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Bauern, Bonzen und Bomben

Hans Fallada: Bauern, Bonzen und Bomben - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorHans Fallada
titleBauern, Bonzen und Bomben
publisherRowohlt
year1970
isbn3499106515
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150405
projectida9d0209c
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Viertes Kapitel
Die Städter kämpfen – aber gegeneinander

1

Bürgermeister Gareis fragt vorsichtig: »Sie sind sicher, Herr Doktor, daß Sie sich nichts eingebildet haben? Ich meine, nicht geträumt haben in der Betrunkenheit?«

Dr. Hüppchen in dem großen Ledersessel sagt eifrig: »Ich war eigentlich gar nicht betrunken. Ich war ganz klar und plötzlich war ich weg.«

Gareis wiegt den Kopf hin und her: »Es ist eine kitzlige Geschichte. Hinterher ist es schwer, Nüchternheit und Rausch scharf abzugrenzen.«

»Aber die haben mich doch wieder angezogen, als ich bewußtlos war. Herr Bürgermeister, so kann ich mich nicht angezogen haben. Die Unterhosen haben sie mir in die Hosentaschen gesteckt!«

»Ja, gewiß. Immerhin, Herr Doktor, ich nehme an, diese Mitteilungen haben Sie mir privat gemacht, nicht dem Polizeiverwalter.«

Dr. Hüppchen sieht den Bürgermeister trotzig an: »Herr Polizeiverwalter«, beginnt er.

Aber Gareis greift rasch ein: »Sie sind ein Bürger dieser Stadt. Sie verdienen Ihr Geld in ihr. Und grade unter den Kaufleuten, den Gewerbetreibenden. Sie meinen, Manzow ist der Hauptschuldige ...«

»Ja, Manzow hat alles angestiftet.«

»Gut. Nun, Sie wissen doch, daß Manzow so was wie ein Wirtschaftsführer in unserer Stadt ist. Lieber Herr Doktor, empören Sie sich doch nicht. Das ist so. Ob mit Recht oder Unrecht, genug, er ist der Mann der Wirtschaft.«

»Und deshalb soll er straflos ...«

»Glauben Sie, ich weiß nicht ganz andere Geschichten? Er soll auch nicht deshalb straflos sein, sondern darum, weil Sie ihn brauchen. Gesetzt den Fall: Sie stellen Strafantrag. Gesetzt den Fall: dem wird stattgegeben, es kommt zur Verhandlung. Was spricht denn dagegen, daß die Richter dies nicht einfach als eine besoffene Geschichte ansehen? Auf Herrenabenden passieren noch ganz andere Sachen. Und dann das Ergebnis: Freispruch. Über den Manzow lachen die Leute höchstens: vergnügtes Haus, das ist doch noch kein Spießer, werden sie sagen, macht mal 'nen Spaß. Aber Doktor Hüppchen zieht in eine andere Stadt, weil er hier seine Kunden los ist«

Hüppchen starrt vor sich hin: »Aber es war so schmählich! So gemein! Wie soll ich mit den Herren noch reden können, wenn ich sie wiedertreffe? Ich schäme mich so.«

Fast fröhlich sagt Gareis: »Natürlich können Sie das, Herr Doktor. Sie haben ja nichts Schmähliches getan, das waren ja die andern. Warum sollten Sie sich für die schämen?«

»Eigentlich haben Sie recht«

»Sie haben also mit mir privat gesprochen?«

»Ja. Jawohl. Privat Herr Bürgermeister, ich danke Ihnen auch ...«

»Halt, einen Augenblick!« Gareis winkt dem aufstehenden Besucher ab. »Lieber Herr Doktor, Sie haben mir gar nichts zu danken, jetzt kriegen Sie nämlich erst einmal das Fell voll. Denn Sie, Sie allein sind an der ganzen Sache schuld.«

Dr. Hüppchen ist vollkommen verblüfft: »Ich –?«

»Sie leben unter Bürgern, unter Bürgern wollen Sie Ihre Geschäfte machen. Da müssen Sie auch ein Bürger sein. Sie trinken nicht, Sie rauchen nicht, Sie essen kein Fleisch. Sehen Sie, Herr Doktor, das geht eben nicht. Nicht in Altholm. In Berlin geht das, in Leipzig geht das, nicht in Altholm.

Neulich, auf der Festsitzung, sagt einer zu mir: <Welches Schwein säuft denn da Limetta?> Das Schwein waren Sie und der Mann hatte von seinem Standpunkt aus vollkommen recht«

Dr. Hüppchen holt weit aus. »Meine Überzeugungen ...«

»Weiß ich, Doktor, weiß ich. Aber wir sind nicht ewig zwanzig, wir wollen Geld verdienen, wir wollen vorwärtskommen, wir wollen was sein, wollen was zu sagen haben. – Soll ich Ihnen verraten, warum ich zum Bürgermeister gewählt worden bin, mit den Stimmen der Rechten?«

»Ja –?«

»Weil ich so fett bin. Weil ich ein dickes Schwein bin. Das beruhigt die. Wäre ich zehnmal so tüchtig, aber mager, sie hätten geschrien: was, so ein roter Treiber! So ein Bluthund! – Und ich will Ihnen auch verraten, warum die jetzt alle gegen mich sind. Weil ich gegen den Strom schwimme, weil ich den Frerksen halte. Die untersuchen nicht. Die haben Malesche gehabt und nun muß ein Sündenbock her. Da muß einer geschlachtet werden. Und weil ich nicht schlachten lasse, darum jagen die jetzt gegen mich. So ist das.«

»Ja, vielleicht haben Sie recht.«

»Sicher. Sicher. Und es kann wohl sein, daß es mir noch gehen wird wie Ihnen, daß sie mir auch das Hemd noch ausziehen, weil ich diesmal nicht so bin und will wie die.«

Der Bürgermeister schnauft. Plötzlich schlägt er knallend mit der Hand auf den Tisch: »Aber man soll auch mal anders sein wie die. Man soll sich auch mal anstemmen. Sonst geht die Welt gar nicht weiter. Also halte ich den Frerksen.«

Gareis lacht: »Außerdem muß ich ihn um der Genossen willen halten. Es geht um das Prestige der SPD. Es ist eine der spaßigsten Geschichten auf dieser Welt, daß man die Sachen, die man tut, meistens nicht darum tut, weil man sie mag. Sondern aus ganz andern Gründen. Na, jedenfalls sind die Bürger vorläufig die Leidtragenden, und der Bauer lacht. Da sind sie jetzt sicher schon versöhnen.«

Dr. Hüppchen ruft: »Aber die Versöhnung ist doch schiefgegangen! Darum haben die sich doch gestern abend besoffen!«

Und wird blutrot.

Gareis sagt nachdenklich: »Ich habe mich schon die ganze Zeit über Ihre seltsame Tischrunde gewundert. Das war also die Versöhnungskommission! Und die Bauern haben nicht gewollt?«

Dr. Hüppchen: »Ich habe mich eben versprochen. Ich habe mein Ehrenwort gegeben ...«

Und Gareis: »Erledigt, Herr Doktor! Sie haben mir nichts gesagt. Und dem Manzow gebe ich gelegentlich einen Wink. Er soll Sie zufriedenlassen.«

»Ich danke, Herr Bürgermeister!«

»Ja, schon gut. Möglich, daß ich bald einmal was für Sie habe. Guten Morgen, Herr Doktor.«

2

Sekretär Piekbusch kommt auf das Klingeln von Gareis.

»Der von der Chronik ist der nächste.«

»Sagen Sie, Piekbusch«, sagt der Bürgermeister langsam und sieht seinen Sekretär sehr an. »Der Geheimbefehl hat sich noch immer nicht gefunden?«

»Nein. Ich kann Ihnen schwören, Herr Bürgermeister, damals, als die Verbindung getrennt wurde, habe ich ihn wieder ins Schubfach gelegt. Ich weiß es bestimmt.«

»Und ist es Ihnen auch nicht wieder eingefallen, was darin stand?«

»Nein, ich weiß nichts. Man war ja damals so aufgeregt ...«

»Wenn in dem Befehl steht, was ich denke, hat eigentlich nur die Bauernschaft ein Interesse daran. – Und jetzt den Tredup!«

Tredup kommt leise herein. Schon in der Tür fängt er an zu sprechen: »Ich wollte Ihnen danken, Herr Bürgermeister. Ich habe gehört, Sie wollten damals im Gefängnis ...«

Er bricht ab. Der Bürgermeister steht hoch und massig hinter seinem Schreibtisch, bietet ihm nicht die Hand, keinen Stuhl. Er sagt knurrig: »Ja, Herr Tredup, das war einmal. Und was macht ihr jetzt für Schweinereien auf der Chronik? Paktiert mit den Bauern? Hetzt gegen die eigene Stadt? Wer im Kampfe seinen Freunden in den Rücken fällt, ist ein Feigling und ein Verräter. Das können Sie ruhig Ihrem Herrn Stuff sagen. Und Sie schreiben sich das auch hinter die Ohren.«

»Herr Bürgermeister, ich bitte Sie! Es ist alles ganz anders ...«

Aber der Bürgermeister will sich nicht erbitten lassen, er bleibt ungnädig: »Ach was, anders! Fabrizierte ›Eingesandt‹, bloß um zu hetzen und zu schüren. Redereien von Polizeiterror, Blutdurst. Ich sage Ihnen, Herr, ich habe Ihren Artikel über Polizeiterror der ganzen Polizei vorgelesen. So, habe ich gesagt, beurteilt euch die Chronik, das ist euer dicker Freund, mit dem ihr saufen geht Der sollte euch doch kennen und jetzt fabelt er vom Blutrausch der Polizei!«

»Aber, Herr Bürgermeister, Herr Stuff hat es doch gemußt! Als die ganze Presse gegen die Polizei war, hat Herr Gebhardt gesagt – Sie wissen doch, Herrn Gebhardt gehört jetzt die Chronik?«

»Weiß ich. Was hat er gesagt?«

»Er hat Stuff vorgeschickt. Ihre Leser, hat er gesagt, lesen das gerne. Und da können wir den Sozis fein eins auswischen. Da bleibt was hängen für die Wahlen.«

»Haben Sie gehört, daß der Gebhardt das gesagt hat?«

»Nein, ich nicht. Stuff hat es mir erzählt«

»Sie reden zuviel rum, Tredup. Sie können nicht überall zugleich sein. Sie haben auch zu saufen angefangen. Lassen Sie das. – Na, setzen Sie sich erst mal.«

Sie setzen sich.

Tredup sagt still und bescheiden: »Ich bin auch der SPD beigetreten, Herr Bürgermeister. – Meine Sympathien sind bei Ihnen, nur daß ich mein Geld ja leider bei den andern verdienen muß.«

»So? Sie sind also der SPD beigetreten? Das ist ja ganz schön. Vielleicht kann man mal was für Sie tun. – Und was ist es mit den Eingesandt?«

»Aber die Eingesandt sind doch echt! Die hat der Stuff nicht fabriziert! Das letzte, den Offenen Brief, habe ich selber einem Bauern abgenommen, der ihn uns gebracht hat.«

»Ist er noch da? Können Sie mir den mal zeigen?«

»Ich weiß nicht. Wenn er noch da ist, hat ihn Stuff.«

»Und wie hieß der Bauer?«

»Kehding glaube ich. Ja, bestimmt, Kehding.«

»Und aus welchem Ort war er?«

Tredup zögert. Dann: »Ich weiß nicht mehr. Ich glaube, es hat nicht draufgestanden.«

»Aber er wird es schon gesagt haben, woher er ist. Sehen Sie, das ist Ihr Fehler, alles halb. Sie taugen nichts.«

»Aber ich weiß den Ort wirklich nicht«

»So besorgen Sie mir den Wisch.«

»Ich will es versuchen. Wenn ich es kann, will ich es bestimmt tun.«

»Tun Sie es nur bestimmt.«

Pause. Der Bürgermeister sieht mit gerunzelter Stirn vor sich hin.

»Nun ja«, sagt er schließlich. »Am Ende kann sich ein Zeitungsmann der Menge nicht entziehen. Wenn es Ihren Lesern gefällt. Hat es ihnen denn nun gefallen?«

Tredup sagt stolz: »Fünfunddreißig Exemplare hatten wir im Bahnhofsverkauf.«

»So. So. Das ist nicht sehr viel, was?«

»Wo wir sonst manchmal nur zwei haben!«

»Dann ist es viel«, bestätigt der Bürgermeister. »Und die Abonnenten?«

»Gott, die Abonnenten sind doch nun mal an ihre Chronik gewöhnt. Das sind doch alles alte Leute. Da kann drin stehen, was will, es gefällt ihnen.«

»Alles alte Leute? Wir haben doch keine siebentausend alte Leute in Altholm?«

»Siebentausend? Glauben Sie denn auch an die siebentausend? Wir haben doch keine siebentausend Abonnenten!«

»Ich glaube gar nichts. Ich habe nur gehört, daß die Chronik mit einer Bescheinigung krebsen geht, daß sie siebentausend Abonnenten hat.«

»Die Bescheinigung gibt es«, bestätigt Tredup eifrig. »Ich geh doch selber damit Inserate werben. Aber die Bescheinigung ist alt, schon über drei Jahre. Und wir verlieren doch jeden Monat sechzig, achtzig Abonnenten.«

Gareis rechnet: »Dann hätten Sie ja nur noch viertausendfünfhundert Abonnenten?«

»Ja. Nein. Ich glaube nicht, daß wir die noch haben. Ich bin mal bei den Büchern gewesen, wie der Wenk – das ist unser Geschäftsführer – in Urlaub war. Da komme ich höchstens auf viertausend.«

»So. Na ja. Schließlich machen das fast alle Zeitungen, mal gröber, mal feiner. Natürlich nicht die wirklich großen, aber die mittleren und die kleinen alle. Da ist nichts Besonderes dabei. Wer hat denn die Bescheinigung ausgestellt? Ein Notar?«

»Ja. Notar Pepper am Marktplatz. Aber damals war alles in Ordnung. Damals stimmte es noch.«

»Schön. Gut. Können Sie mir wohl mal die Bescheinigung zeigen, Tredup?«

»Schlecht. Nein, wirklich, Herr Bürgermeister, ich täte es so gerne, aber der Wenk hat sie im Geldschrank und ich kriege sie nur in die Finger, wenn ein neuer Kunde mit einem großen Auftrag winkt.«

»Hindernisse«, sagt der Bürgermeister ungnädig. »Bei Ihnen hat man ewig Hindernisse. Man muß auch mal schneidig sein können, was wagen.«

»Ich will es ja gerne versuchen. Der Wenk läßt manchmal den Schlüssel am Geldschrank stecken, wenn er einen heben geht. Aber bis hierher zum Rathaus damit? Genügt es nicht, wenn ich eine Abschrift bringe?«

»Abschrift! Abschrift! Na ja, meinethalben auch eine Abschrift. Aber es müßte heute noch sein.«

»Heute? Ich weiß doch nicht, ob der Wenk heute noch trinken geht.« Eilig: »Aber ich will sehen, vielleicht macht es sich.«

»Also sehen Sie zu. Na, denn auf heute abend. Wenn ich nicht hier bin, können Sie es ruhig meinem Sekretär Piekbusch geben.«

»Und nicht wahr, Herr Bürgermeister, Sie denken auch mal an mich? Wenn ein Hausmeisterposten frei wird? Jetzt, wo ich in der Partei bin?«

»Guten Morgen, Herr Tredup. Ich denke auch mal an Sie. Natürlich tue ich das. Guten Morgen.«

»Guten Morgen, Herr Bürgermeister. Und auch schönen Dank!«

3

Gareis lacht strahlend und fett, als Manzow bei ihm eintritt: »Mensch, Franz, wie siehst du aus! Ganz grün und gelb, der reine Frühlingswald. Kommt das vom Saufen?«

»Von den Sorgen kommt das«, sagt Manzow mürrisch. »Seit dein Frerksen den Salat angerührt hat, stocken alle Geschäfte.«

»Die stocken jeden Sommer«, sagt der Bürgermeister gleichmütig. »Nur diesmal habt ihr das Schwein, daß ein Prügelknabe da ist ... Aber wirklich, Franz, du solltest nicht soviel saufen. Es bekommt dir nicht.«

»Mir tut Alkohol nichts.«

»Ja, wenn du mager wärst! Aber bei uns fetten Leuten schlägt der Alkohol immer aufs Herz. Ich habe schon bei jedem halben Liter Angst, den ich trinke.«

»Ich nur bei jedem halben Liter, den ich nicht trinke.«

Doch Gareis ist hartnäckig: »Aber, wirklich, Franz, du siehst schlecht aus. So was bekommt dir nicht. So was solltest du jetzt lassen.«

»Was was?«

»Na ja, in einem halben Jahr sind die Wahlen. Und ein anständiges Lokal ist das Rote Kabuff auch nicht grade.«

Manzow glotzt, aber sehr kurze Zeit nur. »Da soll doch der Henker ... Wer hat denn da schon wieder –? Kaum ist man im Haus, da weiß schon der Polizeichef ... Ich sage dir, Bürgermeister, du solltest diese Nutten nicht als Spitzel gebrauchen.«

»Ihr macht es zu schlimm, Franz. Die Leute zerreißen sich die Mäuler. Und dann, mit wem machst du so was? Mit einem Autochauffeur, mit einem jungen Dachs! Das muß ja Stunk geben!«

Einen Augenblick ist Manzow klein: »Gott ja, ich habe es mir nicht überlegt. Ich war so wütend. Was war schiefgegangen. Aber ...« Und schon bekommt er wieder Oberwasser: »Aber du hast es auch grade nötig, dich aufzupusten. Ich sage bloß Stettin.«

Der Gareis bleibt ungerührt: »Stettin ist Stettin und Altholm Altholm. – Warum warst du denn so wütend?«

»Gott, die Geschäfte! Glaubst du, die Hausierer verkaufen ein Paar Schnürsenkel?«

»Und das feierst du mit einem Chauffeur, mit einem Medizinalrat und mit einem Bücherrevisor? Haben euch denn die Bauern so arg abfallen lassen?«

Diesmal verschlägt es dem Manzow etwas länger die Rede. Schließlich: »Das weißt du aber nicht durch die Nutten!«

Gareis sonnt sich ein bißchen. Gareis prahlt ein bißchen. »Ich weiß alles, Franz. Hier –« er tippt auf den Schreibtisch, »hier laufen die Fäden zusammen. Ihr seht immer nur ein Eckchen. Ich habe den großen Überblick.«

»Wer hat da wieder nicht dichtgehalten –?« grübelt der Grossist.

»Übrigens«, sagt Gareis gleichgültig, »wieviel Auflage, glaubst du, hat die Chronik?«

»Die Chronik? Das kann ich dir genau sagen. Ich inseriere doch da. Siebentausend.« Mißtrauisch: »Wieso kommst du plötzlich auf die Chronik?«

»Gar nichts. Das fiel mir grade ein.«

»Hat Stuff was erzählt? Aber Stuff kann nichts wissen. Stuff – Lienau, der Medizinalrat! Das Schwein wollte auch sein Ehrenwort nicht geben.«

»Aber es kann dir doch piepe sein, woher ich es weiß. Hauptsache, daß ich weiß, die Versöhnung ist erledigt.«

»Quatsch! Wenn der Stuff diese Äppelei von den Bauern gestern in die Zeitung bringt, bin ich erledigt, lächerlich geworden.«

»Bist du! Wie kann man sich auch so nasführen lassen.«

»Deswegen bin ich ja so wütend. Aber ich dachte, Bauern, Gott, was sollen die schon viel tun? Und dann hetzen Sie einen fünf Stunden im Auto über Land, bis man in der eigenen Viehhalle landet.«

Gareis lacht schallend.

»Du, Bürgermeister, das hast du aber noch nicht gewußt!«

»Natürlich hab ich das. Ich will dir nur begreiflich machen, wie sich deine Mitbürger freuen werden, wenn sie das lesen.«

»Na, nicht so hoch raus! Bei manchen Punkten werden sie auch ›Ja‹ schreien, so wenn sie lesen, daß du und der Frerksen abgesetzt werden sollt.«

»Möglich. Und bei anderm schreien sie ›Nein‹. Was gibst du, wenn ich dafür sorge, daß keine Altholmsche Zeitung was von dem Kohl bringt?«

»Wir machen mit dir mit, Franz. Wir folgen deinen Vorschlägen.«

»Gott«, sagt der Bürgermeister. »Was für ein kostbarer Lohn! Was bleibt euch denn jetzt anderes übrig? Das eine ist schiefgegangen, müßt ihr eben das andere tun.«

»Siehst du«, sagt Manzow mit Nachdruck. »Alles weißt du eben doch nicht.«

»Was weiß ich nicht?«

»Von den Telegrammen weißt du nichts und von der Kommission, die morgen früh abreist, weißt du auch nichts.«

»Gott, Wichtigkeit! Was ist es denn? Wollt ihr wieder versöhnen?«

»Tu doch nicht so, Bürgermeister! Wenn ich dir das erzähle, wenn ich mein strenges Schweigegebot verletze, sorgst du dann dafür, daß die Zeitungen die Fresse halten?«

»Die Altholmschen ja. Gegen die andern kann ich nichts machen.«

»Gut. Das ist fest abgemacht? – Wie also unsere Leute heute früh hörten, es ist nichts mit der Versöhnung und der Boykott geht weiter, da waren alle Hosen randvoll. Und um sie zu beruhigen, haben alle Organisationen einen Telegrammregen über Temborius niedergehen lassen, daß der vermitteln soll, die Untersuchung beschleunigt, die Schuldigen bestraft.

Und morgen reist eine Kommission zum Temborius und stellt ihm vor, wie schlimm der Boykott ist, weil du doch überall erzählst, er tut keine Wirkung.«

»So? Und du bist da auch dabei?«

»Ich bin natürlich dabei. Ich bin sogar Wortführer.«

»Und was willst du eigentlich hier?«

»Sagen, daß wir deine Vorschläge annehmen von neulich. Wir machen mit: Boykott gegen Boykott.«

Der Bürgermeister war so finster wie die Nacht, war so wütend wie ein Bulle. Der Manzow hatte nur artig antworten dürfen, sonst nichts. Ängstliche, eilige, schielende Seitenblicke wirft er nach dem Zürnenden, sehr besorgt, sein Auge zu vermeiden, voller Angst vor dem Ausbruch.

Der kommt, aber anders wie erwartet. In einem dröhnenden Gelächter löst der Bürgermeister Spannung und Wut.

»Oh, ihr Kälber!« schreit er. »Ihr Einerseits-Andrerseits-Hammel! Meine Vorschläge annehmen und zum Präsidenten fahren und meine Bestrafung verlangen! Ihr Ochsen! Ihr Idioten!«

»Deine Bestrafung?« fragt ernst Manzow. »Die Bestrafung der Schuldigen.«

»Geh, Franz, bitte geh! Mein Bedarf an Humor ist gedeckt. Also, ihr kämpft – bis auf weiteres – in meiner Front? Die Wirkung des Boykotts wird geleugnet? Die Bauern auf dem Markt werden boykottiert? Schweigen über den 26. Juli?«

»Ja. Ist alles beschlossen.«

»Gut. Sehr gut. Also, Franz, dann wünsche ich euch morgen viel Glück in Stolpe. Ich kann leider nicht hin. Muß nach Stettin, wegen Blosseregulierung. Du kommst dann übermorgen und erzählst mir. Atjüs derweilen.«

»Atjüs, Bürgermeister.«

Der dicke Gareis starrt. Er hat ein Gefühl: es ist alles so läppisch, es ist alles so dumm, es ist alles so blödsinnig – es lohnt ja alles nicht. Warum knie ich mich hinein mit meiner ganzen Person? Mit meiner ganzen Arbeit? Ich bin genauso blöd.

Er hat ein anderes Gefühl: Dies geht nicht gut aus. Dies kann nicht gut enden.

Drittens weiß er: Er muß handeln. Immer weiter den Weg, da man nicht zurück will und beispielsweise den Frerksen preisgeben. Er muß auf den Klingelknopf drücken und Assessor Stein holen lassen. Es muß schnell gehandelt werden, ganz schnell.

Es lohnt sich nicht. Außerdem geht es nicht gut aus. Aber handeln muß ich.

Er drückt auf den Klingelknopf.

»Schicken Sie mir Assessor Stern. Und kommen Sie mit ihm zurück.«

Als die beiden da sind:

»Kinder, es geht jetzt wirklich los. Ich fahre sofort nach Berlin zum Minister. Die hetzen den Temborius gegen uns. Hetze ich den Minister. Offiziell bin ich in Stettin wegen der Blosseregulierung. Das Auto bringt mich bis nach Stettin. Morgen abend bin ich zurück.

Drehen, winden, ausweichen, Stein. Verstanden? Und noch eins: der Schnüffler Tredup wird einen Brief bringen, Piekbusch. Sagen Sie, es ist gut. Und sorgen Sie, daß der nicht wieder verlorengeht. Am besten tragen Sie ihn bei sich.

Wenn ich nur den Minister erwische. Der Frerksen soll sich möglichst wenig auf der Straße sehen lassen, Stein. Also macht es gut, alle mittersamt! Guten Morgen, Kinder!«

Er schnauft schon auf dem Gang.

4

»Sag mal, willst du heute gar kein Mittag machen?« fragt Wenk den Tredup, der ziellos und zerfahren in den Räumen der Chronik umherstreicht.

»Ich warte auf Stuff, ich muß ihn noch sprechen.«

»Stuff ist doch heute auf dem Schöffengericht. Der kommt doch nicht vor vier.«

»Dann ruft er mich noch an. Er weiß, daß ich warte«, lügt Tredup und streicht wieder ab, durch die Redaktion in die Setzerei, in den Maschinensaal, wo aus der Rotationspresse die ersten Exemplare der neuesten Chronik kommen.

Er fischt sich ein Blatt, noch eines für Wenk, und taucht wieder in der Expedition auf.

»Da. Das Neueste.«

Aber er hat keine Ruhe zum Lesen und fragt Wenk über die Zeitung fort: »Du, sag mal, Wenk, was steht eigentlich auf unserer Bescheinigung? Siebentausend oder siebentausendzweihundert?«

»Siebentausendeinhundertsechzig. Warum willst du das denn wissen?«

»Ach, der Fritze aus dem Warenhaus wollte eine Beilage machen und darum die ganz genaue Zahl. Du bist doch sicher?«

»Siebentausendeinhundertsechzig. Das weiß ich genau.«

Pause, Wenk liest eifrig. Tredup zergrübelt sein Hirn. Er schielt nach dem Geldschrank, an dem die Schlüssel stecken, in dem die Bescheinigung liegt, fünf Schritte ab, unerreichbar. Und der Bürgermeister wartet.

»Eigentlich ist es doch eine verdammt mulmige Sache mit so 'ner Bescheinigung. Eigentlich ist es doch direkter Schwindel, Wenk. Hat der Gebhardt denn gesagt, daß wir sie noch weiter benutzen sollen?«

»Gewiß hat er das gesagt.«

»War da jemand bei, als er das gesagt hat?«

»Nein.«

»Und du glaubst, wenn es mal rauskommt, daß es Schwindel ist, und du oder ich, wir stehen vor Gericht, er hebt den Finger hoch und schwört, daß er uns den Auftrag gegeben hat?«

»Wie soll denn das rauskommen? Außerdem haben wir ziemlich siebentausend.«

»Na na. Das Zählwerk an der Rotationsmaschine zeigt ganz was anderes.«

»Quatsch nicht. Das Zählwerk ist schon seit einem halben Jahr kaputt.«

»Aber der Papierverbrauch? Danach kann man doch nachrechnen, wie groß unsere Auflage ist?«

»Wer soll denn unsern Papierverbrauch nachrechnen? Das kann ich ja nicht mal. Der Maschinenmeister sagt, wenn die letzte Rolle dran kommt, und dann bestell ich wieder.«

»Aber mit den Beilagen! Wenn wir nun irgendeinen Prospekt beizulegen haben und der schickt uns siebentausendzweihundert, wo bleibt dann der Rest?«

»Dann haben wir billige Heizung für den Bleiofen. Und nun laß mich endlich meine Zeitung in Ruhe lesen.«

»Aber das ist doch direkter Beschiß!«

»Natürlich ist es das. Du hast freilich noch niemanden beschissen. Also reg dich bitte auf.«

Stille. Tredup nimmt seine Wanderung wieder auf, kommt in die Setzerei, wieder zurück, bleibt bei Wenk stehen.

»Hast du eigentlich schon gehört, daß die Chronik eingehen soll?«

»Unsinn, das müßte ich wissen.«

»Daß wir alle abgebaut werden sollen?«

»Quatsch. Gebhardt hätte sich grade die Kosten gemacht, das Blatt zu kaufen, wenn er's gleich eingehen lassen will.«

»Aber er ist die Konkurrenz los.«

»Wenn er die Chronik eingehen läßt, kommt ein anderer und macht ein neues Blättel auf. Dann hat er eine frische Konkurrenz auf der Nase.«

»Ob der Gebhardt das Blatt nach der Bescheinigung gekauft hat oder ob er den richtigen Abonnentenstand kannte?«

»Das frag ihn man.« Und Wenk blättert seine Zeitung um.

»Ich glaube, du hast auch gar nicht die richtige Bescheinigung hier. Unsere hier ist eine Abschrift ohne Unterschrift.«

Wenk haut auf den. Tisch. »Nun laß mich endlich mit dieser verdammten Bescheinigung zufrieden. Du bist doch heute rein verrückt.«

Tredup marschiert ab. »Das war eine Niederlage. Noch mal darf ich nicht davon anfangen.«

Er treibt sich ziellos bei den Setzern herum und geht wieder zurück. Als er im Redaktionszimmer ist, hört er auf der Expedition reden. Er bleibt stehen und lauscht.

»Ja«, sagt grade Wenk. »Ihr Mann ist noch da, Frau Tredup. In der Setzerei. Nehmen Sie ihn bloß mit, der hat heute Pfeffer im Po und quengelt ewig.«

»Ist er hier auch so? Warum ist er denn noch hier? Er hat doch schon seit einer Stunde Mittag.«

»Weiß ich's? Er sagt, er will auf Stuff warten. Aber Stuff kommt nicht vor vier.«

»Sagen Sie, Herr Wenk, ist mein Mann nicht ganz anders?«

Wenk weicht aus: »Ein bißchen nervös, was? Das macht das Kittchen.«

»Tut er denn noch was?«

»Ja, Frau Wenk, da fragen Sie am besten Herrn Gebhardt. Zeugnisse darf ich nicht ausstellen, das macht der Chef selber.«

»Und ich geh auch zu ihm!« sagt die Frau. »Die haben mir meinen ganzen Mann verdorben.«

»Welche die?«

»Der Stuff, der ihn zum Saufen und Huren verführt hat. Und die ihm Geld gegeben haben, der Gareis und der Frerksen.«

»Hat er denn wirklich Geld bekommen? Und von Frerksen auch? Für was denn?«

»Natürlich hat er Geld bekommen. Aber er gibt es nicht raus. Er hat es irgendwo an der See vergraben. Im Schlaf redet er davon.«

»Was soll denn Gebhardt dabei machen? Dem Gebhardt erzählen Sie lieber nichts davon, sonst schmeißt er Ihren Mann raus.«

»Der soll lieber den Stuff rausschmeißen. Der Stuff ist der schlimmste. Und ich bringe die beiden noch auseinander, das schwöre ich. Und ich weiß auch ein Mittel.«

»Was denn für eins?«

»Das möchten Sie wissen. Daß Sie es Ihrem Stuff erzählen ...«

Aus dem Redaktionszimmer kommt Tredup geschlendert. »Also gehen wir essen, Elise.«

Die Frau sieht ihn kurz an, gibt dem Wenk die Hand. »Wiedersehen, Herr Wenk.«

»Wiedersehen, Frau Tredup. Das seh ich gern, wenn der Feldwebel einen abführt.«

Sie gehen. Frau Tredup einen Schritt voraus. An der schmalen dunklen Gasse, einem Durchgang, der den Burstah und die Stolper Straße verbindet, sagt Tredup: »Linksrein. Das ist kürzer.«

Die Frau zögert einen Augenblick und biegt links ein.

Sie geht vorn. Zwischen dunklen Brandmauern. Die Gasse ist eng, zwei Meter breit, leer.

Plötzlich fühlt sich die Frau von hinten angefaßt, herumgerissen, und sieht in ein wutbleiches Gesicht.

»Max!« ruft sie.

Ihr Mann sagt nichts. Mit einer Hand drückt er die Frau gegen die Wand, mit der andern holt er aus und schlägt ihr drei-, viermal hart ins Gesicht.

Sie starrt ihn an. Zwischen den Haaren hervor, die in die Stirn gefallen sind, kommt ihr Blick, voll Angst.

Er sieht sie einen Augenblick an, sein Zorn beginnt zu zergehen.

Da macht er rasch kehrt und läuft wieder zurück zur Chronik.

Wenk glotzt auf. »Na, ausgerissen?« grinst er.

»Was die sich einbildet!« schimpft Tredup. »Neue Moden. Hier einen abholen. Die kurier ich, sage ich dir, Wenk, aus dem Handgelenk kurier ich die!«

»Wenn du denkst, daß das die richtige Kur ist?«

»Grade. – Hat der Krüger Bayrisch?«

»Warum soll der Krüger kein Bayrisch haben? Hat er doch immer gehabt.«

»Holst du uns zwei Halbe? Ich gebe aus.«

»Jetzt direkt vor dem Essen? Meine Frau riecht das.«

»Was geht das deine Frau an, wenn ein Geschäftsmann dich zu einem Glase Bier einladet? Sollst du einen Kunden verprellen, weil deine Frau keinen Biergeruch am Vormittag mag?«

»Recht hast du! Ich werde den Fritz schicken.«

»Schick den Fritz nicht, geh selber. Die Setzer quatschen so schon genug über unser Biertrinken.«

»Rück Geld raus.«

»Hier.«

»Weißt du was? Ich werde anrufen, der Krüger kann rüberschicken.«

Tredup, direkt am Geldschrank stehend, mit dem Rücken die Schlüssel verdeckend: »Daß wir noch eine Stunde warten können. Jetzt zum Mittag muß doch beim Krüger alles bedienen.«

»Na, werde ich gehen.«

»Endlich kapierst du das! Du kannst wohl den kleinen Weg machen, wenn ich einen halben Liter spendiere.«

»Ich geh ja schon.«

Kaum ist er raus, reißt Tredup die Geldschranktür auf. Drei kleine Schubladen sind im Schrank, außer den Kassen- und Bücherfächern.

In der ersten liegen Angestellten- und Invalidenkarten.

In der zweiten aller möglicher Dreck.

In der dritten – Gottlob, er hat sie. Aber Zeit ist nicht zum Abschreiben. Er steckt sie in die Tasche, muß am Abend sehen, wie es sich macht, sie zurückzulegen.

Tredup hält achtsam die Schlüssel an, daß sie nicht pendeln, geht auf und ab. Das Papier brennt in seiner Tasche.

Dann trinken sie ihr Bier und dann kommt Fräulein Klara Heinze, um Wenk abzulösen, damit der auch Mittag machen kann.

Wenk schließt den Geldschrank ab, seinen Schreibtisch zu, setzt den Hut auf.

»Na denn Mahlzeit!«

»Mahlzeit!«

In der Tür bleibt er noch einmal stehen: »Bleibst du hier, bis ich wiederkomme, Tredup?«

»Ja. Ich warte auf Stuff. Bestimmt«

»Dann laß ich dir den Geldschrankschlüssel hier. Es kann sein, daß ein Bote von den Nachrichten wegen Geld kommt. Achthundert. Die Quittung liegt im Fach.«

»Schön, also Mahlzeit.«

»Mahlzeit.«

Tredup setzt sich auf dem Redaktionszimmer an seine Maschine, zieht die Bescheinigung aus der Tasche und fängt an, sie abzutippen.

»Das hätte ich billiger haben können.«

5

Thiel hat in einer Dachkammer der Zeitung Bauernschaft Unterschlupf gefunden.

Eigentlich ist es nicht einmal eine Kammer, sondern nur das, was man in dieser Gegend eine Abseite nennt, ein Abschlag unter der Dachschrägung mit einer kleinen Glasscheibe, die an einem Eisenstab hochgeschoben werden kann. In einer Ecke liegt Gerümpel: zerbrochene Setzerschiffe, unbrauchbare Walzen, Maschinenteile. Unter dem Fenster hat ihm Padberg ein paar Woilachs hingeworfen und einen Stapel Romane. Besprechungsexemplare: »Daß du dich nicht langweilst.«

Hier, Bretterwand an Bretterwand mit dem Klo der Zeitung, verbringt Thiel seine Tage. Eigentlich läuft tagsüber ständig nebenan der Spülungskasten und was Thiel noch an Illusionen über die Spezies Mensch besaß, er hat es längst verloren beim Anhören der ewigen Verdauungsgeräusche auf dem Klo.

Aber er darf sich nicht rühren, niemand im Haus darf auch nur ahnen, daß einer oben ist. Nach Feierabend bringt Padberg zu essen, zu rauchen, zu trinken, zu lesen. Er ist gar nicht filzig, er läßt es sich (oder die Bauernschaft) was kosten, den Gast bei guter Stimmung zu halten, aber er ist unerbittlich in seiner Strenge, ihm jeden Schritt aus dem Haus zu verbieten.

Bei Tage ist Thiel eingeschlossen, ein regelrechtes handfestes Vorhängeschloß liegt vor seinem Stall. Er könnte ja nun versuchen, die Krampen loszukriegen, aus einem Maschinenteil läßt sich schon ein Werkzeug zurechtmachen. Aber er hat genug von dem Intermezzo mit Padberg, als er an einem Abend auf die Straße gelaufen war und ausgerechnet dem in die Quere.

Padberg hatte ihn ruhig am Arm genommen, gemütlich plaudernd war er mit ihm auf das Redaktionszimmer zurückgegangen. Aber kaum war die Tür zu, ging ein Hagel von Schlägen auf Thiel nieder. Er bezog regelrechte Dresche, gnadenlose Prügel, so lange die Kräfte Padbergs – und der hatte welche – vorhielten.

»Dummer Bengel, deinetwegen Schwierigkeiten haben, das hätte mir gefehlt! Man rettet den Idioten vorm Zuchthaus und zum Dank soll man selber rein. Da! Da! Und nimm den auch noch! Siehst du!«

Aber zwei Tage später ist Padberg schon wieder gut. Er kennt junges Gemüse, er trägt nichts nach. Und er wird nicht müde, Thiel auf den nächtlichen Besucher seines Schreibtisches scharf zu machen, Thiel muß den erwischen.

Doch Thiel bleibt ungläubig. »Wenn einer da war, jetzt ist keiner mehr da, Herr Padberg. Ich passe doch die ganze Nacht auf. Kein Schwanz.«

»Sie passen auf? Sie passen eben nicht auf. Letzte Nacht haben Sie den Kronleuchter angebrannt in meinem Zimmer, ich kam grade draußen vorbei. Sie sollen das lassen. Ich habe dich gut stehen sehen, Äffchen.«

»Ich –? Ich habe –?«

Die beiden sehen sich an. Thiel braucht nicht weiterzureden, Padberg hat schon verstanden und glaubt ihm.

»Dann war der wieder da. Gottesdonner, Thiel, das ist doch was. Den müssen Sie doch kriegen. Sie nehmen doch immer den Gummiknüppel mit?«

Es ist ein uraltes Haus, das Haus der Bauernschaft am Stolper Markt. Zweistöckig, mit einem Dach wie ein Gebirge. Früher war hintendran ein langes tiefes Gartengrundstück. Dann wurde das Haus Zeitung und man baute in der ganzen Breite des Hauses in den Garten hinein den Setzersaal mit einer Außentreppe auch in den ersten Stock zur Buchbinderei. Und weiter hinten in den Garten baute man das Maschinenhaus, wo der Bleiofen seinen Platz bekam und die Rotationsmaschine und der Ofen zum Maternabgießen. Und man verband das Maschinenhaus durch einen verdeckten Gang mit den Kellern des Vorderhauses, damit die Zeitungsballen nach hinten gerollt werden konnten. Und man baute einen dritten Schuppen mit Packtischen für die Austrägerinnen.

Und dazwischen gingen überall Treppchen und Winkelwege durch die Gartenreste. Und im eigentlichen Hause hatte man Wände weggeschlagen und Wände gezogen: es war ein Fuchsbau, es war ein Kaninchengehege, es war ein Labyrinth.

Thiel kennt es jetzt. Abends, nachts, wenn es in diesen Augusttagen ganz dunkel geworden ist, macht er sich auf den Weg, ohne die kleinste Taschenlaterne, ohne ein Fünkchen Licht, nur mit seinem Gummiknüppel als Waffe, der einzigen Waffe, die ihm Padberg zugestehen will.

Er ist überzeugt gewesen, da ist nichts, Padberg hat sich was eingebildet. Stundenlang ist er durch den Komplex gewandert, rastlos, schon um müde zu werden für den nächsten Tag, nie hat er was getroffen.

Aber in der letzten Nacht hat Licht gebrannt, Padberg hat es gesehen und Padberg hat es wirklich gesehen, das war aus seinem Gesicht zu erkennen.

Es gibt hier also noch einen, hier geistert noch wer neben ihm, und einer, der schlauer ist als er, sonst hätte er ihn schon erwischt.

Thiel überlegt. Er hat Zeit lange zu überlegen. Jetzt erinnert er sich, daß Padberg im Anfang erzählt hat, wie er ein paarmal von außen den Spion an der Arbeit gesehen hat und wie der immer fort war, kaum, daß Padberg das Haus betreten.

Entweder hat er jemanden, der Schmiere steht ...

Aber diesen Gedanken verwirft Thiel sofort. Das alte Haus hat zu viele Ausgänge. Zehn müßten Schmiere stehen und dann gäbe es immer noch die Möglichkeit einer Überraschung.

Oder es gibt eine Signalanlage, irgendwelche Klingel- oder Lichtsignale, die den Mann warnen. Das ganze Haus liegt ja voll Leitungen.

Dann bleibt nichts, als sich im Redaktionszimmer selbst zu verstecken, sich unter den Schreibtisch zu hocken die ganze Nacht.

Aber das hat Padberg auch schon versucht.

Und Thiel streicht wieder ziellos umher, planlos, durch die dunklen Gänge, über die finsteren Treppen, in die Zimmer, die von außen ein Schein der Marktplatzlaternen erhellt, in den Setzersaal, auf dessen Oberlichtfenstern ein Abglanz des nie ganz lichtlosen Augusthimmels hegt, in den Garten, der für seine Augen fast hell ist.

Und als er einmal aus der Expedition im Parterre emporsteigen will zum ersten Stock, wo die Redaktionsräume liegen, da hat er sein Erlebnis: in diesem Haus, in dem toten Irrwirrhaus schlägt, als er die Tür zur Treppe öffnet, ganz fern und leise eine Klingel an.

Den Bruchteil einer Sekunde steht Thiel starr.

Dann rast er die Treppe hinauf, reißt die Tür zur Redaktion auf ...

Hochgeschwungen hält er den Gummiknüppel in der Faust – Aber das Zimmer ist leer. An der Wand liegen die breiten Lichtstreifen der Laternen. Für Thiels Nachtaugen ist das Zimmer taghell. Und es ist leer.

Doch die Tür drüben in der andern Wand: die schwingt! Die schwingt noch leise!!

Thiel weiß: eben noch war einer hier. War der hier.

Er geht gegen den Schreibtisch.

Die Lade steht offen. Leer.

Auf der Platte aufgestapelt, was darin war: zur Durchsicht, halb schon durchgesehen.

Thiel räumt ein: »Der kommt heute nacht nicht wieder.«

»Nun, das nächste Mal«, tröstet Padberg.

»Gewiß. Oder das hundertste Mal, aber ich kriege ihn.«

Padberg ist zufrieden.

»Und wo sitzt die Klingel?«

»Genial, sage ich Ihnen! Habe ich gesucht! Über dem Ofen ist eine Reinigungsklappe im Schornstein, da sitzt sie. Daß ich die gehört habe, der reine Zufall!«

»Sie haben sie doch sitzen lassen?« fragt Padberg besorgt.

»Was denn sonst? Mag die doch klingeln, mich klingelt sie nicht mehr an. Ich hab sie nur abgestellt. Da ist ein Schalter dran, daß man sie für den Tag abstellen kann.«

»Gut!« sagt Padberg. »Weidmannsheil!«

»Weidmannsdank!« antwortet Thiel und findet seine glühende Dachabseite nicht mehr so schlimm.

6

Wenn Max Tredup auch diese Nacht spät nach Haus ging, diesmal kam er aus keiner Kneipe, von keinem Frauenzimmer.

Spät war er noch aufs Rathaus gegangen, er wußte, der Bürgermeister saß oft bis in die Nacht in seinem Arbeitszimmer, einfach weil er zu faul war, nach Haus zu gehen, sagten die Leute.

Aber der Bürgermeister war nicht da, der Bürgermeister war verreist. Herr Bürgermeister hatte den Auftrag hinterlassen, ihm, dem Sekretär Piekbusch, sei der Brief auszuhändigen. Tredup war nicht darauf vorbereitet, er mußte sich von dem Sekretär einen Briefumschlag geben lassen, ein Kuvert mit dem Aufdruck der Stadt Altholm, das er an Herrn Bürgermeister Gareis, persönlich, adressierte.

Dann, in der Tür, mußte er ansehen, wie der Sekretär den Briefumschlag aufriß.

Nach dem Jagdfeuer kam die Ermattung, nach der Hoffnungsfreude auf ruhigere Stellung die Mutlosigkeit. Es war leicht gewesen, am Mittag der Frau ins Gesicht zu schlagen, lauernd auf einen Geldschrankschlüssel, im Eifer des Kampfes, geheimer Gesandter eines Bürgermeisters. Aber abends, verächtlich im Vorzimmer abgefertigt, den Heimweg direkt vor der Nase, waren die Schläge das, was sie waren: eine Gemeinheit, die auszubaden er Angst hatte.

Tredup ging nicht nach Haus.

Er saß eine Weile auf einer Bank, draußen vor der Stadt, auf dem Jugendspielplatz. Hier hatte der Zirkus Monte mit seinen schmierigen Wagen sein Zwei-Stangen-Zeltlein aufgebaut, aus dem dann Abend für Abend die Huppe-Huppe-Reiter-Melodie in Blechmusik erklungen war. Damals konnte er Elise noch alles sagen, heute ...

Er stand auf und ging zum Bahnhof. Er löste eine Fahrkarte nach Stolpe, genauer nach Stolpermünde. Er wollte die tausend Mark, die neunhundertundneunzig Mark holen, sie Elise geben, sagen: »Alles ist wieder gut.«

Er wollte mit Stuff reinen Tisch machen. Er wollte zu Gebhardt gehen und ihm sagen: »Das und das hat mir der Bürgermeister geboten, wenn ich Sie an ihn verrate. Ich sage Ihnen das bloß. Ganz ohne weiteres.«

Dann, in Lohstedt, stieg er wieder aus, gab die Karte ab.

Nun ja, es war noch zu früh. Elise das Geld zu geben, sich den letzten Ausweg abzuschneiden, dazu war es noch zu früh. Jetzt gab es noch andere Mittel, sie herumzukriegen: ein bißchen Zärtlichkeit, ein bißchen Aufmerksamkeit, ein paar Abende zu Haus sitzen, etwas auf Stuff schimpfen. Und dann eine Überraschung: ein Feldblumenstrauß. Ja, das war das Richtige, kostete nichts und bewies zugleich, daß er in keiner Kneipe gewesen war.

Später, auf dem Fußmarsch von Lohstedt nach Altholm, durch die immer tiefer und stiller werdende Nacht, den Strauß in den Händen, leichten Wind auf dem Gesicht, wird auch er sanfter. Etwas von der Angst, die nun immer sein Herz erfüllt, zerlöst sich. Er versucht zu singen, von den Liedern, die er auf der Schule gelernt hat. Ja, es geht wieder. Das Leben ist so übel nicht.

Und, zum Donnerwetter, er muß wirklich daran denken, daß Elise in andern Umständen ist Er muß sehen, daß er von Stuff die genaue Adresse bekommt.

Wie lange ist das her? Es war direkt nach seiner Entlassung, vier Wochen, fünf Wochen. Vielleicht noch etwas zu früh für einen Eingriff, nun, man konnte jedenfalls heute schon mit Elise darüber reden, das machte ihr auch wieder Hoffnung und Mut.

Zehn Kilometer von der geschlagenen Frau scheint die Versöhnung leicht. Ist man erst auf dem Hof ...

Nun gut, dort steht er im Dunkeln, es ist nach zwölf. Die beiden Fenster zu seinem Zimmer sind offen, Wind bewegt die Vorhänge, die Frau hat noch Licht.

Er schleicht näher, späht. Sicher näht sie noch, stopft irgend etwas für ihn oder die Kinder.

Nein, sie näht nicht.

Sie sitzt am Spind, sie hat Papier vor sich liegen, sie schreibt. Er kann ihr Gesicht gut sehen, es ist ganz im Licht der Lampe.

Nein, es ist ein gutes Gesicht. Nicht umsonst macht man Jahre Weg mit einer Frau, hat mit ihr Kinder, schläft bei ihr und bespricht mit ihr, wie das Geld einzurichten ist, was man morgen kochen soll und ob das Kino gut oder schlecht war.

Es ist doch das Gesicht.

Sein Herz ist ganz weich. Er geht schnell in das Zimmer.

Sie macht eine hastige Bewegung, als sie ihn hört, sie will ihre Schreiberei zusammenschieben. Aber dann bleibt sie sitzen, mit dem Rücken gegen ihn, antwortet auch nicht, als er guten Abend sagt.

Ihn überrieselt es kühl. Es ist stickig im Zimmer und trotz des offenen Fensters riecht es schlecht: er kann die Kinder nicht daran gewöhnen, nachts auf den Abort im Hof zu gehen, immer benutzen sie den Topf und Elise unterstützt ihn auch nicht darin.

Die kühle reine Nachtluft beginnt zu verfliegen. Trotzdem langt er über ihre Schulter, legt den Strauß vor sie hin, auf ihre Schreiberei.

Sie starrt ungläubig auf die Blumen, sie versteht nicht recht. Dann sieht sie sich um und blickt ihn an.

Er ist nüchtern. Er hat bestimmt nicht getrunken.

Sie hebt den Kopf ein wenig, der Hals wird straffer; leise sagt sie: »Danke.«

Dann, als sie die Veränderung in seinem Gesicht sieht, denkt sie wieder an ihre Schreiberei. Sie greift rasch danach. Aber es ist schon zu spät. Er hat zugefaßt.

Es war ein Zufall, daß sein Blick auf den Umschlag mit der Adresse gefallen war. Es war wieder ein Zufall, daß diese Adresse so groß, so deutlich, mit einer gewollt kindlichen Hand geschrieben war, daß er sie auf zwei Schritt Entfernung bei Petroleumlicht lesen konnte.

Aber dann war es Absicht, daß seine Hand pfeilgeschwind nach dem Brief griff.

Sie sieht, es ist zu spät. Schon liest er. Sie steht auf und lehnt sich mit dem Rücken gegen die Wand. Sie hält den Kopf gesenkt, sie will gar nicht wissen, was für ein Gesicht er macht, wenn er diesen Brief liest.

Einmal, als er murmelt: »Toll! Toll!« sagt sie leise: »Denk an die Kinder, Max!«

Und ein bißchen später: »Ich hätte ihn nie abgeschickt.«

Aber es ist ein hübsches Schriftstück, was er da zu lesen bekommt. Sein Strauß hat quer über diesen Niederschlag aus Gift und Gemeinheit gelegen, ein paar Kornblumenkelche sind darauf gefallen, er pustet sie wütend aus dem Kniff.

»Was in aller Welt ...« fängt er an. Er ist immer noch mehr verblüfft als zornig.

»Nein. Nicht«, sagt sie hastig. »Laß uns heute abend nicht davon reden, Max. Morgen, wenn du willst. Du hast mir diesen Strauß mitgebracht. Laß es uns noch einmal versuchen. Ich will auch sein, wie ich früher war. Nur leg ihn weg. Laß ihn mich in den Herd tun. Ich schwöre dir, ich schreibe nie wieder einen. Ich hätte ihn auch nicht abgeschickt, bestimmt nicht«

Er hört gar nicht auf sie. »Wie kannst du nur!« sagt er. »So gemein. Weißt du, daß das eine Erpressung ist, für die es Zuchthaus geben kann? Und Stuff hätte immer gedacht, ich wäre es gewesen. Alle hätten es gedacht Ich wäre ins Zuchthaus gekommen ...«

»Nein, Max, bitte, nicht jetzt ...«

»Ich habe nie gesagt, daß es Stuff gewesen ist, der die Mädels hat abtreiben lassen. Das hast du dir aus den Fingern gesogen. Ganz jemand anders hat es mir erzählt ...«

»Bitte, gib den Brief.«

»Und weißt du, was das gemeinste ist? Du hättest nicht nur Stuff und mich damit hineingerissen, auch die armen Mädels wären reingefallen. Deinetwegen, weil du von Stuff fünfhundert Mark erpressen willst, hätten sie ins Gefängnis gemußt. Wie, hast du gar nicht daran gedacht?«

»Ich war so böse«, murmelt sie. »Und ich hätte ihn auch nicht abgeschickt Wenn auch Stuff es verdient hätte.«

»Stuff hat es nicht verdient«

Sie sagt schnell: »Er ist schlecht Er verführt dich zum Saufen und zu den Weibern. Und du arbeitest nicht mehr. Wenk hat auch gesagt, daß du gar nicht mehr auf Inserate gehst.«

»Du lügst. Davon hat Wenk kein Wort gesagt. Ich habe ganz gut gehört, was ihr heute mittag gesprochen habt«

»Und es ist gemein von Stuff, wie er mit den Mädchen umgeht Und du wolltest mit mir zu derselben Frau gehen, damit unser Kind –?«

Sie schaudert und sieht nach dem Bett mit den schlafenden Kindern hinüber.

»Grade! Willst du wieder ein Kind kriegen? Haben wir denn an den andern nicht genug?«

»Aber wir haben doch jetzt Geld. Wir können noch gut eins haben!«

»Wir haben kein Geld. Dir sind die tausend Mark zu Kopf gestiegen, von denen der Gareis gequasselt hat. Aber ich habe sie nicht, und du wirst sie nie, nie, nie zu sehen kriegen.«

»Du lügst. O wie gemein du lügst. Das ist grade wie mit Stuff. Erst sagst du, er ist es nicht gewesen mit dem Abtreiben, und dann sagst du, er und die Mädchen fallen rein. Und das Geld hast du darum auch.«

»Nichts habe ich«, schreit Tredup wütend. »Wie gemein du bist! Wie geldgierig. Meinen besten Freund willst du um fünfhundert Mark erpressen, so gemein bist du!«

»Ich will gar nicht Geld. Ich will sie gar nicht, deine tausend Mark, und das Schweinegeld von deinem Stuff will ich auch nicht Aber ich weiß, ehe ich nicht deine tausend Mark habe, kommst du nicht wieder zu mir. So lange du die hast, denkst du: ich kann ja weg, und kümmerst dich einen Dreck um uns.«

»Eine schöne Logik ist das! Du willst sie nicht haben, aber haben willst du sie doch.«

»Grade! Wenn du das nicht verstehst, das ist grade logisch.«

»Ja, und was die fünfhundert von Stuff dabei sollen ... meinen Freund zu verraten, unschuldige Mädchen ins Zuchthaus bringen, pfui Teufel!« Er spuckt aus.

»Du!« sagt sie mit flammenden Augen. »Nimm dich in acht! Ich könnte dir auch etwas sagen.« Sie bricht ab. »Nein, ich will nicht. Ich rede nicht mehr davon.«

Er höhnt: »Weil du nichts weißt! Aber ich sage dir, wenn du solchen Brief noch mal schreibst, wenn du ihn abschickst! Das ist ein Scheidungsgrund, ich lasse dich sitzen. Jeder Richter trennt eine Ehe, wo die Frau so gemein ist.«

»So?« fragt sie. »So? Und wenn der Mann so gemein ist? Wenn der Mann hingeht und verkauft Bilder und verrät arme Bauern, daß sie ins Kittchen kommen, das ist anständig, was? Und das Geld gibt er nicht mal seiner Frau, das Geld versäuft und verhurt er. Das ist anständig, was? Und ich hätte meinen Brief nie, nie abgeschickt. Du aber hast deine Bilder verkauft.«

»Das ist ganz etwas anderes«, sagt er verwirrt. »Ein Pressefotograf verkauft seine Bilder an jedermann.«

»So? Ist das etwas anderes?« ruft sie wütend. »Ich kann da keinen Unterschied sehen. Aber natürlich, wenn du etwas tust, dann ist es immer etwas anderes. Aber weißt du, was du bist? Ein Verräter bist du! Mich hast du auch verraten. Mir haben sie schon erzählt, wenn du besoffen bist, erzählst du am Biertisch, wie ich im Bett bin. Und ...«

»Schweig«, sagt er tonlos. »Die Kinder ...«

Aber jetzt hört sie nicht. »Und ich will meinen Brief wiederhaben. Ich will nicht, daß du mit meinem Brief in der Tasche rumläufst, und, wenn du einen in der Krone hast, allen erzählst, was für eine gemeine Frau du hast. Gib den Brief her.«

Sie faßt danach. Er hält ihn fest.

Aber sie kämpft wirklich darum. Er hält mit einer Hand ihre beiden Handgelenke fest, in der andern hat er den Brief. Sie fährt blitzschnell mit den Zähnen zu, und mit einem Aufschrei läßt er ihre Hände los.

Sie greift nach dem Brief, aber er schlägt nach ihr. Sie stolpern durchs Zimmer, stoßen an Möbel, die Kinder schreien.

Der Brief, zerknüllt in seiner Hand, hindert ihn nicht mehr. Er schlägt drei-, viermal kräftig gegen den Kopf der Frau mit der geschlossenen Faust. Sie schreit auf und fällt hin.

Die Tür öffnet sich. Der Gemüsekrämer von vorn, dem das Haus gehört, ein paar Nachbarn werden sichtbar.

»Das geht nicht, Herr Tredup. Ich habe es schon lange dicke mit Ihnen. Ewig kommen Sie besoffen nach Haus und machen Skandal. Zum Ersten sind Sie gekündigt.«

Die Frau steht auf und geht gegen die Tür. »Macht, daß ihr rauskommt. Sie haben hier gar nichts zu suchen. Und die Kündigung nehmen wir nicht an. Da bestimmt das Wohnungsamt drüber, ob wir zu gehen haben oder nicht. Nicht wahr, Max?«

»Ja, Elise«, sagt er.

7

Regierungspräsident Temborius erhebt sich.

»Ich danke Ihnen, meine Herren, daß Sie zu mir gekommen sind. Was Sie vorgetragen haben, hat mich tief erschüttert. Es wird geprüft werden und ich kann Sie nur bitten, bis zum Ergebnis dieser Prüfung Geduld zu haben. Geduld, Geduld und noch mal Geduld. Aber ich glaube Ihnen heute schon sagen zu dürfen, ohne eine Indiskretion zu begehen, daß nicht nur hier, nein, daß auch an höchster Stelle die Augen auf Altholm gerichtet sind und daß dort Erwägungen schweben – Erwägungen von weittragender Bedeutung.

Nochmals, ich danke Ihnen und bitte um Geduld.«

Temborius verbeugt sich. Neben ihm, aufspringend, verbeugen sich die beiden andern Herren der Regierung Stolpe: Regierungsrat Schimmel und Assessor Meier.

Die Vertreter des Wirtschafts- und Erwerbslebens der Stadt Altholm kommen etwas zu spät, aber auch sie bringen in leidlichen Abstand das Aufstehen und Sich-Verbeugen zustande. Die ganze Tischrunde dienert wie ein Roggenfeld im Winde.

Dann schieben sich die Altholmer aus der Tür.

Der Präsident sieht ihnen nach, die eine Hand auf der Schreibtischplatte, die andere um ein Medaillon an der Uhrkette geschlossen. Assessor Meier schichtet Akten und Regierungsrat Schimmel liest Buchrücken in einem Schrank.

Die Tür geht zu und die Pose entspannt sich.

»Das war das«, sagt der Präsident und setzt sich wieder. »Ich muß sagen, ich bin nicht überrascht. Keineswegs. – Aber bitte, meine Herren, wollen Sie nicht noch einen Augenblick Platz nehmen?«

Die Herren setzen sich wieder.

»Man hat Sorgen. Sorgen«, sagt Temborius, und es ist nicht zu verkennen, daß er nicht unzufrieden ist mit den Sorgen, die ihn zur Stunde belasten. »Die unteren Verwaltungsorgane machen Fehler. Dann kommt das Volk zu uns. Und wir müssen dann wieder gutmachen. Aber ich glaube, ich sehe den Weg des Ausgleichs, der Versöhnung.«

»Gewiß«, bemerkt Regierungsrat Schimmel, »Gareis hat unzweifelhaft Fehler begangen.«

»Gareis!« Und nach einer Pause gesteigert: »Gareis!! Herr Assessor, was habe ich zu Herrn Bürgermeister Gareis gesagt, als er vor der Demonstration hier war? Sagen Sie selbst!«

»Daß er die Schupo brauchen würde«, sagte eilig Assessor Meier.

»Auch. Das auch. Aber davon reden wir jetzt nicht. Was habe ich hier gesagt, Herr Assessor?«

Assessor Meier martert sein Hirn. Schließlich hat der Chef nicht wenig gesagt. »Daß die Bauern aggressiv seien.«

»Gewiß, lieber Herr Assessor, auch das. – Man muß das Wesentliche von dem Unwesentlichen unterscheiden. Was habe ich –? Also gut. Ich habe gesagt, die Demonstration muß verboten werden. Habe ich das gesagt? Habe ich das gefordert? Unter Einsatz all meiner Autorität? Immer wieder?«

»Gewiß«, sagt eilig der Assessor. »Es ist immer von neuem gefordert worden.«

» Ich habe es immer von neuem gefordert. Und nun der Wagen verfahren ist, kommt der Mann jetzt zu mir? Hat er schon meine Hilfe erbeten? Die Vertreter der Wirtschaft kommen. Er sitzt in Altholm und schreibt einen Bericht. Sonst nichts. Und was für einen Bericht!«

Die Herren sehen starr vor sich hin. Der Chef hat das Bedürfnis zu reden, nun gut: rede.

»Was steht in dem Bericht? Der Boykott hat sich als ein Schlag ins Wasser erwiesen. Seine Wirkungen sind kaum spürbar. – Nun, meine Herren, Sie haben die Vertreter der Stadt gehört, nicht wahr?«

Die Herren bestätigen es.

»Der Boykott ist katastrophal, ruinös, er bringt das Wirtschaftsleben der Stadt zum Erliegen, aber: ein Schlag ins Wasser. – So berichten Schuster.«

Plötzlich lächelt Temborius wieder: »Nun, ich werde das regeln. Werde ausgleichen.«

Sehr freundlich: »Haben Sie, Herr Regierungsrat, die juristische Seite der Sache überprüft? Wie steht die Staatsanwaltschaft zu den Ereignissen?«

»Es wird wohl sicher Anklage gegen einige Bauern erhoben werden. Man wird die Führer herausgreifen. Strafrechtlich kommen in Frage: Auflauf. Sachbeschädigung. Öffentliche Beleidigung. Öffentliche tätliche Beleidigung. Gefährliche Körperverletzung. Landfriedensbruch. Aufruhr.«

»Nun, das ist ja allerlei.« Der Präsident ist nicht unzufrieden.

»Die Bauern werden nichts zu lachen haben. Denn mit einer Verurteilung ist doch wohl zu rechnen?«

»Ich denke doch. – Ich möchte auch noch darauf aufmerksam machen dürfen, daß meinen Erkundigungen nach mit einer Großen Anfrage der Rechtsparteien im Preußischen Landtag wegen der Vorgänge in Altholm in Kürze zu rechnen sein dürfte.«

»Richtig. Sie sind richtig unterrichtet, Kollege Schimmel. Auch ich habe meine Verbindungen im Ministerium. Sie wissen, meine Herren ... Und wegen dieser bevorstehenden Anfrage bin ich ausnahmsweise einmal dafür: wir handeln schnell.

Der Herr Minister hat die Akten noch nicht eingefordert. Ich bin in meinen Entschließungen also noch frei. Die Haltung des Ministers ist nicht berechenbar, denn leider hat auch Herr Gareis – nun, ich für meine Person verstehe da den Herrn Minister nicht mit seinen Sympathien. Jedenfalls wird aber der Herr Minister meine früher ergangenen Entscheidungen nicht desavouieren. Darum ...«

Die Herren horchen auf.

»Wir werden ...«

Die Wichtigkeit dieser Minute leuchtet aus dem Gesicht des Präsidenten. Einen Bleistift hält er senkrecht in die Höhe.

»Wir werden wieder einmal ausgleichen, einrenken, versöhnen, die Fehler der untergeordneten Instanzen löschen. Dazu ist nötig, daß wir uns nicht gar zu sehr auf einen Standpunkt festlegen. Allen müssen wir gerecht werden.

Die Stimmung der Bauern, die Stimmung der Bürger, die Stimmung des ganzen Pommerlandes ist gegen die Altholmer Polizei. Wir aber werden der Polizei bestätigen, daß sie recht gehandelt hat, wir werden die Staatsautorität stärken, den Aufrührern nicht den Nacken steifen.

Aber ...« Er lächelt leise. »Wir werden einen Bock schlachten. Versöhnungsfest. Sühneopfer. Purim nennt man das bei Ihnen, nicht wahr, Herr Assessor?«

Der Assessor lächelt auch.

»Man kann das, meine Herren. Wir sagen, die Polizei hat recht gehandelt, aber ... Ja, es gibt einen Weg, meine Herren. Man kann das alles. Die Verwaltungstechnik ist heute so ausgebildet. Ich denke dabei nicht an Gareis, Gareis, nun Gareis hat noch Stärke. Aber vielleicht dieser etwas zu beflissene Herr, wie hieß er doch –?«

»Frerksen«, schlägt Assessor Meier vor.

Er bekommt ein Lob. »Richtig! Sehr gut!! Frerksen. – Und wenn wir dann die Gemüter durch diesen Sühnebock etwas beruhigt haben, dann, meine Herren, holen wir sie an unsern Verhandlungstisch. Dann werden wir unter meinem Vorsitz die Gegensätze ausgleichen, versöhnen.«

»Auch die Bauernschaft?«

»Selbstverständlich auch. Meine Herren, wir laden natürlich in erster Linie die großen landwirtschaftlichen Organisationen ein, die Behördenvertreter, die Vereine. Und auch ein paar Leutchen von der Bauernschaft. Wenn dann drei Mann von diesen schlichten Bauern unter dreißig andern sitzen, seien Sie sicher, dann sind sie der Mehrheit Ansicht. Darin kennen wir uns aus.

Ich danke Ihnen, meine Herren. Ich muß Ihnen sagen, ich bin optimistisch. Kein leichtfertiger Optimismus, nein, gewissermaßen ein von Sorgen getragener Optimismus. Das Gewitter hat sich ausgetobt, Blitze haben eingeschlagen, es hat gehagelt.

Und dann kommen wir und ziehen den Regenbogen auf.

Ich danke Ihnen, meine Herren.«

8

Die Vormittagssonne scheint hell in die Stube von Stolpermünde-Abbau. Sie malt einen breiten Lichtbalken an die Wand, nahe der Decke. Und dieser Balken aus Gold, in dem tausend Stäubchen flirren, wandert, senkt sich, rückt langsam weiter, bis er breit und strahlend auf der gewürfelten Bettdecke liegt.

Dann streift er das Kopfkissen.

Der Kranke wird unruhig. Er dreht den Kopf hin und her, aber das Licht ist überall. So öffnet er die Augen, schließt sie rasch wieder, öffnet sie von neuem.

Banz setzt sich auf.

Es geht langsam nur, der in Tücher gebundene Kopf will immer in die Kissen zurück. Schließlich sitzt der Mann und schaut ins Zimmer.

Er nickt langsam, als er erkennt, wo er ist.

Dann horcht er. Es ist ganz still im Haus, nur die Fliegen, Hunderte von Fliegen, surren und summen. Der Mann nickt wieder.

Und horcht weiter. Horcht auf den Hof hinaus. Aber auch dort ist es still. Keine Kuhkette klirrt, kein Schritt ist zu hören.

Alles still.

Der Mann ist befriedigt. Aber eines möchte er doch noch wissen. Neben der Tür hängt der Kalender. Wenn die Frau Ordnung gehalten hat, ist der abgerissen. Er weiß dann, was für ein Tag heute ist. Aber der Kalender ist vom Bett aus schlecht zu sehen, Banz muß sich weit aus den Kissen beugen. Er kneift die Augen fest zusammen, das Schwarze auf dem Kalenderblatt dort ist so verschwommen.

Dann verliert Banz das Gleichgewicht. Sein Kopf schlägt einmal an der Bettkante auf, dann gegen ein Stuhlbein und der Mann liegt auf der Erde vor dem Bett. Der Schädel schmerzt und ihm wird etwas übel, aber Banz grinst befriedigt: es ist außer dem Bett viel kühler als drinnen.

Nun bleibt nichts als zu warten, bis die Frau kommt. Nach dem Sonnenstand kann es gegen elf sein, es dauert also höchstens noch eine Stunde.

Das Kalenderblatt kann er noch immer nicht erkennen. Er wird nachher versuchen, sich näher heranzuwälzen, jetzt noch nicht, er ist noch zu schlapp. Mit Erstaunen merkt er, daß er das Laufen der Fliegen auf den Händen spürt. Schön lange muß er krank gewesen sein, daß die Haut so weich geworden ist.

Er liegt eine Weile, drusselt auch ein, aber es war nur ein Augenblick. Als er wieder aufwacht, liegt der Sonnenbalken noch auf dem Kopfende des Bettes.

Er hört und vielleicht ist er von dem aufgewacht, was er jetzt deutlich hört: auf dem Hof draußen ist jemand zu gange. Er hört den Schritt deutlich. Es ist kein Schritt, den er kennt. Es ist auch kein Bauernschritt. Was Stolpriges, Hastiges ist in dem Schritt. Den kennt er nicht.

Nun, er wird's erleben, wenn er das Leben behält, wer da draußen rumstolpert. Wenn der was will, kommt er schon. Banz schließt fast ganz die Augen, blinzelt nur durch einen Schlitz zur Tür.

Richtig, der kommt. Die Blechklingel an der Haustür oben, die anschlägt, wenn einer die Tür öffnet, schlägt an. Der Mann ist auf dem Vorplatz.

Natürlich fängt er links an zu klopfen. Alle Leute, die im Haus nicht Bescheid wissen, klopfen zuerst links an der Stube, wo die Kinder schlafen. Dann klopft es gradezu. An der Küchentür.

Also ein Fremder, aber das hat Banz schon am Schritt gehört.

Nun klopft es an der Tür zu Banzens Stube, aber der denkt nicht daran, Herein zu rufen. Er liegt ganz nett da für fremde Besucher, in seinem Hemd auf der Erde, mit dem verbundenen Kopf gegen das Stuhlbein, scheinbar bewußtlos. Da wird sich gleich zeigen können, was das für ein Kerl ist, wenn er den Kladderadatsch sieht.

Die Tür geht auf und der blinzelnde Banz sieht, es ist einer in Uniform, der reinkommt, in feldgrauer Uniform. Er versucht zu begreifen, was das eigentlich für eine Uniform ist. Reichswehr? Aber die hat doch keine roten Achselstücke! Dann sieht er, daß der Mann nicht umgeschnallt hat. Also dienstlich kommt er nicht.

Und nun behält Banz die Augen zu. Mal sehen, ob das so ein Rindvieh ist, das auf die Bewußtlosigkeit reinfällt.

Die Uniform hat einen Augenblick an der Tür gestanden, dann geht sie in die Zimmermitte. Sie trampst tüchtig auf, damit sie den Schläfer weckt, aber Banz denkt: »Trampse du nur. Daß dein Schritt nicht in Ordnung ist, höre ich doch.«

Der Mann bleibt stehen, räuspert sich laut und sagt: »Heh!«

Banz denkt: »Hehen können sie alle. Wollen mal sehen, was du weiter kannst.«

Scheinbar kann der Mann im Augenblick gar nichts weiter. Es bleibt totenstill im Zimmer. Nur die Fliegen burren und summen.

»Was der wohl tut?« denkt Banz und möchte blinzeln. Aber er blinzelt nicht.

Der Mann macht wieder ein paar Schritte, näher an Banz heran. Dann weiter von Banz weg. Dann wird ein Stuhl gerückt und der Mann setzt sich.

»Der ist nicht schlecht«, denkt Banz. »Läßt mich so einfach auf der Erde liegen. Na ...«

Der Mann raschelt in seinen Taschen, Papier knittert.

»Ob der so einen Pfändungswisch hat? Aber Reichswehr pfändet doch nicht?«

Ein paar unkenntliche Geräusche, dann wird ein Streichholz angerissen – Paff, Paff, Paff – und es riecht herrlich nach Zigarren.

»Das ist ein Aas«, denkt Banz und blinzelt wirklich.

»Willst du nun wach sein?« fragt der Mann.

»Das kommt darauf an«, sagt Banz und macht die Augen weiter auf. »Kennen tu ich dich grade nicht.«

»Man kann nicht alle kennen«, sagt der in Uniform, der übrigens einen strohgelben Zickenbart hat.

»Das kann man nicht«, bestätigt der Bauer.

Pause.

»Was ist das eigentlich für eine Uniform?« fragt Banz.

»Das ist eine Strafanstalts-Beamtenuniform«, sagt der Mann.

»Dann bist du also im Gefängnis?« sagt Banz.

»Lebenslänglich«, antwortet der Mann und lacht. Er meckert. Richtig wie eine Ziege.

Pause.

Der Mann sagt entschuldigend: »Das ist so eine Republikuniform. Früher war ich Deckoffizier. Da hatten wir Blau oder Weiß. In den Uniformen haben wir nicht gehungert. Nein.«

»Nein«, sagt Banz.

Pause. Die Fliegen surren.

»Liegst du so eigentlich gut?« fragt der Mann.

»Laß mich man liegen. Ich liege so ganz gut.«

»Es ist auch kühler als im Bett.«

»Das ist es.«

Der Mann raschelt in der Tasche.

»Was nun wohl wird?« denkt Banz.

Der Mann bringt Papier zum Vorschein.

»Holen die im Gefängnis jetzt selbst ihre Leute?« denkt Banz. »Früher machten das doch die Landjäger.«

»Da«, sagt der Mann und gibt Banz eine Zeitung. Sie ist oft gelesen, das sieht man, die Brüche sind schon ganz durchgefasert und die aufgeschlagene Stelle schön grau.

Es ist eine Bekanntmachung der Polizei. Auf zehntausend Mark ist die Belohnung für den erhöht, der den Bombenschmeißer von Stolpe verrät. Eine Bekanntmachung mit Bildern. Eine Margarinekiste ist abgebildet. Eine Weckuhr. Eine Konservenbüchse und Drähte. Was eben einmal alles zu einer richtigen Bombe gehört. Und eine ausführliche Beschreibung, wie sie gebaut war. Sozusagen eine Anleitung zum Bombenbauen. Die Polizei hatte ja wohl Stückchen gefunden und die Sachverständigen hatten sie rekonstruiert. Eine feine Sache.

»Eine feine Sache«, sagt der Mann. »Gewissermaßen eine Anleitung für die Konstruktion von Bomben. Ich bin gut danach zurechtgekommen.«

Banz zieht es vor, die Augen wieder zuzumachen. Er weiß von nichts. Er hört nichts.

Der Mann brabbelt weiter: »Ich hab mir das ganze Zeugs auf den Müllbergen zusammengesucht: Bretter und Konservendose und Drähte und Batterie und Wecker. Bei mir kann keiner aus den Teilen raten, von wo die Bombe kommt.«

Banz schläft fest.

»Dann hab ich Uhrmacher gelernt. Mein Feldwebel hat geflucht, als ich ihm seinen Wecker auseinandergenommen habe. Aber ich habe schön daran gelernt und der vom Müllhaufen geht jetzt prima. Der haut los, wann ich will. Auf die Minute.«

Banz schnarcht schon.

»Und die Batterie kriegt man auch wieder zurecht. Das ist ein Unsinn, die Dinger wegzuschmeißen. Das macht man mit Säure, und oben das Harz, das kriegt man auch los. Und dann ladet man die. Du sollst mal sehen, was für einen feinen Funken das gibt, wenn mein Wecker loshaut.«

Banz schläft.

»Nun fehlt nur noch die Füllung von der Konservendose. Na, die bekomme ich schon, was?«

Aber Banz schläft.

Die Uniform sagt: »Ich habe überlegt, wen ich nehme: den Gareis oder den Frerksen. Der Frerksen hat wohl zuerst losgehauen und hat die Polizei auf die Bauern kommandiert, aber der Henning hat doch gesagt: der Gareis ist das Schwein.«

Banz blinzelt.

»Henning hat gesagt: wenn die Oberen nicht wollen, hat der Frerksen den Schwanz zwischen den Beinen. Der Gareis hat die Bauern reingelockt. Der Henning sagt: erst hat er freundlich getan und alles erlaubt, bloß daß sie demonstrieren. Damit er auch welche hat, in die er reinhauen kann, zum Exempel, weil sie keine Steuern zahlen und das mit den Ochsen gemacht haben.«

Banz hört zu.

Der Mann erklärt: »Der Henning liegt doch noch im Krankenhaus. Und wir müssen Posten stehen vor seiner Tür, weil er Gefangener ist. Da habe ich ihn kennengelernt.«

»Warum liegt Henning denn im Krankenhaus?«

Der Zickelbart ist ganz Verachtung: »Das weißt du nicht? Du bist der richtige Kuhbauer! Weißt nichts von der Welt. Weil der Henning die Fahne nicht hat hergeben wollen, haben die ihn doch zusammengehauen in Altholm, daß er ein Krüppel bleibt sein Leben lang.«

»So. Ja«, sagt Banz. »Das habe ich, glaube ich, noch gehört.«

»Der Henning ist ein Held«, sagt Oberwachtmeister Gruen und ist stolz, den Helden zu kennen. »Einunddreißig Säbelhiebe hat er gehabt in den Armen und Händen. Auf den Henning schwört die Bauernschaft Und auch in Altholm weiß man, daß der Fahnenträger ein Held ist.«

»Ein Fahnenträger«, sagt Banz, »steht und fällt mit seiner Fahne.«

»Das tut er«, sagt Gruen. »Darum ist er ein Held.«

»Das ist er dann«, sagt Banz.

Pause.

»Wie ist das?« fragt der Uniformierte. »Soll ich die Scheune aufbrechen und mir das Zeugs holen? Oder gibst du mir den Schlüssel?«

Banz denkt nach. »Ich weiß nicht, ob es noch hier ist«, sagt er dann.

»Natürlich ist es noch hier. Wo soll es denn sein? Die andern wollen es alle nicht.«

»Der Schlüssel hängt in der Küche. Beim Butterfaß. Wenn ihn die Frau nicht einstecken hat.«

»Gut«, sagt der Mann und geht fort.

Banz hört ihn draußen rumhantieren, wieder den Stolperschritt. Als er den Stolperschritt hört, hat er eigentlich Lust, dem Mann zu sagen »Hau ab«. Aber er kann nicht hoch.

Dann klappert das Scheunentor. Er hört sogar das Schließen im Vorlegeschloß.

»Ob der die Kiste findet?« denkt Banz. »Wenn er wieder kommt und fragt, wo die Kisten sind, gebe ich ihm einen über den Schädel.«

Dann klappert das Tor wieder. Der Schlüssel klirrt wieder. Der Stolperschritt kommt.

»Ich hab den Schlüssel wieder beim Butterfaß hingehängt. Ich geh dann jetzt. Soll ich dich wieder ins Bett legen?«

»Wo hast du ihn denn?«

»In den Taschen. Lose. Das fällt nicht auf. – Soll ich dich auf das Bett legen?«

»Ich liege so gut. Geh man.«

»Dann gehe ich also.«

»Das tu denn man.«

9

Es ist ein strahlender Morgen und genauso strahlend, genauso hell, genauso rund wie die sieghafte Augustsonne kommt Bürgermeister Gareis um die neunte Stunde in das Büro von Assessor Stein.

»Guten Morgen, Assessorchen. Nun, wie geht's? Gott, sehen Sie schon wieder schwarz und nervös und faltig aus! An so einem Morgen! Bummeln gewesen, gestern abend?«

Er läßt den Assessor nicht zu Worte kommen.

»Ich war gestern abend aus in Berlin. Mensch, ich sage Ihnen, was für eine Stadt wieder! Was es da für Arbeit gibt! Ich möchte los auf Berlin.«

Er steht da und schaukelt den massigen Bauch in Weste und Hose. Er lacht.

»Die Ochsen hier sagen, ich will Oberbürgermeister werden. Gott ja, vielleicht will ich das auch ein bißchen werden, schon um das Verwaltungsgenie, den Niederdahl, zu ärgern. Aber mein Lebtag arbeiten hier in Altholm –? Danke! Ein gemütliches Heim mit Garten und abends Rosen züchten und bei jedem städtischen Etat denselben stinkenden Handel mit den Parteien –? Danke nein. Berlin!«

Er läßt sich mit aller Wucht in einen Sessel fallen, der erzittert. »Oder meinethalben auch Duisburg. Oder Chemnitz. Oder ein Dings mit zehntausend Einwohnern vor den Toren von Berlin, das man ankurbeln kann. Aber Altholm? Altholm? Was denken Sie sich eigentlich unter Altholm?«

»Ich glaube«, sagt der Assessor spitz, »Sie waren heute morgen noch nicht in Ihrem Büro?«

»War ich auch nicht. Und wenn ich Ihr Gesicht seh, Steinchen, hab ich alle Lust, heute mal die Schule zu schwänzen und ins Land zu fahren. Was meinen Sie, wenn wir uns den Wagen kommen ließen, und irgendwo an die See, in die Dünen fahren würden? Baden, Schwimmen. Hinterher irgendwo fressen. Es wird ja noch einen Landgasthof geben, wo sie meine Visage nicht kennen und uns trotz Boykott was zu essen geben. Und dann durch die Nacht ganz sachte nach Haus ...«

»Hier bei uns sind schon längst alle Lampen ausgedreht«, sagt rätselhaft der Assessor.

»Ich dreh sie wieder an, Steinchen, ich tu's. Also ist wohl wieder irgendein Mist passiert, den Tag, wo ich weg war. Das ist immer so. Ich brauch nur mal einen Nachmittag Koffer zu packen, gleich schlagen sich die Leute auf dem Marktplatz tot.«

»Ich würde doch mal rübergehen, Bürgermeister.«

»Wenn ich weiß, ich muß in Schiet treten, warum denn so eilig? Ist es wieder Bauernschiet?«

Assessor Stein nickt kummervoll.

»Wissen Sie, die Bauernsache interessiert mich nicht mehr. Die ist mir so egal. Die ist erledigt. Steinchen, ich war beim Minister. Wir haben alles durchgeklönt, das ist noch ein Mann. Da kriegt man wieder Mut zur Partei, daß das nicht nur Streithammel und Geschäftemacher sind, sondern auch Leute, die was schaffen wollen. Ganz egal wie. – Nee, der Bauernrummel ist vorbei. Die Herren von der Rechten werden im Landtag ihre Antwort bekommen und die wird klar sein. Deutlich wird die sein, die fragen nicht wieder. Assessor, der Minister steht hinter uns.«

»Der Regierungspräsident aber nicht.«

»Der Temborius? Das Aktenmännchen? Der Paragraphenkuchen, mit Staub bestreut? Was kann der noch wollen, wenn sein Chef entschieden hat?«

»Wenn der aber vorher entschieden hat?«

Der Dicke lehnt sich ganz in seinen Sessel zurück, schließt die Augen, dreht die Daumen.

»Also«, sagt er langsam, »Herr Assessor Stein, dann treten wir mal wieder mit dem Vollgewicht unserer Persönlichkeit in die Scheiße. Was ist los?«

»Temborius hat geschrieben. An den Magistrat. Auch an Sie. Ihr Brief liegt noch auf Ihrem Platz. Aber der an den Magistrat genügt schon. Höchstes Mißfallen.«

»Das habe ich schon vorher gewußt.«

»Frerksen ist seines Postens enthoben.«

»Was!!!!!«

Der Dicke schnellt aus seinem Sessel. »Frerksen enthoben! Das ist unmöglich. Das ist Verrat. Der Verwaltungshengst fällt uns in den Rücken. Die Regierung kriecht vor den Bauern. Die Regierung verrät ihre eigene Polizei. Das geht nicht. Er darf dem Minister nicht vorgreifen!«

»Er hat es getan.«

»Schnell, Assessor! Laufen Sie! Den Brief will ich haben. Holen Sie mir meinen Brief. Glauben Sie, ich habe Zeit? Ich will diesem Gesellen in Stolpe zeigen, wer die Nerven hat, wer kämpfen kann, hinter wem die Arbeiterschaft steht … Laufen Sie!«

Der Assessor kommt schon wieder. Er gibt an Gareis den Brief.

Der fetzt ihn auf, im Stehen. Der überfliegt ihn. Liest ihn noch einmal. Dann läßt er ihn sinken.

»Da soll ein Mensch noch arbeiten. Dieses Verwaltungsgenie! Meinen ganzen Laden hat er mir zertöppert. Jetzt, sage ich Ihnen, Assessor, ist der Boykott konsolidiert. Wehe Altholm! Der Regierungspräsident schlachtet dich.«

Der Dicke wendet sich, geht gegen die Fensterscheiben, starrt hinaus.

Kommt wieder zurück: »Ziehen Sie doch die Vorhänge zu. Diese pralle Augustsonne ist unerträglich. Also, Assessor, Sie können es ruhig lesen. Herr Regierungspräsident Temborius mißbilligt aufs schärfste. Die Demonstration war zu verbieten. Wenn aber die Polizei vorging, so hätte sie das nach den Richtlinien des Geheimbefehls tun sollen.«

Er bricht ab: »Dieser verschwundene Geheimbefehl. Wenn ich nur eine Ahnung hätte, was darin stand. Ich kann doch dem Temborius nicht sagen, daß ich ihn nie gelesen habe.«

Er schaut wieder in den Brief: »Vollends die Art, wie der Polizeioberinspektor Frerksen vorging, gibt zu heftigstem Tadel Anlaß. Frerksen wird bis zum Abschluß des Gerichtsverfahrens von der Polizeiexekutive entbunden und darf nur im Innendienst beschäftigt werden.

Endgültige Stellungnahme bis zum Gerichtsverfahren vorbehalten. Die Akten an den Herrn Minister des Innern weitergegeben.«

Plötzlich grinst der Riese, grinst über sein ganzes fettes Vollmondantlitz, und es ist gar kein Zweifel: er freut sich wirklich.

»Also, dies, lieber Assessor, ist, was man eine glatte Niederlage nennt. Temborius war rascher. Ich dachte wunder wie schlau ich war, als ich sofort zum Minister fuhr.«

Der Dicke sinnt, der Sturm ist vorbei.

»Ich werde«, spricht er, »den Frerksen erst mal in Urlaub schicken. Rufen Sie an und lassen Sie ihn sofort herkommen. Er kann erst mal vier Wochen verschwinden. – Dann werde ich rumgehen beim Magistrat und alle ehrenwörtlich verpflichten, daß Sie das Maul halten. Sie denken, die geben ihr Ehrenwort nicht? Lieber Stein, jetzt wird scharf geschossen, jetzt gibt es keine Gnade, jetzt trete ich den Leuten vor den Bauch, wenn sie nicht tun, was ich will.

Diese Briefe von Temborius, diese Entscheidung – davon darf kein Mensch was wissen. Der Schaden wäre zu groß. Und da es schließlich um den Geldbeutel der Bürger geht, wird der Magistrat schweigen.«

Es klopft und eintritt der Oberinspektor Frerksen.

»Sagen Sie mal, Frerksen«, sagt Gareis. »Was ist das für ein Gemunkel in der Stadt mit Ihrem Säbel? Sie haben doch Ihren Säbel?«

»Jawohl, Herr Bürgermeister.« Und er legt die Hand auf den Säbelkorb, aber sein Gesicht rötet sich.

»Ja, was reden denn die Leute von Ihrem Säbel? Haben Sie den mal nicht gehabt?«

»Jawohl, Herr Bürgermeister.«

»Bitte nicht gar zu militärisch. Dann kapiere ich nämlich nichts. Ihr Säbel ist Ihnen also abgenommen?«

»Jawohl, Herr ...«

»Schön. Schön. Und wann haben Sie den Säbel wiedergekriegt?«

Schweigen.

»Jetzt können Sie nicht mal mehr militärisch antworten. Sie haben ihn also gar nicht wiedergekriegt?«

Schweigen.

Der Bürgermeister richtet sich auf: »Ist es etwa richtig, daß der Funktionär der KPD, Matthies, im Besitz Ihres Säbels ist, Herr Oberinspektor? Er rühmt sich nämlich damit.«

»Ich weiß es nicht, Herr Bürgermeister. Er hat mir den Säbel nachgebracht, da hatte ich keine Scheide. Und dann, nachher, da habe ich ihn vergessen.«

»So. So. Sie hatten Ihren Säbel vergessen. Den vergißt man ja so. Der Professor und der Regenschirm. Der Oberinspektor und der Säbel. Nun noch eins: wollen Sie mir erklären, warum Sie das Verlieren des Säbels, das Nachtragen des Säbels, das Vergessen des Säbels in all Ihren wortreichen Berichten über die Demonstration nicht mit einem Wort erwähnt haben? – Ja, bitte! Jetzt haben Sie das Wort, Herr Oberinspektor.«

Aber Frerksen spricht nichts.

»Wollen Sie mir vielleicht auch erklären, Herr Oberinspektor, wie Ihr Junge dazu kommt, in der Schule zu verbreiten, Sie hätten gesagt, die Bauern wären alle Verbrecher und gehörten an die Wand? Nein, bitte, bitte, Herr Oberinspektor! Keine Redensarten. Ihr Junge hat das gesagt, der Direktor des Gymnasiums hat es mir selbst gemeldet.«

Frerksen steht stumm.

»Ja, Herr Oberinspektor, Sie hören zu. Sie antworten nicht. Vielleicht wollen Sie Zeit haben, sich Ihre Antworten zu überlegen? Sie sollen sie haben. Ich bitte Sie, nach Haus zu gehen und sich als auf Urlaub befindlich anzusehen. Den Urlaub verbringen Sie nicht in Altholm. Er läuft vorläufig vier Wochen. Sie geben mir Ihre Adresse. Ich mache Ihnen dann noch Mitteilung, ob der Urlaub verlängert wird.

Das war alles, Herr Oberinspektor.«

Das Wesen in blauer Uniform schlägt die Hacken zusammen. Dann, endlich, geht die Tür zu.

Der Assessor sagt mit weißem Gesicht: »Gott, Herr Bürgermeister, das verzeiht Ihnen der Frerksen nie.«

»Verzeihen –? Eines Tages wird er mir hierfür danken. Sollte ich ihm sagen, daß ihn der Präsident seines Amtes enthoben hat? Erstens hätte er's weitergequatscht. Zweitens wäre sein Selbstgefühl völlig futsch gewesen. Jetzt ist er in der schönsten Wut auf mich. Das stählt ihm den Rücken. Er ist immer ein bißchen Semmel gewesen, der gute Frerksen, eine sehr weiche Semmel. Mag er ruhig ein bißchen braun und kroß werden.«

10

Es gibt einen Menschen in Altholm, der leidet wirklich unter den Folgen des 26. Juli, der leidet darunter Tag und Nacht.

Es war nicht schwer zu raten, welche Stellung das Gymnasium Altholms zu den Ereignissen am 26. Juli nehmen würde: ein Fahnenträger, der mit seiner Fahne fällt, war ein zu überzeugendes Bild, als daß die Jungen sich ihm hätten entziehen können. Und da Henning ein Held war, folgte klar, daß seine Angreifer Schurken waren.

Wer aber war der Heerführer der Schurken gewesen? Wer hatte die Säbel zücken lassen auf den unseligen Einzelnen?

Niemand anders als Polizeioberinspektor Frerksen.

Der war die schwarze Macht, der Nifling, der Unholde, er war der Ephialtes, der Welsche, das böse Prinzip.

Und es war gemein, daß es doch einen Verteidiger für einen solchen Mann gab. Was für ein Schwein mußte dieser Verteidiger sein, der ganz klar Schwarz in Weiß verdrehte und Weiß in Schwarz!

Hans Frerksen, elfjährig, Schüler der Quinta (grüne Mütze, gedrehte Goldschnur auf blauem Grund), hatte jeden Tag seinen Kampf zu kämpfen für den Vater.

Er kämpfte ihn wacker, ohne ein Wort zu Haus.

Es hatte sachte angefangen am Tage nach der Demonstration mit Fortgucken, Tuscheln, Großansehen, Isolieren.

Hans hatte ja in jener Nacht ein Gespräch angehört im Schlafzimmer der Eltern, das auch sein Schlafzimmer war. Seine schwache Blase hatte ihn diesmal grade zur rechten Zeit geweckt, um vom Vater zu hören, daß diese Bauern Schurken waren, Verbrecher, die kein Mitleid verdienten.

Er hatte innerlich gelächelt, als sie ihn so anstarrten, diese Bande war ja so dumm. Sie wußten über nichts Bescheid. Immer schimpften alle zuerst auf die Polizei und nachher sahen sie ein, daß die es doch recht gemacht hatte.

Aber die Isolierung dauerte ein wenig lange, für ein Kind jedenfalls. Auf dem Hof, in der Pause, war er Gegenstand des Angestarrtwerdens geworden. Große Schüler, selbst Primaner, ließen sich in seine Nähe führen, betrachteten ihn, sagten: »So, das ist der«, und gingen wieder weg. Nach den Pausen, wenn sich alles durch die engen Türen, über die zu schmalen Treppen drängte, war um Hans Frerksen eine Luftschicht, ein freier Raum. Sie kamen nicht gerne an ihn heran.

Es dauerte erschreckend lange, bis die Wahrheit bekannt wurde, und das schlimmste war: auch die Lehrer ließen sich anstecken. Es gab da verschiedene Methoden. Manche fragten ihn besonders viel, manche übergingen ihn grundsätzlich. Aber in der Art des Fragens, in der Art des Übergehens, lag dies: »Das ist der Frerksen, der Sohn von dem Frerksen.«

Er wurde isoliert, also isolierte er sich selbst. Mit dieser ganzen Bande wollte er nichts zu tun haben, gut, er konnte warten, eines Tages würden sie zu ihm kommen, dann würde er sie nicht kennen. Keinesfalls wollte er verzeihen. Er wollte unerbittlich sein, stolz.

Aber dann, an irgendeinem Tage, änderte Hans Frerksen die Taktik. Er war so hohl innen, es war nichts mehr in ihm, sein Stolz war erschöpft. Er ging zum Angriff vor. Er drängte sich in die Kreise der andern, er redete dazwischen, es kümmerte ihn gar nichts, wenn sie weggingen. Ging er eben nach.

Er fing an zu sprechen von diesen Bauern, diesen Verbrechern, und er erreichte wenigstens, daß sie ihm zuhörten. Aber sie fragten gar nichts, sie stritten nicht mit ihm, sie hörten zu und dann gingen sie weg und lachten höhnisch.

Es gab jetzt Namen für ihn, auch Anspielungen wurden gemacht. Schrecklich viel war von einem gewissen Säbel die Rede, er verstand kein Wort davon. Dann legten sie ihm Nummern der Bauernschaft in sein Pult. Da war die Säbelgeschichte erzählt, da waren Schimpfkanonaden zu lesen auf den roten Frerksen, den Blut-Frerksen, der am liebsten in Bauernblut badete.

Es war natürlich alles erlogen, aber stille sein konnte man nicht dazu, man steigerte sich, wie die sich steigerten, man sprach von den Verbrechern, die an die Wand gestellt zu werden verdienten.

Es ging wie es ging. Zuerst kam er vor seinen Ordinarius und einige Tage später vor seinen Direktor.

Dies und das. »Hast du das gesagt von Verbrechern, die man an die Wand stellen sollte?«

»Ja«, sagt Hans Frerksen.

»Aber wie kannst du das? Wo hast du das gehört?«

»Das hat mein Vater gesagt und mein Vater weiß Bescheid.«

»Junge, überlege dir! Das kann dein Vater doch nicht gesagt haben!«

»Doch. Das hat er gesagt.«

»Aber Frerksen. Hier sind viertausend Bauern in der Stadt gewesen. So alt bist du doch schon, zu wissen, daß die nicht alle Verbrecher sein können. Soll man die alle totschießen?«

»Ja.«

»Aber du hast doch sicher gelesen, daß auch ein Dentist schwer verletzt worden ist, ein ganz Unbeteiligter. Das ist doch nun gewiß kein Verbrecher?«

»Doch«, sagt der Junge.

»Aber wieso? Überlege doch. Ein einfacher Dentist, der zu einem Patienten geht?«

»Man soll sich nicht an Aufläufen beteiligen. Man soll weggehen, wo Aufläufe sind, sagt Vater. Wenn man in Aufläufe geht, trägt man selbst die Gefahr.«

»Aber dann ist man doch kein Verbrecher.«

»Doch«, sagt der Junge.

Der Herr Direktor ärgert sich: »Nein, das ist man nicht. Die Bauern sind keine Verbrecher.«

»Doch«, beharrt Hans Frerksen.

»Du hörst, daß ich nein sage. Ich bin dein Lehrer. Ich weiß das besser als du.«

»Vater sagt, daß es Verbrecher sind.« Und mit Zähigkeit: »Die gehören alle totgeschossen.«

»Nein!« brüllt der Schulherr. Und ruhiger: »Ich bin betrübt, daß ich dies von dir hören mußte. Ich weiß, du wirst später anderer Ansicht sein.«

»Nein!«

»Du hast jetzt stille zu sein und zuzuhören. Du wirst später anderer Ansicht sein, sage ich ...«

»Nein«, sagt der Junge.

»Zum Donnerwetter, hältst du jetzt deinen Mund! Ich werde dich bestrafen. – Hörst du, ich verbiete dir, mit deinen Kameraden, in der Schule, auf dem Hof von diesen Dingen zu reden. Kein Wort sprichst du mehr davon, verstanden?«

Der Junge sieht ihn trotzig an.

»Ob du verstanden hast, frage ich.«

»Aber wenn die anfangen! Ich kann doch nicht gegen meinen Vater reden lassen.«

»Dein Vater ... Gut, ich werde deinem Ordinarius sagen, daß der Klasse verboten wird, davon zu reden. Dann wirst du auch still sein, nicht wahr?«

Der Junge sieht ihn an.

»Also gut, dann geh schon, Frerksen.« An der Tür ruft er ihn noch einmal an. »Wann hat dein Vater das gesagt von den Verbrechern?«

»In der Nacht nach der Demonstration.«

»In der Nacht? Bist du denn wach gewesen?«

»Ja.«

»Schläfst du im Schlafzimmer deiner Eltern?«

»Ja.«

»Hat er es zu dir gesagt oder zu deiner Mutter?«

»Zur Mutti.«

»Gut. Schön. Dann geh schon.«

Er ist gegangen. Aber eigentlich war es schlimmer danach als vorher. Sicher, in seiner Gegenwart wurde nicht mehr darüber gesprochen. Aber ganz abgesehen davon, daß sie ewig hinter seinem Rücken darüber brabbelten, sprachen sie nun überhaupt nicht mehr mit ihm. Er war ausgestoßen, ein Geächteter, er hatte verraten, gepetzt. Der Sohn wie der Vater, Schurken beide.

Hans hat zehnmal den Entschluß gefaßt, mit der Mutter davon zu reden. Aber wenn er sie sah, ängstlich, scheu, mit rotgeweinten Augen, schwieg er. Er verstand, daß es ihr nicht anders ging wie ihm. Die Großeltern kamen nicht mehr und die Verwandten kamen auch nicht mehr ins Haus. In den Semmelbeutel an der Tür war schon zweimal morgens Dreck getan und die Kirschbäumchen im Garten hatte jemand nachts abgeknickt.

Jeder trug seine Last, auch Grete, wenn auch Mädels ganz anders sind, die quatschen so lange über alles, bis sie selbst nicht mehr wissen, woran sie sind.

Er kommt mittags nach Haus und hängt seine Mütze an den Haken. Legt seine Schultasche auf den Stuhl im Vorraum.

Papa ist schon da. Sein Säbel hängt an der Garderobe. Dieser verdammte Säbel! Natürlich ist alles gelogen, was sie darüber sagen. Aber Hans wüßte doch gern, wo der alte Säbel ist. Dieser ist neu, das hat er gleich gemerkt.

Aus dem Dunkel hinter dem Kleiderständer kommt die Mutter heraus. Sie weint so, die blanken Tränen laufen ihr über das Gesicht. »Oh, Hans, Hans, was hast du gemacht! Der Vater ...«

Der Junge sieht sie an: »Weine doch nicht, Mutti. Ich habe gar nichts gemacht.«

»Lüg nicht, Hans. Um alles in der Welt, lüg nicht. Da, geh rein zu Vater. Ich wollte, ich könnte dir helfen, mein armer Junge. Sei mutig und lüge nicht.«

Der Junge geht ins Zimmer vom Vater. Der steht am Fenster und sieht hinaus.

»Guten Tag, Vater«, sagt der Junge und bemüht sich, sehr mutig zu sein.

Der Vater antwortet nicht.

Eine Weile stehen die beiden und das Herz von Hans tut schrecklich schnelle, schmerzende Schläge. Dann dreht sich der Vater um. Der Sohn sieht den Vater an.

»Hans! Was hast du ... Nein, komm näher. Stell dich vor mich und sieh mich an. Sage die Wahrheit, Junge. Was hast du mit deinem Direktor gesprochen?«

»Die andern Jungen ...«

»Das interessiert mich nicht. Keine Ausflüchte. Was war mit Direktor Negendank?«

»Der Direktor hat mich gefragt, ob ich das gesagt habe, daß die Bauern Verbrecher sind, die totgeschossen verdienen.«

»Und –?«

»Da habe ich ja gesagt. Dann hat er mich gefragt, ob auch der Dentist ein Verbrecher ist.«

»Ja und –?«

»Da habe ich gesagt, das ist auch einer. Wenn einer in einen Auflauf geht, dann ist er selber schuld, wenn er was abbekommt.«

»Und? Weiter!«

»Da hat Direktor Negendank gesagt, das sind keine Verbrecher. Da hat er mir verboten, daß ich es wieder sage.«

»Und –?«

»Das ist alles. Dann hat er mich fortgeschickt.«

»Ist das alles –?« fragt der Vater. »Hast du nicht zum Direktor gesagt, ich hätte das gesagt von den Verbrechern und dem Totschießen?«

Der Junge sieht den Vater abwartend an.

»Hast du das gesagt? Antworte! Ich will das wissen.«

»Ja«, sagt der Junge leise.

»Darf ich dich vielleicht auch fragen, wieso du dazu kommst, derartige Lügen zu verbreiten? Wie kommst du dazu? Wer hat dir gesagt, daß du das erzählen sollst?«

»Keiner.«

»Wer hat das gesagt? Habe ich das gesagt?«

»Ja, Vater.«

»Da!« Der erste Schlag trifft ihn. Es ist der Schlag eines starken Mannes ohne Beherrschung in das Gesicht des Kindes geführt. »Ich werde dich lehren! Ich habe das gesagt? Wann habe ich das gesagt?«

Der Junge hält die Hände vorm Gesicht und schweigt.

»Nimm die Hände runter. Stell dich nicht so an. Wann habe ich das gesagt?«

»In der Nacht damals. Zu Mutti.«

»Da! Da! Da! Nie habe ich das gesagt! Nie!«

»Doch!« brüllt der Junge.

»Nie! hörst du: Nie! – Änne, komm mal her.«

Die Frau tritt ein, bleich, zitternd, verweint.

»Da sieh dir diesen Burschen an, deinen Herrn Sohn. Meine ganze Stellung ruiniert er mir, mit seinem verbrecherischen Geschwätz. Dieser verlogene Bengel behauptet, ich hätte zu dir in der Nacht nach der Demonstration gesagt, die Bauern wären alle Verbrecher, die totgeschossen zu werden verdienten. – Habe ich das gesagt, Änne?«

Der Sohn sieht die Mutter an, flehend, tiefernst.

Die Mutter sieht auf den Sohn, dann auf den Mann.

»Nein«, sagt sie zögernd, »so hast du das ...«

»Ach was! Jetzt kein Gerede! Ganz klar: habe ich das gesagt? Ja oder nein?«

»Nein«, sagt Mutti.

»Da hast du es! Du elender Lügner! Da! Da! Da! Laß das, Änne. Der Bengel hat Prügel verdient. Läßt du meine Hände los, Änne!«

»Nein. Nein. Jetzt nicht, Fritz. Nicht in der ersten Hitze. Er hat dich doch nur verteidigen wollen, Fritz!«

»Ich danke für seine Verteidigung. Ich danke für die Verteidigung eines Lügners. Sofort gehen wir zu Direktor Negendank, und du sagst ihm, daß du gelogen hast. Und wehe dir, wenn du noch muckscht!«

Er faßt den Sohn eisern ums Handgelenk. Schleppt ihn durch die Straßen zum Gymnasium.

Aber der Direktor ist in seiner Wohnung.

Weiter den Weg. Der erhitzte, zitternde Mann schleppt das Kind neben sich her.

Der Direktor ist jetzt nicht zu sprechen. Der Direktor ist beim Mittagessen.

Der Direktor muß zu sprechen sein.

– – –

»Hier, Herr Direktor, bringe ich Ihnen meinen Sohn. Heute erst habe ich erfahren, wie unverschämt, wie maßlos er Sie belogen hat. Hans! Sofort bittest du Herrn Direktor um Verzeihung. Sage: ich habe gelogen.«

Der Direktor, die Serviette in der Hand, tritt verlegen hin und her. »Herr Oberinspektor, so geht das nicht. So in der Hitze. Sehen Sie das Kind. Das Kind muß geschont werden.«

»Ach was, geschont! Verzeihen Sie, aber wer hat mich geschont? – Sag: ich habe gelogen, Herr Direktor.«

»Ich habe gelogen.«

»Mein Vater hat nichts davon gesagt, daß die Bauern Verbrecher sind.«

»Mein Vater hat nichts davon gesagt, daß die Bauern Verbrecher sind.«

»Sie sollen nicht totgeschossen werden.«

»Sie sollen nicht totgeschossen werden.«

»Ich habe das alles erlogen.«

»Ich habe das alles erlogen.«

»So. – Natürlich kann dir der Herr Direktor heute noch nicht verzeihen.«

»Doch. Doch. Ich bin sogar der Ansicht ...«

»Nein. Keine Milde. Ich bitte, ihn auch streng in der Schule zu bestrafen. Wahrscheinlich werde ich ihn umschulen. Für solche Lügner ist ein Gymnasium viel zu gut ...«

»Lieber Herr Oberinspektor, wollen Sie sich nicht beruhigen? In der ersten Hitze. Und über die Sache läßt sich so vieles sagen. Lügner ... Lügner ... Und er ist doch nur ein Kind. Frerksen, geh einmal dort in das Zimmer.«

»Nein. Er bleibt hier. Wir müssen sofort zu Herrn Bürgermeister Gareis. Da hat er auch seine Lüge zu gestehen. Hans, nimm deine Mütze, wir gehen ...«

»Das ist unmöglich, Herr Oberinspektor. Sehen Sie doch den Jungen an. – Dacht ich's mir doch! Da liegt er. – Komm, mein Junge. Ja, dir ist schlecht geworden. Hier legen wir dich hin. – Ein Glas Wasser, Frau. – Herr Oberinspektor, es ist vielleicht besser, Sie machen Ihren Besuch bei Herrn Bürgermeister allein. Schicken Sie dann bitte Ihre Frau. Die kann den Jungen abholen.

Nein, bitte, gehen Sie jetzt Ich habe jetzt wirklich keine Zeit für Sie, Herr Oberinspektor. Der Junge ist, im Moment wenigstens, wichtiger. Guten Tag, Herr Oberinspektor.«

Im benommenen, verwirrten Kopf denkt der Junge ununterbrochen: Vater lügt. Mutti lügt. Vater lügt. Mutti lügt.

Zwei Tage später liest er im Aushangkasten der Chronik, daß der Polizeioberinspektor Frerksen vorläufig wegen falscher polizeitaktischer Maßnahmen seines Amtes enthoben worden ist.

Da ist der Vater schon in Urlaub. Abgereist.

11

Wenn Stuff etwas wissen will von der Kriminalpolizei, muß er die Herren immer aufsuchen. Zu ihm kommen sie nicht. Es wird das oben nicht gerne gesehen. Für einen Beamten ist es immer etwas kompromittierend, durch die Tür der Chronik zu gehen.

Eine Ausnahme macht allein Perduzke, der ewige Kriminalassistent, der immer noch auf Beförderung wartet und es mit den Roten nicht verderben kann, weil er es längst mit ihnen verdorben hat.

Emil besucht manchmal seinen Männe. Dann hängen sie die Köpfe über die große Schreibtischplatte, dann schwärmen sie davon, wie schön es war, als noch Militär, ein ganzes Infanterieregiment, in Altholm lag. Dann schimpfen sie über die heutigen Zeiten, von der Schlechtigkeit der Welt, die von den Roten kommt, dann läuft der Setzerlehrling rastlos über den Hof und holt Zigarren und Bier, Schnaps und Bier.

Heute bleibt Perduzke streng an der Tür stehen, er holt etwas Weißes aus der Tasche, entfaltet es.

»Ich komme dienstlich, Herr Stuff.«

»Schön. Deswegen kannst du dich doch setzen. Oder willst du mich gleich verhaften?«

Perduzke grinst: »Das möchten die! Denen liegst du schwer auf dem Magen mit deiner ewigen Stänkerei. – Was das heute wieder für eine Lauferei war auf dem Rathaus!«

»Lauferei? Wieso?«

»Wie wenn du mit 'nem Stock einen Ameisenhaufen umrührst. Ich hab so was läuten hören. Auf der Schreibtischplatte von Gareis hat ein Brief vom Regierungspräsidenten gelegen. Und siehe da, plötzlich, in zwei Stunden, geht Frerksen auf Urlaub.«

»Emil! O schöner süßer Emil! Frerksen geht auf Urlaub! Wird gegangen auf Urlaub! Der Regierungspräsident greift ein. Das Vorgehen der Polizei nicht rechtmäßig.« Tiefernst: »Was hat in dem Brief gestanden, Emil?«

»Ich weiß es nicht. Bei Gott, Männe, ich weiß es nicht.«

»Emil, sei nicht feige. Ich schwöre dir, Emil, ich verrate dich nie. Emil, was willst du? Willst du Schnaps? Willst du eine echte Bock? Willst du drei echte Bock? Willst du sieben Cognac? Alles! Aber was stand in dem Brief?«

»Ich weiß es nicht, Männe. Ich bitte dich auch dringend, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Woher weißt du, daß der Brief und der Urlaub zusammenhängen?«

»Frerksen in Urlaub! Das ist der Anfang! Ich sage dir, Emil, der kommt nicht wieder. Der ist erledigt. Und was im Briefe stand, das kriege ich auch noch raus.«

»Ich bin aber dienstlich hier, Männe. Du hast da in Nummer einhunderteinundsiebzig der Chronik einen Offenen Brief veröffentlicht.«

»Ja? Habe ich das? Wenn du es sagst, wird es stimmen, Emil.«

»Dieser Brief ist gezeichnet Kehding.«

»Kehding? Nun ja, es gibt viele Kehdings. Was stand drin in dem Brief?«

Perduzke grinst: »Na, lies ihn dir erst mal durch. Sonst wird das Verhör zu lang.«

Stuff liest den Brief mit gerunzelter Braue: »Ja so. Das habe ich aber nicht reingebracht. Das ist nicht redaktionell, das ist ein Inserat. Soviel sehe ich an dem dicken schwarzen Rand.«

»Ach so, du kanntest den Brief gar nicht?«

Stuff freut sich: »Ich habe doch nichts mit Inseraten zu tun! Ich bin doch Redakteur, das sollte selbst ein Kriminalassistent wissen.«

»Und wer weiß mit Inseraten Bescheid?«

»Och, ich glaube keiner. Das macht so unser Fräulein. Oder wer grade da ist. Wenn die Leute früh kommen und es ist noch keiner da, dann nimmt auch die Reinmachefrau Inserate an.«

»Nee? So ist das? Das hatte ich nicht gewußt. Ist das bei den Nachrichten auch so?«

Stuff macht eine ausladende Handbewegung: »Bei den Nachrichten? Das ist auf der ganzen Welt so, bei den größten Zeitungen. Inserate, das ist wie Fliegendreck. Damit gibt man sich doch nicht ab.«

Perduzke mustert streng die Verzierung am Ofen: »Dann ist es wohl auch aussichtslos, wenn ich frage, ob das Manuskript von dem Inserat noch da ist?«

»Das ist vollkommen aussichtslos, mein lieber Emil!«

»Die werden nicht etwa aufbewahrt, die Inseratentexte?«

»Aufbewahrt! Hast du eine Ahnung, Emil, wie die Manuskripte aussehen, wenn sie abgesetzt sind? Die sind schwarz, sage ich dir, von den Setzerpfoten, da ist ein Neger Schnee dagegen.«

»Und du erinnerst dich wohl auch zufällig nicht, wo dieser Kehding, der ja wohl Landwirt ist, nach dem Offenen Brief zu urteilen – wo der her war?«

»Wo mag der her gewesen sein? Ja, das ist schwer zu sagen.«

Stuff seufzt. Geht an den Bücherschrank. »Wir haben da Niekammers landwirtschaftliches Güteradreßbuch für die Provinz Pommern. Da steht er sicher drin. Du weißt nicht zufällig, seinen Vornamen, Emil?«

Perduzke sieht vor sich und schluckt: »Nein, den weiß ich zufällig nicht, Männe.«

»Aber den Ort weißt du doch, wo er wohnt, mein lieber Emil? Vielleicht gibt es in dem Ort nur drei, vier Kehdings, da kann man ihn vielleicht ermitteln.«

»Nein, grade den Ort solltest du mir sagen, mein herziger Männe.«

»Huch!« schreit Stuff. »Süßer! Der Frerksen ist in Urlaub! Der Frerksen, der ist abgesägt! Der Frerksen ist perdu!« Er singt es und schlägt dazu den Takt mit der Faust auf die Schreibtischplatte. »Bist du durch mit dem Dienst, Emil?«

»Du gibst mir also amtlich die Auskunft, daß das Manuskript von dem Offenen Brief nicht mehr existiert und daß du den Wohnort von dem Kehding nicht kennst?«

»Geb ich dir amtlich. Was ist's mit ihm? Strafantrag?«

»Ja. Von der Stadtverwaltung. Wegen Nötigung.«

»Na ja. Die müssen's ja wissen. Und du weißt nicht, was in dem Brief vom Präsidenten stand? Außerdienstlich, Emil!«

»Außerdienstlich auf Ehre nee!«

»Dann muß ich es anders rauskriegen«, sinnt Stuff. »Das muß rauszukriegen sein.«

»Wieso darf eigentlich Manzow immer mit kleinen Mädchen Geschichten machen und es passiert ihm nichts?« fragt Perduzke.

»Ach!« sagt Stuff gedehnt. »Du hast auch was läuten gehört? Aber es ist eine Idee. Manzow ist ein großer Mann und ein Freund vom Dicken.«

»Ich habe nichts gesagt«, erklärt Perduzke.

»Hast du nicht«, bestätigt Stuff. »Jetzt gehen wir einen trinken. Und dann grabe ich den Tomahawk aus und gehe auf den Kriegspfad gegen den großen Häuptling Manzow. Hugh!«

»Du bist ein großes Kind, Männe«, bemerkt Perduzke.

Stuff sieht ihn trübe blinzelnd an: »Schaum, Emil. Nichts wie Schaum. Ich wollte, ich wäre es.«

12

Manzow hat mitten in der Stadt seinen wirklich schönen Garten, mit reich tragenden Obstbäumen, mit Blumen und Rasen, mit Büschen – trotzdem geht er wirklich manchmal in ihm spazieren, obwohl die Aussichten auf Lul-Lul-machende Kinder wie 1:10 000 sind.

Stuff sieht ihn schon von weitem und ist noch nicht gesehen. So kann er sich vorsichtig anschleichen, denn aus Erfahrung weiß er, daß der große Manzow ihm gerne, bei aller Freundlichkeit, ausweicht. Das datiert noch aus der Zeit, da die Chronik Stahlhelmblatt war. Und Manzow war schon damals Demokrat. Stuff holte vernichtend gegen den großen Wirtschaftsführer aus (vernichtend für die Abonnentenziffern der Chronik), aber man verdachte es ihm sehr, daß er auch ein paar Anspielungen auf den Kinderfreund Manzow gemacht hatte. Eine harmlose Schrulle. Er tut doch keinem was. Er ist so ein Original. Und die Kinder verstehen doch nichts davon.

Stuff ist ganz nahe. Er macht rasch zehn Schritte, lehnt sich über den Gartenzaun und ruft: »Guten Tag, Herr Manzow. Ein schöner Tag, was?«

»Finden Sie?« fragt Manzow. »Übrigens guten Tag meinerseits. Sie entschuldigen mich doch. Die Frühstückspause ist vorbei. Die Arbeit ruft.«

»Hat's ja sehr eilig«, denkt Stuff. »Es stimmt also. Hat Dreck am Stecken.«

Und laut: »Ich hätte Sie gerne was gefragt, Herr Manzow.«

»Ja? Ja? Ich habe aber wirklich keine Zeit.«

»Ihr Betrieb läuft auch mal so«, erklärt Stuff. »Und es ist wichtig für Sie.«

»Was wichtig für mich ist, weiß ich am besten. Meine Kunden selbst abfertigen, das ist wichtig.«

»Und unterdes werden Sie öffentlich abgefertigt, Herr Manzow.«

»Machen Sie keine Redensarten. Ich interessiere mich nicht für Geheimnisse.« Aber Manzow kommt doch näher und lehnt nun an der andern Seite des Zauns. »Was wollen Sie also wissen, Herr Stuff? Die Kollegien sind in den Ferien.«

»Wissen? Nichts. Ich weiß alles. Sogar von einem bestimmten Brief des Regierungspräsidenten.« Stuff pausiert, und mit Befriedigung sieht er, daß der Schuß ins Schwarze traf.

Manzow schnappt. Er schnappt tatsächlich nach Luft.

»Ich sage es ja! Ich sage es ja! Nichts bleibt geheim. Woher in aller Welt ...«

»Ich weiß noch mehr, Herr Manzow. Da ist noch ein Brief, ein Eingesandt. Oder genauer ein Überbracht.«

»Nein, sagen Sie mir, woher wissen Sie, daß der Regierungspräsident an Gareis ...«

»Ein Arbeiter hat es gebracht. Ein gewisser ... Matz?«

Manzow schmeckt umher. Es scheint unbefriedigend zu schmecken.

»Ja, ein Matz. Ein sehr langes Eingesandt. Kein hübsches Eingesandt, Herr Manzow. Die Leute werden mit den Nasen schnuppern, wenn sie's riechen.«

»Man soll nicht glauben, was solche Kerle erzählen. Das sind wahre Erpresser.«

»Hat er Sie erpressen wollen? Das hat er mir gar nicht gesagt.«

»Seien Sie kein Idiot«, knurrt Manzow. »Das habe ich auch nicht gesagt.«

»So? Nein? Ich hatte es so verstanden.«

»Ich kenne gar keinen Arbeiter Matz.«

»Aber die kleine Lisa Matz? Unter uns, ich habe auf dem Standesamt das Register eingesehen. Im April dieses Jahres zwölf Jahre alt geworden, Herr Manzow. Zwölf Jahre!«

»Manche Mädels sind eben verdammt entwickelt. Außerdem ist gar nichts passiert.«

»Nein. Natürlich nicht. Ständen wir sonst hier? Ständen Sie sonst hier?«

»Ich, Herr Stuff«, sagt Manzow plötzlich wütend, »liebe Ihre Methoden nicht. Ich lasse mich nicht am langsamen Feuer rösten. Sie wollen was. Was wollen Sie?«

»Sie vielleicht am langsamen Feuer rösten, Herr Manzow«, grunzt Stuff.

»Ich bin nicht Ihr Affe, Sie!« brüllt Manzow los. »Gehen Sie zum Teufel! Tun Sie, was Sie wollen!«

Er stürmt fort gegen das Haus.

Stuff sieht ihm nach, greift in die Tasche, holt eine Zigarre heraus, besieht sie tiefsinnig, beißt sie ab und spuckt die Tabakblättchen aus.

Drüben, unten im Garten, donnert die Tür zu.

Stuff holt sein Feuerzeug aus der Weste, brennt langsam die Zigarre an. Bleibt am Zaun stehen.

Ein Mädchen kommt hastig aus dem Haus gelaufen, ein Dienstmädchen mit dicken roten Armen. Stuff sieht mit stiller Freude beim eiligen Gang den gewölbten Busen in der lockeren Bluse auf und ab schaukeln.

Das Mädchen ist rot und sehr verlegen: »Herr Manzow läßt sagen, Sie möchten nicht so auf seinem Zaun lehnen. Der Zaun ist frisch gesetzt und sackt weg, läßt Herr Manzow sagen.«

»Danke schön«, sagt Stuff und blinkert mit den Augen. »Sag Herrn Manzow von mir, mein schönes Kind, daß ich hier stehenbleibe, bis der Zäun weggesackt ist.«

Das Mädchen lächelt auch ein bißchen, nur ganz schnell, weil sie es ja eigentlich nicht darf, und geht wieder ins Haus. Nun sieht Stuff den Po hinter blauem Kattun schaukeln. Es ist ein umfangreicher Po, Stuff stützt den zweiten Arm auf den Zaun und schwärmt.

Fünf Minuten vergehen. Stuff raucht.

Die Tür öffnet sich, und Manzow kommt wieder. Er geht lächelnd an Stuff heran: »Ich habe es mir überlegt, ich will dem Matz hundert Mark geben und ihm eine Stellung in der Städtischen Gärtnerei verschaffen.«

»Gut«, sagt Stuff und nimmt den einen Arm vom Zaun.

»Und Sie.« Manzow greift in die Tasche. »Hier haben Sie eine Abschrift von dem Brief des Präsidenten. Das war doch, was Sie wollten?«

»Wenn Sie«, sagt Stuff mit Nachdruck, »kein Demokrat wären, Herr Manzow, was wären Sie für ein Mann!«

Er nimmt den andern Arm vom Zaun.

»Gareis hat auch einen Brief bekommen. Er soll noch schärfer sein. Ich kenne ihn aber nicht.«

»Gut. Der hier genügt mir schon.«

»Ich will kein Ehrenwort von Ihnen, Herr Stuff. Aber sehen Sie, daß Sie das Maul halten. Ich schlittere sonst verdammt rein.«

»Ich habe noch nie einen Gewährsmann verraten«, sagt stolz Stuff. »In einem Punkt muß man auf Sauberkeit sehen.«

»Richtig«, sagt Manzow. »Ich für meine Person bade jeden Tag. Morgen.«

»Morgen«, antwortet Stuff und starrt ihm nach, mindestens so bewundernd wie dem Köchinnenpopo. »Er ist ein Schwein, aber ein hundertprozentiges. Ein wahres Oberschwein.«

Er schiebt los gegen die Redaktion. »Heute schlägt die Chronik wieder alle. Was der Heinsius platzen wird! Ach Gott, der schneidet es ja doch aus. Tintenkuli ist man bloß für die Affen von den Nachrichten.«

13

Der Brief des Präsidenten in der Chronik, das war die Bombe, die einschlug.

Die Stadt brauste auf, Köpfe fuhren zusammen und auseinander. Gareis mußte sich die Hand verbinden lassen, er hatte einen Aschenbecher zertrümmert vor Wut.

Es war ja auch ein schöner, ein weiser Brief, er verteilte Licht und Schatten, er richtete es so ein, daß jeder sein Päckchen bekam: Bauern und Polizei.

Oben aber im Himmel thront der Temborius.

Die Regierung war milde gewesen und sanft, trotz der schlechten Erfahrungen hatte sie den Bauern noch einmal die Demonstration erlaubt.

Die Bauern aber waren böse gewesen, eine Aufruhrfahne hatten sie mit sich geführt, eine nicht eingewickelte Sense hatten sie durch das Stadtgebiet getragen (Paragraph drei der Polizeiverordnung von Anno Tobak), hatten die Polizisten angegriffen, hatten aufreizende Reden geführt, Väterchen Staat verachtet.

Die Polizei hatte recht getan vorzugehen.

Die Polizei hatte nicht recht getan, so vorzugehen.

»Über die Art der Durchführung der Polizeiaktion bestehen taktische Bedenken. Ich enthebe daher den Polizeioberinspektor Frerksen des Exekutivdienstes bis zum Abschluß einer gegen ihn schwebenden Untersuchung.«

Sela.

Toben, Jauchzen, Grinsen, Schluchzen.

Und Gareis, nach dem ersten Wutanfall, hockt in seinem Zimmer, brütet: »Woher hat der Stuff das? Wer hat das dem Stuff gegeben?«

Er läßt Tredup kommen, aber Tredup weiß nichts, weiß diesmal wirklich nichts. Gareis sieht ihm an, daß er nur zu gerne verraten hätte.

Nein, nichts, aber er wird aufpassen, wird es zu erfahren suchen.

Aber Tredup braucht nicht aufzupassen, Gareis weiß schon am Abend Bescheid. Manzow hat nichts verraten, Stuff hat dichtgehalten, trotzdem weiß Gareis am Abend, wer an Stuff die Abschrift gab.

Da ist dieses Dienstmädchen von Manzow, die Person mit dem Schaukelbusen, sie erzählt, was der Stuff für ein netter Mensch ist. Er hat ihr zugezwinkert und zugelacht. Sicher ginge er gerne mal mit ihr aus.

Der Mann, mit dem sie »geht«, dem sie das erzählt, fragt, woher sie denn den Stuff kennt.

Von Manzow. Die beiden haben doch heute solchen Streit gehabt, sie hat doch den Stuff wegjagen sollen vom Gartenzaun.

Ob er gegangen ist?

Nein, die beiden haben sich doch wieder versöhnt. Manzow ist wieder rausgegangen zu Stuff, und sie haben weiter geredet miteinander.

Der Mann, der die Sympathien des Mädchens hat, ist ein Genosse. Ein SPD-Mitglied. Wenn Genossen etwas zu wissen glauben, so gehen sie damit zu Pinkus, dem Berichterstatter von der Volkszeitung. Der zahlt fünfzig Pfennig für jede Neuigkeit, die er brauchen kann.

Diese kann er nicht brauchen, sie eignet sich nicht für den Druck, der Genosse sieht das ein? Außerdem könnte das Mädchen Schwierigkeiten dadurch haben bei ihrem Dienstherrn.

Den Genossen scheint das nicht arg zu stören.

Jedenfalls flitzt Pinkus mit der Nachricht zu Gareis. Gareis ist ein wirklich großer Bonze, man weiß gar nicht, wo der überall Verbindungen hat. Pinkus beabsichtigt nicht, sein Lebtag Lokalreporter in Altholm zu bleiben.

Gareis hört, Gareis weiß Bescheid.

Einen Augenblick überlegt er, ob er noch mit dem Mädchen sprechen soll, aber was er gehört hat, das genügt vollkommen. Als er allein ist, nimmt Gareis den Hörer ab.

»Bitte Herrn Manzow. – Hier Bürgermeister Gareis. Ich möchte Herrn Manzow selbst sprechen. – Ja, sind Sie da?«

Ganz leise und sanft: »Du hast dem Stuff den Brief vom Regierungspräsidenten gegeben. Leugne nicht. Ich weiß es von ihm selber. Was du angerichtet hast, ist dir wohl schon klar. Ich erkläre dir, daß ich noch heute eine Parteivorstands-Sitzung einberufen werde. Ich werde beantragen, daß die Arbeitsgemeinschaft der SPD mit den Demokraten aufgehoben wird. – Guten Abend, mein lieber Manzow. Nein, es ist schon gut. Paß ein bißchen auf, daß keine Anzeigen gegen dich kommen, ich habe keinen Papierkorb mehr. Guten Abend. Guten Abend. – Ach, schwätz nicht. Schluß!«

Drei Minuten später klingelt auf der Redaktion der Chronik das Telefon.

»Hier Manzow. Ich möchte Herrn Stuff sprechen. Selber am Apparat? Sie Lump haben dem Gareis verraten, daß Sie den Brief des Regierungspräsidenten von mir haben. Sie sind das größte Schwein von Altholm. Halten Sie die Schnauze. Tun Sie, was Sie wollen. Wegen Erpressung zeige ich Sie an, Sie Revolverjournalist! Ich werde mich an Herrn Gebhardt wenden, über Sie beschweren werde ich mich. Sie sind unmöglich ab heute in Altholm! Sie gemeiner Hund, Sie. Ach was, halten Sie Ihr Maul. Mit Ihnen rede ich schon lange nicht mehr. Schluß!«

Zwei Minuten später klingelt das Telefon bei den Nachrichten.

»Hier Stuff. Bitte Herrn Gebhardt, Herr Gebhardt selbst? Ja, Herr Gebhardt, der Manzow hat mich eben angerufen. Irgendwer hat dem Gareis verraten, daß ich den Brief von Manzow habe. Ja, den bewußten Brief. Nein, ich habe mit keinem Menschen darüber gesprochen. Nein, bestimmt nicht. Nein, ich habe nicht geschwatzt. Ich habe seit zehn Tagen keinen Tropfen getrunken. Schwierigkeiten? Ich mache doch die Schwierigkeiten nicht. Eben, ich muß beobachtet worden sein. Ja, wir müssen einen Spion auf der Redaktion haben. Nein, nicht am Telefon. Wenn Sie aber vielleicht mal Gareis anrufen würden? Man muß den Manzow verhindern, daß er in der ersten Wut zuviel Mist macht. Was für Mist? Gott, Herr Gebhardt, hier gibt es doch überall Mist. Da ist nun schwer zu sagen, was er grade ausgräbt. Ja, ich halte es für das beste. Ja. Danke schön. Guten Abend, Herr Gebhardt.«

Zehn Minuten später klingelt das Telefon bei Bürgermeister Gareis.

»Hier Nachrichten. Gebhardt. Ja, selbst. Ich sehe eben, Herr Gareis, was der Stuff da angerichtet hat. Komme grade von einer Reise zurück. Nein, ich bin empört. Können wir vielleicht mal darüber sprechen? Nein, ich habe auch noch etwas anderes im Sinne. Morgen vormittag um elf? Ja, das wird gehen. Ganz Ihrer Ansicht. Es muß jetzt Ruhe werden. Guten Abend, Herr Bürgermeister.«

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