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Bebuquin

Carl Einstein: Bebuquin - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Einstein
titleBebuquin
publisherPhilipp Reclam jun.
editorErich Kleinschmidt
year2011
isbn9783150080573
firstpub1907/1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140520
projectida2319c47
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Neuntes Kapitel

Aber selbstverständlich, man fliegt nicht immer. Beim vierten Glas rohen Whiskys sitzt man wieder schwer.

Euphemia sagte:

»Böhm ist doch ein törichter Mensch, ich weiß nie, ob er lebt oder tot ist.«

Drei Arbeiter klumpten in die Bar.

Das elektrische Licht erinnerte sie an das der Fabrik.

Sie hatten zu fordern. Einer langte sich eine Flasche Sekt.

Ein sensibler Kellner keifte. Er zuckte nervös mit dem Knie.

Sein Vater war Hausknecht in einem bürgerlichen Lokal.

»Meine Herren, Sie kennen nicht den Schmerzkakadu. Es ist nicht ratsam, sich zu betrinken.«

Eine rote Arbeiterbluse mit einem blaugeglühten Schädel dröhnte.

»Wir nippen bloß.«

Nahm einige Likörflaschen unter den Arm, und die Schauspielerin Fredegonde Perlenblick.

»Athlet«, stöhnte sie verzückt.

Euphemia sagte verächtlich apodiktisch:

»Kühe sind Wiederkäuer, sei es Heu, sei es Shakespeare. Kühe lieben Stiere.«

Man hörte von der Straße die schimpfende Tragödin.

»Explosive Seele.«

Sie hob ihre Röcke sehr hoch.

Ihr Auto raste gierig davon.

Es rollte den Asphalt auf, glitschte über die Reflexe der Gaslampen und der letzten Bummler.

Jetzt mag d'Annunzio weiterschreiben.

In der Bar sang man den Cantus der Gottesstreiter, zur Erbauung und Stärkung von Böhms Leiche. Lippenknabe schmeckte die trabende Melodie auf der Zunge wie Ricinusöl.

»Böhm ruiniert uns jedes Formgefühl. Der Kerl ist doch tot, wenn er auch hier herumflunkert.«

Man brach eine begonnene Debatte ab. Herein kam eine Dame, hintendrein ein dünner, ziemlich durchsichtiger Herr.

Er stellte sich mit dem Gesicht in eine Ecke und litaneite.

»Ehmke Laurenz, Platoniker, gehe nur Nachts aus, weil es da keine Farben gibt. Ich suche die reine ruhende einsame Idee, diese Dame tatkräftig rhythmische Erregung. Ich bin eigentümlich, da ich von zwei Dingen ruiniert werde, einem höheren der Idee und einem niederen der Dame.«

»Ja aber ruinieren Sie doch die beiden, die sich bedingen, zum mindesten Ihre blödsinnige Ideologie vom Sein, von der Langeweile, dem Tod. Das ist nur Müdigkeit, ein Defekt, Piatonismus ist Anästhesie. Reißen Sie sich doch die Augen aus und die Ohren, dann haben Sie Ihren Platonismus zu Wege gebracht.«

Aurora, die Frau des Kauzes, der prinzipiell farblose Schnäpse trank, näherte sich und sagte:

»Ehmke macht kontemplativ.« Ehmke schrak zusammen, blickte sie erst flehend, dann voll Verachtung an, sagte, »Du kennst mich nicht« – aber sie »dafür Du mich«; er grinste wie ein kleiner Idiot, senkte den Kopf zum Nabel, die Farbe ging ihm aus dem Gesicht, und schaute gelassen auf seinen Bauch.

Inzwischen war sie liebevoll.

Da die beiden schließlich doch störten, ließ man sie hinauswerfen, denn nichts ist so überflüssig, langweilig, wie ein Ideologe und eine Hure. Beide haben die banalste Form des Spleens.

Nach kurzer Weile kam ein Fremder ins Lokal, unauffällig im Frack wie jeder.

Böhm tänzelte bald aus der Cognacsorte und rief: »Das ist er.«

Euphemia ging wie in der Hypnose auf den Unbekannten zu und sagte: »Sie sind uns ganz fremd, aber furchtbar deutlich, ich soll mich Ihnen geben.«

Der Fremde sagte mit mittlerer Stimme:

»Bitte kommen Sie mit mir.«

»Und warum sollen wir Gott nicht lieben«, sagte leise Bebuquin.

»Denn das Unbekannte ist der Liebling des forschenden Schöpfers«, flüsterte Lippenknabe.

Die Uhr tönte die Sekunden, jede Sekunde war plastisch deutlich, das Auge sah den Klang. Die Erde war ihnen einen Augenblick ein kristallen Feuer, die Menschen von durchsichtigem Glas.

Bebuquin seufzte. Gegen die Scheiben fiel aus dem farbigen Morgenwind der beginnende Regen.

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