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Bauern, Bonzen und Bomben

Hans Fallada: Bauern, Bonzen und Bomben - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorHans Fallada
titleBauern, Bonzen und Bomben
publisherRowohlt
year1970
isbn3499106515
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150405
projectida9d0209c
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Sechstes Kapitel
Das Urteil

1

Der große Tag der Plädoyers, des Urteilspruchs wahrscheinlich auch, ist gekommen. Die Turnhalle ist gesteckt voll, sogar auf den Gängen stehen die Leute.

Und noch immer schieben sich neue Massen herein.

»Hübsche Fülle habt ihr hier«, sagt der Setzer Linke von der Bauernschaft zum Parteisekretär Nothmann, die sich in der dritten Reihe einen Platz erobert haben.

»Viel zuviel Karten ausgegeben.«

»Und an wen? Alles vollgefressene dicke Bourgeois.«

»Und da wundern die sich noch, wenn man nicht an unparteiische Richter glaubt. Nicht einmal Eintrittskarten können die unparteiisch verteilen.«

»Recht hast du, Genosse«, sagt Linke.

»Sind sie denn anständig zu dir, wenn du vernommen wirst?«

»Ich laß mir schon nichts bieten. Der Untersuchungsrichter ist ja auch so einer. Ich habe ihm gesagt, der Padberg hat mich geschickt, die Papiere holen, hab ich gesagt, und wenn er jetzt sagt, er hat mir nichts gesagt, so lügt er eben, hab ich gesagt.«

»Recht hast du. – Jetzt geht's los. Der Oberstaatsanwalt fängt an.«

»Der beißt die Bauern auch nicht. Wir hätten so was tun sollen ...«

 

Der Oberstaatsanwalt steht da, Papiere in der Hand. Er ist ein kleines, weißliches Männchen, mit einem nach unten hängenden, zerfaserten Bart. Auch die Klemmgläser hängen nach unten.

»Nichts Forsches«, erklärt Medizinalrat Dr. Lienau. »Früher gab's noch zackige Staatsanwälte. Aber so was. Nee.«

»Recht haben Sie«, sagt der Lokomotivführer Thienelt, der auch mit dem Stahlhelm auf der Rockklappe prunkt. »Sieht aus, entschuldigen Sie, ich denke an meinen Karnickelstall, wie ein schwangeres Kaninchen. So betrübt ...«

»Schwangeres Kaninchen ist glänzend, das muß ich heute abend ...«

 

Der Oberstaatsanwalt spricht schon. Über die wirtschaftlichen Folgen, über die Parteikämpfe hin kommt er zu dem mit Emphase hervorgestoßenen Satz: »Aber von dieser Schwelle bleibt die Politik fern.«

»Jetzt sagt er das«, grunzt Graf Bandekow, »aber jeden Zeugen, der bauernfreundlich war, hat er gefragt, welcher Partei er angehört.«

»Ist ja sein Brot«, erklärt Bauer Henke-Karolinenhorst, »er kann sich doch nicht hinstellen und rupps-stupps jeden auf fünf Jahre ins Zuchthaus schicken.«

»Das soll er wohl mögen«, stimmt Bauer Büttner bei.

 

Aber der Oberstaatsanwalt ist schon bei der Auswertung der Beweisaufnahme: »Der Zeuge, Kriminalkommissar Tunk, ist in der Presse heftig angegriffen worden, weil er anderes beobachtet haben soll wie andere Zeugen. Der Zeuge hat nicht anders beobachtet, der Zeuge hat als geschulter Kriminalist genauer beobachtet. Die Staatsanwaltschaft macht sich seine Beobachtungen zu eigen.«

»Das ist doch eine Schande«, erklärt Polizeihauptwachtmeister Hart, »dies Schwein, das mich einfach provoziert hat ...«

»Stille biste«, sagt der ewige Kriminalassistent Emil Perduzke, »was wir von der Kriminalpolizei sagen, das geht den Herren Staatsanwälten doch noch über den lieben Gott.«

 

»Der Zeuge Tunk hat genau beobachtet, wie der Angeklagte Henning dem Oberinspektor den Säbel entrissen hat, ihn durch Darauftreten unbrauchbar machte. Dann auf den Oberinspektor einschlug ...«

»Ist denn das wirklich Henning gewesen?« fragt erstaunt Frau Frerksen ihren Mann. »Du hast doch mir immer erzählt, Fritz, es war Padberg. Er hat dich doch noch so wütend angefunkelt ...«

»Keine Namen, Änne! Um Gottes willen!« flüstert Frerksen. »Ich bin auf der Stelle ruiniert ...«

 

»Kein Zusammenstoß mit der Staatsautorität hat die Bauernschaft bisher von ihrer feindlichen Haltung gegen den Verwaltungsapparat abbringen können. Eine außerordentlich scharfe Sühne ist daher angebracht!« verkündet der Oberstaatsanwalt.

»Nee so was«, wundert sich Landwirtschaftsrat Feinbube. »Jetzt soll die Liebe zur roten Republik durch Zuchthaussitzen gepflegt werden.«

 

»Freilich konnte den Angeklagten nicht widerlegt werden, daß sie auf dem Marktplatz noch das Vorgehen der Polizei für nicht rechtmäßig hielten. Das muß ihnen als Milderungsgrund angerechnet werden ...«

»Er ist nicht so schlimm«, sagt Vadder Benthin. »Paßt auf, der beantragt nur eine Geldstrafe.«

»Du bist wohl mall«, sagt Bauer Kehding-Karolinenhorst, »wo sie mir schon für meinen Offenen Brief in der verfluchten Chronik eine Woche aufgebrummt haben!«

 

»... die Art und Weise aber, wie sich die Angeklagten widersetzten, ist unbedingt strafverschärfend ...«

»Der Henning hätte sich Gummiabsätze unter die Hacken machen lassen sollen. Dann hätten den Stadtsoldaten seine Fußtritte nicht weh getan«, sagt der Syndikus Plosch.

»Diese Juristen! Diese Juristen! Die haben Unterscheidungen!« erklärt Pastor Thomas und schüttelt mit dem Kopf. »Ich weiß da einen Fall, Herr Plosch ...«

 

»... der Staatsanwaltschaft liegt nichts an einer hohen Bestrafung der Angeklagten, aber ...«

»Das wird teuer«, sagt Prokurist Trautmann von den Nachrichten.

»Wieso?« fragt ihn Heinsius, der sich wieder in seinen Winkel geklemmt hat.

»Ich kenne das als Geschäftsmann«, versichert der Erzieher des Zeitungskönigs Gebhardt. »Wenn ich sage, mir liegt an einem Geschäft gar nichts, dann will ich besonders viel verdienen.«

 

»Der maßlose Haß gegen den Polizeioberinspektor Frerksen, einen fähigen und pflichttreuen Beamten, zeugt nicht von Erkenntnis der Schuld und Reue bei den Angeklagten.«

»Ich hab den Henning zuerst verbunden«, sagt Dr. Zenker. »Ich habe seinen Arm gesehen. Wenn da einer zu bereuen hat ...«

»Man ist ein schlechter Staatsanwalt«, meint trübe lächelnd Gefängnisdirektor Greve, »wenn man beide Seiten einer Sache sehen kann. Ich weiß das, ich habe selber einmal da gestanden, wo jetzt der Kollege Oberstaatsanwalt steht.«

 

»Es ist ganz unwichtig, ob die Polizei zuerst geschlagen hat. Denn die Polizei hat ein Recht zu schlagen.«

»Siehmalsieh, pampig kann er also auch sein«, sagt der gewichtige Manzow.

 

»Warum in aller Welt haben denn die Angeklagten die Fahne nicht gutwillig herausgegeben? Das war eine Kleinigkeit.«

»Nun muß ich sagen«, erklärt Bahnhofsfriseur Punte, »wenn ich unser Banner von Eintracht achtundsiebzig, und sollte es dem Laffen Frerksen bei angetretenem Verein übergeben, vor den Schädel schlüg ich es ihm.«

»Es kann erst wieder Ruhe werden, wenn das Urteil gefällt ist. Dann werden die Bauern einsehen, daß sie der Stadt Altholm mit ihrem Boykott unrecht getan haben. Wo die Schuld liegt, wo schwere Schuld liegt, darüber hat heute kein Mensch hier und im Lande mehr einen Zweifel. Und es ist bezeichnend, was die letzte Ursache dieser Schuld gewesen ist. Warum ist all dies namenlose Unglück geschehen? Weil man einem Manne Ehre erweisen wollte, der das Gesetz verletzt hatte, der im Gefängnis saß! War so etwas früher Sitte?«

Der Angeklagte Henning ruft laut: »Jawohl!«

Der Oberstaatsanwalt betrachtet ihn trübe und ungehalten durch seine Klemmergläser. »Nein, das war früher nicht Sitte.«

Henning protestiert durch Kopfnicken.

Der Oberstaatsanwalt gibt es auf. Er kommt zu den Strafanträgen:

»Gegen den Angeklagten Henning wegen qualifizierten Aufruhrs und Landfriedensbruchs, wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung mittels gefährlichen Werkzeugs ...«

»Die Schuhabsätze«, erklärt Plosch.

»... ein Jahr drei Monate Gefängnis.

Gegen den Angeklagten Padberg wegen qualifizierten Aufruhrs und Landfriedensbruchs ein Jahr zwei Wochen Gefängnis ...

Gegen den Angeklagten Rohwer wegen der gleichen Straftaten und wegen öffentlicher tätlicher Beleidigung und Sachbeschädigung ...«

»Hat dem Wachtmeister einen Handschuh zerrissen ...« stöhnt Stuff.

» ... ein Jahr Gefängnis.

Gegen den Angeklagten Czibulla wegen qualifizierten Aufruhrs und Landfriedensbruchs und öffentlicher tätlicher Beleidigung

... ein Jahr Gefängnis.«

 

»Wenn Sie den Czibulla nur verknacken«, sagt Stadtrat Röstel zu Assessor Meier, »sonst muß die Stadt dem Schmerzensgeld, Arztkosten und eine lebenslängliche Rente zahlen.«

»Ach, die werden schon«, tröstet Assessor Meier, »die Strafanträge sind ja so mäßig, daß ich denke, sie werden glatt bewilligt.«

 

»Genosse, das hätten wir sein sollen«, sagt der Funktionär der KPD Matthies. »Wir hätten Zuchthaus besehen. Und gleich die Höchststrafe.«

»Sicher«, sagt der neugebackene städtische Gartenarbeiter Matz von Manzows Gnaden. »Da wagen sie nicht zuzufassen. Wenn es aber um erwerbslose Arbeiter geht ...«

 

»Diese Strafanträge sind phantastisch«, erklärt Finanzrat Berg. »Ehrlich muß man doch sagen, die Bauern, wenn die gewollt hätten, die hätten die Polizei nach Noten vertobackt.«

»Der Henning ist nun ein Krüppel. Und darf auch noch ins Kittchen. Ein schlechtes Geschäft für den Jungen.«

2

Zwei Stunden später geht Justizrat Streiter mit Stuff heim in das Hotel Cap Arcona. Hinter den beiden marschiert Henning, auf Tod und Leben flirtend mit der Sekretärin seines Verteidigers.

Der große Berliner Rechtsanwalt ist noch durchglüht vom Feuer, von der Erregung seiner Rede: »Und Sie fanden mein Plädoyer wirklich gut, Herr Stuff? War es wirklich sehr gut?«

»Unübertrefflich, Herr Justizrat! Einfach glänzend! Wie Sie nachgewiesen haben, daß die Polizei selbst dann, wenn das Publikum an der Fahne Anstoß nahm, nicht die Fahne beschlagnahmen durfte, sondern den Fahnenträger schützen mußte, nein, ich muß schon sagen ...«

»Ja«, sagt der Justizrat zufrieden, »der arme Oberstaatsanwalt: wenn er mir mit Reichsgerichtsentscheidungen kommen will oder mit Urteilen des Oberverwaltungsgerichtes, da muß er früher aufstehen. Da gibt es nicht viel Leute in Deutschland, die so beschlagen sind wie ich.«

»Da gehört doch ein enormes Gedächtnis dazu«, sagt Stuff bewundernd.

»Gott ja. Natürlich. Fleiß, vor allem Fleiß. – Und wie ich es ihnen gegeben habe, mit der nicht umwickelten Sense? Da hat natürlich keiner daran gedacht, daß der Henning mit einer Blechschere die Schneide abgeschnitten hatte. Es war also gar keine Sense mehr!«

»Nein, Herr Justizrat, Sie haben das ja nicht so gesehen wie ich, aber das Gesicht vom Oberstaatsanwalt ...«

»Armer Kerl! Na ja, sonst hat er hier seine Provinzanwälte, da braucht er sich nicht viel Mühe zu geben ...«

»Nur eins ist Mist, Herr Justizrat, wenn heute abend noch das Urteil gesprochen wird, ist Ihr ganzes schöne Plädoyer für die Katz.«

»Wieso? Warum meinen Sie das, Herr Stuff?«

»Weil dann die Zeitungen nur das Urteil bringen und nicht Ihr Plädoyer!«

»Da haben Sie recht. Da müßte man was machen, daß das Urteil heute nicht mehr kommt.«

»Wenn Sie krank würden?«

»Nee, sieht schlecht aus. Henning, mein Junge, hör mal ...«

Aber er muß zweimal rufen, ehe sich Henning von seiner Dame losreißt.

Stuff fragt: »Wie ist das, Henning, können Sie heute abend nicht einen Nervenzusammenbruch bekommen? So einen richtigen, den ein Arzt bescheinigt und den ich in die Zeitung bringen kann?«

»Heute abend noch? Vor dem Urteil? Nee, danke. Außerdem wollen wir uns heute abend noch einmal gründlich die Nase begießen. Wer weiß, was morgen ist.«

»Du kannst ja auf deinem Zimmer saufen.«

»Ausgeschlossen! Ich sage euch: ausgeschlossen! Heute zeige ich mich noch dem Volk, daß die nicht denken, ich habe Angst«

Ein dunkler Schatten ist neben ihnen aufgetaucht und bleibt stehen: »Entschuldigen die Herren, mein Name ist Manzow, demokratischer Stadtverordneter. Stadtverordnetenvorsteher. Herr Stuff kennt mich.«

»Tu ich. Kenne Sie. Jawohl.«

»Meine Herren, ich überfalle Sie hier auf der Straße. – Aber ich möchte noch vor dem Urteil ... Die Sache ist die: schon einmal habe ich versucht, wegen des Boykotts mit der Bauernschaft Verhandlungen anzuknüpfen. Damals wollten die Herren nicht, haben uns böse durch den Koks geholt.

Nun komme ich noch mal. Vor dem Urteil, damit Sie sehen, unser Versöhnungswille ist ehrlich. Können wir uns heute nicht irgendwo zusammensetzen und die Geschichte aus der Welt schaffen?«

»Jawoll«, knurrt Henning. »Ihr Versöhnungswille ist Angst, daß wir nach der glänzenden Rede von Herrn Justizrat freigesprochen werden. Dann muß die Stadt blechen, blechen, blechen!«

»Entschuldigen Sie, Herr Justizrat, daß ich Sie noch nicht beglückwünscht habe. Noch nie habe ich so etwas gehört wie Ihre Rede. Ich rede auch, ich muß sogar viel reden, ich bin hier so etwas wie ein Führer ...« Verlegen grunzend: »Unter Blinden ist der Einäugige König. Aber so etwas wie Ihr Plädoyer, nein, Herr Justizrat ...«

Manzow wird vor Begeisterung immer fassungsloser.

»Sagen Sie mal, meine Herren«, meint der Justizrat, »warum wollen wir uns eigentlich die Vorschläge von Herrn Manzow nicht mal anhören? Das kann doch nichts schaden.«

»Nein. Nein. Auf keinen Fall«, sagt Henning.

»Also, Herr Manzow«, erklärt der Justizrat ungerührt, »wir erwarten Sie in etwa einer Stunde im Arcona. Wir werden wohl im Hinterzimmer sitzen. Ob freilich etwas Greifbares dabei herausschaut ...«

Manzow bedankt sich überströmend und verschwindet.

»Ob das richtig war?« zweifelt Stuff. »Sobald der Entgegenkommen sieht, wird er frech.«

»Ich setz mich mit dem Bruder nie an einen Tisch«, erklärt Henning trotzig.

»Dann tu ich es«, sagt der Justizrat ungerührt. »Wie denkt ihr euch das eigentlich? Ich will auch einmal mein Honorar haben. Laßt das doch die Altholmschen zahlen. Das ist zehnmal besser, als wenn ihr bei den Bauern sammeln müßt.«

»Na ja, von der Seite gesehen«, erklärt Stuff.

»Und jetzt werde ich sofort das Gericht anrufen und bitten, daß das Urteil heute nicht mehr verkündet wird. Habe eine Konferenz. Die sind schließlich auch froh, wenn sie Feierabend machen können. Es würde doch mit der Urteilsverkündung Mitternacht werden.«

3

Es ist vormittags elf Uhr. In die Turnhalle fällt das fahle, trübe Licht t eines regnerischen Oktobertages.

Trotzdem es jetzt endlich zur Urteilsverkündung kommen wird, ist der Saal zum ersten Male fast leer. In der Stadt weiß man noch nicht, daß es soweit ist, die Altholmer Blätter kommen ja erst am Nachmittag heraus.

Stuff sitzt trübe an seinem Pressetisch. Sein Schädel ist wolkig von Alkohol.

Es wurde gestern noch eine solenne Sauferei, und dies Schwein, der Manzow, hat endlose Pullen Sekt geschmissen, diese Weiberlimonade, die man saufen kann wie Wasser und die über Kreuz mit Schnaps und Bier genossen einen wütenden Kopfschmerz macht.

»Ich fühle jedes einzelne Haar«, stöhnt er zu Blöcker.

»Gespannt bin ich doch, was kommt«, sagt der. »Henning ist mächtig blaß. Hat wohl Angst.«

»Angst?« fragt Stuff verächtlich. »Gekotzt hat er seit drei Uhr morgens, der war voll, sage ich dir.«

Der Gerichtshof erscheint.

Dieses Mal setzen sich die Angeklagten nicht, stehend erwarten sie ihr Urteil.

Der Vorsitzende bedeckt sein Haupt mit dem Barett und verkündet: »Im Namen des Volkes. Es wird für Recht erkannt: Es werden verurteilt:

Der Angeklagte Georg Henning wegen Widerstandes in zwei Fällen zu drei Wochen Gefängnis.

Der Angeklagte Heino Padberg wegen einmaligen Widerstandes zu zwei Wochen Gefängnis.

Der Angeklagte Herbert Rohwer wegen Widerstandes und Körperverletzung zu zwei Wochen Gefängnis.

Der Angeklagte Josef Czibulla wird freigesprochen.

Die Kosten fallen, soweit Verurteilung erfolgte, den Angeklagten, im übrigen der Staatskasse zur Last.«

Der Vorsitzende holt Atem, durch den Saal geht ein leises Rauschen. Viele sehen einander an. Die Angeklagten, die Verurteilten, stehen unbewegt und sehen auf den Vorsitzenden.

Der beginnt mit der Urteilsbegründung. In dem väterlich freundlichen Ton, den er durch die ganze Verhandlung beibehalten hat, sagt er:

»Es ist erfahrungsgemäß schwer, solche Vorgänge wie die am sechsundzwanzigsten Juli zu rekonstruieren ...

Die wesentliche Frage ist die, befand sich die Polizeiverwaltung Altholm bei der Beschlagnahme und Wegnahme der Fahne in rechtmäßiger Ausübung ihres Amtes?

Das Gericht ist der Überzeugung, daß ihr Vorgehen objektiv nicht berechtigt war. Die Sense war keine Sense, auch keine Waffe, sondern ein Symbol. Die Demonstrationsteilnehmer hatten ein Recht, diese Fahne zu tragen, ein Recht, sie wegzunehmen, hatte die Polizei nicht.

Andererseits ist das Gericht der Überzeugung, daß Frerksen sich subjektiv in rechtmäßiger Ausübung seines Amtes glaubte, als er die Fahne beschlagnahmte. Er hat die Fahne für provozierend gehalten, er hat geglaubt, etwaige Zusammenstöße nicht verhindern zu können. Er ist durch die Fahne überrascht worden.

Aktiven Widerstand haben Henning und Padberg beim Tucher durch Festhalten der Fahne geleistet.

Die Frage, ob eine Zusammenrottung vorlag, muß verneint werden. Im Gegenteil haben sowohl Padberg wie Henning für Beruhigung des Zuges und Weitermarsch gesorgt.

Rohwer hat einen gewissen Widerstand geleistet, und zwar über die Grenze der reinen Abwehr hinaus.

Wohl ist erwiesen, daß eine Anzahl von Landleuten beim Heldenmal sich am Kampf beteiligt haben, aber das wäre nur entscheidend, wenn die Bauern die Angreifer gewesen wären. Dagegen spricht das Verhalten der Polizei. Es besteht zum mindesten der Verdacht, daß Frerksen der Situation nicht gewachsen war, daß er den Kopf verloren hat und unplanmäßig handelte. Er hat den ungünstigsten Platz zum Aufhalten des Zuges gewählt. Er ist auch mit seinen Beamten vorgegangen, ohne ihnen irgendwelche genauen Instruktionen zu geben. Die Erregung der Beamten ist zu verstehen. Ohne Führung sind sie an den Zug gekommen. Sie haben gleich dreingehauen.

Erwiesen ist, daß Henning, als er auf der Erde lag, mit den Füßen stieß. Aber da befand sich die Polizei nicht mehr in rechtmäßiger Ausübung ihres Amtes. Sie hatte jede Selbstzucht verloren und schlug blindlings drauflos.«

(Starke Bewegung.)

»Der Angeklagte Czibulla mußte freigesprochen werden, denn es hat sich nicht erweisen lassen, daß er in anderer Absicht, als um sich eine Auskunft zu holen, an die Beamten herangegangen ist. Der Aussage eines Zeugen, er habe den Beamten mit einem Stock oder Schirm gestoßen, stehen die Aussagen von mehreren anderen Zeugen gegenüber, daß er nur schüchtern mit der Hand am Rock des Beamten gezupft habe. Der fürchterliche Schlag, der gegen ihn geführt worden ist, erklärt sich nur durch die ganz kopflose Erregung der Polizei.«

(Erneute starke Bewegung.)

»Die Angeklagten haben Anspruch auf weitgehende Milde. Trotzdem war auf Gefängnis zu erkennen, weil ihr Verhalten außerordentlich gefährliche Folgen haben konnte. Im übrigen sprach zu ihren Gunsten, daß sie sich in ihrem Rechte glaubten. Die Fahne war ihr Symbol. Und Henning hat sich für dieses Symbol zusammenhauen lassen, es war ihm ernst damit.

Die Bauern sind ruhig gewesen. Weder Polizei noch Bauernschaft haben provozieren wollen. Beide sind in diese Situation ohne Willen hineingeraten, beide waren ihr nicht gewachsen.

Auf Einziehung der Fahne ist aus den erwähnten Gründen nicht erkannt worden.

Den Verurteilten wird Bewährungsfrist auf zwei Jahre zugebilligt.«

4

»Gratuliere«, flüstert Henning zu Padberg.

»Du hast lachen«, sagt der. »Ich hänge wegen der Bomben. Türme nun man bald.«

»Heute noch«, sagt Henning. »Ich bewähre mich lieber im Ausland.«

»Heil Bauernschaft, Kamerad.«

»Heil Bauernschaft.«

 

»Na, nun bist du doch zufrieden?« fragt Blöcker seinen Stuff.

»Zufrieden. Zufrieden«, murrt der. »Das ist auch so ein Kompromißurteil, Schusterurteil, Einerseits-Andererseits-Urteil. Objektiv ist die Polizei im Unrecht, aber subjektiv ist sie im Recht. Was fang ich mit so einem Urteil bei meinen Bauern an?«

»Dir wär's wohl lieber, die wären ordentlich verknackt?«

»Aber selbstverständlich, Jahre und Jahre mußten die brummen! Das wäre doch noch was für die Propaganda. Aber so was Pflaumenweiches ...«

 

»Na, ich danke«, sagt Stadtrat Röstel. »Nun kann ich mir nur gleich den Zahnschlosser, den Czibulla, ranholen und hören, welche Pension die Stadt ihm zahlen darf.«

»Geld ist noch nicht das Schlimmste«, sagt Assessor Meier. »Aber mein Chef, Herr Regierungspräsident Temborius! Drei Wochen Gefängnis und eine Polizei ohne Selbstzucht. Das gibt noch was.«

»Die Staatsanwaltschaft legt doch unbedingt Berufung ein.«

»Und in einem halben Jahr käuen wir den ganzen Dreck noch mal. Ist das etwa schön?«

 

»Komm, Änne«, sagt Oberinspektor Frerksen. »Die Leute glotzen so.«

»Mach dir nichts draus, Fritz, der Vorsitzende hat gesagt, du bist in deinem Recht gewesen. Du hast die Fahne zu Recht beschlagnahmt.«

»Na ja, na ja.«

»Und daß du den Kopf verloren haben sollst ... der Herr sollte sich nur mal vor dreitausend Bauern hinstellen. Das ist keine Kunst, hinterher klug zu tun. Gut hast du es gemacht.«

»Na ja. Na ja. Wissen möchte ich nur, wer jetzt mein Vorgesetzter wird?«

 

»So was liebe ich«, sagt Polizeioberst Senkpiel zu seinem Oberleutnant Wrede. »Daß so ein Jurist kein Gefühl dafür hat, was er für Schaden anrichtet, wenn er auf die Polizei schimpft Ist ja nur städtische Polizei und der Frerksen eine Nulpe – kolossalen Mist hat er gemacht –, aber das vor den Leuten sagen, wo bleibt da die Autorität?«

 

»Drei und zwei Wochen, so was möchten wir auch, was, Genosse?« fragt der Funktionär Matthies. »Paß auf, ich kriege, weil ich dem Frerksen seinen Säbel geklaut habe, mindestens ein Jahr.«

»Kriegst du. Kriegst du.«

 

Der Oberstaatsanwaltschaftsrat: »Das sieht ihm wieder einmal ähnlich.«

Der Rat tröstet: »Es ist ja nichts Endgültiges, dieses Urteil.«

»Nein, natürlich nicht. Aber vorläufig sind wir die Geschlagenen.«

»Man müßte sofort etwas tun, um die Haltung der Staatsanwaltschaft zu fixieren.«

»Und das wäre?«

»Wir marschieren schnurstracks zur Polizei und beschlagnahmen die Bauernschaftsfahne von neuem.«

»Gut. Sehr gut. – Herr Assessor Meier, einen Augenblick bitte! Wir haben vor, um unsere Stellung zu diesem Urteil darzulegen, das heißt, um erneute Zusammenstöße zu verhüten, sofort wieder die Bauernschaftsfahne zu beschlagnahmen.«

»Ein Lichtblick«, strahlt Meier. »Das wird den Herrn Präsidenten freuen. Es gibt doch noch Männer.«

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