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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Viertes Buch

Das Gespräch, das sie über diesen Gegenstand noch einige Zeit fortsezten, hatte sie unvermerkt zum Strande kommen lassen, wo sie ein Schiff zu erwarten gedachten, das sie nach England führen sollte, wohin Belphegor mit brennender Begierde verlangte. Durch eine höchstglückliche Verknüpfung von Ursachen und Wirkungen – nach Fromals Ausdrucke – mußte gerade damals ein Fahrzeug in Bereitschaft liegen, das der Großvezier, der bey veränderter Regierung aus gegründeten Ursachen für seinen Kopf fürchtete, heimlich zu seiner Flucht bestellt hatte. Es wurde nur von drey Leuten bewacht, die mit ihm an einem versteckten, zum Einsteigen bequemen, verborgnen Winkel lauschten. Die Reisenden näherten sich ihnen und erkundigten sich nach der Ursache, die sie hier zu halten bewegte, wovon ihnen aber, wie zu vermuthen, eine falsche angegeben wurde. Da die Schiffer sich aber umständlich und etwas ängstlich nach der Beschaffenheit des Tumultes und besonders nach der Lage des Großveziers erkundigten, so drang Fromal, der gut Türkisch sprach, in sie, ihm ihr Geheimniß zu entdecken, und versicherte sie mit dem höchsten Schwure, sie nicht zu verrathen. Die Muselmänner weigerten sich und sezten sich in Positur wider Gewalt, als plözlich von hinten zu aus einem Walde her ein wilder, kriegerischer Lärm gehört wurde, der sie insgesamt aufmerksam und besorgt machte. Die nächste Vermuthung war, es für die Annäherung eines tumultuirenden Truppes zu halten, von dem alle ihren Tod gewiß erwarten mußten, schuldige und unschuldige. Die Schiffer wollten vom Lande stoßen, doch Fromal kam ihnen zuvor, sprang in das Boot und nöthigte seine Gefährten, seinem Beispiele zu folgen. Die Schiffer, die dies für Verrätherey hielten, wollten Fromaln hinauswerfen, doch kaum sah er einen auf sich zukommen, als er ihn in der Mitte faßte und hinausschleuderte. Die übrigen fiengen an zu rudern, er riß einem die Stange aus der Hand, und dem andern gab er einen Hieb mit seinem Säbel, daß er sie selbst sinken ließ und zum Boote hinausfiel. Fromal trieb das Boot dem Ufer wieder um vieles näher, um seine Freunde einzunehmen, als ihn der lezte von hinten zu anfiel, zu Boden warf und vom Ufer wegruderte. Fromal rafte sich auf und sendete ihn vermittelst seines Säbels mit gespaltnem Kopfe den nämlichen Weg, den seine Brüder genommen hatten; darauf fuhr er zum Ufer zurück. Der erste, der ohne Wunde ins Meer gestürzt war, schwamm indessen herzu und stieß aus Rache und Neid das Fahrzeug mit aller Gewalt vom Lande zurück, daß Fromal kaum ihm widerstehen konnte; es war einen kleinen Raum noch von dem Einsteigeplatze entfernt; seine zween Freunde stunden zitternd und rufend am Ufer; schon schoß ein Schwarm Rebellen mit verhängtem Zügel auf sie herzu, und die Säbel schwebten beinahe schon über ihren Häuptern; Tod im Meere oder von den Händen der Barbaren war ihre Wahl. Schnell zog der friedliche Medardus einen Säbel, den er um der Seltenheit willen einem Erschlagnen vom Wahlplatze genommen hatte; hieb dem Kerle, der das Boot zurückstoßen wollte, die auf dem Rande desselben liegenden Hände ab, daß er herabstürzte, und Belphegor gab ihm mit einem Knittel, da er ihr Einsteigen noch immer verhindern wollte, einen Schlag auf den Kopf, Fromal trieb das Schiff näher, sie sprangen beide hinein und ruderten eilig fort. Die Nachsetzenden schossen nach ihnen, trafen aber keinen. Da man kurz darauf den entflohnen Großvezier erhascht hatte, so gab man sich weiter keine Mühe, sie zu verfolgen.

Belphegor hatte seit seinem Eintritte in den Kahn in einer todtenähnlichen Betäubung dagelegen, indessen daß seine beiden Freunde unermüdet vom Lande wegruderten. »Izt sind wir in Sicherheit«, rief endlich Fromal; sie ruderten langsamer, und Belphegor sammelte sich wieder.

»Gott! was haben wir gethan!« rufte er mit zusammengeschlagnen Händen aus. »Menschen, unsre Brüder, Wesen unsrer Art, Verwandten unsers Geistes und unsers Blutes ermordet! von ihrer Selbsterhaltung verdrängt! in den Abgrund hinabgestoßen! – Gott! welch ein Gedanke, ein Menschenmörder zu seyn! – Fromal! ich zittre, ich schaudre vor ihm«; – und so umfaßte er bebend seinen Freund.

»Belphegor! was ist dir?« erwiederte dieser. »Verfolgt dich dein feuriges Blut noch immer mit Gespenstern? – Was haben wir gethan? Menschen von ihrer Selbsterhaltung verdrängt, die uns von der unsrigen verdrängen wollten. Jedes Geschöpf ist sich selbst die ganze Welt; ohne andre Rücksicht kämpft jedes für sich und seinen Wohlstand: wen der Zufall gewinnen läßt, wohl ihm! Er hat uns begünstigt; hätte er unsern Gegnern wohlgewollt, so lägen wir izt an ihrer Stelle, vom Meere verschlungen, so nährten wir die Ungeheuer der See.«

»Aber, bester Fromal, woher waren sie denn unsre Gegner?«

»Weil sie unsrer Rettung, unserm Wohl im Wege stunden.«

»Hatten sie nicht einen größern Anspruch auf dieses Boot, sie, denen wir es entrissen?«

»Und konnten ihn ungekränkt haben, wenn sie uns verstatteten, uns mit ihnen zu erhalten.«

»Aber welches Recht hatten wir, uns ohne sie zu erhalten, da sie uns nicht vergönnten, es mit ihnen zu thun?«

»Die Obermacht, das Glück!«

»Geben diese ein Recht?«

»Sie verschaffen es, sie sind es. Jedes Recht ist eine verjährte Unterdrückung, ein verjährter Raub; nichts weiter. Den Flecken Erde, den ich izt zum rechtmäßigen Eigenthume erkaufe, raubte, riß der erste Besitzer an sich. Alle Menschen hatten vor ihm gleich gegründetes Recht darauf: er raubte ihn dem Menschengeschlechte und behauptete ihn durch die Obermacht; diese vollendete sein Recht. Zu den Diensten, die ich izt von gewissen Personen vermöge eines erkauften Rechtes fodre, zwang der erste, der sie sich leisten ließ, ihre Vorfahren, oder Furcht und Elend zwangen diese, sie ihm anzubieten: allemal Unterdrückung! – Mein Leben ist das Eigenthum meiner Natur; wer es mir nimmt, dem giebt die Obergewalt ein Recht darauf.«

»Fromal, du erschreckst mich! Ist es möglich, daß du so denkst? – Eine unmenschliche Behauptung!«

»Sie ist so menschlich, daß dies die Maxime aller Zeiten gewesen ist. Warum fodert der Despot, warum der Monarch, warum die Republik mein Leben? – Nicht um meinetwillen; blos um ihrentwillen. Aber sie können es fodern, weil sie mich zwingen können; die Obermacht ist ihr Recht.«

»Aber das Leben dieser Unglücklichen war doch so sehr ihr Eigenthum, ihr ohne Unterdrückung erlangtes Eigenthum –«

»Keineswegs! Auf die Materialien ihres Wesens, auf die Theile ihres Bluts, ihrer Lebensgeister hatte ich, hatte jeder andre einen gleichen Anspruch mit ihnen: die Natur streute die Elemente zu unser aller Leben aus. Der Zufall theilte einem jeden das mit, was er izt besizt. Indem er es bekam, nahm er es einem andern weg. Nimmt es ihm dieser wieder und der Zufall begünstigt ihn –«

»Rede noch so subtil! mein Herz wirft alle deine Spizfindigkeiten zu Boden. Meine Empfindung macht mir den Vorwurf, daß ich eine Grausamkeit mit dir begangen habe; in meinen Augen bleibt es eine, wenn es gleich dein Räsonnement für keine erklärt –« »Allerdings ist es eine, auch nach meinem Gefühle, so gut als nach dem deinen. Aber was kann ich dafür, daß die Natur die Erhaltung des einen Wesen auf die Zerstörung des andern gebaut hat; daß sie uns auf dieses Erdenrund gesezt hat, mit einander um Länder, Leben, Ehre, Geld, Vortheil zu fechten. Warum entzündete sie diesen allgemeinen Krieg und drückte mir ein Gefühl ein, das mich treibt, mich allen andern vorzuziehen, und mich quält, wenn ich es gethan habe? warum stellte sie mich an den engen Isthmus, entweder mir schaden zu lassen oder andern zu schaden? – Ey! ey! gewiß ein Seeräuber, den ich dort sehe! Gleich wirst du einen traurigen Beweis bekommen, daß in dieser Welt stäter Krieg und Obergewalt Recht ist. Er schifft verzweifelt hastig auf uns zu: tummer Teufel! dürftige Leute wirst du zu ernähren finden, aber nicht einen Flitter, der dir den Weg bezahlte.«

»Himmel!« schrie Belphegor, »Seeräuber! Was sollen wir thun?« – »Uns ihnen ergeben«, sprach Fromal, »weil sie die Stärkern sind! Geschwind unsre Diamanten verborgen! versteckt, wo sie niemand finden kann, daß sie den Weg umsonst thun!«

Sie folgten seinem Rathe, und wegen der Eilfertigkeit, mit welcher sich ihnen das Schiff näherte, schien es ihnen ungezweifelt, daß es ein Korsar sey. Medardus und Belphegor zitterten von Angst und Erwartung! doch Fromal ruderte ihnen unerschrocken entgegen. – »Es ist izt eine Wohlthat für uns«, sagte er, »in ihre Hände zu fallen: sie müssen uns füttern, da wir ohnedies hier zwischen Wasser und Himmel verhungern würden. Wir werden freilich ihre Sklaven. Aber wenn nun in der Reihe menschlicher Begebenheiten alles sich so geordnet hat, daß wir Sklaven in Algier oder in Tunis seyn müssen, wer will sich der Nothwendigkeit des Schicksals widersetzen? – Muth oder Gelassenheit! das lezte muß izt unsre Partie sein.«

Medardus raffte seine Entschlossenheit wieder zusammen. »Getrost, Brüderchen!« sprach er. »Die Vorsicht lebt noch. Wer weis, wozu das gut ist, daß wir izt Sklaven werden?«

»O Freiheit!« rief Belphegor, »du göttliches Geschenk der Erde! so lebe zum zweitenmale wohl! Ich soll von neuem Zeuge der Unterdrückung, der Grausamkeit der Menschen werden: wohlan! ich küsse die Sklavenkette, wenn sie mich nur mit euch, Freunde, untrennbar vereint.«

Kaum hatte er seinen Schwanengesang an die Freiheit geendet, als die Räuber schon an ihr Fahrzeug heranrückten; da sie nichts als ein beuteleeres Boot mit drey Menschen erblickten, so schienen sie unschlüssig zu seyn, was sie mit ihnen anfangen wollten. Doch endlich erinnerten sie sich, daß sie das Boot brauchen könnten, und nahmen es also ein. Man untersuchte alle Winkel ihres Leibes, um verborgne Schätze zu entdecken. Doch man entdeckte nichts. Sie wurden ins Sklavenbehältniß gebracht, und nach langem, vergeblichen Herumkreuzen fanden sie eine Prise, von der sie sich gute Hoffnung machten. Es war das alte Lied des menschlichen Lebens: ein Trupp Menschen wurde des andern Herr, nachdem sich etliche von ihnen ermordet, ersäuft, erschossen hatten. Die Räuber kehrten voller Lust und Freude über ihre Eroberung nach Algier, wo sie ihre Abgabe von ihrer Beute entrichteten, auf neues Glück ausreisten und unsre drey Europäer in einer zweyjährigen Sklaverey zurückließen, ohne daß einer den Aufenthalt des andern wußte.

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