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Bauern, Bonzen und Bomben

Hans Fallada: Bauern, Bonzen und Bomben - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorHans Fallada
titleBauern, Bonzen und Bomben
publisherRowohlt
year1970
isbn3499106515
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150405
projectida9d0209c
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Drittes Kapitel
Die Versöhnungskommission arbeitet

1

Ecke Calvin- und Propstenstraße stoßen die Gärten vom Engros-Kaufmann Manzow und dem Produktenhändler Meisel zusammen. Beide sind demokratische Stadtverordnete, Manzow sogar – infolge eines Abkommens mit der SPD – Stadtverordnetenvorsteher, während Meisel der Hans Dampf in allen Gassen ist, das kommunale Nachrichtenbüro von Altholm.

Es ist ein schöner Julivormittag, nicht zu warm, ein kühler Wind geht von der See und frischt die Sonne auf, bewegt die Blätter des Gartens, in dem Manzow sich ergeht. Er ist eben aus dem Bett gekrochen, hat eine Kanne schwarzen Kaffee getrunken und versucht jetzt mit viel Priem den Geschmack von der gestrigen Sauferei aus dem Munde zu kriegen.

Manzow hat in Altholm zwei Spitznamen: »der weiße Neger« und »der Kinderfreund«. Weißer Neger wegen seines Gesichtes, das mit den aufgeworfenen Lippen, der fliehenden Stirn, dem krausen schwarzen Haar viel Negerhaftes hat, Kinderfreund darum, weil ...

Gewohnheitsmäßig späht er über die Zäune in die Nachbargärten, trotzdem er weiß, daß die Mütter ihren Kindern streng verboten haben, im Garten ihr Geschäftchen zu verrichten, überhaupt in die Nähe des Manzowschen Zaunes zu kommen. Es könnte doch mal sein, daß so eine süße kleine Krabbe von acht oder zehn Jahren ...

Es ist aber nur der Fraktionskollege Meisel, Herr über ein vierstöckiges Lagerhaus und siebzig Lumpensammler, den er erblickt.

»Morgen, Franz.«

»Morgen, Emil.«

»Gestern noch lange geblieben?«

»Bis fünf. Irgend so ein dämlicher Stadtpoliziste wollte um drei Polizeistunde bieten. Ich hab ihm was gepfiffen.«

»Ja?« horcht Meisel neugierig.

»Ich hab ihm einen Zettel ausgeschrieben, daß ich als Stadtverordnetenvorsteher die Polizeistunde bis sechs verlängere.«

»Und was wird Gareis dazu sagen?«

»Gareis? Gar nichts! Glaubst du, der verdirbt es jetzt mit mir, wo der Boykott Wirklichkeit geworden ist und das Turnier auffliegen soll?«

»Ich war heute«, sagt Meisel, »zum Rasieren auf dem Bahnhof. Der Punte sagt, er muß mindestens drei Gehilfen entlassen. Kein Bauer läßt sich mehr rasieren und Haar schneiden.«

»Der Gareis soll sie man rasieren, der muß es ja noch können vom Vater her.«

»Ich glaub, der Gareis hat die Bauern schon zuviel eingeseift.«

Die beiden Männer lachen, so schallend, daß ein paar Vögel aufflattern.

»Der Krüger am Bahnhof sagt auch, er schenkt an Markttagen zwei Hektoliter weniger aus.«

»Alle Kaufleute klagen.«

»Ich will dir was sagen«, erklärt Manzow gewichtig, »du kennst mein Geschäft. Hier in der Stadt war es nie nichts. Aber alle Hausierer haben bei mir gekauft: Kurzwaren, Parfüm, Seife, Hosenträger, Stoffe, eben alles.

Nun, jetzt sagen sie, sie könnten nicht mehr bei mir kaufen. Die Bauern fragen: woher kommst du? Aus Altholm. Dann geh man wieder nach Altholm. – Kein Schwanz kauft was.«

»Wer aus Altholm ist, ist erledigt. Die Reisenden im Auto, für Öle und Fette, für Maschinenteile, alle werden vom Hofe gejagt Die haben sich eine Liste von den Kontrollnummern der Altholmischen Autos gemacht.«

»Toll ist das«, stöhnt Manzow. »Gehen wir übrigens vor der Sitzung einen Schnaps trinken?«

»Meinetwegen. – Und dem Autofahrlehrer Meckel sind siebzehn Schüler vom Lande abgesprungen.«

»Die landwirtschaftliche Winterschule hat keine Anmeldungen zum Herbst.«

»Ja, aber der Frerksen, der Affe, läuft in der Stadt herum in seiner Uniform und ist hochmütiger als je.«

»Sag das nicht. Weißt du nicht, daß er in Stolpermünde in der Sommerfrische war? Da haben sie ihn in einer Woche rausgeekelt, aber wie? Jeden Morgen war seine Burg am Strande vollgeschissen und die Zimmer haben von Ungeziefer gewimmelt.«

»Hast du nicht gehört, sein Junge hat gesagt, sein Vater hätte in der Nacht nach der Demonstration gesagt, alle Bauern wären Verbrecher und gehörten totgeschlagen –?«

»Die eigenen Eltern vom Frerksen haben aber gesagt: das hätte der Fritz nicht tun müssen, mit dem Säbel auf die Bauern losgehen.«

»Die verkehren nicht mehr miteinander.«

»Gareis kann ihn unmöglich halten.«

»Na, das werden wir ja heute hören. Du kommst doch auch?«

»Natürlich.«

»Also dann trinken wir rasch vorher noch einen, dann ist es nicht so trocken.«

»Gehen wir ins Tucher?«

»Nein, lieber zu Tante Lieschen. Da können wir eher ein bißchen schweinigeln.«

»Wieder scharf auf die kleinen Mädchen?«

»Immer. Immer. Pflücke die Rose, eh sie erblüht.«

»Glänzend. Das muß ich meiner Frau erzählen.«

Die Männer lachen schallend, die Vögel erschrecken schon wieder.

2

In dem großen Arbeitszimmer von Bürgermeister Gareis sind um zwölf Uhr etwa dreißig Herren versammelt: die Obermeister der Innungen, die Vertreter der verschiedenen Einzelhandelsverbände, die Fabrikanten, der Leiter des Finanzamtes: Finanzrat Berg, von der Presse die Herren Heinsius und Pinkus, ein Geistlicher: der Superintendent Schwarz, ein Kinobesitzer, der ganze Magistrat und zahlreiche Stadtverordnete.

Die Herren reden eifrig miteinander, jeder weiß alarmierendere Nachrichten. Die Presse notiert eifrig.

Gareis fehlt noch.

»Wo bleibt er denn?«

»Der verhandelt noch wegen des Turniers.«

»Gott, wenn uns das auch noch aus der Nase geht! Sechstausend Bauern drei Tage lang in Altholm!«

»Sechstausend? Zehn! Der Gareis hat uns was Nettes eingebrockt.«

»Gareis? Frerksen!«

Mit dem Stahlhelm auf dem Rockaufschlag erklärt Medizinalrat Dr. Lienau messerscharf: »Gareis? Frerksen? Eine Wichse! Die rote Rotte ist einander wert. Wo aber ist Stuff, der einzige nationale Berichterstatter?«

Heinsius von den Nachrichten weiß Bescheid: »Stuff ist nicht geladen.«

»Ich bitte Sie! Nicht geladen! Und das läßt sich die Presse bieten? Sind Sie nicht solidarisch?«

»Er hat von Polizeiterror geschrieben.«

»Und? War es das nicht? Übrigens sollen Sie jetzt ein Betrieb sein?«

»Ein Betrieb? Nein, nein. Mir ist Herr Stuff völlig fremd.«

»Unerhört, unser Pressevertreter ...«

»Pssst! Gareis!«

»Gareis!!«

»Gareis!!!«

Er kommt, größer als alle, massiger als alle. Grüßt flüchtig hierhin, dorthin. Beinahe noch im Gehen, hinter seinem Stuhl, die Lehne in der Hand, fängt er an zu sprechen:

»Ich bitte Sie, meine Herren, Platz zu nehmen.«

Gescharre, Gewispere, Hin- und Herlaufen.

Schon beginnt Gareis im Eiltempo:

»Meine sehr verehrten Herren. Ich danke Ihnen, daß Sie meiner Einladung gefolgt sind. Ich begrüße in Ihnen die prominenten Vertreter von Wirtschaft, Handel und Handwerk der Stadt, die Behörden, die Kirche und insbesondere auch die Herren der Presse.«

Eine Stimme schnarrt: »Stuff fehlt!«

»Richtig! Stuff fehlt. Muß fehlen, da Herr Stuff nicht geladen wurde. – Unser heutiger Verhandlungsgegenstand ist bekannt: der Boykott der Bauern und unsere Maßnahmen dagegen.

Ich schicke eins voraus: der Demonstrationszug, der Blutmontag, wie ihn der abwesende Herr Pressevertreter so wirkungsvoll für die Interessen unserer Stadt getauft hat, bleibt aus der Debatte.

Wir hier, meine Herren, können nicht entscheiden, ob Fehler gemacht worden sind. Jeder von uns ist irgendwie Partei. Im übrigen hat der Herr Minister Bericht eingefordert. Dort fällt die Entscheidung.

Ich bitte, sich also strikt daran zu halten, daß der Montag aus der Debatte bleibt.«

Pause. Gareis beginnt neu, wirklich:

»Meine Herren, wir alle wissen, daß jene Bewegung, die sich Bauernschaft nennt, als Protest gegen das Vorgehen der Altholmschen Polizei den Boykott über unsere Stadt verhängt hat.

Ich will nicht davon reden, daß dieser Boykott sehr voreilig und sehr ungerecht verhängt worden ist, ohne jede Prüfung der Schuldfrage. Die Bauern können jetzt vielleicht nicht geduldig und gerecht sein.

Ich will auch nur kurz erwähnen, daß dieser Boykott ja nur Unschuldige trifft. Wenn wirklich die Polizei schuldig ist: ich, meine Herren, und meine Unterstellten, wir kriegen unsere Gehälter weiter. Sie sind die Leidtragenden.«

»Sehr richtig!«

»Die Führer der Bauernschaft können das nicht übersehen haben. Wenn man trotzdem den Boykott verhängt hat, so scheint mir das dafür zu sprechen, daß man ihn mehr aus Propagandarücksichten beschlossen hat als aus Empörung über den 26. Juli.

Und ich kann Ihnen verraten, dieser Boykott ist nicht etwa der Wille der gesamten Bauernschaft. Vertraulich sage ich Ihnen, daß es in der nächtlichen Versammlung auf der Lohstedter Heide sehr erregte Szenen gegeben hat. Mein Gewährsmann versichert mir, daß nur das Eingreifen des Führers Reimers den Boykott erzwungen hat. Beschlossen ist er nicht von der Bauernschaft. Mein Gewährsmann ...«

»Namen nennen!«

»Das möchten Sie, Herr Medizinalrat, was? Ich liefere aber meine Gewährsleute nicht ans Messer.«

»Ich verbitte mir ...«

»Gar nichts, Herr Medizinalrat. Hier bin ich Hausherr. Sie können jederzeit gehen, wenn Ihnen meine Rede nicht paßt. –

Das mag aber sein, wie es will, der Boykott ist jedenfalls da. Nun laufen in der Stadt ganz irrsinnige Gerüchte über die Wirkungen des Boykotts herum. Meine Herren, lassen Sie sich doch nicht irre machen. Die Wirkungen des Boykotts sind minimal.«

»Oho!«

»Unsinn!«

»Verheerend!«

»Sehr richtig!«

»– Altholm ist eine Industriestadt. Die Kaufkraft steckt in der Arbeiterschaft. Glauben Sie doch nicht, meine Herren, daß die Bauern hier viel in Altholm gekauft haben. Wenn sie vom Markt kamen, hat die Frau ein bißchen Nähgarn geholt und der Mann ein Glas Bier getrunken. Es fällt wirklich nicht ins Gewicht.

Gewiß, da und dort ist ein Reisender zurückgeschickt worden. Aber seien Sie sicher, die Bauern hätten ihm auch so nichts abgekauft, jetzt vor der Ernte hat der Bauer doch kein Geld. Da ist es eine wunderschöne Ausrede, zu sagen: ich kauf dir nichts ab, weil du aus Altholm bist.

Aber meine Herren, wenn das auch alles nicht wäre, wenn der Boykott wirklich schlimm wäre, wir könnten nichts Verhängnisvolleres tun, als das auszusprechen. Wenn wir immer wiederholen: wir merken gar nichts vom Boykott, der Boykott ist ein Papiergefasel von der Zeitung Bauernschaft – dann, meine Herren, ja, dann ist der ganze Boykott in vier Wochen erledigt.

Wir müssen ankämpfen gegen den Unverstand in der eigenen Stadt. Das geht natürlich nicht, daß Kaufmann Schulze, dem seit drei Jahren dreißig unverkäufliche Hosen auf der Stange hängen, zum Kaufmann Schmidt sagt: dreißig Hosen hab ich nicht verkauft wegen des Bauernboykotts. Und es geht nicht an, daß immer von neuem das Feuer geschürt wird, daß die Presse nicht aufhört, kleine aufreizende Nachrichten zu bringen oder gar von Polizeiterror zu reden. In der Not muß man zusammenstehen.

Wir haben hier unter uns Herrn Hauptschriftleiter Heinsius, einen treuen Sohn unserer Stadt Altholm und eifrigen Verfechter vaterländischer Interessen. Ich glaube, er wird mit uns heute einig werden, daß die Heimatpresse erst einmal einen Gürtel des Schweigens um die Ereignisse des 26. Juli legt. Sie zucken die Schultern, Herr Heinsius. Ich denke, Sie werden noch mit dem Kopf nicken.«

Rehfelder ruft: »Stuff! Redakteur Stuff!«

»Meine Herren, um Redakteur Stuff wollen wir uns doch nicht sorgen. Ich glaube, Sie unterschätzen da die Macht und Einflußsphäre unseres Herrn Heinsius. Wenn Herr Heinsius erklärt: die bürgerliche Presse schweigt, dann schweigt auch Herr Stuff. – Nun ja, ich schweige ja auch schon, Herr Heinsius.

Das wären zwei Sachen, die ich vorzuschlagen hatte: Leugnen der Wirkung des Boykotts. Schweigen über den 26. Juli.

Das dritte – nun, meine Herren, wir wollen keinen Boykott gegen die Bauern beschließen. Mögen sie ruhig weiter zu uns auf den Markt kommen. Aber, wenn die Herren Gatten ihren Frau Gemahlinnen vielleicht nahelegen möchten, unsere heimischen Geschäftsleute besonders bei ihren Einkäufen zu berücksichtigen, namentlich auch im Hinblick auf die etwa ausfallenden Bauerneinnahmen ... nun, ich bin überzeugt, so ein Hinweis wird schon seine Wirkung tun. Unter uns sind ja natürlich keine Pantoffelhelden, die einen solchen Hinweis vergeblich aussprechen würden ...«

Beifälliges, dankbares Gelächter.

»Meine Herren, ich sehe fast überall aufgeklärte, heitere Gesichter. Manch Ding ist von weitem schwarz, aber in der Nähe weiß. Einer Sache dürfen Sie sicher sein, der Nachteil, den uns die im Augenblick ausbleibenden Bauern bringen, wird verschwindend sein gegen die Vorteile, die wir auf der andern Seite haben.«

»Redensarten!«

»Ich habe schon Verhandlungen angeknüpft mit einer ganzen Reihe von Arbeiterorganisationen. Dort ist man allgemein der Ansicht, daß Altholm für den Boykott durch die Bauern gewissermaßen entschädigt werden muß. Die Arbeiter werden ihre Veranstaltungen bevorzugt in Altholm abhalten.

Das alles bringt Geld und Leute in Massen hierher. Und demgegenüber spielt es nur eine geringe Rolle, daß das Reitturnier nun wirklich abgesagt ist.

Ich bitte um Wortmeldungen.«

Bürgermeister Gareis setzt sich rasch und erwartet mit gesenkten Lidern den Sturm, der nach seiner letzten Mitteilung losbrechen wird.

3

Assessor Stein, das dunkle, bebrillte Männchen, erhebt sich und liest nervös von seinem Zettel ab: »Zuerst hat sich Herr Obermeister Besen zum Wort gemeldet. Ich bitte Herrn Obermeister Besen, das Wort zu ergreifen.«

Assessor Stein taucht unter in das Durcheinander hin und her fahrender Köpfe. Der Obermeister der Gastwirteinnung erhebt sich im Schmuck seiner weißen Haare: »Ja, meine Herren, was soll ich sagen –?«

»Wenn du's nicht weißt, halt's Maul!«

»Was soll ich sagen, meine Herren? Da hat uns Herr Bürgermeister Gareis eine schöne Rede gehalten, und ich denke, er hat uns fast alle überzeugt. Ich bin pessimistisch hierher gegangen, es geht der Stadt Altholm schon so schlecht und nun der Bauernboykott, unter dem besonders das Gastwirtsgewerbe zu leiden hat ... Aber wie ich die Vorschläge des Herrn Bürgermeisters gehört habe, da habe ich gedacht: ja, so geht es ...

Ja, meine Herren, aber dann hören wir so ganz nebenbei, daß das Reitturnier abgesagt worden ist. Und da werden uns Aussichten gemacht auf irgendwelche Arbeiterveranstaltungen, sehr ungewisse Aussichten, scheint es auch noch.

Ich will Herrn Bürgermeister und seiner Partei gewiß nicht zu nahe treten. Aber das wissen wir Gastwirte doch, was Arbeiter auf solchen Veranstaltungen verzehren und was Bauern verzehren. Nein, Herr Bürgermeister, bringen Sie alle Arbeiterorganisationen nach Altholm, das macht dies eine Fahrturnier nicht wett.

Und ich möchte doch hervorheben, daß die heute von Herrn Bürgermeister Gareis so getadelte Chronik als erste schon vor Tagen auf den Boykott und das ausfallende Fahrturnier aufmerksam gemacht hat. Ich bin damals bei Ihnen gewesen, Herr Bürgermeister, und Sie haben mir gesagt: das ist Schwindel, das Reitturnier bleibt in Altholm. Nun hat die Chronik nicht geschwindelt, sondern ...

Also, meine Herren, wir haben schon damals bei den Gastwirten Rundfrage gehalten nach dem Schaden, der durch den Ausfall des Turniers entsteht. Wir haben die uns mitgeteilten Zahlen sorgfältig geprüft, wir haben Abstriche gemacht und wir sind doch auf die horrende Zahl von 21 000 Mark gekommen. Die hier anwesenden Vertreter der andern Gewerbezweige werden sich sicher auch noch zu diesem Punkte äußern ...

Ja, aber angesichts dieser Tatsachen bin ich nun doch der Ansicht, daß wir uns auf keinen Kampf mit der Bauernschaft einlassen, denn was Herr Bürgermeister vorschlägt, ist doch Kampf.

Wir haben fast alle Verbindungen mit dem Lande, ich schlage vor, daß wir diese Verbindungen nutzen. Ich schlage vor, daß wir eine Kommission wählen, die die Versöhnung mit der Bauernschaft betreiben soll, und daß diese Kommission sich sofort mit den Bauern an den Verhandlungstisch setzt.«

Obermeister Besen hat ausgeredet, und Assessor Stein erteilt Herrn Medizinalrat Dr. Lienau das Wort.

»Meine Herren, da haben Sie den Salat! Wir drei Vertreter des nationalen Gedankens haben gewarnt und gewarnt, aber auf uns hat man natürlich nicht gehört. Da hieß es immer Kompromisse schustern mit den Roten, nun sitzen Sie drin!

Und nun erleben wir die, gelinde gesagt, starke Zumutung von Herrn Bürgermeister Gareis, daß er uns hier einlädt und unverblümt erklärt: ja, meine Herren, wir von der Polizei haben den Karren verfahren, nun machen Sie mir Vorschläge, wie er aus dem Dreck zu ziehen ist.

Ich stelle den Antrag, daß die Versammelten den unerhörten Polizeiterror mißbilligen und der Bauernschaft ihr tiefstes Bedauern aussprechen.«

»Herr Kaufmann Braun hat das Wort.«

»Ja, meine Herren, mir ist es ähnlich gegangen wie Herrn Besen. Auch ich war pessimistisch, wurde optimistisch und sehe jetzt alles schwarz. Aber ich möchte mir doch den Vorschlag erlauben, ob man nicht den Antrag von Herrn Bürgermeister mit dem von Herrn Besen verbinden kann, das heißt: Wirkung gegen den Boykott und sofort aufzunehmende Verhandlungen.«

»Herr Superintendent Schwarz.«

»Meine sehr verehrten Herren! Ich vertrete hier keine materiellen Interessen. Ich nehme auch an, daß ich nur zu Informationszwecken geladen bin. Aber als Vertreter der Kirche möchte ich doch warnen, den Weg zu betreten, den Herr Bürgermeister Gareis empfiehlt.

Wir sollen sagen, der Boykott ist wirkungslos, trotzdem wir hier allerseits hören, daß er sehr wirkungsvoll ist. Wir sollen also, zu deutsch gesagt, lügen. Und, meine Herren, es ist doch noch immer so auf der Welt, daß man mit Lügen nur kurze Zeit durchkommt.

Als Vertreter der Kirche kann ich nur zum Frieden raten. Machen Sie Ihren Frieden mit den Bauern. Meine Herren, der Vorschlag von Herrn Obermeister Besen ist der richtige: wählen Sie einen Ausschuß, verhandeln Sie mit den Bauern. Und tun Sie auch das, was Herr Medizinalrat Lienau gesagt hat: sprechen Sie den Bauern Ihr Bedauern aus. Man kann das, ohne Stellung zu nehmen. Die Sache mag liegen, wie sie will, aber menschlich ist sie jedenfalls tief beklagenswert. Sprechen Sie das unverhohlen aus. Das ist keine Schande, da braucht man sich nicht zu schämen.

Und wenn Sie diesen Weg gehen, dann werden Sie immer der Unterstützung der Kirche sicher sein.«

»Herr Chefredakteur Heinsius.«

»Meine hochverehrten Anwesenden! Sehr geehrte Herren!

Sie wissen alle, daß ich selten mein Redaktionszimmer verlasse. Der elektrische Funke trägt in die Wände meines Arbeitszimmers Kunde von dem, was in der Welt geschieht, und nur, wenn man stille ist, abseits vom Getümmel und Getriebe der Meinungen, ist das Ohr scharf genug, den Pulsschlag der Zeit abzuhorchen.

Wenn ich dieses Mal von meiner Gewohnheit abgegangen bin, wenn ich als Vertreter der größten Zeitung Ihrer Vaterstadt in die Arena des Streites hinabsteige und nun selbst zu Ihnen rede, so darum, weil wir vom ersten Tage an die Entwicklung der Dinge mit größter Besorgnis verfolgt haben.

Schon, als die Demonstration erst als ein Projekt erwähnt wurde, haben wir aufgehorcht und gefragt: was will das werden?

Und als dann die Demonstration erfolgte, als es dann zu den beklagenswerten Zusammenstößen kam, als wie ein drohender Schatten das Gespenst des Boykotts an der Wand erschien, als er Wirklichkeit wurde, ja, da, meine sehr verehrten Herren, haben wir immer wieder mit leidenschaftlicher Besorgnis gefragt, was will das werden –?

Wenn Herr Bürgermeister davon gesprochen hat, daß die Presse das Feuer geschürt hätte, so kann er damit nie die Nachrichten gemeint haben. Die Nachrichten lassen sich nur von den Interessen der Vaterstadt leiten.

Und da, meine Herren, wenn wir diese Interessen ins Auge fassen, wenn wir leidenschaftslos prüfen, was getan werden muß, da erhebt sich denn doch die Frage ...

Ich sehe hier Herren vom Handwerk, von der Wirtschaft, von der Finanz. Die Geistlichkeit ist vertreten. Viele Herren aus dem Stadtverordnetenkollegium. Der Magistrat.

Aber, meine Herren, da erhebt sich denn doch die Frage: wo ist Herr Oberbürgermeister Niederdahl?!?

Wo ist der Leiter unseres Gemeinwesens in der Stunde der Gefahr? Herr Stadtrat Röstel vertritt ihn, gut. Aber, meine Herren, es gibt Lagen, in denen man sich nicht vertreten lassen kann, wo allein die Hand des Führers das Steuer herumwerfen darf.

Ich frage Sie, meine Herren, wo ist der Führer?«

»Herr Hausbesitzer Gropius.«

»Meine Herren, ich spreche zu Ihnen als Vertreter des privaten Hausbesitzes und zugleich als Vertreter der Reichswirtschaftspartei.

Meine Herren, wir haben unsere warnende Stimme erhoben, als die Kollegien dem Bau von fünf neuen Bedürfnisanstalten zustimmten. Meine Herren, wir haben gewarnt, als die Zuschläge zu den städtischen Steuern um fünfundsechzig Prozent erhöht wurden. Meine Herren: wir haben immer gesagt: Ausgabensenkung, Steuersenkung. Meine Herren, auch in dieser verantwortungsvollen Stunde sehen Sie uns auf dem Plan: wir warnen Sie. Nicht weiter auf diesem Wege!

Meine Herren! Namens des privaten Haus- und Grundbesitzes und namens der Reichswirtschaftspartei erklären wir als verantwortungsbewußte Vertreter der Stadt: wir werden gegen jede Maßnahme stimmen, die neue Ausgaben verursacht.

Meine Herren! Sie sind gewarnt!«

»Herr Parteifunktionär Matthies!«

Sofort setzt lebhafte Unterhaltung ein.

»Genossen! Das klassenbewußte Proletariat sieht mit höhnischem Grinsen, wie sich die Herren Sozialdemokraten wieder einmal festgefahren haben. Diese Verräter am Proletariat ...«

»Sprechen Sie zur Sache.«

»Der ›Genosse‹ Gareis wünscht, daß ich zur Sache spreche. Dabei hat er aber gleich zu Anfang verboten, daß zur Sache gesprochen wird. Genossen, über den Blutdurst der hiesigen Polizei soll ein schämischer Schleier gebunden werden ...«

»Zur Sache! Oder ich entziehe Ihnen das Wort.«

»Genossen! Was geschehen ist, das hat das Proletariat nicht überrascht. In Zehntausenden Gefängnissen der Bourgeoisie schmachten Hunderttausende von Arbeitern, hereingebracht durch die Sozialdemokratie!«

»Ich entziehe Ihnen das Wort.«

»Wenn hundert Arbeiter niedergeschlagen werden, dann sagt der Genosse Severing kein Wort.«

»Sie dürfen nicht weiterreden. Das Wort ist Ihnen entzogen.«

»Aber wenn zwei Bauern etwas über ihre Dickköppe kriegen, dann schreit alles Zeter und Mordio.«

»Soll ich Sie aus dem Saal führen lassen, Matthies?«

»Wir von der KPD stehen unter Sonderrecht. Wir dürfen nicht einmal hier reden, während die andern reden dürfen, soviel wie sie wollen.«

»Wenn Sie zur Sache reden, dürfen Sie sprechen.«

»Ich will zur Sache reden. Genossen! Das klassenbewußte Proletariat lehnt den Novembersozialismus ab. Er ist der wahre Handlanger der Bourgeoisie, der rote Henkersknecht am entrechteten Arbeiter.«

»Hu! Huh!«

»Hurra die Sowjetrepublik!«

»Ruhe!«

»Botenmeister, führen Sie den Herrn hinaus.«

Pfeifen. Gelächter, Geschrei. Zurufe.

Matthies noch im Türrahmen: »Hoch die Sowjetrepublik! Hoch die Weltrevolution!«

Ab.

Bürgermeister Gareis erhebt sich.

»Meine Herren, ich will kurz einige an mich gerichtete Fragen beantworten.

Was das Reitturnier angeht, so ist es richtig, daß ich Ihnen, Herr Besen, gesagt habe: das Turnier findet unter allen Umständen in Altholm statt.

Nun gut, ich bin getäuscht worden. Ich habe mich auf das Wort eines Edelmannes verlassen, ich scheue mich nicht, hier öffentlich seinen Namen zu nennen: des Grafen Pernath auf Stroheim. Als wir im vorigen Jahre die Turnierbahn anlegten, als wir mit großen Kosten die Tribüne bauten, hat mir der Graf in die Hand versprochen, das Turnier werde mindestens fünf Jahre hindurch in Altholm stattfinden.

Gestern habe ich einen Brief von ihm bekommen, daß angesichts der veränderten Lage das Turnier nicht in Altholm abgehalten werde.

Ich überlasse diese Handlungsweise eines Edelmannes den Herren zur Beurteilung.«

»Pfui!«

»Jawohl, pfui, Herr Sanitätsrat, und zwar für Herrn Grafen Pernath. – Was nun jene Warnung in der Chronik angeht, die Herr Obermeister Besen erwähnt, so habe ich diese ›Warnung‹ vor mir. Es ist nicht etwa eine redaktionelle Notiz, es ist, meine Herren, ein anonymes Eingesandt.

Und zwar erschien dieses ›Eingesandt‹ zu einer Zeit, als die Bauern noch gar nicht an einen Boykott dachten. Das ist das, meine Herren, was ich das Feuer schüren nenne. Selbstverständlich hat es mir vollkommen ferngelegen, den so verdienstvollen und maßhaltenden Nachrichten einen derartigen Vorwurf zu machen.

Herr Heinsius hat gefragt, warum Herr Oberbürgermeister Niederdahl nicht hier ist. Nun, ich kann darauf nur sagen, daß Herr Oberbürgermeister in Urlaub ist. Er wird von mir ständig auf dem laufenden gehalten. Er ist jederzeit bereit, seinen Urlaub abzubrechen, er hat das auch angeregt. Ich habe es nicht für nötig gehalten.

Meine Herren, wir sind, wie der Turnierfall beweist, in der Lage einer Stadt, die vom Feinde eingeschlossen ist. Wir dürfen Hilfe von der Regierung erwarten, aber wann diese Hilfe kommt, das steht dahin. Mittlerweile ist nichts so nötig wie zusammenzustehen und einig zu sein, einig zu kämpfen.

Es ist der Vorschlag gemacht worden, sich mit den Bauern an einen Verhandlungstisch zu setzen. Meine Herren, Sie setzen sich ja aber nicht mit den Bauern an einen Tisch, im besten Falle kommen Sie mit irgendwelchen sogenannten Führern zusammen, die sich aus der Not der andern ihre Riemen schneiden wollen.«

»Unerhört!«

»Das ist unerhört, jawohl. Aber das ist so. – Zeigen Sie keine Schwäche, meine Herren, verhandeln Sie nicht. Setzen Sie dem pommerschen Bauerndickkopp entgegen.

Seien Sie einig, meine Herren.

Ich erteile noch Herrn Assessor Stein zu einer sachlichen Aufklärung das Wort.«

Das schlanke, schwarze, nervöse Männchen erhebt sich.

»Hochverehrte Herren, wie einigen von Ihnen bekannt ist, bin ich der Sachbearbeiter des Wohlfahrtsamtes. Meine Herren, uns liegt unter anderem ob die Pflege, Betreuung, Vormundschaft über die unehelichen Kinder der Stadt.

Es ist Klage darüber geführt worden, ein wie großer Schaden dem städtischen Handwerk und Gewerbe aus dem Fortfall des Fahrturniers entsteht. Herr Obermeister Besen hat für das Gastwirtsgewerbe eine Zahl genannt, eine erschreckende Zahl: 21 000 Mark.

Nun, meine Herren, das verliert die Stadt und mehr, denn auch die andern Gewerbe werden Zahlen nennen können. Was aber, frage ich, gewinnt die Stadt durch den Fortfall des Turniers? Lassen Sie mich eine ganz kleine Gegenrechnung aufmachen, hören Sie mich einige Minuten in Geduld an.«

Assessor Stein, sicher geworden, blickt lächelnd auf die erwartungsvollen Gesichter.

»Ja, ich frage Sie, hat die Stadt nicht auch Nutzen davon, wenn das Turnier nicht stattfindet? Ich rede gar nicht von den direkten Kosten, die der Stadt aus dem Turnier erwachsen und die im Vorjahre 9000 Mark betrugen. Ich gebe Ihnen etwas anderes zu bedenken.

Meine Herren, überlegen Sie mal, bei dem Turnier sind schlecht gerechnet die Bauernjungen eine Woche in der Stadt. Da haben sie ein bißchen Geld in der Tasche, da wird getrunken, gefeiert, geliebelt.

Na, Sie werden mir zugeben, in der Stadt sind die Mädchen hübscher als auf dem Lande. Sie machen sich netter zurecht, sie sind sauberer, das sieht auch ein Bauernjunge.

Und wenn nun der Assessor Stein neun Monate nach dem Turnier seine Eingänge durchsieht, da findet er plötzlich den Beweis, daß die Bauernjungen die Stadtmädel hübsch gefunden haben. In diesem Jahre sind vierzehn uneheliche Kinder angemeldet als Ergebnis des vorjährigen Landesturniers.

Ja, meine Herren, werden Sie mir sagen, das ist alles nicht so schlimm, das sind Bauernjungen, die werden schon zahlen. Und da kommt man denn zu den Vätern – der Bauernjungen wohlgemerkt –, und die stöhnen Ach und Weh, wieviel der Junge kostet, und daß er nichts verdient. Und jetzt muß er erst auf die Winterschule und dann geht er noch ein paar Jahre auf die landwirtschaftliche Hochschule, und was er auf dem Hofe hilft, das ist nicht der Rede wert, kein Taschengeld wert.

Und am Ende muß die Stadt für die Kinder aufkommen. Nun rechnen Sie einmal: vierzehn Kinder erst ins Säuglingsheim, dann ins Kinderheim, dann ins Lehrlingsheim. Unter fünftausend Mark kann die Stadt kein Kind aufziehen.

Das macht siebzigtausend Mark. Dazu die direkten Turnierkosten mit neuntausend Mark, macht neunundsiebzigtausend Mark. Da kann schon viel Schaden entstehen, ehe das wettgemacht ist.«

Assessor Stein setzt sich und seine blassen Bäckchen sind rot.

Großes Gelächter.

Superintendent Schwarz erhebt sich und sagt erregt: »Ich erhebe Einspruch gegen die ganz unglaublich leichtfertige Art, mit der dieses traurige Thema von einem Vertreter der Stadt abgehandelt wurde. Wenn so über moralische Fragen an den Stellen, die ein Beispiel geben sollten, geurteilt wird ...«

»Ist ja gar nicht geurteilt!«

»Wie? Nicht geurteilt? Aber es ist leichtfertig darüber gesprochen, das ist dasselbe. Die Kirchengemeinde freilich findet selten Unterstützung bei dem Stadtparlament in sittlichen Dingen. Die Beseitigung der Büsche und Bänke auf dem alten Friedhof, die nur nächtlicher Unzucht Vorschub leisteten, hat die Kirchengemeinde auch auf ihre Kosten vornehmen lassen müssen. Meine Herren, bedenken Sie, auf den Gräbern der Entschlafenen!«

Gareis erhebt sich.

»Was Herr Assessor Stein eben mitteilte, war eine volkswirtschaftliche Tatsache und hat mit Moral gar nichts zu tun.

Im übrigen verspreche ich mir von einer weiteren Debatte nichts. Ich schließe also die Debatte. Ich bitte Sie, meine Herren, über meine Vorschläge abzustimmen. Wer meine drei Vorschläge annimmt, hebe die Hand.«

– – –

»Das ist die Minderheit. Meine Vorschläge sind also abgelehnt. Ich bedauere, in dieser Sache im Augenblick nichts weiter tun zu können. – Sie wünschen, Herr Besen?«

»Einen Augenblick, Herr Bürgermeister. Es steht noch ein weiterer Vorschlag zur Abstimmung, sofort mit der Bauernschaft Verhandlungen anzuknüpfen. Ich bitte, darüber abstimmen zu lassen.«

»Tun Sie das. Ich kann nur noch einmal warnen.«

»Wer für Verhandlungen ist, hebe die Hand. – Das ist weitaus die Mehrheit. Ich danke Ihnen, meine Herren. Es bleibt uns nun nur noch, die Mitglieder der Kommission, für die ich den Namen ›Versöhnungskommission‹ vorschlagen möchte, zu wählen. Ich möchte an erster Stelle Herrn Bürgermeister Gareis vorschlagen.«

»Lehnt ab. Und die weiteren Wahlen, meine Herren, bitte ich doch vielleicht an einem andern Orte, etwa im Ratskeller, vorzunehmen. Ich möchte nicht, daß eine Sache, die ich von Grund auf mißbillige, in meinen Amtsräumen durchgeführt wird.«

Sanitätsrat Lienau erklärt vernehmlich: »Zu Deutsch: wenn es nicht nach dem Kopf von Herrn Gareis geht, wird man hinausgeworfen.«

»Ganz richtig, Herr Sanitätsrat, ich werfe hinaus. Guten Morgen, meine Herren.«

4

Ein Bauer kommt aus dem Bahnhof Altholm und geht quer über den Platz nach dem Eingang der Chronik hinüber. Der Bauer, ein schwerer, großer Mann, geht mühsam am Stock. Aber er läßt sich nicht von den Autos irritieren, er geht direkt auf den Polizisten zu, der dort den Verkehr regelt.

Vor dem Beamten bleibt der Bauer stehen und sieht ihn stur an: »Wachtmeister«, sagt er.

Der Beamte glaubt, daß eine Auskunft von ihm verlangt wird, und fragt: »Ja?«

Der Bauer fragt: »Wo soll ich den abgeben? Nehmen Sie ihn?«

»Wen? Wen meinen Sie?«

»Wen ich meine? Den Stock! Den dicken Stock! Ich habe gehört, wir Bauern sollen in Altholm unsere Stöcke abgeben.«

»Gehen Sie weiter! Ich lasse mich nicht von Ihnen durch den Kakao holen.«

»Wo ist mein anderer Stock?« fragt der Bauer plötzlich wütend. »Den Sie mir am Blutmontag abgenommen haben?«

Er blickt zornig aus kalten hellen Augen auf den verärgerten Polizisten.

»Sie sollen weitergehen, habe ich Ihnen gesagt.«

»Ihr nehmt Invaliden die Stöcke weg, was? Daß sie auf der Straße hinfallen? Helden sind das!«

Der Bauer stampft weiter, auf die Chronik zu. Der Wachtmeister sieht ihm böse nach.

 

Drinnen in der Chronik streiten sich wieder einmal Stuff und Tredup.

»Du bist verrückt, Max, mit deinem Schwarm für Gareis. Der ist der Allerschlimmste von allen.«

»Na, daß er grade keine Liebe für dich hat, wenn du ihn so angreifst! Übrigens ist es noch gar nicht ausgemacht, daß der Artikel in der Volkszeitung von ihm ist.«

»Natürlich ist er das. Mir vorzuwerfen, daß ich meine ›Eingesandt‹ selber fabriziere! ›Freilich gehört der Redakteur der Chronik auch zu ihren Lesern.‹«

»Na, Stuff, ein richtiges Eingesandt war es ja schließlich auch nicht. Oder –?«

»Was geht den Scheißer das an! Außerdem haben wir recht gehabt. Jetzt ist der Boykott da und das Turnier ist abgesagt – Herein!«

Die Tür steht auf zur Expedition, wo mal wieder kein Mensch ist. Dort steht an der Barre ein großer Mann, ein Bauer, Stuff geht zu ihm.

»Guten Tag. Was wünschen Sie?«

»Ich bin der Bauer Kehding aus Karolinenhorst. Sind Sie der Mann, der die Zeitung schreibt?«

»Der bin ich.«

»Wie heißen Sie denn?«

»Ich bin Stuff. Hermann Stuff.«

»Dann sind Sie der Richtige. Ich dachte schon, ich wäre auf die Nachrichten gekommen.«

»Nein, hier sind Sie auf der Chronik.«

»Ja, dann bin ich hier recht.«

Pause.

Der Bauer hebt seinen Stock und legt ihn auf die Barriere.

»Das ist der Stock aus dem amtlichen Bericht.«

»Ja?« fragt Stuff.

»Sie haben es doch gedruckt, Mann! Das ist der Stock aus dem Bericht, von dem geschrieben steht, er wäre sieben Zentimeter stark und eine gefährliche Waffe.«

»Und Sie haben ihn wiederbekommen?«

»Unsinn. Das ist der Bruder von dem Stock. – Wie schwer bin ich?«

Stuff taxiert: »Zweieinhalb Zentner.«

»Zwei Zentner sechzig. Und leide an Ischias. Kann ich da mit einem Ladenschwengelstöckchen gehen? Gefährliche Waffe – lächerlich ist so was!«

»Das ist es.«

»Sie haben es aber gedruckt.«

»Ich habe den amtlichen Bericht gebracht. Ich habe aber auch anderes gebracht.«

»Richtig. Und jetzt sollen Sie wieder etwas bringen. Einen Brief. Ein ›Eingesandt‹ mit meinem vollen Namen. Ich habe es hier aufgeschrieben.«

Es ist ein offener Brief an die Stadtverwaltung Altholm mit der achttägig befristeten Forderung, den schuldbeladenen Polizeioberinspektor und den schuldbeladenen Bürgermeister Gareis sofort zu entlassen, widrigenfalls die Landwirtschaft zur Selbsthilfe schreiten würde. »Im Namen vieler Landwirte Bauer Kehding-Karolinenhorst.«

Stuff steht unschlüssig: »Es ist ein bißchen scharf, was?«

»Verdammt! War es nicht ein bißchen scharf, als die Schupo mir Krüppel den Stock wegriß, daß ich längelang hinschlug?«

An Stuffs Schulter taucht flüsternd Tredup auf: »Das paßt doch fein. Da kannst du doch dem Gareis und der Volkszeitung beweisen, daß deine ›Eingesandt‹ echt sind.«

»Was ist das für ein Mensch?« fragt Bauer Kehding.

»Das ist gewissermaßen mein Schreibknecht«, sagt Stuff.

Der Bauer sieht unter den buschigen Brauen prüfend von einem zum andern. Plötzlich brüllt er: »Gebt mir meinen Wisch wieder, ihr Tintenschmierer. Ihr seid genau solche Arschlöcher wie die andern auch.«

Stampfend, mit gedonnerten Türen, verläßt er die Expedition. Stuff schielt verblüfft durch die Brille.

»Dem ist der Schreibknecht in die falsche Kehle gekommen«, meint Tredup.

»I wo, der Mann ist gut. Der hat deine Bilder gerochen, Max.«

»Quatsch, meine Bilder ...«

Durch die Tür kommt Textil-Braun. »Was war denn das eben für ein wütender Kerl?«

Stuff ist vorsichtig: »Der? Das war so ein Bauer. Hier kommen jetzt mehr Bauern.«

»Sie haben doch fünf Minuten Zeit für mich, Herr Stuff? Ich habe Ihnen etwas mitzuteilen.«

»Eigentlich habe ich keine Zeit. Aber für Sie. Kommen Sie rein in die gute Stube. Komm man mit, Tredup, vielleicht fällt ein Inserat ab.«

Textil-Braun setzt sich würdig und sieht sehr wichtig aus. Er ist ein kleines wieselhaftes Männchen, augenblicklich von der Wichtigkeit seiner Sendung viel zu durchdrungen, um seinem Freunde Tredup einen Blick zu gönnen.

»Ich habe Ihnen mitzuteilen, Herr Stuff, daß beschlossen ist, die Presse stellt alle Veröffentlichungen in der Bauernsache vorläufig ein.«

Stuff ist so verblüfft, daß er nur »So« sagt.

»Ja, die Leute sind so unruhig. Und die Leute müssen erst mal wieder ruhig werden.«

»Darf ich auch fragen, Herr Braun, wer da eigentlich über meine Zeitung Beschluß gefaßt hat?«

»Lieber Herr Stuff, wir kennen uns doch nun so lange. Ich bin so ein fleißiger Inserent bei Ihnen. Sie werden doch nun nicht beleidigt sein?«

»Wissen möchte ich gerne, wer über meine Zeitung beschlossen hat. Der Gareis etwa?«

»Nein, eben nicht der Gareis. Wir waren bei ihm und er wollte einen Kampf gegen die Bauern. Den wollten wir aber nicht.«

»Nein, natürlich nicht.«

»Und da haben wir eine Versöhnungskommission gebildet, die die Stadt mit den Bauern versöhnen soll, und haben beschlossen, daß vorläufig nichts mehr gegen die Bauern geschrieben werden soll. Es muß jetzt erst einmal Ruhe sein.«

Stuff nimmt seinen Klemmer ab und putzt ihn sorgfältig mit seinem Taschentuch. Dann setzt er ihn wieder auf und sieht sein Gegenüber, den kleinen geschäftigen Kaufmann, trübe und versonnen an.

»Herr Braun, Sie hören doch gut?«

»Ich denke«, sagt der Textilherr vorsichtig.

»Und Sie halten mich für keinen ausgemachten Idioten?«

»Bitte, Herr Stuff ...«

»Ja oder nein!!«

»Nein. Natürlich nein. Lieber Herr Stuff ...«

»Haben Sie gehört, was ich Sie vorhin gefragt habe? Haben Sie es verstanden –? Ich will wissen, wer ›wir‹ ist. Nicht, ›wir‹ haben eine Kommission gebildet, ›wir‹ haben beschlossen ... Daß der eine ›Wir‹ das Textilwarenhaus für Gelegenheitskäufe und Partiewaren Franz Braun ist, das haben ›wir‹ nun gelöffelt, aber die Kommission besteht doch nicht allein aus Ihnen –?«

»Lieber Herr Stuff, wollen wir nicht ruhig verhandeln? Sie machen es mir schwer. Und die Sache ist doch schließlich so, daß Sie nicht geladen waren und die Verhandlungen waren vertraulich. Ich weiß wirklich nicht, ob ich Namen nennen darf.«

»Wirklich nicht? Und Sie sind so töricht, zu glauben, daß ich auf so eine Mitteilung von Ihnen den Nachrichtenteil meiner Zeitung ändere?«

»Ja, offengestanden, ich bin so töricht. Wenn Sie so reden, bitte schön! Sie werden Ihren Nachrichtenteil ändern.«

Stuff wird immer freundlicher. Etwas Besorgtes klingt in seiner Stimme: »Wirklich? Können Sie sich auch noch genau erinnern, wo die Tür ist, durch die Sie reinkamen?«

»Sie werden ihn ändern, weil man sich für Sie verbürgt hat. Ja, ich sage es grade heraus, Ihr Kollege, Herr Heinsius, hat uns Ihr Schweigen zugesagt.«

Stille. Lange Stille.

»So.«

Stuff steht mit einem Ruck auf und geht ans Fenster. Dreht Tredup und dem Braun den Rücken.

»So.«

Und Braun eifrig-milde: »Lieber Herr Stuff, es tut mir ja leid ... Wir wissen doch Bescheid, nun ... Der Heinsius hat es uns vertraulich erzählt. Ich trage es Ihnen auch bestimmt nicht nach, was Sie vorhin gesagt haben ... Ich inseriere bestimmt weiter ...«

»Ich glaube, Sie gehen lieber, Herr Braun«, sagt Tredup.

Braun zögert: »Ich hätte gerne eine Zusage, eine bindende Zusage.«

»Wozu brauchen Sie die eigentlich, da der Heinsius gebürgt hat?«

Stuff dreht sich um, hochrot: »Schmeiß ihn raus, Max! Schmeiß das Schleimvieh raus. Sonst tue ich ihm noch was.«

Und Braun gemessen, den Hut schon auf dem Kopf: »Danke, ich gehe allein, Herr Stuff. Und warum grade Sie so sind? Ich könnte doch auch reden von einem Eingesandt, das in meinem Namen geschrieben ist ...«

Er hat sich rausgeredet.

Stuff glotzt. Dann: »Es ist das Komischste im Leben, daß manchem manche Schweinereien schließlich doch sauer aufstoßen, zum Beispiel mir. – Dreh's Radio an, Mensch! Berlin spielt auf Schallplatten. Nein, laß, ich will telefonieren. Geh raus du, ich brauche auch keine Zuhörer, wenn mir der Schwanz abgehackt wird.«

In der Expedition erschaut Tredup das Fräulein Heinze.

»Sagen Sie mal, Heinzelmann, wo ist eigentlich der Wenk?«

Die Dame lehnt ab: »Das fragen Sie ihn am besten selbst.«

Tredup macht die bekannte Flaschenbewegung: »Ja?«

»Gott, möglich.«

»Aber auch Sie, Kind, sehen umdüstert aus.«

Und Fräulein Klara Heinze, plötzlich empört: »Etwa nicht? Wo ihr solche Schweinereien macht!«

»Wir? Was denn für Schweinereien?«

»Mit den Bauern, was denn sonst?«

»Aber, Klärchen, was gehen Sie die Bauern an?«

»Etwa nicht? Wo mein Herr auf die Landwirtschaftsschule ging, und nun plötzlich nach Hause gemußt hat!«

»Arme! Nein, wirklich, ernstlich, Arme! Aber trösten Sie sich, es gibt so viel Nette und die Städter geben auch leichter Geld aus.«

»Geld! Was ich danach frage!«

»Gott, die Liebe, die wirkliche ernste Liebe hat Ihr Herz berührt! Trösten Sie sich, so ein Bauer, er hätte Ihnen sicher ein Kind gemacht.«

»Darum sorgen Sie sich man nicht, da passe ich schon für auf. Überhaupt sind Sie ein ekelhaftes Schwein geworden, Herr Tredup, seit Sie aus dem Gefängnis zurück sind.«

Plötzlich ist er ganz verwirrt. Seine Großschnauzigkeit ist fort. »Ja?« fragt er ängstlich.

»Früher haben Sie auch geschweinigelt. Aber früher haben Sie gewußt, daß es einem dreckig gehen kann und daß man eine Masse dreckiger Sachen tun kann und doch ein anständiger Mensch sein.«

»Und jetzt?« fragt er.

»Sie wissen ja selber, wie Sie sind. Sie haben mich ganz gut gesehen, neulich nacht, wo Sie so besoffen waren. Und mit solchem Weib. Pfui, Herr Tredup, wo Sie so 'ne nette Frau haben!«

»Mein liebes Kind ...«

»Ich bin nicht Ihr liebes Kind. Sagen Sie das Ihren Weibern. Zu der schiefen Elli, dem Schwein, dem!«

»Ich weiß ganz genau, daß auch Sie ...«

»Jawohl, daß auch ich! Wenn ich mich von fünfzig Mark im Monat kleiden und nähren und bewohnen soll, dann such ich mir eben nach dem Zwanzigsten ein paar Herren. Traurig genug, daß keiner von Ihnen die Courage hat und sagt es dem Gebhardt, daß es so nicht geht mit mir. Und das vergleichen Sie mit so einem Schwein wie der schiefen Elli, die mit jedem losläuft und sich liederlich macht und alle acht Wochen im Krankenhaus liegt ...«

Stuff ruft: »Tredup, komm mal her!«

Tredup wirft einen schiefen Blick auf die Heinze: »Wir sprechen noch ...«

»Gehen Sie bloß. Ich habe genug.«

Stuff hat rote Bäckchen: »Also, ich habe es rausgekriegt, Tredup, aus dem Gebhardt: sie haben wirklich eine Kommission gebildet. Die wollen uns versöhnen mit den Bauern. Ich sage dir, wir werden was erleben!«

»Und wir?«

»Ja, wir müssen wirklich die Schnauze halten. Der Chef hat mir selbst gesagt, ich darf bis auf Gegenorder gar nichts bringen.«

Tredup: »Und wenn nun eine Bombe bei Gareis platzt –?«

Stuff sieht ihn starr an: »Hast du das auch schon gedacht? Ja, wenn, wenn. Ich gönnte es ihm, dem Dicken!«

Er fährt sich über die Stirn. »Das ist Unsinn. Die Bomben sind alle. Es gibt keine Bombenschmeißer mehr. Aber was anderes: wenn wir jetzt den Brief von dem Bauern, dem Rehding, hätten ...«

»Ja?«

»Fünfzig Mark gäbe ich dafür.«

»Warum? Du darfst ja doch nichts bringen.«

»Und ich spucke ihnen doch in ihr Bier. Denkst du, ich lasse der Wanze, dem Textil-Braun, die Freude? Wenn es der Rehding als Inserat aufgäbe? Die Eingesandt hat er mir verboten, aber Inserate dürfen wir doch nicht zurückweisen.«

»Nein.«

Pause.

Tredup sagt lauter: »Ja.«

Wieder Pause.

»Was sagtest du? Hundert Mark?«

»Meinethalben auch.«

»Gib mir zwanzig Mark Vorschuß.«

»Na ja. Na ja.« Stuff zieht den Schein aus seiner Brieftasche und beglotzt ihn. Dann malt er mit Tinte ein Kreuzchen in die Ecke. »Da. Zwanzig a conto.«

Tredup grinst frech: »Du brauchst gar kein Zeichen darauf zu malen. Du weißt ja doch, daß du ihn wiederkriegst.«

Stuff hört nicht: »Wenn die Bauern saufen, dann meistens bei Tante Lieschen in der Hinterstube.«

Tredup sagt mürrisch: »Ich möchte wirklich mal wissen, warum ich immer deine Scheiße ausräumen muß.«

»Weil du geldgierig bist, mein Junge. Bist du erst reich, räumen die andern deine Scheiße weg. – Paß ein bißchen auf, die Bauern sind dir nicht grün.«

»Tjüs, Kamerad.«

Stuff starrt ihm nach. »Ich muß das lassen. Es soll das letzte Mal sein. Bestimmt das letzte Mal.«

Er dreht an den Knöpfen des Radios.

– – –

Eine Hand rührt an seine Schulter.

»Da.«

Auf den Tisch legt Tredup den Offenen Brief vom Bauer Kehding. Und zwanzig Mark. In zwei Zehnmarkscheinen.

»Es soll ein Inserat sein. Mit dickem schwarzem Rand. Eine Viertelseite. Mehr wollte er nicht ausgeben.«

Stuff starrt auf Geld und Papier. Dann auf Tredup, der bleich ist.

Der murmelt: »Du kannst immer beschwören, es war mit dem Inserat in Ordnung.«

Stuff sagt langsam: »Die Feiglinge sind immer die mutigsten Menschen. – Ging es sehr schwer?«

»Ich hab auf dem Hof gestanden, ein paar Stunden, man kann durchs Fenster in den Lokus sehen. Hab gewartet, bis er besoffen genug war. Dann hab ich ihm seinen Kopf gehalten beim Kotzen. Der Wisch steckte noch in der Außentasche.«

»Hat er dich erkannt?«

»Ich denke nicht. Ich hoffe nicht.«

Stuff zählt Geld auf: »Achtzig. Stimmt? Brav gemacht, mein Junge. Ich würde gern heute abend mit dir saufen gehen. Du siehst mir so aus, als wenn du heute nacht ein bißchen Aufsicht brauchtest. Aber ich gehe lieber gleich zu Tante Lieschen und saufe mit dem weiter. Er darf morgen nicht wissen, was heute war.«

»Nimmst du den Wisch mit?«

»Tipp ihn schnell ab und leg ihn in die Setzerei. Laß den Ortsnamen weg, es gibt viele Kehdings im Bezirk und allzuviel Ungelegenheiten braucht er aus der Sache nicht zu haben. Strafrechtlich ist es schließlich eine Nötigung.«

»Erpressung?«

»Nein, Nötigung. Nicht so schlimm.«

»Am Ende, was geht uns der Bauer an? Mag er doch Knast schieben!«

Stuff betrachtet Tredup: »Du solltest dich mal mit deiner Frau aussprechen, Max. Das alles taugt nichts. Und ich schwöre dir, es war die letzte Dreckarbeit, die du für mich gemacht hast.«

Tredup geht ganz nahe an Stuff. Er flüstert: »Manne, ich will dir was verraten. Ich glaube, ich tauge nur noch für Dreckarbeit.«

Er geht rasch, und Stuff muß seinen »Offenen Brief« selber abtippen.

5

Manzow hat erklärt: »Selbstverständlich nehmen wir uns ein Auto. Wenn die Verhandlungen klappen, zahlt die Stadt doch den ganzen Bimms.«

Dr. Hüppchen hat ängstlich gefragt: »Und wenn sie nicht klappen?«

»Nicht klappen! Mein lieber Herr Doktor! Wenn ein Doktor Hüppchen mitfährt!«

Und Dr. Hüppchen, mager, asketisch, hat verlegen, aber geschmeichelt gekichert.

So waren sie ihrer sechs, die im großen Tourenwagen nachmittags um vier nach Stolpe losfuhren:

Manzow,
Textil-Braun,
Medizinalrat Dr. Lienau mit Stahlhelm und Schmissen,
Lumpen-Meisel,
Dr. Hüppchen,
und schließlich der Chauffeur und Autoverleiher Toleis.

»Ich hab den Toleis genommen«, hatte Manzow erklärt, »wenn er auch für den Kilometer fünf Pfennig mehr berechnet. Wollen uns die Bauern verkloppen, haben wir wenigstens einen erprobten Schläger unter uns.«

Denn der Toleis hat schon sechs-, achtmal wegen Körperverletzung gesessen.

Und Dr. Hüppchen hatte den Toleis bewundernd angestarrt und mit seiner hellen Vogelstimme geflüstert: »Ach, Herr Toleis, nicht wahr, Sie zeigen mir heute mal Ihren Bizeps?«

Worauf Toleis gesagt hatte: »Sie sind eine olle Sau, Herr Doktor, nichts für ungut.«

Die Herren hatten gebrüllt vor Lachen, Dr. Hüppchen gejuchzt und die Stimmung war glänzend.

Dr. Lienau sang in den brausenden Wind Wirtinnenverse, Manzow hinten schweinigelte mit Textil-Braun, den er selten traf und der also noch neue Witze wußte. Dr. Hüppchen starrte auf den Stiernacken von Toleis und der Lumpen-Meisel hörte allen zu und notierte innerlich eifrig für spätere Erzählungen.

Unterwegs wurde eingekehrt und einer gehoben. Es wurden aber drei und nur Dr. Hüppchen saß ein wenig abseits und trank seine Limetta, wozu er eine Banane aus der Tasche verzehrte. Dr. Hüppchen war abstinent und Rohkostler.

Wem man es erzählte, der sagte nur: »Das sieht man.«

Kurz vor sechs war das Auto in Stolpe, hielt auf dem Marktplatz.

Es war nicht leicht gewesen, eine Verbindung mit den Bauern zu bekommen, Manzow hatte sich vergeblich bemüht. Schließlich hatte Lienau seine Stahlhelmbeziehungen genutzt, irgendwelche Nazis waren auch noch dazwischen gewesen, und so war denn ein Bescheid – niemand wußte von wem und durch wen – gekommen, daß die Herren um sechs mit dem Auto auf dem Marktplatz in Stolpe zu halten hätten.

Sie hielten und warteten. Es dauerte.

»Ob wir schnell noch einen verlöten?« fragte Manzow.

»Nee, lieber nicht. Die Bauern setzen uns doch sicher was vor.«

»Wenn Sie sich nicht täuschen!«

»Das wird doch wohl in irgendeiner Kneipe sein?«

Und Manzow erschrocken: »Ihr meint, es könnte trocken abgehen? Bloß das nicht. Mit Trockenen mag ich nichts zu tun haben. Verzeihen Sie, Herr Doktor.«

»Bitte. Bitte. Ich befinde mich gut bei Brause.«

»Sie sehen aber gar nicht gut aus.«

Über den Marktplatz kommt einer geschlendert, ein Mann oder Bengel, das ist noch nicht raus, mit dreckigen Stulpenstiefeln, dreckiger grauer Joppe, Sommersprossen und einem Flausch gelber Haare in der Stirn.

Er hält grade auf das Auto zu.

»Der wird das doch nicht sein?«

»I wo, der Padberg kommt mindestens.«

Der Mann stellt sich neben das Auto, besieht sich die Fracht und sagt: »Ihr müßt mir den Platz neben dem Chauffeur freimachen, daß ich den Weg zeigen kann.«

»Sind Sie denn derjenige welcher?«

»Das weiß ich nicht.«

»Sollen Sie uns holen?«

»Ich soll euch den Weg zeigen.«

»Wohin denn?«

»Das weiß ich nicht.«

»Also fahren wir schon los. Meisel kann hier hinten zu uns beiden Dicken.«

»Sie sind doch gewiß der Richtige?«

Der Simpelfransenmann hat es über und sagt gar nichts mehr.

»Ist es denn weit? Sie können doch wenigstens sagen, ob es weit ist, damit wir wissen, ob wir tanken müssen.«

Der Mann wirft einen raschen Blick auf die Benzinuhr und sagt: »Es reicht.«

Die Umquartierung ist fertig, der Führer setzt sich neben den Chauffeur, läßt ihn kehrtmachen, und es geht den Weg, den sie gekommen, zurück.

Einige Proteste wollen laut werden, aber irgendwie ist die Stimmung gesunken. Der Landbauer da vorn, das Dreckschwein, nimmt alle Lust zum Krakelen.

Halbwegs zwischen Stolpe und Altholm geht es linksein, einen Feldweg entlang.

»Gott sei Dank«, sagt Manzow. »Ich dachte schon, die wollten uns wieder nach Altholm schicken.«

Feldweg. Sandweg. Dann eine Waldschneise aufwärts, eine links ab, bei einer Gabelung rechts.

»Hier geht's zum Forsthaus.«

»Unsinn, das Forsthaus muß ganz links liegen.«

»Toleis, wissen Sie, wo wir sind?«

Toleis grunzt nur.

Manzow bittet, und seine Stimme hat einen ganz anderen Klang: »Lieber Herr, wollen Sie uns nicht sagen, wohin das geht?«

Die Graujoppe schweigt.

Man kommt aus dem Wald. Ein Riesenkartoffelschlag, tief blaugrün, so weit das Auge reicht, einen Berg ansteigend.

Das Auto mahlt sich langsam durch den Sand.

Toleis dreht sich um: »Für solche Wege gibt's aber einen Aufschlag!«

Manzow seufzt: »In Gottes Namen, Toleis. Fahren Sie uns nur irgendwohin, wo es zu trinken gibt.«

Und Toleis: »Ich weiß nur, daß wir irgendwo zwischen Weichsel und Oder sind. Aber wo ...«

Wieder Wald. Eine Lichtung. Der Strohblonde gibt das Haltezeichen. Alle atmen auf. Der Strohblonde steigt aus, auf und ab gehend vertritt er sich die Füße, zündet sich seinen Knösel an.

Die Herren stehen unschlüssig neben dem Auto und sehen um sich. Eine grade erst aufgeforstete Lichtung, dunkelnder Wald ringsum, sinkende Sonne. Sie haben es aufgegeben, ihren Führer etwas zu fragen und besprechen sich untereinander: »Die Bauern müssen ja kommen.«

»Schöne Affen das, uns so in der Welt herumzuhetzen.«

»Psst! Da raschelt was.«

Alle sehen gegen den dunklen Wald, aber es kommt nichts.

»Irgendein Tier.«

Toleis ist es, der den Bauern fragt: »Soll ich den Motor abstellen?«

»Stell man ab.«

Also ist es hier. Sie sind zufrieden, am Ziele zu sein.

Aber die Minuten vergehen, zehn Minuten, eine Viertelstunde, eine halbe Stunde.

Die Herren sind nacheinander gespannt, gelangweilt, ungeduldig, erregt, abgespannt.

Jetzt geht Lienau auf den Landmann zu.

»Die Uhr ist nach acht. Was soll das? Werden wir durch den Koks geholt?«

»Nein«, sagt der Bauer.

»Was soll das, frage ich. Warum kommen die nicht?«

»Es ist noch zu früh. Es muß dunkel sein.«

»Warum sind wir dann um sechs bestellt? Warum läßt man uns so lange warten?«

»Wir haben seit dem 26. Juli warten müssen.«

»Das ist ...« Medizinalrat Lienau bricht aus. »Das ist eine maßlose Bauernfrechheit. Das ist Dummdreistigkeit, verstehen Sie das! Wir sind die Führer von Altholm, hören Sie! Wir sind nicht Ihre Affen, merken Sie sich das. Wir ...«

Es ist tiefe Dämmerung, alle sehen, wie der Bauer mit einem Ruck aufsteht und gegen den dunklen Wald schreitet.

Verwirrt rufen sie: »Was ist das?« – »Wohin wollen Sie?« – »Ich bitte Sie –!«

Dr. Hüppchen hastet hinterher und legt seine dünnen Finger auf den Arm des Bauern. »Bitte, mein lieber Herr, Sie werden uns doch jetzt nicht allein lassen? Der Medizinalrat hat es nicht bös gemeint.«

»Ich führe euch nur, wenn ihr stille seid.«

Sie schlucken das »Euch«, denn Toleis erklärt, daß er bestimmt den Weg nicht findet. Sie packen sich in den Wagen, sie druseln vor sich hin, in die alkoholverdampften Gehirne senkt sich eine schläfrige Mattigkeit.

Alle fahren auf, als Toleis plötzlich die Scheinwerfer einschaltet. Der Motor singt los, Toleis springt auf seinen Sitz, der Bauer setzt sich neben ihn.

Von neuem beginnt die Fahrt.

Aber eine Erregung sitzt in den Gefahrenen, die nervöse Erwartung von etwas ungewiß Kommendem.

Dr. Hüppchen flüstert einmal: »Glänzende Regie«, aber das verstehen die andern nicht. Sie finden es einfach gemein. Sie versuchen zu erhaschen von der Gegend, was im Lichtkegel der Scheinwerfer vorüberhuscht, aber das sind nur Bäume, Getreidefelder, Kartoffelbreiten, Wald, ab und zu zwischen Schobern geduckt ein dunkler Hof.

Immerzu Feldwege. Nie eine Chaussee. Tolle Wege, im raschesten Tempo gefahren, der Toleis zeigt seine Meisterschaft. Eine Uhr schlägt elf, plötzlich viele Uhren. Ein Glockenspiel.

»Gott, ist das nicht das Altholmsche Glockenspiel?«

»Quatsch, Stolpermünde hat auch so eins. Wir müssen direkt an der See sein, ich rieche die Seeluft.«

Der Fahrer sagt plötzlich hastig etwas zu Toleis.

Der beginnt zu fluchen: »Gottverdammichnochmal! Da rüber ...«

Es sind sechs dünne Brettchen über ein rasch fließendes Wasser.

Hüppchen stößt einen Schrei aus: »Nein! Bitte, nein!«

Da rast der Wagen schon los. Hüppchen fällt mit einem Schreckensruf auf seinen Sitz zurück. Sie fühlen, wie die Bretter nachgeben, krachen, splittern – und sind auf einer Wiese. Ein paar Weiden am Wasser. Eine Koppel.

Plötzlich ein Stück grauer Straße, richtige Steinstraße. Und sie halten an der dunklen fensterlosen Hinterfront eines Gebäudes, das riesig erscheint.

Der Bauer ist abgesprungen und reißt den Schlag auf.

»Bitte, treten Sie ein, meine Herren.«

In der dunklen Fassade öffnet sich lautlos eine dunkle Tür. Sie treten ein, halb benommen von der Fahrt, mit steifen Gliedern.

Und da sie eintreten, dämmert es ihnen allen: »Gott, das ist Altholm! Gott, das ist ja die Auktionshalle der Schwarzbunten!«

Einer sagt vernehmlich, mit knirschenden Zähnen: »Diese gottverdammten Bauern!«

6

Der Riesenraum ist vollständig finster.

Nur jenseits, auf der Estrade, stehen auf einem Tisch zwei Kerzen. Zwei einfache Stearinkerzen in schäbigen flachen Emailleleuchtern.

Die Herren tasten sich vorwärts gegen die beiden flimmernden Lichtfünkchen. Sie stoßen sich an den umgeworfenen Bänken, hingestürzten Stühlen, Brüstungen, Holzsäulen. Sie kommen auseinander, irritieren sich durch halblaute Zurufe, die aus jedem Winkel der Halle zu kommen scheinen, und finden sich doch schließlich wieder zu Füßen der Estrade zusammen.

»Wer soll sprechen?«

Und Manzow: »Natürlich ich.«

Die Tür links auf der Estrade geht auf, zwei Mann kommen. Ein Langer, Kräftiger, ein paar wissen, wer das ist: Franz Reimers, der Führer der Bauernschaft.

Und einer mit einer Hornbrille. Auch ihn kennen einige: Padberg von der Zeitung der Bauernschaft.

Manzow setzt sofort ein:

»Wir danken Ihnen, meine Herren, daß Sie schließlich doch Ihre Versprechen gehalten haben. Sie haben uns zum Narren gehabt. Nun, wir können uns auch einmal narren lassen. Wenn das Ergebnis nur gut ist.

Also, meine Herren, ich schlage vor: wir machen Schluß mit der Feierlichkeit und mit der stimmungsvollen Beleuchtung und setzen uns irgendwo, wo es Ihnen recht ist, bei einem Topp Bier und einem deftigen Korn zusammen und quasseln uns unsere Beschwerden vom Herzen. Einverstanden?«

Irgendein Echo hat jedes Wort von Manzow nachgeschwätzt. Außerdem ist es deprimierend, zu Füßen einer zwei Meter hohen Estrade erhöht Stehende ansprechen zu müssen. Die Herzlichkeit klang falsch, die Jovialität doof.

Der Bauer Reimers sagt:

»Die anwesenden Vertreter Altholms wollen wissen, unter welchen Bedingungen die Bauernschaft bereit ist, die ihr angetane Schmach zu verzeihen und Frieden mit der Stadt Altholm zu schließen.

Die Bedingungen lauten:

Zum ersten: ehrenvolle Rückgabe der Fahne.

Zum zweiten: sofortige Dienstentlassung der Schuldigen Frerksen und Gareis.

Zum dritten: strafrechtliche Verurteilung der Polizeibeamten, die mit der blanken Waffe gegen die Bauern vorgegangen sind.

Zum vierten: eine lebenslängliche auskömmliche Pension für die verletzten Bauern.

Zum fünften: eine einmalige Geldbuße von zehntausend Mark.

Sind die hier anwesenden Vertreter der Stadt Altholm bereit, diese Bedingungen anzunehmen, so haben sie dies Schriftstück als selbstschuldnerische Bürgen zu unterzeichnen.

Irgendwelche Diskussion ist ausgeschlossen.«

»Aber lieber Herr Reimers«, ruft Manzow halb empört, halb belustigt aus. »Das können wir doch gar nicht. Die Fahne ist von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Und wie können wir Beamte entlassen? Wie können wir Strafverfahren ...«

»Nehmen Sie die Bedingungen an?«

»Aber wir können doch nicht ...«

Auf der Estrade verlöschen die Lichter. Eine Tür klappt. Die Herren stehen im Dunkeln.

7

Sie finden aus der Wirrnis der schwarzen Halle erst nach Minuten mit Zündhölzern und Flüchen ihren Weg.

Dabei kommt es zu Zwischenfällen: Medizinalrat Dr. Lienau stürzt, verliert den Anschluß an die Gruppe und muß erst spät, mit völlig zerschlagenen Schienbeinen und gräßlich fluchend, durch eine Rettungsexpedition geborgen werden. Er behauptet erbittert, die Haue sei voll versteckter Bauern, die im Dunkeln auf ihn eingeschlagen hätten.

Dann hört man Dr. Hüppchen sanft kreischen, das Geräusch eines Schlages und Toleis' tiefe Stimme brummt: »Doktor, Sie sind doch ein Schwein!«

(Wieso kommt aber Toleis in die Halle? Er sollte doch beim Auto bleiben.)

Schließlich stehen alle jenseits der dunklen Pforte unter dem Nachthimmel, der ihnen klar und rein vorkommt.

Unschlüssig stehen sie da, aber Manzow erklärt: »So können wir nicht auseinander. Zuerst müssen wir besprechen, was wir den andern sagen wollen. Außerdem habe ich Durst.«

»Ich auch.«

»Ich auch.«

»Wir alle.«

»Ich schlage vor«, erklärt Manzow, »Toleis fährt uns alle ins Rote Kabuff. Da kann man sich wenigstens ungestört ausquatschen.«

»Ach nein, bitte nicht ein so zweifelhaftes Lokal!« bittet der Doktor.

»Wenn wir hinfahren, dürfen Sie auch«, stellt Manzow fest. »Außerdem ist es beinahe zwölf, da sieht uns keiner.«

Eine Viertelstunde später sind sie bei Minchen Wendehals im Roten Kabuff um den großen runden Ecktisch bequem installiert.

Die Nische, in der sie sitzen, mit bunt bespannten Wänden, durch einen Vorhang von dem andern Lokal getrennt, ist gemütlich, das gedämpfte Licht angenehm. Die Kellnerin ist nicht etwa beunruhigend hübsch oder zu nuttig, und über die erste wechselseitige Verblüffung, daß sie alle Herren, mit Ausnahme von Dr. Hüppchen, bei Vornamen kennt und nennt, sind sie hinweg.

Einig ist man sich auch, daß alles gemeinsam bestellt und aus einer Kasse bezahlt wird. Ungewiß ist nur noch, aus welcher. Doch das macht im Augenblick, da die angeforderten sechs Eisbeine mit Sauerkraut und Erbsbrei erscheinen, weniger Sorge.

Die Herren langen kräftig zu. Auch mit Bier und Korn spart man nicht.

Plötzlich stößt Textil-Braun einen Schrei aus: »Meine Herren, sehen Sie doch ...«

Im ersten Hunger hat niemand auf Dr. Hüppchen geachtet, nun starren alle mit Grauen auf seinen Teller.

Der Vegetarier hat das Fleisch verschmäht, aber der Rohköstler machte ein Zugeständnis und nahm Erbsbrei mit Sauerkraut. Doch der Abstinente wollte nicht Bier und Schnaps, heimlich bestellte er sich Himbeersaft, und nun gießt er, grauenhafter Anblick, die Himbeertunke über Kraut und Brei.

»Aber meine Herren, was wollen Sie? Das schmeckt glänzend!«

Und er führt den ersten Bissen zum Munde.

»Doktor!!!«

»Tun Sie mir einen Gefallen: essen Sie das irgendwo, wo wir das nicht sehen.«

»Aber versuchen Sie doch mal ...«

Manzow klagt: »Mir wird das Fleisch immer dicker im Munde und die Zähne soo lang.«

Und Lienau: »Das ist gottverdammte Perversität. Franzosen fressen solchen Schweinkram.«

Dr. Hüppchen läuft rosig an: »Aber Sie brauchen doch nicht hinzusehen! – Freilich wenn es wirklich stört ...«

Immerhin sind die Herren Kunden seines Bücherrevisionsbüros, auch ist er Syndikus der Detaillisten. So dreht er den Stuhl mit der Lehne gegen den Tisch, seinen Rücken gegen die Versammelten und nimmt den Teller auf die Knie.

Alle atmen auf.

»Muß Ihre Mutter eine komische Frau gewesen sein!«

»Na, wer Sie einmal heiratet, Herr Doktor!«

»Wer soll den heiraten? Toleis, möchten Sie den Doktor heiraten –?«

Denn sie haben Toleis ins Lokal mitgenommen, erstens, weil man nicht weiß, ob man in ein, zwei Stunden allein nach Haus findet, dann, um sich seines Schweigens zu versichern.

Das ist das Wichtigste, Schweigen, und kaum ist der Tisch abgeräumt, die Kellnerin fortgeschickt, erhebt sich Manzow.

»Meine Herren! Wir alle sehnen uns, nach den heutigen Strapazen zum gemütlichen Teil zu kommen ... Ich mache es daher kurz.

Die Aufgabe unserer Kommission ist, sagen wir vorläufig, gescheitert. Nicht durch unsere Schuld. Mit einer nicht zu überbietenden Geduld haben wir die würdelose Fahrt, die höhnische Behandlung in der Viehhalle ertragen.

Was dann da an Forderungen genannt worden ist, meine Herren, das ist so wahnwitzig, daß es nicht einmal als Ausgangspunkt für Verhandlungen angesehen werden kann.

Ich schlage vor, wir geben unsern Auftraggebern unsere Ämter zurück.

Ich schlage weiter vor, wir erklären Bürgermeister Gareis, daß wir nach näherer Überlegung seinen Kampf gegen den Boykott akzeptieren wollen.«

Lienau ruft empört: »Was das rote Schwein vorschlägt, tun? Niemals!«

»Wissen Sie etwas Besseres?«

Aber Lienau, eisern über den Rand seines Bierglases fort: »Niemals!«

»Es muß«, sagt Textil-Braun leise, »auch geklärt werden, was wir über die heutigen Erlebnisse berichten wollen. Wird bekannt, wie man uns mitgespielt hat, kann uns das sehr schaden.«

Und Meisel: »Ich schlage vor, alle Teilnehmer verpflichten sich ehrenwörtlich zu schweigen.«

»Ich würde solch Ehrenwort nicht geben«, erklärt Lienau. »Stuff muß das unbedingt erfahren.«

»Aber warum denn? Stuff darf ja doch nichts bringen, das ist schon ausgemacht.«

»Stuff hat auch den Offenen Brief an die Stadt gebracht.«

»Eine schöne Schweinerei! Das wird ihm noch sauer aufstoßen, Ihrem Stuff! Die Stadt stellt Strafantrag.«

»Bitte, das war ein Inserat.«

»Ein Inserat – Gott, sind Sie naiv.«

»Jedenfalls ist mir Stuff zehntausendmal lieber als die Pflaumenweichen von den Nachrichten.«

»Und Sie wissen nicht, daß Nachrichten und Chronik eine Wichse sind? Sie können mir leid tun!«

Manzow beschwört: »Meine Herren, ich bitte Sie, verhandeln wir hier über Herrn Stuff?«

Aber sie hören nicht.

»Und wenn der Gebhardt hundertmal den Stuff kauft, der ist nicht zu kaufen.«

»Sagen Sie das nicht so laut, es gibt Leute, die ihn schon gekauft haben.«

»Und wer bitte? Klatsch ist kein Beweis!«

»Der Stahlhelm zum Beispiel.«

»Der Stahlhelm hat nie auch nur einen Pfennig an Stuff gezahlt.«

»Aber an Schabbelt. Bei der Hindenburgwahl.«

»Das ist eine infame Lüge. Unser greiser Herr Reichspräsident braucht keine ...«

»Und jetzt liebäugelt Stuff mit den Nazis.«

»Mit den grünen Jungen? Es tut mir leid, Herr Braun, aber Sie sind ein politischer Idiot.«

»Herr Medizinalrat!«

Der Sturm, die Schlägerei womöglich scheint unabwendbar, als Manzow zwei Gläser Bier umwirft. Zugleich stößt er Schreie, aus: »Betti! Betti! Betti!«

Und als die Kellnerin erscheint: »Sieh mal, was ich hier angerichtet habe. Ein neues Tischtuch. Und dann, liebes Kind, setz dich doch ein bißchen zu uns. Und da ist noch deine Freundin, die Berta, bring die auch mit. Und wenn du sonst noch ein paar nette Mädel weißt ...«

»Ich will mal sehen, Franz«, erklärt Betti. »Aber Wein müßt ihr ausgeben, sonst erlaubt es Frau Wendehals nicht. Wir setzen uns dann ins Klubzimmer ...«

Betti entschwindet und energisch erklärt Manzow: »In fünf Minuten sind die Mädchen hier. Bis dahin müssen wir einig sein.«

»Was sollen wir eigentlich mit den Mädchen?«

»Bezahlen Sie den Wein? Ich habe für so was kein Geld.«

»Diese gemeinen Nutten.«

»Ruhe! Der Ausdruck Nutten stimmt gar nicht. Das sind alles hochanständige Mädchen, die längst nicht mit allen gehen.«

Manzow erhebt sich: »Ich bitte abzustimmen. Wir geben unsere Ämter zurück. Ja –?

Drei Ja. Drei Nein. Was für ein Quatsch, Toleis, Sie können als Chauffeur doch nicht mitstimmen. Also drei Ja, zwei Nein. Wir geben die Ämter ab.

Zweitens: wir erklären die Verhandlungen mangels Entgegenkommens der Bauernschaft für gescheitert?

Vier Ja, ein Nein. Laß nur deine Flosse unten, Toleis. Mich machst du nicht noch mal dumm.

Wir nehmen die Vorschläge von Gareis an? Zwei Ja, drei Nein. Also abgelehnt. Ich gehe trotzdem zu Gareis. Wenn ihr Idioten seid, tue ich noch längst nicht das, was ihr wollt.«

»Wozu stimmen wir denn ab, wenn Sie doch tun, was Sie wollen?«

»Ruhe! – Alle Teilnehmer verpflichten sich ehrenwörtlich, über die einzelnen Umstände der heutigen Aktion den Mund zu halten. Ja? – Drei Ja, zwei Nein. Also haben wir alle unser Ehrenwort gegeben.«

»Wieso denn? Ich habe mein Ehrenwort nicht gegeben.«

»Aber Herr Medizinalrat, Sie sind doch überstimmt!«

»Habe ich deswegen mein Ehrenwort gegeben?«

»Eben hätte«, meldet sich Dr. Hüppchen, »auch Toleis mitstimmen müssen.«

»Jetzt fangen wir nicht noch mal an. Alle sind zum Schweigen verpflichtet.«

»Und ich erzähle es doch Stuff!«

»Dann«, sagt Manzow kalt entschlossen, »trägt jeder einzelne seinen Anteil an den Kosten der Expedition. Sonst verpflichte ich mich, alles aus dem Verkehrspropagandafonds der Stadt decken zu lassen.«

»Auch die Mädchen?«

»Alles!«

»Na ja«, sagt der Medizinalrat. »Wenn das nicht korrupt ist! Aber meinethalben. Werde ich die Schnauze halten, wenn Ihnen soviel daran liegt.«

»Sehen Sie! Nur vernünftig muß man sein, realpolitisch denken. Und jetzt gehen wir ins Klubzimmer rüber. Da werden die Weiber ja wohl schon warten.«

8

Drei Stunden später.

Im Klubzimmer ist eine drückende Hitze, aber die Fenster sind dicht verhängt, Rauchschwaden ziehen durch den Raum.

Auf dem Ledersofa sitzt ohne Kragen, nur in Hemd und Hose Manzow und unterhält sich mit Toleis über Eheerfahrungen.

»Ich sage dir, Toleis, meine Olle, wenn die was wollte, das merkte ich schon einen Tag vorher. Das merkte ich am Geruch. Ich rieche das.«

Toleis nickt bedächtig: »So was gibt es, Herr Manzow.«

Sanitätsrat Dr. Lienau hat eine Hand im Ausschnitt eines Mädchens und singt dazu alles, was ihm in den Kopf kommt gegen das Grammophon an, nach dessen Musik Dr. Hüppchen, der einzige Nüchterne, mit einem Mädchen tanzt.

Textil-Braun hat gleich zwei, die er fest um die Taillen hält. Sie müssen ihm zu trinken geben. Er öffnet achtsam den Mund, trinkt, schlürft, brabbelt weiter dabei: »Ich lasse euch nicht!« und begießt sich die Brust mit Wein.

Meisel läßt sich von der Kellnerin erzählen, was ihr Bruder auf dem Arbeitsnachweis gehört hat, von den Kommunisten.

»Ich sage dir doch, Dickerchen, sie haben den Säbel. Es ist nur ganz geheim.«

»Gareis hat gesagt, es ist alles erlogen mit dem Säbel.«

»Vielleicht haben sie den angelogen. Ich weiß auch, wer den Säbel hat.«

»Ach!« schreit Manzow. »Quasselt nicht soviel von dem Säbel! Wir hier haben alle einen! Oder etwa nicht?« Und er sieht sich herausfordernd um.

Es liegt irgend etwas in der Luft. Das muß ein Stichwort gewesen sein, alle sehen sich plötzlich an, nur Dr. Hüppchen tanzt weiter.

»Oder ist hier einer, der keinen Säbel hat?« grölt Manzow. »Das Schwein melde sich!«

Und Braun echot: »Es melde sich!«

Und Meisel: »Heh, Doktor, du! Hast du nicht gehört, du sollst dich melden!«

»Wie bitte –?« fragt der Doktor. »Ich habe wirklich nicht zugehört.«

Erwartungsvolle Stille.

»Sagen Sie mal, Herr Doktor«, beginnt der Medizinalrat, »warum piepsen Se eigentlich immer so? Haben Se immer schon so gepiepst?«

»Sie können auch nicht auf dem Kirchenchor singen«, lacht Dr. Hüppchen und tanzt weiter.

»Das Schwein wird nicht besoffen«, klagt Manzow. »Was hilft denn alles, wenn das Schwein nicht besoffen wird? Hier macht eben einer einfach nicht mit!« klagt er.

Und Lienau: »Mädchen, los, laß dir einen Schnitt Cognac geben. Aber einen ganzen Schnitt, vastehste!«

Pause.

Plötzlich interessieren sich alle Männer nicht mehr für ihre Mädchen, starren wie gebannt auf den Doktor, der schlaksig mit dürren Gliedern tanzt.

Betti bringt den Schnitt Cognac.

»Es ist keiner in der Gaststube, ihr könnt ruhig laut sein.«

Das Bierglas mit Cognac wird hinter einem Aufbau von Gläsern und Flaschen versteckt.

»Ruhe!« schreit der Medizinalrat. »Ruhe da mit dem Musikgequiek! Kommen Sie her, Doktor, wir haben Ihnen was zu sagen!«

Der Doktor naht erwartungsvoll.

»Lassen Sie Ihre Trulle los! Was wollen Sie denn mit dem Weib?«

Plötzlich grölt der Medizinalrat: »Alles aufstehen! Herr Doktor Hüppchen, treten Sie vor mich!«

Der kichert verlegen: »Ich soll doch wohl nicht hingerichtet werden?«

»Werter Herr Doktor!

Hochverehrte Anwesende!

Drei Jahre ist es her, daß Herr Doktor Hüppchen in unserer schönen Stadt Altholm seinen Einzug hielt. Als wir zuerst das Bücherrevisorenschild an seiner Tür sahen, dachten wir: der haut auch bald wieder ab!

Aber Herr Doktor Hüppchen ist geblieben. Er ist ein Bürger unserer Vaterstadt geworden, ein wertvolles Mitglied unserer Gemeinschaft. Darum ist es nur recht, daß wir Herrn Doktor Hüppchen als vollgültiges Mitglied unserer Gemeinschaft in unsere Runde aufnehmen und ihn zum ehrlichen Altholmer erklären.

Wollen wir das, Versammelte?«

Beifallsgeschrei.

»Sind Sie einverstanden, Herr Doktor Hüppchen?«

»Jawohl. Ich danke Ihnen ...«

»Jetzt rede ich. Knien Sie nieder. – Mensch, Sie sollen niederknien!«

»Hier ist es sehr dreckig und mein bester Anzug ...«

»Knien Sie auf dem Klubsessel nieder. Das ist sogar noch viel besser. – So. Betti, verbinde Herrn Doktor Hüppchen die Augen.«

»Na, nun das! Nein, bitte ...«

»Sie werden doch kein Spielverderber sein. Jeder ist so aufgenommen. Ich erteile Ihnen den Altholmschen Ritterschlag. Binde fest zu, Betti. Sehen Sie noch was, Doktor?«

»Gar nichts. Nein, bitte ...«

»Herr Doktor, ehe ich dir den Ritterschlag erteile, hast du den geheimen Treuschwur zu leisten. Sprechen Sie mir nach: Ulam.«

»Ulam ...«

»Viel lauter! Arrarat ...«

»Arrarat.«

»Das ist gar nichts. Du mußt den Mund noch viel weiter aufmachen. Noch mal. Ganz weit den Mund auf. Ulam Arrarat ...«

»Ulam Arra...«

Zwei Mann halten den Kopf fest, der dritte gießt langsam den Cognac in dickem Strahl in den Schlund.

»Uh ... Uh ... Uh ... Hilfe! Hilfe! Das ist eine Gemeinheit, meine Herren ...«

Er hat die Binde abgerissen und starrt blöde im Kreis umher.

Nur feindliche Gesichter sehen auf ihn. Selbst der ewig lächelnde Meisel blickt böse.

»Mußt du lernen, Doktor! Es ist gemein, immer nüchtern zu sein, wenn sich die andern besaufen. Das ist nicht kameradschaftlich, nicht anständig.«

»Ich hätte das nicht ... Meine Herren, meine Grundsätze, es ist feige ...«

Und plötzlich lächelt er kläglich. Es ist nur der Versuch eines Lächelns, eine traurige Fratze.

»Ja, natürlich. Ich verstehe ja. Und es macht auch nichts. Wenn man gezwungen wird, macht es nichts.«

Er lächelt wieder.

Manzow klopft ihm auf die Schulter. »Na siehst du, mein Junge. Wir sorgen auch für dich, sollst ein paar neue Kunden bekommen. Da, sauf!«

Dr. Hüppchen sieht ihn flehend an: »Ich darf doch nicht ...«

»Sauf schon. Ich befehle es dir, Doktor. Na, siehst du. – Und nun schlage ich vor, da wir alle so schön besoffen sind, wir machen es uns bequem. Wirklich bequem. Was sollen die Kledagen bei der dämlichen Hitze? Und die Mädchen sind auch viel netter ohne.«

Und er beginnt gemächlich, sich seine Hose abzuknöpfen.

»Also los!«

»Recht hast du!«

»Gott, der dicke Franz! Wie süß!«

»Runter mits Hemde, Minna.«

»Immer munter, Herr Doktor! Immer munter!«

»Die Scham liegt nicht im Hemde!«

»Kiek, das Aas, die Berti, hat gar keine Hosen an!«

»Das hast du noch nicht gemerkt? Was hast du denn eigentlich den ganzen Abend gemacht?«

»Na, wie wird es denn, Herr Doktor?«

Der steht da, in Hemdsärmeln. »Mir ist wirklich nicht warm«, flüstert er. »Los! Los! Männeken! Hier gibt es keine Geschichten! Sehen Sie sich den Toleis an. Was, das ist ein Athlet?«

Jemand beginnt zu singen: »Wo ist denn nur mein Säbel hin? Säbel hin? Säbel hin? – Du hast ihn in der Scheide drin! Scheide drin! Scheide drin!«

Manzow naht sich ernst dem Doktor: »Also, Doktor, nun mach keine Geschichten. Du willst es doch nicht mit uns verderben? Bei uns machen immer alle mit.«

Der Doktor hat Schweiß auf der Stirn. Käsig sieht er aus.

Ein Mädchen schlägt vor: »Laßt ihn doch laufen, den Kerl.«

Der Medizinalrat: »Halts Maul, Sau!«

»Ich sage Ihnen zum letztenmal, Herr Doktor, Sie tragen die Folgen!«

»Na, sauf, Kleiner, das macht Mut.«

Und das Mädel gibt ihm noch einen Schnitt Cognac. Dr. Hüppchen trinkt.

Dann fängt er an, sich aufzuknöpfen, Kleider abzustreifen. Die andern tun, wie wenn sie nicht hinsehen, und sehen immerzu hin.

Einen Augenblick zögert der Doktor, dann streift er das Hemd über den Kopf.

Ein Mädchen schreit: »Gott, wie lütt! Grad wie bei einem Baby!«

Ein brüllendes Gelächter ertönt.

Die Weiber kreischen, die Männer wiehern, brummen, brüllen.

Und ein Chorgesang hebt an: »Wo ist denn nur mein Säbel hin? Säbel hin? Säbel hin?«

Dr. Hüppchen läuft, nackt, torkelnd gegen die Tür. Taumelt hin. Liegt regungslos.

Der Gesang geht weiter: »Du hast ihn in der Scheide drin! Scheide drin! Scheide drin!«

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