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Bebuquin

Carl Einstein: Bebuquin - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Einstein
titleBebuquin
publisherPhilipp Reclam jun.
editorErich Kleinschmidt
year2011
isbn9783150080573
firstpub1907/1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectida2319c47
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Zwölftes Kapitel

Bebuquin trat unbemerkt in seine Wohnung. Er kleidete sich sorgfältig um, als er gebadet hatte. Dann ging er isoliert von den Wirrnissen in sein kathartisches Gemach, eine kleine weißgetünchte Stube, inmitten ein Klubsessel.

Er setzte sich bescheiden, dann sagte er:

»O Köstlichkeit der Sünde.

Aber nicht aus infamen Gründen. Es erhebt und stärkt. Sünde verlangt, daß ich alles, was bis zu ihr geschah, vergesse und von vorn anfange. Die Sünde ist ein Tod, und in ihr verbrennt meine Welt. Bisher sind so viele Bebuquins der Hölle verfallen, und immer reiner und stärker trotz verringerter Kräfte wirft sie mich aus. Vielleicht sündigt man nur, um die Reinheit der Reue zu erlangen, Erneuerung durch Gemeinheit.

Jedoch der Schmerz.

Wenn ich an die Sünde denke, kann ich nicht leben. Vergesse ich sie, entschwindet mir nötig mein Leben bis zu diesem Wort, und ich habe es dem Satan zu überantworten.

Gott, wann kann ich mein Lebensende Dir geben?
O beginn mit altem und gezeichnetem Leib
zu entraten, die Identität zu spüren.
Mir starb in dieser Nacht ein Freund.
Meine Gedanken wurden gestrichen.
Die Augen und das Ohr sind sündig.
Was bleibt mir außer Philosophie;
Denn ich scheine außerhalb von Prinzipien
stets böse zu werden.
Braucht meine Gemeinheit so dürre Ruten?«

Er schwieg. In ihm stak eine Höhle, und um ihn herum war der Erdboden ausgesägt. Die Leitung war unterbrochen. Seine Augen lagen reglos über dem Jochbein.

Er sprach:

»O Reichtum meiner Seele,
Vielleicht auch hilflose Vielfältigkeit,
den ich nicht ertragen kann.
Und dann diese Armut.
Es peinigt mich.
Wann verstehe ich,
daß man, um zu leben,
um Person zu sein, nur ein Ding kennen darf.

O Reize zu spüren, wie mannigfach Worte und Meinungen sind; und wie schmerzlich nur eine Deutung zu erlernen. Diese eine Deutung ist die Form, und sie macht die Dinge, die festen Augen, den bestimmten Klang. Wenn ich mich in den Reizen der Mannigfaltigkeit verstecken könnte; und ich weiß nicht, von welchem Centrum aus ich auferstehen soll.

Herr, der du uns Arbeit gabst, verschone mich mit ihr, damit ich die mögliche Größe ahne, statt ein geringes Maß zu realisieren. Welch törichte Suggestion, dieses Wort. So liege ich mit scharfem Ohr wie ein buntes Tier über Deinem Boden, um eine Mitteilung zu erwarten; denn heute habe ich kein Gewand, in dem ich auferstehen könnte.

O Gott, Du gabst uns einen Körper, vielleicht identisch; eine Seele, die den Körper an Möglichkeiten übertrifft, die ihn schon lange Zeit und oft ausrangierte, und die glänzenden Platten der Denker – die Sonne verschmäht es sich in ihnen zu beschauen – suchen die Balance. Ich aber wünsche, daß mein Geist, der sich etwas anderes als diesen Körper – o Gartenzäune, Stadtmauern und Safes, Pensionate und Jungfernhäute – denken will, auch ein Neues wirkt und schafft. Ich kann absonderliche Wesen machen, Verrücktes zeichnen, auf Papier, in Worten, ich selbst bin verzerrt; aber mein Bauch bleibt ein Fresser. Welch geringe Versuche der Heiligen, nach Sprüchen der Evangelien den Körper zu verwandeln.

Herr, gib mir ein Wunder, wir suchen es seit Kapitel eins.

Dann will ich normal sein, aber erst dann.

O Gott, wenn Du mehr bist, als das der Wahrheit angenäherte Gesetz der Forscher, erbarme Dich doch meiner Langenweile, starb doch schon Böhm an ihr.«

»Bebuquin«, sagte der, »das Ganze ist ein Erziehungsheim. Die drüben sind so menschlich einfach. Es gibt zwei Dinge, entweder sie schweigen und machen mit einem imaginären Phallus unendlich, oder sie tun das Gleiche und zeichnen eine Eins. Ich zeichnete eins, und meine isolierte Hirnschale rostet. Ich grüße Dich, alter Märtyrer. Vernichte die Identität, und Du fliegst rapide; aber fraglich, ob Du das Tempo aushalten wirst. Eins, Hallelujah, eins, Hallelujah, Amen, eins. O Notwendigkeit, Hallelujah, o Gesetz, o Gleichheit, wo alles in sich selbst schläft, o Stille, o Kontemplation, o Verdauung des Straußen, der den eigenen Kot frißt.

Eins, Hallelujah, eins, Hallelujah, leb wohl, eins Hallel– – –«

»War es Philosophie oder ein Analphabet?«

»O Gleichheit, o Eins. Mancher jedoch zählte bis auf zwei. O Erweiterung des Dualismus. O Gehen zwischen den Ufern, o Hinüber- und Herüberrennen.«

Altertum der Gedanken, o Antiquare der Gemeinplätze, o prähistorische Tiefen.

»Seht, mein Leben ist mir verhaßt, es ist gänzlich zerstört. Um moralisch weiter zu machen, bedarf ich neuer Existenzbedingungen, eher als des Brotes; ich kann nicht in der Kette weiter leben, ich will nicht, es wäre moralisch inkonsequent. Man treibe mich nicht in die alten Gleise und sei barmherzig, es muß eine Änderung eintreten, die stärker ist, als meine Sünde und meine Reue; ich muß eine Erneuerung haben, ich bedarf einer Erdperiode.«

Die Nacht färbte langsam empor, die weiße Stube opalisierte wie altes Gestein, lohende Schatten zogen über die Wände, eine kleine weiße Wolke stand vor dem Fenster, ein brennender Sonnenstrahl durchglühte sie. Bebuquins Körper verschwand in den Schatten, nur der Kopf schaute gleich inmitten der Wogen der Dämmerfarben die versinkende Wolke an. Sein Kopf, ein Gestirn, das erkaltete.

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