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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Drittes Buch

Die Gesellschaft trat ihren Marsch an: Belphegor beschenkte seine Gefährten unterwegs mit öftern Klagen über Akantens Untreue und die neuen Beispiele von dem Neide und der Unterdrückung der Menschen, die er aus ihrem Munde empfangen hatte; und Medardus ermahnte sie zur Zufriedenheit und Frölichkeit, indem er sie oft einen guten Krug Apfelwein in seinem neuen Hause erwarten hieß, oft über seine liebe Frau weinte und oft ein Anekdotchen aus der Historie erzählte.

Eben war er bey einem Geschichtchen von der unkeuschen Messaline, als sie von fern sich etwas nähern sahen, das sie nach aller Wahrscheinlichkeit für den aufgeregten Staub einer marschirenden Armee hielten. – »Himmel!« rief Belphegor, »hast du mich bestimmt, abermals Zeuge von der Grausamkeit und Ungerechtigkeit der Menschen gegen Menschen zu seyn. Kommt! laßt uns fliehen, das nahe, schreckliche Blutbad nicht anzusehn! Mein Herz bricht mir schon.« – »Wir können nicht fliehen, Brüderchen«, sagte Medardus; »es rückt so schnell näher, daß wir kaum den nächsten Hügel erreichen werden, ehe uns schon der Staub auf dem Nacken liegt.«

Sie eilten zwar, aber wurden schon eingeholt, als sie noch nicht am Fuße des Hügels hinangiengen. Die vermeinte Staubwolke war eins der fürchterlichsten Phänomene der Natur – eine sogenannte WasserhoseEine ungeheure Menge gesammelter Dünste, die die im Texte beschriebenen Wirkungen, nach dem Berichte der Zeitungsschreiber, thun soll., dergleichen zwar bisher nur in Holland und andern wasserreichen Gegenden wahrgenommen worden sind; da aber in der Gegend, wo unsre Gesellschaft gegenwärtig vor Erwartung zittert und zagt und die ich meinen Lesern mit gutem Vorbedachte nicht genannt habe, das Meer in der Nähe war, so sehe ich keinen Grund, warum man mir die wahrscheinliche Existenz derselben läugnen wollte. Diese Wasserhose war eine der größten, so lange Zeitungsschreiber eine Presse beschäftigt haben; und ein gewisser Gelehrter, Namens +++, demonstrirte mit ABXYZ, daß besagte Wasserhose, die er zwar nicht gesehen, aber doch in seiner Studierstube sehr natürlich nach dem verjüngten Maasstabe auf französischem Papiere abgebildet hatte, nur noch 3 Pfund Kraft gebraucht habe, um ein preußisches Regiment von der Ostsee zum mittelländischen Meere zu transportiren. Izt that sie weiter nichts, so viel wenigstens unsre Geschichte angeht, als daß sie sich von einem starken Winde herbeyrollen ließ, unsre Reisenden mitten in ihren Schooß faßte, mit ihnen sich in die Höhe zog, sie in der Luft forttrug, zerplazte und sie in einer Gegend niedersezte, wohin sie ihre Beine in vielen Wochen nicht gebracht haben würden.

Belphegor und Medardus, die sich während des Transportes unablässig umarmt hatten, befanden sich izo an den Donaustrom in die Walachey versezt; doch Akante war von ihnen getrennt. Sie schöpften Athem und konnten vor Verwunderung und Erstaunen kaum zum Worte kommen; besonders schien es ihnen ganz unbegreiflich, wie sie von einer solchen Höhe ohne die mindeste Verletzung herabstürzen konnten. Nichts an ihnen hatte bey dieser Luftfahrt eine Veränderung gelitten als ihre Kleidung, die durchaus naß war, welches aber keiner andern Ursache als der gewaltigen Ergießung von Regen zugeschrieben werden mußte, die bey ihrer Niedersetzung herabströmte; und weil sie in Schlamm fielen, den eine Ueberschwemmung der Donau zurückgelassen hatte, so diente ihnen dieser statt eines weichen Bettes, das ihre Gebeine vor aller Beschädigung bewahrte. Doch der Strom ergoß sich von dem übermäßigen Plazregen von neuem und nöthigte die beiden Ankommenden, sich unverzüglich auf eine Anhöhe zu retten, wo sie ihre Kleider an der Sonne trockneten, ein jeder sich auf ein Ohr legte und beide einschliefen.

Nach ihrem Erwachen rieth ihnen Klugheit, Hunger und Selbsterhaltung, ihren Weg zu einer menschlichen Wohnung fortzusetzen, bis sie an eine Hütte kamen, wo sie anklopften. Man ließ sie lange warten, bis endlich ein altes Weibchen sie aus dem Fenster in verschiedenen europäischen Sprachen weiter gehn hieß. Da sie unter den vielen eine getroffen hatte, die die beiden Reisenden verstunden, so thaten sie ihr in der nämlichen ihre Bedürfnisse zu wissen und versicherten sie, daß sie höchstdringend wären. Als die Alte merkte, daß Bitten nichts vermochten, sie wegzukomplimentiren, und die Fremden schon nach dem Thürriegel griffen, in dessen Widerstand sie kein sonderliches Vertrauen setzen konnte – und vielleicht auch aus wirklichem Mitleid –, kam sie ihren Gästen entgegen und bewillkommte sie sehr höflich. Das ganze Gebäude hatte nur Ein Zimmer, und sie fanden also gleich ohne besondre Anweisung den Plaz, wo sie leben und weben sollten. Bey genauerer Erkundigung zeigte sich es, daß ihre Wirthinn eine Christinn, eine geborne Französinn war, welches sie auch vor ihrem eignen Geständnisse schon aus zween Gründen schlossen: weil sie französisch hurtig und alle übrige Sprachen stotternd sprach und weil sie sich einmal über das andre aus dem Fenster entschuldigte, daß sie nicht im Stande wäre, les honneurs de la Turquie zu machen, so gern sie wollte.

Sie verschwendete den ganzen Rest ihrer vaterländischen Politesse, den ihr die Walachey übrig gelassen, um ihren Gästen begreiflich zu machen, daß sie ihre baldige Abreise sehnlich wünschte; sie sezte ihnen einen Tisch voll Teller und etwas weniges Essen auf, das man unter der Menge Teller kaum finden konnte, und ließ mit einer schüchternen Behutsamkeit die Fremden niemals aus den Augen, die ihres Appetites ungeachtet aufmerksam darauf wurden und ein Geheimniß argwohnten. Der Argwohn gieng in ihre Mine über, und dies vermehrte die Behutsamkeit der Dame bis zur sichtbarsten, ängstlichsten Besorgniß. Um sie nicht wahrnehmen zu lassen, schwazte sie ihnen in einem unaufhörlichen Strome vieles von der schönsten Stadt de l'Univers, von den diners und soupers, assemblées, bals und festins vor, die sie mit Pairs, Herzogen, Markis und schönen Geistern in Paris genossen haben wollte. Doch ihre Sprache war wegen ihres innerlichen Aufruhrs izt nicht halb so fließend mehr, als sie es ehedem über dergleichen Materien in Paris gewesen seyn mochte. Medardus brach endlich die Rückhaltung durch und offenbarte ihr aufrichtig, was er von ihrer Mine und Stimme argwohnte; sie erschrak bis zur Ohnmacht. Man suchte sie zu beruhigen, als man aus einem Winkel der Stube eine schnelle Bewegung und darauf das Röcheln eines Sterbenden vernehmlich hörte.

Belphegor rennte sogleich nach dem Orte zu, indessen daß Medardus sich mit der Beruhigung der Wirthinn beschäftigte. Jener eröffnete ein nicht allzugroßes Gefäß, aus welchem ihm der Schall zu dringen schien, und entdeckte voller Entsetzen darinne einen Knaben, der in seinem Blute schwamm und mit dem Tode rang. Er wußte vor Bestürzung nicht, was er zuerst thun sollte, bald griff er nach dem sterbenden Knaben, ihn herauszuziehn, bald sezte er sich in Positur, zur Französinn zu laufen, bald wollte er jenem helfen, bald diese zur Rechenschaft ziehn. Unter dem Gewühle eines so vielfachen Wollens und der höchsten Unentschlossenheit, faßte er endlich plözlich die kürzeste Partie und zog den von Blute triefenden Jüngling heraus, der unter fürchterlichen Konvulsionen in seinen Händen das Leben ausbließ. Die Rettung war also unmöglich, und Belphegor, der die Französinn völlig im Verdachte des Mordes hatte, sprang mit seinem gewöhnlichen Feuer auf sie los, um ihr – was weis ich? – die Kehle zuzudrücken, wenigstens den vermeinten Mord empfindlich zu rächen. Doch Medardus schüzte sie wider den Eifer seiner strafenden Gerechtigkeit. »Brüderchen«, sprach er und hielt ihn von ihr zurück, »erst wollen wir hören, was sie zu sagen hat.« – Darauf fieng er das Verhör an, und sie versprach ihm, jede seiner Fragen zu beantworten, so bald ihre Ruhe wiederhergestellt seyn würde.

»Ach«, fieng sie darauf an, »der Unglückliche, den Sie hier im seinem Blute erblicken, wollte dem unseligsten Tode entfliehen und mußte sich ihn mit eigner Hand anthun. Es ist der jüngste Bruder des itzigen Sultans, Prinz Amurat.« – Ihre Zuhörer erstaunten. – »Sie wissen, daß der Despotismus eine grausame Vorsicht erfodert, die jeden Thronbesteiger nöthigt, allen Empfindungen der Bruderliebe, des Blutes zu entsagen und unbarmherzig jeden Verwandten niederzumetzeln, den ein unglücklicher Einfall verleiten könnte, dem Despoten seine Macht streitig zu machen. Kaum hatte der gegenwärtige Tirann den ersten Schritt zu der Herrschaft über die Ottomanen gethan, als er um seiner Sicherheit willen seine ein und zwanzig Brüder, Vettern und andre Anverwandten ermorden ließ. Alle erlagen unter ihrem Schicksale, nur dieser Prinz, der sich durch sein Naturell über seine Erziehung erhoben hatte, rührte durch seine einnehmenden Bitten den abgeschickten Mörder, der schon den Dolch auf ihn gekehrt hielt, daß er einen Sklaven an seiner Stelle umbrachte und ihm im Sklavenkleide auf die Flucht verhalf. Er kam in dem kläglichsten Zustande vor drey Tagen an meine Thür, bat mich, ihn einzunehmen, und hatte den edlen Muth, sich mir geradezu zu entdecken mit der Erklärung, daß er einen Dolch bey sich trage, den er sich augenblicklich ins Herz stoßen wolle, so bald er in Gefahr gerathen werde, in die Hände seiner Feinde zu fallen. Sie wissen, daß eine Französinn zu schwach ist, den Bitten einer schönen Mannsperson zu widerstehn – Mitleid und Liebe sind die Elemente unsers Wesens –, ich nahm ihn auf; ich habe ihn erhalten, verborgen, so bald die mindeste Gefahr drohte: ich verbarg ihn bey Ihrer Ankunft in diesem Fasse. Vermuthlich glaubte er, als er uns so lange in einer für ihn unverständlichen Sprache reden hörte, daß Sie Ausspäher wären, daß ich ihn verriethe und hinterlistig in Ihre Gewalt liefern wollte; vermuthlich durchbohrte er sich darum mit dem schon längst bereiteten Dolche, den er nie von seiner Seite ließ. Darum zitterte ich für ihn, und mögen Sie Kundschafter seyn oder nicht, Sie haben meine That entdeckt: sind Sie ausgeschickt ihn auszuforschen – eh bien! hier ist mein Kopf: ich that eine Pflicht der Menschlichkeit, begehn Sie an mir eine That der Unmenschlichkeit.« – Mit dieser witzigen Antithese fiel sie auf die Kniee und legte ihren Kopf in Bereitschaft zum Abhauen auf einen Sessel.

Da sie bey dieser Gelegenheit ein sehr hübsches, witziges Ende hätte nehmen können, was einem Franzosen gerade das ist, was wir Deutsche ein erbauliches nennen, so war sie beinahe unzufrieden, daß sie von den beiden Fremden in der Erwartung des Todes getäuscht und ihres Lebens theuer versichert wurde. Beide huben sie auf und vereinigten sich mit ihr, den todten Körper bey Seite zu schaffen, den sie in möglichster Eile verscharrten und die blutigen Spuren seines Todes auf dem Boden auftrockneten.

Nach Endigung dieser tragischen Begebenheit war die Französinn ganz frey und ungehindert, den Fremden les honneurs de la Turquie zu machen, welches sie auch mit vielem Eifer that, woran sie vorhin die Gegenwart des Prinzen verhindert hatte, den sie durch ihre Mine zu verrathen fürchtete. »Denn«, sagte sie, »einem Franzosen liegt sein Leben weniger am Herzen als Wort und Ehre.« Sie bot ihnen sogar freiwillig ein Nachtlager an, welches sie mit der erkenntlichsten Freude annahmen.

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