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Bekenntnis zu Jesus Christus nach dem Johannes-Evangelium

Nikolaus Ludwig von Zinzendorf: Bekenntnis zu Jesus Christus nach dem Johannes-Evangelium - Kapitel 30
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authorNikolaus Ludwig von Zinzendorf
titleBekenntnis zu Jesus Christus nach dem Johannes-Evangelium
publisherAussaat Verlag GmbH.
editorErich Beyreuther
year1963
correctorJosef Muehlgassner
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Menschlichkeit

Der Vater hat ihm Macht gegeben, auch das Gericht zu halten, darum, daß er des Menschen Sohn ist.
Johannes 5, 27

 

9. März 1738

Das sind des Heilands eigene Worte von sich, darin er sich deutlich erklärt über dieses große Geheimnis.

Die Ursache seiner Menschwerdung ist bekanntermaßen die: da niemand Gott versöhnen konnte, kein Bruder, kein Engel, keine Kreatur, so hat der Vater seinen Einziggeborenen für uns alle dahingegeben. Gott konnte nicht sterben, das ist natürlich und sterben wollte er doch, darum erniedrigte er sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, Philipper 2, 7, die Gestalt des sündigen Menschen, Römer 8, 3, und wurde so wahrhaftig Mensch, als er Gott war. So wie er vorher in göttlicher Gestalt war, so sah man ihn auch hernach in menschlicher Gestalt, einen so wahren Menschen in menschlicher Gestalt, als ihn die Engel Gottes in der Gottesgestalt angebetet hatten.

Das ist's, warum wir, wenn wir uns einerseits in den Staub legen zu seinen Füßen, weil er in der Höhe Gott der Herr ist, uns auf der anderen Seite mit Freude, Herzlichkeit und voller Zuversicht zu ihm nahen, weil er ein ganzer Mensch ist, wie wir auch sind.

Denn das Evangelium, das ist die Erzählung, daß Jesus in die Welt gekommen und unter uns gewohnt hat, samt der Geschichte, wie er verschieden ist, ist eine Kraft Gottes, selig zu machen alle, die daran glauben, Römer 1, 16. Ein jeglicher Geist, der da bekennet, daß Jesus ist ins Fleisch gekommen, der ist von Gott, 1. Johannes 4, 3.

Darum ist die Arbeit der Zeugen Jesu, wenn sie mit den Menschen reden, ihnen den gekreuzigten Heiland ins Herz zu predigen und vor die Augen zu malen, wie er wahrhaftig einmal für sie gestorben und tot war und nun lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit und die Schlüssel der Hölle und des Todes hat.

Paulus hat darinnen seine Weisheit, seine große Weisheit sehen lassen, daß er zu Korinth keine Materie wußte und predigte außer Jesus, und zwar vom Kreuz, 1. Korinther 2, 2.

Diese Materie ist seitdem verächtlich worden, weil sie so oft ohne Verstand hergesungen, hergebetet und gelehrt worden, daß der Lehrer nicht mehr weiß, was er sagt und der Zuhörer, was er denken soll. So ist dieses Geheimnis der Gottseligkeit durch Gewohnheit und Mißbrauch verfallen und vielen zur Torheit worden. Aber wer verständig oder wer, wie Paulus sagt, vollkommen ist nach Menschenweise, dem ist es doch Weisheit, 1. Korinther 2, 6. Daher wir diese Sache so weiter treiben wollen als der Herr Gnade gibt. Ein anderer Nutzen ist, daß er Gericht halten kann. Er weiß, wie uns zu Mute ist. Ebr. 2, 14-18. Er kann Geduld mit uns haben und versteht, Lauheit und Schwächlichkeit zu unterscheiden. Er hat unsere Not gefühlet, denn er ist wahrhaftiger Mensch gewesen nach Seele und Leib, wie alle Kinder, die Fleisch und Blut haben. Darum müssen wir ihn als einen treuen Hohenpriester ansehen und glauben, daß er in der Zeit, die er auf der Erde zugebracht, uns in allen Stücken gleich und in der Gemütsarmut und allen anderen Umständen auch gestanden ist, darunter seine Kinder noch jetzt hingehen.

Er hat alles erfahren, was ihnen im Leben begegnet. Er ist dem Allergeringsten gleich worden. Es ist kein Mensch in einer so elenden Gestalt, der sich nicht sollte erinnern und trösten können, daß Jesus auch einmal so gewesen ist wie er. Er hat als Mensch gekämpft und hat sich mit Gottes Wort und Gebet, eben wie andere Kinder Gottes beholfen. Er hat in beständigem Glauben an seinen Vater verharrt. Wie er vierzig Tage gehungert, hat er eine große Schwäche des Gemüts erfahren und was einem sonst dabei begegnen kann. Er hat die Macht seiner ewigen Gottheit dennoch zur Unterstützung in den Umständen gehabt, darinnen wir ihn nun brauchen und zur Seite haben, wie er seinen und unseren Gott damals zur Seite gehabt. Daher kommt's, daß der Heiland in seiner Erniedrigung sagt: Mein Vater und euer Vater, euer Gott und mein Gott, Johannes 20, 17. Daher kommen die Reden Christi, die etliche, die gern nicht glaubten, daß er ewiger Gott sei, so fleißig wider seine Gottheit brauchen. »Gar heimlich hielt er seine Gewalt«, und konnte nicht leiden, daß seine Jünger es ausplauderten, wenn sie was Besonderes an ihm wahrnahmen, und da sie ihn verklärt gesehen, wollte er nicht, daß sie es andern sagten, Matthäus 17, 9.

Er wußte wohl, daß die Menschen dazu nicht aufgelegt wären, an ihn zu glauben. Sie konnten nicht begreifen, daß ein Mensch aus dem Geiste müßte gezeugt werden, wie vielmehr würden sie erstaunt und verwirrt worden sein, wenn er von den Tiefen seiner Gottheit geredet hätte, Johannes 3, 12. Darum wandten sich auch viele seiner Jünger von ihm ab. Darum beweiset das nichts wider den Heiland und ist eine Torheit, dergleichen Sprüche anzuführen, die von der Zeit der Erniedrigung reden. Wenn ein Mensch in der äußersten Betrübnis, Ängsten und Erniedrigung seines Gemüts wäre und sagte: ich bin ein Wurm, eine unnütze Kreatur usw., wie es einige teure Zeugen Jesu bei ihrem Ende gemacht, und man wollte daraus schließen, sie wären's in der Tat und hätten nichts in der Welt getan, so wäre es ganz falsch. Moses Angesicht glänzte und er wußte es nicht, 2. Mose 34, 29. Es gereicht den Zeugen zu einer Ehre, daß sie selbst sich so gering und dem Herrn und den Menschen so wichtig seien. Ich weiß deine Armut, du bist aber reich, Offenbarung 2, 9. So ich mich selber ehre, sagt der Heiland, so ist meine Ehre nichts, Johannes 8, 54. Es wird die Zeit schon kommen, daß ihr seht, wer ich bin und was ihr an mir gehabt habt. Des Heilands Sache war's nicht. Er hatte kein Gefallen an sich selber, Römer 15, 3. Wenn euer Tröster (Jes. 66, 13) der Heilige Geist kommt, der wird es euch alles erklären, Johannes 16, 13.

Wie wir nun unleugbar wissen, daß er Gott ist, so müssen wir auch glauben, daß er ein Mensch ist und gleich wie wir (unsersgleichen) Fleisch von unserem Fleische und Gebein von unserm Gebeine. Daraus folget notwendig (wie es in unserm Katechismus steht), daß wir seinem Wort durch seine Gnade glauben und göttlich leben wie er, hier zeitlich und dort ewiglich.

Wenn wir es auf den höchsten Grad gebracht haben, so wissen wir immer, daß wir Menschen sind, er Hausherr, wir Knechte, er Sohn im Hause, wir angenommene Kinder, er Gott, wir seine Kreaturen, wir Glieder, er Haupt: Er hat das Leben in sich selber, wir haben's von ihm. Wir haben alles aus seiner Gnade und Barmherzigkeit. Das bleibt fest: in Ansehung der Würdigkeit sind wir nichts gegen ihn, kleine Stäublein und in keine Rechnung zu bringen. Wir haben alle Gnade, Kraft und Gaben von ihm. Dem ungeachtet werden wir, wie er war. Wir können glauben, wir können lieben, wir können den Glauben und gut Gewissen bewahren wie er. Das hat er uns auch in seinem letzten Testamente vom Vater ausgebeten, daß er in uns und wir in ihm seien, und daß uns der Vater bewahren sollte. Joh. 17, 15, 21, 23. Das ist eine Sache von äußerstem Gewicht und die einen Eindruck in aller Herzen machen soll. Uns soll's eine Freude sein, in seine Fußtapfen zu treten und zu wandeln, wie er gewandelt hat, denn wer solche Hoffnung zu ihm hat, der reiniget sich, gleich wie er auch rein ist. 1. Joh. 3, 3. Und wer das saget, daß er in ihm bleibet, der soll auch wandeln, so wie er gewandelt hat. 1. Joh. 2, 6.

Wir können hier lernen, was Sünde und was das Böse sei. Der Vergleich mit dem Leben des Heilands entscheidet das gleich. Alle Gebrechen, die die Kindschaft Gottes nicht hindern, finden wir am Heilande. Wir finden ihn müde, traurig, ängstlich, hungrig und durstig und in Umständen, da er sich nicht zu raten und zu helfen wußte, in Unwissenheit solcher Dinge, die ihm zu wissen gut schienen, darum sagte er, als ihn seine Jünger nach einer gewissen Periode der Zeit fragten: Er wisse das nicht, sein Vater im Himmel wisse es allein; Matth. 24, 36, und als ihrer zwei begehrten, einer zu seiner Rechten und der andere zu seiner Linken zu sitzen, sagte er, das stünde nicht bei ihm, sondern bei seinem Vater im Himmel, Matth. 20, 33. Als seine Jünger mit ihm am Ölberg waren und aus Not, Traurigkeit und Verwirrung schliefen, so mahnte sie der Heiland dreimals, als wenn ihm noch viel daran gelegen wäre, und geriet in Schwermut seines Gemütes darüber, daß sie nicht wachen wollten. Wo ein Knecht Jesu in seinem Gemüt schwach wird und Dinge tut, die nicht aus seinem Herzen kommen, sondern aus einem vom Schmerz und Elend übernommenen Gemüt, so ist ihm dies Exempel des Heilandes zu einem Trost. Wissen wir, wie es dem Herrn Jesu ergangen, in was für Schmach, betrübte Umstände und Kämpfe er vor Gott und Menschen geraten, so kann uns das zur Ermunterung dienen, gern elend und verlassen zu sein. Alles aber, was er nicht hat begehen können und was er nicht getan hat, weil's seines Vaters Willen entgegen war, das sollen und können wir auch unterlassen. Das ist der Spiegel der Heiligkeit: Wir haben Christi Sinn. 1. Kor. 2, 16. Diesen Sinn können wir nicht anders erlangen, als daß wir uns erinnern, daß der Hohe und Erhabene, der ewiglich wohnet, Jes. 57, 15, sich heruntergelassen hat und in der Gestalt des sündigen Fleisches erschienen ist und die Sünde an seinem eigenen Leibe gebüßt, gerichtet und verdammt hat. Wer ernstlich daran gedenkt, und kann nur das Eine mit Wahrheit versichern: »Es solle Jesu Leiden, bis Leib und Seele scheiden, ihm stets in seinem Herzen ruhn«, der hat einen Grund in Christo gelegt, darauf er alles bauen kann, was gebauet werden soll, solange er hier in der Zubereitung ist.

Alles muß auf die Erkenntnis von Jesu Menschwerdung sich gründen. Einen anderen Grund kann aber niemand legen, 1. Kor. 3, 11. Wollen wir vollkommen werden, was Paulus vollkommen nennt, Phil. 3, 15, so müssen wir dies Geheimnis lernen. Das ist nun das große Geheimnis der rechten Religion: Gott ist offenbaret im Fleisch. Das ist das Kleinod, das Paulus ergreifen wollte: Ihn zu erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Bekanntschaft mit ihm und das Mitteilhaben an seiner Marter und Verdienst. Und wenn Paulus saget: Kämpfet den guten Kampf des Glaubens, werde Herr über Sünde, Welt und Teufel, so sagt er dabei, ergreife das ewige Leben. 1. Tim. 6, 12. Das gehört auch zum ewigen Leben, Jesus Christus erkennen lernen, Joh. 17, 3. Und das schrieb Johannes den Seinigen, daß ihre Freude vollkommen wäre. 1. Joh. 1, 4. Hier ist es Stückwerk mit allem unserm Wissen, aber dort ist es vollkommenes Wesen, wenn wir ihn erkennen werden, gleich wie wir erkannt sind. 1. Kor. 13, 12. Darum kommt es nicht darauf an, daß wir alles zusammenhängend wissen, sondern daß wir uns von Tage zu Tage in die Materie mehr einleiten lassen, daß Jesus aus Gnaden ein Mensch wie wir und unsersgleichen gewesen ist und daß es von uns endlich auch heißen könne und müsse: Wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. 1. Joh. 4, 17.

 

15. November 1744

Wenn man auf das ganz speziale Amt, das der Heiland hat, mit den Menschen umzugehen, einen genaueren Blick tut, so sieht man unter anderem, daß ihm das Gericht über die Menschen überlassen ist, und daß er darum Richter ist über die Lebendigen und Toten, daß ihm die große Funktion, der Gott, der alles richtet, zu sein, darum überantwortet ist: weil er ein Mensch gewesen ist, weil er nicht nur auf der Erde gewesen ist, sondern auch in unserer Haut gesteckt hat, darum ist's ihm übergeben, daß er richtet und urteilt, wie die Menschen anzusehen sind und was man an ihnen gut oder böse nennen kann, denn er weiß wohl, was in dem Menschen ist.

Der Apostel Paulus hat sich viel Mühe gegeben, die Knechtschaft, davon der Heiland Joh. 8 sagt: Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht, und Johannes: Wer Sünde tut, der ist vom Teufel, 1. Joh. 4, 8, auseinanderzuwirren, wie das aussieht, und was ein Mensch aussteht unter dieser Tyrannei. Römer 7. Die Kinder Gottes sind von derselben Tyrannei erlöst und haben einen Geist, der anstatt des Satans den Platz eingenommen hat. Der Heiland hat über die Menschen, die in des Satans Stricken liegen, gleichwohl die unumschränkte Oberdirektion. Er kann hundert Sachen anders drehen, als der Gott dieser Welt will und wünscht. Und können sich die armen Seelen gleich nicht helfen, so kann ihnen doch der Heiland helfen: Er bleibt doch ihr Gott, ihr oberster Regent, ihr Schöpfer, denn alle Seelen sind sein. Nachdem uns nun unsere Sünden vergeben sind, so wird uns der Geist wieder mitgeteilt, den wir verloren hatten in Adam. Und der Geist ist immer bei uns und kommt nimmer von uns; der hat wirklich sein Geschäft und Verrichtung in uns, so daß er es in Regierung unserer ganzen Person täglich und stündlich beweiset; der steht unmittelbar unter dem Geist Jesu Christi; er empfängt aus Gottes Wort und bei allen Gelegenheiten lauter wahre Worte des Heilandes. Der Heilige Geist erinnert ihn dessen, was Jesus wahrhaftig denkt und sagt. Und von derselben Stunde an sind desselben Menschen seine Ideen geändert; er hat nicht mehr die vorigen Grundsätze, die vorige Art. Da muß man nun ein gewisses Kennzeichen haben, daran man wissen kann, ob wir unser Herz dem Geiste wirklich wieder eingeräumt haben, so daß nunmehr in uns der rechtmäßige Besitzer wieder da und Herr, Haupt und Hausvater ist, der dem andern das Haus zuschließt. Das können wir an den Grundgedanken wissen, die wir haben.

Die bloße Lust zum Guten ist noch kein Beweis, denn man kann viel Neigung zum Guten haben und man kann doch nur ein leeres Gefäß sein, das einem jeden Einfall offen steht. Man kann Lust haben zu Gottes Gesetz, sagt Paulus, aber es fehlt was, es fehlt der Abscheu vor dem Argen: Es fehlt der Greuel, der inwendige Greuel vor allem Bösen; es fehlt die verwandelte Natur, da sich der Mensch selber nicht mehr kennt, da der Mensch selber über sich verwundert ist. Denn vorher hat man Sachen können essen und genießen in seinem Gemüt, die einem nun sind, als wenn man Heu, als wenn man Spinnen essen sollte, als wenn man den Kalk von den Wänden kratzen und essen sollte, als wenn man ein Aas, das auf der Straße liegt, tunken und daraus essen und trinken sollte. So ist einem gegen das Böse, wenn der neue Geist da ist, der Geist aus Gott. Wenn der Geist da ist, so ist man so verändert in seinem Geschmack, in seinen Ideen, in seinen Neigungen und in dem, was man vertragen und nicht vertragen kann, daß man nichts Unreines, Unlauteres, Falsches, dem Sinne des Heilands und seines Vaters und des Heiligen Geistes Widerstehendes bei sich einlassen kann, ohne daß einen ein Schauer überfällt. Man kann ohne Ekel nicht sündigen, man kann ohne Grausen einer Sünde nicht nahekommen. Es braucht keines Buches, das man aufschlagen müßte, was recht oder unrecht ist, sondern es stellt sich dem Gemüt alles Falsche, alles Unrechte, alles dem Heiland Entgegene, alles Sündliche, in einer giftigen Abscheulichkeit dar und mit einer solchen Totwidrigkeit, daß man sich eher könnte in ein Grab verschließen lassen und zu einem fremden, faulen Körper hinsetzen, ehe man eine Viertelstunde könnte bei einem sündlichen Gedanken, bei einem sündlichen Appetit, bei einer Idee von seiner eigenen Größe, bei einer Idee von fleischlichen Lüsten, bei einer Idee von Geiz, Begierlichkeit, Neid, Feindschaft und dergleichen mit Wohlgefallen aushalten und verweilen. Wenn man nun noch unter der Botmäßigkeit des Satans stünde, so müßte man gewärtig sein, daß er einen mit Gewalt hineinstieße, daß er einen dazu zwänge, daß er einen in seine Bande brächte, wie David sagt: Er verfolgt meine Seele, er schlägt mein Leben zu Boden, er reißt mich herunter in die Gruft, er will mich lebendig begraben, siehe Psalm 143, 3. Aber das geht nicht an: denn er hat kein Recht an unsern Geist, und alles das Böse, Unlautere, Nichtsnutzige, das sich noch bei uns melden und regen kann, das muß augenblicklich unter die Füße, das muß sich gleich zertreten, das muß sich gleich wider die Wand schmeißen lassen wie eine Fliege.

Die Kunst und List der Sünde und der sündlichen Unart ist, daß sie sich selten meldet, daß sie den Kindern Gottes lange Frieden läßt, daß sie nach vielen tückischen Vorbereitungen und Umständen sich endlich unter einer anderen Gestalt zeigt, denn es ist ihr eigener Schade, wenn sie sich oft meldet. Je mehr sich das Verderben sehen läßt, je öfter sich die Unarten blicken lassen, je mehr sich solche Aufwallungen des Bösen hervortun, je mehr werden ihrer totgeschlagen, je mehr werden unter die Füße getreten, je mehr werden ihrer zerstreuet und müssen zerrinnen vor dem Geist und seiner gewaltigen Hand. So sieht der Mensch in seinem Geist aus, der Mensch Gottes, der mit Wahrheit zum Heiland sagen kann: Ach, Bruder, der mit Weisheit zum Heiligen Geist sagen kann: Mein Tröster und Beistand! Der mit Wahrheit Abba sagen kann zum Vater Jesu, weil Jesus sein Bruder ist.

Indessen bleibt's doch dabei, daß wir arme Menschen sind, daß wir sündige Menschen sind, daß wir elende Kreaturen sind, daß wir nicht tun können, was wir wollen. Den zwanzigsten Teil Gutes, das wir tun könnten und sollten, tun wir kaum. Darauf kann man ziemlich rechnen. Wenn wir auf das Verhältnis der jetzigen Zeit mit der Ewigkeit denken, neunzehn Teile liegen brach und ein einziger Teil bringt dem Heiland seine Frucht. Das ist die Schwachheit, die Unvollkommenheit, die Ungenügsamkeit des armen Menschtums. Daher geschieht's, daß wir mannigfaltig fehlen, daß wir die Leute unrecht beurteilen, entweder zu schlecht oder zu gut, daß wir die Handlungen zu früh oder zu spät tun, daß wir allerhand Versehen in Schriften, in Gesprächen, daß, wenn man eine halbe Stunde hernach fragt, so müssen wir's widerrufen. Da die gelehrten Leute denken, es wäre eine Todsünde, wenn sie sagen sollen: Ich habe gefehlt, so muß ein Kind Gottes gestehen: »Ich fehle, ja! Ich fehle. Du hast da und da gefehlt? Ja, ich habe gefehlt, wenn das mich ausschließet aus der Gemeinschaft Gottes, wenn ich darum nicht orthodox bin, wenn ich darum von anderen Mitgliedern sollte verstoßen werden, so ist's wahr, ich habe gefehlt da und dort, ich werde künftig wieder fehlen, ich werde es bekennen und mich bessern müssen.«

Aber drittens (und das ist das schlimmste), wir sind hier in der Zeit: wir tragen unsern Schatz in irdenen Gefäßen, wir sind in mancher Gefahr, wir haben mit listigen Feinden zu tun, das Verderben ist noch wirklich da, es ist in unseren Gliedern. Es fehlt an einem rechten Ausdruck, damit wir's nennen könnten. Wir können auch nicht den Leib darunter verstehen, sondern es ist der Leib in einer ganz genauen Verbindung mit der Seele. Das wissen wir nur nicht mit einem Worte zu nennen; und wenn wir die Schwachheit begehen und nennen's mit einem Worte, so können wir uns irren, wir können uns unrecht ausdrücken. Kurz: das Verderben ist noch da, es liegt wirklich noch in uns. Die Theologie sagt: Wenn der Leib in der Erde liegt, so ist es weg. Es scheint also, daß sie es in den Leib verweisen. Aber es ist doch gewiß, daß die Seele in der Verbindung mit der Hütte (irdischer Leib) niemals ganz frei und ledig von dem Elend der Natur ist.

Das Verderben nun, das Elend, das, wie ich vorher gesagt, in der Kraft Jesu Christi beständig kann angeschlagen, zerrissen, gekreuzigt werden, dasselbige hat die Art, daß es immer wieder hervorkommt; es hat die ordentliche Ungezieferart, daß, wenn es einmal rein weggemacht ist, es sich wieder regt, später oder früher. Das hat nun wohl keine Gewalt über uns und kann nichts mit uns machen, es ist eine bloße Beschwerde, ein bloßer drückender Schmerz, aber die Spitze ist abgeschlagen, sagt der Apostel: Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? 1. Kor. 15, 55. Die Pfeile sind stumpf. Aber wenn wir nicht Achtung geben, wenn wir leichtsinnig sind, wenn wir nicht durch das beständige Aufmerken auf die Stimme des Heiligen Geistes und durch das beständige Anblicken unsers gekreuzigten Heilandes immer in einem ordentlichen Gange bleiben, wenn der Friede Gottes nicht unser Herz und Sinnen bewahrt und wir kommen, wie wir zu reden pflegen, von unserm Herzen ab, so kann endlich die Schlange, die Eva verführte mit ihrer Schalkheit, uns unsere Sinnen verrücken von der Einfältigkeit, von dem geraden Blick auf Christus, von dem einfältigen (einfachen) Gehorsam gegen den Heiligen Geist und kann uns berücken, daß sie uns einmal was Böses für was Gutes ausgibt, und führt uns so weit hinein, daß wir's nicht eher merken, bis wir mitten darin sind. Das hebt meinen vorigen Satz nicht auf, daß ein Kind Gottes unmöglich kann etwas wollen, das wider den Sinn des Heilandes ist, aber es zeiget, daß die Menschlichkeit so schwach ist, daß ihr Geschmack und Gefühl kann betrogen werden durch Kunst und List dessen, der sich in einen Engel des Lichts verstellen kann, von einem Wirbelwind angeblasen werden kann, wie es dem Menschen in der Natur begegnet, wenn man sagt, es hat eins böse Luft gekriegt, daß ihm das Gesicht anläuft. Das kann einem wahren Kinde Gottes noch bis diese Stunde begegnen, wenn's unvorsichtig und von seinem Herzen abgekommen ist. Und das sind die beklagenswürdigen Stunden, da, anstatt daß man einer anderen Seele hart fallen soll, man vielmehr Mitleiden mit ihr haben, mit ihr weinen und für sie bitten soll, daß sie wieder gesund werde.

Das versteht nun unser Herz, das weiß der Heiland, der ein Mensch gewesen ist, in solcher Präzision, daß wir unmöglich so treffend denken können als er. Danach richtet er, danach spricht er den Leuten das Recht zu oder nicht, danach läßt er den Verkläger ablaufen oder sein Recht hinausführen, denn er kennt die ganze Beschaffenheit eines Menschen. Insbesondere weiß er ganz genau: Wer nicht denkt wie er, der gehört nicht in seinen Stall, an seine Brust, denn er ist nicht wie er. Er kennt die Menschen nicht. Er spricht: »Ich kenne dich nicht.« – Lieber Heiland! Du bist ein Mensch: – Ja, das ist wahr. Wie? Solltest du die menschlichen Schwachheiten nicht wissen? – Die weiß ich, die habe ich erfahren. – Solltest du nicht die menschlichen Fehler verstehen? – Sehr gut, aber da ist was anders. Das ist der himmelweite Unterschied zwischen einer Seele, die da selig und die da sagen kann mit Paulus: Ich werde ihn kennen, wie ich erkannt bin, und zwischen einer solchen Seele, die vielleicht artig und hübsch von außen ist, daß sie die Menschen für etwas halten, der Heiland aber spricht: »Ich kenne die Art nicht: so ist mir nicht gewesen, ich kenne dich miteinander nicht.«

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Davor behüte uns, lieber himmlischer Vater!

 

15. November 1749

Der Heiland muß Richter sein und die Ursache, warum ist die, weil er einmal Mensch gewesen ist und noch in Ewigkeit sich dazu bekennt, weil er erfahren hat in dieser Hütte, darin die anderen sind, wie es eine Seele in diesem Leibe erfährt, er mußte allerdings wie ein anderer Mensch sein, umgeben mit Schwachheiten, und da hat er sich auf das allergenaueste erkundigt, was beim Menschen Schwachheit ist, was beim Menschen Schalheit ist, er ist der Mann, der die Gedanken und Sinnen der Menschen abwiegt, er kann mit nichts hintergangen werden, er weiß, was im Menschen ist. Und wo es wahr ist, daß das Menschtum oder die Menschlichkeit schuld an etwas ist, da hat er erstaunlich Mitleid, da kann er mitweinen, da kann er die Leute lieb haben und recht liebhaben, aber wo auch ein Mensch nicht treu, nicht redlich ist, wo es am Herzen fehlt, wo das Auge ein Schalk ist, da steht's mit so einem Menschen nicht gut, denn wenn's einmal zum Urteil kommt, wenn der Heiland auf sein menschliches Gewissen sagen soll, ob eine solche Seele zu seinen Schafen gehört oder ob sie hinaus gehört vor die Tür, da richtet er nicht nach dem Ansehen, sondern aus dem Herzen heraus. Er weiß auch ihre ganze Geschichte, was sie gedacht und gemacht haben, solange sie in der Hütte gewesen sind. Aber das Allerwichtigste ist und bleibt, daß er die Hindernisse, die sie haben in der Zeit gehabt, sein Eigentum zu sein, alle nach dem Teil, den das Herz daran genommen hat, untersucht. Und da kann ein Mensch nicht so elend sein, er kann sich in der Welt nicht so schlecht aufgeführt und so wenig Gutes getan haben, er findet immer ein barmherziges Herz, wenn nur der Heiland, nach seiner Erfahrung, nach seiner Herzenskunde für den Menschen einstehen kann und sagen: sein Gemüt war besser als seine Figur, er hat mich doch liebgehabt, er hat eine Neigung zu mir gehabt, er hat nichts gegen mich gehabt, er ist eine arme Kreatur in der Welt gewesen, es ist etwa nicht viel Verstand dagewesen oder es sind erschrecklich viele Hindernisse dagewesen, die er nicht übersehen, daraus der Mensch sich nicht hat finden können und es würde noch weitergegangen sein, wenn man den armen Menschen nicht aus großer Barmherzigkeit aus der Zeit genommen und aus seinen verwirrten Umständen herausgerissen hätte, es hat da mehr am Kopf und an den Umständen als am Herzen gefehlt. Das ist ein gut Zeugnis. Und so können in der Welt viele Tausend Menschen sein, die ich nicht verdammen möchte.

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