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Bebuquin

Carl Einstein: Bebuquin - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Einstein
titleBebuquin
publisherPhilipp Reclam jun.
editorErich Kleinschmidt
year2011
isbn9783150080573
firstpub1907/1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140520
projectida2319c47
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Sechstes Kapitel

Eine blaue Hutfeder Euphemias besoff sich blitzend in der grünen Chartreuse.

Bebuquin schaute mit seinem linken Bein in die Ecke der Bar, wo Heinrich Lippenknabe nachdenkerisch in die broncierte Nabelhöhle einer Hetäre eine Orchidee arrangierte und sie mit Cognac begoß.

»Wer ist der Vater?« schrie die Büffetdame.

Der Schein der elektrischen Lampen fuhr ihr durch die Spitzen zum Knie, tanzte über die Kristallflacons und die Sektkühler erregt rückwärts; das sonst anständige elektrische Licht!

»Keiner«, schaute Euphemia mit kreisförmig ausgebreiteten Augen. »Ich kriegte ihn im Traum.«

»Quatsch«, rief Heinrich Lippenknabe, »sie meint ein vergebliches Präventiv.«

»Erstens hatte ich keine Ahnung, wer der Vater sein kann. Das ist auch gleichgültig.« Sie sah erschreckt drein.

»War es vielleicht Böhm?« fragte Bebuquin.

Euphemia schrie senkrecht auf.

»Der kommt immer, er wird das Kind stillen, er hat jetzt eine solch milchfarbene Schädelplatte, seit er starb, und er benutzt seinen Schlingdarm, für den er jetzt keine Verwendung mehr hat, als Zither und singt sehr ergreifend dazu den Pythagoräischen Lehrsatz. Er sagte, der Junge müsse ein ganz intellektueller werden.«

»Ja, dein Embryo schrieb doch eine philosophische Arbeit und doktorierte auf Geburt; nicht wahr, die Geschichte heißt: die zerstörte Nabelschnur oder das principium individuationis.«

»Ja«, flüsterte Euphemia, »er hat bereits der Welt entsagt, er wird geistig, ist ganz wunschlos, unreinlich und schweigsam. Außerdem hat er eine sensible Haut, die wechselt fortwährend Farbe. Kann man ihn nicht als Reklametransparent benutzen? Man spart farbige Glühlampen.«

»Das Alogische wächst, das Alogische siegt, er wird nicht abgeleitet.«

Bebuquin balancierte auf dem kippligen Barstuhl.

»Darum, meine Damen, werden so viele verrückt. Wir entbehren der Fiktionen, der Positivismus ruiniert.«

Die Buffetdame kniete verzückt zwischen den Sektkühlern.

»Herr, wir konzipieren zu materiell.«

Ihr Spitzenkleid umglitzerte sie, Ornament des Traums.

Die Sektkühler, heilige Gefäße des Unsäglichen. »Wir opfern nichts mehr«, schrie Bebuquin auf die Straße, »Das Sublime geht verloren. Das Wunder kritisiert Ihr, das Wunder hat nur Sinn, wenn es leibhaftig ist, aber Ihr habt alle Kräfte zerstört, die über das Menschliche hinausgehen.«

»Ich will, daß der Geist sichtbar werde«, stöhnte Heinrich Lippenknabe.

»Das Nichts soll sich materialisieren«, die Dame mit der Orchidee in der Nabelhöhle.

Böhm stand unter ihnen.

Er sagte:

»Das Naturgesetz soll sich im Alkohol besaufen, bis es merkt, es gibt irrationale Situationen, und einsieht, gesetzmäßig ist nur der Demokrat mit dem Reichstagswahlrecht und die Schwachheit. Das Gesetz realisiert sich seelisch nie, es hängt sinnlos an dem Nagel irgend eines schlechten Mathematikaxioms.

Wenn etwas auf das Gesetz erkannt wird, beweist es nur, die Sache ist als Erlebnis überlebt. Das Gesetz ist die Vergangenheit, dem Tod unterworfen.

Sic.

Es fehlen uns die Ausnahmen.

Zu wenig Leute haben den Mut, vollkommenen Blödsinn zu sagen. Häufig wiederholter Blödsinn wird integrierendes Moment unseres Denkens; bei einer gewissen Stufe der Intelligenz interessiert man sich für das Korrekte, Vernünftige gar nicht mehr.

Die Vernunft macht zu viel Großes, Erhabenes zum Grotesken, Unmöglichen. An der Vernunft ruinierten wir Gott die umfassende Idiosynkrasie.

Welches Recht hat die Vernunft dazu. Sie sitzt.

Auf der Einheit.

Da sitzt die Gemeinheit.

Es gibt so viele Welten, die garnichts miteinander zu tun haben, so wenig, wie grüne Chartreuse mit den Visionen, in die sie sich umsetzt.

Wenn ein sympathischer Zeitgenosse sich mit Außerordentlichem abgibt, sperren sie ihn ins Irrenhaus.

Meine Herren, der Mann interessiert sich nur nicht für Ihre rationale Welt. Warum wollen Sie denn nicht einsehen, wenigstens daß Ihre Vernunft langweilig ist?

Alles stilisiert die Vernunft, das meiste verschleißt sie zu angeblich belanglosen Übergängen, das andere ist Kanon, das Wertvolle, das Langweilige, Demokratische, das Stabile.

Meine Herren, die Intelligenz und Phantasie der Leute hat sich darin zu zeigen, das man den Blitz einfängt, differenzieren Sie. Ich versichere Sie, ich zum Beispiel lebe nur, weil ich mich mir suggeriere, in Wirklichkeit bin ich tot. Sie wissen doch, ich ließ mich einsargen. Aber ich versprach mir, als Reklame für das Unwirkliche herumzulaufen, bis irgend ein Idiot ein Wunder an mir erlebt. Sehet, Babys, unwirklich, nichts, das sind Bezeichnungen für eure schlechten Augen. Wenn es eine künftige Fülle gibt, dann kommt sie aus dem Nichts, dem Unwirklichen. Das ist die einzige Garantie für die Zukunft.

Der Utilist und der Vernünftler sagen für das Imaginäre Trug und Maja, für das Nichts Vacuum oder Äther. Das sind Leute, die wollen alles in den Mund nehmen und essen oder zu einer Moral aufschneiden. Aber das Nichts ist die indifferente Voraussetzung allen Seins. Das Nichts ist die Grundlage, nur darf man nicht an Robert Meyer glauben und alle Existenz ist doch nur eine Einschränkung des Nichts. Die Existenz in Formen ist ein Sofa, eine Schlummerrolle, eine ebenso unverbindliche, wie langweilende Konvention, Wenn man frei und kühn zum Leben in vielen Formen ist, wenn man den Tod als ein Vorurteil, einen Mangel an Phantasie ansieht, dann geht man aufs Phantastische, das ist die Unermüdlichkeit in allen möglichen Formen. Ich gebe zu, die Vernunft macht alles bequem, sie konzentriert, aber sie zerstört zu viel, macht zu vieles lächerlich und gerade das Größte. Man muß das Unmögliche so lange anschauen, bis es eine leichte Angelegenheit ist. Das Wunder ist eine Frage des Trainings.

Euphemia, euch mangelt ein Kult.

Der Romantiker sagt: seht ich habe Phantasie, und ich habe Vernunft, ich bin sonderlich und sage mitunter Sachen, die es nicht gibt, wie euch das meine Vernunft hinten nach zeigt. Wenn ich sehr poetisch sein will, sage ich dann, die Geschichte hat mir geträumt. Aber, das ist mein sublimstes Mittel, damit muß man sparen. Und dann kommen noch Masken und Spiegelbild als romantischer Apparat. Aber, Herrschaften, da ist Asthetizismus bei. Beim Romantiker macht man einen Schritt vorwärts und zwei zurück. Das ist ein zuckendes Klebpflaster.«

Er begoß die noch nicht Verschiedenen mit Absinth.

»Hier ein Mittel des Dilettanten.«

Bebuquin fuhr Euphemia an die Nase und umarmte sie zugleich leidenschaftlich.

Ein Sturmregen pointilliert die großen Scheibenfenster. »Wir bedürfen einer Sündflut.

Man hat bis jetzt die Vernunft benutzt, die Sinne zu vergröbern, die Wahrnehmung zu reduzieren, zu vereinfachen. Im ganzen, die Vernunft verarmte; die Vernunft verarmte Gott bis zur Indifferenz; töten wir die Vernunft; die Vernunft hat den gestaltlosen Tod produziert, wo es nichts mehr zu sehen gibt. Noch für Dante war der Tod ein Vorwand für Glanz, Farbe, Reichtum und Lust. Nehmen wir unsere Sinne, entreißen wir sie der Ruhe der Stupidität platonischer Ideen, beobachten wir den Moment, der viel eigenartiger ist, als die Ruhe, weil er differenziert und charakteristisch ist, gar keine Einheit hat, sondern sich zwischen vorn und hinten restlos aufteilt.«

Der tote Böhm tanzte dankend auf Euphemias Hut und versank im Büffet; er legte sich wieder in eine seltsame Cognacsorte, die er von jeher geliebt.

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