Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
Schließen

Navigation:

»Ja, leider«, sprach die Dame, »sonst wäre mein ältester Bruder nicht aus dem Schooße des Vaterlandes, seiner Güter, seiner Familie vertrieben worden, weil er ein heimlicher Hugenott war. Ein Elender, dem er einen kleinen Dienst versagt hatte, weil er ihn desselben unwürdig hielt, gab ihn an; er mußte, um sich nicht der Verfolgung preis zu geben, mit Schiffbruch sein Vermögen retten und den Weg wandern, den viele tausend seiner Brüder gegangen sind, in Länder, wo Vernunft und Freiheit herrschen und vernünftig denken und wahr denken eins ist, noch glücklich, daß er nicht zu jenen Zeiten der höchsten Unmenschlichkeit lebte, wo Frankreich seine Felder mit dem Blute seiner Einwohner düngen wollte! – O du schändlichster, verderblichster unter allen Despotismen! Despotismus des Aberglaubens, der Scheinheiligkeit, der Habsucht im schwarzen Mantel, der heiligen Dummheit, der Vorurtheile! verheere nicht länger mein Vaterland, dessen milder Himmel nur Menschlichkeit und gesunde Vernunft einflößen sollte! verheere kein Land dieser Erde mehr! und die ihr es vermögt, tilgt, sengt, schneidet, würgt, reutet ihn von der Wurzel aus, wo ihr ihn findet, wenn ihr euch und euer Volk liebt!«

Belphegor, der nur ein Fünkchen brauchte, um in die Flamme der Begeisterung aufzulodern, fiel auf seine Kniee und rief mit entzückter Stimme: »O du göttliches Geschenk! Freiheit zu denken, Freiheit zu reden! komm auf alle Länder herab, die der Glückseligkeit einer allgemeinern Erleuchtung immer näher rücken! Komm! würge den schändlichsten Götzen, den Aberglauben, und reiße so viele Provinzen, die die blühendsten seyn könnten, aus den Ketten des gräulichsten Despotismus, des Despotismus über den Menschenverstand. – Kommt!« – wobey er aufsprang – »wir wollen allen den scheußlichen Tirannen die Kehle zudrücken, die ihre Größe auf die Unterdrückung der Vernunft, auf die Sklaverey der Unwissenheit und Dummheit baun! die den Keim der Menschenliebe ersticken und feindselige Rotten aus Menschen machen, die sich wie Brüder lieben würden und izt sich hassen, weil man ihnen den Haß befiehlt! Kommt!«

»Närrchen, Närrchen! wohin denn?« sprach Medardus und faßte ihn bey der Hand. »Der Herr Markis ist ja in Frankreich verbrannt worden, und wir sind in der Türkey. Ach, wir werden genug zu kämpfen und zu streiten finden, ohne daß wir erst so weit laufen, um Feinde aufzusuchen. Da ist mir doch Deutschland ein ander Ländchen, Madam: da sitzen sie so still und ruhig beysammen wie die Lämmchen; wenn sie einander gleich nicht gut sind, so lassen sies doch wenigstens dabey bewenden, daß sie einander nicht lieb haben. Mannichmal fuschen wohl ein Paar wunderliche Köpfe auch ins Verfolgungshandwerk, aber sie müssen doch nur im Kleinen arbeiten; und wenn sie zu laut werden, so stehn auf allen Ecken Aufpasser, die sie öffentlich auszischen und auslachen; auf diesem Wege giebts dort wahrhaftig nicht viel rechtes mehr zu verdienen. Den ersten Krug Apfelwein, den ich in meinem Leben wieder an meine Lippen setze, trinke ich auf die Gesundheit des deutschen Menschenverstandes aus. Nicht, Brüderchen? du bist dabey?«

Belphegor bejahte es wohl; aber sein Herz war nicht bey der Bejahung. Er dachte noch etlichemal an die Welt und an Akanten, die sich ihm izt wieder sehr wichtig gemacht hatte, legte sich nieder und schlief ein.

Sie hatten nicht lange die Ruhe genossen, als ein Trupp türkischer Soldaten mit Tumult zum Hause hineinstürzte und mit Gewalt den Prinzen Amurat darinne finden wollte. Die Markisinn glaubte, diese Barbaren durch die Nachricht von seinem Tode zu gewinnen, und versicherte sie, daß er auf ihrer Schwelle sich ermordet habe, zeigte ihnen seinen blutigen Dolch, wies ihnen sein Grab und ließ sie seinen Leichnam ausgraben und besichtigen. Wider so deutliche Beweise hatten sie freilich nicht Lust, etwas einzuwenden; allein da sie einmal zum Morden ausgeschickt waren und in der Türkey ein Menschenleben die wohlfeilste Waare ist, so spalteten sie, um der Absicht ihrer Sendung ein Genüge zu thun, die alte Markisinn nebst ihrer Sklavinn jede in zwey Stücken, und die beiden Fremden, weil sie noch jung waren und also etwas gelten mußten, beschlossen sie mitzunehmen und an den ersten Liebhaber als Sklaven zu verkaufen, wovon aber weder Belphegor noch Medardus etwas wußten, weil sie die Sprache ihrer Ueberwältiger nicht verstanden; ehe sie es vermuthen konnten, waren sie das rechtmäßige Eigenthum eines Mannes, der sie zu den niedrigsten Beschäftigungen bestimmte. – »Siehst du, Brüderchen?« sagte Medardus, als er zum erstenmale seine elende Kost genoß, »nun ist es mit dem Apfelweine vorbey! der ganze schöne Vorrath, den ich mir in meine Wohnung habe schaffen lassen, wird verderben; denn so bald werden wir aus dem Raubneste nicht wieder hinauskommen, das merke ich wohl. – Wenn das meine liebe Frau wüßte – du gutes Kind! wie wohl ist dir!« – mit Thränen sagte er das. – »Wie wohl! und dein Männchen ist gar ein Sklave, ein elender Hund! – Doch muthig, Brüderchen! die Vorsicht lebt noch; da trink die elende Pfütze und denke, es ist Apfelwein! da! Glückliche Rückkunft nach Hause!« – und so trank er ihm einen Topf voll schmuziges Wasser zu, wovon Belphegor einen kleinen Schluck mit verzerrtem Gesichte nahm.

Unterdessen war die Entfliehung des Prinzen Amurat ruchbar geworden, und ein unbekannter, niedriger Mann ließ sich es einfallen, diesen Ruf zu nützen und sein natürliches Recht auf den Thron des Despoten durchzusetzen; denn wo Unterdrückung und Gewalt die einzige Stütze des Throns ist, da hat jedermann ein gegründetes Recht, ihn zu besteigen, wer den Besitzer herunterwerfen, sich hinaufschwingen und seinen Siz mit jenen beiden Stützen befestigen kann. Jedermann, der sich zu ihm schlug, war sicher und gewiß, daß er, wenn die Unternehmung gelang, blos die Person des Despoten veränderte. Niemand hatte einen Begriff von einer andern Regierungsform, noch Begierde dazu: man stritt höchstens für die Ehre, sich seinen Unterdrücker selbst gewählt zu haben. Dieses geringen Vortheils ungeachtet, verschafte ihm doch die angeborne Neigung des Menschen zum Kriege und eine gewisse neidische Freude, den Tirannen, den man, wenn er mächtig ist, fürchten muß, zu stürzen und sich dadurch gleichsam für die bisherige Furcht zu rächen – diese beiden Antriebe verschaften dem Anführer einen so zahlreichen Anhang, daß er allenthalben die schrecklichste Verwüstung verbreitete und jedermann entweder für ihn fechten oder niedergehauen werden mußte.

Bey einer so nahen und fürchterlichen Gefahr hielt es der Herr des Belphegors und Medardus für die beste Partie, mit seinen Effekten, so viel er davon fortbringen konnte, und seinen Sklaven sich durch die Flucht zu retten und den ganzen zurückgelaßnen Rest seinem Leben und der Wuth der Rebellen aufzuopfern. Ein Trupp hatte sich in einen Distrikt geworfen, durch welchen die Entflohnen schlechterdings wandern mußten. Sie fanden ringsum die entsezlichsten Spuren der Verheerung und der unsinnigsten Grausamkeit: zitternde Glieder ermordeter Säuglinge, die im Blute ihrer Mütter schwammen, verstümmelte, halblebende Greise, Gewimmer von Sterbenden, fliehende, verfolgende, in der Ferne flammende Dörfer, dampfende Brandstellen, das Lärm der Mordenden, das Geschrey der Ermordeten, das Aechzen der Zertretnen, das Wiehern verwundeter Rosse, blutbedeckte Felder, deren Furchen von Bächen strömten, Verwirrung, Angst, Todesschmerz und der Tod selbst in den grauenvollsten Gestalten – dies war das Bild, das sie eine lange Strecke neben sich auf einer weiten Ebne sahen. Da sie aber mit ihrem Gepäcke von dünnem Busche bedeckt waren, so entgiengen sie der ohnehin beschäftigten Aufmerksamkeit der Barbaren.

Belphegor zitterte vor Entsetzen und Zorn bey der Erblickung eines so unmenschlichen Schlachtfeldes, und Medardus war ganz versteinert. – »Brüderchen«, sprach er endlich leise zu jenem, »das geht dir hier zu wie in der Hölle: die Schlacht zwischen dem Hannibal und Scipio kann nicht so blutig ausgesehn haben. – Mich friert vor Grausen; was machst du denn, Brüderchen?«

»Ich verbrenne!« rief Belphegor. »Gott! Geschöpfe von Einem Geschlechte, aus Einem geistigen und körperlichen Samen gezeugt, Geschöpfe, die sich einer Vernunft rühmen, erwürgen sich? erwürgen sich im tummen, trunknen Taumel der Mordsucht, ohne daß eine einzige, für ihre Wohlfahrt wichtige Ursache ihr Blut fodert! um ein Nichts, aus bloßer, toller Begierde, sich die Köpfe zu zerschmeißen! – O Freund, den ersten besten Dolch möchte ich mir in die Brust stoßen, um nicht mehr zu einer rasenden Gattung von Geschöpfen zu gehören, die nicht verdienen, daß eine Sonne über ihnen aufgeht oder ihnen ein Mond leuchtet. Thiere führen doch nur den allgemeinen Krieg mit Thieren anderer Art und scheuen unwissend die heiligen Bande, die sie zu Einem Geschlechte verknüpfen. Aber der Mensch – ist das ärgste Ungeheuer der Hölle. Ich bin mir selbst gram, ein Mensch zu seyn.«

»Ja, Brüderchen, es geht wahrhaftig bunt her: wenn wir nur erst glücklich durch wären, dann möchten sie sich schlachten, wenns ihnen nun ja so beliebt.«

»O möchten sie uns lieber zerfleischen und unter dem allgemeinen Ruine begraben! Was nüzt uns der elende Lebenshauch, als nur um die Grausamkeit der Menschen zu leiden und leiden zu sehn. Komm! ich stürze mich mitten unter die Barbaren, und wohl mir, wenn ich erliege!«

»Närrchen, Närrchen!« rief Medardus und zog ihn aus allen Kräften zurück. »Die Vorsicht lebt noch: wer weis, wozu das gut ist, daß sich die Leute hier die Kehlen abschneiden? Auf dem Felde hier wird folgendes Jahr das schönste Getreide wachsen. Wer weis, ob uns das Metzeln hier nicht desto eher wieder zu meinem Apfelweine verhilft? – Zu etwas muß es doch gut seyn. Wenn sie uns nur die Kehlen ganz lassen; sonst ist es mit der Hoffnung aus.«

Belphegor wurde unwillig über die Gelassenheit seines Freundes und schoß einen verächtlichen Blick auf ihn, der aber noch nicht völlig bis zum Medardus gekommen war, als die Rebellen das Gepäcke hinter ihnen anfielen, Führer und Lastthiere niedermachten, die aufgepackten Effekten zerhieben, zertraten und nur etliche tragbare Kleinigkeiten nahmen, den Sklaventrupp gleichfalls angriffen und unbarmherzig niederhieben: alle, auch Belphegor und Medardus, lagen in Einem Haufen zusammen. Da die Heldenthat verübt war, giengen die Krieger zu dem Hauptchore mit ihren Lorbern zurück.

Belphegor und Medardus waren nur verwundet und in dem Wirbel des Scharmützels unter die Todten mit niedergerissen worden. So bald die erste Betäubung des Schreckens verschwunden war, so arbeiteten sie sich unter den Erschlagnen allmählich hervor, einer lieh dem andern seine Kräfte, und es gelang ihnen hervorzukommen. Doch ermattet von Arbeit und Verblutung sanken sie auf die oberste Reihe wieder zurück. Mit der Kleidung der Getödeten stopften und verbanden sie endlich ihre Wunden und schleppten sich nach dem Orte zu, wo die Plünderung des Gepäckes vorgegangen war, aus einer sehr weisen Vorsicht, ihrem gänzlichen Mangel durch eine Kostbarkeit abzuhelfen, die vielleicht ihre Mörder in der Hitze der Verwüstung zurückgelassen haben möchten. Unter vielen verderbten vortreflichen Sachen fanden sie ein Schächtelchen, von dem sie sich viel Gutes versprachen. Auch betrog sie ihre Hoffnung nicht; sie öffneten es hurtig und fanden einen einzigen Diamant von ungeheurer Größe darinne. Ihr Appetit wurde durch den Fund rege gemacht, und sie suchten weiter; sie entdeckten noch etliche kleinere und andre tragbare Sachen von Werthe, die sie sorgfältig in die abgelegensten Winkel ihres Körpers versteckten. Darauf machten sie sich gefaßt, diesen Ort des Entsetzens so schnell als möglich zu verlassen. Sie warfen noch einen mitleidigen Blick auf ihre daliegenden Mitbrüder, obgleich aller Vermuthung gemäß kein einziger Christ darunter seyn mochte, als sie eine Bewegung an einem Haufen wahrnahmen. Da sie erwarteten, daß es gleichfalls ein Verwundeter seyn werde, der sich, wie sie, zum Leben emporarbeiten wolle, so vereinigten sie ihre Hülfe, die todten Körper abzuwälzen. Kaum hatten sie sechs oder achte abgeworfen, als einer seine Hände nach ihnen ausstreckte, mit welchen sie ihm aufhalfen. Er war wenig oder gar nicht verwundet und durch die Drückung der übrigen nur erschöpft. Er stieg von ihnen geführt herunter, und da sie auf ebnem Boden waren, so schlug der Errettete und die Erretter zum erstenmal ihre Augen gegen einander auf, um Dank zu geben und zu empfangen, stuzten insgesamt, waren verlegen, ungewiß, konnten sich nicht besinnen, bis sichs nach drey Fragen und drey Ausrüfen fand, daß hier auf diesem Flecke Belphegor, Medardus und – Fromal beysammen stunden, sich umarmten, nicht wußten und vor großen Freuden nicht wissen wollten, wie sie zusammengekommen waren.

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.