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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Fr.: »Guter Medardus! dafür weis man schon Mittel. Wenn Alexander sich und seinem Heere die reine Wahrheit hätte sagen wollen, so würde er ohngefähr so gesprochen haben: ›Lieben Kinder! ich will schlechterdings, daß die Leute auf der Erde, so weit sichs nur thun läßt, meinen Namen wissen. Wenn ich ihnen die größten Wohlthaten erzeigte, so dankten sie mir vielleicht, und in einem Jahre wäre ich samt meinen Wohlthaten wieder vergessen; und das müßte schon etwas sehr Großes seyn, wenn es noch so lange dauern sollte: wie lange würde ich mit meinem Winkel, Macedonien, zureichen? – Drum ist es am besten, ich quäle, würge, morde und verheere so lange, daß es die Leute so bald nicht wieder verschmerzen können. So denken sie doch gewiß allemal an mich, wenns ihnen übel geht: die Spuren meiner Verwüstung werden wenigstens auch ein Jahrhundert und länger übrig bleiben. Man denkt allemal an mich, wenn man sie sieht. Kommt! wir wollen die Perser, Asien und Europa so lange herumprügeln, bis mich jeder kleine Junge für einen großen Mann erkennt. Außerdem giebts in Asien Gold und Silber die Menge; und bey mir zu Hause ist mehr Sand als Gold: davon möcht' ich auch etwas, und wo es möglich wäre, alles. Ich kann es ohnehin nicht verdauen, daß der König von Persien sich den großen König nennt, so viele Länder und Leute hat und ich hier in dem engen Kerker so einsam sitzen soll. Die griechischen Republiken thun so groß auf ihre Freiheit und brüsten sich, daß man in Persien ihren Namen weis: sie müssen unter mich. Alles das kann ich mir und andern Leuten aber nicht so geradezu sagen: wir müssen also das Ding ein wenig übertünchen. Zu mir will ich sagen: das allgemeine Vorurtheil hat es zu dem wahrsten Grundsatze gemacht, daß nichts so groß, so edel ist, so sehr Ruhm erwirbt als Tapferkeit und Muth; der Krieg ist die Laufbahn großer Seelen. Ich will sie betreten und Lorbern erndten, mein Haus und mein Vaterland bis zum Ende der Welt verherrlichen. Ich habe die gerechteste Gelegenheit dazu: ich muß die Sache Griechenlands wider die Perser vertheidigen, ich muß das Blut ihrer Vorväter an diesen stolzen Königen rächen. – Ihr tapfern Gefährten sollt für eure Begleitung Reichthum und Ehre gewinnen, die Ehre, tausende von euern Nebenmenschen umgebracht zu haben. Im Grunde sind wir freilich nichts als eine Bande Räuber, die sich mit einer andern Bande herumschmeißen, und ich ihr Anführer. Aber im menschlichen Leben kömmt alles aufs Wort und die Vorstellungsart an. Im Grunde ist unsre Größe wohl auf den Untergang andrer gebaut, und ihr habt im Grunde nichts davon als Gefahren, Schmerz, Strapatzen, Hunger, Wunden, Tod, ihr könntet zu Hause wohl essen, trinken und ruhig schlafen, könntet euch mit eurer Arbeit nähren und nüzlich werden, euer Vaterland anbaun, glücklich seyn und glücklich machen, ihr seyd im Grunde recht herzliche Narren, wenn ihr um meinetwillen nur Einen gefährlichen Schritt thut, denn ihr habt wenig oder gar nichts davon. Aber wer wird sich alles das sagen? ich will Euch und mir schon ein Blendwerk von Worten, eine Verbrämung vormachen, daß ihr Eure Köpfe nicht zu lieb haben sollt. Man muß überhaupt nicht zu viel von der Sache sprechen, sonst möchte das Bischen natürliches Mitleid aufwachen; und so wäre es um die ganze Heldengröße gethan. Wohlan denn! schlagt zu und ersiegt die Lorbern der Unsterblichkeit!‹ – Mit dieser Illusion zog er und seine Soldaten aus und erhielt sich darinne, bis er sich zu Tode trank. Guter Medardus! wenn du es zu einer solchen Illusion bringen und die itzigen Macedonier in eine ähnliche versetzen könntest, so würdest du sie heute noch wider die Türken anführen. Die Illusion! das ist die ganze Kunst eines Alexanders; und wenn du nicht philosophische Gewissensbisse hinter drein leiden wolltest, so müßtest du dich in der Illusion bis an dein Ende erhalten. Vermuthlich trank und schwelgte Alexander deswegen, um nicht zur Vernunft zu kommen und das Kleine seiner Größe zu fühlen.«

»Elende Größe, die einer solchen Stütze bedarf!« rief Belphegor.

Fr.: »Und doch ist sie zu allen Zeiten die höchste gewesen, die traurige Größe, an dem Tode vieler Ursache gewesen zu seyn! Wer eine Rechnung über den Abgang der Menschheit anstellen wollte, würde vielleicht unter hunderttausend Millionen achzig finden, die der Herrschsucht, dem Neide, dem Geize, dem Aberglauben von Menschen aufgeopfert worden sind, und zwanzig, die die Natur selbst gewürgt hat. Gewiß, die Natur muß die Menschen deswegen auf den Erdboden gesezt haben, daß sie sich in Rotten sammeln und einander von einem Flecke der Erde zur andern herumtreiben sollen –«

»Unmöglich!« rief Belphegor.

Fr.: »Aber was haben sie bisher gethan als dieses? – Die Tatarn drängen sich aus dem innersten Winkel Asiens hervor, diese verdrängen die sarmatischen Völker, die Sarmaten verdrängen die Deutschen, die Deutschen machen sich unter Galliern, Spaniern, den Einwohnern Italiens Plaz: die Mohren verdrängen Vandaler, Alanen, Sueven, Gothen, die Christen verdrängen die Mohren; Dänen verjagen die Britten, Angelsachsen die Dänen, Dänen die Angelsachsen, Normänner die Dänen; und wenn es auch oft nichts als eine Verwechselung des Regenten, nichts als eine Vermischung der Völker war, so mußte doch beides mit Menschenblut bewerkstelligt werden. Was thaten die Menschen anders, als daß sie sich in Rotten sammelten und einander wechselsweise zu unterdrücken suchten? Was war es als Unterdrückungssucht, die den Dschengis-Khan durch beinahe ganz Asien herumjagte? Was brachte seine Tatarn nach der Eroberung von China auf die menschenfreundliche Berathschlagung, ob sie nicht lieber alle Einwohner tödten und das ganze Land in Weiden für ihre Bestien verwandeln sollten? Waren seine Kriege gleich weniger blutig, mochten sie gleich hinter drein einen zufälligen Nutzen wirken, so war doch dieser nicht seine Absicht, so sind sie doch ein Beweis von der Neigung der Menschen zum Unterdrücken. Was anders trieb den Kublai nach China? Was anders hezt die kleinen afrikanischen und ostindischen Könige ewig zusammen, sich beständig einander zum Herrn aufzudringen, obgleich keiner mehr zum Vortheile hat als den stolzen Gedanken, von einem Paar elenden Geschöpfen für ihren Obern erkannt zu werden? Was Huronen, Irokesen, Algonquinen, Plattköpfe und Kugelköpfe, sich ohne sonderliches Interesse auf die Eingebung eines wilden Traums anzufallen, einzuschränken, aufzureiben, zu vertilgen und gar aufzufressen? – In allen Ständen der Gesellschaft und der Menschheit ist der Mensch Krieger, Unterdrücker, Räuber, Mörder gewesen. Ein Theil unsers Planetens ist endlich dahin gelangt, daß die Menschen sich einander ruhig unterwarfen, die Obergewalt, die der Zufall begünstigte, für Recht gelten ließen, dem Stärkern wichen, der Nothwendigkeit der Inferiorität nachgaben, in die Verhältnisse geduldig sich bequemten, die der Zufall angeordnet hat. Aber das Spiel der Welt ist im Ganzen immer noch das alte, nur in regelmäßigere Form gebracht und mit weniger grausen und unmenschlichen Scenen überhäuft»If it be cruelty, yet there's method in't –« könnte man vielleicht von den heutigen Kriegen sagen.. Wenn die Entschuldigungen der Kriege, die einige Gelehrte ausgesonnen haben, etwas mehr als erbettelte Ausflüchte heißen können, oder wenn sie deswegen zulässig sind, weil sie unvermeidlich nothwendig, bisher wenigstens, gewesen sind – welches unter allen Beschönigungen die einzige geltende ist –, so muß die Bestimmung der Menschheit auf diesem Planeten im Ganzen diejenige seyn, die ich vorhin angab, oder kein Geschlecht von Geschöpfen hat bisher seiner Bestimmung so sehr zuwider gelebt als die Menschen.«

Belph.: »Ich bitte, ich beschwöre dich, Fromal, mache den verhaßten Schluß nicht! laß mich ihn nicht wissen, wenn er gleich Wahrheit ist! – Und wenn ja der Mensch im Ganzen das war, wie du ihn schilderst, so sagt mir doch mein Herz, daß, den Menschen im einzelnen betrachtet, – daß du da lügst.«

Fr.: »Lügst? – Das möchte ich bewiesen sehn! Hast du nicht durchgängig Neid und Vorzugssucht, als zwey der stärksten Gewichte, in jedem Menschenherze gefunden? Ich dächte, du hättest zu deinem Herzeleide Beispiele genug davon erlebt. Dein eignes menschenfreundliches Herz ist, offenherzig gesprochen, nicht davon leer. Aber wohl dir, daß die Natur mit deiner sanften, liebenden Empfindung dir ein Gegengewicht einhieng, das jenem die Wage hält! Laß deinen izt nur glimmenden Neid, deine izt nur lauschende Vorzugssucht Zunder finden – ich prophezeihe dir, sie lodern beide zur Flamme auf –«

Belph.: »So viel ich mich kenne, nimmermehr!«

Fr.: »Und so weit ich den Menschen kenne, gewiß! Du würdest nie ein grausamer, fühlloser Würger werden, dein Neid, deine Vorzugssucht würde immer noch die Menschlichkeit mehr als bey jedem andern zur Begleiterinn haben; aber sie würden gewiß beide hervorbrechen, sey es in welcher Gestalt es wolle.«

Belph.: »Ich schwöre dir: eher wollt ich mein Herz aus dem Leibe reißen, eher –«

Fr.: »Schwöre nicht! Das Schicksal hat oft wunderliche Grillen; es könnte dich in Umstände versetzen, wo du an deinem Schwure meineidig werden müßtest.«

Med.: »Brüderchen, den Schwur wollte ich auch thun.«

Fr.: »Der Himmel wird euch vermuthlich den Meineid ersparen; aber, aber... Neid und Vorzugssucht sind die zween allgemeinen Hauptzüge aller menschlichen Charaktere; so viel ich ihrer aus der Geschichte, aus der Erzählung, aus dem Umgange kenne – alle, alle hatten stärkre oder schwächre Schattirungen davon; oft waren sie freilich mit den übrigen Farben des Charakters so verschmelzt, daß ein feines Auge dazu gehörte, sie zu erkennen. Aber vorhanden waren sie. Wenn die menschliche Thätigkeit von zwo solchen Federn in Bewegung gesezt wird, so ist allgemeiner Krieg in jedem Verstande eine unvermeidliche Folge: jeder will über den andern, und jeder beneidet den andern, wenn er über ihn ist, es sey, worinne es wolle. Dies ist ein unläugbares Faktum seit der ersten Existenz der Menschen. Allzeit bricht dies freilich nicht in hellen, flammenden Krieg aus, weil tausend andre Rücksichten, ganz unzähliche Neigungen und Rücksichten jenem Bestreben, jenem Neide das Gleichgewicht halten und ihre fürchterlichen Ueberströmungen hindern. Oft reißt aber der Strom nicht den Damm durch, sondern gräbt sich einen Weg an einem weniger festen Orte unter dem Boden, ergießt sich durch, und Niemand weis es, als bis er die Ueberschwemmung fühlt. Von diesen beiden Trieben sind die meisten unsrer Laster und Tugenden Abkömmlinge oder Masken; die Eigenliebe ist die Mutter – oder wenn ich hier in Bilidulgerid unter einem Palmbaume eine in Europa erfundne Allegorie wiederholen darf, so will ich sie euch mittheilen. – Die Eigenliebe und das Mitleid wurden dem neugeschaffnen Menschen zu Begleitern gegeben, ihn durch den mannichfaltigen Kampf dieses Lebens hindurchzuführen. Jene sollte seine Thätigkeit anspornen, ihm den nöthigen Stoß geben, um sich selbst, wie um seinen Mittelpunkt, zu bewegen, dieses ihm Einhalt thun, wenn ihm in dem Kreise seines Umlaufs eins seiner Geschöpfe im Wege stünde, daß er es nicht unbarmherzig in seinen Wirbel hinriß. Jene sollte überhaupt ihn antreiben, dieses zurückhalten, jene thätig, wirksam, dieses gerecht, gütig machen. Nach einer kurzen Bekanntschaft mit den Menschen entsprungen aus dem Kopfe der ersten zwey Kinder – Neid und Vorzugssucht, die das Amt der Mutter übernahmen und von nun an die Führerinnen der Menschen wurden. Sie entzündeten einen ewigen Krieg unter dem Menschengeschlechte, verdrängten die Gefährtinn ihrer Mutter, das Mitleid, von ihrem Geschäfte und machten die Menschen zu grimmigen, grausamen Tigern, worunter der Stärkre den Schwächern fühllos zerfleischte. Endlich zog das Schicksal das vertriebne Mitleid aus seiner Verweisung zurück und suchte es zu seiner Würde wieder zu erheben. Jene Vertreiber willigten nach langem Widerstande in einen Vertrag: sie blieben die Regierer der Menschen, wie vorhin, und ließen es auf einen Kampf ankommen, wer von den beiden Partheien der einzige oberste Herrscher und wem die andre unterworfen seyn sollte. Der Kampf ist noch nicht geendet, noch nicht entschieden, der Mensch noch immer der Fechtplatz, wo diese beiden Gegner um die Obergewalt ringen, abwechselnd bald die eine, bald die andre Parthey auf kurze Zeit einen Vortheil erjagt, den oft der nächste Augenblick wieder zernichtet. Doch ist es dem Mitleide so weit geglückt, daß es dem Neide und seinem Gesellschafter die Verbindlichkeit aufgezwungen hat, nie anders als unter einer von ihm geborgten Maske zu erscheinen; und diese Masken sind – unsre Tugenden. Der Neid hatte indessen eine zahlreiche Nachkommenschaft, die Laster, geboren, und auch diese mußten sich unter jene Verbindlichkeit schmiegen. – Europa liegt unter dem Himmel, wo dieser glückliche Vertrag zuerst errichtet wurde: man führt dort den Krieg der Natur klüger, daß ich so sagen mag, man führt ihn unter der Aufsicht des Mitleides; aber geführt wird er, nur mit andern Waffen und auf andre Art als ehmals.«

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