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Bekenntnis zu Jesus Christus nach dem Johannes-Evangelium

Nikolaus Ludwig von Zinzendorf: Bekenntnis zu Jesus Christus nach dem Johannes-Evangelium - Kapitel 27
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authorNikolaus Ludwig von Zinzendorf
titleBekenntnis zu Jesus Christus nach dem Johannes-Evangelium
publisherAussaat Verlag GmbH.
editorErich Beyreuther
year1963
correctorJosef Muehlgassner
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Die Barmherzigkeit und das Gericht

Der Vater richtet niemand, sondern alles Gericht hat er dem Sohne übergeben.
Johannes 5, 22

 

12. November 1750

Das Gericht ist dem Heiland übergeben, weil er ein Menschensohn ist. Er wird mit der größten Treue und haardurchschneidenden Billigkeit richten, wird aber die Barmherzigkeit vorwalten lassen, soviel nur der Respekt seines Amtes und Gerechtigkeit zuläßt. Mit seinem Kreuzeskampf hat er uns die Befreiung vom Gericht erworben.

Wenn man also gleich weiß, man kommt nicht in die Hölle, so hat man doch keine Ursach, leichtsinnig zu sein, denn man weiß, daß alles hier desto genauer genommen wird, daß man dem Heiland so gut für seine Gedanken, als ein anderer für seine Worte und Handlungen Rede und Antwort geben muß. Die ich liebhabe, nehme ich in meine Zucht, denn ich weiß wohl, was im Menschen ist, ich weiß, wie man mit den Kranken Mitleiden und mit den Leichtsinnigen Ernst brauchen muß.

 

30. Oktober 1752

Wenn man sich den Heiland als Richter alles dessen, was tot und lebendig ist, vorstellt, so stellt man sich da weithin nichts anderes vor, als daß ihm das Recht überlassen ist, selig zu machen und zu verdammen, nach eignem Gutbefinden. Aber der Richter ist ein Mensch, »er weiß und kennt, was beißt und brennt, versteht wohl, wie zu Mute sei dem Kranken«. Er weiß Ursache aller Dinge, wozu kein Mensch keine mehr weiß. Wenn ein menschlicher Richter noch so viel Ausflüchte für einen armen Delinquenten weiß, ist er aber am Ende bei aller zugestandenen Billigkeit und Nachsicht durch die Gesetze verlassen, so kann er nicht helfen, denn er ist nicht Herr, sondern Kreatur der Gesetze. Aber der Heiland ist zugleich Richter und Gesetzgeber und souveräner Herr über Tod und Leben. Er hat die Schlüssel der Hölle und des Todes. Er macht damit, was er will. Wenn er also nicht mehr entschuldigt, wenn er nichts mehr vorbringt, eine Seele zu retten, so geht sie eben nach dem Gesetz verloren. Er sagt: Der Vater richtet niemand, sondern das Gericht ist mir überlassen. Er sagt aber auch, ich richte niemanden, sondern der Buchstabe des Gesetzes der Ewigkeit, das Wort, das ich geredet habe, wird richten an jenem Tage.

Die eigentliche Ursache des Gerichts ist der Unglaube und daß die Leute wollen ungläubig sein. Sagt man, wir sehen doch aber auch nichts, es ist doch nicht sehen und doch glauben sollen. Antwort: wer hat denn gesagt: daß das Sehen mehr ist als das Hören, das Hören mehr als das Fühlen und das Fühlen mehr als das Denken und daß die Vorstellung im Gemüt nicht so gut ist als der Spiegel in den leiblichen Augen? Was sieht denn ein blindgeborenes Kind? Und wenn sich das gleich nicht vorstellen kann, wie sein Vater und Mutter aussehen, hat's darum auch keine Liebe zu seinen Versorgern? Es ist nirgends gesagt, daß der Glaube durchs Sehen vergrößert wird. Wieviel Tausend Sachen glauben wir, die wir nie sehen können, noch gesehen haben, ja, wir werden mit einer Zuneigung darauf hin- oder mit einer Abneigung davon abgeführt und machen uns eine angenehme oder unangenehme Vorstellung davon. Sind nicht viele Tausend Leute nach Amerika gegangen, die weder das Land noch Leute gesehen, die da gewesen, sondern nur dem getraut, was in Büchern davon gestanden und sind nicht zu halten gewesen. Wie kommt's dann, daß man so behutsam ist, die Sachen zu glauben, die den Heiland angehen und die einzige Bedingung, sich mit dem Herzen an ihn zu halten, bis man ihn sieht, nicht erfüllen kann? Der Heiland weiß es wohl, wie es kommt: sie lieben, sagt er, die Finsternis mehr, denn das Licht, Johannes 3, 19, und das wird die Ursache zum Verlorengehen. Da wird's nicht heißen: »mein Freund, ich tue dir nicht Unrecht«, sondern »ich habe alle meine Güte und Lindigkeit für dich erschöpft, ich kann nicht wider die Gerechtigkeit, ich habe in Wahrheit deine Bekanntschaft nicht erlangt, darum muß ich dich deinem Schicksal überlassen.«

Das ist der eigentliche Schlüssel zur Materie vom Gericht, nur daß die Seite, wie sich das Gericht uns darstellt, eigentlich die ist, daß der Heiland dadurch noch das meiste Gute zu schaffen und die meisten Triumphe der Barmherzigkeit gegen das Gericht auszuführen weiß.

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