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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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»Auf das Glück der Menschen ist es niemanden noch angekommen. ›Die Menschen‹, lehrte mich Fra Paolo, ›wollen über einander, das ist der Endzweck ihres Daseyns. Da aber nur wenige über die andern seyn können, so müssen die meisten unter andern seyn: folglich muß sich jeder bestreben, so sehr als möglich sich der Klasse »über« zu nähern, wenn er nicht ganz darein rücken kann. Das gilt nun gleich, wie er dahin kömmt und andre unter sich bringt; kann er sie nicht bereden, daß sie ihm weichen, so drängt er sich mit Gewalt durch: wer im Gedränge erdrückt wird, wird erdrückt; warum geht er nicht freywillig aus dem Wege? So haben die Menschen von Ewigkeit her gehandelt, und es ist nichts löblicher, als daß man eben so handelt.‹ – So belehrte er mich, als ich noch zu furchtsam war, die Leute mit giftigen Federn zu füttern. Als ich in der Folge die Kirchengeschichte etwas mehr studirte, so fand ich, daß Fra Paolo die reine Wahrheit gesagt hatte. Wenn man nicht weiter kann, fand ich, so muß man die Leute tumm machen: dann läßt sichs ihnen tausendmal leichter befehlen; sie gehorchen auf den Wink. Das war auch großentheils in unserm Plane mit eingeschlossen. Den Chinesern hätten wir ihre ganze weitläuftige Sternkunde untersagt, den Konfut-see und Ment-see verboten und alle ihre Kings verbrannt: so viel albernes und gemeines Zeug sie auch mit unter enthalten, so ist doch nicht zu trauen, ob sich nicht ein Funken gesunder Menschenverstand zu viel darein geschlichen hat. Allen gescheidtern Büchern hätten wir durch unsre Aufpasser den Zugang schon verwehren wollen. In Japan hatten wir besonders gute Hoffnung für unser Kommerz. Da die Japaneser ganz ungeheure Sünder sind, so wäre dort ein herrlicher Absaz von Indulgenzen und andern geistlichen Galanteriewaaren zu erwarten gewesen.«

»O traurige, entehrende Größe«, rief Belphegor aus, »die auf das Verderben und die Erniedrigung der Menschheit gebaut wird! Möchte ich doch lieber im Staube, in der Bettlerhütte, unbekannt, dürftig und elend vermodern, als nur mit Einem Tropfen Menschenblute, nur mit Einer Unterdrückung der Menschheit befleckt, in Ruhm und Ehre auf einem diamantnen Throne glänzen! – Ihr Unmenschen!«

»Nein, Belphegor, wir haben sehr menschlich gehandelt: das ist immer so gewesen, daß Menschen durch Morden, Rauben, Betriegen, Plündern sich Anbetung und Ehrfurcht erkämpft haben. War das nicht ein viel größerer Aufwand von Menschen, als unsre Vorfahren ganz Europa nach dem gelobten Lande zum Aprile schickten, um kahle Berge, steinichte Felder und ungebaute Gegenden zu erobern, die sie zu Hause im Ueberflusse hatten? da sie Kaiser und Könige, die Klopffechter, auf einander loshezten? – Nur Schade, daß Alexander so schnell starb! durch seinen Tod wurde ich außer aller Geschäftigkeit und von meiner Würde herabgesezt. Es kränkte mich; aber Ruhms genug für mich, an der Seite einer Theodora, Marozzia, Mathildis, Olympia zu prangen, die den höchsten Gipfel des menschlichen Ruhms erstiegen, über die fürchterlichsten Weltbezwinger zu herrschen! – Ich entwischte heimlich aus Rom, weil ich alle Ursache hatte zu befürchten, daß man mich in Verwahrung bringen werde, um mich die anvertrauten Geheimnisse nicht ausschwatzen zu lassen. Doch warum entwischte ich? – um den schrecklichsten Bedrängnissen entgegen zu gehn. In Neapel wurde ich vom Pöbel fast zerrissen, weil ich mich zu nahe zum Blute des heil. Januars hinzudrängte und beinahe wahrgenommen hätte, daß man die Leichtgläubigen mit einer Taschenspielerey betrog. Ich kam eben dort an, als man einen Hund zum fürchterlichen Exempel aller Hunde öffentlich enthauptete, weil er die Gottlosigkeit begangen hatte, ein Kind umzubringen. Ob ich gleich viel freyes über diesen Gebrauch sagte, so kam ich doch glücklich durch. Aber meine Gutherzigkeit, den Pöbel klüger zu machen, hätte mich beinahe ums Leben gebracht. Ich entkam voller Löcher und Wunden vom Wirbel bis auf die Fußsolen und gieng nach Venedig, um dort erdrosselt zu werden. Ich sagte einem Nobile, dessen Mätresse ich war, daß ich mich wunderte, wie ein Paar tausend Leute dazu kämen, so viele Menschen unter sich stolz niederzudrücken und ihnen allein, mit Ausschließung aller andern, zu gebieten. Er gab mir zwar ganz gelassen die Ursache an: ›Weil wir die Mächtigern sind.‹ ›Also gesteht ihr doch, daß Euer Recht sich auf Unterdrückung gründet?‹ sezte ich hinzu; aber er schwieg, und morgens darauf sollte ich erdrosselt werden, doch kam ich mit einer leichten Züchtigung von dreyhundert Ruthenstreichen auf den bloßen Rücken davon.«

»Nun sehe ich doch, daß Gerechtigkeit in der Welt ist«, rief Medardus. »Wir sind quitt, Akante; das ist die Wiedererstattung der dreyhundert, die ich um deinetwillen als Jesuitenschüler zugezählt bekam. Waren Sie recht frisch und munter, Schwesterchen?«

»O so frisch, daß ich zween Monate über zweifelte, ob ich jemals wieder einen rechtschaffnen Rücken bekommen würde! Ich wurde darauf die Mätresse des Markgrafen von Salocca, der sich ein kleines Serail hielt. Da ich die neueste und folglich die liebste unter seinen Buhlerinnen war, so haßten und verfolgten mich die übrigen als eine Todfeindinn. Sie arbeiteten mit allen Kräften, meine Schönheit, die aller Gefährlichkeiten und Verwundungen ungeachtet noch erträgliche Reizungen hatte, und also die Ursache meines Vorzugs zu vernichten, welches sie um so viel hitziger betrieben, weil sie meistentheils alt, kränklich, häßlich waren und deswegen nur um ihrer vorigen Verdienste willen in Pension stunden. Sie beredeten sich zusammen, mir die besten und zur Schönheit unentbehrlichsten Theile des Gesichts zu nehmen; und eine blasse Vierzigjährige rieth, mit der Nase, als der edelsten Zierde des Gesichts, den Anfang zu machen, – vermuthlich weil sie selbst durch eine Krankheit so viel von der ihrigen eingebüßt hatte, daß ihr nur noch ein nasenähnliches Stümpfchen zwischen Mund und Stirne hervorguckte. Meine Neiderinnen führten den grausamen Vorschlag aus und sezten mich durch Einen wohlabgepaßten Messerschnitt noch unter die verhaßte Rathgeberinn; denn sie schleiften mir die Nase vom Grunde weg, machten ihren Plaz dem übrigen Boden des Gesichts gleich und ließen nicht einmal ein Fragment davon übrig. – Sie wundern sich, mein Herr«, sprach sie zu Medardus, der sie steif ansah, »daß ich demungeachtet, wie jedes Geschöpfe Gottes, mit einer Nase prange?« – Hier zog sie die ganze Nasenmaschine herunter und zeigte ihnen, daß es eine von gekautem Papiere, nach dem Leben lackirte Nase war. – »Dieses ist ein Geschenk von meinem Marchese, dessen Gunst mich um meine natürliche gebracht hatte; er schnaubte und drohte mit dem fürchterlichsten italiänischen Zorne; da aber die Unternehmung sehr heimlich von mir unbekannten Leuten geschehen war, so konnte ich seiner Rache nicht zu dem verdienten Gegenstande verhelfen. Kurz darauf fiel es einer andern als sehr anstößig auf, daß ich eine so reine, fleckenlose, weiße Haut hatte und sie doch, wenn sie in den schönsten venetianischen Spiegel sah, auf ihrem Gesichte eine Fläche erblickte, die mit Leberflecken und Sommersprossen, wie eine Landcharte, illuminirt war. – Eine andre von einem zweifelhaften Kolorite zwischen kastanienbraun und schwarzgelb stimmte in ihre Beschwerden über meine schöne, spiegelebne Haut ein und vereinigte sich mit ihr zur Rache. Sie ließen mir durch unbekannte Hände meine Wangen so jämmerlich zersägen, daß nach der Heilung eine Naht, eine Narbe an der andern sich darauf befand und die ganzen Backen einem frisch gepflügten Felde voller Furchen nicht unähnlich sahen. Auch diesen Verlust hat mir ein gewisser spanischer Don mit sechzig Namen durch diese Larve glücklich ersezt. Sie ist von dem feinsten egyptischen Papiere, mit einem feinen Leime auf der Haut befestigt und von dem Ritter Mengs nach dem Leben gemahlt –«

»Siehst du, Brüderchen?« unterbrach sie Medardus; »wahrhaftig so natürlich, daß es der liebe Gott nicht natürlicher machen könnte. Der Mann ist ein Tausendkünstler!«

»Vorher wurden alle Erhöhungen und Vertiefungen der Haut mit einer sehr geistreichen Masse geebnet. Doch diese Wiederherstellung meiner verlornen Schönheit erhielt ich erst nach der Verabschiedung aus dem Hause des Marchese und auch die Nase erst bey dem Abschiede. Er liebte mich indessen bey allen diesen Mängeln nicht weniger feurig als vorher. Da meine Neiderinnen mit ihrem Hauptzwecke, mich außer Gewogenheit zu setzen, noch nicht zu Stande kommen konnten, so fuhren sie fort, wenigstens meine Schönheit unter die ihrige zu erniedrigen. Eine meiner Mitschwestern, die am ganzen Leibe bis auf die Hände eine nicht gemeine Schönheit war, beneidete meine kleinen, runden, niedlichen Engelhändchen, wie du sie sonst nanntest, Belphegor, wenn du sie voll Entzücken an deine Lippen drücktest.«

Belphegor seufzte.

»Als ich eines Tages in einem Bosket sitze und die emporgerichteten Arme mit aufwärts gekehrten Fingerspitzen an zween danebenstehende Bäume gelegt habe, um durch diese Stellung, die ich meinen Armen jeden Tag eine Stunde gab, das Blut zu nöthigen, aus den Händen und Armen sich zurückzuziehn und ihr blendendes Weiß dadurch noch blendender zu machen, so haut mir jemand plözlich von hinten zu die ganze schöne, marmorne Rechte ab, wirft sein Beil hin und stürzt sich in das Gebüsche zurück. Ich ergoß mich in einen Strom von Thränen über den Schmerz, doch am meisten über den Verlust einer meiner vorzüglichsten Schönheiten. Ich habe nie einen unter meinen Freunden finden können, der mich mit einer neuen Hand hätte beschenken wollen, und ob ich gleich verschiedene Künstler selbst darum ersuchte, mir eine zu verfertigen, so waren sie doch alle wegen einer Materie verlegen, die den Vorzug der Leichtigkeit und die Schicklichkeit zur Bearbeitung des Meisels besäße; und einer machte mir sogar das Kompliment, daß ich der florentinischen Venus ihre Rechte wegstehlen müßte, wenn meine natürliche die geborgte nicht sogleich überführen sollte, daß es eine geborgte wäre.« – Hierauf zog sie aus dem Handschuhe oder vielmehr einem Futterale eine Hand – ich mag sie nicht beschreiben! – genug, Medardus und Belphegor hefteten beide, wie versteinert, einen starren Blick auf sie und konnten sich nicht enthalten, ihr unter dem Vorwande, als wenn sie untersuchen wollten, ob es nicht ein angemachter Marmor wäre, mit einem mehr als medicinischen Drucke an den Puls zu fühlen. – »Doch dies war nicht mein lezter Verlust: die Hälfte meines rechten Ohres, das mir mit einem der schönsten Ohrgehenke abgerissen wurde, ist ein Werk der Kunst, bis sie zulezt durch eine der listigsten Maasregeln mich zwangen, das Haus des Marchese zu verlassen, wo ich meine papierne Nase zum Andenken von ihm empfieng. Vom Neide und Eifersucht vertrieben, floh ich in den Kirchenstaat zurück und langte in der illustrissima republica St. Marino gerade zu der Zeit an, als die gesammten Bürger derselben in Furcht und Aengsten waren, daß der päbstliche Legat sie unter das Joch seines Herrn zwingen möchte. Alles, Junge und Alte, Weiber, Kinder und Männer waren in tiefer Trauer um ihre Freiheit und baten den lieben Gott mit Beten und Fasten inständigst, daß er sie in Gnaden vor der Herrschaft seines Vikars bewahren möge. Doch kurz darauf wurde ihr Kummer in die höchste Freude verwandelt, als der Pabst das Unternehmen seines gewissenlosen Legaten misbilligte und der Republik ihre alte Freiheit und also auch ihre Glückseligkeit wiederschenkte – eine Handlung von Menschenliebe und Uneigennützigkeit, die meines Erachtens mehr als eine ganze Ladung Indulgenzen werth ist.«

»Das war ein braver Pabst«, rief Belphegor.

»Dafür wird ihm aber auch sein Apfelwein alle Tage recht herrlich schmecken, und wenn er heirathen dürfte, so wünschte ich ihm oben drein eine Frau wie meine verstorbne. So eine Belohnung könnte schon anreizen, daß man mehrmal so eine gute Handlung thät und von dem System der Unterdrückung abgienge. Der abscheuliche Legat! so ein Häufchen, das sich nicht wehren kann, unterdrücken zu wollen!«

»Der Bösewicht verdiente eher zu hängen«, sprach Belphegor, »daß er ein ungerechtes Joch auflegen wollte, als die Bauern, die mich zugleich an den Strang brachten, daß sie unwillig ein drückendes Joch abwerfen wollten. O wer nur mehr Macht hätte!«

»Ich hielt mich kurze Zeit«, fuhr Akante fort, »bey einem Landmanne des päbstlichen Gebiets auf, der mich von Armuth, Auflagen, Aussaugen, Beschwerungen und verwandten Materien unterhielt, worauf ich meinen Weg nach Genua nahm. Ich fand daselbst jedermann mit Anstalten zu einem Kriege wider die Korsikaner beschäftigt, die jedermann verfluchte, daß sie keine Narren seyn und sich das Bischen Freiheit nehmen lassen wollten, worauf sie doch nicht den mindesten Anspruch machen könnten, da diese Genueser Lust hätten, ihre Herren zu seyn. Ich verließ die fühllose Stadt und gieng in einer Verkleidung durch die Schweiz und Deutschland hieher, wo ich dich, edler Belphegor, unvermuthet fand, wo ich Vergebung von dir für eine Beleidigung erwarte, zu welcher mich mein Schicksal und dein arglistiger, treuloser Freund zwangen, wo ich diese Vergebung erlangen muß, sollte ich sie auch durch den Verlust meines halben Ichs erkaufen müssen. Belphegor! könntest du unerbittlich, könntest du unversöhnlich seyn? – Du, dessen Herz nur von Edelmuthe schlägt? – Belphegor!« – und so fiel sie vor ihm auf die Kniee.

»Siehst du, Brüderchen? Die Hüfte ist ja wieder heil: vergieb ihr doch! Du hast ja gehört, daß ihr das Herz weh genug that, als sie dich zur Thür heraus warf. Aber der gottlose Fromal! wenn er nur damals gehängt worden wäre, als ich ihn zum Tode bereiten sollte: der Galgen wäre ihm doch nur pränumerirt worden. – Nu, Brüderchen, vergieb ihr! dann, Akante, komm und trinke in meinem neuen Hause einen Krug Apfelwein mit mir!«

»O du Listige!« rief Belphegor; »daß du so glatt ins Herz schlüpfen und ein Ja auch wider meinen Willen wegstehlen kannst! Gern vergeb' ich dir: nur rechtfertige meinen Fromal! Beweise mir, daß er nicht ungetreu ist, und du hast mehr als meine Vergebung – meine Liebe!«

»Wenn die Wahrheit mir deine Liebe raubt, so muß ich mein trauriges Schicksal tragen – rechtfertigen kann ich ihn nicht: ich löge, um mich selber zu hassen.«

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