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Bei diesem Regen

Annemarie Schwarzenbach: Bei diesem Regen - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBei diesem Regen
authorAnnemarie Schwarzenbach
year1989
publisherLenos Verlag
addressBasel
isbn3 85787 182 2
titleBei diesem Regen
pages209
created20130522
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Beni Zainab

Nach Anbruch der Dunkelheit fuhren wir zwei Stunden lang, ohne genau zu wissen, ob wir noch auf der richtigen Spur waren. Wir hatten seit dem letzten Wegzeichen mindestens ein Dutzend Spuren gekreuzt und hatten immer versucht, die Hauptrichtung beizubehalten und der grössten Spur zu folgen. Aber in Wirklichkeit sahen alle Spuren gleich aus, besonders bei Nacht, und wir fuhren auf gut Glück geradeaus in die Wüste hinein. Die Wüste lag schwarz vor uns, unter einem etwas helleren Himmel. Die Scheinwerfer warfen ihr Licht voraus auf die Spuren, die sich teilten und in der Ferne, die man nicht mehr erkennen konnte, wahrscheinlich wieder zusammenliefen. Wir hatten das am Tag oft genug beobachtet: Eine Strecke weit lief eine einzige, breite Spur wie eine gewöhnliche Strasse dem Horizont zu, dann kamen Hügel und teilten sie in zwei oder drei Arme oder in ein ganzes Bündel von Armen, die scheinbar weit auseinanderstrebten. Aber sobald die Wüste wieder flach wurde, fanden sie sich wieder, und man sah von weither, wie sie zusammenkamen.

Es gab Ausnahmen, Spuren die abzweigten und sich selbständig machten, um eine Garnison, eine 62 Station der Pipeline oder eine Oase zu erreichen. Und in der Dunkelheit, während wir immerzu in die schwarze Wüste hineinfuhren und sie kein Ende nehmen wollte, hatten wir das Gefühl, von der Spur nach Palmyra abgekommen zu sein. Der Benzinzeiger sank.

»Wie viele Kilometer waren auf dem Wegstein angegeben?« fragte mich Claude.

»Sechzig«, sagte ich.

»Und wie viele haben wir seither gemacht?«

»Etwa fünfundachtzig.«

Ich rauchte während des Fahrens. Wir hatten seit dem Frühstück nichts gegessen ausser ein paar Orangen, und Rauchen war gut gegen das Gefühl von Leere, das sich in Kopf und Magen einstellte. Es war auf jeden Fall gut.

»Sag mal«, hörte ich Jean, »glaubst du, dass wir noch auf der richtigen Spur sind?«

Ich wusste es nicht und zuckte die Schultern.

»Ich dachte es mir«, sagte Jean.

Wir fuhren eine Weile, ohne zu sprechen. Dann sahen wir links vor uns eine Reihe von Lichtern, und ich verliess die Spur und fuhr darauf zu. Es ging bergauf, über ein mit Steinen besätes Plateau und zwischen zwei kleinen Pyramiden hindurch, die offenbar als Male hier aufgerichtet waren, dann wieder bergab in die schwarze Ebene. Wir entdeckten ein paar Beduinenzelte und hielten an. Es waren fünf oder sechs Zelte aus schwarzem Ziegenhaar, die Eingänge waren schon verschlossen, 63 und aus den Spalten drang ein wenig rötliches Licht hervor. Jetzt, als wir dicht bei den Zelten hielten, konnten wir nicht begreifen, dass wir das Licht von weitem überhaupt gesehen hatten.

Wir liessen den Scheinwerfer, der an der Scheibe in einem Kugelgelenk befestigt war, über das Lager gleiten. Hinter den Zelten lagen Kamele. Ein Lamm war an einem Zeltpfosten festgebunden und schlief, den Kopf neben dem Pfosten. Der Scheinwerfer glitt über die Zelteingänge, und wir gaben ein Signal und versuchten, jemanden im Lager zu wecken. Ich drehte mich um nach unserem Chauffeur, der sich ausruhte, und sagte ihm, dass er aussteigen und zu einem der Zelte gehen solle. »Du kannst doch Arabisch«, sagte ich, »du bist doch ein Ägypter.«

»Nein«, sagte er, »sie verstehen mich nicht.« Er hatte Angst auszusteigen.

Endlich trat ein Mann aus dem Zelt, das uns am nächsten war. Er kam nicht zum Wagen, sondern blieb vor dem Zelt stehen und hielt den Filz vor dem Eingang ein wenig zur Seite, so dass das Licht aus dem Zeltinnern auf uns fiel.

»Frag ihn, wie man nach Palmyra kommt«, sagte ich zum Chauffeur.

»Bei den Beduinen heisst es Tadmor«, sagte Claude, »frag ihn nach dem Weg nach Tadmor.«

Der Chauffeur rief etwas zu dem Mann hinüber. Er sprach ägyptisches Arabisch, und man konnte sehen, dass es dem Mann Mühe machte, ihn zu 64 verstehen. Er wies mit der Hand nach rechts. Als wir wegfuhren, schossen ein paar grosse Schäferhunde aus dem Dunkel und liefen gestreckt neben dem Wagen her. Der Chauffeur beugte sich aus dem Wagen und schimpfte auf sie hinunter, und sie antworteten grollend. Dann rief der Mann von den Zelten her, und sie hielten mitten im Lauf an und verschwanden. Wir hatten jetzt wieder eine Spur vor uns, und wir fühlten uns zuversichtlich und begannen zu singen. Der Wind blies uns in den Rücken und trug den Ton verstärkt und voll vor uns her.

»Soll ich dich etwa ablösen?« fragte Claude dazwischen.

»Nein«, sagte ich.

»Du brauchst es nur zu sagen –«, und dann sang er allein weiter, während ich auf die Spur achtgab. Von einer Anhöhe aus sahen wir plötzlich eine Reihe von Lichtern, weit auseinandergezogen wie die Lichter einer Bahnlinie. »Das ist wohl die Promenade der Königin Zenobia«, sagte Claude.

Wir bogen in ein Tal ein, und die Lichter verschwanden. Wir sahen auf beiden Seiten des Tals Türme und schlossen daraus, dass wir uns im »Tal der Gräber« befinden mussten.

Gleich darauf tauchten die Lichter wieder auf, und wir konnten vor uns ein grosses Trümmerfeld und einige hohe, leichte, wunderbar luftige und schwerelose Säulenreihen erkennen.

Claude richtete sich auf. »Da sind wir ja schon mitten in der Residenz«, sagte er.

65 »Wo wohnt sie wohl?« fragte ich.

»Wen meinst du?«

»Deine Zenobia natürlich.«

»Ach so«, sagte er, »wir werden fragen. Wir werden einen ihrer Untertanen fragen.«

Wir fuhren geradeaus in das Ruinenfeld hinein, und die Spur endete zwischen umgestürzten Säulen und weissen Quadern, und wir kehrten um und kamen auf eine breite Strasse, die zu der Stadt hinunterführte.

»Halt an«, sagte Claude, »ich werde diesen Palmyrenser befragen.« Er winkte einem Araber, der aus der Richtung der Stadt kam. »Madame d'Elbros«, rief er. Der Araber hob die Schultern und ging vorbei.

»Na«, sagte ich, »wahrscheinlich ist sie hier unbekannt.«

»Der Mann war schwachsinnig«, sagte Claude. »Überdies muss die Dame einen arabischen Namen haben.«

»Vielleicht nennt sie sich Zenobia.«

»Ach Unsinn. Sie ist Chef eines Beduinenstammes und hat einen Beduinen-Namen.«

»Wir wollen dem Mann nachfahren und ihn nach der Königin Zenobia fragen«, sagte ich. Wir holten ihn ein, und ich fuhr langsam neben ihm her und rief: »Zenobia?«

»Lass doch den Unsinn«, sagte Claude. Der Mann blieb stehen und wies mit dem Arm über das Ruinenfeld hinweg nach links.

66 »Woher wusstest du diesen Unsinn?« fragte Claude.

»Es ist das Hotel, das so heisst«, erklärte ich, »es ist überall in Syrien angeschlagen. Sagtest du nicht, dass Madame d'Elbros Besitzerin eines Hotels in Tadmor ist?«

»Ich sagte, sie sei Besitzerin eines Beduinenstamms.«

»Lass sie«, sagte ich, »sie ist ganz einfach vielseitig. Sie hat ein Hotel und einen Beduinenstamm und einen christlichen Gatten von bestem französischem Adel, und einen Greuel von einem Muselmann-Gatten.«

»Der ist tot«, sagte Claude, »und vom besten Adel hat sie sich scheiden lassen. Darüber spricht man nicht in besseren Kreisen.«

»Wie froh ich bin, wieder in bessere Kreise zu kommen!« sagte ich.

Wir hielten vor dem Hotel, welches allein am Rand der Ruinen lag. Die Tür war offen, und man sah in eine grosse, angenehm erleuchtete Halle hinein. Zwei Beduinen halfen uns, das Gepäck aus dem Wagen zu nehmen, und ich stieg wieder ein, um den Wagen um das Haus herum in den Hof zu bringen. Ich sass am Steuer, als Madame d'Elbros auf die Treppe herauskam und die flachen Stufen hinunter auf Claude zulief. Sie war klein und schmal, und sie trug lange, weite Strandhosen und ein dünnes Brusttuch, welches ihre Schultern und ihren braunen Rücken freiliess. Sie hatte braune, 67 sehnige Arme und einen schmalen Hals, und sie trug die Haare im Nacken in einem kleinen Knoten. Ungemein lebhaft lief sie Claude entgegen und schüttelte seine Hände, sie schickte die Beduinen mit dem Gepäck ins Haus und kam wieder zurück und sah ihn von allen Seiten an. »Also doch«, sagte sie, »es gibt also noch Leute, die ihre Versprechen halten.«

»Und ob«, sagte Claude. Er sah zu mir herüber, und ich stieg aus und liess den Chauffeur den Wagen wegfahren. Madame d'Elbros kam endlich dazu, uns ins Haus zu bringen. Ein Mann mit einem grauen Schnurrbart führte uns durch einen langen, engen, sehr hohen Gang, der kühl wie ein Keller war. »Hier sind Ihre Zimmer«, sagte er. »Madame d'Elbros wünscht, dass Sie die besten Zimmer bekommen. Ich werde mich inzwischen um das Nachtessen kümmern.« Er schien eine Art von Haushofmeister zu sein.

»Machen Sie bloss keine Umstände«, sagte Claude.

»Hindere ihn nicht«, sagte ich, »ich habe einfach entsetzlichen Hunger.«

Als wir später in der Halle beim Essen sassen, kam Madame d'Elbros noch einmal hinein. Ich beobachtete sie, wie sie die Tür mit dem Moskitogitter aufstiess und wie alles an ihr gespannt und voller Erwartung war, wie eine Bogensehne, die nur darauf wartet, einen Pfeil in hohem Bogen abzuschnellen. Sie kam durch die Halle, in Eile, warf 68 sich uns gleichsam entgegen. Die Hände auf den Tisch gestützt, begann sie schnell zu reden. »Es tut mir so leid«, sagte sie, »ich hätte mich heute abend gern um Sie gekümmert.«

»Wir gehen gleich schlafen«, sagte Claude.

»Es tut mir trotzdem leid«, sagte sie. »Aber ich muss in die Stadt, um etwas mit meinen Leuten zu besprechen.« Sie wandte sich an mich. »Sie wissen doch, dass ich jetzt meine eigenen Leute habe?«

»Ist es also gelungen?« fragte Claude.

»Natürlich«, sagte sie. »Jetzt habe ich fünfzehn Leute. Ich werde bald mehr haben. Ich sammle alle, die so arm sind, dass sie sich keine Schafe mehr halten können, und alle, die zu keinem Stamm gehören. Ich leihe ihnen Geld, kaufe ihnen Zelte, Kleider und alles, was sie brauchen, und sie geben mir dafür jedes zehnte Schaf. Es ist ein gutes Geschäft, und ich kann ihnen dadurch helfen und habe meinen eigenen Stamm.«

»Sind Sie Stammesvater, wie Abraham?« fragte Claude.

»Natürlich«, sie lächelte. »Meine Leute heissen Beni Zenobi. Sie werden sie morgen sehen!«

»Bei den Söhnen der Zenobia«, sagte Claude.

Sie lächelte ihn an. »Wissen Sie«, sagte sie, »Sie kommen eigentlich in einem schlechten Augenblick.«

»Sollen wir lieber wieder gehen?«

»Im Gegenteil«, sagte sie. Sie stand zwischen uns und stützte sich mit beiden Händen auf unsere 69 Schultern. »Ich sage nur, dass es für mich ein schlechter Augenblick ist. Ich habe so viele Schwierigkeiten!«

»Ist das etwas Neues?« fragte Claude. »Wollen Sie damit sagen, dass Sie noch nicht an alle Schwierigkeiten der Welt gewohnt sind?«

»Sie stehen mir bis zum Hals«, sagte sie. Sie sah bekümmert aus, als sie weglief.

»Also«, sagte Claude, »wie gefällt sie dir?«

Der Haushofmeister kam, um uns Wein einzuschenken. »Wir haben ein Huhn gebraten«, sagte er. »Das ist leider alles, was wir haben. Aber es ist ausgezeichnet!« Er stellte das Huhn auf den Tisch. »Soll ich es für Sie tranchieren?« fragte er.

»Nein, danke«, sagte Claude. »Das machen wir schon selber.«

»Wenn Sie sonst noch etwas brauchen –«

»Nein, gewiss nicht.«

»Sie können es einfach dem Beduinen sagen.«

Er ging endlich weg. Im Hintergrund der Halle, neben der Bar, stand einer der jungen Beduinen. Er trug ein langes, gelbes Kleid und war um die Augen herum geschminkt. Sein in kleine Zöpfe geflochtenes Haar kam unter dem weissen Khefie hervor.

»Ein gutaussehender Bursche«, sagte Claude.

»Glaubst du, dass Madame d'Elbros diese Burschen wäscht, bevor sie sie ins Haus nimmt?«

»Glaubst du, was man von ihr und den Beduinen sagt?«

Der junge Beduine kam an den Tisch, schenkte 70 unsere Gläser voll und zog sich wieder zurück.

»Vielleicht versteht er Französisch?« fragte ich.

»Nein«, sagte Claude. »Das ist zu kompliziert.«

»Jedenfalls hat sie doch einmal einen geheiratet!« sagte ich.

»Das ist kein Beweis«, sagte Claude, »sie hat ihn nicht aus Liebe geheiratet, sondern weil sie nach Mekka wallfahren wollte. Sie hatte es sich in den Kopf gesetzt, und deshalb wurde sie Mohammedanerin und heiratete einen Beduinen, der ihr Diener war, und behauptete, dass dieser Bursche sich an den Vertrag halten werde, den sie ihm aufgesetzt hatte. Natürlich hörte er eines Tages auf, sich daran zu halten.«

»Dafür ist er dann auch gleich gestorben«, sagte ich.

»Ja«, sagte Claude, »es funktionierte alles ausgezeichnet. Madame d'Elbros sass in einem Gefängnis an der Küste Arabiens und sollte wegen Gattenmords gesteinigt werden. Es ist eine reizende Todesart, und man bereitete sie darauf vor, indem man sie mit zehn Arabern, Gaunern und Wegelagerern im gleichen Raum liess.«

»Sag mal, glaubst du daran, dass sie ihren Mann umgebracht hat?«

»Nein. Nicht wenn du mich so fragst. Nicht wenn es eine Art von Glaubensbekenntnis sein soll ...«

»Also gut. Hältst du es für möglich, dass eine Dame aus den besten französischen Kreisen, die 71 sich Zainab nennt, fähig ist, ihren Greuel von Muselmann-Gatten zu vergiften?«

»So gestellt, verliert die Frage an Bedeutung. Würdest du, nötigenfalls, Bedenken haben, einen Beduinen umzubringen? Oder irgendeinen Gauner, der dir hier draussen ans Leben will?«

»Vermutlich nicht«, sagte ich.

»Jedenfalls hätte man sie gesteinigt«, sagte Claude, »wenn nicht der dortige Konsul noch eingegriffen hätte. Dann brachte man sie aus dem Gefängnis in den Harem des Gouverneurs, und sie fing an, den Damen Nudismus beizubringen.«

»Meinst du, dass sie einfach unverbesserlich ist?«

»Ja, sie ist einfach, einfach unverbesserlich. Man hatte sie davor gewarnt, nach Mekka gehen zu wollen, und davor, einen Beduinen zu heiraten. Aber sie bewies allen haarscharf, dass sie durchaus logisch und vernünftig handle. Und als man sie endlich aus dem Gefängnis draussen hatte, tat sie sofort alles, um sich im Harem wieder in Lebensgefahr zu bringen. Schliesslich hat man sie auch aus dem Harem befreit.«

»Und jetzt?«

»Du hast es doch gehört«, sagte Claude. »Sie steckt bis zum Hals in Schwierigkeiten. Sie hat keinen französischen Pass, weil man sich hütet, ihr einen auszustellen – und sie hat einen Pass von Nedsch, als Beduinen-Witwe, mit dem sie sich nicht zufrieden geben will. Sie darf hier wohnen, 72 unter der Voraussetzung, dass sie sich ruhig hält und sich nicht in die Politik der Stämme mischt.«

»Sie sollte sich mit den Behörden hier gutstellen.«

»Sie tut alles, um die Leute verrückt zu machen«, sagte Claude. »Sie schickt hundert Beschwerden ein. Man müsste auf dem Kommissariat eigens einen Mann anstellen, um damit fertig zu werden. Und gleichzeitig weigert sie sich, irgendeine Vorschrift einzuhalten. Sie nimmt es einfach nicht ernst. Sie reist ohne Pass über die Grenze und kann dann drüben in Bagdad nicht begreifen, weshalb das Konsulat ihr kein Visum ausstellt.«

»Magst du sie eigentlich gern?« fragte ich.

»Ja«, sagte Claude, »ich finde sie richtig nett. Und du?«

»Sie ist richtig nett.«

»Ich bin neugierig«, sagte er, »wie uns morgen die Beni Zainab gefallen werden!«

 

Wir gingen am nächsten Tag früh in den Tempel des Bel hinüber und trafen den Architekten, der die Restaurationsarbeiten machte. Nachdem wir den Tempelbezirk angesehen hatten, nahm er uns mit hinaus zu den Gräbern und zeigte uns einige Grabstätten, die unter der Erde liegen, und einige von den Grabtürmen, die wir in der Nacht von weitem gesehen hatten.

In den Gräbern war es kühl und feucht, und als wir wieder herauskamen, fanden wir, dass es in der 73 Zwischenzeit sehr heiss geworden sei. Ganz Palmyra lag jetzt unter einem weissen, glänzenden Licht, und man sah die Stadt und das Ruinengebiet und die leere Sandfläche dazwischen fast wie eine Luftspiegelung in dem tödlich weissen Himmel. Die Säulenreihen schienen mit ihren leichten Kapitellen und den unsichtbaren Basen zu schweben, und man erwartete jeden Augenblick, dass die zarten Schäfte sich in den Hitzewellen brechen würden wie Spiegelbilder im Wasser.

Wir hatten uns mit Madame d'Elbros bei der »Quelle« verabredet, und der Architekt brachte uns in seinem Wagen hin. »Die arme Frau hat heftig darum kämpfen müssen«, sagte er. »Jetzt hat sie die Quelle am Morgen für sich allein, und die Garnison kommt erst am Nachmittag.«

»Sie muss eben um alles kämpfen«, sagte Claude.

»Sie weiss auch, wie man sich wehrt«, sagte der Architekt. »Als letzte Woche ein paar Soldaten am Vormittag hier badeten, packte sie all deren Kleider ins Auto und liess sie irgendwo in der Wüste liegen.«

»Sie versteht es, sich beliebt zu machen.«

»Sie ist nun einmal so«, sagte der Architekt.

Madame d'Elbros lag am Rand des Teichs, das Gesicht auf den Armen. Sie sprang auf, als sie uns kommen hörte, und wir zogen uns alle aus und liessen uns in das kalte Wasser gleiten. Wir schwammen zuerst im Teich, und dann durch einen langen, dunklen, niedrigen Gang bis in die 74 Grotte. Zuletzt war der Gang so niedrig, dass man den Kopf während des Schwimmens nicht heben durfte. Dann tat sich plötzlich ganz rund die Grotte auf, und man lag im warmen Wasser in einem kühlen, bläulichen Licht. Das Wasser roch nach Schwefel.

Als wir wieder hinauskamen, blieben wir nicht lange in der Sonne, sondern zogen uns rasch an und fuhren in das Hotel zurück. Wir warteten nach dem Essen, bis die grösste Hitze vorbei war, und fuhren dann mit Madame d'Elbros zu den Zelten der Beni Zainab. Es waren ein paar einfache, schwarze Ziegenfilz-Zelte, die Seitenwände waren wegen der Hitze emporgebunden, und man sah die Leute darunter im Schatten sitzen. Als Madame d'Elbros aus dem Wagen stieg, kamen alle ins Freie, und die Kinder liefen in einem Rudel auf sie zu. Madame d'Elbros ging bis zum ersten Zelt und nahm einen grossen, ernst und ein wenig blöd blickenden Mann am Ärmel. Sie reichte ihm nur bis zur Schulter, aber sie zog ihn mit sich wie ein Kaninchen, das man am Genick hält. »Sehen Sie sich den da an«, sagte sie. »Er ist ein mutiger Krieger und hält sich noch wie ein richtiger Beduine. Es ist schade, dass Sie ihn nicht zu Pferd sehen können.« Der Mann sah auf sie hinunter und dann auf uns. Sie liess ihn los und wandte sich den Kindern zu, die sie sofort umringten. Sie suchte einen Jungen heraus, der uns nachher führen sollte, und wir nahmen ihn im Auto mit zurück. Wir fuhren wieder 75 an den Ruinen vorbei und begegneten allen Frauen von Palmyra, die mit ihren Krügen zum Brunnen gingen. Der Brunnen lag in einer Vertiefung und war mit einer Reihe von weissen Säulenbruchstücken gedeckt. Ein paar Stufen führten hinunter, und die Frauen sassen schwatzend vor dem Brunnen und warteten, bis sie an der Reihe waren, hinunterzusteigen. Nachher sahen wir Beduinen mit ihren Kamelen eintreffen. Es war eine ganze Herde von Kamelen, alle ungesattelt bis auf die Reittiere, und sie gingen nicht hintereinander wie Karawanen-Kamele, sondern drängten und stiessen sich, überholten sich in ungelenkem Trab und wälzten sich so in eine Staubwolke gehüllt heran. Nur die Reiter am Anfang und Ende des Zuges schienen von der Unordnung nichts zu merken und sassen ruhig und würdevoll vermummt auf ihren hohen Sätteln.

Madame d'Elbros hielt ihren Wagen am Wegrand an und sah ihnen nach. »Reiche Leute«, sagte sie. »Aber sie sind spät dran dieses Jahr. Sie werden Mühe haben, hier eine Weide zu finden.«

»Möchten Sie mit den Beduinen leben?« fragte ich.

»Aber ich lebe doch immer mit ihnen!«

»Ich meine: ganz bei den Beduinen.«

»Ich habe jeden Winter ein paar Monate bei ihnen in den Zelten zugebracht«, sagte sie. »Ich kann mich gut als Beduine verkleiden. Sie haben mir schon angeboten, dass sie mich vor meinen Feinden verstecken und bei sich behalten würden ...«

76 »Vor Ihren Feinden?« fragte ich.

»Wenn es nötig ist, werde ich es tun«, sagte sie. Sie drehte sich plötzlich um und sah uns fest und gerade an. »Ich lasse mich von hier nicht mehr vertreiben. Ich will da leben, wo es mir gefällt zu leben.«

Wir assen am Abend mit Madame d'Elbros und dem Architekten zusammen. Der Architekt hiess Bleuzon, und wir hatten den Eindruck, dass er mit Madame d'Elbros befreundet sei und es gut mit ihr meine. Sie war guter Laune und fröhlich, und die Spannung war ein wenig von ihr gewichen, und dadurch fühlten wir uns alle erleichtert und tranken auf das Gedeihen der Beni Zainab. Während wir noch beim Essen waren, wurde sie von einem der Beduinenjungen weggerufen und kam nicht wieder zurück. Der Haushofmeister mit dem grauen Schnurrbart bediente uns und hielt uns mit seiner lästigen Aufmerksamkeit in Atem. Er verdarb uns die zweite Hälfte der Mahlzeit, und als wir fertig waren, sahen wir uns um, ob wir den Kaffee anderswo trinken könnten, aber der Meister sagte uns, dass es vor dem Haus zu viele Moskitos gebe, und dass es üblich sei, den Kaffee in der Halle zu servieren.

»Schön«, sagte Bleuzon, »dann bringen Sie uns auch einen Cognac in die Halle.«

Wir hatten den Kaffee noch nicht ausgetrunken, als Madame d'Elbros zurückkam. Wir hörten zuerst das Auto und sahen die Scheinwerfer über die 77 Halle streichen, und gleich danach kam Madame d'Elbros und lief auf uns zu. »Ihr seid doch nicht böse«, sagte sie.

»Kommt nicht in Frage«, sagte Claude.

»Im Gegenteil«, sagte Bleuzon, »es kommt ganz darauf an –«

»Ich werde Ihnen schon beweisen, worauf es ankommt«, sagte Madame d'Elbros. Sie bekam glänzende, erregte Augen, und wir merkten alle im gleichen Augenblick, dass sich etwas bei ihr verändert hatte. Sie war wieder ganz mit Unruhe und Spannung erfüllt, aber was am Morgen zerfahren und unkonzentriert gewesen war, sammelte sich jetzt alles wie zu einem Angriff. Sie ging um den Tisch herum zu Bleuzon und fasste ihn an der Schulter. »Sie haben doch keine Ahnung«, sagte sie, und dann, geheimnisvoll und triumphierend: »Niemand hat eine Ahnung, nicht einmal der Oberst der Garnison, und nicht einmal das Kommissariat. Ich habe eine Botschaft bekommen, Bleuzon –«

»Muss das unbedingt hier sein?« fragte Bleuzon. Er sah zum Bartisch hinüber, wo der Schnurrbärtige sich zu schaffen machte. »Bringen Sie den Cognac schon her«, rief er laut.

»Es ist mir gleich, wenn er es hört«, sagte Madame d'Elbros. »Er ist neugierig wie ein altes Weib, aber er soll zuhören, wenn es ihm Vergnügen macht!«

»Warum macht es ihm wohl Vergnügen?« fragte Bleuzon.

78 Sie sah ihn an und lachte. »Na also«, sagte sie, »wenn Sie darauf bestehen, können wir ja in mein Zimmer hinübergehen –«. Wir gingen alle vier hinüber, und der Haushofmeister brachte den Cognac und ein paar Gläser. »Schick den Bedu herein«, sagte Madame d'Elbros. Gleich darauf wurde die Tür ohne Anklopfen geöffnet, und ein Beduine trat ein. Er war gross und trug ein langes, gelb- und rotgestreiftes Oberkleid und einen schwarzweiss gemusterten Khefie aus Baumwolle. Seine Füsse und seine Sandalen waren mit Staub bedeckt. Wir gaben ihm alle die Hand, und er setzte sich uns gegenüber auf einen Stuhl.

»Er ist ein Bote«, sagte Madame d'Elbros. »Aghbar schickt ihn mir.«

»Er sieht aus, als habe er ein gutes Stück Weg hinter sich«, sagte Bleuzon, »hat ihn Aghbar etwa zu Fuss hergeschickt?«

Madame d'Elbros sagte: »Machen Sie sich nicht über ihn lustig!« Der Beduine sah sie an, und ich sah, dass sie ihm ein Zeichen mit den Augen gab. Er fing an zu sprechen und sprach eine ganze Weile, fliessend, mit erhobener Stimme, dann liess er die Stimme sinken und brach ab.

»Haben Sie alles verstanden?« fragte Madame d'Elbros.

»Ja«, sagte Bleuzon, und zu uns: »Scheich Aghbar scheint vor drei Tagen einen seiner Vettern oder Halbbrüder ermordet zu haben. Er ist der Scheich eines Anezi-Stammes, ein ziemlich 79 mächtiger Mann, aber der andere hat auch seine Sippe und seine Anhängerschaft, und nun sind drei Tage um, und der Teufel ist los.«

»Er ist noch nicht los«, sagte Madame d'Elbros. »Aghbar ist ein höchst ehrenvoller Bursche. Er hat den anderen getötet, weil er sein Feind war.«

»Wirklich?« fragte Bleuzon.

»Sie wissen, was ich meine«, verteidigte sie sich. »Es war eine alte Feindschaft, und es war vorauszusehen, dass eines Tages einer von ihnen fallen musste. Aghbar ist der mutigere, das ist alles.«

»Wie hat er ihn denn getötet?« fragte ich.

»Er hat ihn in sein Zelt eingeladen, um den Fall mit ihm zu besprechen. Als er ihn ohne Begleitung im Zelt hatte, erschoss er ihn.«

»Ausserordentlich mutig!« sagte Bleuzon. »Ich habe Ihnen immer gesagt, dass Aghbar ein Räuberhauptmann sei.«

Sie sah ihn wütend an. »Bitte, glauben Sie ihm nicht«, sagte sie.

»Na schön«, sagte Bleuzon. »Mir ist es ganz egal, ob Aghbar ein Räuberhauptmann ist oder nicht. Meinetwegen ist er ein Held.«

»Ein Ehrenmann –«

»Meinetwegen ein Ehrenmann. Das hindert nicht, dass die Vettern-Sippe sich rächen wird, und dass wir wieder einen hübschen Wüstenkrieg haben werden.«

»Weshalb hat Aghbar Ihnen einen Boten geschickt?« fragte Claude.

80 »Am besten, Sie schicken ihn wieder nach Hause zu seinen Zelten«, sagte Bleuzon.

Madame d'Elbros sagte: »Aber das ist es doch gerade. Es wird keinen Krieg geben. Aghbar bittet mich durch diesen Mann, dass ich in sein Lager kommen soll, um beide Parteien anzuhören. Ich soll meine Meinung darüber sagen, und sie wollen tun, was ich ihnen sage.« Sie sah uns alle glücklich und triumphierend an.

»Ich dachte, Sie dürfen sich nicht mehr in politische Angelegenheiten mischen«, sagte Claude.

»Aber ich kümmere mich nicht um Politik«, sagte sie. »Ich gehe meine Freunde besuchen und sage ihnen meine Ansicht, wenn sie mich darnach fragen. Ist das Politik?«

»Sie wissen es so gut wie wir«, sagte Bleuzon.

»Ist es Politik, sich mit seinen Freunden zu unterhalten? Ist es nicht gut, wenn ich sie daran hindere, in einen Krieg hineinzugeraten?« Keiner von uns antwortete. Sie wurde unsicher. »Ich zwinge doch Aghbar nicht, irgend etwas zu tun, was er nicht mag. Ich sage ihm, was ich davon halte, weil ich mit ihm befreundet bin – Bleuzon«, sagte sie, »finden Sie wirklich, dass es Politik ist?«

Bleuzon antwortete: »Es hat doch gar keinen Zweck, wenn ich Ihnen etwas sage!«

»Claude«, sagte sie, »wenn ich morgen früh ins Lager von Aghbar fahre und versuche, ihn mit seinen Vettern zu versöhnen, ist das Politik oder ist es 81 eine interne Angelegenheit unter Verwandten und Freunden?«

»Nehmen wir an, dass Ihre Vermittlung ohne Erfolg ist«, sagte Claude, »nehmen wir an, dass es zum Krieg kommt: dann wird man Truppen mobil machen müssen, und es wird ein innerpolitischer Fall werden. Glauben Sie nicht, dass das Kommissariat schon in kürzester Zeit wissen wird, wer sich gerade vor Kriegsausbruch in Aghbars Lager aufgehalten hat? Aghbar ist ein aufständischer Scheich und also ein Feind der Regierung ...«

»Seien Sie doch vernünftig«, sagte Bleuzon, »lassen Sie doch diese Beduinen sich gegenseitig totschlagen, wenn es ihnen Freude macht, sich totzuschlagen.«

»Ich kann Aghbar nicht so enttäuschen«, sagte sie.

»Er ist fünfzig Kilometer von hier«, sagte Bleuzon, »sagen Sie dem Boten, dass Sie keine Zeit haben.«

Sie sagte etwas zu dem Beduinen. Er antwortete. Sie wandte sich zu uns: »Ich fahre den Mann schnell in die Stadt«, sagte sie.

»Und wir werden schlafen gehen«, sagte Bleuzon, »aber bitte überlegen Sie sich's noch einmal. Bitte, seien Sie vernünftig!«

Sie gingen, und wir hörten draussen den Wagen anspringen. Bleuzon goss uns Cognac ein. Dann zündete er sich eine Zigarette an und rauchte schnell und stumm in sich hinein.

82 »Es ist glatte Politik, wenn sie sich da einmischt«, sagte Claude. »Glauben Sie, dass sie fahren wird?«

»Natürlich«, sagte Bleuzon. »Sie konnte es ja kaum erwarten. Sie brannte einfach vor Lust, mit dem Räuber-Scheich grosse Politik zu treiben!«

»Tut sie es aus Ehrgeiz?«

»Sie weiss gar nicht, was Ehrgeiz ist.«

»Es ist trotzdem Ehrgeiz«, sagte Claude. »Selbst, wenn sie es nicht weiss.«

»Nein«, sagte Bleuzon. »Ihre Motive sind grundanständig. Sie ist einer der anständigsten Menschen, die mir begegnet sind. Aber sie ist unvernünftig.«

»Sie hat sich solche Mühe gegeben, uns zu beweisen, dass es keine Politik ist!«

»Oh ja – sie war verzweifelt, weil wir ihr nicht recht geben wollten. Sie wurde sogar unsicher, aber sie hat ihren ganzen Mut dagegen aufgerufen. Sie wird fahren, und wird wieder tausend Schwierigkeiten davontragen, und auf dem Kommissariat werden sie sich die Haare raufen.«

»Und dann?« fragte Claude.

»Man muss sie lassen«, sagte Bleuzon. »Es ist schrecklich, mit ihr befreundet zu sein, denn man kann sie vor nichts bewahren und kann gar nichts für sie tun. Sie wird noch viele Abenteuer haben, und vermutlich wird sie einmal wieder verschwinden, und dann wird man sich trotz allem fragen, warum man sie nicht halten konnte. Bisher hat sie 83 bei allem immer noch ein bisschen Glück gehabt. Aber eines Tages wird es damit vorbei sein. Eines Tages wird sie endgültig verschollen sein, wenn man sie nicht einfach erfroren am Wegrand auffindet. Ich würde mich nicht darüber wundern ...« 84

 

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