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Bebuquin

Carl Einstein: Bebuquin - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Einstein
titleBebuquin
publisherPhilipp Reclam jun.
editorErich Kleinschmidt
year2011
isbn9783150080573
firstpub1907/1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectida2319c47
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Vierzehntes Kapitel

Vor dem Kloster saß ein Mann, in sich selbst schauend. Über ihm schwebte eine Frau, man wollte andeuten, was hier geleistet werde, jedoch nur einen geringen Vorgeschmack kosten lassen. Es war das platonische Ehepaar. Er begann sich zu kugeln, indem er den Kopf mit den Füßen umarmte; sie kreiste, sich um sich selbst drehend, über seinem weißen, kurz gescherten Schädel. Sie litaneierten leise.

»Stille der in sich versunkenen, um sich selbst drehenden Geweihten. Wann steht uns alles in sich selbst? Viele Wege münden in der wundersamen Einsicht, die Idee und die Hurerei, wundgelaufene Füße und tote Verachtung; knabenhafte unvorsichtige Beschäftigung mit Grenzbegriffen. O infame Unendlichkeit der Faulen, Müden, Tatlosen, Hurer und Bazis, die du sicher ruinierst, die Form zerstörst und die tätige Kraft. O niederträchtiges Versinken in den Punkt der Punkte, in das A O, in den Grund, in den Beschluß.«

Bebuquin ging vorbei und trat in den ekstatischen Vorhof. Es war immer dasselbe. Die Ekstase erregte und steigerte sich an einem Nichts, einer Grube von schwarzem Marmor, worüber man schwebte, in die man schaute, worüber man brütete, in die man schwieg, an der man entbrannte, worin alles verharrte, in die man om rief, über der man tanzte, sich geißelte und so fort. Andere hatten statt dessen einen kristallinischen Stein und empfahlen in längeren Reden seine helle Durchsichtigkeit, sein Feuer, seine perspektivische Kraft, seine Brechungen, seine schöpferische Plastik, die Form, die Gefaßtheit, die Reinheit und so fort. Um den Stein arbeiteten viele; bald rollte man ihn der schwarzen Grube näher, stülpte ihn darüber, hielt ihn, senkte ihn in die Grube fast bis zum Grund. Die Verzerrungen, die durch den Schliff entstanden, ließen nicht erkennen, ob der Stein in die Grube passe oder nicht. Darum hatte man eine Hypothesen-Kommission, während gemeine Opponenten mit großen Nasen verlangten, man soll riechen, ob er paßte, den Stuhlgang der Riechenden aerostatisch messen und die Kurven, in denen die Exkremente der Riechenden zur Erde fielen, ballistisch berechnen. Ein ziemlich verachteter Teil von Klosternovizen spielte mit einer Maske und einem Spiegel, aber davon soll man nicht reden. Aus einem kleinen Säulengang klang die leiernde Stimme eines Bonzen.

»Ich und Du sind eines, diese Identität hält die Welt zusammen. Die Kontemplation ist eine phantastische Fähigkeit; denn sie geht über die Dinge hinweg in eine geistige Gemeinschaft. Es ist ein Grundgefühl über den Satz des Widerspruchs. In meiner glühenden Liebe ist B gleich A. Grund und Folge fallen in eins. Jedes kehrt ins andere zurück, um sich selbst zu finden. O gleiche Kraft, o Geschehnislosigkeit, o Ereignisse, höchst eindeutig.«

Bebuquin schrie: »Hier wird ein sanktionierter Selbstmord vollzogen, hier wird sakrale Idiotie gezüchtigt, Augen ausgerissen. Mein Herr, ich kam gerade hierher, um einen neuen Menschen zu fabrizieren. Ich lebe nur noch vom Wort anders. Ich kann die Gleichheit nicht gebrauchen.«

Der Bonze rief ihm zu:

»Werden Sie der Erscheinung nach anders. Übrigens ist es ganz belanglos, was Sie meinen. Sie sind ja nur Urgrund, darum innerst sündlos.«

Bebuquin schimpfte.

»Mich interessiert der Urgrund garnicht, ich pfeife darauf.«

Böhm trat ihm entgegen in gelber Mönchskutte.

»Eine Hoffnung besteht, Bebuquin; die Verwandlung tritt vielleicht mit dem Tode ein. Entweder wir bleiben dort, was wir sind, oder wir werden vernichtet und verwandelt.«

Bebuquin: »Aber ist es nicht möglich, sich im Leben zu wandeln, das elende Gedächtnis zu verlieren?«

»Bebuquin, du bist an Dir erkrankt. Die Sünde ruht nicht nur im Gedächtnis, sondern auch in der Tat, die unter den Menschen und im Himmel umhergeht.«

»Aber muß man denn sterben, um anders zu werden?«

»Beichten Sie und opfern Sie sich. Ich glaubte, das Phantastische genüge, ich wurde lackiert, gehen Sie, beichten Sie.«

Bebuquin rief beichtend in das Tor der Kapelle:

»Ich verzichte darauf, durch eine Reinigung reduziert und entleert zu werden. Ich verpöne es, in Armut von vorn anzufangen. Ich will irgend ein anderes Schicksal, ich sah mein Schicksal, es ist nichts als die Wiederholung einer Dummheit. Ich bitte, daß es mir gelinge, von den vielen Dingen, die ich mir vorzustellen vermag, eins zu sein.«

Der Beichtiger rief erwidernd aus dem Inneren der Kapelle:

»Sie stellen sich vieles vor. Sinnvoll aber sind nur Vorstellungen, mit denen man handeln kann. Sie bedürfen der Grundverwandlung, die aber ist der Tod.«

Bebuquin: »Viele Dinge geschehen, die nicht einzuordnen sind, verworfen oder nicht gesehen werden, verdeckt von der tödlichen Vernunft.«

Strophe:

»Petrefakte Bäume meines Gartens spiegeln sich
im blinden Kristallboden;
die Bewegung meiner Hände fährt nur in die
Ruhe;
jedes Brennen, Fliegen, Reißen
wird versteint.
Zum schlafenden Gebirge fügen sich die Tage an;
und je toter, desto fester,
unvergänglicher, steiler,
unübersteiglicher hemmt mich das Bleibende,
die Vergangenheit.«

Antiphone: »Der Fähige bildet Vergangenes um, im Wechsel seiner Gegenwart und Zukunft; und diese wandelt sich, gewinnt auch an Beziehung; und fruchtlos, ja schädlich, wird es im zehnten Jahr das Glück und einzige Lösung.«

Strophe: »Was in Erinnerung steht, ist verlorene Kraft und Hemmung, Bindung zu gleichen Sünden. Was gewesen ist, wirkt wie die Schablone; wir stehen in dem Fluß, immer brodelt das gleiche Wasser.«

Man sprach in einer leichten Unterhaltung weiter. Bebuquin meinte:

»Sehen Sie, die Logik fixiert, soweit unsere Fähigkeiten auf sogenannte Tatsachen angewandt werden. Sie bedenkt nur unsere praktischen Bedürfnisse, richtet sich nach den Dingen und sucht diese in übereinstimmenden, sich wiederholenden Beziehungen zu erhalten. Aber in mir ist so viel und gerade das Wertvollste, was über die Tatsache hinausgeht. Die materielle Welt und unsere Vorstellungen decken sich nie. Darum ist die Tat notwendig, dies Correktiv von Tatsachen und Dingen. Wenn man jedoch wie ich zu der Überzeugung gelangte, daß wir weiter müssen, ist es denn nicht möglich, daß eine neue Art Mensch entsteht, die es verschmäht, in den gleichen Straßen weiter zu gehen?«

Trompeten und Pauken schollen von der Decke der Kapelle. Bebuquin trat in sie ein. Er sprach weiter:

»Bisher wurde das Religiöse an den Tatsachen zur Groteske, oder umgekehrt; aber vielleicht decken sich die Dinge nie, damit das Schöpferische nicht einschlafe. Gott, das Phantastische, die ganze unterdrückte, sprachlose Sensibilität wollen reden, wir sträuben uns gegen diese immer gleiche Auslese, die Welt muß sich uns verwandeln.«

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