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Bebuquin

Carl Einstein: Bebuquin - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Einstein
titleBebuquin
publisherPhilipp Reclam jun.
editorErich Kleinschmidt
year2011
isbn9783150080573
firstpub1907/1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140520
projectida2319c47
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Zweites Kapitel

Bebuquin wälzte sich in den Kissen und litt.

Er machte sich daran, zunächst zu erfahren, was Leiden sei, wo für ihn das Leiden noch einen Grund und Zweck berge. Er fand aber keinen; denn so oft er den Schmerz zergliederte, traf er Ursachen, oder genauer, Umwandlungen an, die alles andere als Leiden waren. Er erkannte das Leiden als Stimulanz zur Freude, als angenehmes Ausgespannt-werden und sagte sich, daß nirgends ein Leiden aufzufinden wäre, und im Ganzen in einer solchen Bezeichnungsweise eine lächerliche Naivität des Vermischens liege; daß das Logische nichts mit dem Seelischen zu tun habe, fiel ihm auf; daß es eine gefälschte Zurechtmachung wäre. Er fand das Logische so schlecht wie Maler, die für die Tugend ein blondes Frauenzimmer hinsetzen.

»Der Fehler des Logischen ist, daß es noch nicht einmal symbolisch gelten kann. Man muß einsehen, ihr Dummköpfe, daß die Logik nur Stil werden darf, ohne je eine Wirklichkeit zu berühren. Wir müssen logisch komponieren, aus den logischen Figuren heraus wie Ornamentkünstler. Wir müssen einsehen, daß das Phantastischste die Logik ist.«

Ein Grauen überlief ihn, da er der Gegenstände gedachte, die ihn stets aufsaugen wollen; wie er die Gegenstände durch seine Symbolik vernichte, und wie alles nur in der Vernichtung existiere. Hier sah er eine Berechtigung alles Ästhetischen; aber zugleich auch, daß er, da er keinen ganzen Endzweck mehr sah, den einzelnen leugnen mußte. Er sehnte sich nach dem Wahnsinn, doch seinen letzten ungezügelten Rest Mensch ängstigte es sehr. Seine einzige Rettung schien eine anständige Langweile zu sein; aber nicht, um sich damit wie der lebensfrohe Schopenhauer die Berechtigung zu einem System zu erschleichen; obwohl ihm klar wurde, daß in der Langenweile ein Stilfaktor ersten Ranges latent sei. Er blätterte in einigen Mathematikbüchern, und viele Freude bereitete es ihm, mit der Unendlichkeit umherzuspringen, wie Kinder mit Bällen und Reifen. Hier glaubte er in keinem Hinübergehen in die Dinge zu stehen, er merkte, daß er in sich sei.

Er sah ein, daß es verfehlt sei, sich Dichter zu nennen; daß er in der Kunst immer im Rausch der Symbole bleibe. Es genügte ihm keineswegs, daß die Technik der Poesie symbolisch sei, und ihre Gegenstände damit einen ganz anderen Sinn erhielten; noch immer fand er, daß die sprachliche Darstellung eben nur unreine Kunst sei, gemessen an der Musik. Er verwünschte die Anstrengungen der Wissenschaftler, die Musik auf reale physiologische Vorgänge zurückzuführen. Aber es berührte ihn entschieden angenehm, daß sie ihre Verdauung interpretierten, doch alles Künstlerische mit großer Sicherheit umgingen. Es freute ihn, wie sich hier eine alte Meinung bestätigte, daß die Teile über das Ganze garnichts aussagten, das Synthetische in der logischen Analyse die unbewußte Voraussetzung sei; und man gerade die Hauptsache somit sicher umgehe, wie es diese Psychologen taten.

Traurig rief er aus, »welch schlechter Romanstoff bin ich, da ich nie etwas tun werde, mich in mir drehe; ich möchte gern über Handeln etwas Geistreiches sagen, wenn ich nur wüßte, was es ist. Sicher ist mir, daß ich noch nie gehandelt oder erlebt habe.«

»Auch nie genossen, Idiot«, fauchte Nebukadnezar in die Stube, und schlug wieder den Deckel des Nachtstuhles zu. Leuchtende kleine Wolken glühten auf, und ein Vorhang aus Mull mit zarten Blumen überdeckt, wurde auseinandergezogen.

»Mein Herr, Sie faselten eben von einer reinlichen Scheidung Ihres Ichs. Ich merke, Sie suchen Gott. Nun ja, ich gestehe, es ist schwer einzusehen, daß alles Relative eben durch den Genuß und ähnliche passive Räusche absolut wird. Den Weg zu Dingen zu vergessen, haben Sie eben noch nicht fertig gebracht, aber die Resultate sind gleich, Sie Säugling mit der Denkerstirn«, schrie er mit erhobenem Zeigefinger. »Ich habe mich noch nie dafür interessiert, was ich genieße, aber daß ich genieße, war mir stets von größter Wichtigkeit.« »Mein Herr, Sie suchen Zwecke mit ihrem Bauch. Entfernen Sie sich. Im übrigen war Ihre jenseitige Genußmaschine gefährlich. Ich wohnte doch Ihrem seligen Abscheiden bei.«

»Sie sehen also immer noch nicht ein, daß lediglich die Nervenstränge rissen. Mein ciseliertes Hirn war bei weitem dauerhafter. Es ist empörend, daß Ihr mißlicher Ernst mich stets zu faulen Witzen reizt. Jetzt haben Sie Ihre eigenste Spiegelung weg.«

Er setzte sich zu Bebuquin ins Bett.

»Bebuquin«, begann er gütig, »Sie sind ja immer noch ein Mensch. Variieren Sie sich doch einmal, monotoner Kloß. Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen von den Gärten der Zeichen, die Geschichte von den Vorhängen erzähle. Narzissus, Unproduktiver.« Giorgio zog sich die Decke von den Ohren, steckte einen Cakes in den Mund, und Böhm hub an:

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