Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Fallada >

Bauern, Bonzen und Bomben

Hans Fallada: Bauern, Bonzen und Bomben - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorHans Fallada
titleBauern, Bonzen und Bomben
publisherRowohlt
year1970
isbn3499106515
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150405
projectida9d0209c
Schließen

Navigation:

Drittes Buch
Der Gerichtstag

Erstes Kapitel
Stuff verändert sich

1

Der 30. September ist ein schöner blaugoldener Herbsttag, mit Glanz und Frische in der Luft. Im übrigen ist er ein Montag, ein Arbeitstag wie alle andern auch.

Der 1. Oktober wird ein Dienstag sein, an diesem Dienstag wird der Prozeß gegen Henning und Genossen seinen Anfang nehmen, wegen Aufruhr, Landfriedensbruch, öffentlicher, tätlicher Beleidigung, Sachbeschädigung, gefährlicher Körperverletzung ...

Außerdem ist der 1. Oktober, wie alle Jahre, ein Ziehtag, Wohnungen werden gewechselt, Angestellte verändern sich.

Max Tredup ist schon seit netto einer Woche in wilder Aufregung. Herr Gebhardt hat ihn schon zweimal rufen lassen und sich erkundigt, wie das mit dem versprochenen Abgang von Stuff würde. Tredup hat versichert, der ginge.

Gebhardt glaubt das aber nicht, Tredup ist fest davon überzeugt, Gebhardt skeptisch, beim zweitenmal ungehalten, sehr ungehalten.

Tredup ist gar nicht so fest überzeugt: Stuff ist nichts anzumerken.

Tredup steigt Stuff diese letzten Tage unablässig nach. Stuff tut wie nichts. Tredup steht Wache vor einem halben Dutzend Schenken, Stuff säuft die Nächte durch. Tredup läuft zu Stuffens Schlummermutter, Stuff hat nicht gekündigt.

»Schicke ich nun doch eine Anzeige an die Staatsanwaltschaft –?

Aber er hat es doch Elise gesagt!

Oder ...?«

Tredup sitzt an einem Schreibtisch, Stuff sitzt am andern Schreibtisch. Sie sehen einander an, das heißt, Tredup sieht Stuff häufig verstohlen und rasch an, für Stuff ist Tredup Luft.

Es ist nachmittag, am 30. September, schönes Herbstwetter.

Stuff schneidet sich die Nägel. Dann sieht er auf die Uhr, seufzt und beginnt in seinem Schreibtisch zu kramen.

»Packt er zusammen?«

Stuff hat einen noch unbenutzten Stenogrammblock gefunden und steckt ihn ins Jackett. Den Schurrmurr stopft er wieder in den Schreibtisch.

In die Luft sagt Stuff: »Heute abend gehst du zu den Nazis.«

Hoffnungsvoll sagt Tredup: »Ja?« und fragt zärtlich: »Hast du keine Zeit, Männe?«

Aber bei Stuff ist es schon wieder alle, er ist halb aus dem Zimmer.

Tredup springt auf, läuft ihm nach, legt die Hand auf Stuffs Schulter und flüstert flehend: »Männe, du machst mich verrückt!«

Stuff nimmt sorgsam mit zwei Fingerspitzen die fremde Hand von der Schulter, läßt sie fallen. Gedankenverloren flötet er dem Annoncenwerber ins Gesicht.

»Stuff, quäle mich doch nicht so namenlos! Bitte, sag mir, ob du gehst.«

»Jawohl«, sagt Stuff, »ich gehe – aufs Gericht nämlich. Und sofort.«

»Stuff –!«

Stuff flötet.

»Du hast doch meiner Frau gesagt, du gingest zum ersten Oktober?«

»Kaninchen«, sagt Stuff schallend. »Kaninchen mit Schlappohren! Oktober neunzehnhundertvierzig!« Und er entschwindet flötend, alle Türen donnern, Tredup bleibt zerschmettert zurück.

2

Nachdem Stuff den Tredup erledigt hat, geht er aber nicht aufs Gericht, sondern zu Tante Lieschen. Dort sitzt er den ganzen Nachmittag in einem Zustand behaglicher Aufgeregtheit, trinkt viel und fühlt sich wie ein Junge, der die Schule schwänzt. Schließlich steht er auf und geht zu den Nachrichten. Dort ist es schon duster, als er ankommt. Er tastet sich in den Redaktionsgang, aus dem Setzersaal fällt etwas Licht auf eine Türklinke, sie blitzt. Stuff drückt sie herunter, die Tür geht auf. Stuff ist im Zimmer von Herrn Gebhardt. Zuerst einmal läßt er die Vorhänge herunter, dann schaltet er Licht ein.

Stuff setzt sich auf den Schreibtisch des Chefs, baumelt mit den Beinen, und denkt nach.

»Na ja«, seufzt er. »Na ja. Atjüs sagen muß ich ihm doch schließlich.«

Er probiert das Telefon, es ist durchgestellt.

»Neunundsechzig, Fräulein«, sagt er.

»Herr Gebhardt? Herr Gebhardt selbst dort? Hier Stuff. Ja, Stuff. – Herr Gebhardt, ich komme eben bei den Nachrichten vorbei und sehe Licht in Ihrem Zimmer. Ich gehe rein, alles zerwühlt, der Schreibtisch offen. – Nein, Polizei habe ich noch nicht benachrichtigt, wußte nicht, ob es Ihnen recht wäre. – Sie kommen selbst? Sofort? Ja, ich bleibe hier, warte. Kann ja solange versuchen, ein bißchen Ordnung zu machen. – Ich soll nichts anrühren? Nein, wenn Sie nicht wollen, natürlich nicht. – Nichts lesen, nein, ausgeschlossen. Ich lese doch nichts! Freiwillig lese ich überhaupt nichts, Herr Gebhardt ... Hat angehängt. Schade.«

Stuff schnüffelt kummervoll. Fischt sich ein Blatt weißes Papier, malt mit Rotstift in Riesenlettern darauf: »Atjüs, Pappchen Gebhardt. Stuff verändert sich.«

Legt das Blatt auf die leere Schreibtischplatte. Mustert das Ganze noch einmal, malt mit Blaustift die großen Buchstaben nach. Mustert das Ganze von neuem. Er nimmt aus einer Vase eine rote Aster, eine weiße Aster, legt sie rechts und links auf das Papier.

»Sieht freundlicher aus«, murmelt Stuff. »Herzlicher.«

Er verläßt das Gemach, in dem still und hell das Licht weiterbrennt. Stuff schusselt langsam zum Bahnhof, trinkt im Wartesaal gemächlich drei Helle und sechs Korn und erklettert den letzten Zug nach Stolpe.

»Atjüs, Altholm«, sagt er. »Morgen auf Wiedersehen.«

3

Die Nazis halten ihre Versammlungen stets im Tucher am Marktplatz ab, und gegen acht Uhr macht sich Tredup dorthin auf den Weg.

Es ist die erste politische Versammlung, zu der er geht, bisher hat Stuff ihn immer nur ins Kino oder auf den Wochenmarkt geschickt. Langsam geht Tredup durch die dunklen Straßen, er grübelt darüber, ob es was zu bedeuten hat, daß ihn Stuff zu den Nationalsozialisten schickte, oder ob es bloß Faulheit von dem war.

Jedenfalls, morgen ist der 1. Oktober, der Tag, an dem Stuff fort wollte und sollte, der Tag auch, an dem die Gerichtssitzung beginnt. Geschieht morgen nichts, muß die Anzeige an die Staatsanwaltschaft geschrieben und abgesandt werden. – Oder schickt er dem Stuff noch einmal einen Drohbrief?

Peinigend und ermüdend drehen die Gedanken ewig um das gleiche, bis Tredup aus der dunklen Propstenstraße auf den Marktplatz einbiegt. Das Gesumme einer großen Menge, Geschrei, wildes Reden einer heiser brüllenden Männerstimme. Tredup macht einen Satz und läuft gegen das Ende des Marktplatzes zu, an dem das Tucher liegt.

Eine dichte Menschenmenge hindert ihn am Vorwärtskommen, der ganze Marktplatz ist von Leuten angefüllt, neugierigen Altholmern. Doch die Fahrbahn hält Polizei frei und auf einen dieser Wachtmeister stürzt Tredup zu: »Herr Wachtmeister! Tredup von der Chronik. Kann ich durch? Ich vertrete Herrn Stuff.«

Er darf zwanzig Schritt weiterlaufen, dann muß er dem nächsten Wachtmeister sein Sprüchlein von neuem sagen und darf wieder weiter.

Unter dem Schein der Bogenlampen unendlich viel Menschen, halb Altholm, scheint es, drängt sich hier und lauscht auf das heisere Gebrüll. Tredup sieht ein paar rote Fahnen wehen.

Jemand aus der Menschenmasse ruft ihn an: »Heh, Sie! Herr Tredup!«

Sein Wirt ist es, der Gemüsehändler aus der Stolper Straße.

»Ja, bitte? Ich bin eilig, ich vertrete die Chronik.«

»Dann geben Sie es der Polizei nur ordentlich! Es ist eine Schmach! Es ist eine Affenschande!«

»Was ist eine Schmach? Was ist überhaupt los?«

»Ich weiß ja auch nicht. Aber daß die Kommunisten hier offen auf dem Marktplatz ihre Brandreden halten dürfen ...«

»So. – Entschuldigen Sie, Meister, ich muß weiter ...«

»Geben Sie es der Polizei nur tüchtig!« hallt es ihm nach.

Nebenstehende, die das Gespräch hörten, brummen bestätigend.

Noch zwanzig Schritt, noch ein Polizeiposten, und Tredup ist ganz nahe beim Tucher. Hier ist auch der Bürgersteig freigemacht, hell und leer liegt er im Schein der Lampen, die vor dem Lokal brennen. In der Mitte des Fahrdamms steht ein Haufen Polizisten, Tredup sieht Frerksen, auch Kriminalpolizei in Zivil. Er erkennt den Assistenten Perduzke.

Im Eingang zum Tucher stehen zwei Jünglinge in Hitleruniform, die Hakenkreuzbinde am Arm. Sie sehen blaß aus, rote Schmarren ziehen sich über ihre Gesichter, Blut tropft dem einen von der Stirn. Er wischt es mit einem Taschentuch ab.

Gerade gegenüber ist der ganze Marktplatz unter den Bäumen erfüllt von Kommunisten. Auf einer umgedrehten Karre steht der Funktionär Matthies und hält eine Ansprache.

»Was ist denn los? Was ist geschehen?« stürzt Tredup auf einen der beiden Nationalsozialisten los.

»Wer sind denn Sie?« fragt der abweisend.

»Tredup, von der Chronik. Ich vertrete die Presse. Herr Stuff ist verhindert ...«

Beim Namen Stuff erhellen sich die Gesichter der beiden. »Ja, Herr Stuff sollte das erlebt haben, der gäbe es der Polizei! Es ist eine Schmach ...!«

»Was ist eine Schmach? Alle sagen, es ist eine Schmach, aber was ist ...?«

»Hören Sie zu: auf acht war unsere Versammlung angesetzt. Um dreiviertel waren erst zwanzig Mann von uns da. Plötzlich kommen die Kommunisten angerückt, dreihundert Mann stark, mit Fanfaren. Halten vorm Lokal. Ihr Führer, der Matthies, sagt was ...«

»Haut die Nazis! hat er geschrien«, sagt der zweite Nationalsozialist.

»Die stürmen alle den Gang runter zur Saaltür. Ein Gedränge plötzlich, sage ich Ihnen, ein Getobe. Ich und mein Parteigenosse, wir stehen an der Saaltür, Eintrittsgeld kassieren, fünfundzwanzig Pfennige sage ich zum ersten. Der nimmt die Faust, schlägt von unten gegen den Teller, daß das ganze Geld durch die Luft fliegt. Ich gebe ihm einen Kinnhaken. Schon sind zehn über mir. Als ich mich wieder hochrapple, brüllt die ganze Horde schon im Saal ...«

»Mir ist es nicht anders ergangen ...«

»Und? Was wurde?«

»Wer im Saal von uns war, wurde niedergeschlagen. Ein paar konnten über die Bühne ausreißen, sie telefonierten. Dann kam Polizei. Wie die durch die Saaltür reinkam, zogen die Kommunisten durch die andere raus, stellten sich unter die Bäume und halten jetzt dort ihre Versammlung ab.«

Der Redner schluckt. »Unter Polizeischutz!« stößt er wütend hervor.

»Und Sie? Tagen Sie drinnen?« fragt Tredup.

»Wie sollen wir denn drinnen tagen? Sie sehen doch, wie die Polizei das Publikum von uns absperrt! Außerdem hat der Bürgermeister unsere Versammlung verboten.«

»Verboten?!«

»Ja, nicht wahr, das kapiert man nicht? Die Räuber da drüben dürfen reden. Denen passiert nichts. Aber wir ...«

»Entschuldigen Sie. Einen Augenblick«, ruft eifrig Tredup. »Ich will gleich feststellen, ich gehe auch zum Bürgermeister ... Ihre Versammlung müssen Sie haben ...«

Tredup schießt auf den Kriminalassistenten Perduzke zu: »Herr Perduzke, können Sie mir sagen, wo der Bürgermeister ist?«

»Wo soll denn der sein? Auf der Rathauswache ist er. Läßt es sich gut sein und unsereins darf sich schämen.«

»Aber wieso?«

»Wieso? Wieso? Stuff, Männe würde nicht fragen, wieso! Das sieht man doch. Der Matthies, der Stänker, der sofort wegen Überfalls und Raub verhaftet werden müßte, schwingt die große Klappe, und wir patrouillieren hier, daß ihn man nur keiner stört.«

»Aber warum das alles? Herr Perduzke, ich verstehe das nicht ...«

»Das glaube ich, fragen Sie doch Ihren Freund, den Frerksen. Der stolziert ja hier wie ein Storch im Salat.«

Tredup stürzt auf Frerksen los: »Herr Oberinspektor, wollen Sie mir nicht erklären ... Ich vertrete hier die Chronik, Herrn Stuff. Ich verstehe nichts ...«

Oberinspektor Frerksen legt artig zwei Finger an den Mützenschirm: »Guten Abend, Herr Tredup. Sie vertreten die Chronik? Das ist günstig, so dürfen wir auf einen unparteiischen Bericht hoffen ...

Die Lage ist rasch erklärt Dort ... die Nationalsozialisten. Hier ... die Kommunisten. Wir Polizei dazwischen. Wir halten sie auseinander, Schlägereien bleiben vermieden.«

»Aber die Kommunisten haben einen Überfall gemacht, habe ich gehört?«

»Das ist noch nicht klargestellt. Untersuchungen können wir in dieser Stunde natürlich nicht anstellen.«

»Aber die Naziversammlung ist verboten?«

»Nur vorübergehend. Vielleicht noch eine Viertelstunde. Das Ganze ist: wir sind zu schwach, Herr Tredup. Ich habe dreißig Mann hier. Was soll ich damit machen? Schupo aus Stolpe kann jeden Augenblick kommen. Dann lösen wir die Kommunisten auf und geben die Naziversammlung frei.«

Er sieht Tredup liebenswürdig an.

Der ist besiegt: »Das scheint mir ganz richtig. Natürlich können Sie nicht mit dreißig Mann ...«

»Ausgeschlossen.«

»Und können Sie mir sagen, wo Herr Bürgermeister ist? Vielleicht hat er Instruktionen für mich?«

»Herr Bürgermeister ist auf der Rathauswache«, sagt Frerksen kurz.

»Meinen Sie nicht, daß es richtig ist, wenn ich mal zu ihm gehe?«

»Oh, warum nicht?« fragt Frerksen kühl. »Gehn Sie nur zum Herrn Bürgermeister. Aber jetzt entschuldigen Sie mich bitte.«

Und der Oberinspektor nimmt wieder seinen Marsch auf, genau in der Mitte des Fahrdamms, genau in der Mitte zwischen den feindlichen Parteien.

Auf dem Rathausflur brennt eine einzige trübe kleinflammige Glühbirne.

Tredup tastet sich auf die Tür zu, an der er das Schild weiß: »Polizeiwache. Eintritt verboten.«

Er klopft einmal, aber niemand antwortet.

Wieder klopft er und wieder bleibt alles still.

Er öffnet vorsichtig die Tür.

Auch drinnen ist es trübe, staubig, öde. Aber Gareis ist da. Auf einem Tisch sitzt er, die Füße auf einer Mannschaftspritsche, in grauem Lodenmantel, den Hut weit in der Stirn.

Vor ihm steht ein Arbeiter und redet eilig und heftig.

Gareis hebt den Kopf und sieht flüchtig auf Tredup: »Nun, Herr Tredup, was verschafft mir die Ehre? – Ich habe keine Zeit.« Und schon ganz woanders: »Sieh es ein, Genosse, was soll ich denn machen? Ich kann doch nicht mit meinen paar Männekens auf die Kommunisten losgehen.«

Der Arbeiter ist böse: »Die Partei wird es dir übelnehmen, Genosse Gareis, die Mißstimmung in der Partei gegen dich wächst ständig. Das ist keine Sache, daß du die Sowjetjünger auf dem Marktplatz unter unserm Schutz Versammlung abhalten läßt.«

»Unserm Schutz ... Wir sind zu schwach. Sofort wenn Schupo da ist, werden sie aufgelöst.«

»Gegen dreitausend Bauern seid ihr mit drei Mann losgezogen. Jetzt bist du plötzlich zu schwach. Kein Genosse versteht das.«

»Jeder Vernünftige versteht das. Soll auf den sechsundzwanzigsten Juli ein dreißigster September folgen?«

»Läßt du wenigstens den Matthies noch heute verhaften?«

»Man muß mindestens erst ein paar KPD-Leute hören. Was die Nazis erzählen, ist auch nicht alles lauteres Gold.«

»Du denkst immer an die andern, Genosse Gareis, nie an die Partei.«

»Ich denke«, sagt Gareis, »an die andern und an die Partei.«

»Das ist es! Das ist es! Du willst es beiden recht machen.«

»Ich will es richtig machen. Deshalb muß ich an beide denken.«

»Jedenfalls bleibt die Naziversammlung verboten?«

»Nein. Nein.« Noch einmal mit viel Nachdruck: »Nein. Sobald die Schupo da ist, gebe ich die Versammlung frei.«

»Genosse Gareis ...«

»Also, Herr Tredup, was haben wir?«

»Ich wollte fragen ... Ich vertrete Herrn Stuff ... Ob Sie Instruktionen für mich haben?«

»Herrn Stuff?« fragt der Arbeiter Geier und sieht böse aus. »Ist der etwa von der Chronik?«

»Herr Tredup von der Chronik – Herr Stadtverordneter Geier.«

»Und den läßt du zuhören?!«

»Der gehört zu uns. Der ist in der Partei. Es ist ganz gut, daß er das gehört hat.«

»Jawohl. Ja, ich weiß nur nicht recht ... Herr Bürgermeister, die Leute meinen, die Polizei sollte vorgehen ...«

»Hörst du!« sagt Geier.

»Mit was denn?« fragt der Bürgermeister, aber das Telefon klingelt.

Er hört, spricht, dankt: »In zwei Minuten ist die Schupo hier. Sie fährt eben in Altholm ein. Sie entschuldigen mich ...«

Alle drei brechen auf.

Als sie auf die erhöhte Außentreppe am Rathaus hinaustreten, hören sie schon von weitem Hupengetön, Motorengeräusch.

Die Menge ist noch größer geworden, so weit man sehen kann, unter den Lampen brausendes Gewimmel.

Die Autos sind ganz nahe zu hören.

»Von der Seite?« ruft plötzlich Gareis. »Von der Seite?! Oh, verdammt, das ist keine Schupo, das sind Nazis!«

Drei Motorräder stürmen vorbei, mit je zwei Mann in Hitleruniform besetzt.

Schon am Rathaus verlangsamen sie das Tempo, unaufhörlich hupend schieben sie sich in die auseinanderweichende Menge.

Ihnen folgt Lastwagen auf Lastwagen, jeder mit fünfzig, sechzig Nationalsozialisten besetzt. Die Hakenkreuzfahne weht über jedem Wagen.

Die jungen Männer stehen stramm, spähen militärisch stolz in das Volk ...

»Wenn jetzt nicht Schupo kommt«, sagt Gareis, »haben wir in drei Minuten ein Schlachtfeld mit Toten.«

Der Redner hinten vor dem Tucher hat mit einem Ausruf geendet. Ein Hochgeschrei folgt. Irgendeine scharfe Stimme ruft etwas.

Und wie ein Gießbach stürzt die Masse der Kommunisten auf die freie Fahrbahn vor dem Tucher. Die paar Polizeileute sind sofort beiseite geschoben, im Strudel verschwunden. Gebrüll, Hoch, Nieder, Heil Hitler, rote Fahnen, Hakenkreuzfahnen, Fanfarengeschmetter.

Gareis hat den Arm von Tredup gepackt. Mit klammerndem Griff faßt er zu. »Schupo!« fleht er. »Schupo!!«

Aber die Fanfaren nehmen eine Marschmelodie auf, ein triumphierender Sang hebt an.

Die Kommunisten sind in Viererreihen geordnet, die roten Fahnen wehen darüber, die Leute setzen sich in Marsch ...

Von den Autos schwingen sich die Nazis. Auch dort ertönen Kommandos, auch dort gliedern sich die Leute, vor dem Tucher stehen sie, vier Reihen tief, das Gesicht gegen die Kommunisten gekehrt ...

»Da ist die Schupo!« ruft Gareis erlöst.

Sie muß weiter entfernt schon die Mannschaftsautos verlassen haben. In zwei langen Ketten kommen sie, schieben sich zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten, Kommunisten und Publikum, trennen die Feinde ...

Aber schon marschiert die KPD.

Die Fanfaren gellen, die Pfeifen schrillen, gegen das Rathaus zu, unter der Treppe vorbei, geht ihr Marsch.

In völliger Ordnung ziehen sie ab, mit lachenden triumphierenden Gesichtern. Sie haben ihre Versammlung gehabt.

»Was ist das?« ruft Tredup und zeigt auf einen Popanz im Zuge, der zwischen zwei Fahnen torkelt.

Eine Strohpuppe ist es, in einer blauen Uniform mit blanken Knöpfen, mit einer Mütze auf der Strohkopfkugel, einer Hornbrille auf der Rübennase.

»Frerksen«, sagt der Stadtverordnete Geier. »Unser teurer Genosse Frerksen ...«

Es ist kein Zweifel, jeder versteht es, denn im Besenstielarm gen Himmel erhoben trägt die Gestalt den berühmten Säbel, die verschwundene Waffe paradiert.

»Frerksen als Vogelscheuche bei den Kommunisten«, sagt Geier.

»Sehr günstig das für unsere Partei, Genosse Gareis. Was meinst du?«

»Da!« sagt Gareis.

Sechs, acht Schupos sind plötzlich neben der Spitze des Zuges. Mit Gummiknüppeln dringen sie ein, gegen den Kern an, in dem der Strohmann schwankt.

Schon nicht mehr schwankt. Die von der Treppe sehen es deutlich: plötzlich sackt er zusammen, losgelassen fällt er zwischen die Füße der Weitermarschierenden, die ihn beiseite stoßen, über ihn stolpern, mit den Füßen aus der Gehbahn werfen.

Nur der Säbel ...

Mit der Spitze gegen den Nachthimmel, die Schneide immer wieder aufblitzend im Laternenschein, wandert von Hand zu Hand im Zuge. Wo auch die Schupo vorstößt, ihn zu fassen meint, schon mit den Händen zu halten glaubt ... Zehn Meter weiter wandert er, blinkt er, spottet er, droht er.

Und nun taucht laufend neben dem Zug auf, schwitzend, mit verdrückter Uniform, verrutschter Mütze, schiefer Brille: Oberinspektor Frerksen.

»Der Idiot!« schimpft Gareis. »Statt daß er sich drückt. Flachkopf, verdammter! – Frerksen, hierher!« brüllt er.

Aber Frerksen stolpert dem Blinklicht seines Säbels nach. Er leuchtet vor ihm, verschwindet, strahlt wieder auf ...

Die Musik ändert die Melodie. Plötzlich singen sie alle, schreien, kreischen, lachen: »Wo ist denn nur mein Säbel hin? Säbel hin? Säbel hin? ...«

Der Zug verschwindet um die Ecke. Mit ihm der Oberinspektor.

»Ich glaube«, sagt Tredup erschauernd, »der tut sich heute nacht noch was an.«

4

Kurz vor zehn Uhr trifft der Zug aus Altholm in Stolpe ein.

Stuff hat, müde vom Alkohol, ein bißchen vor sich hingedrusselt. Nun steht er unlustig auf dem Bahnsteig und überlegt, wo er Henning wohl finden könnte. So gut er Altholm kennt, so wenig weiß er vom nächsten Nest, und in Stolpe ist er in seinem ganzen Leben höchstens ein Dutzend Male gewesen.

»Na, jedenfalls versuche ich es auf der Bauernschaft. Ein schönes Kamel bin ich eigentlich, so ins Blaue hineinzufahren.«

Erst einmal aber muß er sich stärken, und als der Kellner im Wartesaal ihm den dritten dreistöckigen Korn serviert, ist die Grundlage für eine Auskunftserteilung da.

»Henning? Nein, so einer verkehrt hier nicht.«

»Der von der Bauernschaft, wissen Sie, von der Zeitung von Padberg.«

»Herrn Padberg kennen wir, aber der ist ja ...«

»Verschütt«, ergänzt Stuff. »Im Kittchen. Das ist alt.«

»Jetzt ist ein junger Mann für ihn da ...« fängt der Kellner an zu erzählen.

»Mensch! Seele! Bruderherz!« ruft Stuff. »Der ist es ja, den ich suche. Der heißt Henning.«

»So, der heißt Henning? Das habe ich nicht gewußt. So ein Junger, Blonder mit blauen Augen? Hat meistens Sportanzug an?«

»Ja. Jawohl. Das ist er. Und verkehrt der hier?«

»Nein, hier verkehrt der nicht.«

»Wo verkehrt er denn?«

»Das könnte ich nicht sagen. Ich bediene nur hier. Aber er hat es wohl viel mit den Mädchen. Man sieht ihn immer mit Mädchen.«

»Und wo geht man hier hin mit Mädchen?«

»Ins Café, Herr, in irgendein Café.«

»Wieviel Cafés gibt es denn hier?«

»Da haben wir erst einmal Café Koopmann.«

»Wo ist das?«

»Das ist am Markt.«

»So. Den Markt weiß ich. Und weiter?«

»Ja, aber ins Café Koopmann geht man nicht mit Mädchen. Das duldet Frau Koopmann nicht.«

»O Gott, Mann«, stöhnt Stuff. »Wo geht man denn hin mit Mädchen?«

»Ins Café Fichte oder ins Café Grand.«

»Wo sind denn die? Schwer zu finden?«

»Ja, wenn Sie hier nicht Bescheid wissen ...«

»Nein! Nein! Gibt es hier eine Taxe?«

»Ja, die gibt es.«

»Hier vor dem Bahnhof?«

»Ja.«

»Dann will ich ...«

»Heute aber nicht«, erklärt der Kellner. »Heute ist die für den ganzen Tag vermietet.«

»An wen denn?«

»An den Rechtsanwalt Streiter.«

»Na, dann kann ich die ja nicht haben.« Stuff seufzt ergebungsvoll. »Dann muß ich sehen, daß ich die Cafés so finde.«

»Im Dunkeln ist das nicht leicht«, sagt der Kellner. »Soll ich dem Herrn noch ein Bier geben?«

»Nein, ich will los. Aber einen großen Korn können Sie mir erst noch bringen.«

Der Kellner bringt den Korn.

»Sie wollen«, fängt er an, »wohl den Herrn in den Cafés suchen?«

»Ja«, sagt Stuff.

»Aber der ist nicht in den Cafés.«

»Nein? Wo ist er denn? Wissen Sie denn das?«

»Der ist doch«, sagt der Kellner gekränkt, »im Hotel zur Krone mit dem Rechtsanwalt Streiter.«

»Und das sagen Sie erst jetzt?«

»Aber ich habe doch nicht gewußt, daß der Herr den Herrn sucht!«

»Das habe ich aber doch gesagt!«

»Ich habe gedacht, der Herr will mit einem Mädchen ausgehen. Da fragen die Herren immer so von weitem her.«

»Unsinn. Aber ich denke, Herr Streiter hat das Auto gemietet?«

»Der Rechtsanwalt ist mit Herrn Henning schon wieder zurück.«

»Na Gott sei Dank. Und wo ist das Hotel zur Krone?«

»Grade gegenüber, Herr. Gleich hier gradeüber.«

5

In der Krone scheint so was zu sein wie das Bauernhauptquartier, alle Tische sitzen dick voll, und die Luft schwirrt nur so von Reden und Rufen.

Stuff blinzelt durch den Tabaksqualm, schiebt dann langsam und suchend durch das Lokal.

In einem Winkel, an einem kleinen Tisch, sitzt Henning mit einem Herrn, der entschieden kein Bauer ist. »Der Rechtsanwalt«, denkt Stuff. »Werde man Justizrat sagen, das tut immer gut.«

Und er legt seine Hand auf Hennings Schulter.

»'n Abend, Henning, 'n Abend, Herr Justizrat. Gestatten, Stuff, Redakteur. Ich darf mich ransetzen?« Stuff setzt sich behaglich. »Also da bin ich, mein Sohn.«

»Das sehe ich«, sagt Henning. Und erläuternd: »Herr Stuff ist von der Chronik in Altholm, Herr Justizrat.«

»Richtig geraten!« denkt Stuff laut. Und weiter: » War. War bei der Chronik.«

»Was heißt war? Haben Sie Schluß gemacht?«

»Was sonst? Wer soll denn hier morgen den Mist bei der Bauernschaft machen?«

»Aber lieber Herr Stuff! Wir haben ja längst einen Vertreter. Ich hätte Sie brennend gern genommen, aber daß Sie frei sein könnten, habe ich wirklich nicht gedacht. Da schreibt man doch mal oder telefoniert wenigstens.«

»Wozu denn das? Ihr wollt doch nicht so einen grünen Jungen, der von gar nichts weiß, den Prozeßbericht machen lassen?«

»Der ist gar nicht grün, der kommt von Berlin, der ist ausgekocht.«

»Also! Der weiß doch nichts von Bauern. Den Prozeßbericht mache ich. Den Jungen laßt man die Provinz und Lokales machen, das ist sauschlecht bei euch in der Bauernschaft.«

»Aber das wird ja viel zu teuer!« sagt Henning.

»Teuer! Natürlich wird das teuer. Ich koste monatlich sechshundert und mache mit euch festen Vertrag auf fünf Jahre«, sagte Stuff gemütlich.

»Bei Ihnen piept es«, erklärt Henning. »Wieso kommen wir dazu?«

»Natürlich kommt ihr dazu. Gerne macht ihr das«, erklärt Stuff.

»Für wünschenswert hielte ich es auch, wenn ein Einheimischer die Prozeßberichte liefert«, äußert Rechtsanwalt Streiter.

»Also, mein Junge, dann ist alles in Butter. In den nächsten Tagen machen wir mit den Bauernschaftsleuten Vertrag. Heute abend genügt mir diese Zusage.«

Henning denkt nach. Schließlich: »Also gut, mach den Prozeßbericht. Später sprechen wir uns noch mal.«

»Recht«, sagt Stuff gleichmütig. »Ihr leckt euch in drei Wochen auch noch alle Finger nach mir ab. Ich habe keine Eile. – Und was den Prozeß angeht, machen Sie ihn mit oder türmen Sie vorher?«

Diese Frage war etwas zu grade. Der Rechtsanwalt verzieht sein Gesicht und Henning schweigt.

»Na, ich will es Ihnen sagen, Henning«, erklärt Stuff. »Bleiben Sie ruhig hier. Es ist für die Mitangeklagten besser und Sie riskieren nichts.«

»Das sagen Sie«, meint Henning.

»Das weiß ich. Wo mich doch ein Stahlhelmassessor in Ihre Akten hat sehen lassen.«

»Die Herren«, sagt der Rechtsanwalt und steht auf, »entschuldigen mich einen Augenblick. Die Toiletten sind wohl dort hinaus?«

Er entschwindet. Die beiden Zurückgebliebenen sehen sich an.

»Nun reden Sie keinen Mumpitz, Stuff«, sagt Henning. »Was steht in den Akten?«

»Daß Sie ein guter, reiner, herziger Junge sind«, strahlt Stuff. »Mutters Herzblättchen. Noch ist die Fliege nicht geboren, die Sie kränken könnten.«

»Klar und deutsch?«

»Klar und deutsch: weder über Vorleben noch Vorstrafen ist etwas Belastendes in den Akten. Und auch von Bomben ist die Luft dort gänzlich rein.«

»Das wird sich wohl so gehören, Stuff«, sagt plötzlich übermütig Henning.

»Wenn Sie Ihren ollen, versoffenen Stuff nicht hätten, mein Junge«, antwortet der zweiflerisch.

6

Tredup macht viele Überstunden.

Es ist lange nach elf, und er hockt noch im Redaktionszimmer und schreibt am Bericht über den heutigen Abend.

Für die Polizei? Gegen die Polizei? Für die Polizei! Gegen die Polizei!

Er möchte es sich an den Knöpfen abzählen.

Am besten ist schließlich ein Mittelweg: Ganz recht haben die Nationalsozialisten, die stramme feine Kerle sind. Außerdem hat man ihnen die Kasse geklaut und die Köpfe blutig geschlagen. Die haben die Sympathien.

Ganz unrecht haben die Kommunisten, die immer so laut schreien, jeden Bürger schlagsüchtig anglotzen, mit einem gestohlenen Säbel paradieren und ständig Zeugnis ablegen für Sachen, von denen man nichts wissen will, als wären sie die Urchristen.

Und so halb und halb recht hat die Polizei. Erstens hätte sie früher dasein müssen. Aber schließlich konnte sie nicht vorher wissen, daß die KPD-Leute einen Überfall machen würden. Zweitens hätte sie forscher vorgehen müssen, aber schließlich war sie wirklich zu schwach. Und drittens hätte das mit dem Säbel überhaupt nicht sein dürfen, aber vielleicht war er wirklich vorher nicht aufzufinden.

Also war es im ganzen ein schwarzer Tag in der Geschichte Altholms, nicht ganz so schlimm, aber beinahe so schlimm wie der 26. Juli.

Als er soweit ist, klingelt das Telefon. Nachts, beinahe um zwölf.

Tredup meldet die Chronik.

»Ja, hier ist Gebhardt. – Was machen Sie denn jetzt noch da? Sie haben sich wohl mit Herrn Stuff verabredet? – Wieso? Na, Sie wissen doch, daß Herr Stuff heute Schluß gemacht hat. Sie erzählen mir das doch schon seit sechs Wochen. – Sie wissen nichts? Meine Angestellten denken immer, ich bin dumm. Nein, danke, Herr Tredup, ich weiß Bescheid. Sie brauchen mir nichts zu erzählen. – Nun, vorläufig muß ich dann ja wohl in den sauren Apfel beißen. Sie machen von morgen ab den Prozeßbericht für die Chronik. Um das Lokale kümmern Sie sich nicht, das bekommen Sie von uns. – Aber ich wiederhole Ihnen: es ist nur eine Probe. Ein Versuch. Es hängt davon ab, wie Sie sich einrichten. – Wir hatten es anders ausgemacht? Wir hatten gar nichts ausgemacht! Es ist immer nur von einem Versuch gesprochen. Und wo Herr Stuff sich in so gemeiner Weise verabschiedet hat ... – Gehalt? Gehaltserhöhung? Leisten Sie erst was! Ich weiß ja noch gar nicht, ob Sie überhaupt schreiben können. Geldverdienen ist schwer. Das fordert sich leicht, aber ich, ich muß es schaffen. – Nein, darüber ist nicht zu reden. Sie brauchen nicht, bitte! Zehn für einen. Also, guten Abend, Herr Tredup.«

Tredup glotzt. Er glotzt genauso, wie sein Vorgänger Stuff manchmal an diesem Platz geglotzt hat.

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.