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Bebuquin

Carl Einstein: Bebuquin - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Einstein
titleBebuquin
publisherPhilipp Reclam jun.
editorErich Kleinschmidt
year2011
isbn9783150080573
firstpub1907/1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140520
projectida2319c47
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Erstes Kapitel

Die Scherben eines gläsernen, gelben Lampions klirrten auf die Stimme eines Frauenzimmers: »Wollen Sie den Geist Ihrer Mutter sehen?« Das haltlose Licht tropfte auf die zartmarkierte Glatze eines jungen Mannes, der ängstlich abbog, um allen Überlegungen über die Zusammensetzung seiner Person vorzubeugen. Er wandte sich ab von der Bude der verzerrenden Spiegel, die mehr zu Betrachtungen anregen als die Worte von fünfzehn Professoren. Er wandte sich ab vom Cirkus zur aufgehobenen Schwerkraft, wiewohl er lächelnd einsah, daß er damit die Lösung seines Lebens versäumte. Das Theater zur stummen Ekstase mied er mit stolz geneigtem Haupt: alle Ekstase ist unanständig, Ekstase blamiert unser Können, und ging schauernd in das Museum zur billigen Erstarrnis, an dessen Kasse eine breite verschwimmende Dame nackt saß. Sie war so breit, daß sie nicht etwa auf einem Stuhl saß, sondern auf ihrem schwermütigen, weit ausgedehnten Posterieur. Sie trug einen ausladenden gelben Federhut, smaragdfarbene Strümpfe, deren Bänder bis zu den Achselhöhlen reichten und den Körper mit nicht zu aufregend vibrierenden Arabesken schmückten. Von ihren Seehundhänden starrten rote Rubinen senkrecht: »Guten Abend, Herr Bebuquin«, sagte sie. Bebuquin betrat einen mühselig erleuchteten Raum, in dem eine Puppe stand, etwas dick, rot geschminkt mit gemalten Brauen, die seit ihrer Existenz eine Kußhand zuwarf. Erfreut über das Unkünstlerische setzte er sich auf einen Stuhl, einige Schritte von der Puppe entfernt. Der junge Mann wußte nicht, was ihn am Unkünstlerischen anzog. Er fand eine stille, freundliche Schmerzlosigkeit, die ihm jedoch gleichgültig war. Was ihn immer anzog, war der merkwürdige Umstand, daß ihn dies ruhig konventionelle Lächeln bewußtlos machen konnte. Ihn empörte die Ruhe alles Leblosen, da er noch nicht in dem nötigen Maße abgestorben war, um für einen angenehmen Menschen gelten zu dürfen. Er schrie die Puppe an, beschimpfte sie und warf sie wieder einmal von ihrem Stuhl vor die Türe, wo die dicke Dame sie etwas besorgt aufhob. Er wand sich in der leeren Stube: »Ich will nicht eine Kopie, keine Beeinflussung, ich will mich, aus meiner Seele muß etwas ganz Eigenes kommen, und wenn es Löcher in eine private Luft sind. Ich kann nicht mit den Dingen etwas anfangen, ein Ding verpflichtet zu allen Dingen. Es steht im Strom, und furchtbar ist die Unendlichkeit eines Punktes.«

Die dicke Dame, Fräulein Euphemia, kam und bat ihn fortzufahren, als ein dicker Herr ihn anfuhr:

»Jüngling, beschäftigen Sie sich mit angewandten Wissenschaften.«

Peinlich ging ihm das Talglicht eines Verstehens auf, daß er, wo er ein Schauspiel sehen wollte, einem anderen zum Theater gedient habe. Er schrie auf:

»Ich bin ein Spiegel, eine unbewegte, von Gaslaternen glitzernde Pfütze, die spiegelt. Aber hat ein Spiegel sich je gespiegelt?«

Mitleidig blickte ihn der Korpulente an. Er hatte einen kleinen Kopf, eine silberne Hirnschale mit wundervoll ziselierten Ornamenten, in welche feine, glitzernde Edelsteinplatten eingelassen waren. Giorgio wollte entweichen; Nebukadnezar Böhm schrie ihn wutvoll an:

»Was springen Sie so in meiner Atmosphäre herum, Unmensch?«

»Verzeihung, mein Herr, Ihre Atmosphäre ist ein Produkt von Faktoren, die in keiner Beziehung zu Ihnen stehen.«

»Wenn auch«, erwiderte liebenswürdig Nebukadnezar, »es ist eine Machtfrage, eine Sache der Benennung und Selbsthypnose.«

Bebuquin richtete sich auf.

»Sie sind wohl aus Sachsen und haben Nietzsche gelesen, der darüber, daß man ihm das Polizeiressort nicht anvertraute, wahnsinnig wurde und in die Notlage kam, psychologisch scharfsinnige Bücher zu schreiben.«

Fräulein Euphemia bat die Herren, mit ihrem Geist rationeller umzugehen, und sie wolle gern ein Ballokal besuchen. Die beiden nickten und stampften die Holztreppe hinunter.

Euphemia holte einen Abendmantel, und Nebukadnezar ergriff ein Sprachrohr und bellte in die sich breit aufrollende Milchstraße:

»Ich suche das Wunder.« Der Schoßhund Euphemias fiel aus dem Sprachrohr; Euphemia kehrte angenehm lächelnd zurück.

»Beste«, meinte Nebukadnezar, »Erotik ist die Ekstase des Dilettanten; ich werde Sie aber in meinem nächsten Feuilleton protegieren. Die Frauen sind immer aufreibend, da sie stets dasselbe geben, und wir nie glauben wollen, daß zwei ganz verschiedene Körper das gleiche Centrum besitzen.«

»Adieu, ich will Sie nicht hindern, Ihre Betrachtungen durch die Tat zu beweisen.«

Euphemia bat, daß der Dicke etwas zu trinken und zu essen aus dem Hotel hole, und kehrte um, ihren Hund zu pflegen, von dessen Unfall sie hörte. Der Dicke ergriff einen Baum und schmerzlich an den Hals. Dann ging auch er, den Hund zu pflegen. –

Nebukadnezar neigte den Kopf über Euphemias massigen Busen. Ein Spiegel hing über ihm. Er sah, wie die Brüste sich in den feingeschliffenen Edelsteinplatten seines Kopfes zu mannigfachen fremden Formen teilten und blitzten, in Formen, wie sie ihm keine Wirklichkeit bisher zu geben vermochte. Das ziselierte Silber brach und verfeinerte das Glitzern der Gestalten. Nebukadnezar starrte in den Spiegel, sich gierig freuend, wie er die Wirklichkeit gliedern konnte, wie seine Seele das Silber und die Steine waren, sein Auge der Spiegel. »Bebuquin«, schrie er und brach zusammen; denn er vermochte immer noch nicht, die Seele der Dinge zu ertragen. Zwei Arme zerrten ihn auf, preßten ihn an zwei feste breite Brüste, und lange Haarsträhnen fielen über seinen Silberschädel, und jedes Haar waren tausend Formen. Er erinnerte sich der Frau und merkte etwas beklemmt, daß er nicht mehr zu ihr dringen könne durch das Blitzen der Edelsteine, und sein Leib barst fast im Kampfe zweier Wirklichkeiten. Dabei überkam ihn eine wilde Freude, daß ihm sein Gehirn aus Silber fast Unsterblichkeit verlieh, da es jede Erscheinung potenzierte, und er sein Denken ausschalten konnte, dank dem präzisen Schliff der Steine und der vollkommenen logischen Ziselierung. Mit den Formen der Ziselierung konnte er sich eine neue Logik schaffen, deren sichtbare Symbole die Ritzen der Kapsel waren. Es vervielfachte seine Kraft, er glaubte in einer anderen, immer neuen Welt zu sein mit neuen Lüsten. Er begriff seine Gestalt im Tasten nicht mehr, die er fast vergessen, die sich in Schmerzen wand, da die gesehene Welt nicht mit ihr übereinstimmte.

»Mißbrauchen Sie mich, bitte, nicht«, klang die dünne Stimme Bebuquins im Spiegel. »Regen Sie sich nicht so an Gegenständen auf; es ist ja nur Kombination, nichts Neues. Wüten Sie nicht mit deplazierten Mitteln; wo sind Sie denn? Wir können uns nicht neben unsere Haut setzen. Die ganze Sache vollzieht sich streng kausal. Ja, wenn uns die Logik losließe; an welcher Stelle mag die einsetzen; das wissen wir beide nicht. Da steckt das Beste. Beinahe wurden Sie originell, da Sie beinahe wahnsinnig wurden. Singen wir das Lied von der gemeinsamen Einsamkeit. Ihre Sucht nach Originalität entspringt Ihrer beschämenden Leere; meine auch. Ich entziehe mich Ihnen ohne weiteres. Dann spiegeln Sie sich in sich selbst. Sie sehen, das ist ein Punkt. Aber die Dinge bringen uns auch nicht weiter.«

Spitzengardinen werden zusammengezogen.

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