; England supponirte, daß Schottland oder Irrland, Frankreich, daß Languedoc oder Provence es unterdessen seyn sollten; und eine ähnliche Supposition machte jede andre Macht, die an dem komischen Kriege einen rühmlichen Antheil zu nehmen gedächte; und nun frisch losgeschlagen! zerhauen und zerschossen! – Sonach könnten diese Mächte einen ewigen Krieg um die eigentliche terra australis incognita mit einander führen, bey jeder Eroberung der unterdessen dafür angenommenen Länder einen Frieden schließen und sich die Eroberungen wieder herausgeben. Hätten sie nicht unendlich vortheilhafter und vielleicht auch klüger gehandelt, wenn sie in Ruhe und Frieden auf die Entdeckung dieser Länder ausgegangen wären? und dann – omnis res cedit primo occupanti. So ein Froschmäusekrieg war der Krieg der Philosophen um die Wahrheit; jeder supponirte nicht, sondern behauptete: ›Das was mir Wahrheit scheint, ist Wahrheit, und das Glück der Waffen soll entscheiden, wer im Punkte der Wahrheit herrschen und dem Glauben und dem Beifalle der übrigen Gesetze vorschreiben soll.‹ Man sonderte sich auch hier in Rotten und Faktionen, auch hier waren Neid und Vorzugssucht die Waffenträger, auch hier galt es Unterdrückung und Herrschsucht. Es ist alles eins: nur andre Gegenstände, andre Waffen.

Durch eine lange Reihe der Begebenheiten bildeten sich in der Gesellschaft verschiedene Stände, wurden verschiedene Lebensarten nöthig. Und gleich entstund daher der große Krieg der Verachtung, dieser possirlichste und doch allgemeinste Krieg, da jeder Stand den andern herabsezt, jeder höhere den niedern verachtet und der niedere sich durch Spott an dem höhern rächt, – dieser Verachtung, die nicht blos innerhalb der Gränzen der Verachtung bleibt, sondern aus den Menschen Faktionen macht, worunter jede ein einzelnes Interesse von den übrigen absondert. Der Mensch ist ein geselliges Thier; wenn er es ist, so ist er es nur, um sich in Rotten zu theilen, sich zu würgen, sich zu verfolgen, sich zu verachten; die Menschen mußten sich vereinigen, um sich zu trennen, um sich unter dem Namen der Nationen, der Stände zu hassen, zu verachten, zu verfolgen. – Was sind Städte anders als Fechtplätze, wo man mit Verläumdungen streitet? – Alles, alles nüzten die Menschen, um den Naturkrieg fortzusetzen, von dem unsre Kultur nichts als eine veränderte, gemilderte Form ist, wie ich vorhin sagte.

Es wurden Monarchen; man kämpfte um ihre Gunst. Es wurden Ehren, Titel und Würden; man kämpfte darum. Doch unter den vielen possierlichen Kriegen hat mir keiner mehr Laune gegeben als der Kampf um öffentlichen Beifall. Wenn ein Dichter über alle seine werthen Zunftgenossen sich bitter satirisch lustig macht, ist das etwas anders als zu dem Publikum sagen: ›Ihr lieben Leute, ich will euch zwingen, daß ihr mich alle für den größten Geist erkennen sollt‹; und hat er sich in den Besiz seines gesuchten Ruhms hineingedrängt, so hat er nichts gethan, als die Leute beredet, daß sie ihm den Gefallen erzeigt und ihn für etwas Großes gehalten haben. – Was sind Spiele, gesellschaftliche Ergötzungen anders als Kriege im Grunde? Auch wenn er sich die Zeit verkürzen soll, muß der Mensch streiten, mit der Karte, dem Würfel, der Kugel. – Selbst das sanfte, unkriegerische Geschlecht, dem alle Waffen versagt zu seyn scheinen, wählte, um nicht allein in Muße zu leben, zu ihrem Kriege Blicke, Worte und Kleider und führte ihn mit Perlen, Juwelen, Stoffen und der – Zunge. Nur Erzbischöffen, Päbsten und Bischöffen war es vorbehalten, das ehrwürdigste, erhabenste unter Menschen, die Religion, zum Gegenstande ihrer Kriege zu misbrauchen; und unter allen Religionen genoß die christliche zuerst diese Ehre. Man zankte sich um den Episkopus oekumenikus, um das Wörtlein Filioque, um Orthodoxie und Ketzerey, verbannte, verfluchte, exkommunicirte, verfolgte, trennte sich, alles in Gottes Namen und eigentlich auf Antrieb und Begehr des Neides und der Vorzugssucht.

Wenn zu allen Zeiten vom Anbeginn, in allen Theilen der Welt, unter allen Völkern, in allen Ständen der Menschheit und der Gesellschaft der Krieg unter Menschen dauerte, noch fortdauert und die verschiedenen Gattungen desselben nur die Waffen und die Führungsart unterscheiden; wenn am Hofe und in der Stadt, der Gelehrte und der Handwerksmann, Mannspersonen und Frauenzimmer – wenn jedes, der größte und der geringste, nur für sich kämpft, über alle will und alle unter sich haben will und omnes malunt sibi melius esse quam alteri; wenn dieser allgemeine Streit das ewige Gaukelspiel der Welt gewesen ist: was sollen wir alsdann denken? – Daß die Natur Affen auf diese Erdkugel sezte, die sich um goldne Aepfel und saure Feldbirnen, die das Schicksal von Zeit zu Zeit unter sie wirft, herumprügeln, und jeder Preis mit der Aufschrift ›dem Stärksten!‹ bezeichnet ist.«

Belph.: »Fromal, du bist ein unglücklicher Mann mit deinen Schlüssen. Warum willst du nun vollends den Rest von Traume verscheuchen, mit welchem mich mein Herz täuschte? – Gewiß, du suchtest nur die gehässigsten Züge zu deinem Bilde zusammen und warfest alle zurück, die dir die Menschenliebe darbot.«

Fr.: »Die Menschenliebe? – Die Menschenliebe der Spanier meinst du wohl, als sie Millionen ihrer vielgeliebten Nebenmenschen zur Ehre Gottes und seiner apostolischen Majestät erwürgten? oder die Menschenliebe der Römer, die um der vortreflichen Einbildung willen, Herren der Welt zu seyn, dem halben damals bekannten Erdboden die Freundschaft erzeigten, sie nach einem kleinen Blutbade zu ihren Unterthanen zu machen? oder –«

Belph.: »Kein oder mehr! ich bitte dich. – Warum nimmst du deine Originale nicht lieber aus dem sanften, häuslichen, niedrigen gesellschaftlichen Leben, aus deinem, aus dem Herze deiner Freunde, aus dem friedsamen Alter der Kindheit, dem offnen Gemüthe der Jugend –«

Fr.: »Warum räthst du nicht lieber, aus dem Theokrit oder Geßner? – Soll ich, um eine Truppe Gladiatoren zu charakterisiren, die Zuschauer schildern? weil diese friedlich und nur in ihrem Beifalle uneinig dasitzen, ohne sich Leides zuzufügen, diese Züge in ein Gemählde von den Fechtern hineinzwingen? – Noch ist nicht einmal jenes Alter von allen Spuren des allgemeinen Naturkriegs leer: selbst Kinder trennen sich bey ihren uninteressirten Spielen in Parteyen, ihre liebste Ergötzung ist balgen, das kleinste Mädchen ficht mit ihren ersten goldnen Ohrringen wider das zierdelose Ohr des Jüngern, aus Vorzugssucht verdrängt der vornehmere Knabe den geringern von seinem Spiele oder erniedrigt ihn zu seinem Aufwärter, man kämpft um die Gunst der Eltern, der Lehrer, oft der Bedienten, das Kind beneidet schon das andre, wenn es nach seiner Meinung schönere Pompons erhalten hat, es will der aufgewartete Monarch in seinem Wirkungskreise seyn. – Und wir, bester Belphegor, ungern sage ichs! wir lieben uns, so lange wir keine Ursache haben, uns zu hassen. Alle Menschen lieben sich, so lange sie in gleicher Linie stehen, sind mitleidig, wohlthätig, ohne alle Grausamkeit gegen einander. Rückt einer über die Linie, dann gute Nacht, Freundschaft! So bald der Zufall unsre Liebe auf eine Probe stellte, uns Materialien des Hasses und des Streites zuwürfe – Belphegor! Belphegor! fühle an dein Herz und forsche!«

Belphegor und Medardus schwuren beide, daß Himmel und Erde in ein Chaos zusammenstürzen könnten, ehe Zufall, Schicksal, Glück, Macht und Reichthum ihnen die mindeste Regung des Neides oder der Grausamkeit einflößen würden.

Fr.: »Nicht den leichtesten Schwur thue ich für mein Herz. Wenn alle Menschen bisher, so bald ihr Neid, ihre Vorzugssucht Zunder bekam, entglommen und wenn nicht andre Rücksichten und Triebe sie abhielten, in Krieg, ein jeder auf seine Art, ausbrachen, warum sollte ich so stolz seyn, mich für die einzige glückliche Ausnahme zu achten? – Kommt, Brüder! wir wollen uns lieben, so lange wir können, so lange nur Datteln uns entzweyen müßten; – und so standhaft wird doch wenigstens unsre Freundschaft seyn, daß sie sich wider eine Dattel vertheidigen kann? – Hier in Wüsten, in der Einsamkeit, wo kein Neid, kein Interesse, kein Vorzug uns aufwiegeln kann, hier laßt uns unser trauriges Schicksal verbessern und den Nutzen für unsre Freundschaft daraus ziehn, den die Dürftigkeit uns anbeut!«

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