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Beim Weiden-Joseph

Johanna Spyri: Beim Weiden-Joseph - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleRosenresli und neun weitere Erzählungen
authorJohanna Spyri
year1999
publisherVerlagsunion Pabel-Moewig
addressRastatt
isbn3-8118-1555-5
titleBeim Weiden-Joseph
pages7-51
created20010403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1882
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5. Kapitel

Der Weihnachtsabend

Der langersehnte Weihnachtstag war gekommen. Vom frühen Morgen an waren Kurt und Karl im Fieber der Erwartung von einem Zimmer ins andere und die Treppe hinauf und wieder herunter gewandert. Nirgends konnten sie länger bleiben, denn das überwältigende Gefühl des nahenden Glücks trieb sie immer wieder umher. Bei der ständigen Bewegung hatten sie die Empfindung, als könnten sie dem Abend ein wenig schneller entgegengehen.

Lissa saß ganz still in einem Winkel und reagierte kaum, wenn die Brüder zu ihr kamen und sie in ihre hochfliegenden Hoffnungsgedanken hineinziehen wollten. Einen solchen Weihnachtstag hatte Lissa noch nicht erlebt. Wie war sie sonst voll freudiger Unruhe und brennendster Erwartung auf den Abend gewesen. Wie war sie voller Glück und Wonne, daß sie nichts Herrlicheres kannte als diese Stunden der Erwartung und dann auf einmal die Erfüllung. Die Erfüllung all' der vielen, vielen Wünsche im strahlenden Lichterglanz.

Jetzt saß sie da und wollte sich freuen, wie die Brüder. Aber es lag auf ihr wie eine erdrückende Last, die jedes Freudengefühl erstickte. Und wenn sie sich zwingen wollte, alles abzuwerfen und zu vergessen und sich doch auf den Abend zu freuen wie früher, so war es ihr, als höre sie auf einmal jemand kommen. Der erzählte, daß er das Krausköpfchen tot gefunden hätte und wüßte, daß sie es verloren und vergessen hatte, und er wollte es dem Vater sagen. Dann kroch sie noch tiefer in die Ecke hinein, mit der Freude war es ganz vorbei.

Gegend Abend hatten Kurt und Karl endlich einen Augenblick der Ruhe gefunden. Die Spannung, die nun ihren höchsten Punkt erreichte, hatte sie beide zusammen auf einen Schemel gebannt, wo sie vor ungeduldiger Erwartung nur noch leise Worte miteinander zu sprechen wagten.

»Was glaubst du von dem Krocketspiel mit den farbigen Kugeln?« flüsterte Karl. »Meinst du, daß das Christkind daran denkt?«

»Vielleicht«, antwortete Kurt leise, »aber weißt du was? Ich wollte noch viel lieber, es hätte an einen neuen Schlitten gedacht. Denn siehst du, der Wagen läuft nicht gut, und dann haben wir nur noch die Geiß. Und wenn die Lissa wieder einmal lustig wird, dann sollst du sehen, wie die Schlitten fahren will. Das kenne ich, und dann bekommen wir zwei die Geiß nie, und auf dem Wagen haben wir nicht einmal beide Platz.«

»Ja, aber dann die Festung. Weißt du, Kurt, wie oft wir schon gern eine Festung gehabt hätten?« fragte Karl. »Fast noch lieber wollten wir keinen Schlitten, meinst du nicht auch?«

»Ja schon«, sagte Kurt zögernd, denn ihm war schon wieder ein neuer Gedanke gekommen. »Oder wenn das Christkind einen Malkasten brächte und wir wieder die großen Soldatenbilderbogen malen könnten?«

»Oh, oh«, stöhnte Karl vor entzückter Erwartung.

Jetzt trat die Mutter ins Zimmer. »Kinder«, sagte sie, und winkte mit dem Finger, »drüben sind die Lichter angezündet beim Klavier. Nun gehen wir, um ein Lied zu singen. Wo ist Lissa?«

In der Dämmerung hatte die Mutter nicht bemerkt, daß Lissa in der Ecke saß. Auch die Brüder hatten es nicht gewußt, denn sie hatte keinen Laut von sich gegeben. Jetzt trat sie hervor, und alle gingen hinüber zum Klavier. Da setzte sich die Mutter hin und spielte und sang vor. Kurt und Karl stimmten aus voller Kehle mit ein, und Lissa sang leise mit. Und als nun im Lied die Worte kamen:

»Jesus ist größer, Jesus ist größer,
Der unser traurig Herz erfreut«,

da sang der Karl sie so fröhlich schmetternd, daß man merken konnte, er hatte zur Zeit kein trauriges Herz. Aber die Lissa hatte erfahren, was das ist, ein trauriges Herz zu haben. Sie schluckte und schluckte und konnte nicht weiter singen. Als das Lied zu Ende gesungen war, stand die Mutter auf und sagte: »Nun bleibt ihr still zusammen hier, bis ich wiederkomme.« Aber Lissa lief ihr nach und rief kläglich: »Mama! Mama! Kann ich dich nicht etwas fragen?«

Die Mutter zog das Kind in ihre Schlafkammer hinein und fragte, was es wolle.

»Mama, kann der Herr Jesus alle, alle traurigen Herzen wieder fröhlich machen?« fragte Lissa verängstigt.

»Ja Kind, alle«, gab die Mutter zur Antwort, »alle was auch auf ihnen liege. Nur das Kind kann er nicht fröhlich machen, das ein Unrecht begangen hat und es nicht gestehen will.«

Jetzt brach Lissa in lautes Weinen aus: »Ich will ja alles gestehen«, schluchzte sie auf, »ich will es ja sagen. Ich habe das Krausköpfchen doch noch mitgenommen und habe es dann vergessen und verloren, und dann habe ich es verschwiegen. Ich bin schuld, daß es verhungert und erfroren ist, und ich kann mich nicht mehr freuen, über gar nichts.«

Jetzt zog die Mutter Lissa liebevoll zu sich und sagte tröstend:

»Jetzt hast du erfahren, liebes Kind, wie ein Unrecht, das wir verschweigen, uns furchtbar unglücklich macht. Daran wirst du denken und es nie wieder tun wollen. Nun aber hast du es voller Reue bekannt, und nun kann und will der heilige Christ in dein Herz einziehen und es wieder fröhlich machen. Denn heute will er alle Herzen ganz besonders erfreuen. Jetzt trockne deine Tränen ab, und dann geh zu den Brüdern hinüber, ich komme dir bald nach.«

Der Lissa war ein solches Gewicht vom Herzen genommen, und so leicht und frei fühlte sie sich, daß sie am liebsten über alle Berge gesprungen wäre. Erst jetzt stieg mit einemmal und mit aller Macht das Bewußtsein in ihr auf, daß heute Weihnachten ist. Was kann heute noch alles geschehen? Es jubelte alles auf in ihr. Ein einziger Schatten stieg zwischendurch noch in ihrem Herzen auf – das Krausköpfchen. Wo mochte das verhungerte Krausköpfchen jetzt liegen?

Als Lissa in frohen Sprüngen zu den Brüdern herüberkam, mußten sie sich sehr wundern. Aber Karl sagte sofort: »Es ist gut, daß du wieder so bist. Ich habe aber schon gedacht, zu Weihnachten würdest du dann wieder froh werden.«

Jetzt mußte Lissa ihrer freudigen Erregung und ihren eben erst erwachten Hoffnungen ein wenig Luft machen. Aber als sie begann den Brüdern von Krausköpfchen zu erzählen, ertönte laut die Glocke des Hauses, und Karl rief schneeweiß vor Erregung: »Das Christkind!« In dem Augenblick machte die Mutter die Tür auf, und die Kinder stürzten hinüber.

Da strahlte und schimmerte und funkelte es ringsum, und vor wunderbarer Herrlichkeit konnte man erst gar nicht erkennen, was alles da war. Aber in der Mitte stand ein großer Tannenbaum mit hellen, strahlenden Lichtern, und rosige Engelchen und glänzende Sommervögel schwebten um die Kerzen. Rote Erdbeeren und schimmernde Kirschen und goldige Birnen und Äpfelchen hingen an allen Ästen, und in sprachlosem Entzücken liefen die Kinder hin und her um den Baum herum.

Aber mit einemmal kam etwas hereingerannt, und plötzlich wurde Lissa fast umgeworfen. Sie stieß einen ungeheuren Freudenschrei aus. Wahrhaftig, da war das Krausköpfchen. Kugelrund und frisch stieß es an die Lissa und rieb sein Köpfchen an ihr und blökte laut auf vor Freude. Kurt und Karl stürzten hinzu und konnten fast nicht glauben, was sie sahen. Nicht verhungert, nicht erfroren, ganz lebendig und lustig war das Krausköpfchen wieder da. Sie erdrückten es fast vor Liebe und Freude.

Aber Karl hatte noch etwas gesehen. Er machte einen großen Sprung zur Seite. »Kurt, Kurt!« schrie er außer sich, »die Festung, die Festung!« Aber Kurt war schon auf die andere Seite gesprungen und rief zurück: »Komm hierher! Komm hierher! Da ist der neue Schlitten! Oh, der prachtvolle Schlitten!« Und als Karl zu ihm rannte, schrie er noch einmal auf. »Da steht der Malkasten! Oh, so viele Pinsel sind drinnen!«

Lissa drückte und liebkoste immer noch das Krausköpfchen, denn seine Rückkehr war für sie das liebste Geschenk. Wie konnte sie jetzt wieder fröhlich sein. Alles, alles war vorbei, was sie gequält hatte, alles war wieder gut. Wie war es nur möglich?

Auf einmal erblickte Lissa zwei Augen, ganz groß aufgesperrt, die starrten auf den strahlenden Baum in regungsloser Bewunderung. Das mußte ja der Seppli sein. Lissa stand vom Boden auf, wo sie beim Krausköpfchen gekauert hatte. Richtig, da stand auch das Stanzeli neben dem Seppli und schaute mit staunenden Augen zu all den leuchtenden Herrlichkeiten auf.

Lissa ging zu den Kindern. »Bist du heute auf einmal zu mir gekommen, Stanzeli?« fragte sie. »Der Baum ist schön? Hast du gewußt, daß heute das Christkind kommen wird?«

»O nein! O nein!« sagte das Stanzeli ganz schüchtern und leise, »aber deine Mutter hat uns eingeladen. Erst heute hat der Pater Klemens gesagt, das Schäfchen gehöre euch, wir dürften es herüberbringen.«

»So habt ihr das Krausköpfchen gebracht? Aber woher denn, Stanzeli? Wo war es denn? Wie kann es nur so gesund sein und so aussehen?«

Jetzt trat die Mutter hinzu und sagte der Lissa, sie werde ihr alles erzählen. Nun aber solle sie die Kinder zu dem Tisch am Fenster hinüberführen, denn das Christkind habe auch an sie gedacht. Aber zuerst brachte kein Zureden den Seppli vom Fleck. Denn einen solchen leuchtenden Baum mit den lockenden, schimmernden wunderbaren Sachen an allen Ästen hatte er in seinem Leben noch nie gesehen. Er konnte seine Augen nicht mehr davon abwenden. Er machte keinen Schritt vorwärts, wie verlockend auch die Einladung klang.

Zuletzt sagte Lissa: »Komm nur, Seppli, du kannst dort beim Tisch auch den Baum sehen und dann noch dazu, was dir das Christkind gebracht hat.«

Jetzt bewegte sich der Seppli langsam und ohne vom Baum wegzusehen. Aber der Tisch bot ihm einen Anblick, den er nicht erwartet hatte. Auf einem Teller lag ein Lebkuchen, so groß, wie er noch nie einen gesehen hatte. Und ringsum lagen viele rote Äpfel und große Nüsse. Und daneben lag eine Schultasche, in der man alles tragen konnte, was man in der Schule brauchte, so daß man dann nie etwas verlor.

Und das Buch und die Tafel und die Griffel, die der Seppli zum Schulbeginn haben mußte, lagen schon darin. Daneben lag noch eine ganz dicke Jacke für den Seppli, wie er in seinem Leben noch keine getragen hatte. Seit die Lissa gesagt hatte: »Das gehört dem Seppli«, stand er wie versteinert an dem Tisch und schaute einmal zu dem Stanzeli, ob es auch glaube, es sei wahr, und dann blickte er wieder auf seine Schätze.

Das Stanzeli konnte sein schönes, warmes Röckchen und die prächtig gefüllte Nähschachtel, die noch mit dem großen Lebkuchenteller daneben stand, auch nicht genug ansehen. Aber jetzt erschrak es sehr, denn der Herr Oberamtmann kam auf einmal mit einem Mann, der vorher mit dem Hans und der Trine bei der Tür gestanden hatte, zu ihm. Der Herr Oberamtmann sagte: »Da seht einmal hin, kennen werden Sie sie freilich nicht mehr.«

Dann ging er wieder weg.

Der Mann streckte seine Hand aus. »Gib mir die Hand, Stanzeli«, sagte er. Das Kind gehorchte und schaute mit seinen ernsthaften Augen fragend zu ihm auf.

»Stanzeli, Stanzeli«, sagte er jetzt ganz bewegt, »tu nicht so fremd zu mir. Du hast die gleichen Augen wie deine Mutter selig. Komm, sag ein Wort, Stanzeli, ich bin dein Vater, und du siehst mich genauso an wie sie.« Und er mußte sich öfter die Augen wischen.

»Wir haben nur einen Großvater und dann noch eine Großmutter«, erklärte jetzt der Seppli, der allem zugesehen hatte.

»Nein, nein, Seppli, ihr habt auch einen Vater, der bin ich«, sagte der Vater und nahm jedes der Kinder bei einer Hand. »Ich will es euch gewiß jetzt zeigen, aber ihr müßt mich auch kennen. Stanzeli, du willst zu deinem Vater freundlich sein? Du bist ja genauso geworden, wie deine Mutter war.«

Der Mann mußte ständig über seine Augen wischen.

»Ja, ich will schon«, sagte das Stanzeli zaghaft, »aber ich kenne Euch gar nicht.«

Der Oberamtmann hatte bis jetzt von der Seite auf die kleine Gruppe am Tisch hingeblickt. Nun trat er wieder hinzu. »Sepp«, sagte er ernsthaft, »ich weiß noch einen Vater und auch eine Mutter, denen es weh tut, daß der Sohn sie nicht mehr kennt. Und daß er kein gutes Wort und keinen dankbaren Gegendienst für sie hat, die ihm die eigenen Kinder so gut erhalten haben. Aber heute ist Weihnachten, heute sollen alle fröhlich werden. Geht, Sepp, spannt den Braunen in den Schlitten, Ihr sollt Eure Kinder heimfahren, Das andere will ich Euch überlassen.«

»Vergelt's Gott dem Herrn Oberamtmann, vergelt's Gott alles tausendmal«, sagte der Sepp und konnte vor Rührung kaum sprechen. »Der Herr Oberamtmann soll gewiß mit mir zufrieden sein, so gewiß, wie ich wünsche, daß unser Herrgott meiner armen Seele gnädig sei.«

»Gut, Gut! Jetzt fahr zu, Sepp, und das dort kommt mit auf den Schlitten«, und der Oberamtmann deutete auf einen ungeheuren Ballen, der neben dem Tisch der Kinder lag. Der Sepp nahm ihn auf seine Schultern und ging.

Nun wurden alle die Gaben schön zusammengepackt, die dem Stanzeli und Seppli gehörten, und dann verabschiedeten sich die Kinder. Und es wurde ausgemacht, im Frühling sollten Seppli und Stanzeli am ersten schönen Sonntag wiederkommen, und dann würden auch einmal Lissa und ihre Brüder nach Altkirch gehen. Denn sie wollten so bald wie möglich den Pater Klemens mit dem Krausköpfchen besuchen, um ihm zu danken für seine gute Verpflegung. Nun nahm die Trine jedes der Kinder an eine Hand, um sie unten in den Schlitten zu setzen, und die Mutter rief ihr noch einmal nach: »Trine, packt die beiden gut in die große Schlittendecke ein, daß sie nicht frieren können.«

Drinnen unter dem Christbaum freuten die Kinder sich immer noch über die vielen wundervollen Gaben, die da ausgebreitet waren und vor allem immer wieder über das neugeschenkte, fröhlich blökende Krausköpfchen.

Als der kräftige Braune mit dem Schlitten von dem Haus des Oberamtmanns wegtrabte, kam über den mondbeschienenen Fußweg vom alten Kloster herunter der Pater Klemens gegangen. Er lächelte vergnügt vor sich hin, denn er dachte an den Besuch, den er vor zehn Tagen drüben auf dem Rechberg gemacht hatte. Da hatte sich gezeigt, daß es um den Sepp doch nicht so schlimm stand, wie zu befürchten war. Der Sepp war einem Meister fortgelaufen, der ihn übel behandelt hatte. Der Meister war aber ein reicher und angesehener Bauer und wollte sich so etwas nicht gefallen lassen.

Er verklagte den Sepp, und so kam die Sache vor den Oberamtmann. Aber der sagte, ein Knecht dürfe nicht mißhandelt werden, wer auch der Meister sei, und der Sepp konnte seiner Wege gehen. So weit hatte der Pater die Sache vom Herrn Oberamtmann selbst erfahren, und nun erzählte er diesem ein wenig von den alten Eltern des Sepp und seinen zwei Kindern. Der Sepp sei nicht böse, aber leichtfertig, und seit dem Verlust seiner Frau sei er auf die schiefe Bahn gekommen. Er bat den Herrn Oberamtmann, dem Sepp gut zuzureden und ihn wieder auf den rechten Weg zu bringen.

Der Oberamtmann hatte dann dem Pater versprochen, das zu tun. Später hatte die Frau Oberamtmann noch weiter nach der Unterkunft des Weiden-Joseph und den Kindern gefragt, und so war man von einem auf das andere gekommen. Zuletzt hatte der Pater auch noch von dem Schäfchen erzählt, das die Kinder gefunden hatten und das nun in seiner Pflege war.

Da kam dann auf einmal heraus, wem das verlorene Schäfchen gehörte, und daß es das Krausköpfchen war. Der Herr und die Frau Oberamtmann hatten sich sehr gefreut und den Pater beauftragt, die Kinder doch selbst mit dem Schäfchen herüber zu schicken. Und zwar am Weihnachtstag, damit sie auch einen Festabend mit einem Christbaum hätten.

Das war nun für den guten Pater eine außerordentliche Freude. Er hatte aber von dem Christbaum kein Wort gesagt, weder den Alten noch den Kindern. Und so lächelte er eben jetzt wieder ganz vergnügt im Gedanken an die Überraschung der Kinder. Und da er gern ihre fröhlichen Gesichter sehen wollte und auch die Alten noch ein wenig froh zu sehen hoffte, wanderte er jetzt noch in der Dunkelheit der Weidenhütte zu.

Als er in die Stube trat, rief die Großmutter ihm entgegen: »Gottlob, daß Ihr kommt, Vater! So bekommt man doch noch ein Wort zum Trost. Jetzt ist es schon so dunkel und die Kinder sind noch auf dem Weg und müssen ja über den Zillerbach. Ach, wenn ihnen nur auch nichts geschehen ist.«

»Nein, nein, Großmutter«, sagte der Pater mit fröhlicher Stimme, »heute wollen wir nicht mehr jammern, heute ist Freude, und der heilige Christ wacht heute besonders über die Kinder und läßt keinem ein Leid geschehen. Jetzt wollen wir uns noch etwas unterhalten, so vergeht die Zeit am besten.«

Inzwischen ließ der Sepp den Braunen so schnell traben, daß die Kinder glaubten, der Schlitten flöge dahin. Den Sepp hatte ein solches Verlangen erfaßt, wieder einmal heimzukommen, daß es ihm gar nicht schnell genug ging. Seit sechs Jahren war er nicht mehr zuhause gewesen. Und wenn er in der Fremde an die Heimat dachte, hatte er nur immer eine große Traurigkeit vor sich gesehen, wie er sie damals empfunden hatte, als Konstanze gestorben war.

Um diesen Gedanken zu entfliehen, war der Sepp dann immer noch ein wenig weiter fortgelaufen. Aber heute, seit er seine Kinder gesehen hatte, kam ihm alles anders vor. Und das Stanzeli hatte ihm so lebendig die selige Mutter vor Augen gebracht und alle die friedlichen Tage, die er mit ihr und seinen Eltern in der Weidenhütte verlebt hatte, daß er es kaum mehr erwarten konnte, die Hütte und Vater und Mutter wiederzusehen.

Jetzt hielt der Schlitten bei den Weiden. Der Sepp hob seine Kinder hinaus und warf die dicke Decke über den Braunen. Dann nahm er auf der einen Seite das Stanzeli und auf der anderen den Seppli an der Hand und trat in die Stube. Da überkam es den Sepp aber so, daß er schluchzend auf das Bett zulief und ausrief: »Mutter! Vater! Seid doch nicht mehr böse mit mir und verzeiht mir. Ich will auch alles tun, was ich kann, daß ihr noch bessere Tage seht. Ich weiß wohl, daß ihr hart arbeiten mußtet. Aber es muß, Gott helfe mir, besser werden von heute an.«

Vater und Mutter mußten weinen vor Freude, und die Mutter sagte nur immer zwischendurch: »Ach Sepp, Sepp, ist es auch möglich. Ich hätte nie glauben können, daß unser Herrgott dir das Herz so umkehren könnte. Jetzt will ich aber auch nur noch loben und danken, so lange noch ein Atem in mir ist.«

Und der Vater gab dem Sohn die Hand und sagte: »So ist's recht, Sepp, es soll auch alles verziehen und vergessen sein, und sei du uns willkommen. Jetzt sag aber auch, wie du zu den Kindern kommst und wie es mit dir steht.«

Erst mußte der Sepp dem Pater Klemens noch die Hand drücken, der mit stillvergnügtem Lächeln allem zugehört hatte. Dann erfuhren die Eltern zu ihrem Erstaunen, daß der Herr Oberamtmann den Sepp als Knecht eingestellt und ihm schon sein Roß mit dem Schlitten anvertraut hatte. Da der Hans und die Trine auf Neujahr einen eigenen Hausstand gründen wollten, so war der Platz für einen Knecht frei geworden. Und der Sepp fügte hocherfreut hinzu: »Und was für ein Platz. Ein so guter Herr, der einem zuredet wie ein Vater. Und dazu ein so schöner Lohn und so manches Kleidungsstück, das weiß ich vom Hans. Ich habe aber schon den Herrn Oberamtmann gebeten, mir nichts von meinem Lohn zu geben, daß ich nichts ausgeben kann und ihr am Ende vom Monat alles bekommen könnt. Jetzt habe ich euch noch nichts zu bringen als nur den guten Willen.«

»Der ist auch was wert, und unser Herrgott lege seinen Segen darauf. Amen«, sagte der Pater Klemens.

Der Seppli war schon lange schwerbeladen hin- und hergewandert und hatte keinen Platz und keine Aufmerksamkeit für seine Schätze gefunden. Aber jetzt konnte er an das Bett der Großmutter vordringen, und bald hatte er alles mit seinen Geschenken bedeckt. Als das Stanzeli das sah, kam es schnell herbei und breitete seine Gaben auch noch auf dem Bett aus. So schaute der Kopf der Großmutter wie mitten aus einem Jahrmarkt heraus, und sie mußte die Hände zusammenschlagen vor Verwunderung und immer wieder sagen: »Ist auch so etwas möglich.«

Als aber nun der Sepp auf einmal noch den großen Ballen hereinbrachte und auseinanderrollte, und nun drei, vier schöne, warme Bettdecken zum Vorschein kamen, da konnte die Großmutter vor Überraschung und großem Dank gar nichts mehr sagen. Aber sie hatte jetzt die Hände gefaltet und dankte gewiß im stillen Gott. Der Großvater aber hob den harten Gegenstand vom Boden auf, der aus den Bettdecken hervorgerollt war, und die Augen des Alten glänzten vor Freude. Sein einziger Wunsch war in Erfüllung gegangen. Er hielt eine nagelneue Kaffeemühle in der Hand. Nun konnte er endlich einmal wieder ein gutes Pulver bekommen und der Großmutter den Trank bereiten, wie er sein mußte.

Ein solcher Weihnachtsabend voll Glück und Freude war in der Hütte des Weiden-Joseph noch nie gefeiert worden. Der Sepp erlebte auch noch die ersehnte Freude, daß seine Kinder sich zutraulich auf ihn setzten. Der Seppli auf das eine Knie, das Stanzeli auf das andere, und jedes schaute den Vater liebevoll an. Denn als sie gesehen hatten, wie er den Großvater und die Großmutter lieb hatte, da hatten sie ihn auch lieb und merkten, daß sie zu ihm gehörten.

Nun mußte der Sepp aber auf den Rechberg zurück. Aber er wußte, daß er bald wiederkommen und jeden Sonntagnachmittag bei seinen Leuten verbringen durfte, das hatte ihm der Oberamtmann gesagt.

Als er schon im Schlitten saß und eben abfahren wollte, lief der Seppli noch einmal herbei und rief: »Vater, wart, ich muß dir noch was sagen!« Und als der Vater sich hinausbeugte, sagte der Seppli in sein Ohr: »Vater, wenn du an der Kapelle vorbeikommst, so vergiß auch nicht, hineinzugehen und zu beten. Du weißt, der liebe Gott schenkt einem dort immer etwas, man kann es zuerst nur nicht sehen, aber nachher dann schon.«

Denn der Seppli hatte gemerkt, daß alle die reichen Gaben von heute mit dem Schäfchen zusammenhingen, das ihnen der liebe Gott in der Kapelle zugeführt hatte, und er erinnerte sich, wie er sich geweigert hatte, hineinzugehen. Das wollte er aber nie mehr tun.

Zwischen dem Rechberg und Altkirch herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Der Sepp arbeitet als treuer und anhänglicher Knecht beim Herrn Oberamtmann und geht jeden Sonntagnachmittag nach Altkirch hinüber und bringt ein frisches, weißes Brot mit zum Kaffee. Aus der neuen Mühle schmeckt der Kaffee der Großmutter wieder so gut, daß er sie mit anderen stärkenden Mitteln, die vom Rechberg herübergeschickt werden, wieder zu neuen Kräften gebracht hat. Nun kann sie wieder selber herumwirtschaften und den Sepp in der aufgeräumten Sonntagstube fröhlich mit dem Großvater und den Kindern empfangen.

Der Sepp freut sich die ganze Woche auf den Sonntag, und er sagt sich im stillen: »Daheim ist's doch am schönsten.«

Von Zeit zu Zeit dürfen seine Kinder ihn auch auf dem Rechberg besuchen. Dann gibt es jedesmal einen lustigen Tag für alle die Kinder zusammen, und das Krausköpfchen ist immer dabei und macht mit. Und oft, wenn Lissa es anschaute, dachte sie: »Oh, wie ist mir wieder wohl. In meinem Leben will ich kein Unrecht mehr verschweigen.«

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