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Bebuquin

Carl Einstein: Bebuquin - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Einstein
titleBebuquin
publisherPhilipp Reclam jun.
editorErich Kleinschmidt
year2011
isbn9783150080573
firstpub1907/1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140520
projectida2319c47
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Siebentes Kapitel

Die drei Bogenlampen schweben in der Bar. Ihre Strahlen losgelöst vom inneren Lichtkern durchbohrten sich wie Stricknadeln. Böhm im Cognac stieg heraus, tanzte hinter den Kristallflacons der farbigen Schnäpse, leise trällernd den Cancan des Chamäleons serpentina alcoholica.

Die Monde der Bogenlampen wurden obscön, ihre Strahlen fingerten in der Dekolletage der Damen, man hörte auf Bebuquins leise trockene Stimme, der von seiner letzten Liebschaft erzählte.

»Der Abschied von der Symmetrie.

Meine letzte Geliebte stand im Garten zur sympathischen Kurve – ist eine Vase aus Knidos. Ein reiches Weib besaß sie, konnte sie aber nicht um sich vertragen, weil sie die Konkurrenz mit der Vase nicht bestreiten konnte. Sie stieß bedeutend mit der Zunge an und sah ästhetische Jünglinge bei sich. Um Bildung zu markieren, zeigte die Dame den Jünglingen stets die knidische Vase. Also die Jünglinge verglichen kunstgewerblich die Dame mit der Vase. Der Pot hatte unbedingt die Form eines schlanken Weibes, die Dame zog dabei den kürzeren und kam mit ihrer Liebe zur Kunst nicht auf ihre Kosten. Diese Vase ruinierte mich fast, meine Sinne waren ziemlich abstrakt gestimmt. Ich suchte wochenlang nach der Frau, welche die Proportionen der Vase habe. Selbstverständlich vergeblich. Höchstens die Puppe in Euphemias billiger Erstarrnis. Aber das stimmte alles nicht. Im Traum stieg ich zur Vase und zerbrach sie regelmäßig. Das Gefäß machte mich zum Klassicisten, zum symmetrisch geteilten Stilisten. Da fand ich's. Die Symmetrie ist wie die platonische Idee eine tote Ruhe. Böhm sagte mal, ich sollte mir ein Bein amputieren. Das war brutal, aber ganz richtig. Doch die Sache war mir damals nicht klar, die Symmetrie ist langweilig wie die Mechanik. Zuletzt ließ ich mir die knidische Vase schenken. Damit war der Dame des Hauses und mir gedient. Nach einer ziemlich schlimmen Nacht schlug ich den Topf entzwei. Es ging ums Leben. Seitdem bin ich Romantiker geworden.«

Bebuquin sah garnicht, daß die Hetäre und Euphemia krampfhaft unter den Bogenlampen saßen, Liköre tranken und in das Licht starrten. Lippenknabe küßte seine Maitresse auf den Arm. Grell schrie sie auf und wehrte den Maler deutlich mit einer langen spitzen Hutnadel aus dem zuckenden Lichtkreis ab.

Er zog sich notgedrungen zurück.

Die Frauen lagen verzückt unter den starren, stechenden Dolchen der Bogenlampen.

Sie stöhnten wie Tiere.

Die Lampen begannen zu zucken, sie zischten.

Bebuquin drehte die Leitung ab.

Die Frauen schraken verstört auf.

Der Maler sagte eifersüchtig:

»Sonnenkult« und ging.

Bebuquin blieb mit den Frauen. Man trank weiter, der Alkohol redete wie Gott aus dem Munde der Propheten.

Der fahle Morgen betupfte die Scheiben.

Er krauchte die Häusermauern hinunter.

Die drei Leute ängstigten sich vor der Trennung.

Denn man geht erst, wenn die Erschöpfung vollendet ist.

Sie kauerten zusammen, eine kalte, feuchte Schlange zog sich immer enger um die drei.

Der Schrecken des Farbenwechsels der übergehenden Zeiten machte sie stumm. Die Nacht, welche die vom Licht übergrellten Gesichte liebt, starb in den Tag hinein. Man fühlte, man müsse die Nächte zu einem ernsten Training benutzen, denn die drei wollten um jeden Preis Visionäre werden, ganz unmenschlich sein. Sie waren ihres Körpers und seiner Formen unabweislich müde geworden und spürten, daß sie sich verzerren müßten.

Unter der blöden Sonne gingen die Grauen heim.

Die Landschaft war auf ein Brett gestrichen, die aufgerissenen Augen spürten nicht mehr vor Überreizung, daß es heller und klarer wurde. Das Licht der Glühlampen und die sie umhüllende Finsternis steckte noch in den Sehnerven. Bebuquin suchte weinend der Sonne in einen imaginären Bauch zu treten. Ein Brillant über Euphemias Decollete fing das unverbrauchte Morgenlicht auf, koncentrierte das Licht. Giorgio erschrak vor der Blitzenden, schrie »verflucht« und suchte ihre Wohnung auf. Die Hetäre zog allein weiter. Man ließ sie unbenutzt stehen, sie spannte ihren pfaufarbenen Schirm auf, sprang wild ein paarmal in die Höhe, dann fügte sie sich in die Fläche einer Litfaßsäule, sie war nur ein Plakat gewesen für die neueröffnete Animierkneipe »Essay«.

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