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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Erster Band

»Bellum omnium contra omnes«

Erstes Buch

»Geh zum Fegefeuer mit deinen Predigten, Wahnwitziger!« rief die schöne Akante mit dem jachzornigsten Tone und warf den erstaunten, halb sinnlosen Belphegor nach zween wohlabgezielten Stößen mit dem rechten Fuße zur Thüre hinaus.

Der arme Vertriebne schleppte sich mit stummer Betrübniß bis zu einem nahen Hügel an der Landstraße, wo er sich niedersezte, das Gesicht nach dem Hause zugekehrt, aus welchem er eben izt so empfindlich relegirt worden war, daß ihn die Schmerzen des linken Hüftbeins nicht einen Augenblick an der Gewißheit des Unfalls zweifeln ließen, ob ihn gleich seine Verweisung so unvermuthet überraschet hatte, daß ihm die Begebenheit wie im Traume vorgegangen zu seyn schien. Aus Liebe zu der grausamen Akante hätte er gern die Wahrhaftigkeit ihrer harten Begegnung geläugnet, wenn nicht der Schmerz jede Minute sie unwiderlegbarer gemacht hätte. Mit einem tiefen Seufzer gab er sie also zu, ließ eine Thräne fallen und machte seiner Beklemmung durch eine wohlgesezte Klage Luft.

»Ach«, rief er, »so ist auch Akante ungetreu? Auch sie thut, was ich sonst als die Beschuldigung eines bösen Herzens verwarf, das mir das edelste, schönste Geschlecht zu verläumden schien – Sie widerlegt mich? Sie beweist mir, daß diejenigen Recht hatten, die zu meinem großen Aergernisse ihr Geschlecht wankelmüthig, treulos, veränderlich, unbeständig nannten? So empfindlich muß ich überführt werden, daß ich in einer blinden Bezauberung lag, als ich diese verkleideten Ungeheuer ohne Fehler, ohne Laster glaubte? – O Akante! warum rissest Du mir die Augen auf, statt sie mir zu öffnen? – Nein, es ist nicht möglich! Du warst es nicht; ich habe geträumt. Breite deine Arme aus! ich komme zu dir zurück.«

Er wollte in der Begeisterung aufstehen, um sich an ihren Busen zu werfen, und er konnte sich nicht einen Zoll hoch von der Erde erheben: die gelähmte Hüfte zog ihn wieder zurück, daß er vor Schmerz laut schrie. Zur Vergrößerung seines Kummers mußte die ungetreue Akante ihm gleich gegenüber, von seinem Nebenbuhler umschlungen, am Fenster stehn und mit der ausgelassensten Frölichkeit seiner spotten; wenigstens gab er ihrem Lachen diesen Sinn.

»Ja, sie war es«, sagte er endlich leise zu sich, »sie war es, die Tigerinn! Sie hat mir meine Hüfte zerbrochen; sie hat mich zum Krüpel gemacht.« In diesem Tone fuhr er noch lange Zeit fort und sagte sich mancherley von den herzbrechenden Dingen, die meine Leser in jedem Romane oder Trauerspiele nachschlagen können. Mitten in dem Selbstgespräche näherte sich ihm ein Mann auf einem Grauschimmel – zwo Gestalten, die er schon von weitem haßte, weil der Reuter eine so fröliche Mine in seinem Gesichte trug, als wenn die Glücksgöttinn seine leibliche Schwester wäre, und das Pferd in einem so leichten sorglosen Trabe daher tanzte, daß er mit seinem Herrn von Einem frohen Muthe belebt zu seyn schien.

Der Reisende redte ihn an und erhielt lange keine Antwort, bis endlich seine muntre Freundlichkeit Belphegors Herz öffnete, zu dem jede Empfindung leicht und bald den Schlüssel fand. »Ich merke, Freund«, sagte der Fremde, »daß du ein unzufriedner oder ein unglücklicher Mensch bist. In beiden Fällen bist du kein Mann für mich; denn ich kann dir nicht helfen, und mich mit dir zu grämen, habe ich keine Lust. Sey munter und lustig! und ich setze mich zu dir, so schwatzen wir eins zusammen. Willst du? – oder lebe wohl!«

Indem kehrte Belphegor, der ihm bisher den Rücken zugewandt hatte, weil ihm seine Hüftschmerzen die Bewegung des Umdrehens verboten, sich mit dem Gesichte und dem Oberleibe, so viel er konnte, nach jenem um, und – »ach! Belphegor!« rief der Andre und stieg vom Pferde, »guter Mann! Bist du es? – Nein, so muß ich wissen, was dir fehlt.« Mit diesen Worten band er sein Pferd an eine Stange und sezte sich zu Belphegorn nieder. »Wunderlicher Mann! was hast du denn?« sagte er, indem er den rechten Arm um ihn schlang und ihn an seine Seite drückte.

»Ach, Freund Fromal!« war Belphegors seufzende Antwort, wobey er, sich windend, die Arme seines Freundes losmachte; denn er hatte seine geschwollne Hüfte gedrückt.

»Lustig, lustig, Belphegor! Hast du denn gar die Narrheit begangen, ein Misanthrop zu werden? – Mit deinem verdammten philosophiren, spekuliren, meditiren! Ich sagte dirs wohl: alles das Zeug wird deiner Frölichkeit den Hals brechen.«

»Ach, Fromal, wie glücklich, wäre mein ganzes Leben nichts als eiskalte Spekulation gewesen! Hätte nie Eine Empfindung sich darunter gemischt! Aber –«

»Was hast du denn mit deiner Empfindung für Zank? – Sey frölich! und den andern Empfindungen schlage die Thür vor der Nase zu, wie ich!«

»O wüßtest du, bester Fromal! die Treulose –«

»Ey, ey! du hast dich verliebt und bist betrogen worden? – Ja, wer hat dich das geheißen?«

»Meine Empfindung, mein Gefühl, ihre Reize, ihre Anmuth, ihre unaussprechliche Anmuth; alles, alles befahl es mir. So ungewissenhaft sie mich hintergieng, so ist sie mir doch noch der schönste, der reizendste Theil der Schöpfung. Meine ganze Seele ist in ihre Reizungen verwebt; sie kann sich nicht losreißen, ohne sich selbst zu zerreißen. Mein Gehirn –«

»Nimm mirs nicht übel, – mag ein wenig versengt seyn. Glaubst du denn, daß die Natur in ihrem ganzen Leben nur ein einzigmal Luft, Feuer, Wasser, Erde zusammen knetete und nur eine einzige so schöne Wachspuppe daraus bildete wie die Ungetreue, die dich izt lahm geschlagen hat? – Es ist ja alles voll davon! – Was machst du mit der Empfindung in dieser Welt? – Das ist eine Last, die dich mit jedem Schritte zu Boden zieht. So viel als nöthig ist, um die Freude zu fühlen! das übrige wirf weg! Ich habe mich in mich selbst zusammengerollt und lasse mich vom Schicksale durch die Welt durchwälzen, ohne daß mich etwas aufhält; stoße ich irgendwo an, so bleibe ich so lange liegen, bis ich wieder einen neuen Stoß bekomme, und dann geht die Reise von neuem fort.«

»Bester Fromal! wärst du an meiner Stelle, du nenntest die Empfindung keine Last –«

»Aber zum Henker! wenn sie dir lahme Hüften macht –«

»Nicht mir, nur Akanten habe ich gelebt –«

»Wen nennst du da? – Akanten? Ey, da bist du schön aufgefallen.«

»Kennst du sie? Ist es nicht das schönste Engelbild, welchem die Natur die herrlichsten Merkmale ihrer Meisterhand eingedrückt hat –«

»Ja, ja, ein hübsches Mädchen ist es; aber so falsch wie eine Tigerkatze –«

»Fromal, sie kann es nicht seyn! Sage mir alles, nur nenne sie nicht falsch! Kaum hatt' ich sie ein einzigmal erblickt, so war meine Seele schon ganz in die ihrige gegossen, ihr Bild schon mit meinen innersten Gedanken so ganz zusammen gewachsen, daß eine Trennung sie beide vernichten mußte. Ich trank aus ihren Blicken, von ihren Lippen das reinste, himmlischste Vergnügen. Wochen lang taumelte ich in einer Berauschung herum, Akante hatte den Schlüssel zu meinem Herzen und zu meinem Vermögen: sie gebot mit Einem Winke, und beides – mein Herz und meine kleinen Schätze – thaten sich für sie auf –«

»Und da sich die kleinen Schätze nicht mehr aufthun konnten, jagte dich die englische Akante zum Teufel?«

»Nie hätte ich geglaubt – eine so unschuldige, ungekünstelte Aufrichtigkeit, eine so naife Offenheit, muntre, lebhafte Gefälligkeit, so liebenswürdige Sitten, so ein zartes Gefühl, das jedes Lüftchen bewegte, zu jeder Empfindung gestimmt, so sanfte Minen, ein Gespräch mit den lieblichsten Wohlgerüchen des Witzes und moralischer Güte umduftet – setze daraus ein Bild zusammen und denke –«

»– daß es eine Larve ist! Das hätte ich dir zum voraus sagen wollen. Armer Belphegor! – Bist du mit deinem Gelde ganz auf dem Boden?«

»So geldarm als in Mutterleibe! Ich kaufte ihr Vergnügen über Vergnügen – kleine, unschuldige Vergnügen; daß sie ihr Genuß ergözte, war mein Dank. In den seligsten, vollsten Entzückungen weidete ich mich an dem Gedanken, ein Geschöpf gefunden zu haben, das meine Empfindung ganz ausfüllte. Alle, auch die bewundertsten Schönen hatten vor ihr stets ein trauriges Leere darinne zurückgelassen; nur sie nahm mein Herz ganz ein; und hätte ich noch eins gehabt, sie hätte es überfüllt: so ganz war ich von ihren Reizungen überströmt! Und siehe! plötzlich wirft sie sich in die Arme eines Nebenbuhlers –«

»– dessen kleine Schätze sich weiter aufthaten als deine geplünderten! Nicht mehr als billig! Von dir hatte sie weiter kein Vergnügen zu hoffen; sie mußte sich also ihren Mann wieder suchen, der so treuherzig wie du sein Geld für Blicke und Minen hingiebt. Ist er mit seinen kleinen Schätzen am Ende, so schlägt sie ihn lahm, wie dich, oder wohl gar ein Paar Beine entzwey.«

»Soll man es dulden, daß die Häßliche die edelste, empfindungsvollste Klasse der Schöpfung durch ihre Theilnehmung an dem schönsten Geschlechte entweiht?«

»Du machst mich zu lachen, guter Belphegor! – Ich dächte, du thätest eine kleine Reise durch die Welt: die wird dich von deinem Grame und deiner Empfindlichkeit kuriren. Lerne, was für ein Ding der Mensch und die Welt ist! dann wollen wir sehen, ob deine Empfindung sich ausdehnen oder zusammenschrumpfen wird. – Schäme dich! wer wird um eines hübschen Mädchens willen zum Narren werden? – Fort in die Welt hinein!«

»Oder lieber aus ihr! Hier ist mein Daseyn vorüber; ich habe gelebt.«

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