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Johann Karl Wezel: Belphegor - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleBelphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne
authorJohann Carl Wezel
year1984
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32476-3
titleBelphegor
pages9-13
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1776
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Akante fuhr darauf in ihrem Berichte fort.

»Ein böser Geist trieb mich an, in Gesellschaft eines deutschen jungen Herrn eine Wallfahrt nach Rom zu thun. Er hatte bisher in der Begleitung eines Arlekins, der vom toskanischen Hoftheater abgedankt worden war, die vornehmsten Städte Italiens besehen und wünschte auf seiner zweiten Reise, weil er auf der ersten demungeachtet Langeweile genug gehabt hatte, mehr Gesellschaft mitzunehmen, um desto weniger einsam zu seyn: ich nahm die Partie an. Ob ich gleich nicht um meiner Sünden willen reiste, so war ich doch die ganze Reise über niedergeschlagen: die Possen des Narren, der mit uns reiste, und das Lachen seines Herrn, der den Mund bis an beide Ohren bey jedem Einfalle zu dem unsinnigsten Gelächter aufriß, ermüdeten mich; weswegen ich die meiste Zeit der Reise geschlafen habe, besonders da mein Liebhaber ein so schwerfälliger deutscher Wizling war, daß ich tausendmal lieber den Narren von Profession anhörte. Da ich ihm auf der Reise so wenig Dienste gethan, vornehmlich so wenig über seine Einfälle gelacht hatte, so ward er im höchsten Grade unwillig über mich; und da er eines Tages etwas sagte, das ihm vorzüglich gefiel, und ich ganz ungerührt fortschlief, so stieg sein Aerger über meine Kaltblütigkeit so hoch, daß er mich aus Rachsucht in den rechten Backen biß und wenigstens eine gute Quente Fleisch hinwegnahm, weil nach seiner Meinung jedes seiner Worte den Leuten auch im Schlafe gefallen müßte. ›Zu Hause bey mir‹, sagte er oft, ›sind die Leute wahrhaftig tausendmal klüger als in Frankreich und Italien. Alle Damen haben die Mäuler schon offen, wenn ich nur die Lippen bewege; und über meine Erzählung vom weißen Bäre haben in Einem Nachmittage drey Fräulein hysterische Zufälle bekommen; bey meiner Geschichte vom vogtländischen Pfannkuchen überfiel eine meiner Niecen vor Lachen ein so heftiger Schlucken, daß sie ihn noch bis diese Stunde nicht verloren hat; eine von meinen Tanten hat sich bey einer andern Erzählung von dem Wolfsmuffe eine Ader an der Lunge gesprengt und ist wahrhaftig daran gestorben; alle meine Leute vom Verwalter bis zum Küchenmensche lachen, wenn sie nur Ein Wort von mir hören. Aber außer meinem Vaterlande sind die Leute wahrhaftig so schwachköpfig, so trocken, daß sie kaum die Lippen verziehen, man mag sich todt und lebendig schwatzen. Wozu verthut man unter den Schurken sein Geld, wenn man nicht einmal den Gefallen von ihnen erlangen kann? Das soll aber auch gewiß meine lezte Reise seyn: mein Geld sollen Leute bekommen, die besser dafür zu danken wissen.‹ – Ein solcher niedlicher Ritter war es, den ich izt als meinen Liebhaber behandeln sollte und dem ich kaum die Ehre gegönnt hätte, mein Bedienter zu seyn. Doch der Himmel bescherte mir eine Schlafsucht, die bis vor die Thore von Rom dauerte. Den Tag nach seiner Ankunft wurde ich entlassen und nahm statt der Belohnung eine Wunde auf dem Backen und allenthalben blaue Flecken mit mir hinweg – alles Merkmale seines mörderischen Witzes!

Ich war mir selbst überlassen und hatte zu arbeiten und zu kämpfen, bis ich endlich die Vertraute Pabst Alexanders des sechsten wurde –«

»Pabst Alexanders des sechsten!« rief Medardus. »Brüderchen, das ist wohl wider die Chronologie?«

»Sey es, was es wolle!« sagte Belphegor ungeduldig; »nur weiter!«

»Ich wurde es; doch der Kardinal Bessarabio wurde bald sein Nebenbuhler –«

»Der Kardinal Bessarabio!« unterbrach sie Medardus. »Brüderchen, hast du von einem solchen Kardinale etwas in der Geschichte gelesen?«

»Nicht Eine Silbe! aber nur weiter!« rief Belphegor.

»Bessarabio war sein heimlicher Nebenbuhler, und Grimaldi theilte meine Liebe auch mit ihm, auch Kolombino und Sacoccio und Samuele Isbenico –«

»Nur weg mit den Namen!« schrie Belphegor.

»Die er aber alle vergiften ließ –«

»Alle vergiften ließ!« rief Medardus und Belphegor zusammen.

»O wir haben in Einem Jahr dreißig vergiftet, achtzig durch Banditen ermorden lassen und acht und zwanzig zu Tode geärgert, weil sie sich einem gewissen Projekte widersezten oder im Wege waren, das auf nichts weiter als auf die Unterdrückung der ganzen Christenheit abzielte. Mit unsern Vasallen gelang es uns zur Noth, was, wie ich höre, unser Nachfolger vollends zu Stande gebracht hat. Aber wir wollten weiter: unsre geheimen Absichten stiegen bis zur Universalmonarchie. Was Hildebrand nur zur Hälfte gethan hatte, sollte durch uns vollendet werden. Es ist nichts edleres, habe ich gehört, als der Trieb, über Menschen zu herrschen. Sonach sind die Nachfolger Petri gewiß die edelsten Sterblichen auf dem ganzen Erdenkreise; denn sie wollten nicht bloß über den ganzen Erdboden, sondern auch über den Himmel, nicht blos über die Körper, sondern auch über den Verstand herrschen. Auch habe ich gehört – denn ich bin bey dieser Bekanntschaft etwas politisch geworden –, daß nichts erhabner unter den Menschen ist, als alle seines Gleichen unter sich herabzusetzen, sich über alle emporzuschwingen und Menschen durch Mord, Blutvergießen oder andre Mittel – das gilt nun gleich – unter seine Füße zu treten. Wenn der Eroberer, der Sieger, der Held der größte Mann ist, so haben unter der Tiare größre Männer gesteckt als unter allen griechischen und römischen Helmen. – Wenn nur mein Liebhaber nicht zu zeitig gestorben wäre: wir hätten die Welt in Erstaunen setzen wollen! – Ich habe auch zuweilen mir sagen lassen, daß der höchste Gipfel der menschlichen Größe sey, den meisten, wo möglich allen, zu befehlen: wer hat mehrern Menschen befohlen als die Vorgänger meines Alexanders –«

»Aber, Brüderchen, lebte denn Alexander nicht vierhundert und –«

»Ich bitte dich, Freund, schweig!« rief Belphegor; »nur weiter! – Ich glühe vor Ungeduld.«

Akante fuhr fort: »Dschengis-Kan, Alexander der Große, Mahomed, Kublai-Kan, die kurz vor unsDie gute Akante hat freilich eine ganz ärgerliche Chronologie, daß man dem kunsterfahrnen Medardus sein öftres Kopfschütteln nicht übel deuten darf. so fürchterliche Reiche erobert und so vielen Menschen befohlen haben, sind nichts, gar nichts gegen uns. Sie mußten die Welt mit den schrecklichsten Beschwerlichkeiten durchlaufen und hatten am Ende nichts als ein Paar wilde Horden Tatarn mit ihren wilden Anführern dahin gebracht, daß sie von ihnen als ihre Ueberwinder erkannt werden mußten. Aber unsre geistlichen Helden saßen ruhig auf ihrem Stule und geboten mit Feder, Dinte und Pergament Kaisern, Königen, Fürsten: ihre Armee war zahlreicher, enthusiastischer, getreuer, thätiger als alle Armeen der ganzen Welt. Die Päbste waren die größten Herrscher, die größten Eroberer, die größten Menschen. Wir hätten sie aber alle übertroffen: wir hätten gewiß Asien zu unserm Fußschemel, Afrika und Amerika zum Sessel und Europa zum Paldachin gemacht.«

»Das wollte Alexander der sechste!« fiel ihr Medardus ins Wort. »Da war ja schon das kostnitzer Koncilium gewesen: nein, Brüderchen, in meinem Leben habe ich nicht so etwas von ihm gelesen. – Was war denn aber eigentlich Eure Absicht?«

»Eigentlich? – Es dahinzubringen, daß der chinesische Kaiser sein Reich von uns zur Lehn nehmen sollte: die Mandarinen sollten in Erzbischöffe, Bischöffe, Mönche und der Porzellänthurm in eine Domkirche verwandelt werden. Mit dieser Armee wollten wir nach Japan übergehn, beide Kaiser zwingen, sich der Kirche zu Füßen zu legen, über die japanischen Inselchen nach Ostindien zurückkehren; und da unsre Macht nunmehr stark genug seyn müßte, so wären wir nicht zufrieden, Vasallen zu machen: nein, in Ostindien müßten alle Reiche jenseits und diesseits des Ganges unsre wahren Unterthanen werden. Hier ließe sich auch allenthalben unsre Religion mit vieler Oekonomie einführen: Fetische, Braminen, Derwische, Bonzen, Fakiren dürften nur andre Namen bekommen, und die Leute würden durch ihre Bekehrung in keine neuen Unkosten für die Instrumente ihrer Andacht gesezt. Persien und die Türkey müßten nun schon Sklaven werden; diese sollten in den Kirchenstaat gebracht werden, um Moräste auszutrocknen und die wüsten Felder anzubauen. Bis dahin war unser Plan völlig ausgedacht und alle Maschinen zur Ausführung angelegt: die Schiffe in Civita Vecchia waren sogar schon ausgekehrt und ausgeflickt, als plözlich Alexander starb.«

»Und was hättet Ihr davon gehabt, wenn euer Entwurf reif geworden wäre?« fragte Belphegor.

»Wir wären die größten, die erhabensten Sterblichen geworden; denn ganz Asien hätte unsern Namen gewußt, ganz Asien hätte gesagt: ›Pabst Alexander der sechste hat uns die Köpfe zerschlagen‹, und wir hätten uns eingebildet, Herr aller dieser Länder zu seyn, hätten fleißig Bullen hingeschickt; und ist es nichts großes, nichts glückliches, im Schlafrocke und der Nachtmütze dem Menschenverstande eines ganzen Welttheiles zu befehlen, was er glauben und verwerfen, – willkührlich ihm vorzuschreiben, was Wahrheit und Irrthum seyn soll, nicht allein über ihre Seelen, Glauben, Erkenntniß, Einsicht, Beifall, sondern auch über ihre Gaumen und Magen zu regieren und selbst Seligkeit und Verdammniß unter sie nach Willkühr auszutheilen? – heißt das nicht der Vorsicht den Zepter aus den Händen reißen und sich ihr zum Mitregenten aufdringen? Wenn herrschen das edelste, das erhabenste ist, so kann wohl keine Herrschaft begehrungswürdiger seyn als diejenige, die man mit niemandem als dem Schicksale theilt: höher läßt sich für Sterbliche nichts denken. Es kam bey der Ausführung nur darauf an, daß einem Paar Millionen Menschen die Hirnschädel zerschlagen wurden, daß etliche hunderttausend Kinder ihre Eltern, eben so viele Eltern ihre Kinder oder Weiber ihre Männer einbüßten, daß etliche tausend vergiftet, ermordet, erwürgt wurden. Aber was ist alles dieses gegen einen so schönen, großen, herrlichen Plan, der Ueberwinder und Lehnsherr von ganz Asien zu seyn? – Ich habe auch wirklich schon Anstalten dazu machen müssen; den Kardinälen Quirinale, Escuriale, Vatikano, Monte Cassino und andern habe ich, als sie auf meinem Schooße schliefen, giftige Federn in den Hals gesteckt, die sie insgesamt gierig hinunterschlungen und in zwölf Stunden daran starben, weil sie mit dem chinesischen Kaiser in einem heimlichen Verständnisse seyn sollten.«

»Du Barbarinn!« rief Belphegor; »kann ich mich nun noch wundern, daß du grausam genug warest, mir meine Hüften zu lähmen, wenn du so viele Menschen um eines Entwurfs willen tödten konntest, der dir nichts half? – Du Mörderinn!«

»Bester Belphegor! ich bin nicht der einzige Sterbliche, der sein Gewissen und seine Ruhe einem fremden Nutzen aufgeopfert hat. Man dünkt sich schon groß, indem man große Absichten befördert, daran arbeitet; und jener Mann schäzte sich schon glücklich und groß genug, wenn er nur Troßbube bey der Armee des macedonischen Alexanders oder des Dschengis-Kan gewesen wäre.«

»Wenn aber nun euer Projektchen gescheitert wäre?« sagte Medardus.

»Je, so hätten wir es gemacht wie die meisten unsrer Vorgänger: die Schwachen und Furchtsamen hätten wir angefahren und sie unter die Füße getreten, und den Starken und Herzhaften wären wir zwischen den Beinen durchgekrochen. List oder Gewalt!«

»Um eines solchen eitlen, leeren Vorzugs willen so viele vernünftige Kreaturen umbringen oder unglücklich machen zu wollen!« seufzte Belphegor.

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