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Beate und Mareile / I

Eduard Graf Keyserling: Beate und Mareile / I - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBeate und Mareile
authorEduard von Keyserling
year1995
publisherGoldmann Verlag
isbn3-442-07647-1
titleBeate und Mareile / I
pages3-123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1903
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»Die gnädige Frau ist zum See 'runter«, meldete Peter. »Sah sehr gut aus.« Das war jetzt Peters Geschäft. Er mußte stets wissen, was Mareile tat, um es Günther zu melden.

Mareile war heute früher als sonst zum See hinuntergegangen, um zu baden. Der See war voller Sonnenschein. Der nächtige Regen hatte das Wasser ein wenig getrübt, es grau und undurchsichtig, wie Seide, gemacht. Mareile stand im Wasser, ließ sich von ihm heben und wiegen. Ringsum zitterte das Licht. In den blanken Schilfinseln schnatterten die Enten. Wie das Leben all dies trug und wärmte! Man hat nichts dazu zu tun – nehmen – genießen – immer nur dem dunkeln, geliebten Gesetze des Lebens nachgehen. Das machte Mareile heute still und froh. Regungslos im Wasser stehend, fühlte sie, wie der See sich an ihren heißen Körper schmiegte, mit kleinen, grünen Wellen nach ihren Brüsten griff, als verlange auch er nach ihr.

Als Mareile später den Ellernbruch entlang nach Hause ging, fand sie Günther dort stehen und warten. In seinem dunkelblauen Radfahreranzug, einen Strohhut auf dem Kopfe, sah er heute besonders jung aus. Wie ein hübscher, böser Junge, dachte Mareile.

»Ich warte hier auf Sie«, rief er ihr zu.

»Das ist hübsch«, sagte Mareile. Günther ging neben ihr her. »Hübsch!« wiederholte er, »ich dachte, Sie vermeiden mich am Tage. Sie haben mich auf Abendration gesetzt.« Mareile hörte wohl den Groll heraus, der in Günthers Stimme kochte. »Ja, aber heute kommen Sie mir recht«, sagte sie einfach.

»Recht oder nicht«, meinte Günther. »Ich kam, um Ihnen zu – sagen; ja – so geht es nicht. Ich halte es nicht aus, nur so – so –'n Turnreck für Ihr Herz zu sein – für – für Ihre Kunst zu lieben – was weiß ich. Das ist alles verteufelt dummes Zeug.« Wirklicher Zorn lag jetzt in seinen Samtaugen. Mareile wurde ein wenig bleich; ruhig sagte sie: »Ja, dann ist es wohl aus.«

»Aus!« Günther lachte böse. »Sprechen Sie doch keine Gemeinheiten. Wie kann es aus sein? Man muß doch wissen, was man ist. Irgendwelche Schloßideen sind Ihnen angeflogen. Sie sind nun mal keine weiße, tugendhafte Frau. Sie sind Mareile, Sie zahlen bar. Aber plötzlich wollen Sie so 'n Gemisch von Mareile und Fürstin Elise und Tante Seneïde sein. Das ist unmoralisch. Wollen Sie was von mir? Gut – was wollen – Sie? Ich tu alles.«

Mareile senkte den Kopf und hörte schweigend zu. Wie Peitschenhiebe traf sie die Brutalität von Günthers Worten. Dennoch wünschte sie, er solle weiter sprechen. Die gewaltsamen Worte taten ihr wohl, schnürten ihr die Kehle zusammen, ließen ihr das Blut heiß in die Schläfen steigen.

»Warum sagen Sie nichts?« fragte Günther ein wenig kleinlaut. »Jetzt hab' ich Sie natürlich beleidigt? Sie fürchten sich vor mir.«

Mareile sah auf. Sie war selbst erstaunt über den ruhig überlegten Ton, mit dem sie sagte: »O nein! Ich fürchte mich nicht.«

»Wollen Sie mit mir heute reiten?« Günther beugte den Kopf, um Mareile unter den Hut zu sehen. »Sie wollen nicht? Sehen Sie...«

»Doch, warum nicht?« erwiderte Mareile und lächelte; sie zwang sich zu diesem Lächeln, denn ihre schöne Sicherheit war fort. Günther aber triumphierte. Er schwenkte seinen Hut, rief: »Haio! Dann ist ja alles gut!«

 

Um drei Uhr ritten sie aus. Die Sonne stach durch leichte, graue Wolken. Es war windstill und schwül. Unter den Hufen der Pferde erhoben sich Staubwolken. Grane, von Fliegen belästigt, war unruhig, Mareile mußte achtgeben. Günther gab ihr kurze Verhaltungsmaßregeln: »Wenn sie ausfällt, die Peitsche.« – »Gut im Zügel halten.« Mareile war niedergeschlagen. Alles schien ihr bedrückend und feindlich: der heiße Staub, die großen Schnaken, das Schrillen der Feldgrillen. Sie wollte hübsche Gedanken denken, aber diese ließen sich nicht rufen. Eines nur lebte in ihr, niedrig, staubig, wie die Wegwarte am Feldrain, eines nur, ein freudloses, bohrendes, dumpfes Verlangen, von Günther genommen zu werden – nur das... Sie schaute zu Günther hinüber. Sein Gesicht trug einen müden, gequälten Ausdruck. Wir sind alle traurig, dachte Mareile, der Wald und Günther und Grane und ich.

Als sie einen Abhang hinabritten, spürten sie den kühlen Hauch des nahen Sees. Da lag er vor ihnen, schwarz und regungslos, eine stumme Trauer.

»Steigen wir hier ab?« fragte Günther.

»Wie Sie wollen«, erwiderte Mareile. Es lag ein demütiges Gehorchen in ihrem Ton, so daß Günther erstaunt aufblickte. Er half ihr vom Pferde, band die Tiere an einen Baum. Mareile starrte währenddessen gedankenlos auf den See, sah einer schwarzen Taucherente zu, die langsam, wie ein kleines, einsames Fahrzeug über das Wasser schiffte. Plötzlich stieß der Vogel seinen Ruf aus, so schrill und angstvoll, daß Mareile erschrocken fragte: »Was hat er?«

Günther stand neben ihr, sehr bleich, mit unruhig flimmernden Augen.

»Mareile«, begann er leise, kummervoll, »wir können nicht mehr.« Sie stand vor ihm, die Arme hingen schlaff an ihr nieder. Sie verstand ihn wohl! Sie wiederholte: »Nein, wir können nicht.« Da nahm Günther sie in seine Arme...

Die Sonne schien schon schräg durch die Zweige, als Günther und Mareile noch am See beisammen waren. Er lehnte den Rücken gegen eine Tanne und rauchte eine Zigarette; sie lag in dem Moos und starrte zu den Baumwipfeln auf. »Also heruntergeholt!« sagte sie klagend vor sich hin, »jetzt ist sie so 'n gewöhnliches Ding, wie – wie – wir's überall finden – in allen Gesindestuben.« Ungeduldig warf Günther die Zigarette fort und nahm Mareiles Hände, die schwer und heiß in den seinen lagen. »Sprichst du von unserer Liebe? Na, das verbitte ich mir. Erstens gleicht eine Liebe nie irgendeiner anderen Liebe. Und dann unsere! So was hat es noch nie gegeben; die ist einzig.«

»Ja, du bist jetzt der Herr«, erwiderte Mareile. »Was du aus ihr machst, das wird sie sein.«

»Froh sein, Schatz«, mahnte Günther. Auf seinem Gesicht glänzte wieder zuversichtliche, eigensinnige Lebensfreude. »Wir müssen an unsere Feste glauben, wenn wir sie feiern wollen. Gott! Wir wollen unsere Liebe schon herausputzen. Mit allem Schönen wollen wir sie füttern, nicht? Wir, zwei solche Prachtmenschen; kluge Köpfe mit Rosen umwunden; na, das soll eine Liebe werden!«

Mareile lächelte, lehnte ihren Kopf an Günthers Schulter und weinte. Er ließ sie weinen. Erst wenn ein Weib um seinetwillen geweint hatte, fühlte er es ganz als sein Eigentum. Rote Abendlichter hingen in den Zweigen. Lange Züge von Wildenten schwirrten pfeifend über den See. Am jenseitigen Ufer standen äsende Rehe, feine, rote Figürchen am schwarzen Wasser.

»Wir müssen heim«, sagte Günther, »die anderen warten.«

Mareile fuhr auf. »Die anderen, die sind auch alle noch da – das Diner – und die Tanten – und und...«

»Da sind sie«, tröstete Günther, »aber weißt du, nur so ganz verschwommen. Wirklich sind eigentlich – nur du und ich.«

 

Am Ende des Lantinschen Parkes, dort, wo der Wildpark anfing, lag auf einer kleinen Insel des Teiches ein Pavillon, mit geschweiftem, chinesischem Dache. Die Leute nannten ihn die Türkenbude und erzählten sich seltsame Geschichten, die in alten Zeiten die Türkenbude mit angesehen haben sollte. Jetzt war der Raum verwahrlost. Die chinesische Tapete hing in Fetzen von den Wänden, Fledermäuse schliefen hinter ihr ihren Tagesschlaf, die rosa Vorhänge waren verschossen, die Couchette und die Sessel mit den goldenen Beinchen wackelten. In einer Vitrine schliefen staubige Bücher und Vögel aus kleinen Muscheln geformt. Ein roher Küchentisch stand mitten unter den altersschwachen Sachen. An der Wand hing ein Pastellbild, der Kopf einer blonden Frau. Der untere Teil des Gesichtes war fortgewischt, aber an den harten, grellblauen Augen sah man noch, daß der Mund gelächelt hatte. Diesen Ort hatte Günther für seine Zusammenkünfte mit Mareile gewählt. Die Mittagstunde, wenn es auf den Feldern und Wegen still wird, war ihre Liebesstunde.

Günther lag auf der Couchette, rauchte und wartete. Das Fenster zum Walde hin stand offen. Das Hämmern eines Spechtes, der Wachtruf eines Hähers, das Schnalzen der Fische im Teich klangen herein. Ein Lufthauch trug den Duft des Mooses, der Schwämme und Heidelbeeren ins Zimmer. Günther streckte sich. Oh! Die köstliche Luft seiner Liebesstunde! Neben ihm stand eine Flasche und ein venezianisches Glas. Es war griechischer Wein, jener Santoriner vino santo, der ihn an Photini und die Liebesstunden auf Hydra erinnerte. Frau Kulmann, die alte Kastellanin, froh, wieder die Hüterin eines herrschaftlichen Geheimnisses zu sein, hatte eine weiße Salatschüssel voller Zentifolien auf den Tisch gestellt.

Günther dachte immer wieder: Mareile – Mareile – Mareile! Seltsam kühn sind doch die Weiber! Mareile, die Musterfrau der Fürstin Elise, Mareile, die eben noch in Reih und Glied mit Beate, Seneïde marschierte, sie ließ plötzlich alles fallen, so mit einem Ruck, wie sie es liebte, ihre Kleider an sich niedergleiten zu lassen, um in ihrer schönen Nacktheit ihm zu gehören. Teufel auch! – Aber er wurde ungeduldig. Das Warten verlor seine Feierlichkeit. Kleinliche, unangenehme Gedanken kamen: an Verheimlichen, Verstecken, die ganze unreinliche Buchführung einer solchen Liebe.

Endlich knirschte der Kies unter dem Fenster; die Türklinke ließ ihr alterschwaches Knarren vernehmen, und Mareile war da. Mit ihr durch die Tür kam ein wenig von dem hellen Widerschein des Wassers in das Zimmer und flirrte an den Tapeten hin. Günther blieb regungslos liegen. Die starke Spannung seines Wesens löste sich in glückliche Wunschlosigkeit. Nun war alles gut! Mareile schloß sorgsam die Tür, zog die Vorhänge vor das Fenster. Dann stand sie da, streifte die langen Handschuhe von den Armen und sah Günther an. Ein Lächeln stieg von ihren Lippen in ihre Augen hinauf. Sie trug ein Kleid von gelbrotem, spanischem Musselin, die milde Farbe trockener Rosenblätter. Ein orientalischer Gürtel aus bunten Metallfäden hielt es zusammen. Auf dem Kopfe saß der geschweifte Sommerhut aus blankem, gelbem Stroh wie ein Riesenchrysanthemum. Günther wollte etwas sagen, Mareile jedoch legte ihren Finger auf ihre Lippen und machte »Sst«. Sie löste die Schnalle ihres Gürtels, der mit hellem Klirren zur Erde fiel; dann rauschten die Kleider, indem sie niederglitten – ein seidiges – leises Rauschen. Einen Augenblick stand Mareile still, hob die Arme empor, als täte die Nacktheit ihr wohl, dann ging sie zu Günther hinüber, beugte sich auf ihn nieder, drückte ihren Mund auf seine Lippen, wie ein heißes Siegel, und Günther, bleich vor Erregung, schloß die Augen, lag da, begraben unter diesem warmen, fiebernden Frauenleibe.

Und welch ein Glück war es, nach solch einer Liebesstunde dazuliegen, satt und müde, und zuzusehen, wie Mareile durch die Rosadämmerung des Raumes hin und her ging, den Vorhang ein wenig von dem Fenster zog, um das schwere, goldene Nachmittagslicht hereinzulassen.

»Ihr Frauen«, sagte Günther, »ihr seid nicht auszudenken.«

»Ihr Frauen!« wiederholte Mareile, »das gibt's nicht. Jede Frau ist für sich da und kommt so nicht wieder. Wie die Wolken, weißt du. Eine Wolke ist auch nur so für den da, der sie gerade sieht. Also, wozu nachdenken!« Sie lächelte dabei, die Arme hoch in den Sonnenschein emporhebend.

»Ja, ja«, meinte Günther behaglich, »über sich hingehen lassen, eine Welle, eine blanke, warme Welle«, wiederholte er und ließ die Worte klingen.

Mareile streckte sich jetzt in dem alten Sessel mit den goldenen Beinen aus. Die Füße legte sie auf den verblichenen roten Schemel. Günther liebte diese schmalen Füßchen mit den geschweiften Sohlen; sie waren lebendig und ausdrucksvoll, wie Füße der Dorfkinder, die, an Freiheit gewohnt, mit den langen Zehen geschickt nach den Kieseln im Bache fassen. Um die Fußgelenke und um die Arme trug Mareile glatte, goldene Reife. Günther hatte sie ihr gegeben. Auf jedem Reif stand der Vers des Hohen Liedes: »Du bist schön, meine Freundin.« Mareile legte ihre Hand in die Zentifolien der weißen Schale und schloß die Augen. Das war der Augenblick, in dem Günther, von seinem Ruhebette aus, Fragen zu Mareile hinüberzuwerfen liebte, wunderlich unumwundene Fragen. Es ergötzte ihn, rücksichtslos in diese Frauenseele hineinzufassen.

»Sag', Schatz, wenn du jetzt an das Schloß denkst, an Seneïde, an die Tanten, an die Lampe im Gartensaal, wie siehst du das?«

»Ich sehe sie – sehr – sehr weit. Wie durch ein umgekehrtes Opernglas, ganz klein, ganz unwirklich.«

»Nun, und Vater Ziepe, die Inspektorsstube?«

»Oh, die sind deutlicher, näher.«

»Wirklich?«

»Ja – seit einiger Zeit sind sie näher als – als das Schloß.«

»Hm –«

Mareile lächelte ihren Gedanken zu: »So muß es doch sein, Liebster, nicht? Wir, du und ich, wir haben unser Leben zusammengetan, eine Kasse. Und nun ist es stark und spricht ganz laut. Wir haben nur seine Stimme in den Ohren, verstehst du? Alles andere ist klein, unecht. Es gibt doch so alte Bilder: Ganz vorne steht ein Mensch, oder es stehen zwei beisammen, groß, farbig, ganz deutlich. Die leben; und hinter ihnen stehen Häuser und Bäume, und Menschen gehen über Brücken oder reiten auf Wegen, aber ganz klein, ganz bunt, eine Spielzeugwelt, unwirklich. Siehst du, so.«

Günther lachte. »Gut, gut! Du und ich, sonst nichts.« Er wiegte sich in diesen Worten: »Du und ich.«

»Ja, ja, du und ich«, wiederholte Mareile mit der verträumten Musik ihrer Stimme. Dann schwiegen sie. Große Hummeln sangen am Fenster vorüber. Die Sonnenstrahlen schienen rötlich und schräg in das Zimmer, und die großen, roten Kugeln der Zentifolien in der weißen Salatschüssel füllten welkend den Raum mit ihrem süßen Duft.

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