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Bebuquin

Carl Einstein: Bebuquin - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Einstein
titleBebuquin
publisherPhilipp Reclam jun.
editorErich Kleinschmidt
year2011
isbn9783150080573
firstpub1907/1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectida2319c47
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Fünftes Kapitel

Um die Tische verbanden sich die Wiener Rohrstühle zu rhythmischen Guirlanden. Die Nase eines Trinkers konzentrierte die Kette jäh. Die Lichter hingen klumpenweise von der Decke und zerplatzten die Wände zu Fetzen. »So vernichtet eines den anderen«, bemerkte hierzu der jugendliche Maler Heinrich Lippenknabe.

»Ich bin darauf dressiert, überall die Negation aufzufinden.

Ja, trotzdem die Gemütlichkeit der Vernichtung ist das Interessanteste. Lachhaft ist die Gespanntheit von allem. Ich bedaure, daß sich Kunst und Philosophie die Aufgabe stellen, dies immer Fragmentarische als ruhende Form zu geben. In unserem Energieverbrauch muß es Teilungsgewohnheiten geben. Die Energie der Form verbirgt oft allzu heftige Angst vor Erweiterung, beweist den Rhythmus der Müdigkeit.

Immer beschäftigte es mich, alles nur vorläufig zu betrachten. Immer stieß ich auf Zustände der Völker, wo diese ablassend von strengen Werten nach kurzer Irre sich der Kunst zuwandten und hier sich Absolutes erschlichen mit dem Unterbewußtsein, dies sei erlaubt, und führten nämlich ihre ästhetischen Gründe an in artistischem Sinne. Bald vergaßen sie diese und hatten gemächliche Werte, auf denen es sich bequem ausruhen, arbeiten und leben ließ. Das Ästhetische reagierte ethisch ab, zunächst mit Übertreibungen.

Ich gestehe, mit Vergnügen bemerkte ich, daß sich aus der symbolischen Kunst eine Formkunst bei einigen Begabteren abtrennte, aber vielleicht schuf das Symbol das Artistische, da dieses die Grenzenlosigkeit des ersteren überwinden mußte, woraus sich die heutige Scheidung ergibt.

Fiel es Ihnen nicht auf, daß die früheren Christen durch die Bilder disputieren und denken, und gerade darum waren sie zur größten Energie der Form und zur beständigen sinnlichen Variation eines in sich stille Bleibenden gezwungen.«

Bebuquin sagte: »Das Verdienst Schopenhauers, die Ruhe als Wesen aller Dinge und Subjekte eingeführt zu haben, ist stets hervorzuheben. Er gab damit die unbewegte Idee Platos wieder, das strenge, unberührte Gesetz; aber fürwahr, das Wesen ist ein Nichts. Doch ist die Reduzierung auf Eindrücke peinlich. Schwerlich werde ich mir einmal über den Produktiven klar. Dieses kindliche Suchen nach einem Anfang wird mich schädigen.«

Euphemia trat in das Cafe ein. Das gelbe Licht gab ihren Röcken, – die sich wie Wogen von Rudern bewegten, über ihren straffen Beinen schäumten, – Konturen, die in ihrem Hut zusammenliefen und an dem weit überhängenden Federbouquet ihres Hutes versprühten. Man hatte sie seit langem nicht mehr gesehen, da sie mit einem Knaben niedergekommen war. Die Geburt war für ihren Körper anscheinend vorteilhaft gewesen. Unwillkürlich dachte Bebuquin, an dem Kinde habe sie sich ihres Fettes, ihrer bisherigen schlechten Erfahrungen entledigt. Sie sah geradezu jungfräulich aus.

»Was ist doch das für ein Unglück, daß wir Männer vom Weibe kommen.«

Euphemia: »Nun, mein Junge, wie habe ich mich erholt?«

Heinrich Lippenknabe hub aber ein Lied an, das der bleiche lange Piccolo mit dem Rauschen der Vorhänge und dem Klingen der metallenen Schnürgriffe accentuierte.

»Weit stinkt uns die Einsamkeit entgegen.
Auf allen unseren grauen Wegen
krallt unser Auge sich an einen blauen Fleck,
die Einsamkeit,
es ist ein dunkelklitschig Zimmer
ohne Wände, doch hat keiner ihre Höhe je ermessen.
Um uns tanzt der Kosmos voll Finessen,
doch fällt auf mich kein Schimmer.«

»Hören Sie mit dem Blödsinn auf. Ich möchte die ganze Geschichte in mich konzentrieren.«

»Das können Sie ohne weiteres, glauben Sie es einfach.«

Ich dachte schon oft, daß unsere Meinungen als strenge Umkehr der Tatsachen aufgefaßt werden können.

Negation besagt garnichts, ebenso wenig die Bejahung. Das Künstlerische beginnt mit dem Wort anders. Künstlerische Formen können sich dermaßen verfestigt haben, über die Dinge hinausgewachsen sein, daß sie einen neuen Gegenstand erschaffen. Ihnen ist die Welt zum Greuel geworden, die sich dem Maskenspiel des Dichters opfern soll. Aber wir sind in unser Gedächtnis eingeschlossen, auf Tautologien angewiesen – ich sehe dabei von der Existenz des Wortes »Form« ab.

Das Wesentliche dieses Wortes ist, daß es mit Nichts alles enthält, aber zugleich mehr ist, als Begriff oder Symbol. Auf der einen Seite geht es über das Logische weit hinaus und läßt von der Erfahrung bedeutendere Merkmale zurück; sie besitzt Selbstbewegung, Ruhe und Bewegung sind zugleich in ihr eingeschlossen. Das Symbol gab die Vor- und Nachfolgen der Form, das Empirische und ein Fremdes; die Form aber verbarg sich ungesehen zwischen den beiden Gliedern. Die Form weist auch über die Kausalität hinaus, zugleich besitzt sie vorzüglichere Eigenschaften, als die Idee; sie ist mehr als ein Prozeß. Vor allem aber vermag sie sich mit jedem Organ und Ding zu verbinden; da ihre Verpflichtung an die Gegenstände eine denkbar lose ist, gebietet sie diesen ohne Vergewaltigung. In ihr beendet sich die christliche Verneinung der Gestalt; gerade jene wird von ihr erstrebt mit den reinen Kräften der Seele. Der Christ gab nie ein wenigstens scheinbares Endresultat, er verneinte und vergewaltigte krampfhaft. Vielleicht gebiert die Form neue Gegenstände; sie ist von ihrem Ursprünglichen entfernter, als der Begriff, und eine Deduktion von ihr ist durchaus von einer begrifflichen unterschieden. Die Anschauung gewinnt in ihr eine Kraft, die vorher dem Begriff allein zugesprochen wurde.«

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