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Bauern, Bonzen und Bomben

Hans Fallada: Bauern, Bonzen und Bomben - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorHans Fallada
titleBauern, Bonzen und Bomben
publisherRowohlt
year1970
isbn3499106515
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150405
projectida9d0209c
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10

Es ist halb zehn Uhr morgens.

Gareis wird von Assessor Stein zur Bahn gebracht.

Die Frau ist schon voraus, die Sachen sind voraus. Nun bringt ihn der letzte, der einzige Getreue, der Freund an die Bahn.

Wie sie so den sehr belebten Burstah entlanggehen, grüßen den Bürgermeister einige, viele sehen ihn und kennen ihn nicht, viele kennen ihn und sehen ihn nicht.

»Immer sagen die Leute«, meint Gareis, »daß wir Politiker treulos sind. Die Menschlein machen uns das ganz hübsch vor – na, in Breda wird es besser.«

»Wird es besser?«

»Natürlich wird es besser. Ich habe hier eine Masse gelernt. Das nächste Mal mache ich es anders.«

»Wie anders?«

»Überhaupt anders. Ich denke anders. Ich sehe alles anders. – Sie werden es erleben. Sobald ich klarsehe, hole ich Sie nach.«

»Es wäre schön«, sagt der Assessor. Und nach einer Weile: »Was ich Sie immer schon fragen wollte, Herr Bürgermeister. Erinnern Sie sich noch an den Abend vom Demonstrationstag?«

»Leider«, brummt Gareis.

»Eigentlich meine ich nicht den Abend, eigentlich meine ich die Nacht. Wir gingen spazieren. Eine Sternschnuppe fiel?«

»Möglich. Juli und August fallen eine Masse Sternschnuppen.«

»Und Sie haben sich was gewünscht. Sie wollten mir erzählen, was Sie sich gewünscht haben.«

»Ich mir was gewünscht, Steinlein? Unsinn! Ich habe mir im Leben nie was gewünscht wie Arbeit. Auch ohne Sternschnuppen. Höchstens, in ganz wahnsinnigen Stunden, reibungslose Arbeit. Aber das ist genauso, als wünschte man sich das Perpetuum mobile.«

»Sie haben sich was gewünscht«, sagt der Assessor hartnäckig.

»Seien Sie nicht komisch. Wenn ich mir was gewünscht habe, habe ich es vergessen. Aber ich habe mir natürlich nichts gewünscht. Sie werden sich was gewünscht haben.«

»Das ist doch seltsam«, sagt der Assessor, »Sie haben sich was gewünscht. Sie haben sich damals sehr was gewünscht. Und Sie werden nie wissen, ob Ihr Wunsch in Erfüllung gegangen ist oder nicht.«

»Ich werd 'ne Masse Sachen in meinem Leben nicht erfahren, Steinlein«, sagt der Bürgermeister. »Das macht mir wenig Kummer. Viel mehr Kummer machen mir die Sachen, die ich erfahre.«

Sie kommen auf den Bahnhofsplatz. Einen aufgeräumten, geordneten Bahnhofsplatz. Alle Zugangsstraßen sind durch Schupo besetzt. Kordons vor den Bahnhofstüren. Wichtig auf und ab eilende Ordonnanzen. Auf einer Verkehrsinsel thront Polizeioberst Senkpiel im Stabe seiner Offiziere. Ihm zur Seite in untadeliger Haltung Polizeioberinspektor Frerksen.

»Was ist denn das?!« sagt der Bürgermeister elektrisiert.

»Da muß ich doch mal hören ...«

Und er marschiert auf den Obersten zu.

»Sie versäumen Ihren Zug«, ruft der Assessor.

»Guten Morgen, Herr Oberst. Ich bin hier zwar nicht mehr Bürgermeister, aber der Rummel interessiert mich doch noch. Was ist nun wieder los?«

»Guten Morgen, Herr Bürgermeister. Seien Sie froh, daß Sie fortgehen. Die Bauern wollen hier wieder demonstrieren.«

»Die Versöhnung, ja«, sagt der Bürgermeister. »Und –?«

»Die Regierung hat die Demonstration verboten. Wir sorgen für Empfang und Abtransport der Bauern.«

Der Bürgermeister steht nachdenklich da.

»Ja. Ja«, sagt er schließlich. »Ja. Na, entschuldigen die Herren. Guten Morgen.«

»Glückliche Reise«, ruft ihm der Oberst nach. Der unbeachtete Frerksen legt einen Finger an den Mützenrand.

Wortlos geht der Bürgermeister in den Bahnhof, löst sich seine Karte, geht durch die Schranken. Den Assessor hat er wohl vergessen.

Der geht stumm nebenher.

Auch auf den Treppen, auf den Bahnsteigen steht Schupo.

»Wann kommt eigentlich der nächste Stolper Zug?« fragt Gareis zerstreut.

»Neun Uhr sechsundfünfzig.«

»Und ich fahre neun Uhr neunundfünfzig. Ich steige in deren Stolper Zug ein.«

Auf dem Bahnsteig steht Manzow mit ein paar Herren. Doktor Hüppchen grüßt verstohlen herüber. Die andern sehen ihren ehemaligen Bürgermeister nicht.

Der Zug läuft ein. Er ist vollkommen überfüllt. Kaum sind die Bauern, ein paar hundert, raus aus ihren Abteilen, so setzt die Schupo mit ihrem Sprechchor ein: »Weitergehen! Den Bahnsteig räumen! Weitergehen!« Zwischen zwei Reihen Schupo schieben sich wie eine Herde die völlig verblüfften, die fassungslosen Bauern gegen die Treppen. In ihrem Strudel sieht der Bürgermeister Stuff, Manzow, Dr. Hüppchen. Meisel, den fluchenden Medizinalrat.

»Sie müssen einsteigen, Herr Bürgermeister«, mahnt der Assessor.

Sie entschwinden.

»Ach ja.« Der Bürgermeister seufzt.

Dann, aus dem Abteilfenster: »Natürlich ist es richtig, daß die Bauern hier nicht grade heute demonstrieren. Aber sie machen's wieder mit den falschen Gründen. Alle. Alle. Der Manzow. Der Temborius. Die Bauern selbst. Nichts um der Sache willen. Immer aus irgendwelchen mickrigen Interessen.«

»Ich habe«, sagt der Assessor, »eben den Stuff gesehen. Wissen Sie, vor einem halben Jahr waren alle so wütend auf ihn, weil er einen kleinen Zirkus verrissen hatte. Die Vorstellung war Mist gewesen, aber nicht darum hatte Stuff sie verrissen, sondern weil der Zirkusdirektor nicht inseriert hatte.

Daran habe ich eben denken müssen.«

»Richtig«, sagt der Bürgermeister. »Das ist es. Das ist genau die Sache. Und ich habe auch mitgemacht im Zirkus Monte und bin genauso gewesen wie die andern.«

»Nicht genauso, Bürgermeister. Nicht genauso.«

Der Zug fährt langsam an.

»Doch. Doch. Genauso.«

»Aber in Breda wird alles anders?«

»Hoffen wir«, schreit Bürgermeister Gareis und ist schon zehn Meter weiter. » Ich hoffe stark.«

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