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Beate und Mareile / I

Eduard Graf Keyserling: Beate und Mareile / I - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBeate und Mareile
authorEduard von Keyserling
year1995
publisherGoldmann Verlag
isbn3-442-07647-1
titleBeate und Mareile / I
pages3-123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1903
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Achtes Kapitel

In der Herrschaftsküche mit den blau und weißen Kachelwänden wurde die Weihnachtspastete gebacken. Herr Miespeck, der Küchenchef, litt am Magen und war sehr nervös. Wenn er es mit Trine, der Küchenmagd, gar nicht aushalten konnte, ging er in einen kleinen Nebenraum und spielte die Flöte. In der allgemeinen Küche war es lauter. Frau Mandelkoch befahl hier. Beständig kamen Leute, die hier nichts zu tun hatten, um zu sehen, zu riechen, sich zu wärmen und die Mägde zu kneifen. Amelie, die Zofe, stand vor dem Feuer und starrte vor sich hin. Die anderen störten sie nicht, man sah sie zuweilen an und flüsterte.

Beckmann erschien in seiner schwarzgoldenen Livree, mit seinen dicken Waden und dem weißen Engländergesicht. Unnahbar durchschritt er den Raum und verschwand in der Herrschaftsküche. Amelie schaute auf, folgte ihm mit Augen, die blank vor Bewunderung wurden. Dann seufzte sie, strich ihre kleine Schürze glatt und ging hinaus. Als Beckmann den finsteren Gang hinuntereilte, der zur Außentür führte, faßte jemand ihn am Rockaufschlag und zog ihn auf die Schwelle. »Auf dich wart' ich«, sagte Amelie. Beckmanns starres Gesicht verzerrte sich. »Na – was denn? Hier doch nich.«

»Jawoll«, meinte Amelie. »Ich muß dich sprechen.«

Beckmann blieb stehen, steckte das Kinn tief in den hohen Hemdkragen, und seine Waden in den weißen Strümpfen zitterten vor Kälte. »Na – los«, brummte er. Amelie lehnte sich an ihn, strich mit ihren kleinen roten Händen über seinen Rockärmel. »Ich muß doch wissen, was nu sein wird.«

»Immer die alte Jacke«, schnarrte Beckmann, »das Vergnügen wollt ihr, und später sind wir schuld.«

»Wer sagt denn von Schuld, Beckmann«, flehte Amelie. »Ich frag' nur, was is nu? Die anderen sprechen schon. Ich geh' zur Frau Gräfin.«

Die weiße Lakaiennase hob sich streng zu den Sternen auf.

»Von mir kein Wort«, befahl er.

»Aber Beckmann, ich muß doch sagen, wer der Vater zu dem Kind is.« Amelie weinte nur leise.

»Kein Wort«, wiederholte Beckmann.

Jetzt schüttelte das Weinen den ganzen, runden Mädchenkörper.

»Hör'«, sagte Beckmann mit seiner diskreten, leblosen Dienerstimme, »das Flennen hilft so nichts. Wenn du von mir nichts sagst – hm – verstehst du? Wenn du mir nicht den Dienst verdirbst, nachher geb' ich das Geld, damit du im Dorfe deine Sache abmachst. Das wird hübsch kosten.« Amelie drängte sich noch an ihn heran, sie lächelte, nahm seine Hand und stützte ihre tränenfeuchte Wange darauf. »Und später – Beckmann – sag' – später?« hauchte sie.

»Von später weiß ich nichts«, meinte Beckmann kühl. »Jetzt muß ich gehen.« Er wandte sich ab, als bemerkte er es nicht, wie das Mädchen sich auf die Fußspitzen stellte, um mit dem Gesicht an seine schmalen, bleichen Lippen zu reichen.

Als Beckmann fort war, wischte Amelie sich mit der Schürze die Augen und starrte trübselig auf den Hof hinaus, der in der bleichen Schneedämmerung sehr still zwischen den hohen, weißen Häusern lag. Ein grellgoldener Schein fiel auf den Schnee. Drüben bei Inspektors wurde der Weihnachtsbaum angesteckt. Amelie wandte sich ab. Das Herz war ihr voll Zorn gegen die Herrschaft, die sie fürchten mußte, und so voll von Liebe zu Beckmann, daß sie wieder weinte.

Am ersten Weihnachtstage saß Beate in ihrem Ankleidezimmer und wartete auf Amelie. Der letzte Abendschein war schon hinter den Parkbäumen verglommen. Beate war in einen leichten Halbschlummer verfallen. Als jemand in das Zimmer trat, fragte sie: »Sind Sie es, Amelie? Dann stecken Sie die Lampe an.« Da es still und finster blieb, sagte Beate: »Machen Sie doch Licht. Ich muß mich ankleiden.«

Jetzt rauschte etwas neben ihr auf den Teppich nieder, ein nasses Gesicht legte sich auf ihre Hände. »Sind Sie's, Amelie?« fragte Beate. »Warum weinen Sie? Haben Sie etwas getan?«

»Schlecht – schlecht hab' ich getan!« schluchzte das Mädchen. »Und die Schande jetzt. Was soll ich tun? Frau Gräfin werden Erbarmen haben – verzeihen – ach! ach!«

Während Amelie sprach, fühlte sie, wie Beate allmählich vor ihr zurückwich, die Hand, das Knie, das Amelie umschlungen hielt, fortzog. »Stehen Sie auf«, sagte Beate leise, aber das geschulte Zofenohr hörte aus diesen Worten doch Strenge und Widerwillen heraus. »Wie konnten Sie das tun – Sie wissen doch...«

Amelie schluchzte unter ihrer Schürze, die sie über den Kopf geschlagen hatte: »Ja – ja – ich weiß. Sünde is – aber es kommt man so –«

Beate schwieg. Sie empfand Mitleid mit dem weinenden Mädchen. Mein Gott! Die Welt ist so voll Sünde und Elend; aber sie empfand auch Groll gegen Amelie. Was hatte sie ihre unreinliche Liebesgeschichte hier zu ihr, Beate, hereinzutragen! »Stecken Sie das Licht an!« befahl Beate. Als die Lampe brannte und Beate vor dem Spiegel saß, machte Amelie sich daran, ihre Herrin zu frisieren. Sobald Beate jedoch die Hände des Mädchens in ihren Haaren spürte, bog sie den Kopf zur Seite, wie von Ekel erfaßt.

»Lassen Sie«, sagte sie hastig. »Ich mach' das selbst. Gehen Sie hinaus, gehen Sie.«

Amelie schlug wieder die Schürze über den Kopf und verließ laut jammernd das Zimmer.

 

Um die Zeit des Sonnenuntergangs saß Beate im Ahnensaal und ruhte. Günther war abwesend. Seneïde, die Arme über der Brust verschränkt, ging im Saale auf und ab, dunkel und schmal in dem roten Lichte.

Peter brachte einen Brief. »Aus dem Dorf, von der Amelie«, sagte er.

»Oh – von der!« meinte Seneïde und zog die Augenbrauen empor. Beate sah den Brief mit Widerwillen an, wie wir ein unangenehmes Insekt anschauen, und schloß dann wieder die Augen.

Später im Wohnzimmer wurde die Lampe angesteckt. Die drei Frauen saßen um den runden Tisch. Die schweren, dunkeln Vorhänge wurden vor die Fenster gezogen, die alten dunkeln Türen geschlossen. Wieder einmal schien die Außenwelt mit ihrer Unreinlichkeit und Feindseligkeit ausgesperrt zu sein. Die Meierin kam und sprach von einer kranken Kuh. Beate öffnete widerwillig den Brief und las:

»Gnädige Frau Gräfin, Ziepe sagt, ich darf im Dorfe nicht bleiben. Er sagt, er muß mich 'rausschmeißen. Ich hab' nur getan, was andere Mädchen hier auch tun. Wer is denn so heilig? Wohin soll ich denn gehen? Wie 'n räudiges Vieh soll ich hier raus, sagt Ziepe, der so aufgeblasen ist, daß er bersten wird. Gott geb' es! Ich muß 'raus, und die Eve Mankow darf bleiben und warten, daß der Herr Graf bei Nacht zu ihr rausfährt. Und dann prahlt das freche Mensch noch damit. Das ist Sünde. Ich fahre zu meiner Tante nach Stolpe, die wird christlicher sein als die Herrschaft. Adjö. Amelie Miller.«

Beate schaute auf. Die Meierin erzählte noch von der kranken Kuh. Das Zimmer lag im Lampenschein friedlich und wohl verwahrt da... und doch etwas Fremdes, Entsetzliches war hereingekommen, war da. Beate fröstelte. Hastig mit zwei Fingern faßte sie den Brief und warf ihn in den Kamin. Wie das Papier aufflammte, wie es sich krümmte und wand! Jetzt war nur ein wenig schwarzer Staub übrig, der eilig in den Schlot hinauffuhr. Bleich lehnte sich Beate in den Sessel zurück. So – war's vernichtet – das – dem sie mit ihren Gedanken zu nahen – nicht wagte.

Erst als sie schlaflos im Bette lag, konnte sie dem Entsetzlichen nicht entrinnen. Sie sah beständig Eve Mankow vor sich, das große, hochbusige Mädchen, mit den grellen Augen. Ekel schüttelte sie; Ekel vor ihrem eigenen Körper, der wie Eve nach Günther verlangte, der Günther dasselbe bot wie Eve. – Beate fuhr auf, als müßte sie etwas abwehren, sich von einer quälenden Gemeinschaft befreien. »Es ist nicht wahr!« flüsterte sie in das Dunkel hinein. Das beruhigte, das leuchtete ein. So etwas kann ja nicht wahr sein! Wie konnten die Even und Amelies an ihre, Beates, Ehe rühren! Nein, so etwas durfte, konnte nicht in ihr Leben hinein; das war ihr fester Wille. So etwas durfte nicht wahr sein. Und um ihre Seele ganz zu befreien, badete sie dieselbe in der Ekstase eines langen Gebetes.

 

Nach einer langwierigen, qualvollen Entbindung war dann endlich der Tarniffsche Erbe da. Günther küßte seine blasse Frau triumphierend auf die blasse Stirn. »Danke – Schatz. Er hat dir Mühe gemacht – was? Ja – so sind wir Tarniffs; wir machen Mühe.«

Beate langte nach Günthers Hand. »Ja – aber ihr seid gut – ihr Tarniffs – nicht?- sagte sie.

Günther lachte. »Gut. Natürlich sind wir gut, und ob!«

»Ein schönes, schweres Kind«, bemerkte die Hebamme.

»Ja, was haben Sie denn erwartet?« schloß Günther die Unterhaltung.

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