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Gutenberg > Octave Mirbeau >

Bauernmoral

Octave Mirbeau: Bauernmoral - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorOctave Mirbeau
titleBauernmoral
publisherWiener Verlag
printrun2. Auflage
year1902
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071208
projectidec3080ac
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Der Gutsbesitzer.

Herr Lechat erwartete mich auf dem Bahnhof. »Ah, endlich, da sind Sie!« schrie er, »Das ist recht.«

»Sie sehen,« sagte ich, »daß ich Wort halte.«

»Bravo! Ich liebe es, wenn man Wort hält. Hierher! Und Ihr Billet? Geben Sie mir Ihr Billet. Vorwärts, steigen wir rasch in den Wagen! Haben Sie Gepäck? Nein, um so besser!«

Herr Lechat faßte mich an einem Flügel meines Überziehers, lief mit mir quer durch den Bahnhof und zog mich so bis zu seiner Victoria, welche mit anderen Wagen auf einem kleinen, mit Akazien bepflanzten Platze stand.

»Steigen Sie ein, steigen Sie ein, Sapristi!« rief er mir zu.

Und zum Kutscher gewendet befahl er: »Du, fahr zu, aber tüchtig! Du weißt, wenn mir einer dieser Schwachköpfe vorfährt, so schmeiß' ich dich hinaus? Zum Schloß, schnell!«

Die Pferde stampften, tänzelten einen Moment auf ihren schlanken Beinen, schnellten die Köpfe in die Höhe und dann flog der Wagen über die Straße hin.

Herr Lechat kniete auf den Kissen und beobachtete, über den Wagenrand gebeugt, aufmerksam die anderen Wagen, welche, einer nach dem anderen, in kleinen Staubwolken hinter uns herkamen.

»Achtung!« sagte er von Zeit zu Zeit zum Kutscher, »Achtung, in Dreiteufels Namen!«

Aber wir fuhren in gestrecktem Galopp; rechts und links schien die Landschaft in tollem Lauf dahinzueilen. Nach einigen Minuten erschienen die anderen Wagen nur noch als kleine, graue Punkte auf der weißen Fläche der Landstraße und selbst die grauen Punkte verschwanden nach und nach.

Herr Lechat setzte sich beruhigt nieder und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.

»Ich will nicht, daß man mir vorfährt,« erklärte er und legte seine breite Hand auf mein Knie. »Ich will es nicht, verstehen Sie das?«

»Meiner Treu,« sagte ich »das versteh' ich!«

»Ah, Sie sind aufrichtig, Sie! Bravo, ich liebe es, wenn man aufrichtig ist! Freilich, da sind zwei oder drei Krautjunker, die nicht einmal zwanzigtausend Franks Rente haben, und die möchten mit meinen Rennern konkurrieren! Schau einmal – du erlaubst doch, nicht wahr? – Schau einmal meine Renner an! Achtzehntausend Franks, mein Lieber, achtzehntausend!«

Er wandte nochmals den Kopf um und da er nichts mehr auf der Landstraße bemerkte, befahl er dem Kutscher, die Pferde langsamer gehen zu lassen. Herr Lechat drückte mein Knie sehr kräftig und begann wieder:

»Hör zu, laß dir erzählen: Vorgestern – aber du bist nicht bös, daß ich dich duze?«

»Keineswegs, im Gegenteil.«

»Bravo, ich liebe es, wenn man sich duzt! Vorgestern fuhr ich von Saint-Gauburge durch den Wald zurück. Der Weg ist eng und hat nur für einen Wagen Platz. Was bemerke ich vierzig Schritte vor mir? Den Herzog von la Ferté. Ein großer Esel! Ich will nicht, daß mir jemand vorfährt, besonders nicht dieser große Esel von einem Herzog. Ich sag also zum Kutscher: Fahr vor, zum Henker! – Es ist kein Platz, antwortet der Kutscher. – So renn' ihn an, und schmeiß' mir den Herzog, den Wagen und die Pferde in den Graben! Ah, das war lustig. Der Kutscher läßt den Pferden die Zügel schießen – krach! Da liegt der Herzog auf der einen Seite, ich auf der andern und der Kutscher zehn Meter weit im Gebüsch. Das war eine Verwirrung! Aber ich verliere den Kopf nicht. Schnell spring' ich auf die Füße, mache die Pferde frei, heb' den Wagen auf und fahre fort, während der Herzog liegen bleibt, alle Viere in der Luft. Ha, ha, ha! So behandle ich sie, diese Herzoge! Na, was sagst du dazu ?«

»Das ist großartig!«

»Nicht wahr? Teufel, das ist nur recht so! Ich habe fünfzehn Millionen, und was hat der Herzog? Kaum zwei armselige Millionen! Und die Schafe, du mußt sehen, wie ich die Schafe überfahre! Ich habe auch schon Rinder überfahren, Rinder von armen Leuten. Was liegt daran? Ich bezahle!«

Herr Lechat rieb sich die Hände.

»Auf diese Art,« fragte ich »müssen Sie ja recht beliebt sein, in Ihrer Gegend?«

»Und ob ich beliebt bin! Du wirst das bei den Wahlen sehen, mein Lieber. Weißt du, wie man mich nennt?« fügte er, sich brüstend, hinzu. »Man nennt mich den Tiger. Das ist fesch, was? Den Tigerrr!«

Und einige Minuten lang versuchte er mit aufgerissenen Augen und geöffneten Lippen, den schwachen Schnurrbart sträubend, eine wütende Tigerkatze auf groteske Weise zu kopieren. Dann sagte er plötzlich zu mir:

»Alles was du da siehst, rechts, links, vor dir, hinter dir, alle diese Felder, alle Häuser, alle Wiesen und drüben diese Wälder, alles das gehört mir. Und dabei siehst du noch gar nichts. Meine Besitzungen erstrecken sich über drei Kreishauptstädte und vierzehn Gemeinden. Ich habe sechshundertsiebenundsiebzig Felder. Übrigens wirst du alles das auf meinem Plan sehen, in der Halle meines Schlosses. Man braucht zweiundzwanzig Stunden, um rings um meine Besitzung herumzufahren, zweiundzwanzig Stunden! Wegen der Umwege nämlich. Du wirst das alles auf dem Plan sehen, es ist großartig! Du wirst auch meine Kühe sehen, meine siebenundfünfzig Kühe, und meine hundertundachtzig normannischen Ochsen, auch meine Fischteiche. Mit einem Wort, du wirst dir alles anschauen. Ah, du wirst dich nicht langweilen!«

Er warf sich auf die Lehne des Wagens zurück, streckte die Beine vor, verschränkte die Arme und betrachtete mit einem seligen Lächeln seine Felder, seine Wiesen, seine Wälder, seine Häuser, die nacheinander an uns vorbeiflogen. Einige Bauern, die uns vorüberfahren sahen, hoben den Kopf, hielten in der Arbeit inne und grüßten sehr devot; aber Lechat achtete gar nicht darauf.

»Sie grüßen niemals?« sagte ich.

»Diese Leute da?« antwortete er mit Verachtung und zuckte die Achseln. »Sehen Sie, das tue ich für sie.« Und mit einem Faustschlag trieb er seinen Hut auf dem Kopfe ein und miaute wild.


Klein, lebhaft, sehr häßlich, verschmitzte Augen und ein ordinärer Mund, – das war das Exterieur des Herrn Théodule Henri Joseph Lechat von der alten Firma Lechat und Co., »Leder und Felle«, renommiert in ganz Westfrankreich. Zur Zeit des Krieges hatte Lechat die geniale Idee gehabt, für die Armee Leder zu fabrizieren – aus Pappendeckel, Lumpen und altem Zunder. Das Resultat war, daß er sich um 1872 von den Geschäften zurückzog, mit dem Kreuz der Ehrenlegion und fünfzehn Millionen Vermögen. Er kaufte die Herrschaft Vauperdu, um sich, wie er stolz sagte, ganz der Landwirtschaft zu widmen.

Die Herrschaft Vauperdu ist eine der schönsten, die es in der Normandie gibt. Außer dem Schloß, einem imposanten Dokument der Baukunst des sechzehnten Jahrhunderts, und den beträchtlichen Flächen von Wald, Weideplätzen und Ackerland, die es umgeben, umfaßt die Besitzung zwanzig Pachthöfe, fünf Mühlen, zwei Forste und ausgedehnte Wiesen. Das ganze wirft einen jährlichen Ertrag von rund viermalhundertfünfzigtausend Franks ab. Nach dem Verkauf seiner Gerbereien und Lederfabriken machte sich Lechat mit seiner Frau in Vauperdu ansässig – mit seiner Frau, die er noch als armer Arbeiter geheiratet hatte, was ihm jetzt furchtbar leid tat. Frau Lechat fehlte es ebenso, wie ihrem Gatten, an Eleganz, Orthographie und gesellschaftlichem Schliff; aber unter der Seidenrobe und dem Modehut, die sie ziemlich ungeschickt trug, war sie die einfache, ehrliche und vernünftige Bäuerin von ehedem geblieben. Lechat, der sich so plötzlich vom Gerber in einen Landwirt verwandelt hatte, ärgerte sich, trotz seiner extrem republikanischen Alluren sehr über die soziale Minderwertigkeit seiner Frau, und es verstimmte ihn, daß sie allzusehr die niedrige Geburt und die Parvenü-Herkunft merken ließ.

Es ist nicht möglich, in irgend einer Gegend einen Grundbesitz zu haben, der viermalhundertfünfzigtausend Franks Rente abwirft, ohne dort zu einer Art Berühmtheit zu werden. Lechat war infolge dessen die bekannteste Persönlichkeit der Umgebung, weil er dort der Reichste war, und es verging wohl keine Minute, ohne daß man, auf zehn Meilen in der Runde, von ihm sprach. Man sagte: »Reich, wie Lechat.« Der Name Lechat diente zu hyperbolischen Vergleichen, zum obligaten Cliché für die Bezeichnung ungeheuerlicher Reichtümer. Lechat entthronte Krösus und nahm die Stelle des Marquis de Carrabas ein. Aber beliebt war er keineswegs, und obwohl die Bauern sich befleißten, ihn ehrerbietigst zu grüßen, machten sie sich doch hinter seinem Rücken über ihn lustig, denn er war grob, sekant, exzentrisch, prahlsüchtig und sehr arrogant; sein familiäres Benehmen und seine gemütlichen Alluren täuschten niemanden. Er hatte eine lärmende und ungeschickte Art, Wohltätigkeit zu üben, welche die Dankbarkeit verstummen ließ; seine Liebeswerke, die nicht imstande waren, den häßlichen Egoismus des Parvenüs zu verdecken, erfüllten die Seelen der Armen mit Haß statt mit Frieden, so sehr kamen sie fortgesetzten Verhöhnungen ihres Elends gleich. Er hatte übrigens dreimal bei den Wahlen kandidiert und hatte dreimal, trotz der Unsumme Geldes, die er darauf verschwendete, nur zirka dreihundert Stimmen von fünfundzwanzigtausend erhalten können. Das waren die Informationen, die ich über Herrn Lechat erhalten hatte, dessen Name in jener Gegend in allen Gesprächen unaufhörlich wiederkehrte.

Eines Tages war ich ihm zufällig begegnet. An jenem Tage ließ mich Lechat nicht mehr los und überhäufte mich mit seinen plumpen Aufmerksamkeiten. Er lud mich nach Vauperdu ein, wo er mir seine landwirtschaftlichen Erfolge zeigen wollte. Da ich Menschenscheu, Hang zur Einsamkeit, Überhäufung mit Arbeit vorschützte, sagte er, mir auf die Schulter klopfend:

»Paperlapapp! Ich sehe schon, was der eigentliche Grund ist. Sie können mir meine Gastfreundschaft nicht mit gleichem vergelten, was? Na, wenn es nichts anderes ist, was Sie stört, so können Sie sich ja einmal revanchieren, indem Sie was über mich in die Zeitung schreiben!«

Dieser Beweis delikatesten Taktes des Herrn Lechat hatte alle meine Bedenken besiegt.

Der Wagen rollte über eine breite Allee prachtvoller Buchen. An ihrem Ende sah man, von der Sonne bestrahlt, das Schloß Vauperdu mit seinen spitzen Dächern und wappengeschmückten Zinnen, mit seiner schönen Façade aus weißem Stein und rosafarbenen Ziegeln.

»Da sind wir nun, mein Lieber,« rief Herr Lechat. »Na also, was sagst du wohl, wie das aussieht, so auf den ersten Blick?«

II.

Ein alter, graubärtiger, gebeugter Mann ging hüstelnd, die Hände auf dem Rücken, auf der Zufahrtsrampe auf und ab. Er stürzte uns entgegen und half dienstfertig Herrn Lechat aus dem Wagen.

»Nun, alter la Fontenelle, hast du den Tierarzt geholt wegen der Kuh?«

»Ja, Herr Lechat.«

»Vor allem nimm deinen Hut ab! Ist das in deinen Kreisen üblich, daß man die Dienstboten lehrt, mit bedecktem Kopf zu ihrem Herrn zu sprechen? So ist's recht.... Nun, was hat der Tierarzt gesagt?«

»Er hat gesagt, daß man die Kuh vernichten muß, Herr Lechat.«

»Er ist ein Trottel, dein Tierarzt. Eine Kuh vernichten, die fünfhundert Franks gekostet hat! Du wirst so gut sein, mein lieber la Fontenelle, und wirst die Kuh selber, hörst du? selber zum Bader von Saint-Michel führen. Und zwar sofort. Vorwärts, hoppla, Herr Graf!«

Der alte Mann grüßte und entfernte sich. Da rief ihn Lechat mit einem Pfiff zurück, wie man die Hunde ruft.

»Ich erlaube dir schon,« sagte er, »daß du deinen Hut wieder aufsetzt und selbst deine Krone, wenn du sie nicht mit dem übrigen Plunder verkauft hast. Jetzt fahr' ab!«

Und dieser Spaßvogel von Lechat erklärte mir, daß der alte Mann sein Verwalter sei und eigentlich Graf von la Fontenelle heiße; er habe ihn aus dem tiefsten Elend und der bittersten Armut zu sich genommen, um ihn vor Not zu schützen.

»Ja, mein Lieber,« schloß er, »das ist ein Adeliger, ein Graf! Da siehst du, was ich aus diesen Grafen mache! Ha, der Adel kann bei mir etwas erleben! Und doch verdankt er mir seine Existenz, dieser Grandseigneur, was? ... Komm hinein.«

Das Vestibule war ungeheuer groß: Eine prächtige Treppe, geschmückt mit einer Balustrade aus Eichenholz, führte in die oberen Stockwerke hinauf. Türen öffneten sich auf weite Zimmerfluchten, in denen man Möbel, mit Schutzdecken überzogen, und Lüster, von Gazestoff umhüllt, sehen konnte. Gegenüber der Eingangstür bedeckte der Plan der Besitzung, eine riesige, in grellen Farben gezeichnete Karte, die ganze Wandfläche.

»Siehst du,« sagte mir Lechat, »das ist mein Plan. Meine Felder, meine Forste, da siehst du sie, als ob du darin spazieren gingest. Diese roten Quadrate da, das sind meine zwanzig Pachthöfe. Vertreib' dir die Zeit mit dem Anschauen, inzwischen will ich meine Frau benachrichtigen. Genier' dich nicht, weißt du, schau' dir alles an. Willst du deinen Hut ablegen? Dorten rechts ist der Kleiderständer. Genier' dich nicht! .... Hör' einmal, du mußt dir nicht einbilden, daß meine Frau so ist, wie die Pariser Damen. Ich mache dich aufmerksam, daß sie eine Bäuerin ist und nicht viel Umgang hat. Sie schadet mir sehr damit, nein, es ist schrecklich, wie sie mir schadet! Na, jetzt ist's schon einmal geschehen. Siehst du das Schwarze da? Das ist meine Brennerei. Willst du dich setzen? Genier' dich nicht!«

Ringsherum waren wenig Möbel: große Mahogonischränke, Tische, Rohrstühle, kleine Ledersessel und einige Jagdgemälde. Aber auf den Schranken, auf den Tischen, über den Bildern, überall waren ausgestopfte Vögel in theatralischen Posen angebracht. Um den Hals hatten sie kupferne Täfelchen mit eingravierten Inschriften, wie zum Beispiel:

Königs-Reiher
erlegt von
Herrn Théodule Lechat,
Besitzer der Herrschaft Vauperdu,
Auf seiner Wiese in Valdieu
Am 25. September 1880.

Ich bemerkte auch in einer marmornen Jardinière, am Fuße eines großen Spiegels, Holzschuhe, Pantoffel, Galoschen und einen ganzen Wirrwarr bizarrer und häßlicher Dinge.

Lechat kam gleich mit seiner Frau zurück. Sie war eine kleine, dicke, freundlich lächelnde Person, die schon mehr rollte, als sie ging. Ihre Augen waren nicht ohne Klugheit und Offenherzigkeit. Sie trug eine riesige Haube, mit ganzen Büscheln von Blumen, und die breiten Bänder wehten an ihren Schultern wie Flügeln. Frau Lechat machte zwei Knickse und sagte mir mit etwas heiserer Stimme:

»Sehr liebenswürdig, mein Herr, sehr liebenswürdig, daß Sie uns besucht haben. Lechat hat Ihnen wahrscheinlich einen Haufen Geschichten erzählt, nicht wahr? Aber Sie müssen nicht darauf achtgeben, was er sagt. Es gibt keinen größeren Aufschneider, keinen größeren Spaßvogel. Das schadet ihm, wenn man ihn nicht kennt, denn im Grunde ist er viel weniger schlecht, als er scheint. Es ist seine Manie, so ins Blaue hineinzureden. Mein Gott, er weiß nicht mehr, was er alles erfinden soll. Wenn es ihn packt, da legt er los und hört nicht mehr auf.«

Lechat schüttelte den Kopf, zuckte die Achseln und sah mich augenzwickernd an, ohne Zweifel, um mir anzudeuten, daß ich auf das Geschwätz seiner Frau nicht hören sollte.

»Sie haben da,« sagte ich zu Frau Lechat, um die Konversation auf ein anderes Gebiet zu lenken, »Sie haben da eine herrliche Besitzung.«

Frau Lechat seufzte.

»Das ist zu groß, wissen Sie. Ich kann mich nicht an so große Gebäude gewöhnen. Man verliert sich darin. Und dann, das kostet soviel Geld, sehen Sie. Lechat hat sich's in den Kopf gesetzt, Landwirtschaft zu treiben, aber er persönlich will nichts angreifen. Da kommen alle Tage neue Erfindungen, Dampfmaschinen, Experimente. Ah, das Geld fliegt nur so weg bei alledem, es ist gar nicht zum sagen. Ich weiß wohl, daß das Getreide nicht gut geht, die Leute wollen es nicht kaufen, und es ist gar nicht vorteilhaft, es anzubauen. Aber da bildet sich Lechat ein, anstatt dessen Reis auszusäen! Er sagt: Das wächst ganz gut in China, warum soll es nicht auch bei mir wachsen? Natürlich ist das absolut nicht gewachsen! Und mit allem ist es dieselbe Sache.«

Ein Diener trat ein.

»Na also, mein Junge, ist das Dejeuner fertig?« fragte sie.

Sie wandte sich sofort wieder zu mir und sagte: »Sie müssen Hunger haben, da Sie seit heute morgens unterwegs sind. Weiß Gott, bei uns, da ißt man, was einem Gott beschert – wie sich's gerade trifft! Wenn man reich ist, so ist das noch kein Grund, nur Trüffeln zu essen und alles aufs Essen hinauszuwerfen. Gehen wir speisen! Sag' einmal, unser Gast trinkt doch Apfelwein?«

»Gewiß trinkt er Apfelwein!« bestätigte Lechat mit Entschiedenheit und zog mich in den Speisesaal, indem er mir ganz leise ins Ohr flüsterte:

»Gieb nicht acht auf die Gute, sie hat keine Lebensart. Wie sie mir damit schadet!«

Das Dejeuner war greulich. Es setzte sich eigentlich nur aus sonderbar hergerichteten Resten zusammen. Mir fiel besonders ein Gericht auf, bestehend aus kleinen Stücken einstmals gebratenen Rindfleisches, Kalbfleisch, das früher in Sauce gewesen war, Hühnern, die aus irgend einem alten Frikassé stammen mußten. Das alles schwamm in einem Tümpel von Sauerampfersauce, die mir schon das Äußerste an unqualifizierbarem Gebräu zu sein schien. Fünf oder sechs fast schon geleerte Weinflaschen standen auf dem Tisch vor Lechat, der sie von Zeit zu Zeit in mein Glas austropfen ließ. Dabei betonte er jedesmal ausdrücklich, daß er seinen feinen Wein nur am Sonntag entkorke und an Wochentagen ausschließlich dann, wenn Gesellschaft da sei.

Betäubt von dem, was ich seit einer Stunde hörte und sah, wußte ich wahrhaftig nicht, welche Haltung ich einnehmen sollte. Vor diesen zwei armseligen Leuten, welche infolge einer aufreizenden Ironie des Schicksals sich in den Millionenreichtum verirrt hatten, ergriff mich eine große Melancholie, und gleichzeitig stieg mir der Ekel vor dem bösartigen und unreinlichen Reichtum auf. Dazu kam noch das bittere Gefühl der Sinnlosigkeit alles Strebens nach menschlicher Gerechtigkeit, der Sinnlosigkeit des Fortschrittes und der sozialen Revolutionen, die kein anderes Resultat hatten, als: Lechat, und die fünfzehn Millionen von Lechat! Also darum, daß sich Lechat stumpfsinnig in dem gestohlenen, unreinen Gold wälzen könne, darum haben die Menschen jahrhundertelang Ideen in alle Winde gestreut, darum fiel blutiger Tau von den hohen Schaffotten auf die alte, erschöpfte, unfruchtbare Erde nieder! Und durch das offene Fenster des Speisesaales, das die Fernsicht der sanft gewellten Rasen und die dunkle Masse der Wälder wie ein Bild umrahmte, glaubte ich von allen Punkten des Horizontes lange Züge von Verfluchten, Elenden und Enterbten herankommen zu sehen, die sich an den Mauern des Schlosses Vauperdu die Glieder zerbrachen und den Schädel zerschmetterten. Ich blieb schweigsam, kein Wort kam über meine Lippen.

Plötzlich schrie Lechat:

»Wenn ich Deputierter bin! ... Ja, wenn ich Deputierter bin!« Er ließ diesen Gedanken ausklingen, indem er die Gabel über dem Kopfe schwang. Seine Frau sah ihn bedauernd an und zuckte wiederholt die Achseln.

»Wenn du Deputierter bist!« wiederholte sie. »Du und Deputierter! Ja freilich, Deputierter! Da bist du viel zu dumm dazu.«

Sie rief mich als Zeugen an.

»Ich frage Sie, Herr ...., ist es vernünftig, solche Sachen zu reden? Wie sie ihn da sehen, hat er dreimal kandidiert. Und dreimal hat er nicht mehr als dreihundert Stimmen bekommen können. Ich würde mich an seiner Stelle schämen, gewiß! Und wissen Sie, was diese dreihundert Stimmen uns gekostet haben? Sechsmalhunderttausend Franks, lieber Herr, so wahr als diese Flasche hier steht! Oh, ich habe alles ausgerechnet! Sechsmalhunderttausend Franks und keinen Sou weniger! Das heißt also, jede Stimme kostet uns durchschnittlich zweitausend Franks. Und er will noch immer kandidieren! Sehen Sie, Sie würden gewiß nicht draufkommen, was er bei der letzten Feier des 14. Juli als sogenannte patriotische Manifestation ausgeheckt hat. Also, er ließ alle Baumstämme der Avenue in den Farben der Trikolore bemalen!«

Lechat lächelte, rieb sich die Hände, schien ganz glücklich darüber zu sein, daß man von einer seiner Großtaten erzählte, einer jener erhabenen Ideen, wie sie zeitweilig seinem Kopfe entsprangen. Er sah mich an, als wollte er in meinen Blicken begeisterte Zustimmung lesen.

»Das war ein Streich, was?« sagte er zu mir. »Aber was verstehen Frauen davon, wie man dem Volke als Beispiel vorangehen muß. Hör' einmal, mein Lieber, diesmal dringe ich durch, und das darf mich keinen Centime kosten. Ich habe einen Kriegsplan, du wirst schon sehen! Ich kandidiere als landwirtschaftlicher Sozialist, als Mann der radikalen Landwirtschaft. Keine Armee, keine Justiz, keine Steuereinnehmer, das blas' ich alles weg! Keine Armen mehr, alle sind Besitzende! Du wirst ja mein Programm sehen, später, wenn die Wahlen kommen! Das wird aber den Geistlichen in die Nase steigen! Es gibt natürlich auch keine Geistlichen mehr, das hätte ich beinahe vergessen. Denn die haben, mich verhindert, durchzudringen, weil ich ein Freidenker bin, ich, weil ich ihren lieben Gott nicht fresse! Ah, über meine Taktik werden sie nicht lachen, die Pfaffen!«

Bei diesem Wort geriet Madame Lechat in Zorn, und schrie:

»Schweig! Ich verbiete dir, die Priester so zu nennen und in meiner Gegenwart über die Religion zu schimpfen! Mein Gott, er ist ja ärger als ein kleines Kind! Glauben Sie nicht, Herr ..., daß er irreligiös ist, aber wenn er eine Gesellschaft hat, da überkommt es ihn, da muß er groß tun. Aber wenn ihm das Geringste wehtut, dann ist er gleich außer sich, und schnell, schnell muß der Priester kommen. Wenn es nach ihm ginge, wäre der arme Pfarrer fortwährend bei uns, um ihn zu versehen.«

Um die Verlegenheit über die Vorwürfe seiner Frau zu verbergen, trommelte Lechat auf den Rand seines Tellers, verfolgte eine Fliege am Plafond und pfiff nachlässig vor sich hin. Dann räusperte er sich und schlug plötzlich ein anderes Thema an.

»Schade,« sagte er mir, »daß du nicht vor vierzehn Tagen aufs Schloß gekommen bist. Da habe ich Cancan getanzt. Das hättest du sehen sollen, wie ich Cancan tanze! Wie in Paris, mein Lieber!«

Und er wackelte auf seinem Sessel hin und her, und warf seine Arme in grotesken Bewegungen nach vorne.

»Ah, du hast's notwendig, dir darauf noch was zugute zu tun!« seufzte Frau Lechat. »Denn du mit deinem Cancan bist schuld daran, daß wir unsere Hemden nicht haben. Urteilen Sie selbst, Herr .... Jeden Monat empfangen wir die Herrschaften aus der Stadt. Sehr liebenswürdige Herren und ihre Damen. Besonders Herr Gatinel, der Hypothekenamtsvorsteher, ist sehr lustig. Das muß man sagen, er weiß eine Gesellschaft zu unterhalten. Stellen Sie sich vor, er spielt Klavier mit den Füßen, mit der Nase, mit allem Möglichen, und er spielt es sehr gut. Ich amüsiere mich sehr über Gatinel, und alles, was er sagt, ist so komisch! Also vor vierzehn Tagen waren die Herren mit ihren Damen wieder da. Nach dem Diner begann man zu tanzen – das war so eine Idee, die plötzlich auftauchte. Es war sehr heiß, wenn Sie sich noch erinnern, und, weiß Gott, die Leute schwitzten, – das war schon schrecklich anzusehen, wie sie schwitzten! Man hatte zwar die Fenster aufgemacht, aber es ging ein heftiger Sturm draußen. Und dann war es auch wegen des Tanzens. Das war übrigens sehr nett. Wenn man sich gut unterhält, nicht wahr, so fliegt die Zeit nur so hin und man vergißt auf alles. Wir hatten auch richtig auf die Abfahrt des Zuges vergessen. Ich dachte mir: mein Gott, jetzt muß man allen diesen Leuten hier Nachtquartier geben, das ist keine Kleinigkeit. Wenn man auch viele Zimmer hat, so ist oft nicht genug Bettwäsche da, und Bettwäsche für sechzehn Personen, das kann einem Kopfzerbrechen machen! Aber schließlich gelang es schlecht und recht, die Leute unterzubringen. Nur, stellen Sie sich vor, das war noch nicht alles. Man brauchte auch Hemden für alle diese Menschen, denn ihre eigenen Hemden waren wirklich so naß, so naß, daß man hätte glauben können, sie kämen gerade aus der Wäsche. Lechat lieh also den Herren von den seinigen, ich den Damen von den meinigen. Die ihrigen ließ ich über Nacht in der Ofenröhre trocknen und dachte mir, sie würden sie am nächsten Tag wieder anziehen können. Am nächsten Tag waren die Hemden auch richtig trocken; aber schmutzig, das hätten Sie sehen sollen, schmutzig und ganz zerknittert, wahre Fetzen! Es war undenkbar, undenkbar ...! Also lieh Lechat den Herren wieder Taghemden, und nun reiste die Gesellschaft in bester Stimmung ab. Nun also, mein lieber Herr, seitdem sind vierzehn Tage verflossen, und sie behalten uns noch immer unsere Hemden zurück! Sagen Sie, was Sie wollen, ich für meinen Teil finde das undelikat. Wenn man auch noch so gut mit Weißwäsche versehen ist, so machen doch sechzehn Hemden etwas aus in einer Ausstattung ...«

Das Dejeuner war zu Ende, die Tafel wurde aufgehoben. Lechat ergriff meinen Arm und zog mich mit sich fort, um mir, wie er sagte, seinen landwirtschaftlichen Betrieb zu zeigen. Wir machten uns also auf den Weg.

Von der Gegenwart seiner Frau befreit, zeigte sich Lechat wieder heiter, lebhaft, geschwätzig und prahlerischer als je. Er bat mich inständigst, nicht ein Wort von dem zu glauben, was sie während des Dejeuners erzählt hatte, und versicherte mir auf Ehrenwort, daß er Freidenker sei, weder an Gott noch an den Teufel glaube, und daß ihm trotz seiner sozialistischen Gesinnung das Volk im Grunde herzlich gleichgültig sei. Er vertraute mir auch an, daß er in der Stadt eine Maitresse habe, die ihn sehr viel Geld koste, und daß alle schönen Mädchen der Gegend in ihn verrückt seien.

»Oh, die arme Frau,« schloß er »wie ich sie betrüge! Wie ich die Frauen alle betrüge!«

Wir besuchten die Hürden, die Stallungen, den Hühnerhof, er erließ mir keine Kuh und keine Henne, nannte mir den Namen jedes Tieres, seinen Preis, seine Hauptvorzüge. Als wir durch den Park gingen, hatte er die Güte, mir mitzuteilen, daß er zwölftausend hochstämmige Eichen, sechsunddreißigtausend Tannen und fünfundzwanzigtausendneunhundertzweiundsiebzig Buchen besitze. Kastanien aber hatte er so viel, daß er ihre genaue Ziffer unmöglich wissen konnte. Endlich kamen wir auf das freie Feld hinaus.

Eine große Ebene dehnte sich vor uns hin, kahl, ohne Grashalm, ohne Baum. Die Erde, so glatt wie eine Straße, war sorgfältig geeggt und mit der Walze wieder geebnet worden. Der Wind wirbelte auf ihr Staubwolken empor, die sich in gelblichen Spiralen drehten und in der Sonne zerflatterten. Ich war erstaunt, mitten im August kein Kornfeld und keinen Kleeacker zu sehen.

»Das sind meine Reservefelder,« sagte mir Lechat. »Ich will dir das erklären. Verstehst du, ich bin kein gewöhnlicher Ackerbauer, ich bin ein Agronom. Begreifst du den Unterschied? Das will sagen, ich betreibe die Landwirtschaft als intelligenter Mensch, als Denker, als Ökonom, und nicht als Bauer. Nun also: Ich habe bemerkt, daß alle Leute Getreide, Gerste, Hafer, Runkelrüben anbauen. Was für ein Verdienst ist da dabei und schließlich, unter uns, was bringt es ein? Und dann, das Getreide, die Runkelrüben, Gerste, Hafer, das ist alles ganz veraltet und abgebraucht. Man muß etwas anderes finden. Der Fortschritt ist unaufhaltsam, und wenn alle anderen zurückbleiben, so ist das noch kein Grund, daß ich, Lechat, Schloßherr von Vauperdu, Besitzer von fünfzehn Millionen, sozialistischer Agronom, auch zurückbleibe. Man muß mit seiner Zeit gehen, Donnerwetter! Da habe ich denn eine neue Art der Bebauung eingeführt; ich säe Reis, Tee, Kaffee, Zuckerrohr. Welche Umwälzung! Bist du dir auch klar über alle Konsequenzen? Mir scheint, du begreifst es nicht. Mit meinem System mache ich die Kolonien ganz überflüssig, und gleichzeitig schaffe ich den Krieg aus der Welt! Du bist starr, was? Dir wäre so etwas nie eingefallen? Man braucht nicht mehr ans Ende der Welt zu laufen, um diese Produkte zu holen. Von nun ab findet man sie bei mir. Vauperdu, das sind unsere wahren Kolonien! Da ist Indien, da ist China, Afrika, Tonking! Allerdings, das muß ich gestehen, es wächst noch nichts. Nein. Man sagt mir, das Klima taugt nicht. Geschwätz! Das Klima hat mit der Sache nichts zu tun. Der Dünger ist es, darin liegt alles! Ich brauche einen neuen Dünger und ich suche ihn. Ich habe einen Chemiker engagirt, für den ich drüben hinter dem Wald einen Pavillon und ein Laboratorium bauen ließ; der sucht nun schon seit drei Jahren. Er hat noch nichts gefunden, aber er wird finden. Also alles, was du da siehst, ist Reis, lauter Reis. Aber ich glaube eins: nämlich, daß die Vögel der Getreidekörner, die sie schon seit so langer Zeit fressen, überdrüssig sind, und sich auf den Reis geworfen und kein einziges Korn davon übrig gelassen haben. Das glaube ich. Darum lasse ich sie auch alle umbringen. Schau dich nur um, es gibt keinen Vogel mehr auf meiner Besitzung. Ich war schlau, ich zahle zwei Sous für einen getöteten Spatzen, drei Sous für einen Grünling, fünf Sous für eine Grasmücke, zehn Sous für eine Nachtigall, fünfzehn Sous für einen Finken. Im Frühjahr gebe ich zwanzig Sous für ein Nest mit den Eiern. Sie werden mir von zehn Meilen ringsum und weiter hergebracht. Wenn das sich so herumredet, werde ich in ein paar Jahren alle Vögel Frankreichs vernichtet haben. Komm' weiter, ich will dir jetzt etwas Merkwürdiges zeigen.«

Er ging, seinen Spazierstock in der Luft herumwirbelnd, mit großen Schritten, durch die Reisfelder, bückte sich manchmal, um einen Halm auszureißen, warf ihn wieder weg, nachdem er ihn besehen hatte, und sagte: »Nein, das ist Gras.«

Nach einem Marsch von einer Stunde auf der staubigen heißen Erde kamen wir vor ein großes sattgrünes Feld, das vom Rande der Landstraße her bis zum Waldessaume sanft anstieg. Ich blieb erstarrt stehen, wie die Personen in den klassischen Tragödien. Von dem Grund aus hellerem Schneckenklee hoben sich, in dnnkelvioletten Kleeblüten klar gezeichnet, alle Buchstaben ab, welche zusammen den Namen bildeten: Théodule Lechat. Der Name war auf der grünen Fläche nicht nur deutlich lesbar, sondern geradezu lebendig. Ein leichter Wind schaukelte die Spitzen der Pflanzen, warf sie in Wellen, wie flutendes Wasser, vergrößerte, verkleinerte die Buchstaben des Namens je nach seiner Richtung und Stärke. Lechat betrachtete strahlenden Gesichtes seinen Namen, der auf diesem Meer glänzend grüner Blüten zitterte, tanzte, hinundwiederlief. Mit Hochgenuß sah er diesen zauberhaften Namen unter freiem Himmel breit hingeschrieben, unaufhörlich den Blicken der Passanten ausgesetzt, die zweifellos vor diesem Namen stehen blieben, ihn buchstabierten und ihn mit einer Art geheimnisvoller Furcht aussprachen .... Entzückt und begeistert murmelte er, jede Silbe betonend, leise vor sich hin: »Théodule Lechat! Théodule Lechat!«

Strahlend vor Freude und Triumph wandte er sich zu mir und sagte:

»Das ist eine Idee, was? Stelle dir vor, ich ließ einen berühmten Gärtner aus Paris kommen, um das Feld so zu bebauen? denn hier bei uns, das kannst du dir ja vorstellen, ist keiner imstande, so etwas durchzuführen. Das ist schmeichelhaft, was, seinen Namen auf diese Art hingeschrieben zu sehen. Wer das anschaut, sagt sich sofort: Das kann doch wenigstens kein Lumpenkerl sein, der Mensch da. Und dann, wenn ein jeder sein Feld mit seiner Unterschrift versehen wollte, so gäbe es keine Anfechtungen des Grundbesitzes mehr. Ah, ich habe auch andere Ideen, die noch glänzender sind. Komm' einmal da her!«


Wir gingen längs des Kleefeldes hin und kamen durch einen Schlag junger Kastanienbäume in den Wald. Als wir einen breiten Weg erreichten, der wie eine Parkallee gerecht war, kam uns ein armes Weib entgegen, dessen Rücken sich unter der Last eines Reisigbündels bog. Zwei kleine Kinder, barfuß und in Lumpen, begleiteten sie. Lechat wurde purpurrot, eine Flamme der Wut sprühte aus seinen Augen, mit hocherhobenem Stock stürzte er auf die arme Frau los.

»Bettlerin, Diebin,« schrie er, »was machst du hier auf meinem Grund? Ich will nicht, daß man mein Reisig aufklaubt, ich will es nicht, elende Landstreicherin! Vorwärts, wirf das Holz weg! Willst du wohl mein Holz wegwerfen, wenn ich es befehle!«

Er packte das Reisigbündel bei dem Strang, der es zusammenhielt, und riß so heftig daran herum, daß die Frau mitsamt dem Holz auf die Straße hinrollte.

»Und wer hat dir erlaubt, meine Alleen mit deinen schmutzigen Füßen zu betreten, sag'? Glaubst du vielleicht, für dich lasse ich sie rechen, meine Alleen, was? Wirst du antworten, wenn ich zu dir spreche!«

Die Frau, die noch immer auf der Erde lag, wimmerte: »Mein guter Herr, ich tue kein Unrecht gegen Sie. Ich habe immer das Holz zusammengeklaubt. Und aus Barmherzigkeit hat niemand was dagegen gehabt. Wir sind so unglücklich!«

»Niemand hat was dagegen?« erwiderte wütend der Schloßherr und schwang seinen Stock. »Bin ich vielleicht niemand? Ich bin Herr Lechat, verstehst du, Herr Lechat von Vauperdu. Da, du Diebin! Da, du Bettlerin! Da hast du!«

Der Stock fiel ein paarmal auf die alte Holzklauberin nieder, die sich unter Tränen wehrte und um Hilfe schrie, während die kleinen Kinder in ihrem Schreck ohrenzerreißend kreischten. Unter Seufzern und Gestöhne hörte man die Alte sagen:

»Au, au! Sie haben nicht das Recht, mich zu schlagen, Sie schlechter Mensch, Sie! Au, au! Ich werde Sie vom Friedensrichter verurteilen lassen. Au! Au! Ich werde es den Gendarmen sagen ...«

Bei diesem Wort: Gendarmen, hielt Lechat plötzlich inne. Sein blutunterlaufenes Auge nahm einen Ausdruck jähen Schreckens an, sein eben noch purpurn gerötetes Gesicht erbleichte auf einmal. Er zog ein Goldstück aus seinem Portemonnaie und drückte es mit einer fast flehenden Geberde der Alten in die Hand.

»Da sind zwanzig Franks, arme Frau,« sagte er. »Du siehst wohl, zwanzig Franks. Ha, das ist ein schönes Geld, zwanzig Franks, was? Und dann, weißt du, du kannst Holz aufklauben, so viel du willst. Du hast es gesehen, nicht wahr? Es sind zwanzig Franks! Wenn du nichts mehr davon hast, komm' nur zu mir und verlange wieder. Adieu, auf Wiedersehen!«

Wir gingen ins Schloß zurück, ohne miteinander zu sprechen.

Die Stunde der Abreise kam. Als ich in den Wagen stieg, sagte mir Lechat:

»Du hast das alte Weib im Wald gesehen, was? Nun also, ihr Mann, das ist wieder eine Stimme mehr für mich bei den Wahlen. Was willst du haben? Heutzutage muß man wohl das Volk korrumpieren.«

Und mit einem widerlich grinsenden Lächeln, das seine Zähne entblößte, fügte er hinzu:

»Und es prügeln!«

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