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Beate und Mareile / I

Eduard Graf Keyserling: Beate und Mareile / I - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBeate und Mareile
authorEduard von Keyserling
year1995
publisherGoldmann Verlag
isbn3-442-07647-1
titleBeate und Mareile / I
pages3-123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1903
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Elftes Kapitel

In Berlin wohnte Günther bei seinem Oheim, dem alten Grafen Eberhardt von Tarniff. Der Greis war ganz vereinsamt, dazu halb gelähmt. In einem Rollstuhl ließ er sich in den Zimmern und Korridoren seines Hauses in der Wilhelmstraße umherfahren, oder er saß am Fenster und schaute hämisch und unzufrieden auf die Straße hinab. Er hatte das Leben genossen. »Was an Pläsier zu haben war, nahm ich mit«, pflegte er zu sagen. Jetzt war die Welt langweilig. Die Jungen waren Duckmäuser und taten nichts, worüber die Alten einmal lachen konnten. »Na, der Günther«, meinte er, »der stellt noch hin und wieder was an, über das es sich zu reden lohnt.«

Jetzt war Günther der Gast seines Oheims, nachdem er für zwei Monate verschwunden gewesen war. Man wollte ihn in Cannes, in Biarritz mit der schönen Frau Cibò-Berkow gesehen haben. Allerhand Gerüchte über ihn und Mareile beschäftigten die Berliner Gesellschaft sehr stark.

Mareile nahm eine Wohnung in der Bülowstraße. Ihre vornehmen Verbindungen hatte sie vergessen, als wären sie nie dagewesen. Sie wollte jetzt nur ihrer Kunst und ihrer Liebe leben. Eine frische, friedliche Luft sollte sie umwehen. Nichts von der schwülen Luxusatmosphäre der Damen, die außerhalb der Gesellschaft stehen. Günther, ja, auf den war ihr Leben jetzt gebaut. Ihn behalten war ihre Aufgabe, denn sonst hatte alles, was sie getan und gewagt, keinen Sinn. Und sie verstand zu halten, was ihr gehörte, mit dem zähen Eigentumsgefühl der Bauern, ihrer Vorfahren. Noch war sie jedem Nerv, jedem Blutstropfen in Günther ein Lebensbedürfnis. Aber schon der Gedanke, daß das anders kommen könnte, nagte in schlaflosen Nächten an Mareiles selbstbewußtem Herzen.

Günther lebte in dem grauen, herbstlichen Berlin ein wildes Junggesellenleben, das ihm selbst zuwider war. Allein, was sollte er mit einem Leben anfangen, in welchem er weder rückwärts noch vorwärts zu schauen wagte? Er spielte und trank. Der einzige Zweck dieses Daseins war Mareile. Sie war für ihn das wirkungsvollste Betäubungsmittel. Er liebte sie, wie wir unsere Sünde lieben, und es kränkte ihn, daß sie ruhig, stark, harmonisch sein wollte. Krank am Leben, wie er, sollte sie sein. Sie sollte sich für ihn verderben, wie er sich für sie verdarb.

»Ich weiß nicht«, sagte er eines Nachmittags, als er in Mareiles Wohnzimmer saß und verstimmt auf die Straße hinabschaute, »zuweilen ist's bei dir so – so –«

»Sag's nur«, meinte Mareile und lächelte. Ihr Wollkleid in sterbendem Grün, mit großen, fliederfarbenen Mohnblüten gemustert, stimmte hübsch zu dem verschleierten Novembertage. Günther suchte nach dem rechten Wort. »Wie – wie ein Sonntagnachmittag bei einer Majorswitwe.« Er wollte Mareile ärgern, aber sie strich ihm nur leicht über das Haar und sagte: »Du Armer!« Das machte Günther weich.

»Ach, wollen wir fortgehen – irgendwohin, wo es still und heiß und blau mit Gold besetzt ist.«

Mareile schüttelte den Kopf.

»Warum?« fragte er böse.

»Weil ich arbeiten muß«, meinte sie.

»Arbeiten? Warum?«

»Um Geld zu haben.«

»Geld? Warum nimmst du nicht meines?«

»Weil ich eine selbständige Welle bin, wie das alte Buch in der Türkenbude sagt.«

Günther seufzte: »Die Liebe müßte eine schöne, tödliche Krankheit sein. Man liebt sich – und man weiß – das Ende kommt dann und dann – und die Liebe wird immer hastiger – man hat Eile, sie ganz zu genießen. Nur noch zwei Tage – noch eine Nacht. Aber so...«

Mareile setzte sich auf Günthers Schoß. Er tat ihr leid, und doch freute sie sich daran, wieviel stärker sie als dieser Mann war und wie fest sie ihn hielt. Das machte ihn ihr noch lieber. »Warum«, sagte sie und lächelte noch immer, als spräche sie freundlich zu einem Kinde, »warum soll die Liebe nicht das Leben sein? Sie ist da. Wir gehen unseren Geschäften nach – leben unseren Werktag – aber wir wissen, sie ist da – sie wartet auf uns. Erinnerst du dich des Gefühles, das wir am Sonnabendnachmittag hatten?«

»Ja – ja – das war famos!«

»Sieh – so 'n Gefühl gibt die Liebe dem ganzen Leben, immer wartet ein Festtag auf uns.«

»Ja, aber dann, die verfluchten Sonntagabende«, wandte Günther ein. Seine trübe Laune wollte nicht weichen. »Ja, ihr seid klug, ihr Ziepes. Man tut seine Arbeit, hat seinen Bechstein, sein Galléglas, seinen Grafen, seine Liebe, Ordnung muß sein.«

Mareile erwiderte nichts, sie wand nur ihre Arme fester um Günthers Nacken und küßte ihn, küßte ihn so lange, bis seine Augen wieder den glücklichen Glanz eines süßen Rausches annahmen. Das war ihr letztes Argument gegen seine bösen, schwarzen Stunden.

Da kam ein Ereignis, das Günther ein wenig anregte. Eines Abends setzte er sich im Klub in das Kaminzimmer zu den alten »Junggesellen«. Graf Halken, Major von Tettleben, Baron Schibowitz; ältliche Herren, die es liebten, in der Kaminecke Böses von den Weibern zu reden. Günther saß hier in sich gekehrt und hörte den verblichenen Abenteuern der alten Schwerenöter zerstreut zu. Aus dem Spielzimmer schlenderte der Fürst Kornowitz heran, lehnte sich an den Kaminsims und schien in seiner teilnahmlosen, gefrorenen Art dem Gespräche zu folgen. Tettleben besprach einen traurigen Fall, der gerade in der Lebewelt Aufsehen erregte: »Die berühmte ›blonde Mary‹. Sie wissen, die mit dem Botticellikopf – hatte Wechsel, die ein Husarenleutnant ihr ausgestellt, brutal beigetrieben. Der junge Mann hatte sich eine Kugel vor den Kopf geschossen. Na – ja – natürlich, was soll er tun? Immer das bekannte Geschäft von Abraham und Moses, Wechsel – und prolongiert – und wieder Prozente – und dann wird die Falle zugeklappt, und aus ist's. Und mit den Engelaugen ist das anders mörderisch als bei Abraham und Moses – was?« Die Herren schüttelten die Köpfe: »Nein, so was!« – »Was sagen Sie dazu, lieber Fürst? Saftiges Frauenzimmer das!« – »Ich?« meinte der Fürst. Er sprach leise und heiser, als kümmerte es ihn nicht, ob die Hörer ihn verstanden oder nicht. »Die jungen Herren haben die Damen, die sie verdienen. Moses und Abraham sind ja auch, wie diese Herren sie brauchen. Da scheint mir alles in Ordnung. Nur, wenn so edlere Frauengestalten in die Hände unserer kleinen Lebemänner fallen, dann ist's ärgerlich. Und das kommt vor. Sie werden bemerkt haben, daß Hunde sich mit Vorliebe die schönsten Statuen aussuchen, um stehen zu bleiben und das Bein aufzuheben.«

»Nein, das hab' ich noch nicht bemerkt«, murmelte Graf Halken verwirrt. Keiner wußte was mit diesem Ausfall anzufangen. Als Kornowitz der Gesellschaft den Rücken wandte, um langsam in das Spielzimmer zurückzukehren, folgte Günther ihm hastig. »Wissen Sie, Fürst«, begann er, »Ihr ethischer Vortrag da eben hat mir nicht sonderlich gefallen.«

»Das ist wohl möglich«, erwiderte der Fürst. Das bleiche Gesicht mit den Zügen, die scharf wie die eines Leichengesichtes waren, blieb regungslos, die bleifarbenen Augen sahen Günther teilnahmlos an.

»Wie meinen Sie das?« fuhr Günther auf.

»Ganz, wie es beliebt«, sagte Kornowitz und setzte seinen Weg zum Spielzimmer fort. Günther schaute dem gebeugten Rücken mit den zwei blanken Kammerherrenknöpfen am Frack mit einem Gefühle des Hasses nach, das in seiner Energie wohltat und erwärmte. Dann mußte er Sterneck und Tettau aufsuchen, um sie zum Fürsten zu schicken. Das Beraten und Besprechen, die Beschäftigung mit den hübschen, handlichen Gesetzen des Ehrenhandels waren für Günther ein Genuß. All das gab dem Leben wieder Gehalt, verlieh Mareile, Günther selbst, seiner Liebe neuen Wert.

Den Abend vor dem Duell war Günther bei Mareile ausgelassen wie ein Knabe; dann kam eine angenehme, weiche Stimmung über ihn. »Setz' dich dort auf den Sessel«, sagte er und ließ die goldene Schnalle an Mareiles Gürtel springen. »Ganz wie in der Türkenbude. So. Die Füße auf den Schemel. Hier sind rote Rosen, die kannst du wieder zerpflücken. Dann hängen die Blätter wie Blutstropfen an dir. Ja – so. Und ich liege hier.« Er streckte sich auf den Teppich aus, streichelte die nackten Füßchen mit den Goldreifen. »So ist es gut.«

»Ist etwas geschehen?« fragte Mareile. »Du bist heute anders. Nicht, Liebster? Als wäre etwas Schweres von dir abgefallen. Ja – wirklich – heut ist es wie dort in Lantin.«

»Ja – ja!« meinte Günther. »Es gibt Festzeiten – und wieder Alltagzeiten mit der endlosen Reihe der langweiligen Trinitatissonntage. Unsere Liebe hat eben einen Festtag. Das ist doch nicht so wunderbar. Nun, reg' dich nicht. Bleibe so. Gott! Du wirkst auf mich heute so mächtig – ich ertrage es kaum. Von dir strömt es in mein Blut hinein, immer heißer – das schmerzt, so schön ist das. Sag' – schmerzt es dich auch, all diese heiße Kraft auszugießen – sag' –«

»Ja – ja«, flüsterte Mareile. »Nimm, nimm alles!« Sie beugte sich über ihn und küßte ihn mit den Frauenlippen, die in der höchsten, hingebenden Erregung wie heiße Rosenblätter werden, als sei die Haut, die das Blut umschließt, zu einem feinen, kaum merkbaren Schleier geworden.

 

Frühmorgens weckte Sterneck Günther. Günther streckte sich. »Schon Dienst?« fragte er.

»Ja, Fürstendienst«, meinte Sterneck.

»Ach ja, unser Fürst! Mir wird sein, als müßte ich auf ein Ahnenbild schießen.«

Der Reif lag wie feine Asche auf den leeren Straßen, die Günther und Sterneck durchfuhren. Die Kähne standen auf der Spree im Nebel groß und schwarz auf einem Tintenfluß. Fröstelnd drückte Günther sich in die Wagenecke. Die leeren Straßen waren ihm zuwider; er wünschte schon draußen in der Vorstadt zu sein, wo die Leute auf sind, wo die Milchwagen und Gemüsekarren über das Pflaster rattern. Günther sah Kaltin vor sich, sehr deutlich, mit dem gelben Sonnenlicht auf den Fenstern, die Levkojenbeete des Gartens, Beate in einem weißen Kleide, einen Strauß Astern in der Hand. Sterneck sprach von Dachsbauen und Teckeln. Jetzt fuhren sie langsam durch den Sand. Die Luft wurde freier und schneidender.

Am Waldrande standen die Wagen der anderen Herren. Tettau mit zwei Ärzten, der Fürst mit Graf Halken. Ein wenig mißmutig hüllten sie sich in ihre Mäntel, wie Leute, die nicht ausgeschlafen haben. Man begab sich in den Wald. Als die geeignete Stelle gefunden war, begannen die Herren die Entfernung zu messen. Günther saß wartend auf einem Baumstumpf. Vor ihm, auf einer Föhre, hockte ein Eichhörnchen. Das spitze, kleine Gesicht mit den roten Püscheln an den Ohren blinzelte freundlich und ironisch auf Günther nieder. Das machte ihm Spaß. Endlich meldete Sterneck, alles sei bereit. Günther legte seinen Mantel ab. »Der da«, meinte er, »wird sich wundern, was wir mit unseren Dummheiten bei ihm wollen.«

»Die Eichkatze da?« fragte Sterneck. »Na, die haben auch ihre Affären. Jeder Kreatur ihre Mensur.«

»Das ist ja 'n Vers!«

»Teufel, ja! Das kommt mir so zuweilen.«

Die Herren stellten sich auf ihre Plätze. Ein jeder dachte in diesem Augenblicke nur daran, die Zeremonie möglichst korrekt zu erledigen. Während der Unparteiische Probe zählte, sah Günther den Fürsten an. Das Gesicht war aschfahl wie immer, die Augen sahen teilnahmlos und schläfrig vor sich hin, die Lippen bewegten sich kaum merklich. Sollte er gerade eine Pfefferminzpastille saugen, wegen seines schlechten Magens? dachte Günther und nahm sich vor, später mit den Kameraden darüber zu lachen. Jetzt das Kommando – aufgepaßt. Günther wollte eben abdrücken und zog die Pistole an dem dünnen Bein des Fürsten entlang, als er den schwachen Knall der Pistole seines Gegners hörte; zugleich traf ihn irgendwo ein Schlag. Was nun? dachte er, jetzt nur stehen bleiben – – – jemand, sehr weit schien ihm, fragte: »Wo sitzt es?« Günther antwortete, aber seltsam, seine Stimme hatte keinen Klang. Dann war es, als schneite es, große, sehr blanke Flocken fielen nieder – immer schneller – immer schneller...

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