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Bauernmoral

Octave Mirbeau: Bauernmoral - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorOctave Mirbeau
titleBauernmoral
publisherWiener Verlag
printrun2. Auflage
year1902
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071208
projectidec3080ac
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Ein Kind

Motteau machte folgende Aussage: »Herr Präsident ... ! Sie haben jetzt alle diese Leute gehört, meine guten Nachbarn und meine lieben Freunde. Sie haben mich nicht geschont, und das ist ganz recht. Ah, sie haben nicht so viel Courage gehabt, so lange ich noch in Boulaie-Blanche war und noch keine Gendarmen zwischen ihnen und den Lauf meiner Flinte standen. Sie liebten mich nicht, das ist sicher, aber sie hätten sich gehütet, von ihrem Haß etwas merken zu lassen, weil sie wohl wußten, daß mit Motteau nicht zu spaßen ist. Heute steht die Sache freilich anders. Sehen Sie, das kostet mich nur ein Achselzucken, und ich lache, wenn mir auch nicht darnach ist. Maheu, der einäugige Maheu, der Ihnen jetzt gesagt hat, daß ich ein Mörder und ein Dieb bin, eben dieser Maheu war es, der voriges Jahr auf dem Markt in Gravoir den Flurwächter von Blandé ermordet hat. Leugne es nicht ab, du Schuft, wir waren miteinander ...! Léger, der bucklige Léger, der soeben vor Ihnen seine endlosen, scheinheiligen Reden geführt hat, Léger hat vor sechs Monaten die Kirche von Pontillon ausgeraubt. Er wird nicht die Frechheit haben, es in Abrede zu stellen; wir haben den Streich zusammen ausgeführt. Nicht wahr, Léger? Sie wissen nicht, Herr Präsident, wer dem alten Jaquinot den Hals umgedreht hat, als er eines Abends vom Markt in Feuillet heimging? Sie haben damals eine Menge Leute deshalb eingesperrt und endlose Untersuchungen angestellt. Es ist Sorel, Sorel, der gerade vorhin meinen Kopf von Ihnen verlangt hat. Was, alter Kamerad, du sagst nicht nein? Das wäre nämlich nicht gut möglich, sehen Sie; während er den Alten erwürgte, habe ich seine Taschen durchsucht, ha, ha! Wundert Sie das? Aber schau'n Sie die Leute doch nur an! Ah, ihr seid nicht mehr stolz, meine Guten, nicht mehr hochnäsig, ihr zittert und werdet blaß. Ihr sagt euch wohl, daß ihr euch selbst verraten habt mit eurer Anzeige gegen Motteau, den ihr loswerden wolltet, und daß jetzt uns allen die nämliche Guillotine den Hals abschneiden wird.

Herr Präsident! Was ich Ihnen sage, ist die Wahrheit: Sie können mir ruhig glauben. Wir sind alle so in Boulaie-Blanche; und weiß Gott, das ist zu begreifen. Zwei Meilen rund um unsern Hügel giebt's keine gute Erde, nichts als Heidekraut und stachliges Gebüsch auf der einen Seite, nichts als Sand und Steine auf der anderen. Stellenweise kleine dürre Birken, oder auch Fichten, die verkümmern und nicht wachsen wollen. Nicht einmal Kohl gedeiht in unseren Gärten. Wie soll man auf so einer Erde leben? Vielleicht gar von den Unterstützungsfonds, was? Ein schöner Schwindel das! Die geben nichts, oder sie geben es den Reichen. Folglich, da man nicht weit in den Wald hat, fängt man mit dem Wildern an. Manchmal trägt das was ein, aber es gibt da auch eine tote Saison. Ganz zu schweigen von den Wächtern, die einen verfolgen, von den Prozessen und vom Arrest. Mein Gott, Arrest, das geht noch an! Man hat sein Essen, und dann kann man auch Schlingen vorbereiten für die Zeit, wo man wieder loskommt. Ich frage Sie, Herr Präsident, was täten Sie an unserer Stelle? Auswärts arbeiten? Zu den Pächtern in Dienst gehen? Aber wenn jemand sagt er ist aus Boulaie-Blanche, das ist gerade, als ob man aus der Hölle käme. Nun, da muß man wohl stehlen, weil man doch leben muß! Und hat man sich einmal entschlossen zu stehlen, so muß man sich auch entschließen zu morden. Eins geht nicht gut ohne das andere, das ist einmal so. Ich erzähle Ihnen das alles darum, daß Sie wissen, was das heißt Boulaie-Blanche, und daß die Schuld daran größtenteils die Behörden haben, die sich niemals mit uns beschäftigen, und die uns vom Leben abschneiden, als wären wir tolle Hunde oder Pestkranke.

Jetzt will ich zur Sache sprechen.

Ich habe gerade vor einem Jahr geheiratet und meine Frau war schon im ersten Monat schwanger. Ich überlegte. Ein Kind erhalten, wenn man für sich selber nichts zu essen hat, das ist unsinnig. Man muß das aus der Welt schaffen, sagte ich zu meiner Frau. Nun existiert gerade in der Nähe von uns eine alte Landstreicherin, die sich auf derartige Kniffe versteht. Ich gab ihr ein Kaninchen und zwei Hasen, und dafür brachte sie meiner Frau Kräuter und Pulver und mischte daraus wer weiß was für ein Gebräu. Es nützte nichts, gar nichts. Wir versuchten das mehr als zwanzigmal – kein Erfolg. Das alte Weib sagte uns: »Seid unbesorgt, es ist schon tot, ich versichere euch, es wird tot zur Welt kommen.« Und da sie in der Gegend den Ruf einer vielerfahrenen Hexe hatte, war ich weiter nicht beunruhigt und sagte mir: Ganz gut, es wird tot zur Welt kommen. Aber sie hatte gelogen, die alte Schwindlerin, Sie werden schon hören.

Einmal nachts, bei hellem Mondschein, erlegte ich einen Rehbock. Ich ging dann nachhause, den Rehbock auf dem Rücken, ganz zufrieden, denn nicht jede Nacht kann man einen Rehbock erlegen. Es war ungefähr drei Uhr, als ich zuhause ankam. Im Zimmer war Licht. Das nimmt mich wunder; ich klopf' an die Thüre, die immer von innen verriegelt ist, wenn ich nicht zuhause bin. Man öffnet nicht. Ich klopfe noch einmal und stärker. Da hör' ich erst eine Art leises Wimmern, dann einen Fluch, dann einen schleifenden Schritt, der über den Fußboden gleitet. Und was seh' ich? Mein Weib, halb nackt, bleich wie der Tod und ganz mit Blut befleckt. Zuerst dachte ich, man habe sie umbringen wollen, aber sie sagt mir: Nicht so laut, du Tölpel, siehst du denn nicht, daß ich geboren habe? Donnerwetter! Das war jeden Tag zu erwarten und doch, – in dem Moment hab' ich an alles andere eher gedacht. Ich trete ein, werfe den Rehbock in einen Winkel, hänge die Flinte an den Haken und frage meine Frau: »Ist es wenigstens tot?« – »Ah, freilich tot! Da schau her!« Und ich sah auf dem Bett, mitten unter blutigen Fetzen, einen nackten Körper sich winden. Ich schau meine Frau an, meine Frau schaut mich an; fünf Minuten lang blieben wir so, ohne zu reden. Indessen, es galt einen Entschluß fassen.

Hast du geschrien? fragte ich meine Frau. – »Nein.« – Hast du jemanden ums Haus schleichen gehört. – »Nein.« – Warum hast du Licht gemacht? – »Kaum zwei Minuten, bevor du gekommen bist, hab' ich die Kerze angezündet.« – Es ist gut. – Dann pack' ich das Kind bei den Füßen, und versetz' ihm schnell einen kräftigen Hieb auf den Kopf, wie man es bei den Hasen macht. Dann steck' ich es in meine Jagdtasche und nehme mein Gewehr wieder vom Nagel. Sie können mir glauben oder nicht, Herr Präsident, aber ich geb' Ihnen mein Wort, daß ich heute noch nicht weiß, ob es ein Bub oder ein Mädel gewesen ist.

Ich ging nach la Fontaine au Grand-Pierre. Ringsherum bis zum Horizont nur mageres Heidekraut, das zwischen Kieselhaufen hervorwächst, kein Baum, kein Haus in der Nähe, kein Weg, der hier durchführt. Die einzigen lebenden Wesen, die man hie und da sieht, sind weidende Schafe und Hirten. Die kommen aber nur von Zeit zu Zeit, wenn es drüben auf den Wiesen kein Gras mehr gibt. Nahe bei la Fontaine ist ein tiefer Steinbruch, seit Jahrzehnten schon unbenutzt. Buschwerk verhüllt den Blicken die gähnende Tiefe des Schachtes. Dort pflegte ich mein Gewehr zu verstecken, wenn ich glaube, daß Besuch von Gendarmen kommt. Wer traut sich denn an diesen wüsten Ort, wo sogar, wie viele Leute glauben, Gespenster umgehen sollen? Da hatte ich also nichts zu fürchten. Ich warf das Kind in den Steinbruch und hörte noch den dumpfen Ton, als es unten auffiel. Plumps! Die Morgendämmerung kam bleich hinter dem Hügel herauf.

Als ich heimging, bemerkte ich auf dem Weg nach Boulaie-Blanche hinter der Hecke eine graue Gestalt, irgend was, das war, wie der Rücken eines Mannes oder eines Wolfes. Man kann trotz der Angewöhnung im Zwielicht nicht immer deutlich unterscheiden. Die Gestalt glitt lautlos dahin, duckte sich, kroch vorwärts, blieb wieder stehen. He, schrie ich mit starker Stimme, wenn du ein Mensch bist, zeige dich oder ich schieße! »Ah, du bist's, Motteau«, sagte die Gestalt und richtete sich plötzlich auf. – Ja, ich bin's, Mahen, und merk' dir wohl, daß in meinem Flintenlauf immer eine Kugel steckt für die allzu Neugierigen. – »Oh, du mußt nichts Böses denken, ich habe blos meine Schlingen nachgesehen. Aber, weißt du, nicht nur die Rehe blöken, wenn man sie umbringt, nein, auch Feiglinge wie du, elender Lumpenhund!« – Ich legte das Gewehr an, aber, ich weiß nicht warum, ich drückte nicht ab. Ich hatte Unrecht. Am nächsten Tag ging Mahen hin und holte die Gendarmen.

Jetzt, Herr Präsident, hören Sie mir gut zu. Es gibt im Dorf von Boulaie-Blanche dreißig Wohnhäuser, das heißt also dreißig Ehepaare. Haben Sie gezählt, wieviel lebende Kinder in diesen dreißig Wohnhäusern sind? Drei im ganzen. Und die andern, die erstickt, erwürgt, begraben worden sind, die toten? Haben Sie die gezählt? Gehen Sie hin und wühlen Sie die Erde um, im Schatten der mageren Birken, am Fuß der schwachen Fichten. Durchsuchen Sie die Brunnen, heben Sie die Kieselsteine auf, streuen Sie den Sand des Steinbruchs in den Wind! Und in der Erde, unter den Birken und Fichten, auf dem Grunde der Brunnen, zwischen Kieseln und Sand, werden Sie mehr Knochen von Neugeborenen finden, als es Gebeine von erwachsenen Männern und Frauen in den Friedhöfen großer Städte gibt! Gehen Sie in alle diese Häuser und fragen Sie die Männer, junge wie alte, fragen Sie sie, was mit den Kindern geschehen ist, die ihre Frauen im Leib getragen haben, verhören Sie einmal Mahen, Léger, Sorel und alle, alle ...! – Na, also Mahen, du siehst jetzt wohl, daß nicht nur die Rehe blöken, wenn man sie umbringt! ...«

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