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Beate und Mareile / I

Eduard Graf Keyserling: Beate und Mareile / I - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBeate und Mareile
authorEduard von Keyserling
year1995
publisherGoldmann Verlag
isbn3-442-07647-1
titleBeate und Mareile / I
pages3-123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1903
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»Und Hans Berkow, kommt er noch zuweilen in deine Gedanken?« fragte Günther Mareile, als er eines Tages wieder auf dem Ruhebette lag und Mareile im Sessel vor der Schüssel voller Zentifolien saß. Er sah unter den halb geschlossenen Lidern zu ihr hinüber und wartete, wie diese Frage auf das ruhige Bild ihm gegenüber wirken würde.

»Oh, den – den sehe ich nicht mehr«, erwiderte Mareile träge.

»Aber du sahst ihn doch früher – ganz groß – im Vordergrunde«, meinte Günther.

»Groß!« wiederholte Mareile nachdenklich. »Nein, der war immer schattenhaft, unwirklich.«

»Und doch«, warf Günther ein.

Mareile zuckte die Achseln. »Mein Gott, ja! Er machte euch anderen Opposition, das gefiel mir damals. Und dann, eure Erziehung – dort – die macht den Körper dumm. Er weiß ja nicht, was er wollen soll... und so.« Mareile nahm eine Rose aus der Schüssel und spielte mit ihr wie mit einem roten Ball. »Hans Berkow«, fuhr sie sinnend fort, »verstand gut alles, was an mir zu sehen war. Wunderschön fühlte man sich, wenn er einen ansah.«

»Und dann?« drängte Günther.

»Dann – dann? Ja, er hatte diesen Schönheitsappetit; aber sich selber schön machen, sich für mich ein wenig Mühe geben, das konnte er nicht, ebenso wenig, wie er seinem Pudding gefallen wollte. Er wollte so 'n Raffinierter sein, aber ich weiß nicht, es klebte an ihm doch etwas von ärmlichen Bierstuben mit Papierservietten und unreinlichen Kellnerinnen.«

»Und dann?« forschte Günther.

Mareile lächelte mitleidig einem fernen Bilde zu. »In Venedig war's. Ein grauer Morgen. Alles grau, der Himmel und das Wasser. Ich stand am Fenster und schaute hinaus. Mir war zumute wie als Kind, wenn Beate und die anderen ausgefahren waren und ich war nicht mitgenommen worden. Da rief Hans aus dem Nebenzimmer: ›Mareile, Mareile.‹ Du weißt, er schnarrt das r so häßlich. Das klang wie: ›Her – her zu mir – meine Sache – meine Speise – mein Imbiß – ich habe Appetit.‹ Da wußte ich es, daß ich ihn nicht mehr ertragen würde.« Sie begann, langsam die Rose, mit der sie spielte, zu zerpflücken. Wie Blut rannen die roten Blätter über ihre Finger in ihren Schoß. »Der arme Hans! Gott, wie wurde er häßlich! Hungrige können so häßlich sein. Aber das ist vorüber.« Sie stand auf. Die Rosenblätter regneten von ihrem Schoß an ihren Gliedern nieder. Sie setzte sich zu Günther, strich mit der Hand über seine Brust, ließ sie auf seinem Herzen ruhen. »Sprich du jetzt«, sagte sie.

»Von dir«, murmelte Günther wie im Traum. »Von dir könnte ich eine Ewigkeit sprechen. Dich fühle ich ganz... Betty Halm, die ist ein Hauskleid – und Beate ist ein Sonntagskleid – du bist anders – ihr – dein Geschlecht – seid kostbare Träume – kostbar und vergänglich; nur für Festtage da – für heiße Stunden ganz voller Licht – für die Dämmerstunden sind die anderen da, die stillen, weißen Frauen... aber ihr, ihr müßt vergehen, wenn ihr nicht glücklich seid.« Mareile lächelte. Günthers Worte taten ihr wohl. Sie wollte dieses kostbare, vergängliche und unverantwortliche Festtagswesen sein, das keinen Montag erleben konnte. Dann war es gut. Ziepens »lütte Mareile«, die gerne Baronesse wäre, die Inspektorstochter, die der Gräfin den Herrn stiehlt, all das war dann nicht mehr da.

»Ja – ja«, sagte sie mit der tragischen Musik ihrer Stimme.

»Aber wenn wir da sind, sind wir alles.« Sie beugte sich auf Günther nieder, der die Augen schloß, bleich, fast ohnmächtig vor übergroßer Erregung.

 

Mit dem ersten flüggen Volke Rebhühner langten das Ehepaar Sterneck und der Major von Tettau in Kaltin an. Der Major meinte, wenn er sein erstes Rebhuhn im Jahr nicht in Kaltin schösse, dann fielen ihm die Bestien in dem Jahre nicht.

Es war vor dem Diner. Abendlicht lag über dem Garten. Der Duft der Reseden und Tuberosen mischte sich mit dem Dufte der Pflaumen und Frühbirnen. Die Herren und Damen, schon für das Diner angekleidet, gingen noch ein wenig zwischen den Blumenbeeten auf und ab. Seneïde und Beate standen auf der Veranda und schauten in den Garten hinab. Unten gingen Mareile und Günther eine Allee von Georginen entlang. Hübsch waren die hohen Pflanzen mit ihren weinroten Blumen; dazwischen Stockrosen, wie Pyramiden von zerknitterter, verschossener Seide. Mareile trug ein schwarzes Kleid, das ganz voll schwarzer Schmelzen war. Das ist hübsch, dachte Beate; dieses Bild erregte in ihr jedoch ein scharfes, fast quälendes Interesse. Sie strengte die Augen an, um den Ausdruck der Gesichter erkennen zu können.

»Wie schaust du aus, Beating?« rief Seneïde. Bei den geringfügigsten Anlässen hatte Seneïde die Art, so aufzuschrecken, angstvoll, als sähe sie ein Kind im Fenster des vierten Stockes stehen, bereit herabzustürzen.

»Ich?« sagte Beate. »Aber Tante, du erschreckst einen ja. Ich geh' noch zu Went hinüber«, fügte sie hinzu, als sei das das Mittel gegen etwas, das sie angefallen hatte.

Am Abend, als der Mond rund über den Parkbäumen stand, sollte eine Kahnfahrt unternommen werden. »Das zu versäumen, wäre barbarisch«, schnarrte Tettau. »Man hat doch auch seine Poesie im blauen Blut, nicht, meine Damen?«

Wie ein gespenstischer Tag lag die Mondhelle über dem Garten. Die Damen legten einander die Arme um die Taillen, hoben die Gesichter zum Monde auf und sprachen in Ausrufen. Die Herren folgten. »Hören Sie, Tarniff«, meinte Tettau, »superbes Weib, die Frau Berkow. Donnerwetter! Aber gut, daß wir dem Egon die Zügel anzogen; 'ne adlige Ehefrau, das is sie nu mal nich.«

»Überhaupt keine Ehefrau«, bemerkte Günther.

»So! Na ja, der Berkow, dummer Kerl, unsympathisch. Aber hören Sie, ich könnte nicht so wochenlang ruhig neben dieser Frau leben. Ehe – ganz schön; aber es gibt beauté's, die einen geradezu zu Dummheiten zwingen.«

Günther lachte. »Lieber Major, ich bin kein Engländer, der von jeder hübschen Sache ein Stück abbrechen und in die Tasche stecken muß.«

Tettau seufzte. »Da kann ich nur sagen: Oh! Meine Jugend!«

»Na, Major, zerschmelzen Sie nicht«, höhnte Günther.

Im Kahne saß Mareile an der Spitze. Die einzige, die dem Monde den Rücken zukehrt, dachte Beate gereizt. Nicht sehen, aber gesehen werden, dachte Ida Sterneck. Große Helligkeit lag über dem Wasser, oben das weiße Licht, das Wasser weiß von Licht. »Man kommt sich vor«, meinte Tettau, »wie eine Fliege, die in den Milchtopf gefallen ist.«

»Bravo, Major!« rief Günther. »Milch, natürlich, von einer goldenen Kuh, die silberne Milch gibt.«

»Jetzt muß Frau Berkow singen«, schlug Sterneck vor.

»Natürlich!« meinte der Major. »Für uns Deutsche ist eine Kahnfahrt ohne Gesang Sünde. Aber, gnädige Frau, ich bitte um etwas, das ins Blut geht, wie ganz heißer Kaffee, café double mit fine champagne.«

Mareile sang:

»O komm zu mir, wenn durch die Nacht
Wandelt der Sterne Heer,
Dann fährt mit uns, in Mondespracht,
Die Gondel übers Meer.«

Die eine Hand ließ sie leicht über das Wasser hinstreichen. Die Schmelzen ihres Kleides glänzten, als flösse dunkles Wasser an ihrer Gestalt nieder.

Sterneck wiegte sich vor Behagen. Tettau schwoll ordentlich vor Gefühlsseligkeit; sein gelber Kragen wurde ihm zu eng. Nur die beiden Frauen flüsterten und lachten. »Sieh die Augen des Majors«, sagte Ida, »sie sind so süß, daß sie kleben! Ach! Und mein Egon!« Eine Feindseligkeit gegen Mareile stieg in ihnen auf. »Wie sie den Zucker ausgießt; das ist schon dégoûtant«, sagte Ida bitter.

Das Lied war zu Ende. Günther erklärte, man müsse nach Hause. Er wollte Mareile, sein Wunder, das er die anderen hatte anstaunen lassen, wieder an sich nehmen; die begehrenden Augen der anderen Männer machten ihn nervös. Auf dem Heimwege flüsterte Günther Mareile zu: »Ich muß dich heute nacht sehen.« Mareile nickte. Die Feindseligkeit der beiden anderen Frauen bewog sie, zu dieser Unvorsichtigkeit ja zu sagen.

Im Gemüsegarten stand eine kleine Hütte, die zur Aufbewahrung von Gartengeräten, Blumentöpfen und Sämereien benutzt wurde. Dort trafen sich Günther und Mareile. Durch das kleine Fenster drang etwas Mondlicht in den Raum. Eine Fledermaus, die sich hier herein verirrt hatte, kreiste unablässig unter dem Dache. All das atmete schwere Traurigkeit, daß die Liebenden sich eng aneinander drängten, im Fieber der Sinne Schutz suchten.

Mareile jedoch fing an zu klagen. Jetzt also begann die Feindschaft derer, die in Reih und Glied stehen. Oh! Sie kannte das, wenn die Worte den Ton einer Türe annehmen, die höflich vor uns geschlossen wird. »Ja, häßlich ist es, hier unter ihnen zu leben. Ich betrüge sie, diese vornehmen Damen. Ja, wenn wir unsere Liebe so hinausschreien dürften, das wäre was, aber so.«

Günther ärgerte sich. Warum verdarb sie ihm die Liebesstunde. »Warum mußt du heute so sein?« sagte er traurig und enttäuscht; da weinte Mareile in ihrer stillen Art; die Tränen flossen reichlich, wie Kindertränen, aus den unbewegten Augen. »Verzeih!« sagte sie. »Aber heute ist alles so freudlos.« Dann schmiegte sie sich eng an ihn. »Nimm mich«, flüsterte sie. Das Mondlicht rückte langsam an der Wand hin; dann nach einer Weile, als Mareile hinschaute, war es fort; ein graues Licht drang durch das Fenster. Draußen ertönte ein fernes, gläsernes Klingen – die Lerche.

»Wir müssen heimgehen«, sagte Mareile. In dem verdrossenen Morgenlichte standen die Liebenden einander gegenüber, gramvoll wie zwei Sünder. In diesem Augenblicke lebte in ihnen nichts mehr von der Poesie ihrer Liebe. Schweigend gingen sie an den Gemüsebeeten hin, die grau vom Tau lagen; und sie lehnten sich in der Melancholie dieser Morgendämmerung aneinander, als beugte sie ein Gram. Günther war über die Hintertreppe in sein Zimmer hinaufgeschlichen. Trotz der frühen Stunde hörte er Schritte, ferne Stimmen im Schloß. Jetzt näherten die Schritte sich seiner Tür, Beate erschien auf der Schwelle in ihrem langen Nachtkleide. Sie war ruhig, ein wenig befangen. »Da bist du«, sagte sie, »ich war schon einmal hier.«

»Ich war draußen«, brachte Günther unsicher heraus, »die Nacht war schön. Ich konnte nicht schlafen.«

Beate unterbrach ihn, immer noch befangen, als wollte sie schnell über etwas hinwegkommen. »Ach so! ja, aber die Mama ist krank. Es ist schlimm, glaube ich. Ich habe nach dem Doktor geschickt.«

Günther warf sich mit Eifer auf die praktische Frage. »Wer ist gefahren? Die Braunen soll man nehmen.«

»Frau Ziepe wollte das besorgen«, berichtete Beate.

»Frau Ziepe?«

»Ja, ich ließ sie wecken.«

Beate sprach leise, als wäre sie noch im Krankenzimmer, und sehr geschäftsmäßig, dann wandte sie sich schnell ab und ging. Günther stand mitten im Zimmer und sann. Es war ja doch möglich, daß er in der Nacht spazieren ging, nicht wahr? Aber Beates kaltes, scheues Gesicht? Und Frau Ziepe? War die nicht Mareile begegnet?... Ach, diese verfluchte Welt! Jetzt kam das Krankenzimmer und Beates stillerstaunte Augen und Tante Seneïdes Todesbegeisterung, lauter Dinge, für die er nicht geschaffen war!

Ein Schlaganfall hatte die Baronin getroffen, und sie schwebte in ernster Gefahr. Die Gäste reisten ab. Beate und Seneïde gingen leise im Krankenzimmer ab und zu. In der Bibliothek saß der alte Hausarzt Doktor Joller, suchte in den Zeitungen nach neuen Gemeinheiten der Franzosen und wartete, daß er gerufen würde. »Hören Sie, Graf«, rief er den unstet durch die Zimmer irrenden Günther an, »die Natur unserer alten Dame – großartig! Die Nieren, die Lunge, das Blut – tadellos! Das ist Rasse! Ein Schlaganfall ist ein Unglück. Schließlich gehört der Tod auch zum Leben, nichts zu machen! Aber solche Nieren, solche Lungen mit ins Grab zu nehmen, da kann man stolz darauf sein. Die Verdauung und das Herz halten bei unseren Damen nicht weit. Der Magen muß alles aufnehmen, was Herr Miespeck kocht, und das Herz, das muß mit jedem Quark mitfühlen.«

»So, so, Doktor«, sagte Günther zerstreut und nahm wieder sein unruhiges Hin- und Hergehen durch die leeren, sonnigen Zimmer des neuen Flügels auf. Als er Mareile dort traf, sagte er flehend: »Ich muß wieder unsere Stunde dort – bei uns haben. Nur Krankenstubendämmerung ertrage ich nicht.«

»Ja, die müssen wir haben«, erwiderte Mareile ernst. So trafen sie sich in der Türkenbude.

»Zieh die Vorhänge vor das Fenster«, befahl Günther, »von draußen kommt Traurigkeit herein.« Die Liebenden drängten sich fest aneinander, sie wagten kaum, sich aus den Armen zu lassen, denn dann fielen unangenehme Gedanken sie an; Mareile sprach vom Schloß, von der Zukunft. Günther schloß müde die Augen. »Ach, so seid ihr Frauen. Für die Zukunft einhamstern. Was kommen wird? Ich weiß es nicht! Natürlich wird die Zukunft grau und unangenehm sein. Aber jetzt sind wir beieinander. Bitte, sei nicht bitter und enttäuscht und Mareile Ziepe! Nein, du findest heute nicht den Ton. Sprich heute nicht. Nimm dort das verstaubte kleine Buch und lies. Das sind Bücher, in denen frühere Mareilen gelesen haben, wenn sie hier auf Tarniffs warteten.«

Mareile nahm den kleinen Band zur Hand. Auf dem rosa Einband stand »Lucinde«. »Oh!« sagte Mareile. »Hier hat eine frühere Mareile etwas angestrichen.«

»Lies, lies.«

Mareile las: »›Vernichten und Schaffen, eins und alles; und so schwebe der ewige Geist ewig auf dem ewigen Weltstrom der Zeit und des Lebens und nehme jede kühnere Welle wahr, ehe sie zerfließt.‹« Mareile hielt inne. »Weinst du?« fragte Günther mit geschlossenen Augen. Neben ihm rauschte es. Mareile war am Ruhebette niedergesunken und legte ihren Kopf auf seine Brust. »Kühnere Welle«, wiederholte Günther wie im Traum.

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