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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Fromal machte während dieser Zeit verschiedene Versuche, sich und seine Freunde aus einem für Freygeborne so traurigen Zustande zu reißen. Doch keiner gelang ihm, bis er es endlich dahinbrachte, unter einen Trupp von tausend Sklaven den Samen des Aufruhrs auszustreuen, der sich schnell ausbreitete. Große Armeen von Sklaven brachen sich los, befreyeten andre, und Fromal war ihr Anführer. Man stürmte, raßte, wütete: das ganze Land war Ein Gemählde des Aufruhrs. Die erbitterten, verwilderten Sklaven würgten und verheerten, wohin sie geriethen: die Reichen starben in den Flammen ihrer Reichthümer; man wollte alles ausrotten, was nicht Sklave war. Die Truppen der Republik sezten den Verwüstern zu, tödteten und wurden getödtet. Als alle Ebnen mit dem Blute und den Leichnamen der Aufrührer und ihrer Sieger besät waren, beschloß man das schreckliche Schauspiel mit den fürchterlichsten Scenen einer barbarischen Justiz.

Ehe es bis dahin kam, waren unsre Europäer insgesamt gerettet. Fromal hatte keine Absicht, als sich und seine Freunde zu befreyen, und ließ daher bey Erbrechung eines jeden Sklavenbehältnisses die Namen Medardus und Belphegor ausrufen. Nicht eher wollte er vom Aufstande ablassen, als bis ihm entweder der Tod das Leben genommen oder das Glück seine Freunde wiedergegeben hätte. Sein Wunsch wurde bald befriedigt: er fand sie in den ersten zween Tagen, begab sich mit ihnen heimlich auf die Flucht und ließ seine Armee für Freiheit und Leben fechten und sterben, so lange sie wollte.

Nach einer langen, ermüdenden Wanderschaft sahen sie sich an den Gränzen von Bilidulgerid. Hier glaubten sie sich sicher genug, lagerten sich unter einem Palmbaume an einem kleinen Flusse und waren unschlüssig, ob sie Schläfrigkeit oder Hunger zuerst besänftigen sollten. Sie griffen zuerst nach den Datteln, die über ihnen hiengen, und schliefen bey dem Mahle alle drey ein.

Bey ihrem Erwachen blickten sie einander zum erstenmale wieder frey und ruhig an, erzählten ihre Drangseligkeiten, und Belphegor beschloß jede Erzählung mit einem herben Klageliede über die Grausamkeit der Menschen; und da die Reihe herum war, brach er in melancholischem Tone, mit Thränen in den Augen aus: »O Fromal! was ist die Welt? du riethest mir, dies barbarische Schlachthaus kennen zu lernen. Der Zufall erfüllte deinen Rath: ich hasse dich dafür; du hast mich unglücklich gemacht – Freund! in den engen Kreis der Unwissenheit eingezäunt, als ich nie über mich, meine kleinen Bedürfnisse und zwey oder drey Freunde hinausblickte, da ich mich vom Strome der Zeit hinwegreißen ließ, ohne mit Einer Minute Nachdenken bey einer Scene außer mir zu verweilen, da ich mit meinen Empfindungen über die kleinen, einzelnen Anhöhen auf meinem Wege hinabgleitete, da ich aß, trank, schlief und empfand, ohne mich zu kümmern, wer in Norden oder Süden würgte, vergiftete, unterdrückte; wie wohl war mir da! und izt wie düster, mitternächtlich schwarz um die ganze Seele! Sonst schien mir die Erde eine Blumenwiese, wo die Menschen zwischen rieselnden, einladenden Bächen, Hand in Hand, mit verschlungnen Armen herumwandelten, schwerbeladne Obstbäume ihrer lachenden Früchte entladeten, die Beute friedlich mit einander theilten und zur Sättigung der Muße Blumen pflückten, wo sie den anmuthvollen, muntern Reihen des Lebens in einsamer Stille oder lauter Frölichkeit hinabtanzten: dies war das goldne Zeitalter meines Lebens, die glücklichste Blindheit, der seligste Traum der Unwissenheit. Izt habe ich die Augen geöffnet, ich übersehe einen weiten Raum der vergangnen und gegenwärtigen Zeiten, von dem großen Zirkel der Erde den meisten Theil, den Umfang der Menschheit, Sitten, Staaten, Verhältnisse, und – die Weite der Aussicht macht mich unglücklich! höchstunglücklich! – der Mensch, der Mensch ist in meinen Augen gesunken und ich mit ihm. Ich übersehe ein ungeheures Schlachtfeld, wenn ich über die Erde hinschaue –«

»Belphegor!« unterbrach ihn Fromal, »laß mich das Bild mahlen! Du möchtest zu dunkle Farben dazu nehmen; meine gute Laune, merke ich wohl, hat unter uns dreyen am längsten ausgehalten. Hier, Freunde! schmaust Datteln und seyd gutes Muthes! Zum Zeitvertreibe zeichne ich Euch die Geschichte der Erde im Kleinen; wenn ich kann, so will ich über mein Gemählde lachen, und darf ich rathen – lacht mit mir! Wenns auch ein bittres Lachen ist – es ist doch besser als bittres Klagen.«

Er machte sich die Kehle mit einer Dattel geschmeidig und fieng an: »Habt ihr nie von den lustigen Affen etwas gehört, denen man einen Korb mit Früchten und eben so viele Prügel hinlegt als ihrer versammlet sind, wovon alsdann ein jeder einen ergreift und sich nebst seinem Gefährten so lange herumprügelt, bis ein Paar die Oberhand behalten, die alsdann mit den nämlichen Waffen ausmachen, wer von ihnen beiden den Korb allein besitzen und den übrigen allen nach seinem Gefallen davon austheilen soll, was und wie viel ihm beliebt. Der Sieger wirft von Zeit zu Zeit Früchte unter sie, um welche ein neuer Krieg geführt wird; jeder Ueberwinder wiederholt mit seinem Antheile dasselbe Spiel, und so dauert der Krieg fort, bis alle außer einem etwas besitzen, der sich mit den Schalen und schlechtern Bissen begnügen muß, die ihm die übrigen zuwerfen. – Wenn das Mährchen nicht wahr ist, so hat es jemand zum Sinnbilde für die Geschichte unsers Erdenrundes ersonnen. Kann etwas ähnlicher seyn? – Die Natur baute einmal ein eyförmiges oder pomeranzenförmiges Ding und sezte unter andern Geschöpfen eines darauf, das sich dadurch von allen übrigen unterschied, daß es weniger tumm als jene war und sich für vernünftig ausgab. Jedem von diesen Wesen hieng sie, wie den römischen Rennpferden, zwo stachlichte Kugeln an, die sie bey jeder Bewegung in die Seite stechen und anspornen – Neid und Vorzugssucht. ›Hier‹, sprach sie, ›Kinderchen, habt ihr einen hübschen, geräumigen Plaz, der euch und eure Nachkommen nähren soll. Darauf gebe ich euch vier Stücke, die euch Gelegenheit geben sollen, eure Kräfte zu brauchen: – Weiber, Reichthum, Gewalt, Ehre. Balgt, prügelt, würgt, mordet euch darum, so sehr ihr könnt! Ich habe euch etwas Mitleid ins Herz gegeben, daß ihr einander nicht vertilgt; weiter kann ich nichts für euch thun.‹ – So sprach sie und übergab dem Schicksale die Aufsicht über ihre Söhnchen. Da das Häufchen klein war, fand wohl ein jeder sein Pläzchen: man nahm, wo es beliebte. Bald wurde ihre Zahl größer; der Raum jener wenigen reichte für diese mehrern nicht zu: die Stärkern jagten die Schwächern fort. Die Vertriebnen ärgerten sich über das Glück ihrer Vertreiber. Sie kamen verstärkt nach einigen Zeiten wieder, schlugen jene todt und sezten sich auf ihren Fleck. Die Nachbarn wurden besorgt, daß ihnen dasselbe widerfahren möchte, andre, die in ihrem Distrikte ein Paar Eicheln weniger zu essen hatten, beneideten diese glücklichen Eroberer; beide thaten zusammen, schlugen sie todt und theilten ihr Stückchen Erde, ihre Eichelbäume, ihre Hütten unter sich. Da die tummen Teufel nichts von der stereographischen Projektion wußten und folglich keine Theilungskarte machen, vielleicht nicht einmal bis auf drey zählen konnten, so mußte die Theilung nach einem ungewissen Augenmaaße geschehen. Eine Rotte wurde in der Folge, da sie im Rechnen etwas weiter gekommen war, inne, daß die andre sechs oder acht Bäume mehr besaß; sie nahm sie weg. Jene wurde böse, daß man ihr ihr heiliges, theuer erworbnes Recht kränkte, schlug zu, und wer übrig blieb, hatte ein völliges, erlangtes Recht dazu. Die kleinen Rotten verschlangen einander, schmolzen zusammen und wurden zu größern Rotten, die sich um ein Stückchen von dem schmuzigen Erdenkloße weidlich herumzankten, bald um nicht zu verhungern, bald weil andre weniger hungerten, sich die Hälse zerbrachen, sich trennten, sich vereinigten, sich alle von Herzen haßten, einander alles Herzeleid wünschten und anthaten, wenn sichs thun ließ, sich zulezt als Fremde betrachteten und nicht mehr daran dachten, daß sie von Einer Mutter Natur ausgebrütet wären und zu Einem Geschlechte gehörten, und – das Schauspiel interessanter zu machen – sich gar nach huronischem und kannibalischem Völkerrechte fraßen. Was ist der ganze Lauf der Welt vom Anbeginn als eine Prügeley um den elenden Erdenkloß, der gewiß alle ohne Kopfzerschmeißen ernähren würde, wenn sie nur gut einzutheilen gewußt hätten?

Kaum hatten sich die zusammengerotteten Schwärme auf verschiedenen Plätzen gelagert – siehe! da fährt einem wunderlichen Manne der Hochmuth in den Kopf; er will mehr als andre seyn; kurz, er machte es so listig und grob, daß die andern von seiner Rotte ihn für ihren Herrn erkannten oder erkennen mußten. Geschwind überfiel mehrere der nämliche Hochmuth; sie thaten es ihm nach. Nun gieng ein neuer Zank an; einer wollte herrschen, der andre auch, der dritte desgleichen und noch mehrere: sie schlugen sich abermals herum, und die Leutchen, die zum Gehorchen gemacht waren, gaben ihre Köpfe dazu her. Bisweilen theilten sich zwey in die Gewalt, und bey der nächsten Gelegenheit verdrängte einer den andern; oder einer riß gleich die ganze Macht an sich; ein Theil wollte, der andre mußte gehorchen.

Da diese Gelegenheit zum Zanke so ziemlich abgenuzt war und alle Rotten ihre Herrscher hatten, so wandelte diese ein noch artigerer Hochmuth an; einer wollte des andern Herr seyn. Sie machten ihren Rotten etwas weis, daß sie mit ihnen giengen und die andern Nebenmenschen so lange und herzhaft plagten, was diese nicht zu erwiedern vergaßen, bis einer oder der andre den Hals zum Joche darbot und den andern seinen Herrn nannte. Die Rotten hatten meistens nicht den mindesten Vortheil dabey; aber da ihnen doch der liebe Gott zwey Arme gegeben hatte, so wußten sie dieses Geschenk nicht besser anzuwenden, als sich damit herumzuschlagen; und daher ermangelten sie niemals, wenn ihnen gepfiffen wurde, auf einander loszugehn. Das Spiel gieng nun ins unendliche fort; es kam mit der Zeit so weit, daß sich der Herrscher alles und seine Rotte nur ein Nebending ward, das um seines Interesse willen ohne Bedenken geschlachtet und gewürgt wurde. Einem gefiel der Fleck, den der andre mit seiner Rotte besaß; er nahm ihn weg, und wer ihm den Besiz streitig machte, wurde niedergesäbelt. Dieser sah, daß die Menschenkinder in der andern Rotte hübsche Töchter hatten; er nahm ihnen eine gute Ladung weg, und der Stärkre besaß sie.

Der Menschenverstand wurde von Tage zu Tage feiner und also auch die Begierden. Lange Zeit waren den Sterblichen Weiber, Felder, Hütten, Berge, Thäler, Gewalt, Herrschaft gut genug, sich deswegen die Kehlen abzuschneiden: sie zankten sich um ein grobes Etwas, doch izt prügelten sie sich um ein feines Nichts, um eine Idee, um – die Ehre. War das nicht eine Verfeinerung, eine Erhebung ihrer Kräfte? – sie konnten sich izt schon umbringen, ohne etwas anders dabey zur Absicht zu haben als die Ehre – sich umgebracht zu haben. Die Herrscher dünkten sich die größten, die vortreflichsten, deren Rotten am unbarmherzigsten gemordet und fremde Distrikte am geschicktesten zur Wüste gemacht hatten. Indessen war die Dosis Mitleid, die die Natur ursprünglich mitgetheilet hatte, in Bewegung gesezt worden, diese brachte etliche Ideen von Unmenschlichkeit, Grausamkeit, Barbarey und dergleichen in die Köpfe; man schämte sich des Mordens ein wenig: man gab ihm einen Namen, der sich mit jenem Gefühle vertrug, und die Rotten mordeten mit ruhigem Gewissen fort, weil das Ding einen hübschen Namen führte, um dessentwillen sie oft gar etwas verdienstliches zu thun glaubten.

Wenn doch jemand den Ninus, Sesostris, Nebukadnezar, Cyrus, Xerxes, Alexander und ihre Nachfolger wohlmeinend zu Asche verbrannt hätte, ehe sie ihre blutigen Eroberungsprojekte ausführen konnten!«

Med.: »Ich hätte selbst ein Scheitchen Holz mit hinzutragen wollen.«

Fr.: »Das Blut so vieler zu vergießen, um der übrigen Herr zu seyn!«

Med.: »Die Königinn Tomiris machte es recht; wenn sie doch lieber den blutdürstigen Cyrus vorher, ehe er auszog, so mit seinem Blute ersäuft hätte! – Siehst du, Brüderchen? wahrhaftig, wenn ich Alexander wäre, ich könnte keine Nacht ruhig schlafen; alle die Leute, die um meinetwillen ermordet wären, stünden des Nachts um mein Bette und heulten und röchelten um mein Kopfküssen»We Shall sit heavy on thy Soul to-morrow.« Shakesp.; mit jedem Schlucke Apfelwein dächte ich einen Todtenkopf hinunterzuschlingen; bey jedem Bissen Brodte fiel mir bey, das mag wohl den Leuten aus dem Leibe gewachsen seyn, die ich habe erwürgen lassen. Bey meiner Schlafmütze! ich vertauschte hier das Fleckchen leidigen Koth, auf dem ich sitze, nicht gegen Alexanders ganze Monarchie, wenn ich sein Gewissen mitnehmen müßte: das Herz muß ihm doch geschlagen haben, so hoch wie die Wellen auf der See.«

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