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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Am lebhaftesten war die Freude über diese plözliche Zusammenkunft auf Belphegors Seite; er wurde so ganz freundschaftliches Gefühl, daß er nicht einen Augenblick an die Nachrichten dachte, die ihm Akante von der Untreue seines Freundes hinterbracht hatte. Es war nur eine kurze Unterredung nöthig, um zu erfahren, daß Fromal der Herr der niedergesäbelten Sklaven und des geplünderten Gepäckes gewesen war; da er seine beiden Freunde hatte kaufen lassen, ohne sie selbst zu sehen, und sie auch kein Verlangen noch Gelegenheit gehabt hatten, ihren Gebieter kennen zu lernen, so war es um so viel leichter, daß ihre Erkennung bis auf den gegenwärtigen Augenblick verschoben bleiben konnte.

Nachdem sie noch eine neue Durchsuchung mit den Resten der Plünderung vorgenommen und nichts entdeckt hatten, so beschlossen sie einmüthig, dies Land der Barbarey und der Unterdrückung zu verlassen und sich mit den großen und kleinen Diamanten nach dem humanisirtern Theil von Europa zurückzubegeben, um dort mit dem Herrn Magister Medardus einen Krug Apfelwein auszuleeren.

Da die Pest eben in Konstantinopel wütete, und der Aufruhr sich sehr schnell nach dieser Stadt hinzog, so nahmen sie ihren Weg nach der mittäglichen Meerseite, um dort eine Gelegenheit zum Rückmarsche zu suchen. Unterwegs erst führte sie das Gespräch auf Akanten und Belphegorn auf den Verdacht, den sie ihm wider Fromals Freundschaft hatte beybringen wollen; allein da die Länge der Zeit und die gegenwärtige Freude über sein Wiedersehn die Stärke desselben ungemein gemildert hatte, so berührte er ihn nicht als einen Vorwurf, sondern vielmehr als eine Erzählung, welcher er nicht sonderlichen Glauben beymaß. Fromal rechtfertigte sich nicht, sondern ohne große Betheurungen berichtete er ihm in planem historischem Stile, daß er allerdings Belphegorn von Akanten zu entfernen gesucht habe, doch ohne die schmerzliche Begegnung, welche seinem Befehle und seiner Absicht zuwider gewesen wäre.

»Ich wußte«, sprach er, »daß du auf der Neige deines Geldes warst, daß deine zu feurige Liebe dir keine eigne Rückkehr erlauben würde: du warst von dem gänzlichen Verderben nur einen Strohhalm breit entfernt; ich beschloß, dir eine schimpfliche Verabschiedung zu ersparen, und bot mich Akanten an deine Stelle an. Ich bot mich ihr blos an, damit sie desto leichter in deine Trennung willigen sollte; denn den Ruin deines Vermögens wußte sie noch nicht. Damit sie mich desto williger annähme, stellte ich mich reich, ob ich gleich nicht mehr in der Tasche hatte als eben so viel, wie ich dir gab. Hätte ich gewußt, daß sie einen andern viel reichern Liebhaber schon an der Seite hätte, so wäre mein Weg nicht einmal eine so weite Strecke mit ihr gegangen. Daß sie dich so empfindlich behandelte, das war gewiß eine Wirkung ihres eignen rachsüchtigen Herzens, das das Häßlichste auf dem Erdboden ist. Dich hat sie mit Ribbenstößen verjagt und mich wollte sie gar vergiften.«

»Vergiften?« rief Belphegor. »Davon hat sie mir kein Wort gesagt; aber wohl, daß du deinen Nebenbuhler in ihren Armen durchbohrtest.«

»Sie wird keine Verrätherinn ihrer eignen Bosheit werden. Aber ihre Vergiftung war eben die Ursache meines Mordes. Sie merkte bald, daß mein Reichthum nur Großsprecherey gewesen war; und weil ich zu gleicher Zeit meinen Nebenbuhler ausgekundschaftet hatte, so war mein Plan schon gemacht, mich unter einem anständigen Vorwande von ihr loszureißen. Weil sie wieder und zwar gut versorgt war, so befürchtete ich nichts von ihrer Rache. Doch ich betrog mich. Sie verrieth mich an ihren Nebenbuhler, sie beredete ihn, daß ich mich durch den Tod von ihm befreyen wollte, daß sie mich im Grunde haßte und meiner gern entübrigt wäre. Genug, sie kützelte ihn so lange, bis der Leichtgläubige sich übertäuben und zu dem Anschlage meiner Vergiftung hinziehn ließ. Zum Glücke behorchte ich sie, als sie den Entwurf zu der schändlichsten That schmiedeten, ich erbrach in der Wuth die Thüre und rennte mit bloßem Degen auf den Bösewicht los, der unter dem ersten Stoße erlag; Akante entsprang. Was konnte ich anders thun? Krieg gegen Krieg! Mein Leben oder das Leben des Angreifers! – Sie stellte dir mein ganzes Verhalten vermuthlich in einem Lichte dar, das den häßlichsten Verdacht der Treulosigkeit gegen dich darauf werfen mußte?«

»O mit den gehässigsten, schwärzesten Farben!«

»Sie hintergieng dich, Freund! Meine Absicht war die redlichste: du mußtest von ihr entfernt oder, wenn sie deine Verarmung gewahr wurde, am Ende das traurigste Opfer ihrer Rache werden. Ich mußte dich retten oder nicht dein Freund seyn – ich mußte, sollte ich auch gleich der Gefahr mich aussetzen, einige Zeit von dir nicht dafür gehalten zu werden. Ich sahe keinen andern Weg vor mir, als den ich wählte: unglücklich, daß die Boshafte meinen Befehl überschritt! wofür sie bereits gebüßt hat, gleich als ich dich verließ, und noch büßen soll, wenn sie das Schicksal wieder in meine Hände liefert.«

Belphegor wußte nicht, wohin er sich mit seinem Glauben lenken sollte, zu Fromals oder Akantens ganz entgegenlaufenden Erzählungen: sein Verstand sprach für Fromaln und sein Herz für beide. Endlich neigte er sich bey einer solchen Unentschiedenheit auf Fromals Seite und glaubte der lezten Erzählung – der gewöhnliche Gang, den der Glaube der Menschen nimmt! Einmal wurde er auf alle Fälle betrogen und konnte nie ausmachen, von wem eigentlich; und bey dieser Bewandniß war es gewiß das Beste, dem Anwesenden Recht zu geben und sich mit ihm in gutem Verständnisse zu erhalten: die Klugheit rieth ihm dies schon, wenn auch sein Herz und seine Freundschaft für Fromaln nichts dabey hätten thun wollen. Er dankte ihm freundschaftlich für seine aufrichtige Vorsorge und die Errettung aus den Klauen eines solchen Ungeheuers, that noch ein Paar verliebte Ausrüfe an Akanten und verfluchte ihr Andenken auf ewig.

»Ja, wenn alle Akanten wie meine Frau wären«, sprach Medardus mit Rührung, »so brauchte man ihr Andenken nicht zu verfluchen. Brüderchen«, – wobey er Fromals Hand ergriff, – »das war dir eine Frau! – Ein solches Weibchen und einen Krug Apfelwein! – und wahrhaftig, ich wollte es in der Türkey alsdann mit ansehn. Siehst du, Brüderchen? das war dir ein Weibchen!«

»Guter Mann! wenn du einen Engel zum Weibe hättest, du wärst doch in diesem Lande unglücklich, du müßtest denn die Menschheit zur Hälfte ausziehn. Ich habe viele Länder durchschweift und allenthalben in dem Menschen einen Unterdrücker gefunden. Doch nirgends ist mir noch die Unterdrückung mit so offner, unverstellter Mine entgegengekommen. Leute, die nie einen höhern Grad von Freiheit gekostet haben, sind auch hier glücklich wie der Arme bey der Verachtung, wenn er nie die Süßigkeiten der Ehre geschmeckt hat; aber wir unter einem mildern politischen Himmel erzogne, wir kränkeln mit unsrer Glückseligkeit unter dem hiesigen beständig. Ich war der gefürchtete Herr vieler Sklaven, Besitzer von Reichthümern, und doch fehlte mir stets etwas, so sehr ich alles zu haben schien.«

»Du, Fromal? der du so verarmt warest, als du mit mir theiltest, du hattest dies alles?«

»Ja! und kam auf eine sonderbare Weise dazu. Ich mußte entfliehn, als ich meinen boshaften Nebenbuhler ermordet hatte, um Akantens und der Gerechtigkeit Rache zu entkommen. Ich begab mich nach Frankreich und fand Paris bey meiner Ankunft in der heftigsten Bewegung. Du weißt, Belphegor, daß ich in der Welt selten mitspiele, sondern mich vom Schicksale, vom Strome der Begebenheiten fortreißen lasse: auch hier blieb ich meinen Grundsätzen getreu und war müßiger Zuschauer. Man hatte ein neues Schauspiel aufgeführt, das vielen Beifall aus den Logen erhielt: das Parterr überstimmte sie mit seinem Misfallen. Der Streit war der allgemeine Gegenstand des Gesprächs, aller Wünsche und Neigungen. Man haßte und liebte sich blos um der Parthey willen, zu welcher man gehörte: wie Gelfen und Gibellinen, wie die grüne und blaue Faktion stritt man, nur mit andern Waffen als diese, wider einander. Wo ich einen schönen Geist, einen witzigen Kopf, einen Kunstrichter erblickte, der war wider den Autor aufgebracht: man schwur ihm allgemein den Untergang. Ich nahm mir die Freiheit, mich bey einem nach der Ursache dieses Hasses zu erkundigen, und erfuhr, daß der Verfasser ein junger Mann, daß dies sein erstes Stück sey und daß ein ältrer von ihm beleidigter Dichter, der einen so schnellen Beifall ahnden müßte, den Aufstand veranlaßt habe. – ›Aber wie machte er das?‹ fragte ich. – ›Eine Schauspielerinn, die er liebte, wurde von ihm angestiftet, eine Schmeicheley an das Parterr im dritten Akte in die bitterste Satire zu verwandeln. Sie opferte ihren eignen Ruhm der Liebe auf; und das lezte Wort von diesem herben Komplimente war auch das lezte, das im ganzen Stücke gesprochen wurde: weiter ließ man sie nicht. Der Mann muß nieder‹, sezte er hinzu, ›er mag sich noch so sehr sträuben: man ist in Zorn wider ihn, und nie wird er durch die feinsten Schmeicheleyen sich eine Handvoll Beifall erkaufen können. Er soll nicht, er muß nieder.‹ – Ich gieng nach meinem Abschiede von ihm über einen Plaz, wo eine Menge Gaukler die Aufmerksamkeit des anwesenden Publikums an sich ziehen wollten. Ein jeder sagte dem Theile, der bey ihm stand, alles Böse von seinen übrigen Mitbewerbern und denen, die sie begünstigten, die sogleich die besten, klügsten Sterblichen wurden, so bald sie zu ihm übertraten. Einer darunter, dem die ausgelassensten Spöttereyen keine Zuhörer verschaffen wollten, hatte die Bosheit, einen von seinen Leuten abzuschicken, der unter die Zuschauer der nächsten Buden brennende Schwärmer werfen mußte: das Volk sprengte aus einander, war allen den Gauklern gram, wo sie mit diesem Feuerwerke begrüßt worden waren, und liefen dem Haufenweise zu, der sie damit hatte begrüssen lassen; die übrigen wurden beinahe gestürmt. Sein Nachbar, der am meisten dabey gelitten hatte, dachte auf Ränke, sich zu rächen: er ließ heimlich ein Paar Kerle die Nägel an den Hauptbefestigungen von der Bude seines Feindes ausziehen, alsdann einen guten Stoß daran thun, und die Bude stürzte über dem Kopfe ihres Besitzers zusammen, quetschte ihn mit Lebensgefahr; die Menge lachte und gieng zu dem andern über. Kaum hatte er sich seiner gelungenen List zu erfreuen angefangen, als seine Bude in lichten Flammen stund: sein Nachbar hatte sie ihm angezündet, als er den Strom zu ihm kommen sah. So suchte einer dem andern durch List oder Gewalt den Beifall abzujagen; und der einfältige Pöbel ließ sich von einem zum andern herumschicken, bis sie ihm alle misfielen. Da der ganze Plaz leer, einer beschunden, der andre versengt, fast keine Bude mehr unbeschädigt und alle gleich verachtet waren, so traten sie zusammen, kondolirten einander herzlich und giengen in Gesellschaft zum Weine. – Einige Tage darauf fand ich meinen Mann wieder, den ich um die gegenwärtige Lage des theatralischen Streites befragte. – ›Es ist vorbey‹, antwortete er, ›der Mann hat durch seine Freunde bekannt machen lassen, daß er nicht Einen Vers von seiner Arbeit mehr auf das Theater kommen lassen will; und er hat heute mit seinem Rivale in Einem Speisehause gegessen; sie sind gute Freunde; und weil jener gestern ein Nachspiel aufführen ließ, worinne er das ganze Komödienhaus für sich und wider den jungen Schriftsteller zu interessiren wußte, so ist auch das Publikum wieder einig und hat die ganze Sache schon vergessen. Mir selbst ist das Ding so alt, als wenn es unter dem Meroväus vorgegangen wäre.‹ – Indem wir so mit einander sprachen, hörten wir einen Tumult, der einen lebhaften Zank ankündigte; als wir darnach forschten, so erfuhren wir, daß es zween Bediente von einer gewissen Herzoginn waren, wovon der eine Tages vorher die unvermuthete Ehre gehabt hatte, die schöne Hand seiner gebietenden Frau mit der seinigen zu berühren, als sie über den zu starken Duft eines parfumirten Herrchen in Ohnmacht sank und er allein in der Nähe war, sie aufzufangen. Ein andrer, der nicht weit davon stund, aber zu diesem Glücke zu spät kam, wurde neidisch darüber, und als sie gegenwärtig zusammenspeisten, überfiel ihn sein beleidigter Ehrgeiz von neuem, daß er das Messer ergriff und dem andern zwo große und etliche kleine Adern an der beneideten Hand entzweyschnitt.« – »Welch ein feiner Ehrgeiz muß in diesem Lande herrschen!« rief Belphegor.

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