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Beate und Mareile / I

Eduard Graf Keyserling: Beate und Mareile / I - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBeate und Mareile
authorEduard von Keyserling
year1995
publisherGoldmann Verlag
isbn3-442-07647-1
titleBeate und Mareile / I
pages3-123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1903
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Mareile schlug vor Günthers blankem, begehrendem Blick die Augen nieder, aber sie fühlte diesen Blick über sich hinstreichen, über ihre Stirn, ihre Augen, ihre Lippen. Sollte es sein? dachte sie. Günthers Stimme wurde gedämpft, klagend. »Aber die geduldigen Rassetiere haben auch ihre Stunden, in denen sie frei kommen. Da wird verschwendet, was aufgespart war. So bei Mondschein über die Wiese jagen, was? Nicht schlecht! Da vergessen sie alles. Wenn sie wieder in den Stall kommen, dann ist ihnen die Krippe und das Heubündel fremd. Sie scheuen und steilen wie toll. Ja, das gibt's schon.« Er beugte sich vor, um Mareile gierig in die Augen zu sehen. Das war jener wunderliche, fast feindliche Blick, den sie in Männeraugen kannte. Sie wurde ein wenig bleich. Wenn es wäre! dachte sie. Sofort erfüllte sie ein starkes, inneres Frohlocken. Es war ihr, als habe sie etwas erlangt, nach dem sie lange, lange, bis in die Kinderzeit hinein, gehungert hatte, damals, als sie am Ende der Ferien, wenn Günther fortreiste, sich in die finsteren Winkel des Hauses versteckte, um zu heulen, weil sie keine Baronesse war und nicht, wie Beate, Günther heiraten sollte. Wenn es wäre, dachte sie immer wieder. Günther sprach weiter. »Ja, Sie, Mareile, Sie können sich auch nicht gleich in den Gartensaal und die Kreuzzeitung finden, wenn wir von Mondschein und der Wiese kommen. Nicht wahr?« – »Ich!« Mareile wollte scherzen, aber ihre Stimme hatte den fliegenden Atem des schnell schlagenden Herzens. »Ich! Ich bin kein Rassepferd. Ich habe doch keine vornehmen, resignierten Augen. Nein, ich habe freie Weide, Gott sei Dank!« –

»Sagen Sie, Mareile. Ist wirklich noch was vom Landmädchen in Ihnen, so von freier Weide, wie Sie sagen?«

Mareile errötete. »Oh, gewiß. Ich kann arbeiten, und ich spare, und flaches Land hab' ich nötig, um hinüberzusehen.«

»Und doch ist was Fremdes in Ihnen«, meinte Günther sinnend.

Mareile erhob sich. »Gehen wir. Die Luft hier, diese Rasseluft ist beklommen.«

Sie standen noch einen Augenblick und plauderten ruhig und unbefangen. »Sehen Sie die alte Fuchsstute dort«, bemerkte Günther, »die hat ihr Blut untergekriegt. Sehen Sie den Blick. Wie Tante Lolo, wenn sie die Kreuzzeitung liest. –

 

Mareile ging zur Heide hinab. Sie mußte nachdenken. Es lag sich gut auf dem Heidekraut mitten in dem Blinzeln und Schnurren der Mittagstunde.

Mareile verstand sich auf die Männer. Sie wußte, was jetzt in Günther vorging. Und hatte es nicht so kommen müssen? Sie fühlte wieder in sich etwas wie den Triumph des kleinen, neidischen Mädchens von früher, das vor Beate auch mal etwas voraus haben wollte. Sie streckte sich wohlig. Schon das Gefühl, daß, wie das Evangelium sagt, wieder einmal »eine Kraft von ihr ausgegangen« war, machte sie froh. Liebte Günther sie, gut, dann wollte sie diese Liebe genießen. Sie war stark genug, um ihn und sich selbst in Zaum zu halten. Aber Liebe ist schön, sie sollte dauern dürfen. Oh! Sie würde schon dafür sorgen, daß daraus nicht etwas Häßliches würde. Das sollte eine Liebe werden von Mareiles eigenster Erfindung, wie die Cibò-Rosen. So! Damit war sie im reinen. Sie wühlte die Füße tiefer in die Halme, die ihr durch die seidenen Strümpfe stachen. Angenehm war es, klug, stark und schön zu sein! Sie schloß die Augen. Das Blut pochte heiß und unruhig in ihren Adern, als wollte es sie mit einer heimlichen, frohen Botschaft wecken. Mareile griff mit beiden Händen in das Heidekraut, um sich fester an die Erde, an all das Warme, Summende, Wachsende, Zeugende zu drücken. Fern am Rande der Heide lag das Feld, eine goldene Vision. Der Duft reifer Ähren wehte herüber. Dort wurde gearbeitet. Mareile mußte die Mittagzeit verträumt haben.

 

Die Prassawitz' aus Kastrow und der General Lassow waren zum Diner geblieben. Die Herren standen in der Gartentür, steckten die Köpfe zusammen und hörten einer Geschichte des Generals zu, die nicht für Damen war. Die Damen saßen um den runden Tisch und unterhielten sich ein wenig lässig. Den Kastrowschen Mädchen, mit den weiß und roten Pastellgesichtern, wurde es schwül in ihren enggeschnürten, weißen Besuchskleidern. Mareiles Erscheinen belebte die Gesellschaft, als läge in dem Orchideenduft, den sie verbreitete, etwas, das erregt und zu Kopf steigt. Der lange Prassawitz strich sich über seinen blonden Kaiser-Friedrich-Bart, ging auf Mareile zu und wich nicht von ihrer Seite, dabei lächelte er so einfältig entzückt, wie man, nach Günthers Behauptung, in Damengesellschaft nicht lächeln darf. Nach dem Diner setzten die Herren sich zum Whist, die jungen Damen spielten Chopinsche Walzer vor.

Mareile trat auf die Gartentreppe hinaus, sie erstickte da drinnen. Die Nacht war schwarz und lau. Ein leichtes Wehen brachte den Hauch nebeliger Wiesen, großer, tauiger Flächen herüber. Mareile schritt langsam auf und ab. Sie hätte weinen können, so stark war ihr Empfinden. Unten vom Parkteich tönte der einsame Ruf eines Wasservogels herauf. Dieser Ton nahm für Mareile Bedeutung an. Er wurde zur Melodie ihrer Seele. In die schwüle, duftschwere Finsternis immer den einen Ton hineinrufen, mit dem ganzen Verlangen, das sich in der Nachtstille hervorwagt. Mareile blieb stehen, streckte ihre Arme in die Dunkelheit hinein. Sie fühlte es, Günthers Seele war bei ihr, es war, als stände er neben ihr, schnell und heiß atmend, als striche sein Verlangen wie eine warme Hand über ihren Körper. Der Mond stieg über den Parkbäumen auf und warf die Schatten tintenschwarz auf die Terrasse. Warum kam Günther nicht? dachte Mareile. Sie stieg die Treppe hinunter. Ein Beet voller Hyacintha candida lag da, sehr weiß in all den Schatten. Sie hörte Schritte auf dem Kies. Das war Günther, sie wußte es. Sie ging bis zu den Hyacintha candida; dort wartete sie.

»Warum gehen Sie allein fort?« sagte Günther. »Sind Sie traurig?«

»Muß ich lustig sein?« erwiderte Mareile. »Eine einsame Frau, die ihr Leben neu aufzubauen hat.«

»Unsinn«, sagte Günther, und das klang gedrückt, zerstreut, als dächte er nicht an das, was er sagte. »Das klingt ja nach Literatur. Weiß Gott! Mir ist nicht nach Literatur zumute. Da drinnen halt' ich's nicht aus. Die Mama übernahm meine Partie. Ihr Leben, Mareile? Toll geliebt werden müssen Sie, das ist's.« Er stieß das heftig hervor. Die Spannung in seinen Zügen löste sich in ein Lächeln. Das war es, was er gedankenvoll hergetragen, nun warf er es heraus, Mareile sah es seinen Händen an, wie er es ihr hinwarf. »Sie müssen toll geliebt werden. Da!«

Sie nickte freundlich. Wo diese Frau einer Männerleidenschaft begegnete, da fühlte sie festen Boden unter den Füßen. »Ja, das wäre gut«, sagte sie einfach.

»Ach was! Quälen Sie mich nicht, Mareile«, brachte Günther ungeduldig heraus. »Natürlich quälen Sie mich. Sie müssen's doch wissen, daß ich Sie toll liebe. So was sieht man doch, fühlt man doch.«

Mareile streckte die Arme aus, um beide Hände in die weißen Blumen zu stecken. »Wer sagt es Ihnen, daß ich das nicht gewußt?«

»Mein Gott, Mareile, und dann konnten Sie mich so neben sich hergehen lassen – wie – wie – einen Kranken? Aber das ist jetzt gleich. Sagen Sie – nein – hören Sie lieber – also meine Liebe... Gott, wie ruhig Sie sind!«

»Wenn ich Sie quäle, muß ich wohl gehen«, versetzte Mareile, die Hände noch immer über die Blumen, wie über ein weißes Feuer, haltend.

»Gehen?« wiederholte Günther. »Gehen – jetzt? Das wäre eine schlechte Tat – verstehen Sie das nicht – Mädchen – Frau!«

»Ja – wenn es wird, wie ich will, dann – dann – kann ich bleiben«, meinte Mareile. Ein triumphierendes Gefühl beseelte sie. Sie glaubte auf einer gefährlichen Höhe zu stehen, auf der nur sie zu stehen vermochte. »Ich will eine Liebe, die niemandem etwas stiehlt, verstehen Sie? Eine Liebe, die nur Sie und ich haben. Das dürfen wir. Sie – in Ihrer Gesellschaft sind ja stark – Sie können ja kehrtmachen. Und ich, ich bin auch stark, wie man im Volke stark ist. Das kann dann schön sein.«

»Ich weiß nicht, was das ist«, sagte Günther leise und verwirrt. »Was Sie wollen. So was gibt's wohl nicht. Aber das ist ja egal. Sagen Sie ganz einfach, daß Sie mich liebhaben. Können Sie das?«

Mareile zog ihre Hände von den Blumen zurück und gab sie Günther, kühl und taufeucht. Ihr Gesicht war froh und ruhig, wie das Gesicht eines Menschen, der Heimatluft atmet. »Ja – ja – das kann ich«, sagte sie. »Ich liebe Sie, Günther.«

Günther seufzte tief auf. »Ah – so – ja – dann ist's gut.« Eine friedliche Schlaffheit kam über ihn, wie sie am Ende einer Angst, einer Spannung zu stehen pflegt. »Also dann – gute Nacht – Mareile.« Er freute sich auf den ruhigen Schlaf der Nacht.

 

Günther, bleich und müde, hielt es im lavendelfarbenen Wohnzimmer bei den guten, beruhigten Menschen nicht lange aus. Dort bedauerte Beate ihn und sah ihn aus hellen Augen freundlich an. Man sprach von der Ernte. Tante Lolo erzählte von längst vergangenen Ernten auf alten Familiengütern. Das Kind wurde gebracht, der kleine Went. Günther ließ ihn auf dem Knie reiten. »Vater und Sohn«, sagte Tante Lolo gefühlvoll; und bei all dem dachte Günther doch immer nur: Wo ist Mareile? Wo ist Mareile? Er stand auf, ging eilig fort, als riefe ihn ein dringendes Geschäft.

Mareile jedoch erschien erst am Abend im Schlosse. Wenn die anderen im Gartensaal saßen, ging sie draußen auf der Gartentreppe auf und ab. Sie versuchte es, mit ihrem Willen Günther vom Whisttisch herauszuziehen. Wenn man sich liebt, muß solch ein »Komm, komm« doch zwingen. Die Nacht war sehr schwarz. Ab und zu leuchtete ein Wetter auf und zeigte eine blaue Glaswelt. »Mareile«, rief Günther in die Dunkelheit hinein.

»Fühlten Sie, daß ich Sie zog?« fragte Mareile.

»Oh –! Gewiß!« Dann lachten sie beide halblaut. »Was haben Sie den Tag über gemacht?« fragte Günther. »Ach! Nicht viel!« Sie sprachen über kleine, alltägliche Dinge, aber die Worte glichen einem sanften Halten der Hände. Oder sie lehnten am Gitter der Veranda und versuchten es, den Duft der Blumen zu unterscheiden. »Die Reseden spür' ich, die sind immer am unverschämtesten.«

»Jetzt kommt solch ein schwerer – schwüler Duft, was ist das?« – »Die Tuberosen.« – »Jetzt riech' ich den Duft des Geißblatts – süß – süß.« – »Ich mag ihn nicht, er riecht nach Liebe von Pfarrerstöchtern.« Bald jedoch wurde Günther verzagt, fast feindselig. »Ich sehe Sie nicht, Mareile. Gehört das zu der neuen, dummen Liebe, die Sie sich ausgedacht haben? Was ist das für eine Liebe!«

»Sie vergessen, lieber Freund, daß Sie hier nicht eine Schuld eintreiben, sondern ein Geschenk nehmen.«

»Ja – ja – aber – weiß der Teufel!« sagte Günther kummervoll. »Ich glaube, Sie sind nicht freigebig. Ich bin wohl nur so 'ne Vorübung des Herzens. Sie sparen für einen, der kommen soll. Ist das nicht so? Denn sehen Sie, wenn man liebt – Teufel noch eins! Da kommt's nicht darauf an, ob daraus was Trauriges oder Heiteres, was Hübsches oder was Häßliches, was Gesegnetes oder Verfluchtes wird.«

»Nein, nein«, meinte Mareile, »verderben Sie mir meine Liebe nicht. Es ist doch gut, sich immer wieder zu sagen, daß wir uns lieben? Wie wir lieben? Immer, immer über die Seele des anderen gebeugt, diese Liebe zu fühlen? So führen wir ein Leben abseits, miteinander, allein für uns.«

Günther lachte grimmig. »Das müssen Sie von Tante Seneïde gelernt haben. Gut, wenn ich Tag und Nacht still liegen dürfte und Sie säßen neben mir und wiederholten immer wie ein Wiegenlied: ›Günther, ich liebe dich! Günther, ich liebe dich!‹, na, dann würde ich vielleicht verstehen, was Sie meinen – so – so – – die Liebe als Morphium.«

»Aber das tu ich«, sagte Mareile eindringlich. »Das ›Ich liebe dich‹ spreche ich Tag und Nacht. Hören Sie es denn nicht?«

Drinnen, im Gartensaal, wurde zur Abendandacht gerufen. An der Tür standen schon die Mägde mit erhitzten Backen, die Stirnlöckchen voller Lindenblüten, die Kleider verschoben und voller Geißblattduft und Tau. Tante Seneïde las die Andacht, dann wünschte man sich freundlich »Gute Nacht«. Ein jedes stellte sein Leben, eine wohlgeordnete, reinliche Sache, für die Nacht beiseite, sicher, es den nächsten Morgen unverändert, reinlich und nett, wieder hervorholen zu können.

 

In dem engen Bette der Ziepeschen Logierstube verbrachte Mareile jetzt seltsam erregte Nächte, voll wacher Träume. Die nackten Arme unter dem Kopf verschränkt, starrte sie mit weit offenen Augen vor sich hin. Das Fensterkreuz schnitt den Himmel in enge Vierecke voll schwarzer Nacht oder voller Sterne, oder es ging ein Regen nieder, eine erfrischende, tröstende Musik. Und Mareiles Gedanken, ihr Fühlen nahmen eine köstliche Eintönigkeit an. Immer wieder das feste An- ihn-Gebunden-sein, und jeder Nerv ihres Körpers nahm an diesem Gedanken Anteil. »Er und ich. Er und ich.« Sie spürte es, wie er dort drüben im Schloß nach ihr verlangte, wie sie in das Blut des geliebten Mannes ihre Wärme goß. »Er und ich.« Schön waren diese schlaflosen Nächte mit ihrem einen Gedanken. Wenn die Fensterscheiben endlich im Morgenlichte weiß wurden und im Hof unten die Stalltüren knarrten, dann wandte Mareile ihr Gesicht traurig der Wand zu. Sie war mit ihrem einen Gedanken noch lange nicht fertig.

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