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Bauern, Bonzen und Bomben

Hans Fallada: Bauern, Bonzen und Bomben - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorHans Fallada
titleBauern, Bonzen und Bomben
publisherRowohlt
year1970
isbn3499106515
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150405
projectida9d0209c
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Erstes Buch
Die Bauern

Erstes Kapitel
Eine Pfändung auf dem Lande

1

Auf der Station Haselhorst steigen zwei Männer aus dem Personenzug, der von Altholm nach Stolpe fährt. Beide sind städtisch gekleidet, tragen aber über dem Arm Regenmäntel, in der Hand derbe Knotenstöcke. Der eine ist ein Vierziger und sieht verdrossen aus, der junge dürre Zwanziger blickt sich lebhaft nach allen Seiten um. Alles interessiert ihn.

Sie durchqueren Haselhorst auf der Dorfstraße. Überall schauen aus dem Grün die Dächer der Bauernhäuser, bald mit Stroh, bald mit Reeth, bald mit Ziegeln, bald mit Zink gedeckt. Jeder Hof liegt für sich, wendet meistens, von Bäumen umstanden, nur die Schmalseite seines Wohnhauses der Landstraße zu.

Sie haben Haselhorst hinter sich und gehen nun unter Ebereschen auf der Chaussee nach Gramzow. In den Koppeln steht Vieh, schwarzbunt und rotbunt, sieht sich auch einmal, langsam weiterkäuend, nach den Wanderern um.

»Es ist schön, einmal aus dem Büro herauszukommen«, sagt der Junge.

»Das habe ich auch einmal gedacht«, widersetzt der Alte.

»Immer und ewig nur Zahlen, es ist nicht auszuhalten.«

»Zahlen sind bequemer als Menschen. Man weiß, was man von ihnen zu erwarten hat.«

»Meinen Sie denn wirklich, Herr Kalübbe, daß etwas passieren kann?«

»Reden Sie keinen Quatsch. Selbstverständlich passiert nichts.«

Der Junge fühlt nach der Gesäßtasche. »Jedenfalls habe ich meine Pistole parat.«

Der Ältere bleibt mit einem Ruck stehen, schüttelt wütend die Arme, sein Gesicht läuft blaurot an: »Sie Idiot, Sie! Sie gottgeschlagener Querkopf!«

Seine Wut steigert sich noch. Er wirft Mantel und Stock auf die Chaussee, seine Aktentasche, die er unterm Mantel trug, dazu. »Da! Da haben Sie es! Machen Sie den Dreck alleine! So eine Hirnverbranntheit! Und solch ein Bulle ...« Er kann nicht weiterreden.

Der Jüngere ist weiß geworden, aus Kränkung, Ärger, Schreck. Aber er kann sich beherrschen. »Ich bitte Sie, Herr Kalübbe, was habe ich gesagt, daß Sie derart erregt sind!

»Wenn ich schon so etwas höre! Die Pistole parat!! Wollen Sie unter die Bauern mit einer Pistole gehen? Ich habe Frau und drei Kinder.«

»Aber ich bin heute früh noch einmal vom Finanzrat über den Gebrauch der Waffe belehrt worden.«

Kalübbe ist ganz Verachtung. »Der! Sitzt hinter seinem Schreibtisch. Kennt nur Papier. Einen Tag sollte er hier draußen mit mir pfänden gehen, nach Poseritz oder Dülmen oder auch heute nach Gramzow –: er würde keine Belehrungen mehr erteilen!!«

Kalübbe grinst schadenfroh schon bei dem Gedanken, daß der Herr Finanzrat ihn bei seinen Pfändungsgängen begleiten könnte.

Plötzlich lacht er. »Da, ich werde Ihnen was zeigen.« Er holt aus der Gesäßtasche seine Pistole, richtet sie auf den Kollegen.

»Machen Sie keine Geschichten«, ruft der und springt zur Seite.

Kalübbe drückt los. »Sehen Sie: nichts! Gar nicht geladen. Das halte ich von dieser Art Schutz.«

Er steckt seine Pistole wieder ein. »Und nun geben Sie mir Ihre.« Er zieht den Lauf kräftig zurück, wirft Patrone auf Patrone aus. Der Junge sammelt sie schweigend auf. »Stecken Sie die Dinger in die Westentasche und geben Sie sie heute abend dem Finanzrat zurück. Das ist meine Belehrung über den Waffengebrauch, Thiel.«

Thiel hat auch Stock und Mantel und Tasche schweigend aufgehoben und reicht alles dem Kollegen. Sie gehen weiter. Kalübbe sieht über die Wiesen, die von Hahnenfuß gelb, von Schaumkraut weißrosa sind. »Sehen Sie, Thiel, Sie müssen mir das nicht übelnehmen. Kommen Sie, geben Sie mir Ihre Hand. – Das ist recht. Alle, die ihr dort drinnen sitzt auf dem Finanzamt, ihr habt ja keine Ahnung, was das heißt, hier draußen Dienst tun.

Habe mich auch gefreut, als ich Vollstreckungsbeamter wurde. Nicht nur die Diäten und die Bewegungsgelder. Ich kann sie wahrhaftig brauchen mit der Frau und den drei Kindern. Sondern draußen sein, hier, an einem Frühlingstag und alles ist frisch und lebendig. Nicht so bloß Steine. Und man geht durch.

Und jetzt – jetzt ist man der schändlichste, schmählichste Dreck am Stecken des Staates.«

»Herr Kalübbe, Sie, der so gelobt werden!«

»Ja, die drinnen! Wenn ein Bauer zu euch kommt und wenn zehn Bauern zu euch kommen, so sind es Bauern in der Stadt. Und wenn sie wirklich einmal frech werden, wie ihr es nennt, so seid ihr viele. Und hinter der Barre. Und der Fernsprecher zur Polizei an der Wand.

Hier aber, wo wir jetzt gehen, da hat der Bauer gesessen vor hundert Jahren und vor tausend Jahren. Hier sind wir die Fremden.

Und ich gehe mit meiner Aktentasche und mit meinen blauen Piepmatzmarken ganz allein zwischen ihnen herum. Und ich bin der Staat, und wenn es gut geht, nehme ich ihnen eine Ecke von ihrem Stolz und die Kuh aus dem Stall, und geht es schlimm an, dann mache ich sie heimatlos, wo sie seit tausend Jahren saßen.«

»Können sie denn wirklich nicht zahlen?«

»Manchmal können sie nicht und manchmal wollen sie nicht. Und in letzter Zeit wollen sie überhaupt nicht. – Sehen Sie, Thiel, es sind immer reiche Bauern gewesen, sie haben immer aus dem Vollen gelebt, und nun will es ihnen nicht eingehen, daß sie Fastenbrot essen müssen. Und dann sollen sie ja auch nicht richtig rationell wirtschaften ...

Aber was verstehen wir davon? Es geht uns nichts an. Was gehen uns die Bauern an! Sie essen ihr Brot und wir essen unseres. Aber was mich angeht, das ist, daß ich zwischen ihnen umhergehe wie ein unehrlicher Mensch, wie ein Hurenmädchen mit dem Rädchen auf dem Arm, vor dem sie alle ausspucken, mit dem keiner an einem Tisch sitzen mag.«

»Halt! Einen Augenblick!« ruft Thiel und hält den Kollegen am Arm. Im Staub sitzt ein Schmetterling, ein braunbuntes Pfauenauge mit zitternden Flügeln. Seine Fühler bewegen sich tastend in der Sonne, im Licht, in der Wärme.

Und Kalübbe zieht den Fuß zurück, der schon über dem Tier schwebte. Zieht ihn zurück und bleibt stehen, sieht hinab auf den beseelten farbigen Staub.

»Ja, auch das gibt es, Thiel«, sagt er erleichtert. »Weiß Gott, Sie haben recht. Auch das gibt es. Und manchmal wird der Fuß zurückgezogen. – Und nun bitte ich Sie nur um eines.«

»Ja?« fragt Thiel.

»Sie sind eben der Beherrschte gewesen und ich der Schreier. Mag angehen, daß sich heute noch einmal unsere Rolle ändert. Dann denken Sie daran, daß Sie jede Schmähung, jede Beleidigung ohne Widerspruch ertragen müssen, hören Sie, müssen. Daß ein guter Vollstreckungsbeamter keine Strafanträge wegen Beleidigung stellt, sondern vollstreckt. Daß Sie nie die Hand heben dürfen, selbst wenn ein anderer die Hand hebt. Es gibt immer zu viel Zeugen gegen Sie. Es gibt nur Zeugen gegen Sie. Wollen Sie daran denken? Wollen Sie mir das versprechen?«

Thiel hebt die Hand.

»Können Sie es auch halten?«

»Ja«, sagt Thiel.

»Dann also: gehen wir dem Päplow in Gramzow seine beiden Ochsen versteigern.«

2

Die Uhr geht auf elf. Es ist immer noch Vormittag, und die beiden Finanzbeamten haben sich eben die Hand gegeben auf der Chaussee nach Gramzow.

Im Krug von Gramzow ist es drangvoll. Alle Tische sind besetzt. Die Bauern sitzen vor Bier und Grog, auch die Schnapsgläser fehlen nicht. Aber es ist fast still im Gastzimmer, kaum ein Wort wird laut. Es ist, als horchten alle nach hinten.

Hinten in der Wirtsstube sitzen auch Bauern, um den Tisch mit der Häkeldecke unter dem Nußbaumregulator. Sieben Bauern sitzen dort, einer steht an der Tür, der achte. Im Sofa sitzt hinter seinem Grog ein Langer mit scharfgeschnittenem Gesicht voll unzähliger Falten, mit kalten Augen und schmalen Lippen. »Also«, spricht er und bleibt sitzen, »ihr, eingesessene Bauern von Gramzow, habt gehört, was der Bauer Päplow vorzubringen hat gegen den Entscheid des Finanzamtes in Altholm. Wer für ihn ist, hebe die Hand. Wer gegen den Bauern ist, lasse sie ungekränkt unten. Jeder tue, wie ihm dünkt, aber nur, wie ihm dünkt. – Stimmt ab.«

Sieben Hände erheben sich.

Der lange Bartlose steht aus dem Sofa auf. »Stoß die Tür auf, Päplow, zum Gastzimmer, daß alle hören. Ich verkünde den Beschluß der Bauern von Gramzow.«

Die Tür geht auf und im gleichen Augenblick erheben sich die Bauern draußen. Der Lange fragt durchs Lokal zu einem weißbärtigen Bauern an der Außentür: »Sind die Wachen besetzt?«

»Sie sind besetzt, Vorsteher.«

Der Lange fragt nach der Tonbank mit dem kleinen wieselartigen Wirt: »Ist kein Weibervolk in der Nähe, Krüger?«

»Kein Weibervolk, Vorsteher.«

»So verkünde ich, der Gemeindevorsteher Reimers von Gramzow, den Beschluß der Bauernschaft, gefaßt von ihren erwählten Vertretern:

Es liegt ein Entscheid des Finanzamtes Altholm vom 2. März vor gegen den Bauern Päplow, daß er zu zahlen hat an rückständiger Einkommensteuer aus dem Jahre 1928 vierhundertunddreiundsechzig Mark.

Wir haben zu diesem Entscheid den Bauern Päplow gehört. Er hat geltend gemacht, daß dem Entscheid die Durchschnittsertragsberechnung für Höfe dieser Gegend zugrunde liegt. Daß dieser Durchschnittsbetrag auf sein Anwesen aber keine Anwendung finden könne, weil er im Jahre 1928 außerordentliche Schädigungen erlitten hat. Zwei Pferde sind ihm eingegangen an Kolik. Eine Stärke ist beim Kalben verreckt. Seinen Vater, den Altenteiler, hat er ins Krankenhaus nach Altholm schaffen müssen und dort über ein Jahr erhalten.

Diese Gründe zum Steuernachlaß sind dem Finanzamt bekannt gemacht, sowohl direkt durch den Bauern Päplow wie durch mich, den Gemeindevorsteher. Das Finanzamt hat die Veranlagung aufrechterhalten.

Wir Bauern von Gramzow erklären den Beschluß des Finanzamtes Altholm für null und nichtig, weil er einen Eingriff in die Substanz des Hofes bedeutet. Wir verweigern dem Finanzamt und seinem Auftraggeber, dem Staat, jede Mithilfe in dieser Sache, es geschehe uns Liebes oder Leides.

Die vor 15 Tagen vorgenommene Pfändung zweier gut angegraster Ochsen des Bauern Päplow ist nichtig. Wer bei der heute angesetzten Versteigerung dieser Ochsen ein Gebot auf sie abgibt, soll von Stund an nicht mehr Glied der Bauernschaft sein. Geächtet soll er sein, niemand darf ihm Hilfe leisten, sei es in Nöten der Wirtschaft, des Leibes oder der Seele. In Acht soll er sein, in Gramzow, im Kreise Lohstedt, im Lande Pommern, im Staate Preußen, im ganzen Deutschen Reiche. Niemand darf zu ihm sprechen, niemand darf ihm die Tageszeit bieten. Unsere Kinder sollen nicht mit seinen Kindern sprechen, und unsere Frauen sollen nicht mit seiner Frau reden. Er lebe allein, er sterbe allein. Wer gegen einen von uns handelt, hat gegen uns alle gehandelt. Der ist heute schon tot.

»Habt ihr alle gehört, Bauern von Gramzow?«

»Wir haben gehört, Vorsteher.«

»So handelt danach. Ich schließe die Bauernversammlung. Die Wachen sind zurückzuziehen.«

Die Tür zwischen Gast- und Wirtsstube geht wieder zu. Der Gemeindevorsteher Reimers setzt sich, wischt sich die Stirn ab und tut einen Zug vom kalt gewordenen Grog. Dann sieht er auf die Uhr. »Fünf Minuten bis elf. Es wird Zeit, daß du verschwindest, Päplow, sonst kann dir der Knecht vom Finanzamt das Protokoll vorlesen.«

»Ja, Reimers. Aber wie wird es, wenn sie die Ochsen forttreiben?«

»Sie werden die Ochsen nicht forttreiben, Päplow.«

»Wie willst du es hindern? Mit Gewalt?«

»Keine Gewalt. Nie Gewalt gegen diesen Staat und seinen Verwaltungsapparat Ich weiß etwas anderes.«

»Wenn du etwas anderes weißt ... Es müßte nur sicher sein. Ich brauche das Geld für die Ochsen.«

»Es ist sicher. Morgen wissen alle Bauern im Land, wie man in Gramzow mit dem Finanzamt fertig wird. Geh nur ruhig.«

Der Bauer Päplow geht durch die Hintertür über den Hof hinaus, verschwindet an einem Knick. Die sieben Bauern gehen in die volle Gaststube.

3

Vor den Fenstern der Wirtschaft entsteht Bewegung: die beiden Beamten vom Finanzamt kommen. Jeder führt einen rotbunten Stier am Halfter.

Sie sind auf dem Hof von Päplow gewesen. Irgendein Knecht war da und hat sie in den Stall gelassen zu den gepfändeten Tieren. Kein Bauer war zu sehen, keine Bäuerin, niemand, der Auftrag gehabt hätte, die Pfandsumme zu erlegen. So haben sie die Tiere aufgehalftert und sind mit ihnen zum Krug gekommen, die angesetzte und bekanntgemachte Versteigerung abzuhalten.

Sie binden die Tiere ans Reek vor der Tür und treten in die Wirtschaft. Im Gastzimmer ist Gerede gewesen, halblauter Meinungsaustausch, auch ein Fluch vielleicht, als man die Männer sah mit den beiden Tieren. Nun ist es still. Aber dreißig, vierzig Bauern sehen stur auf die Beamten, sehen ihnen ins Gesicht und verziehen nicht das eigene.

»Ist hier vielleicht Herr Päplow aus Gramzow?« fragt Kalübbe in die Stille.

Die Bauern sehen auf ihn und den Jungen, keiner spricht.

»Herr Päplow hier?« fragt Kalübbe mit erhobener Stimme.

Keine Antwort.

Kalübbe geht durch den Mittelgang der Gaststube zur Tonbank hin. Unter all den feindlichen Blicken geht er gehemmt und unbeholfen. Einen Stock, der über einer Lehne hängt, stößt er um. Er fällt polternd hin. Kalübbe bückt sich danach, hebt ihn auf, hängt ihn über die Lehne, sagt: »Pardon.«

Der Bauer sieht ihn an, stur, dann zum Fenster hinaus, verzieht nicht das Gesicht.

Kalübbe sagt zum Krüger: »Ich soll hier eine Versteigerung abhalten, wie Sie wissen. Wollen Sie mir einen Tisch hersetzen lassen?«

Der Krüger murrt: »Hier ist kein Tisch und kein Raum für einen Tisch.«

»Sie wissen, daß Sie Platz zu machen haben.«

»Wie soll ich es machen, Herr? Wen soll ich fortschicken? Vielleicht machen Sie sich Platz, Herr?«

Kalübbe sagt mit Nachdruck: »Sie wissen ...«

Und der wieselige Krüger eilfertig: »Ich weiß. Ich weiß. Aber geben Sie mir einen Rat. Kein Gesetz, verstehen Sie, einen brauchbaren Rat.«

Eine Stimme ruft befehlend durchs Lokal: »Setz einen Tisch vor die Tür.«

Plötzlich ist der kleine Krüger ganz Beweglichkeit, Höflichkeit: »Einen Tisch vor die Tür. Selbstverständlich. Die beste Idee. Man kann dann auch das Vieh sehen.«

Der Tisch wird nach draußen gebracht. Der Krüger trägt eigenhändig zwei Stühle herbei.

»Und nun zwei Glas Helles für uns, Krüger.«

Der Krüger bleibt stehen, sein Gesicht legt sich in Falten, Kummer ist darin. Er schielt zu den offenen Fenstern, hinter denen die Bauern sitzen. »Meine Herren, ich bitte Sie ...«

»Zwei Glas Helles! Was soll das ...?«

Der Krüger hebt ganz schnell die Hände zu einer Bitte: »Meine Herren, verlangen Sie nicht von mir ...«

Kalübbe sieht rasch zu Thiel hin, der das Gesicht über die Tischplatte gesenkt hält. »Sehen Sie, Thiel!« Und zum Krüger: »Sie müssen uns Bier ausschenken. Wenn Sie's nicht tun und ich zeige Sie an, sind Sie die Konzession los.«

Und der Krüger vollendet im gleichen Ton: »Und wenn ich's tue, bin ich meine Gäste los. So kaputt und so kaputt, Herr.«

Kalübbe und der Krüger sehen sich an, eine lange Zeit scheint es.

»Also sagen Sie drinnen, daß die Auktion beginnt.«

Der Krüger macht eine halbe Verbeugung. »So lange es geht, soll der Mensch Mensch bleiben.«

Er geht. Der Beamte nimmt aus seiner Aktentasche Protokoll und Bedingungen, legt sie vor sich auf den Tisch.

Thiel möchte gern, daß er ihn jetzt einmal ansähe, darum sagt er: »Ich habe eben an die Pistole gedacht. Ich glaube, ich lerne schon, daß Waffen nichts helfen.«

Kalübbe sagt trocken und blättert in seinem Protokoll: »Es ist noch nicht Abend. Wenn wir zu Haus sind, haben Sie mehr gelernt.«

Ein Schatten fällt auf den Tisch. Ein junger Mensch, schwarz gekleidet, eine schwarze Hornbrille auf der Nase, über der Schulter den Lederriemen eines Fotoapparates, tritt hutlüftend heran. »Gestatten Sie, meine Herren, mein Name ist Tredup von der Chronik für Altholm. Ich war eben in Podejuch, den Kirchenneubau für unser Blatt zu fotografieren. Im Vorbeiradeln sehe ich, hier soll eine Auktion abgehalten werden.«

»Das Inserat stand auch in Ihrem Blatt.«

»Und das ist das gepfändete Vieh? – Man hört so viel von Schwierigkeiten bei Pfändungen. Hatten Sie welche?«

»Erlaubnis zu dienstlichen Auskünften erteilt Herr Finanzrat Berg.«

»Also Sie hatten keine Schwierigkeiten? Würden Sie etwas dagegen haben, wenn ich die Auktion fotografiere?«

Und Kalübbe barsch: »Stören Sie mich nicht länger. Ich habe keine Zeit für Ihr Geschwätz!«

Tredup zuckt überlegen die Achseln. »Wie Sie meinen. Jedenfalls werde ich fotografieren. – Jeder hat seine Art Brot und besonders süß scheint Ihres auch nicht zu schmecken.«

Er geht auf die andere Seite der Dorfstraße und beginnt seinen Apparat fertigzumachen.

Kalübbe zuckt die Achseln: »Er hat ja im Grunde recht. Es ist sein Beruf, und es war albern von mir, ihn anzugrobsen. Aber ich habe eine Wut auf die von der Chronik. Das ist schon Revolverjournalismus, was die treiben. Haben Sie vor ein paar Tagen die Kritik über den Zirkus Monte gelesen?«

»Doch. Ja.«

»Die reine Erpressung. Dabei weiß ganz Altholm, daß kein Mensch von der Chronik zur Vorstellung war. Der Besitzer wollte wegen Geschäftsschädigung klagen, aber das hat ja alles keinen Zweck bei denen. Der Schabbelt verdreht, die Frau versoffen, der Kerl, der das Blatt schreibt, der Stuff, kriegt auch so seine periodischen Touren ... Und was da sonst so rumläuft ...«

»Gott! Wer liest denn die Chronik? Ich lese die Nachrichten.«

»Soll mich wundern, was der Kerl über die Auktion zusammenschmiert. Mittlerweile scheint niemand zu kommen.«

Sie sehen nach den Fenstern der Gaststube. Soviel sie erkennen können, ist es leerer dort geworden, trotzdem noch genug Bauern dasitzen.

»Gehen Sie noch einmal in die Tür und rufen Sie aus, daß die Auktion beginnt. Und dann sagen Sie dem Krüger, daß er zu mir kommen möchte.«

Thiel steht auf, geht in die Tür. Kalübbe hört ihn rufen, irgend jemand antwortet. Es entsteht Gelächter, dann gebietet eine scharfe Stimme Ruhe. Nach einer Weile kommt Thiel zurück.

»Was war da eben?« fragt Kalübbe gleichmütig.

»Der Krüger wird sofort kommen. – Ach ja, irgendein Witzbold rief mir zu: ›Jung, goh no Hus, dien Mudder will di waschen!‹ Aber ein Langer hieß ihn Maul halten.«

Der Krüger tritt an den Tisch: »Bitte, meine Herren?«

»Waren keine Viehhändler heute morgen da?«

»Doch. Viehhändler waren da.«

»Wer?«

Der Krüger zögert: »Ich weiß nicht Ich kenne sie nicht.«

»Natürlich kennen Sie sie nicht. Und die sind wieder fortgefahren?«

»Die sind wieder fortgefahren.«

»Danke. Das war alles.« Der Krüger geht und Kalübbe sagt zu Thiel: »Nun rufe ich noch den Fleischer Storm an. Bei dem kaufe ich selbst mein Fleisch. Vielleicht, daß der die Courage hat und kauft das Vieh zur Taxe. Das ist halb geschenkt.«

»Und wenn nicht?«

»Gott, dann rufe ich den Finanzrat an. Mag der mal entscheiden, was geschehen soll.«

Thiel sitzt und schaut auf die besonnte Dorfstraße. Ein paar Hühner suchen in Pferdeäpfeln unverdautes Korn, über den nächsten Hofeingang streicht sacht mit aufrechtem Schwanz eine Katze. »Es wäre ganz schön hier«, denkt er. »Es ist alles beieinander, aber es ist Unrat in der Luft. Dem Kerl von der Chronik scheint auch klar geworden, daß aus der Auktion nichts wird. Da streicht er ab. Hat den Apparat noch in der Hand, vielleicht hat er was Besseres gefunden zu fotografieren. – Muhe nicht, Ochs. Ich habe auch Durst und kriege nichts, trotzdem hier Hof bei Hof Brunnen sind. – Kalübbe ist hübsch vergrätzt, aber er nimmt es zu tragisch. Bauern sind Bauern. Ein dickes Fell und seinen Dienst tun, nichts denken. Mittelalter und Scharfrichter – wo er das her hat? Er muß richtig darauf lesen. Ich habe meinen Skat und er seine Familie und wir beide Altholm, was brauchen wir da Bauern? Und hübsch ist es doch hier, wenn auch Unheil ...«

Er döst ein bißchen in der Mittagssonne vor sich hin. Die Ochsen werfen die Köpfe und wehren mit dem Schwanz die Fliegen.

4

Kalübbe steht wieder am Tisch. »Geschlafen? Ja, es ist ganz, als könnte ein Gewitter kommen. Heut ist ein Tag, an dem die Milch zusammenläuft. – Also, der Fleischer Storm will nicht. Er hat Angst. Denkt, er bekommt landauf, landab kein Vieh mehr zu kaufen. Laß ihn. Wird meine Frau ihr Fleisch bei einem andern Fleischer kaufen.«

»Und der Finanzrat?«

»Ja, der Finanzrat, der hohe Herr, der Herr Berg verstehen das natürlich nicht. Die Sache ist ihm einfach unverständlich. Aber jedenfalls soll heute einmal ein Exempel statuiert werden und die Bauern nicht mit dem Kopf durch die Wand. Wir sollen die Ochsen nach Haselhorst treiben und nach Stettin verladen. Vergnügen, was? Einen Waggon habe ich eben auch gleich bestellt. Also denke ich, wir machen los. Je eher wir dort sind, um so eher kriegen wir ein Glas Bier. Der Bahnhofswirt muß ausschenken.«

»Also denn los! Welchen nehmen Sie?«

»Lassen Sie mir den mit dem krummen Horn. Der ist zappelig. Und wenn er abhauen will, den Zaum nicht loslassen und feste mit dem Stock auf die Nase. Dann vergeht ihm schon das Rennen.«

Sie haben die Stricke vom Reek losgeknotet und machen sich an den Aufbruch. Die Tür von der Wirtschaft geht auf und Bauer auf Bauer, ein Dutzend, zwei Dutzend, drei Dutzend treten aus der Gaststube. Sie stellen sich längs des Weges auf, wortlos stehen sie da, sehen den Abmarsch an.

Die beiden treiben die Dorfstraße entlang. Die Tiere gehen ruhig. Kalübbe wendet sich nach Thiel um und fragt: »Gemütlich, solch ein Spießrutenlaufen?«

»Wenn es denen Vergnügen macht!«

»Natürlich! – Was ist das?«

Das Dorf ist zu Ende. Die Straße hat einen scharfen Knick gemacht, und zwischen Ebereschen biegt die Chaussee nach Haselhorst vor ihnen. Auf beiden Seiten breite, wasserreiche Vorflutgräben und vor ihnen, dreihundert Meter weiter, haben sie ein helldunkles Gewimmel, ein Hindernis.

»Was ist das?«

»Ich kann es nicht schlau kriegen. Bauen die eine Barriere?«

»Es sieht so hell aus. Und locker. Wie Stroh. Jedenfalls kümmern wir uns um nichts. Gehen grade durch.«

»Und wenn wir nicht vorbeikommen? Die Gräben sind zu breit.«

»So warten wir. Es wird ja irgendein Wagen oder ein Auto kommen.«

Sie sind nahe, und nun ruft Thiel erleichtert aus: »Es ist nichts. Da hat einer ein Strohfuder umgeschmissen.«

»Ja. Es scheint so.«

Aber, als sie noch näher sind: »Da stimmt doch was nicht. Die laden nicht wieder auf. Die führen ja Wagen und Pferde fort!«

»Egal! Wir gehen durch. So ein Strohbund schmeißt man mit dem Fuß beiseite.«

Jetzt sind sie ganz nahe. Drei, vier Leute stehen dort beim Stroh, das quer über die Chaussee liegt. Einer bückt sich und plötzlich züngelt es auf, hier, dort. Eine Flamme tanzt. Zehn. Hundert. Rauch, weißer dicker Qualm wallt empor.

Die Stiere werfen die Köpfe hoch, sperren sich breitbeinig. Reißen den Leib herum.

Und plötzlich wirft sich der Wind in die Flammen, sengende Glut schlägt ihnen entgegen, sie stehen ganz im Rauch ...

»Los! Los! Zurück ins Dorf!« schreit Kalübbe und hämmert wild mit dem Knüppel auf die Nase seines Stiers. Dumpf dröhnt der Nasenknorpel.

Fast Seite an Seite, taumelnd, fallend, vom Strick wieder hochgerissen, rasen sie dem Dorf zu.

Dann, hundert Schritte weiter, geht das Vieh ruhiger. Atemlos ruft Kalübbe: »Diesmal muß ich einen Bericht schreiben, es hilft nichts.«

»Und was machen wir nun?«

»Nach Haselhorst lassen uns die nicht. Das ist zwecklos. Aber nun grade! Wissen Sie was, jetzt spielen wir ihnen einen Streich und treiben über Rippmerow, Banz, Eggermühle nach Lohstedt.«

»Vierzehn Kilometer!«

»Und wenn! Wollen Sie die Stiere dem Päplow wieder in den Stall stellen?«

»Ausgeschlossen!«

»Also!«

Jetzt sind sie wieder am Krug. Dort stehen die Bauern, sehen ihnen entgegen.

»Die haben auf uns gewartet. Na, eure Stiere sollt ihr deswegen doch nicht haben. – Glatt und möglichst rasch vorbeitreiben.«

Alle Gesichter sehen auf sie. Es sind junge und alte, sehr weißblonde, mehlige, glatte und ganz zerfurchte mit grauen und schwarzen Bärten und mit der Lederhaut der Herbststürme und Winterregen. Als sie sich nähern, löst sich der Schwarm auf. Ein Teil tritt auf die andere Seite der Dorfstraße, und nun, als sie vorbeiwollen, setzen sich alle in Bewegung, gehen stumm und dicht neben ihnen her, ein Geleit. Mit gesenkten und erhobenen Gesichtern, die nichts ansehen, Handstöcke in der Hand.

»Das gibt noch etwas. Das geht nicht glatt«, denkt Kalübbe. »Wenn ich nur an den Thiel herankönnte, daß er nicht die Ruhe verliert.«

Aber die Bauern gehen zu eng und jetzt laufen die Stiere fast, sie riechen den Päplowschen Stall.

Doch Kalübbe paßt auf. Im Augenblick, da sein Stier in die heimische Hoffahrt einbiegen will, gibt er ihm einen drohenden Schlag aufs rechte Horn, stößt gleich darauf die Stockspitze in die Weiche, und der Stier rast los, blindlings gradeaus, die Dorfstraße entlang.

»Das ging gut«, denkt Kalübbe laufend und wundert sich, daß die Bauern noch nicht nachgeben, weiter nebenher traben. Aber da ist auch schon Thiel dicht neben ihm. Vom Rennen atemlos flüstert er dem zu: »Kümmere dich um nichts, Thiel. Strick fest ums Handgelenk. Laß dir das Tier nicht klauen. Das gehört dem Staat und das muß jetzt nach Lohstedt, koste es, was es wolle.«

Die Bauern laufen nebenher. Es ist soviel Getrapps auf dem Weg und die Aussicht beengt. Und doch! Da vorn ist wieder das Hellgelbe, auch auf diesem Wege.

Aber nun gibt es kein Halten mehr. »Durch müssen wir«, denkt Kalübbe.

Das geängstete Tier rast nur so, Kalübbe kann sich nicht umdrehen. Er hört, wie die Stockschläge der Bauern hageldicht auf seinen Ochsen prasseln, er schreit: »Achtung, Thiel! Auf die Wiese!«

Und da ist das Feuer schon. Er sieht irr-deutlich sechs, acht Gesichter, er sieht plötzlich den Kerl von der Chronik mit dem Fotoapparat in der Hand, er sieht noch, wie ein Bauer mit dem Stock nach dem Apparat schlägt ...

Dann ist die Glut da, die Hitze, stechender Qualm.

Er sieht nichts mehr. Der Stier reißt ihm die Hand ab, so zerrt er am Strick.

Und nun steht er an einem Baum. Er ist durch, die Straße vor ihm ist frei, er atmet schwer mit versagenden Lungen.

Dann schaut er sich um. Dicke weißgelbe Qualmschwaden wälzen sich über Wiese und Weide. Schatten huschen darin.

»Wo ist Thiel?«

Dann sieht er den andern Stier über eine Wiese rasen, führerlos, mit hocherhobenem Schwanz und gesenktem Kopf.

Er wartet eine Viertelstunde, eine halbe. Er kann nicht fort von dem Tier, es gehört dem Staat. Schließlich gibt er das Warten auf. Der Thiel wird sich schon wieder anfinden. Die Bauern tun niemand nichts.

Kalübbe nimmt mit seinem Ochsen den Weg nach Lohstedt unter die Füße.

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