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Bebuquin

Carl Einstein: Bebuquin - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Einstein
titleBebuquin
publisherPhilipp Reclam jun.
editorErich Kleinschmidt
year2011
isbn9783150080573
firstpub1907/1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140520
projectida2319c47
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Elftes Kapitel

Der Schatten eines sich begattenden Affenpaares schlich von der anderen Seite über Euphemia. Sie erschauerte müde, aber mit schattender Begierde, die über sie weg kroch. Leise ging sie in die Mitte der Arena, zog ihr Gazekleid ab und stand nackt in der Dunkelheit. Wenige spärliche Sterne leuchteten durch die Luken. Das verhängnisvolle Seil pendelte zwischen ihnen.

»Sie sind nun erledigt«, rief Bebuquin durch die Finsternis. Sein Schatten glitt über den Boden, über Euphemia.

»Rühren Sie mich nicht an«, schrie sie. »Ich gehöre dem andern. Ich habe mich dem imaginierten Böhm angetraut. Er kann aus der Wand kommen. Er ist außerhalb jeder Regel. Er hat mir alles verwirrt. Sein tödlicher formloser Humor, bei dem jedes nichts und sehr bedeutungsvoll ist, fuhr in mich. Ich leide so unter den Versuchungen der Phantasie. Ein Weib hält das doch nicht aus. Sehen Sie, Böhm ist für mich wirklicher, wie Sie. Er ist ein grausamer Witz, eine phantastische Guillotine. O du mein Galgen. Ich sehe immer gerade aus, wie er's braucht. Er nimmt mir alle Kraft aus den Gliedern. Ich hocke tagelang und sehe ihn in dem Schatten des Abends, bald grünt er im Morgen, wie ein endloser Kakadu, bald liegt er draußen im Meer, und ich reise tagelang der Welle nach, der grünen Flasche, die ihn umschließt. Es ist so reich, mit den Toten zu verkehren, es ist eine stille, innerlich bohrende Lust, lautlos sprengende Raserei; Böhm!«

»Ihnen sind die Gestalten verwirrt.«

»O Sie sind töricht, ich stehe in einem langen alten Mythus, der mich umschlingt wie ein Gewebe. Wissen Sie, die Luft ist etwas ganz anderes, das ist eine Glasglocke. Ich muß dahinaus, man erstickt so elend in dem engen Leben. Böhm erweiterte in einem ständigen Training die phantastischen Fähigkeiten seines Körpers; seine Stimme, die Strahlen seiner Augen. Ja was war das, wie weit reichten die; ich bin einfach verfallen in die Grenzenlosigkeit des Humors. Doch ich leide unter all dem Grauenhaften. Ich vermöchte mit einem zufriedenen Lächeln irgendeinen zu töten, vielleicht nähme das alle Last von mir. Wissen Sie, wir handeln immer doch zuletzt aus einem Minimum von Überspannung, die eines findet, an dem sie sich auslöst. Eine große Dunkelheit und ein weniges, ein Grammchen von Überspannung. In uns sind alle Laster, alle Größe, nur temperiert, gegenseitig geschwächt; aber wenn sich eins überspannt, der Haß, die Angst, die Liebe, dann ist es in einem Blitz den ganzen Weg durchgeflogen, oder wir gehen wie Mondsüchtige, haben die anderen Empfindungen verlernt, tun das Nötige und sind wie vorher und wissen nichts. So geschehen viele Morde.«

»Aber der Körper, die Sinne.«

»Du mein Gott, das sind die ärmlichsten Gewöhnungen, Vorurteile. Viel stärker, reizvoller, gefährlicher sind die Empfindungen, die keines Erlebnisses bedürfen. Denn schließlich gibt es Menschen, die kommen auf die Erde und kennen alles. Das Leben ist nur eine mühevolle Darstellung der Erinnerung, nichts Neues.«

»Als kämen wir doch von Gott.«

»Aber woher denn?«

»Sie kriegten doch Emil.«

»Nein, das war nicht ich, irgend etwas in mir produzierte da, bewahrte auf. Und der erste Schrei des Kindes, das konnte doch nicht von mir kommen. Und die Form, der Körper, das ist doch nur ein Mittel, eine Ausdrucksform und ein schlechtes Instrument. Wenn ich mit Gott und Böhm mehr zusammen bin, werde ich das Meiste viel genauer kennen.«

»So geht alles von den Lebendigen weg zu den Toten. Die stehen eben energisch voran. Weißt du, Euphemia, wie du die Dessous oft behaglich abstreiftest? So fällt alles mögliche von mir ab. Man steht einfach gerad da, den Kopf über den Wolken und ist mehr oder weniger fertig. Es geht von einem weg. Die Leute, Wünsche, Quälereien, und man ist wie eine geleerte Pappschachtel. So weißt Du, die Dunkelheit und die Sonne, das sind für mich keine Gegensätze mehr, sind ein totes Gefühl, bald in Schwarz, bald in Weiß. Ich möchte mal schreien, daß die Tiger vor Angst ausbrechen und durch die Nacht ihre Augen funkeln. Es wird mich nichts freuen, garnichts. Alles, was sonst die Leute steigert, extasiert, ruiniert mich totsicher, macht mich still wie die Wand, die Du nicht siehst. Jetzt ziehst Du gar noch zum Herrgott! Gerad so gut kannst Du Dich in Permanenz hängen. Der Herrgott, das ist's. Wir geben ihm all unsere Kraft und können ihn dann nicht mehr ertragen. Ich sehe da immer zu, wie alles ihm zufällt, wie er euch von mir abrückt. Dann bleibe ich übrig, ich gestehe ihm keine Rechte zu, und ich kann nicht sterben, weil ihr an einen Weltfremden glaubt.«

»Du, Giorgio, weißt Du denn, was für eine Frau die Reinheit ist? Du, weißt Du, Frauen ekeln sich meistens vor sich selbst, wenn sie was taugen. Ich will einfach aus all dem Dreck heraus.«

Bebuquin: »In eure grauen, bleiernen Sauermilchtage.«

Euphemia: »In die Erregungen der Seele.«

Bebuquin: »Aber Gott ist ein Wahnsinn.«

Euphemia: »Darum um so fester.

Genau so wie die unmenschliche Mathematik, prächtig
und leidenschaftlich.
Gott ist die Erregung, die den Körper übertrifft.
Gott ist der Tod, den wir über uns hinaussterben.
Er ist die aufsprossende Vernichtung unserer selbst.
Er ist übermeßliche Größe.
Farbe, die wir noch nicht sahen.
O, wie soll ich ihn tanzen.
Ich müßte Sterne in die Hände raffen.
Sonnen mir unter die Sohlen legen.
Mein Mund sei ein grenzenlos Orchester.
Und das Blech und die Pauke vielfach besetzt.
Ich zerdrücke Trauben in den Fingern
Und weiß ihn.
Ich liege still und
bin weiß wie Mörtel, der die Wände bedeckt,
und kenne Gott.
Er ist der glühend Lauernde in der Dunkelheit.«

Bebuquin:

»Er ist der Wahnsinn.
Das Unmögliche.
Der tödlich Auflösende.
Die unfruchtbare Steppe,
in die wir kräftige Häuser zwingen.
Die Gefahr für den Willen.
Er ist mein Haß.«

»Bebuquin, halten wir den Atem an. Sie sind ein ganz liebloser Mensch, der nichts opfert, der alles für sich haben will, und das geht nicht. Lassen Sie einiges und nicht zu wenig dem Herrgott. O, ist das nicht Böhm?«

Ihr wurde kalt, dann zog ein feuriger Schweiß über den Körper.

»Hören Sie«, sagte Giorgio, »das ist Unsinn. Schlimm, ist es einfach, jedes als Versuchung, als Reiz zu empfinden. Euphemia, heiraten Sie mich doch, es ist sonst nicht zum Aushalten.«

»Ja, und jede Nacht schaut Böhm zu, haben Sie denn keine Pietät?«

»Wenn mich was nur so fest hielte, daß ich mich los wäre, irgend ein sympathischer Selbstmord. Meinen Sie, es ist ein Spaß, mit mir immer herumzulaufen, und zum reifen Goethe fehlt's mir an Lust und Talent.«

»Glauben Sie, Giorgio, jemand wie Sie bringt ein Weib zwei Zentimeter von der Stelle? Denn sobald Sie etwas tun, ist es gegen Sie. Ich getraue mich nicht gegen Ihren Willen zu sagen, Sie Dressurprodukt.«

Dies redete sie ohne gewärtiges Interesse. So vor vierzehn Tagen hätte sie es noch mit Verve gesagt; denn der Herrgott verlangte sein Recht; und man steigert sich, um zu fallen.

Armer Bebuquin, Du höfliches Tierchen. Religiöses klingt erotisch vor dem Affenkäfig aus.

Bebuquin irrte mit wundem Hals zwischen den Physiognomien der Häuser. Eine Kokotte tanzte angeheitert an einer Ecke und stapelte ihr vom Frontkorsett aufgetürmtes Posterieur gegen den Sternenhimmel. Erzählt nicht, wie Bebuquin die größte Wonne mit Narkoticis vergessen mußte. Euphemia stieg beruhigt und äußerst heilig in eine Nonnenkutte und verließ den Cirkus. Ernst, die Fingernägel polierend, kopfschüttelnd die Straffheit ihrer Brüste hier und da prüfend, begab sie sich gelassen zum Kloster des kostenlosen Blutwunders.

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