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Beim Weiden-Joseph

Johanna Spyri: Beim Weiden-Joseph - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleRosenresli und neun weitere Erzählungen
authorJohanna Spyri
year1999
publisherVerlagsunion Pabel-Moewig
addressRastatt
isbn3-8118-1555-5
titleBeim Weiden-Joseph
pages7-51
created20010403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1882
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3. Kapitel

Ehrlich währt am längsten

Eine Hauptfrage war am folgenden Tag, wie das Schäfchen genannt werden sollte. Lissa schlug vor, ihm den Namen »Eulalia« zu geben. Denn so hieß die Katze ihrer Freundin, und der Name war ihr besonders großartig erschienen. Aber die Brüder wollten nichts davon wissen, der Name war ihnen zu ausgefallen. Kurt schlug den Namen »Nero« vor, wie der ungeheuere Hund unten in der Mühle hieß, den er bewunderte. Aber Lissa und Karl wollten nicht, daß das Schäfchen so heißen sollte wie der böse Hund mit der breiten Schnauze. Nun wurde die Mutter gefragt, und sie schlug vor, das Tierchen nach seinem eigenen Aussehen »Krausköpfchen«, zu nennen.

Auf diesen Namen einigten sich die Kinder gleich, und so hieß es von nun an. Die Freude an dem weißen, niedlichen Krausköpfchen ging allen dreien über alle anderen Freuden und Vergnügungen. In jedem freien Augenblick wurde es aus seinem Stall geholt und herumgeführt, dahin und dorthin.

Einmal zogen die Kinder alle drei miteinander aus und führten das Krausköpfchen zur Weide hinauf oder zu dem Wäldchen und ließen sich dort mit ihm nieder. Während Lissa auf der Bank saß und das Tierlein seinen Kopf vertraulich ihr auf den Schoß legte, liefen Kurt und Karl zu dem nahen Kleeacker hinüber und holten die schönen, würzigen Blättchen herbei. Die fraß dann das Krausköpfchen mit großem Vergnügen einem nach dem anderen aus der Hand und blökte zwischendurch ganz fröhlich dazu.

Ein andermal holte sich eins von den Kindern das Schäfchen auch allein aus dem Stall und nahm es mit sich, wenn etwa ein Auftrag ausgerichtet werden mußte unten in der Mühle oder beim Bäcker oder bei der alten Waschfrau. Dann wanderte das Schäfchen immer fröhlich an der Seite seines Führers mit. Und es war, als ob es ganz gut die Gespräche verstehe, die Kurt und Lissa und ganz besonders sein großer Freund Karl mit ihm führten.

Es antwortete dann von Zeit zu Zeit mit einem ganz zustimmenden, fröhlichen Blöken und schaute dazu den Begleiter verständnisvoll an. Es bestand kein Zweifel, das Krausköpfchen nahm immer den lebhaftesten Anteil an dem Gespräch. Täglich wurde es auch zutraulicher und zärtlicher zu den Kindern. Jetzt schmiegte es sich immer an dasjenige, das es aus dem Stall holte, so als käme seine eigene Mutter. Die Kinder liebten es auch täglich noch mehr und pflegten und hüteten es. Sie brachten es nach den Gängen und luftigen Unterhaltungen immer wieder in sein kleines Häuschen im Stall auf das schöne Strohlager zurück.

Das Krausköpfchen gedieh bei der vortrefflichen Pflege so gut, daß es jetzt kugelrund geworden war und mit seinen schneeweißen Wollelöckchen so sauber und zierlich aussah, als wäre es immer im Sonntagsröckchen.

So ging der schöne, sonnige Herbst zu Ende, und der November war so schnell gekommen, wie die Kinder es noch nie erlebt hatten. Jetzt konnte man ja schon von Weihnachten sprechen, denn schon im folgenden Monat mußte ja das Fest kommen. Kurt und Karl konnten gut die Freuden der Gegenwart mit den Hoffnungen auf die Zukunft vereinen und zu einem doppelten Genuß verbinden. So freuten sie sich über ihr Krausköpfchen, und auf jedem ihrer Gänge erzählten sie ihm von all den Herrlichkeiten, die das Weihnachtsfest mit sich bringen werde, sie zählten ihm alle die Gegenstände auf, die sie heimlich vom Christkind erwarteten.

Das Krausköpfchen hörte dann immer ganz aufmerksam zu, und die Brüder deuteten an, daß es gewiß auch seinen Teil von den Festgeschenken erhalten werde. So genossen sie meistens alle drei zusammen diese herrlichen Aussichten und wurden dadurch täglich noch vertrauter miteinander.

Lissa war ein wenig anders geartet. Wenn eine neue große Freude in Aussicht stand, wurde sie fieberhaft davon ergriffen, und alle ihre Gedanken wurden dann so davon erfüllt, daß die alten Freuden ein wenig in den Hintergrund kamen. Nun hatte Lissa eine besonders gute Freundin in dem großen Bauernhaus auf dem Weg zum Zillerbach hinunter. Die freundliche Marie ging immer mit Bereitwilligkeit auf alle Ideen der Lissa ein. Diese Freundin wollte Lissa jetzt so gern einmal besuchen, denn mit ihr konnte sie ganz anders ihre Hoffnungen und Aussichten auf das Weihnachtsfest besprechen, als mit den Brüdern. Diese hatten so ganz andere Wünsche und verstanden die ihrigen nicht so ganz.

Die Mutter erlaubte den Besuch, und am ersten freien Nachmittag durfte sich Lissa auf den Weg machen. Kaum hatte sie Geduld genug, still zu halten, als die Mutter ihr noch ein warmes Tuch umband, das der kalte Novemberwind wohl nötig machte. Dann rannte sie in großen Sprüngen davon, und die Mutter schaute dem Kinde noch nach, bis es halbwegs den Hügel hinab war. Dann trat sie wieder ins Haus hinein.

In dem Augenblick kam der Lissa in den Sinn, daß der Weg doch ziemlich lang sei und es eigentlich lustiger wäre, das Krausköpfchen zur Gesellschaft mitzunehmen. Hoffentlich hatten es die Brüder nicht schon fortgenommen. Eilig kehrte sie wieder um, rannte zu dem Stall und fand das Krausköpfchen ruhig auf seinem Stroh liegen. Sie nahm es schnell hinaus und lief nun mit ihm den trockenen Weg hinunter, auf dem die bunten Herbstblätter rings um sie im Winde flogen.

In kurzer Zeit waren sie am Ziel ihrer Reise angekommen. Bald spazierte Lissa mit ihrer Freundin, in tiefe Gespräche versunken, auf dem sonnigen Platz vor dem Haus hin und her, während das Krausköpfchen vergnügt an der Hecke nagte, die den Garten umschloß. Auch die Freundinnen erfrischten sich zwischen den langen Gesprächen an den süßen Birnen und den saftigen roten Äpfeln. Die waren reichlich vorhanden, denn die Mutter der Marie hatte einen großen Korb voll der Früchte herausgebracht. Und was die Kinder nicht essen mochten, sollte Lissa mitnehmen. So war es immer gewesen, denn auf dem Hof wuchsen schöne Äpfel und Birnen in Fülle.

Als es nun Zeit für Lissa war, heimzukehren, machte sich die Freundin auch auf den Weg, um sie zu begleiten. Sie hatten sich immer noch so viel zu sagen, daß sie an der letzten kleinen Steigung zu Lissas Vaterhaus hinauf angekommen waren, sie wußten gar nicht wie. Marie verabschiedete sich schnell und Lissa eilte den Weg hinauf. Es war schon dunkel geworden. Jetzt, beim Haus angelangt, fuhr es ihr wie ein lähmender Blitz durch den Sinn: »Wo ist das Krausköpfchen?« Sie wußte ja, sie hatte es mitgenommen, dann noch an der Hecke grasen gesehen. Dann hatte sie es ganz und gar vergessen und nicht mehr nach ihm geschaut. Im furchtbarsten Schrecken lief sie wieder den Berg hinunter, rief nach allen Seiten: »Krausköpfchen! Krausköpfchen! Wo bist du?« Aber alles blieb still, das Krausköpfchen war nirgends zu sehen.

Lissa rannte bis zu dem Bauernhaus zurück. Es war schon Licht in den Fenstern der Wohnstube, sie konnte von den steinernen Stufen am Haus gut hineingehen. Sie saßen alle am Tisch drinnen beim Abendessen, Vater und Mutter und Marie, ihre Brüder und die Knechte, und auf der Ofenbank lag die alte Katze. Aber nirgends war eine Spur vom Krausköpfchen zu sehen, wie sehr Lissa auch in alle Winkel hineinspähte.

Jetzt lief Lissa ums Haus herum, in den Garten hinein, um die ganze Hecke herum und wieder in den Garten. Und dort rannte sie innen an der Hecke entlang und rief: »Krausköpfchen, komm doch! O komm doch!« Alles war vergebens. Von dem Schäfchen war weder eine Spur zu sehen noch zu hören. Lissas Angst wurde immer größer. Es wurde immer dunkler, und der Wind heulte immer lauter und blies sie fast vom Boden weg. Sie mußte heimkehren. Was sollte sie tun? Sie durfte nicht sagen, daß sie das Krausköpfchen verloren, weil sie es vergessen hatte. Doch der Mutter wollte sie es sagen.

Sie lief, so schnell sie konnte, den Berg hinauf. Zuhause war schon alles zum Abendessen bereit, auch der Vater war schon da. Lissa kam in die Stube hereingerannt, so rot und heiß und zerzaust, daß die Mutter sagte: »So kannst du nicht zu Tisch kommen, Kind. Geh, mach dich erst zurecht.« Und der Vater fügte hinzu: »So spät sollst du überhaupt nicht heimkommen. Nun verschwinde und komm bald wieder, oder es gibt nichts zu essen.« Lissa gehorchte schnell. Das Essen war ihr egal, viel lieber wäre sie gar nicht mehr hereingekommen, aber das ging nicht.

Sie kehrte niedergeschlagen an ihren Platz zurück. Sie hatte eine furchtbare Angst, was nun weiter für Bemerkungen und Fragen kommen werden. Aber bevor noch irgend jemand ein Wort an sie richten konnte, wurde die Aufmerksamkeit der sämtlichen Familienglieder von einem neuen Ereignis in Anspruch genommen.

Hans, der Knecht, steckte seinen Kopf zur Tür herein und sagte: »Mit Verlaub, Herr Oberamtmann, die Kinder sind doch alle zuhause, wie die Trine sagt, und das kleine Schaf ist noch nicht im Stall.«

»Was?« fuhr der Oberamtmann auf. »Da haben wir's! Wer hat's herausgenommen? Wer hat es getan?«

»Ich nicht!« – »Ich nicht!« – »Ich gewiß nicht!« – »Ich auch nicht!« schrien Kurt und Karl so laut durcheinander daß man gar nicht hören konnte, ob Lissa schwieg oder auch rief. Die Mutter sagte besänftigend: »Nur nicht so stürmisch. Lissa kann es gewiß nicht sein. Schon nachmittags ist sie allein zu ihrer Freundin Marie gelaufen und vor wenigen Augenblicken erst ist sie zurückgekehrt.«

»So ist es doch einer von euch zweien«, sagte der Vater und warf einen durchdringenden Blick auf die beiden Jungen.

Es tönte ihm ein ungeheuerliches Geschrei als Antwort entgegen: »Ich nicht!« – »Ich nicht!« – »Ich sicher nicht!« Und beide sahen mit so ehrlichen Augen zu dem Vater auf, so daß er gleich ausrief: »Nein, nein, die sind es nicht. So muß der Hans die Stalltür offen gelassen haben, als das Schaf drinnen war, und es muß in dem Augenblick entlaufen sein. Es kommt mir aber so unwahrscheinlich vor, ich muß einmal nachsehen.«

Der Vater verließ das Zimmer, um sich draußen im Stall umzusehen.

Als nun die Aufregung des Anklagens und der Verteidigung vorüber war, legte Karl plötzlich seinen Kopf auf den Arm und schluchzte laut auf: »Nun ist das Krausköpfchen verloren! Nun können wir es nicht mehr haben! Nun muß es im Elend umkommen!«

Jetzt begann auch Kurt zu weinen und rief: »Ja, nun wird es immer kälter, und es hat nichts zu essen und muß frieren und im Elend umkommen.« Und noch ärger als die beiden fing nun Lissa zu weinen und zu stöhnen an. Sie sagte kein Wort, aber man konnte gut hören, wie viel schmerzlicher und tiefer noch ihr Jammer war, als der ihrer Brüder. Und Lissa mußte wohl wissen, warum.

Auch als nachher Kurt und Karl längst auf ihren Kissen eingeschlafen waren und fröhliche Träume vom Krausköpfchen hatten, lag Lissa noch voller Unruhe in ihrem Bett und konnte keinen Schlaf finden. Nicht nur das Mitleid mit dem Schäfchen, das jetzt ängstlich und verlassen draußen in der Nacht herumirrte, quälte sie. Aber sie hatte es ja selbst verschuldet und dazu hatte sie dies noch verschwiegen, obwohl sie es hätte gestehen sollen.

Lissa hatte nicht mitgerufen: »Ich nicht! Ich nicht!« Aber sie hatte ja geschwiegen, als die Mutter so zuversichtlich sagte: »Lissa kann es nicht sein«. Und das Kind fühlte, daß es mit seinem Schweigen dasselbe Unrecht getan hatte, als wenn es eine Unwahrheit gesagt hätte. Lissa war ganz unglücklich und konnte keinen Trost und keine Ruhe finden, bis sie sich vornahm, morgen alles der Mutter zu sagen. Vielleicht konnte dann das Krausköpfchen doch noch gefunden werden.

Am folgenden Morgen war heller Sonnenschein, und es wurde gleich beim Frühstück ausgemacht, sobald die Schule aus wäre, wollten sich alle drei auf den Weg machen, um das Krausköpfchen zu suchen. Es mußte doch irgendwo sein. Am Nachmittag wollten sie dasselbe tun, und alle waren überzeugt, bis zum Abend mußte das Schäfchen wiedergefunden sein. Die Mutter sagte den Kindern auch noch zum Trost, schon in aller Frühe habe der Vater den Hans ausgeschickt, um überall nach dem Tierchen zu suchen. Und alle waren voller Hoffnung, daß es wiedergefunden werde. Lissa war am glücklichsten über diese Aussichten und dachte, nun brauche sie ja nichts zu sagen, es komme wohl alles wieder in Ordnung.

Den ganzen Tag über wurde auf dem Rechberg nach dem Schäfchen gesucht und in allen Häusern nach ihm gefragt, aber das Krausköpfchen war wie vom Erdboden verschwunden. Kein Mensch hatte es gesehen, nirgends war auch nur eine Spur von ihm zu finden. Noch einige Tage lang wurde weiter gesucht und gefragt nach ihm, immer vergebens. Dann sagte der Oberamtmann, nun sei's genug, das helfe nichts mehr. Entweder sei das arme Tierlein schon nicht mehr am Leben, oder es sei woanders hingelaufen.

Wenige Tage später fiel der erste Schnee und so dicht und groß kamen die Flocken herunter, daß in kurzer Zeit der ganze Garten tiefverschneit war. Sonst hatten die Kinder jedes Jahr ihre große Freude am ersten Schnee gehabt und immer lauter gejauchzt und gejubelt, je stärker die Flocken wirbelten.

Jetzt waren sie ganz still, und eines guckte da und eines dort durchs Fenster, und jedes mußte im stillen an das Krausköpfchen denken. Wenn es nun irgendwo unter dem kalten Schnee lag oder durchwaten wollte und nicht konnte. Und mit seiner wohlbekannten Stimme kläglich um Hilfe rief und kein Mensch es hörte und ihm beistand.

Am Abend kam der Vater herein und sagte: »Es gibt eine bitterkalte Nacht, der Schnee ist schon jetzt hart gefroren. Wenn das arme Tierlein noch irgendwo draußen und nicht schon tot ist, so geht es diese Nacht elend zugrunde. Hätt ich doch das arme Geschöpf nie nach Hause gebracht.«

Da brach Karl in ein so jämmerliches Geschrei aus, und Kurt und Lissa stimmten so herzbewegend ein, daß der Vater die Stube verließ und die Mutter nun zu trösten versuchte, wie sie konnte. Von da an sprach der Oberamtmann nie mehr von dem Schäfchen, und die Mutter erzählte den Kindern vom schönen Weihnachtsfest, wenn sie wieder um das Krausköpfchen jammerten. Sie sagte ihnen, daß das Christkind gekommen sei, um alle Herzen fröhlich zu machen, und daß dieser Festtag nun bald komme und auch sie wieder fröhlich machen werde.

Wenn der mitleidige Karl aber an den kalten, dunklen Abenden wieder zu jammern begann: »Wenn das Krausköpfchen draußen nur nicht so frieren oder sich zu Tode zittern müßte«, dann tröstete die Mutter: »Sieh, Karl, der liebe Gott beschützt auch die kleinen Tierlein. Vielleicht hat er irgendwo dem Krausköpfchen ein warmes Bettchen bereitet und läßt es ihm gut gehen. Und wenn es nun auch nicht mehr bei uns ist und wir es pflegen können, so wollen wir uns doch nun zufriedengeben und das Krausköpfchen ganz dem lieben Gott überlassen.«

Kurt hörte auch aufmerksam zu, wenn die Mutter so den Karl tröstete, und so kam es, daß die Brüder nach und nach wieder ganz fröhlich wurden. Sie überließen das Krausköpfchen jetzt ganz dem lieben Gott und seiner Sorge und freuten sich nun jeden Tag mehr auf das schöne Weihnachtsfest

Aber Lissa wurde nicht froh mit ihnen. Auf ihr lag es wie eine schwere Last, die sie ganz niederdrückte und sie nie, nie mehr fröhlich werden lassen wollte. Des Nachts träumte ihr, sie sehe das Krausköpfchen halb verhungert und erfroren draußen im Schnee liegen und es schaue sie mit ganz traurigen Augen an und sage: »Du hast es getan.« Dann erwachte Lissa weinend und nachher, wenn sie mit den Brüdern lustig sein wollte, konnte sie nicht, denn sie mußte immer denken: Wenn die beiden wüßten, daß sie es getan hätte, wie würden sie ihr Vorwürfe machen.

Dem Vater und der Mutter durfte sie nie mehr richtig in die Augen schauen, denn sie hatte ihnen ja verschwiegen, was sie hätte gestehen sollen. Und jetzt konnte sie es gar nicht mehr über die Lippen bringen, denn nun hatte sie die Eltern so lange glauben lassen, sie wisse nichts von der Sache.

So hatte Lissa keinen frohen Augenblick mehr, und mit jedem Tag sah sie trauriger aus. Und wenn Kurt und Karl zu ihr kamen und sagten: »Freu dich doch einmal, Lissa, nun kommt Weihnachten jeden Tag näher, und denk nur, was alles kommen kann«, dann kamen der Lissa Tränen in die Augen und halbweinend sagte sie: »Ich kann mich nicht mehr freuen, nie, nie mehr.«

Das kam dem mitleidigen Karl doch zu traurig vor, und er sagte ihr tröstend: »Siehst du, Lissa, wenn man gar nichts mehr machen kann, dann überläßt man alles dem lieben Gott, und dann wird man wieder fröhlich, wenn man nur nichts Böses getan hat. Die Mama hat's gesagt.« Dann fing aber Lissa erst recht zu weinen an, so daß es dem Karl angst und bang wurde und er auf und davon lief. Auch Kurt rannte davon, denn ihm kam es unheimlich vor, daß sich die lustige Lissa so verändert hatte.

Auch der Mutter war Lissas verändertes Wesen nicht entgangen. Oft beobachtete sie lange das Kind im stillen, aber sie fragte nie nach Lissas Kummer.

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