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Bauern, Bonzen und Bomben

Hans Fallada: Bauern, Bonzen und Bomben - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorHans Fallada
titleBauern, Bonzen und Bomben
publisherRowohlt
year1970
isbn3499106515
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150405
projectida9d0209c
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Drittes Kapitel
Die erste Bombe

1

Das Allerheiligste des Regierungspräsidenten Temborius ist ein langer, dunkel getäfelter Raum. Immer ist dort das Licht gedämpft. Die mit Wappenschildern und bunten Putten gezierten Scheiben schwächen den hellsten Sommertag.

Dieser von der Gunst seiner Partei, ein wenig Verwaltungskenntnis und viel Beziehungen emporgetragene Beamte liebt nicht das Laute. Leises, Gedämpftes, Halbhelles liegt in seinem Wesen. Leise, gedämpft, halbhell hat der Genosse Temborius die Geschicke seines Bezirkes verwaltet und leise, gedämpft und halblaut ist auch die Unterhaltung zwischen ihm, dem Kommandierenden der Schutzpolizei und dem Geheimen Finanzrat Andersson. Irgendwo in einem dunkelsten Winkel notiert ein kleiner fetter Assessor die Bemerkungen der drei Herren, für einen Aktenvermerk, zur Sicherung seines Vorgesetzten.

»Bedauerlich bleibt«, flüstert der leise Provinzialvertreter des Ministers des Innern, »bedauerlich bleibt, daß die Staatsanwaltschaft in solcher Kürze nicht erreichbar war. Der Fall Gramzow ist kein beliebiger Fall, er ist ein Signum.«

Polizeioberst Senkpiel sehnt sich nach einer Zigarre. »Jetzt muß eben durchgegriffen werden.«

»Wenn die Bilder halten, was Gareis versprach, wird man endlich einmal die Unruhestifter kennen.«

»Aus einem Orte. Die Bewegung ist längst nicht mehr lokal.«

»Eben! Man wird sehen, ob Emissäre anderer Ortschaften dabei waren.«

»Meine Herren ...« Der Präsident setzt an, stockt, bricht ab. Von neuem, mit einem irritierten Rucken der Schultern: »Die Meinung der Staatsanwaltschaft wäre mir außerordentlich wertvoll gewesen.«

»Es ist alles im klaren«, tröstet Geheimrat Andersson. »Wenn die Täter auf den Bildern erkenntlich sind, wird es hohe Gefängnisstrafen setzen.«

Temborius bleibt mißvergnügt: »Und wird es helfen? Wird es die andern schrecken?«

Der Oberst betrachtet den Geheimrat, der Geheimrat den Oberst.

Dann wenden die beiden Herren die Köpfe und starren in die Ecke, wo der gänzlich bedeutungslose Assessor sitzt.

Der Oberst spricht zuerst: »Schrecken? Man sollte es denken. Wenn die Kerle ein halbes Jahr oder ein Jahr brummen, werden sie schon zur Besinnung kommen.«

Der Präsident hebt seine Hand, eine schmale, knochige, langfingrige Hand mit dicken Adern: »Sie sagen: Ja. Aber ist es wirklich Ja? Meine Herren, ich muß Ihnen gestehen, ich halte diese Bewegung für sehr gefährlich, für äußerst gefährlich, für viel gefährlicher als KPD und NSDAP. Das Schlimmste, was geschehen kann, geschieht: der Verwaltungsapparat kommt ins Stocken. Ich sage Ihnen, ich sehe den Tag, da es unmöglich sein wird, das flache Land zu verwalten.«

Die Herren sind bestürzt: »Herr Präsident.«

»Bitte! Unsere Gemeindevorsteher waren nie sehr gut Kaum einer hat sich auch früher um Fristen im Dienstverkehr gekümmert Der Amtsverkehr lief stets nur zögernd. Heute ist aus Zögern passiver Widerstand geworden. Akten bleiben wochenlang auf den Dörfern. Mahnungen sind zwecklos, verhängte Geldstrafen nur im Zwangsvollstreckungswege –«

Er bricht ab.

Von neuem: »Es gibt im Bezirk schon reichlich zwei Dutzend Gemeindevorsteher, die Steuerbescheide an ihre Gemeindemitglieder nicht zustellen, nein, zurückschicken. Da ungerecht. Hören Sie, da ungerecht! Die Mithilfe der Gemeindevorsteher bei Vollstreckungen fällt ganz fort, siehe Gramzow. Und die Bewegung greift um sich. Die Maschine knarrt, stockt. Und daß es gerade mein Bezirk sein muß –!«

»Der Minister weiß, was er an Ihnen hat«, sagt Andersson.

»Nein, nein, auch der Minister ... Ich habe den Eindruck, daß man in Berlin sehr unzufrieden mit der hiesigen Entwicklung ist.«

Der Oberst sagt: »Das Bild wird mit einem Schlage anders, sobald die Leute vom passiven zum aktiven Widerstand übergehen. Gramzow war der erste Fehler der Bauern. Wir werden – lassen die Bilder den Täter erkennen – heute noch hart zufassen. Das wird andere Fehler der Bauern verursachen. Geben Sie mir die Erlaubnis, meine Leute einzusetzen. Zusammenstöße werden nicht ausbleiben, und wo erst Zusammenstöße sind, da ist unser Sieg gewiß.«

»Sie sind ein Optimist, Senkpiel«, bemerkt Temborius. »Nichts ungewisser als der Ausgang eines derartigen Prozesses. – Die Staatsanwaltschaft fehlt heute hier.«

»Nichts gewisser«, betont der Oberst »Wenn die Bilder gut sind.«

»Die Bilder machen es nicht allein. Auch die beiden Beamten des Finanzamtes werden auszusagen haben. Sind Sie deren sicher, Herr Kollege?«

Andersson verzieht das Gesicht. »Richtig. Richtig. Ich habe da heute früh etwas von Berg in Altholm gehört, was mich verblüfft hat. In Altholm kursiert das Gerücht, daß Kalübbe – Sie erinnern sich, jener tüchtige Beamte, der seinen Ochsen nach Lohstedt brachte –, daß also Kalübbe strafversetzt werden soll. Daß der andere, Thiel, der nur aushilfsweise bei uns beschäftigt war, fristlos entlassen worden sei.«

Der Regierungspräsident bewegt die Schultern: »Was ist das nun wieder?«

Andersson strafft sich: »Jedenfalls keine Bauern. Es ist kein Zweifel, daß andere Leute ihre Finger in diesem Spiel haben. Ich vermute –« geheimnisvoll, vor gespannten Gesichtern – »Berlin. Diese Karte ist fabelhaft geschickt gespielt. Mein Kollege Berg versichert mir, daß Kalübbe vollständig verändert ist, nichts mit ihm aufzustellen. Eine in Aussicht gestellte Beförderung nahm er mit Skepsis auf, zweiflerisch, kurz, glaubte sie einfach nicht.«

»Aber warum befördert man ihn nicht gleich!« ruft der Regierungspräsident aus.

»Jetzt, vor dem Prozeß?« gibt Andersson zu bedenken.

»Erlauben Sie«, sagt der Polizeioberst eifrig. »Ich erinnere mich, seinerzeit beförderten Majestät einen Wachtposten, der Leute, die ihn geneckt, erschossen hatte, sofort zum Gefreiten.«

Ein ungemütliches Schweigen entsteht. Diesmal tauschen Andersson und Temborius Blicke, während der Oberst sich mehrere Male kräftig räuspert.

»Immerhin«, sagt kühl der Finanzrat, »eine Beförderung im Moment ist ausgeschlossen. Auch wenn der Beamte nicht mit der Freudigkeit aussagen sollte, die erwünscht ist. Für viel bedenklicher halte ich es übrigens, daß der andere, Thiel, völlig verschwunden ist.«

»Verschwunden? Wie denn verschwunden? Man verschwindet doch nicht! Er wird doch eine Wohnung haben? Eltern?«

»Er wohnte möbliert. Die Sachen sind noch dort. Er bleibt, trotz unauffälligen Forschens der Kriminalpolizei, verschwunden.«

Der Oberst will die Scharte wieder auswetzen: »Nach ihm zu forschen ist vielleicht nicht richtig. Man suche den Mann, der dies Gerücht aufgebracht hat. Es ist doch nur ein Gerücht?«

»Gerücht ...« sagt Andersson gereizt. »Nun ja. Es ist natürlich untersucht worden, ob die beiden nicht ihre Befugnisse übertreten haben, als sie die Ochsen statt nach Haselhorst nach Lohstedt brachten. Jedenfalls werden wir bei der jetzigen Sachlage weder strafversetzen noch entlassen.«

Der Oberst triumphiert: »Dacht ich mir! Es haben also doch Erwägungen geschwebt ... Suchen Sie die Leute, die nicht dichthielten.«

Das Telefon schrillt.

Temborius dreht sich um. »Herr Assessor Meier, wollen Sie sehen. Ich habe ausdrücklich verboten, daß ich jetzt angerufen werde. Stellen Sie fest, wer mein Verbot übertreten hat.«

Der Assessor geht an den Apparat. Die drei Herren sprechen nicht. Irgend etwas hängt in der Luft. Sie starren gespannt auf den Assessor, der hört, ein »Ja« sagt, wieder hört, ein »Nein« spricht, immer noch hört ...

Der Regierungspräsident: »Bitte, Herr Assessor ...«

Der Assessor hält, durch die Weite des Zimmers, dem Präsidenten den Hörer hin. Er sieht etwas weiß aus, auf seiner Stirn stehen Schweißtropfen. »Ich glaube ...« flüstert er, »... es scheint sehr wichtig ... Sie selber ...«

Irgendwie bezwungen erhebt sich Temborius. Er geht zum Apparat, vor sich hinmurmelnd: »Was ist denn das nun wieder?« Den Hörer in der Hand: »Ja, hier Regierungspräsident Temborius ... ja doch, ich selbst ... wer ist denn dort?« Ganz ungeduldig: »Was wollen Sie denn, Mann?!«

Eine Männerstimme sagt im Apparat: »Soeben hat der Bilderverkäufer Tredup mit Polizeioberinspektor Frerksen das Haus betreten. In fünf Minuten fliegt das Regierungspräsidium in die Luft.«

2

Der lange, dürre, trockene, leise, bürokratische Herr, den Hörer in der Hand, plötzlich brüllt er, mit schreiender Stimme: »Was? Was?! Mein Herr, Ihre Witze ...« Und flehend: »Wer ist denn dort? Sagen Sie mir doch wenigstens Ihren Namen? Wer?«

Er läßt den Hörer sinken, stiert die Herren an: »Was sagen Sie nun? Was in aller Welt sagen Sie nun? In fünf Minuten fliegt das Regierungspräsidium in die Luft«

»Ein Bluff«, sagt der Oberst, schreitet auf den Apparat zu und nimmt dem Präsidenten den Hörer formlos aus der Hand. »Fräulein! Fräulein! Sofort die Schupokaserne! Wer dort? Oberleutnant Wrede? Äh, Kamerad, umgehend alle Mannschaften, alle, zum Regierungspräsidium. Ich erwarte Sie an der Auffahrt. Überfall! – Fräulein, schnellstens alle Büros anrufen: sämtliche Personen haben sofort das Präsidium zu verlassen. Sofort. Ihre Kollegin sucht unterdes festzustellen, von wo der Anruf eben kam. – Nicht wahr, Sie haben mitgehört? Sie wissen Bescheid. Ich dachte mir das schon.«

Er läßt den Hörer sinken. Lächelt: »So, meine Herren, noch vier Minuten. Aber ich sage Ihnen: Bluff!«

»Aber das ist Wahnsinn«, schreit Temborius. »Wie kann man wagen ...?«

Die Tür öffnet sich. Hinter Polizeioberinspektor Frerksen betritt in seinen zerdrückten Kleidern, blaß und beklommen, Tredup das Zimmer. Frerksen grüßt militärisch: »Zur Stelle, Herr Regierungspräsident«

Der zwinkert mit den Augen: »Von Altholm? Wegen der Bilder?«

Frerksen bejaht mit einem Nicken.

Der Präsident flüstert: »Das ist Ihr Bürgermeister! Das ist der Gareis, der uns dies eingebrockt hat! Sie Mensch mit Ihren unseligen Bildern! Machen Sie, daß Sie ...«

Andersson greift ein. »Herr Präsident, darf ich vielleicht –? Sie entschuldigen ...« Zu den ganz Verblüfften gewendet: »Das Regierungspräsidium fliegt nämlich in drei Minuten in die Luft ... Sie sehen uns etwas erregt ...«

Wieder der Präsident: »Meine Herren, Sie entschuldigen mich. Da sind wichtige Papiere, Staatsdokumente ... Ich muß erst ... Herr Assessor Meier, ich bevollmächtige Sie ... Sie werden kaufen, die Belohnung geben ... meine Herren, Dokumente ...«

Eine dunkle Flügeltür schließt sich lautlos.

Der Oberst sagt eilig: »Also, Herr Assessor, jetzt sind Sie der Mann an der Spritze. Sie entschuldigen mich. Ich muß zu meinen Mannschaften.«

Und der Polizeioberinspektor Frerksen: »Herr Kamerad, wenn Sie gestatten. Die Lösung dieser polizeitaktischen Aufgabe interessiert mich ...«

Und Andersson: »Da Sie Vollmacht haben, bin ich hier überflüssig. Auf Wiedersehen.«

Sein Abgang ist eilig.

In dem Riesenzimmer stehen zwei: Assessor Meier, klein, bleich, sehr jüdisch, etwas schwitzend. Tredup, langschinkig, blaß, schmuddelig, unrasiert.

Der Assessor mustert den an der Tür: »Haben Sie eigentlich Angst?« fragt er.

»Ich möchte mein Geld«, sagt Tredup unberührt von allem. »Hier sind die Bilder.«

Er zieht sie aus der Brusttasche, wickelt sie aus, hält sie dem Assessor hin, in jeder Hand eines.

Der Assessor wirft einen flüchtigen Blick darauf, sieht Männer, etwas Rauch, ein langer, glattrasierter, scharffaltiger Bauer schürt Feuer.

»Gut, legen Sie dort hin. Haben Sie eigentlich keine Angst?«

»Erst das Geld. – Übrigens sind Sie ja auch noch hier.«

»Richtig. War das nicht –?« Er horcht nach dem Fenster. Draußen Trillerpfeifen, Gerenne, etwas wie das vielstimmige Brausen einer Menge. »Wissen Sie was, holen Sie sich Ihr Geld morgen.«

Tredup beharrt: »Nein. Jetzt.«

Und der Assessor eilig: »Wir sind vermutlich die beiden einzigen Menschen im Bau. Woher soll ich Geld kriegen?«

Tredup schlägt vor: »Wenn wir zur Kasse gingen?«

Und der Assessor Meier: »Muß es sein?«

»Natürlich. Ohne Geld keine Bilder.«

»Also gehen wir.«

Er geht vorauf, klein, etwas schiefbeinig, plattfüßig, aber er geht. Auf den Gängen stehen alle Türen auf, von einem Stuhl sind eilig abgelegte Akten hinuntergeglitten. Mitten auf dem Gang liegt eine Puderquaste. Die Paternosteraufzüge bewegen sich gespenstisch.

Der Assessor zögert. »Nein, wir nehmen lieber die Treppe. Hat der Kerl eine Bombe gelegt, so sicher in den Fahrstuhlschacht. – Na, das ist auch Unsinn. Explodiert es, sind wir so und so hin. Kommen Sie man.«

Im Erdgeschoß, die Eisentür zur Kasse steht angelehnt. Sie treten ein. Der Assessor murmelt: »Toll ist das.«

Der große Kassenschrank steht ellenweit offen. Der fahrbare Kassentisch hinter der Schranke sperrt sein Gitter auf. Geldpakete häufen sich dort.

»Also bitte«, sagt der Assessor. »Bedienen Sie sich. Aber wenn Sie es möglich machen können, ein bißchen rasch.«

Tredup blickt fragend: »Soll ich selbst –?«

Ungeduldig: »Ja, nur zu, Mann! Glauben Sie, ich bin ein Held?«

Und Tredup: »Wenn Sie gestatten, nehme ich es in Zehnmarkscheinen.«

Assessor Meier stöhnt: »Auch das noch!«

Und Tredup: »Es fällt beim Ausgeben weniger auf.«

»Stimmt. Falls Sie noch zum Ausgeben kommen.«

Tredup zählt ab, langsam und sorgfältig. Es geht nicht sehr rasch, aber schließlich ist er bei tausend.

»Aber nun kommen Sie auch, Mensch.«

»Wollen Sie keine Quittung?«

»Nein, kommen Sie schon.«

 

Das Regierungspräsidium ist von der Polizei abgeriegelt. An den Enden des Marktplatzes, fern, wogt die Menge.

Auf den Granitstufen der Freitreppe erscheinen nebeneinander zwei Gestalten und überschreiten langsam, unter dem atemlosen Schweigen der Menge, den Marktplatz.

Oberst Senkpiel tritt ihnen mit erhobener Uhr entgegen: »Was habe ich Ihnen gesagt, meine Herren? Zwölf Minuten! Kindischer Bluff!«

Assessor Meier schüttelt dem Annoncenakquisiteur der Chronik die Hand: »Es hat mich sehr gefreut. Wenn Sie mich einmal brauchen können, kommen Sie ruhig zu mir.«

Er hat seinen Chef erspäht und steuert auf ihn los.

Auch Tredup drängt sich in die Menge. Etwas fällt ihm ein. Er schiebt sich zurück, erreicht nach Verhandeln, daß er durch die Sperrkette gelassen wird.

Dort steht Assessor Meier, im Kreise von sechs, acht Herren. Tredup legt ihm die Hand auf die Schulter: »Entschuldigen Sie, Herr Assessor. Aber wir haben die Bilder ganz vergessen. Hier sind sie.«

Und der Regierungspräsident, entsetzt: »Aber Herr Assessor, ich verstehe Sie einfach nicht! Wenn man nur einmal was nicht selbst macht ...«

3

Auf der Straße von Stolpe nach Gramzow fährt durch den hellen Sommervormittag ein Motorrad. Georg Henning steuert es, der Vertreter aus Berlin in Melkmaschinen und Zentrifugen. Siebzig Kilometer Fahrt hat er darauf und die Aufgabe dazu, schneller zu sein als ein Telefongespräch, das in jeder Minute die Verhaftung des Gemeindevorstehers Reimers dem Landjäger in Haselhorst anbefehlen kann.

Aber er rechnet mit der Verwirrung in Stolpe, er hofft, rechtzeitig bei Reimers zu sein. Er ist immer rechtzeitig gewesen in solchen Fällen.

Die Straße hebt sich, senkt sich, hebt sich. Eine Kurve. Und wieder: auf – ab – auf. Knicks. Felder. Wiesen. Weiden. Ein paar Bäume. Eine Ecke Wald. Felder. Ein Dorf. Und wieder freie Fahrt.

Unklar denkt Henning: »Das Leben läßt sich gut an. Ich fühle mich.«

Haselhorst!

Er weiß nicht, in welchem Hause der Oberlandjäger wohnt, aber er hält scharf Ausschau nach dem Schild mit dem gerupften Geier. Vielleicht sieht er ihn. Alles ist still im Dorf, kaum ein Mensch zu sehen, auch der Bahnhof liegt ausgestorben.

»Treffe ich den Gendarm auf seiner Tretkarre kurz vor Gramzow, rassele ich ihn einfach über einen Haufen«, denkt Henning. »Franz Reimers muß Zeit haben, Sachen zu packen, sich mit Geld zu versorgen, Papiere zu zerreißen.«

Etwas später: »Sachen packen kann fortfallen. – Den Stuff muß ich am Abend unbedingt noch erwischen. – Und dann zur Bauernschaft. Die sind bis acht oder neun auf der Redaktion. Dann zum Thiel. Na, ihr werdet staunen heute nacht, ihr Stolper!«

Die ersten Häuser Gramzows tauchten vor ihm auf. Im Vorbeisausen schaut er in die Hecken, in den Graben, ob dort noch Stroh hängt. Kaum noch etwas zu sehen. Helleres Gras ist nachgewachsen, wo das Strohfeuer sengte. »Hier nahm es seinen Anfang. Wartet, ihr Bonzen, ich will euch schon ...«

Endlich der Hof. Er lehnt das Rad gegen das Stallgebäude, springt eilig die Stufen zum Haus empor. Im dunklen Vorraum prallt aufkreischend eine Magd zurück. »Sachte, Marie«, ruft er, faßt sie um und drückt ihr einen Kuß auf.

Dann klopft er kurz und tritt in die Stube des Bauern.

Es ist nicht mehr die Vorkriegsstube mit Mahagonimöbeln, Säulchen und Muschelaufsatz und einem spiegelgeschmückten Vertiko. Es ist das Bauernzimmer aus der Inflationszeit. Schwere moderne Möbel mit unruhigen Maserungen, große Klubsessel, ein Ledersofa, ein Schreibtisch, eine Bibliothek, aus deren Mittelabteil ein Gewehrschrank wurde.

Der Bauer sitzt in seinem großen Schreibtischstuhl und raucht nach dem Mittagessen langsam seine Zigarre. Vor ihm steht Kaffee und Kognak.

Er grüßt: »Tag, Georg.«

»Tag, Franz. Ah, du hast Kaffee. Laß mir auch eine Tasse geben. Und wenn du noch Mittagessen hast ...«

Der Bauer geht hinaus und sagt Bescheid. Die Tasse bringt er selbst mit. »Da. Misch dir, wie du magst.« Und während Henning die Mischung vollzieht: »Es läßt sich gut an, in diesem Jahr zur Heuernte.«

»Ach leck! Es läßt sich schlecht an in diesem Jahr mit dem Melkmaschinengeschäft. – Übrigens wirst du heute noch verhaftet.«

Der Bauer sieht auf seine Zigarre: »Wegen der Ochsen?«

»Ja, wegen der.«

»Also hat das Aas von der Chronik doch Bilder gemacht?«

»Hat er«, bestätigt Henning.

»Man hätte mehr Geld bieten müssen.«

»Weiß ich. Aber auf Stottern hätt er die Bilder nicht verkauft.«

»Immer das Geld. Wir wären zehnmal weiter ... na ja ...« Der Bauer geht auf und ab, auf und ab. Raucht. Die Magd kommt, stellt auf den Schreibtisch das Essen, verschwindet.

Henning beginnt zu essen, langsam, mit Genuß. Einmal steht er auf, holt sich selbst aus der Küche Senf, man hört draußen die Mägde juchzen.

Der Bauer geht auf und ab.

Schließlich ist Henning fertig, er gießt sich noch einen Kaffee ein, trinkt, brennt eine Zigarette an. »Willst du eigentlich nicht packen, Franz?«

»Nein.«

»Oder für Geld sorgen? Oder Papiere verbrennen?«

»Bei mir können die immer kommen.«

»Richtig.«

»Wieso weißt du es überhaupt und wieso sind die noch nicht da?«

»Als ich heute nacht von dir fortfuhr, fing es wieder an zu bohren: doch hat er Bilder. Gleich heute früh rief ich den Stuff an, der hatte den Tredup nicht gesehen.«

»Laß dich nicht mit dem Stuff ein.«

»Ich erzähle ihm schon nichts, was er nicht wissen darf. – Dann überlege ich mir: wer kann die Bilder kaufen? Die Staatsanwaltschaft gibt kein Geld, die ladet einfach als Zeugen vor. Der rote Gareis von Altholm, der darf nicht so mit dem Geld, wie er möchte. Dem schauen die Bürgerlichen zu sehr auf die Finger. Bleibt der Wallach in Stolpe.

Ich nach Stolpe. Richtig, kurz nach zwölf kommen sie angerasselt. Weißt du, der hochnäsige Frerksen, der sich von der Klippschule zum Oberinspektor raufgeleckt hat. Und der Tredup. Der Tredup sieht mich noch, wie ich grade um die Ecke will.«

»Paß auf, daß du nicht verhaftet wirst.«

»Morgen sicher. Heute nacht steigt eine ganz große Sache. Aber morgen bin ich weg. – Ich warte fünf Minuten, dann klingle ich den Temborius an. Von so 'nem Automaten im Postamt. Erst sollte ich ihn nicht kriegen, aber dann sagte ich, sein Leben wäre bedroht, und da bekam ich ihn.«

»Und was sagtest du?«

»Machte gehorsamst Meldung, daß sein Bildlieferant und sein Polizeikater gekommen seien, antichambrierten ...«

»Und?«

»Und daß in fünf Minuten die Bude in die Luft fliegen würde. Du, ich sage dir, ich habe ihn schnaufen hören durch den Draht. Ich hab's gerochen, wie sich seine Hosen füllten.«

»Und dann?«

»Na, als ich die Maschine zu dir startete, zog grade die gesamte Schupo aus.«

»Nicht schlecht. Aber es gibt wieder Krakeel in den Zeitungen, und du weißt, diese Art Krakeel wollen die Bauern nicht.«

»In den Zeitungen? Ich fresse einen Besen, daß in den Zeitungen höchstens fünf Zeilen davon stehen. Etwa so, daß sich ein Witzbold einen Scherz hat ... Oder nein, daß das Ganze nur eine Übung war für den Fall eines Falles ...«

»Möglich. Aber nimm dich in acht, Georg, laß diese Dinger. Wir haben eine gute Sache, wir wollen keinen Klamauk.«

»Ihr nicht. Aber glaub's schon, Franz, es geht nicht ganz ohne Klamauk.« Hastig, als der andere unterbrechen will: »Keiner von euch soll damit zu tun haben. Niemand soll etwas wissen. Ich mach es allein.«

Pause. Dann: »Und noch ein paar. Ganz allein funkt es nicht. Aber du wirst sie nie kennen.«

Der Bauer steht da: »Vielleicht hast du recht. Ich bitte dich nicht, ich hindere dich nicht. Aber ...« Mit erhobener Stimme: »Liegst du im Dreck, ich hebe dich nicht auf. Keiner von uns soll dir helfen. Es geht um die Sache.«

Henning sagt trocken: »Ich habe nie einen um Hilfe gebeten. Wenn einmal einer über mir lag, habe ich eben meine Dresche bezogen. Erledigt. – Wann türmst du?«

»Ich reiße nicht aus.«

»Du hast es bequem. Ich fahre dich mit meiner Karre nach Stolpermünde. Du fährst acht Wochen, ein Vierteljahr auf einem Fischkutter als Fischerknecht. Dann ist soviel geschehen, daß du zurückkommen kannst.«

»Aber ich darf nicht verschwinden. Die Bewegung braucht mich.«

»Nutzt du ihr im Kittchen?«

»Viel. Mehr vielleicht, als wenn ich draußen bin. Ich will dir etwas sagen: mich verhaftet heute kein Landjäger. Heute kommt die Schupo selbst. Sorge, daß die Bauern Bescheid wissen. Telefoniere von den umliegenden Dörfern heran, was Beine hat. Sag den Sendboten Bescheid, daß sie es im Bezirk erfahren. Oh, Georg, wenn sie mich fesseln würden, wenn sie mich in Ketten ins Auto schaffen würden! Einen Fotografen her und Bilder in die nächste Ausgabe der Bauernschaft!«

»Du hast recht. Nach heute mittag kommt die Schupo selbst.«

Der Bauer denkt nach: »Ich werde hier im Zimmer sitzen und Gewehre putzen. Vielleicht schicken sie einen jungen Leutnant, der wird gleich wild, wenn er sieht: andere haben auch Waffen. Die von der Schupo haben heute alle deswegen einen Fimmel. Wild müssen sie werden! Du weißt es nicht, wie schwer es ist, die Bauern in Gang zu bringen. Sie knirschen mit den Zähnen, wenn ihnen der Hof Stück bei Stück aus der Hand gewunden wird, aber sie ducken sich. Das ist die Obrigkeit, das liegt ihnen im Blute. Aber wenn so was kommt, dann wirkt es vielleicht doch ...«

»Ob es wirkt!«

»Noch eins, Georg. Sprich heute mit dem Rehder aus Karolinenhorst, der wird mein Nachfolger in der Führung. Laß am Sonntag Burschen aus vier, fünf Dörfern durchs Land reiten, die den Rechtsbruch kundtun. Den Wortlaut setzt dir der Padberg von der Bauernschaft auf. Sie sollen Things einberufen und eine große Protestversammlung nach Altholm. Vor dem Gefängnis müßt ihr demonstrieren. Ich werde euch hören in meiner Zelle.«

»Alles wird geschehen.«

»Und vergiß nicht, laß Geld sammeln. Wir brauchen Geld. Die Bauernschaft muß zu einem Notopfer aufrufen. Ich muß den ersten Verteidiger von der Welt haben. Es muß ein politischer Prozeß werden.«

»Ich weiß einen. Ich werde in Berlin anfragen.«

»Den ersten! Georg, ich sage dir, wenn sie mit Schupo kommen, wenn sie mich in Ketten legen, wenn sie mich schlagen: es wird der schönste Tag meines Lebens!«

4

Henning hat nur die Verhaftung von Reimers abgewartet. Dann ist er nach Altholm gefahren, um Stuff zu sprechen.

Als er dort ankommt, ist es dunkel geworden, aber er findet Stuff rasch. Altholm hat vierzig bis fünfzig Kneipen, in einer von ihnen wird Stuff schon sitzen. Er findet ihn in der dritten.

Stuff ist trübe und wortkarg. Henning hat ihm von Tredup erzählt, aber Stuff scheint heute nichts zu stören. Er trinkt hastig und Henning hat das Gefühl, als höre er nicht recht zu. Die Ereignisse in Stolpe quittiert er nur mit den Worten: »Fauler Witz!« Er fragt ungeduldig: »Sonst noch was?«

Henning beginnt neu. Erzählt von der Verhaftung von Reimers. »Ich habe nicht selbst dabei sein dürfen, ich sollte mich nicht sehen lassen, aber ich habe vom Knick aus beobachtet, hinterher die Leute befragt und die Frau Reimers.«

»Na, was war das schon groß! Eine gewöhnliche Verhaftung! Und zu Recht.«

»Erlauben Sie mal: zu Recht! Besteht denn Fluchtverdacht?«

»Verdunklungsgefahr.«

»Wo die Bilder vorliegen! Was ist denn da zu verdunkeln? – Aber egal.« Henning lenkt ein. »Wozu sollen wir uns streiten? – Kurz nach sechs kamen sie, zwei von der Kriminalpolizei und ein Lastauto mit Schupo. Solch ein Aufgebot! Die Regierung macht sich ja lächerlich! Um einen Mann. Na, ich hatte vorgesorgt. Die Dorfstraße war gleich voll von Leuten. Und immerzu kamen noch frische.«

»Also nicht um einen Mann.«

»Aber ich bitte Sie! Das sind doch friedliche Bauern. Die sehen zu, da hebt nicht einer die Hand. – Die Schupo zog eine Kette um den Hof. Ein halb Dutzend gingen in das Haus mit dem Offizier und der Schmiere.«

»Welcher Offizier?«

»Ja, denken Sie, wir hatten gehofft, es würde ein Leutnant kommen. Da war es Oberst Senkpiel selbst – Das andere weiß ich von der Frau und den Leuten. Die kommen ins Zimmer, da steht Franz, der Reimers, am Tisch und hat ein Gewehr in der Hand. Und fünf Gewehre liegen vor ihm auf dem Tisch. Es fuhr ihnen nicht schlecht in die Knochen. Die jungen Kerls griffen gleich nach ihrer Kanone und die Kripo nahm Deckung hinter dem Ofen.«

»Keiner läßt sich gern die Knochen zerschießen.«

»Sechs gegen einen!«

»Ändert das was? Und?«

»Der Oberst blieb ruhig. Er machte einen Witz und setzte sich in den Sessel. Reimers nahm ihm den Sessel weg, weil er ihn nicht zum Sitzen gebeten hatte, und verlangte, alle hätten die Hüte und Mützen abzunehmen in seinem Zimmer.«

»So ein Quatsch. Soldaten und Mützen abnehmen!«

»Grade darum. – Na, der Oberst wurde auch so langsam warm und die Kripo wollte erst einmal den Waffenschein für die vielen Waffen sehen. Der Reimers sagt:

›Den hat der Franz.‹

›Wer ist der Franz?‹ fragen die.

›Das ist mein Sekretär‹, antwortet Reimers.

Er soll ihn rufen. Aber er kann ihn nur selber holen. Das wollten sie nicht, haben Angst, daß er türmt, sie wollen ihn holen.

›Wo der Franz ist?‹

›Auf dem Boden.‹

›Auf welchem Boden? Auf dem Futterboden?‹

›Nein, auf dem Hausboden.‹

›Ob er ihn nicht rufen kann?‹

›Wenn sie meinen, daß es Zweck hat, kann er das.‹

›Ja, er soll es nur tun.‹

Alle gehen auf den Vorplatz und da steht der Reimers und brüllt auf den Boden: ›Der Franz soll runter kommen. Die Polizei will es.‹ Na, nichts rührt sich. Reimers brüllt und brüllt, hat dabei immer noch seine Knarre im Arm, aber nichts rührt sich.

›Ob der Franz vielleicht schläft?‹

Und Reimers: Das weiß er nicht, ob der Franz schläft oder ob er wach ist.

Sie wollen einen rauf schicken. Welche Tür es ist?

›Die geradezu, wenn man auf den Boden kommt.‹

Ein Schupo turnt rauf und kriecht rum und kommt wieder: vor der Tür wäre ein Vorhängeschloß. Und der Reimers tut mächtig erstaunt, ob sie das denn nicht gewußt hätten, Böden ließe man doch überall nicht so offenstehen.

Nun merken sie doch, daß er sie zum Narren hat und die Mädchen in der Küche, die den Bauern haben ›Franz‹ schreien hören, lachen auch so laut. Sie gehen wieder mit ihm in die Stube und fragen grob und kurz, was das für ein Franz ist, den er da unter Verschluß hat.

›Nun, meinen Sekretär Franz.‹

›Wieso? Man schließt doch keine Menschen ein?‹

›Wohl, das tut man auch. Darum sind sie doch grade hier, die Herren.‹

›Ob er hier Gefangene hält?‹

›Gefangene? Kann man auch einen Sekretär gefangennehmen, einen Schreibsekretär? Einen rotgestrichenen? Den er schon seit eh und je Franz genannt hat?‹

Und das ist wahr. Der Reimers hat Namen für seine Anzüge, für seine Möbel, für seine Ackerwagen und für jedes Gerät, das wissen alle.«

»Ein blöder Witz! Wenn die Bauern damit was werden wollen!«

»Sie meckern heute immerzu. Aber es macht Ihnen doch Spaß, Sie haben mich eben reden und reden lassen.«

»Spaß? Wo Sie sich nun mal an meinen Tisch gesetzt haben und nicht fortgehen wollen?«

»Sie können sich denken, wie wild die waren. Zwei Mann müssen vortreten und nehmen ihm die Büchse ab. Und die andern müssen die Verschlüsse zusammensetzen, die er grade auseinandergenommen und geölt hat. Und drei Mann müssen mit ihm auf den Boden und schauen ihm über die Schulter, wie er den ganzen Sekretär umdreht Schublade für Schublade. Bis ihm einfällt, daß er den Waffenschein doch unten hat, in seinem Schreibtisch.

Da erklären sie ihm dann, der Waffenschein interessiert sie nicht mehr. Die Waffen sind sowieso beschlagnahmt. Netter Rechtsbruch, was?«

»Sie sind ein Äffchen«, sagt Stuff.

»Na ja, so sagt man doch. Ein Rechtsbruch ist es jedenfalls. Und dann fangen sie mit der Vernehmung an und wollen wissen, wer die Strohfuhre gefahren hat Und er antwortet ihnen, da sollen sie sich an den Otsche wenden. Nun, sie sind ja mißtrauisch geworden, der Otsche interessiert sie nicht, er soll erzählen, was er weiß. Und er sagt: ›Nein, sie sollen erzählen, was sie wissen, dann wird er sagen, was stimmt.‹ Nun, das wollen sie auch wieder nicht. Und nun sagen sie ihm, daß er verhaftet ist, daß er mitkommen soll. Und er sagt:

›Gleich kann ich nicht. Ich muß erst meine Umsatzsteuererklärung schreiben. Und die Gemeindekasse muß auch übergeben werden.‹

Und sie werden immer wilder. Und das ganze Dorf ist schwarz von Leuten und auf der Koppel parken schon Autos und Fotografen machen Aufnahmen. Und Reimers sitzt in seinem Schreibtischsessel und rührt sich nicht. Er solle ihnen die Kasse übergeben. – Das will er nicht. Es ist schon mehr Geld weggekommen. Und ob sie nicht von den Unterschlagungen gehört haben bei der Reichswehr und der Schupo und von den Munitionsschiebungen und all dem Dreck?«

»Na und –?«

»Ja, nun müssen Sie sich das so denken. Ich sehe das alles vor mir. Ich bin nicht dabei gewesen, aber so sehe ich es. Da stehen nun die Schupowachtmeister an der Wand lang und an der Tür, mit dem Gummiknüppel in der Hand und die Pistolentasche schon aufgeknöpft. Und die Kripo steht da und der Herr Oberst Senkpiel und sie kochen vor Wut. Und wenn sie ihn allein gehabt hätten, ich sage Ihnen, kein Knochen wäre in seinem Leibe heil geblieben. Aber draußen stehen Hunderte von Bauern ...«

»Fünfzig.«

»Hunderte und aber Hunderte. Keine Frau, nur Männer. Keine Frau haben die Bauern auf die Straße gelassen. Ohne ein Wort, stumm. Und die Kette von dreißig Schupos. Und drinnen sitzt der eine, einzige Mann und zieht sie seit einer Stunde durch den Kakao und sie sind wehrlos.«

»Hübsche Phantasie, die Sie haben. Aber Schupo und Kripo sind so was gewöhnt, das trifft jeder Ganove.«

»Gekocht haben sie vor Wut. Schwarzblau angelaufen war der Oberst.

›Kommen Sie mit!‹

›Rufen Sie meinen Stellvertreter an, daß ich die Kasse übergeben kann!‹

›Mitkommen sollen Sie! Wenn Sie jetzt nicht aufstehen, müssen wir Sie mit Gewalt transportieren.‹

Und drei Mann stellen sich zu ihm, zwei an seinen Seiten, einer im Rücken.«

»Und ist er gegangen?«

»Da spielt der Reimers einen Trumpf aus. Er kommt gutwillig mit, aber erst will er den Verhaftbefehl sehen. Und nun die Riesenblamage: die Kripo hat sich auf den Oberst verlassen und der Oberst hat sich auf die Kripo verlassen und alle haben keinen roten Schein.

Und sie kriegen das Streiten miteinander und die jungen Kerls, die Schupos, die sind kreideweiß gewesen vor Wut, und der Reimers hat in seinem Schreibtischsessel gehockt und hat die Beine angezogen und hat mit den Händen geklatscht und hat Ksst! Ksst! gemacht, um sie aufeinander zu hetzen und hat sich ausgeschüttet vor Lachen.«

»Na und? Haben sie ihn mitgenommen?«

»Sie sind gleich still geworden und der Oberst hat gesagt, es ist egal. Die Verhaftung ist rechtsgültig und er hat mitzukommen.

Und er hat geantwortet, er weiß auch, was Recht im deutschen Land ist und er kann seinen Verhaftbefehl verlangen. Und wenn sie etwas verbockt haben, dann müssen sie es eben machen wie die ganz gewöhnlichen Zivilisten und müssen noch mal gehen nach dem Wort: was man nicht im Kopf hat, das muß man in den Beinen haben.

Und der Oberst hat angefangen zu toben: er soll mitkommen. – Ohne Verhaftbefehl kommt er nicht. – Und sie haben ihn aufgefordert, zweimal, dreimal, aber er ist nicht aufgestanden. Da haben sie zugefaßt und haben ihn hochgerissen.

Und er hat geschrien – und ich sage Ihnen, es ist mir draußen am Knick durch Mark und Bein gegangen – da hat er geschrien: ›Wehe Recht in deutschen Landen! Wehe Recht!‹ Und dann haben sie ihm die Handfessel angelegt und haben ihn an der Kette geführt zu den Autos.

Reimers ist gutwillig mit ihnen gegangen durch die Bauernmassen durch.

Und kein Mensch hat ein Wort gesprochen, aber die Hüte haben sie abgerissen vor ihm. Und dann haben sie ihn fortgebracht.«

»Und dann? Und Sie?«

»Ich? Dann bin ich hierher gefahren und habe Ihnen dies alles erzählt und habe keinen Dank, scheint's, dafür geerntet.«

»Dank? Sie kommen doch nicht um Dank. Sie kommen, weil Sie was wollen. – Aber das ist egal. Nur eine Frage: wäre es nicht schlauer gewesen, Sie wären hinter der Schupo dreingefahren und hätten aufgepaßt, ob die ihn nicht an einer hübschen dunklen Stelle so solo ein bißchen vertrimmt haben?«

Henning ist blaß geworden. Er beugt sich über den Tisch und sein Gesicht ist Falten und Falten: »Gott verdamme mich!« knirscht er. »Gott verdamme mich und meine Alten. Die Krätze soll ich kriegen und das große S, daß ich daran nicht gedacht habe!«

»Sie sind jung«, sagt Stuff und ist plötzlich alt und weise. »Sie denken, es sind alles Husarenstückchen. Auch in dieser Branche muß gearbeitet und nachgedacht werden, so ein bißchen Tollkühnheit, das ist Mist. Alles, was Sie heute gemacht haben, ist Mist. Ihr Reimers ist schon nicht schlecht, da gehört etwas zu, solchen Haß, wie der im Bauch hat, und bezähmt sich eine Stunde und macht sie toben und bleibt kalt. Ich möchte ihn nicht heulen hören heute nacht in seiner Zelle vor Scham, daß er den Affen die Fresse nicht lackiert hat. – Nein, Ihr Reimers ist schon gut, aber Sie haben Mist gemacht.«

»Es war gut, daß ich den Präsidenten anrief. Hätte er sonst Zeit gehabt zur Vorbereitung?«

»Was braucht so ein Mann für Vorbereitung? Der hat seinen Haß immer auf Lager. – Und Mist ist es auch, daß Sie zu mir gefahren sind. Was soll ich mit den Geschichten? Das sind Bauerngeschichten, keine Sachen für Städter.«

»Ich dachte«, sagt leise Henning, »Sie würden heute nacht noch mit mir nach Stolpe fahren. Wir haben da eine Besprechung mit der Redaktion der Bauernschaft.«

»Was gehen mich die Revolverjournalisten von der Bauernschaft an! Altholm ist eine Industriestadt! Bringen Sie mir Material gegen die Roten, gut!«

»Aber dies ist Material gegen die Roten!«

»Mist! Dies ist gegen die Regierung, gegen die Staatsautorität. Glauben Sie, meine Abonnenten lesen gern, daß das Haus, in dem sie sitzen, gleich einstürzen wird? Sie haben mir mal was gesagt von Oberschlesien und dem Baltikum, aber Sie sind ...«

Stuff besinnt sich: »Also, Sie haben gedacht, Sie können mich vorspannen. Ich will Ihnen was sagen! Ich werde Sie vorspannen, wenn ich Sie brauchen kann. Damit werde ich Ihnen auch 'nen Dienst tun. Und nun für heute atjüs. Ich sehe, Sie haben noch 'ne Masse vor. Wenn Sie zehn Gramm Vernunft im Hirn hätten, würde ich Ihnen sagen: fassen Sie heute nichts an, Sie haben heute keinen guten Tag. Aber Sie werden heute noch mehr Mist machen.«

Henning verbeugt sich und geht aus der Gaststube.

Stuff sieht ihm trübe nach, trinkt hastig ein Glas Bier und einen Schnaps und beginnt zu schreiben: »Unglaubliche Blamage der Regierung. – Die Bombe im Präsidium. – Polizei verhaftet ohne Haftbefehl.«

Er schreibt und schreibt.

»Für die Provinz ist das nicht zu brauchen«, denkt er. »Aber Berlin nimmt es schon. Hundert Mark bringt das mindestens. Netter Junge, dieser Henning, er kann so bleiben. Na, ich will den Salm erst mal telefonisch durchgeben auf die Nachtredaktionen.«

5

In dieser Nacht kommt die Wirtschafterin des Regierungspräsidenten Temborius erst gegen halb eins nach Haus. Sie ist am Abend im Kino gewesen, dort hat sie Bekannte getroffen und mit denen war man noch Stunden im Café Koopmann zusammen.

Wirtschafterin Klara Gehl ist in Stolpe eine bekannte und angesehene Persönlichkeit. Jedermann weiß, daß sie einmal ein ganz einfaches Küchenmädchen war. Tüchtigkeit und Klugheit im Umgang mit Menschen haben sie emporgeführt, so daß sie jetzt den großen Haushalt des Junggesellen Temborius leitet. Und jeder in der Stadt und auf dem Lande weiß, daß über die Gehl der inoffizielle Weg zu Temborius geht: wenn der Bürokratismus seine Siege feiert, weiß sie ihm immer noch das eine oder andere Zeichen von Menschlichkeit abzulocken.

Sie hat sich im Café verschwätzt. Immer wieder hat sie erzählen müssen, wie der rohe Scherz am Morgen auf den Regierungspräsidenten gewirkt hat, daß er schwer erkrankt gleich zu Bett gegangen ist und mindestens drei Pyramidon genommen hat.

»Ich habe ihn schwitzen lassen. Lindenblütentee hat er mir trinken müssen, und um acht habe ich dunkel bei ihm gemacht und gesagt, daß ich weg muß. Sonst klingelt er den ganzen Abend nach mir.« –

Nun geht sie nach Haus, es ist gegen halb eins. Aber sie fürchtet sich nicht, trotzdem sie der Weg in eine wenig beleuchtete Villenstraße führt. Hier stehen Bäume, an der Straße und in den Gärten, an manchen Stellen ist der Weg fast ganz dunkel.

Zweihundert Schritt vor ihrem Heim gehen zwei Männer an ihr vorbei. Der eine lüftet den Hut und sagt höflich und halblaut: »Guten Abend.«

Sie dankt ihm und geht weiter. Als sie die Tür zum Vorgarten aufklinkt, hat sie ein Gefühl, als werde sie beobachtet, und sie schaut auf die Straße zurück. Undeutlich sieht sie zwei Schatten, die Männer sind nicht weitergegangen.

»Immer steht nur«, denkt sie. »Ich bin nichts mehr für euch. Als ich zwanzig Jahre jünger war ...«

Sie geht über den knirschenden Kies des Vorgartens und macht sich leise und vorsichtig an der Haustür zu schaffen, denn das Schlafzimmer des Präsidenten mündet auf den Vorplatz. Sie will ihn nicht stören.

Überraschend geht die Tür auf. Sie ist gar nicht verschlossen gewesen. »Diese Mädchen«, denkt sie. »Sie brauchen mal wieder eine Kopfwäsche. Und die Erna muß mir aus dem Haus und ihren Willem umgehend heiraten. Noch zwei Wochen und selbst Temborius sieht, was da in seinem Stubenmädchen wächst.«

Als sie vorsichtig das Licht auf dem Flur anknipst, hat sie neuen Grund, mit den Mädchen unzufrieden zu sein. Mitten auf dem Vorplatz steht eine Kiste, eine schlichte, weiße Margarinekiste. »Also hat der Mahlmann doch noch die Konserven geschickt! Daß die Mädchen das hier stehenlassen!«

Die Gehl nimmt die Kiste unter ihren Arm und geht den langen Gang hinter zur Küche, die in einem Anbau liegt. Sie stellt die Kiste in die Speisekammer, sieht nach, ob der Gashahn gut geschlossen ist, knipst auf dem Rückweg überall das Licht aus und steigt die Treppe hinauf zu ihrem Schlafzimmer.

Als sie den Vorhang zuzieht, schaut sie noch einmal auf die Straße. Seltsam, die beiden Männer sind zurückgekommen, sie kann sie deutlich drüben im Schatten der Bäume stehen sehen, dunklere Schatten.

»Ob eine von den Mädchen einen neuen Kerl hat?« Sie ist überzeugt, daß sie keinen von den beiden kennt, obgleich sie die Gesichter nicht sah.

Dann geht sie ins Zimmer zurück, schaltet das Licht ein und will das Bett aufdecken.

In diesem Augenblick ist ihr, als bräche ein Sturmwind ins Zimmer. Sie fühlt sich bei geschlossenen Augen wie hochgehoben, hoch ... hoch ...

Gleich muß die Zimmerdecke kommen ...

Aber nun fällt sie ... es kracht, als wolle die Welt untergehen. Es ist ihr, als höre sie ihr eigenes Geschrei ...

Aber nun weiß sie, daß sie daliegt. Es ist so totenstill ...

Und dann rieselt es immerzu, in den Wänden, in ihren Ohren ...

Und nun ist alles schwarz. Dumpfes bitteres Schwarz.

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