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Bauern, Bonzen und Bomben

Hans Fallada: Bauern, Bonzen und Bomben - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorHans Fallada
titleBauern, Bonzen und Bomben
publisherRowohlt
year1970
isbn3499106515
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150405
projectida9d0209c
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Zweites Kapitel
Der Boykott wird Wirklichkeit

1

Von Zeit zu Zeit, nicht zu häufig, damit die Wirkung nicht nachläßt, erscheint in der Bauernschaft, der Zeitung Padbergs, ein Aufruf: eine Ladung zum Landesthing.

In fast immer den gleichen Wendungen werden die Bauern aufgefordert, »Sendboten über Land zu schicken, die aufbieten, wer das Land bebaut, zum Landesthing«, in der Sache oder der. Doch Ort und Zeit nennt nur der Bote vom Mund ins bekannte Ohr, »geheimzuhalten vor Weib und Kind, Städter und Kaufmann, Krüger und Knecht«.

Wer die altertümlichen Wendungen einführte, weiß schon keiner mehr, so jung die Bewegung auch ist. Aber sie bürgerten sich ein, weil sie dem Bauern aus dem Kirchenbesuch lagen, man las noch in der Bibel.

Und die jungen Burschen freute es, wenn sie am Sonntagmorgen den blankgeputzten Ackergaul aus dem Stall ziehen durften. Auf nacktem Pferd, auf der Decke, mit dem Sattel aus hängengebliebenem Heeresgut ritten sie über Land, hielten auf jedem Hof.

Ein Hornruf oder ein Knallen mit dem Peitschenschmitz. Und ernst forderten sie den aus dem Hause tretenden »ehrlichen Bauersmann, den Kätner oder Hintersassen, auch, wer den Acker pflegt mit seinen Händen, auf, zu kommen am Mittwoch dieser Woche an den Ginsterort, nahe Lohstedt, dort, wo die Hünensteine liegen, Gericht zu halten über jeden, sei er hoch oder niedrig, der Schuld trägt am Blutmontag in Altholm«.

Padberg hat den Ort gefunden für den Thing. Hinaus aus den Tanzsälen der Wirtschaften mit den verblaßten Papiergirlanden, dem Geruch von Bier und Tabak, dem grünen Bretterwerk der Emporen, den Erinnerungen an Weiber und Musike!

Dort, wo die spärlichen hohen Schirmkiefern stehen, der Ginster gelb wuchert, zwischen den dunklen Massen des Wacholders die verstreuten Blöcke eines auseinandergeworfenen Hünengrabes liegen – dort, wenn es Nacht wird (und der Mond steht im Kalender), und es ist etwas Wind und fünftausend Bauern und ein Gerichtsthing ...

Padberg, der verärgert geschiedene, hat die Morgenzeitung gelesen und war bekehrt. Weit über die Provinz hinaus klangen Hall und Widerhall, die Rechtspresse stand einmütig hinter den Bauern, verwarf das Vorgehen der Polizei.

Und Padberg beginnt zu arbeiten. Er sieht Aussichten für eine verlorene Sache, vielleicht ist eine schmähliche, demütigende Niederknüppelung ein strahlender Sieg.

Während die Sendboten das Land durchreiten, sitzt er mit sechs Bauern in Bandekow-Ausbau. Er spricht ihnen vom kommenden Kampf. Den Zweiflerischen, Verzweifelten zeigt er den nahen Sieg.

»Jetzt gärt es in der Bauernschaft. Wartet ihr drei Wochen, wartet ihr nur vierzehn Tage, so bleibt nichts wie die Niederlage. Jetzt spüren sie noch den Schlag des Gummiknüppels. Sie tun alles, um sich zu rächen.«

Der Graf fragt: »Rächen? Wir werden eine Protestresolution fassen. Der Magistrat, die Regierung, der Minister, sie stecken es in den Papierkorb und alles ist, wie es war.«

»Wir werden nicht protestieren, wir werden handeln. Jeder Bauer wird eine Aufgabe bekommen. Aber davon erst auf dem Thing. Das darf niemand wissen vorher. Und den Thing machen wir so:

Auf dem größten Stein stellt sich der Gerichtshof auf: ein Richter und sechs ehrliche Schöffen. Einer klagt Altholm an, einer verteidigt es –«

»Wer soll Altholm verteidigen?«

»Wer sonst als Benthin?«

»Nein, das tue ich nicht Wo sie mir so mitgespielt haben.«

»Du tust es, Vadder, Befehl der Bauernschaft Und du sollst es ja nicht wirklich verteidigen, du tust nur so.«

»Das will ich auch nicht, nur so tun. Dann lieber richtig.«

»Also! Dann wird das Urteil gefällt und ihr werdet sehen, wie das Land wach wird, wie die Altholmer schreien werden, wie die Regierung verzweifelt, wie die Finanzämter kuschen – und alles ohne Gewalt!«

»Sie sind sehr optimistisch«, sagt der Graf. »Ich habe Sie gesehen vor Altholm. Da sah unsere Sache gut aus: Sie warnten. Heute steht es verzweifelt um uns, und Sie singen Lob.«

»Wer erniedrigt wird, der wird erhöht«, spricht Padberg.

»So heißt das nicht«, fängt Vadder Benthin eifrig an.

»So heißt das bei uns«, sagt Padberg. »Jetzt!«

2

Oberlandjäger Zeddies-Haselhorst hat eine geborene Rohwer zur Frau, eine Bauerntochter. Und so kommt es, daß er auf dem Schwafelweg der Weiberzungen Witterung erhält von der Zeit, vom Ort des kommenden Landesthings.

Das Dienstliche wäre gewesen, Meldung zu machen dem Landjägermeister in Stolpe, aber das Dienstliche ist für einen Mann, der auf dem Lande lebt, unter Bauern, nicht immer das Richtige.

Kommt es heraus, wer gesprochen, so kann er nicht mehr leben, wo er lebt, seine Frau zerfällt mit ihren Verwandten. Und dann: die Regierung schickt Schupo, ein paar Hundertschaften zersprengen die Bauern, und Zeddies ist selbst ein Bauernsohn, der einmal als armer Jüngster bei den Stettiner Fußfanteristen kapitulierte.

So hält er das Versprechen, das er seiner Frau gab, und schweigt Aber es leidet ihn, je näher die Nacht rückt, nicht im Garten, nicht im Haus, nicht im Holzstall. Die Stubben, die er klöben will, waren noch nie so zäh, die Nachrichten sind ohne Nachrichten, und der Schneckenfraß in den Erdbeerbeeten ist alles andere wie vergnüglich anzusehen für einen Mann, der am Tag eine entlaufene Magd ihrer Dienstherrschaft hat zuführen, zwei Haussuchungen bei diebischen Stallschweizern hat abhalten und einen Vollstreckungsbeamten bei einer Pfändung hat schützen müssen. Er möchte seine kleine Freude haben.

Es wird stiller und still. In den Kuhställen der Nachbarn wurde es längst ruhig, die Pferde gehen auf den Koppeln, die spielenden Kinder sind in Häuser und Betten gegangen, und die Vögel schlafen auch. Aus den Wiesen, die er vom Schlafstubenfenster sieht, steigt ein feiner Dunst, der helle Streifen am Horizont wird immer blasser, die Himmelskuppel höher. Die Sterne funkeln, drei Sternschnuppen zählt er in fünf Minuten, und da die erste »Ja« bedeutet, muß auch die dritte »Ja« heißen.

Er zieht sich ein bißchen um, ohne Eile, und lauscht dazwischen, was die Frau wohl tut. Er stellt fest, daß sie im Waschhaus einweicht; geht in seiner Hausjoppe die Treppe hinunter, außen um den Garten herum in den Holzstall und zieht sein Rad heraus.

Am Gartenzaun ist das helle Gesicht der Frau. »Du willst noch fort, Hein?«

»Eine halbe Stunde in den Krug.«

»Du mußt das Rad in Lohstedt lassen und dann über die Koppel von Baumgarten gehen. Die weißt du doch?«

»Ja.«

»Dahinter fangen die Wiesen an. Du gehst querüber zu auf den Wald.«

»Ja.«

»Da läuft ein Bach. Du findest ihn auch in der Nacht an den Weiden. Und im Bach gehst du aufwärts, der ist jetzt nicht tief.«

»Dann komme ich aber in den Sumpf.«

»Sie sagen alle, der Sumpf ist tief, aber wir haben als Kinder überall dort gespielt. Du trittst höchstens hinein bis zu den Knien, und der Mudd läßt dich überall los.«

»Die Leute sagen ...«

»Daß da Irrlichter sind und Erstickte. Der Vater vom Benthin ist dort erstickt. Aber nicht weil der Sumpf tief ist, sondern weil er duhn war. Er hat auf dem Bauch gelegen, mit dem Gesicht im Schlamm. Wäre er nicht so besoffen gewesen, er hätte bloß den Kopf hochzuheben brauchen.«

»Und komme ich bis zu den Steinen?«

»Auf zehn oder zwanzig Meter. Und da sind Binsen genug. Du darfst bloß nicht rascheln.«

»Also dann geh ich so wie du sagst.«

»Das tu nur.«

Er schwingt sich aufs Rad und ist fort im Dämmern.

Das Rad läßt er in Lohstedt hinter der Schule. Heute abend ist es besser, daß ihn keiner erkennt, er darf in keinen Krug, niemand soll wissen, daß er hier ist. Übrigens ist Lohstedt totenstill.

Dann geht er über die Koppel zu den Wiesen hinunter, durch das taunasse Gras.

Am Bach sucht er sich eine Weide, die der Frost ganz auseinandergerissen hat, ein tolles Ungetüm, auf hundert Meter von jedem andern Baum zu unterscheiden, selbst im Mondschein, und packt dort seine Schuhe und Strümpfe hin.

Dann krempelt er die Hosen auf und steigt ins Bachbett. Der Boden ist reiner Sand, so kommt er rasch vorwärts.

Dann wird das Wasser seichter, das Ufer flacher, der Grund moorig. Die Kiefern verlassen ihn, überall Weidengestrüpp, Schilf, dicke Moosbülten.

Er kommt nur langsam voran, der Schlamm hält seine Füße fest.

Von Zeit zu Zeit bleibt er stehen und wischt sich die Stirne. Dabei schaut er auf zu den Sternen, er vergewissert sich, daß er die rechte Richtung hat.

Plötzlich hält er inne. Er riecht Rauch. Es kann nicht sein, daß der Rauch schon von den Steinen kommt. Außerdem steht der Wind mehr schräg seitlich.

»Wer brennt hier im Sumpf Feuer?«

So sehr es ihn nach der Versammlung drängt, sein Jägerinstinkt wird wach, und leise tastet er schräg weiter nach links.

Hier wird der Sumpf flacher, weniger Moosbülten, mehr Weidengestrüpp. Der Rauchgeruch wird stärker, der Boden trockener. Ein dichtes Gebüsch und darüber ein schwacher Lichtschein, rötlich, von einem Holzfeuer.

Oberlandjäger Zeddies steht da und starrt. Er kann nicht weiter. Ist dort einer, der sich verborgen halten will, so warnt ihn jeder Schritt des Nahenden, der jetzt nicht mehr zu überhören ist. Und es ist jemand dort, bei dem Feuer, einem kleinen, spärlichen Holzfeuer.

Dem Oberlandjäger kommt eine Erinnerung an seine Jungenszeit, als er noch Indianerschmöker las: Karl May und Sitting Bull und den letzten Mohikaner. Er sucht in seinen Taschen, aber er findet nur ein halb Dutzend Pistolenpatronen, und um die ist es schade. Sie werden ihm zugezählt, und über jede muß er Nachweis führen. Aber womit kann er werfen in einem Sumpf, der ohne etwas Festeres ist als weicher Schlamm?

Er nimmt eine Patrone und wirft sie schräg seitlich gegen das Feuer zu, es klingt, als raschle jemand zwanzig Meter von ihm im Gebüsch.

Er lauscht, aber nichts rührt sich.

Er wirft eine zweite Patrone, noch zwei Meter näher ans Feuer.

Alles bleibt still.

Es ist schade um eine dritte. Zwar kann der Feuermann schlafen – nun, dann weckt er ihn und riskiert eine Hucke voll, wenn es ein rechter Ganove ist. Aber warten? Viel Zeit hat er auch nicht, er will weiter zum Thing.

So bemüht er sich denn, möglichst leise durch die Zweige zu kommen, aber es klingt doch, als raschelten zwanzig Mann durchs Gebüsch, und jeden Schläfer weckte das.

Aber es ist kein Schläfer da, als er in das kleine buschlose trockene Rund tritt. Das Feuer ist fast niedergebrannt. Der es anlegte, muß schon mindestens eine halbe Stunde fort sein.

Doch nicht für ganz.

»Der kommt wieder. Schau, was er sich für eine Höhle gebaut hat.«

Weidenzweige sind ineinander verflochten, zwei Decken darüber gespannt, trockenes Moos darunter gepackt, ein gutes Lager für einen Mann in regenlosen Sommernächten.

Auch kein hungriges. Auf einem flachen Stein beim Feuer liegt ein halb erledigter Schinken. Eine Kiste mit Büchsenmilch steht da. Kleider liegen aufgehäuft. Ein Fahrrad. Noch mehr Lebensmittel, und siehe da, über Zweige gehängt, an einem Gurt, ein Jagdgewehr.

Zeddies denkt scharf nach: von welchen Einbrüchen hat er in den letzten Wochen gehört oder gelesen? Woher stammt dies Diebsgut?

Eigentlich müßte er sofort kehrtmachen, den Kollegen in Lohstedt wecken und den Dieb zu fassen versuchen. Aber das geht auch nicht. Wie soll Zeddies dem Kollegen erklären, daß er zur Nachtzeit in dessen Bezirk strömt, in Zivil – ohne vom Thing zu sprechen?

»Der Bruder ist morgen auch noch da«, entscheidet er. »Und wenn ich erst auf dem Thing gewesen bin, weiß ich auch, was ich zu erzählen habe.«

Er nimmt das Jagdgewehr von den Zweigen, spannt den Hahn und schlägt ihn ein paarmal heftig gegen die flachen Steine. Dann probiert er ihn und grinst befriedigt: »Damit schießt du mich morgen nicht über den Haufen.«

Er hängt das Gewehr wieder auf und macht sich weiter auf den Weg.

3

Die Uhr geht stark auf elf, als sich Zeddies endlich seinem Ziele nähert. Der Mond steht hoch, aber das Gehen wird immer beschwerlicher: hier am Rand der ansteigenden Heide sind die Quellen von Sumpfwasser und Bach.

Zeddies hat es schon eine Weile sprechen hören aus der Ferne. Erst flogen abgerissene Worte unverständlich durch Busch und Baum an ihm vorbei, dann war es wie ein eintöniges Gemurmel, nicht aufhörend, ineinander übergehend und nun ...

Er hat zwanzig Meter vor sich einen breiten Weidenbusch aus hundert Ruten entdeckt, den will er als Versteck benützen.

Er erreicht ihn, schiebt sich weit hinein und wäre fast zurückgesprungen. Die Hand des andern legt sich fest auf seine Schulter.

»Sachte, Kamerad!«

Es ist ein blutjunger Mensch, unrasiert, nicht nur bleich vom vollen Mondstrahl, nur in Hose und Hemd.

»Sachte, Kamerad«, sagt er. »Jetzt spricht der Verteidiger ...«

Der Platz ist gut genug für Sicht, dreißig Meter von einem großen Findling, der am Rande des Sumpfes liegt, stehen die beiden. Jenseits des großen Steins steigt das Land an, mit ein paar Schirmföhren, den verschrobenen Malen des Wacholders, und einem Heer von Menschen, deren Gesichter man nur sieht wie einen ungeheuren weißen verwischten Fleck.

Aber voran auf dem Stein stehen nur ein paar: im Hintergrund mit dem Rücken zu den Lauschern eng nebeneinander ein paar Bauern, er zählt sechs, von ihnen einer mit Vollbart.

»Wer ist das?« fragt er den Mann aus dem Sumpflager.

Und er antwortet: »Der Graf Bandekow.«

»Der aus dem Versteck ist es«, denkt Zeddies wieder. »Aber ein gewöhnlicher Ganove oder einer von der Walze ist es wieder nicht. Nun, auch er scheint seine Ursache zu haben, sich vor den Bauern nicht sehen zu lassen. Vorläufig stehen wir beide hier ja sicher, feucht und gut, und was nachher wird, findet sich.«

Zeddies kann den Verteidiger nicht sehen, die Schöffen decken ihn zu. Er hört nur eine alte, helle, quäksende Stimme, gesteigert, denn es scheint zum Schluß zu gehen:

»Ja, Landmannen, was der Ankläger gesagt hat gegen Altholm, wahr ist das schon. Aber was ist Altholm? Ich bin auch Altholm. Und Altholm sind Handwerker und Kaufleute. Altholm sind Frauen und Kinder. Altholm sind Ärzte und unsere Herren Pastoren.

Ich weiß nicht, was der Richter und die Schöffen beschließen werden über Altholm, aber denket daran, Bauersleut, daß der Schuldigen wenige sind und in Altholm leben viele.

Die schuld haben in Altholm, das sind ein paar. Auf dem Marktplatz hat er gestanden und mir die Hand geschüttelt: ›Wir sind beide Altholmsche und wollen sehen, daß nichts Unrechtes geschieht.‹

Aber die kleinen Leute: wer die Felgen schneidet zum Wagenrad, wer den Ofen setzt für die Stube, wer das Eisen schmiedet für das Pferd, wer das Kummet näht fürs Geschirr, wer uns den Roggen schrotet und die Farbe verkauft, wer uns versippt ist und verschwägert, die schont!

Bauersleute, die schont!

Sie haben uns schmählich geschlagen, sie haben uns unter die Füße getreten, aber wir schlagen nur, die uns schlugen. Die andern gehen frei aus!«

Es ist stille. Die Schöffen stehen still auf dem Stein, oben geht der Mond und steht so steil, daß die Schatten fast unter die Füße der Leute gehen, ein leiser Wind raschelt einen Augenblick mit Zweig und Blatt – und es ist wieder still.

Der Richter spricht: »Ankläger, dein ist die Rede.«

Und Padberg tritt vor, tritt ganz gegen den Rand des Steines und sieht über das Volk hin.

»Bauern von Pommern«, spricht er, »die ihr gekommen seid zur Nachtzeit, berufen zum ordentlichen Gerichtsthing über die Stadt Altholm!

Dreitausend von euch waren in der Stadt. Wir waren als Gäste dort, wir hatten mit dem Bürgermeister gesprochen und mit der Polizei: unser waren Straße, Markt und Halle. Gäste waren wir Altholms.«

Padberg beugt sich über den Stein, starrt in das Volk, als suche er einen, wolle erkennen dies oder jenes Gesicht in der Masse der Gesichter.

Plötzlich ruft er laut: »He! Du! Alter! Fühlst du noch den Gummiknüppelschlag von dem Grasaffen von Schupo? Das war der erste Schlag, seit du Junge warst, die Stadt Altholm hat dir den blauen Orden ihrer Gastfreundschaft verliehen.

Und du junger Bengel von der Landwirtschaftsschule! Das war fein – was? –, als dich die Stadtsoldaten aus der Halle zum Bahnhof jagten, und vom Bahnhof forttrieben in andere Straßen. Da haben sie ein bißchen Hasenjagd gemacht mit dir, damit du später auf Vaters Grund weißt, wie man Hasen jagt. Das ist der Unterricht, den sie dir geben in Altholm.

Und du dort Bauer über sechs Pferde! Haben sie dir nicht die Plempe über die Schulter geschlagen, daß deine Frau die ganze Nacht die zerrissene Haut hat kühlen müssen? Zwei Verletzte hat's gegeben, schrieb der amtliche Bericht. Altholm! Dreitausend Verletzte hat's gegeben, dreitausend unheilbar Verletzte!

Der Verteidiger hat gesagt: ja, übel sind sie mit euch umgegangen an jenem Tage, aber wer ist's gewesen? Einer. Ein Streber, der über die Bauern in die Höhe will, das Volk ist unschuldig. So hat er gesagt.

Ich sage euch, Bauern, das Volk ist genauso schuldig. Wer stand denn auf der Straße und hat zugeschaut? Habt ihr zu den Fenstern hinaufgesehen, waren sie nicht alle voll?

Gut, gut, sie konnten euch nicht helfen, aber konnten sie nicht fortgehen? Mußten sie dabeistehen und stumm zuschauen? Habt ihr gehört, daß einer Pfui geschrien hat? Es gibt einen Satz: wer schweigt, stimmt zu.

Altholm hat zugestimmt!«

Der Redner macht eine Pause. Die Bauern sind noch immer stumm, Zeddies ahnt sie nur dahinten, aber doch ging es eben aus von ihnen wie der erste Windstoß vor dem Gewitter. Der Mond scheint so hell, und es ist so dunkel, und besser wäre es, er wäre zu Haus geblieben und hätte hiervon nichts gewußt. Der junge Bengel neben ihm hält das Gesicht in den Händen, liegt halb auf den Ruten, vielleicht heult er, vielleicht schläft er aber auch.

Und Padberg beginnt neu:

»Der Verteidiger hat gesagt: da sind Handwerkerleute, da sind Verwandte, da sind Menschen in den Stadthäusern, die sind doch nicht schuld daran: schont die.

Bauersleute! Grade die sind schuld! Grade die müßt ihr strafen! Nicht der Polizeilaffe, nicht der fette Bürgermeister sind die Schuldigen, eure Verwandten sind es, eure Gesippten! Der Schmied, der deinem Gaul das Eisen aufschlägt, der Zimmermann, der deinen Dachstuhl richtet, das sind die Schuldigen!

Der Gareis ist rot und der Frerksen ist rot, das haben wir gewußt seit Jahr und Tag. Und seit Jahr und Tag, seit der Revolution, vor der Revolution, vor dem Krieg haben wir gewußt, was uns die Roten bringen: Enteignung! Raub! Diebstahl! Fron! Unzucht! Gottlosigkeit!

Wer aber hat die Bonzen zu Bonzen gemacht? Sind sie gekommen und haben den Bürgermeisterstuhl an sich gerissen mit kämpfender Hand?

Gewählt sind sie worden!

Gewählt von euern Gevattern, euern Handwerkern, euern Kaufleuten! Darum sind sie alle schuldig!

Haben sie nicht gewußt, was sie taten, die armen Städter?

Sie haben es gewußt. Aber der Städter ist so: mit jedem paktiert er, mit jedem möchte er sein Geschäftchen machen und es mit keinem verderben.

Darum, Bauern, keine Gnade! Straft sie hart, die Altholmschen, daß sie zur Vernunft kommen und die Bonzen fortjagen. Dann nehmt die Strafe von ihnen.

Und so beantrage ich: Bauern Pommerns, erklärt schuldig die ganze Stadt Altholm mit allem, was darin lebt, sein Gewerbe treibt mit Beamten und Arbeitern, Polizisten und Frauen. Alle sind sie schuldig.«

Die Menge ist stumm.

Und der Richter tritt vor. Graf Bandekow steht vorn, mit seinen hohen Röhrenstiefeln, dem verschwitzten Flausch, dem Fußsack. Er streicht quer durch die Luft.

Dann spricht er: »Bauern Pommerns, alle, die ihr von der Erde lebt, wenn ihr alle gut gehört habt, so sprecht: wir haben gehört.«

Dumpf murmelt es, endlos lange: »Wir haben gehört.«

»Bauern Pommerns, habt ihr schuldig gefunden die Polizei Altholms der Verbrechen am Blutmontag, so sprecht: sie ist schuldig.«

Dumpf murmelt es: »Schuldig.«

»Bauern Pommerns, habt ihr darüber hinaus schuldig gefunden die ganze Stadt Altholm mit allem, was darin lebt, so sprecht: sie ist schuldig!«

Und wieder: »Schuldig!«

Die Stimmen sind lauter geworden und lauter, sie brüllen, die Bauern.

Der Richter streicht wieder durch die Luft und langsam wird es still.

»Ankläger, welche Strafe beantragst du gegen die Stadt Altholm?«

Der Richter tritt zurück, der Ankläger tritt vor.

Aus der Tasche nimmt Padberg ein Blatt Papier und entfaltet es. Alle erkennen an der Größe des Blattes: es ist eine Zeitung.

»Jeder von euch hat schon gehört: wer einen Mord begangen hat, den läßt es nicht ruhen, er muß zurück an den Ort der Tat, heute oder morgen, sein Gewissen läßt keine Ruhe.

Und hättet ihr sie nicht schuldig gesprochen, die Stadt Altholm, in ihrer eigenen Zeitung könntet ihr das Geständnis ihrer Schuld lesen. Das böse Gewissen plagt sie.

Hier steht es in der Chronik von Altholm, ich lese euch nur zwei Sätze vor:

Ich bin ganz entsetzt, überall höre ich, daß die Bauern ihr großes Reitturnier nicht in Altholm abhalten wollen.

Und weiter:

Gott bewahre Altholm vor einem Boykott durch die Landwirtschaft!

Da hat das böse Gewissen sich selbst die Strafe erdacht. Kein Gott wird sie davor bewahren.

Bauern Pommerns, ich beantrage, daß die gesamte Landwirtschaft den Boykott gegen die Stadt Altholm beschließt, bis sie Sühne gegeben hat für alles Unheil, bis sie die Bonzen weggejagt, bis sie eins geworden ist mit uns.

Das sei ihre Strafe!«

Padberg tritt zurück und ein ungeheurer Lärm brandet auf. Alles spricht, schreit, murmelt, droht, schüttelt Fäuste, streitet, widerredet, brüllt »Hoch«, schreit »Nieder«.

Der Richter winkt umsonst, sie hören nicht auf ihn.

Der junge Mann in den Büschen spricht: »Es sind zuviel Bauern hier, die von Altholm leben.«

Und der Oberlandjäger: »Sie werden ohne Ergebnis auseinanderlaufen, ich kenne die Bauern.«

Eine Stimme spricht: »Aber die Bauern kennen euch nicht, Freundchen!«

Und zwei eisenfeste Hände packen nach den beiden.

Fünf Sekunden braucht Oberlandjäger Zeddies-Haselhorst zur Überlegung. Wenn der lange Bauer mit den schmalen Lippen und den kalten Augen, der ihn beim Gripps hat, seinen Gefangenen zum Stein schleppt, erkennen ihn dreihundert, erkennen ihn tausend Bauern und er ist verloren.

Und lassen sie selbst den Lauscher mit heilen Gliedern wieder laufen, verloren ist er auch dann. Was soll er seiner Behörde sagen, dem Kollegen vom Bezirk, den Bauernverwandten?

Fünf Sekunden – die Hand an seinem Halse liegt eisenfest. Aber frei muß er sein, und er schnellt das Knie hoch, trifft mit voller Wucht mitten in das Gemächte des Mannes. Der stößt einen Schrei aus, dem doch schon die Luft fehlt, stürzt hintenüber. Und hält doch noch fest mit der Hand um den Hals, die Zeddies kaum mit beiden Händen aufbrechen kann.

Zeddies starrt auf den im Sumpfwasser Liegenden, halb schon auf dem Sprunge zur Flucht, als der andere, Junge, in Hemd und Hose, gellende Rufe auszustoßen beginnt: »Bauern, hierher! Verräter! Bauern helft!«

Zeddies wartet nicht mehr, er springt in das Sumpfwasser, das fett in sein Gesicht klatscht, hastet mit schweren, klumpigen Füßen. Knüppel hört er fallen, rechts und links von sich, Steine schlagen breit ins Wasser.

Zeddies läuft, kommt doch kaum von der Stelle. Da ist das Weidengebüsch, in dem er das Diebesgut entdeckte: »Ich Idiot, ich, daß ich den Flintenhahn verbog! Was für eine schöne Waffe wäre das jetzt!«

Und denkt dabei an den jungen unrasierten Einbrecher.

Plötzlich weiß er es: »Und ich möchte mich ohrfeigen, daß ich es nicht schon vor einer halben Stunde wußte: das ist der Bombenschmeißer, der Thiel, den kenn ich doch aus dem Fahndungsblatt. Der ist ausgebrochen aus dem Gerichtsgefängnis in Stolpe. Nun muß ich Meldung machen.«

Zwanzig Schritte weiter: »Sehr lebhaft sind die nicht in der Verfolgung. Oder mache ich keine Meldung? Flöten ist der doch im Augenblick, jetzt, wo ihn die Bauern wiederhaben.«

Er erreicht den Bach mit seinem festeren Bett.

4

Sie haben den Verletzten auf den Stein gehoben. Da sitzt er, das Gesicht in den Händen, von Zeit zu Zeit noch sich krümmend vor Schmerzen.

Weit hinten bei Padberg steht Thiel, gut, daß gleich einer, der ihn kannte, zu ihm stieß, die Bauern hätten den Jungen in Hemd und Hose nicht heil gelassen.

Benthin bückt sich zum Stöhnenden und spricht mit ihm. Dann auch der Graf Bandekow, einer der Schöffen, ein zweiter, noch mehr.

Durch die dunkle Schar der wartenden Bauern laufen verwirrte Gerüchte. Man hat ihren Führer freigelassen, nur um ihn hier im Sumpf zu ermorden. Der Bengel dort im verdreckten Hemd ist der Polizeispitzel, der es tun sollte. Nein, der Retter. Ein Bauernsohn aus dem Stolpischen. Der Fahnenträger Henning, der aus dem Gefängnis entflohen ist.

Zwei Schöffen helfen dem Hockenden hoch, er legt seine Arme um ihre Schultern, sie halten ihn um die Hüften, so steht er, der Freigewordene, mit dem Gesicht zu seinen Bauern.

»Sie haben mich«, spricht Franz Reimers langsam, »freigelassen aus den Gefängnissen der Republik. Warum weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß sie mich wieder holen werden, heute, morgen, irgendwann. Und manche von euch dazu.

Aber sie haben mich zu einer guten Stunde freigelassen. Meine Frau, die mich hierher geschickt, hat's mir mit ein paar Worten gesagt, um was es hier geht. Was braucht es da Abwarten, Reden, Überlegung? Überlegst du, wenn du ins Wasser fällst, ob du auch schwimmen willst?«

Bauer Reimers macht eine Pause.

»Sie spielen das Katze-Maus-Spiel mit uns, die Berliner Herren. Und die Stolper und die Altholmischen haben zu tun, was der Herr Minister mit dem polnischen Namen über deutsche Bauern befiehlt. Aber Katzmaus spielt man im Dunkeln und manche Katze hat schon gefunden, daß in der dunklen Stube ein Bulldogg saß.

Ihr überlegt, ob ihr die Acht verhängen sollt über Altholm?«

Es ist still. Dumpf wartet die Masse.

Plötzlich ganz laut: »Heißt es nicht in der Bibel: Auge um Auge, Zahn um Zahn? Werden die Kinder nicht gestraft bis ins vierte und fünfte Glied für die Sünden ihrer Väter? Wollt ihr feige sein, Gottes Gebote zu tun?«

Er stößt die Arme zurück, die ihn halten. Allein steht er da, eine dunkle schmale Gestalt, die Arme eng am Leib. Er spricht laut:

»Wir Bauern Pommerns verhängen über die verräterische Stadt Altholm die Acht.

Keiner soll bei einem Altholmer einkehren, von ihm etwas kaufen, etwas geschenkt nehmen, etwas leihen. Ihr sollt ihnen nicht die Tageszeit bieten, ihr sollt kein unnötig Wort mit ihnen reden. Wer Verwandte hat in Altholm, der sage ihnen, daß sie fortbleiben sollen von Hof und Land, bis die Acht außer Kraft ist.

Wer gewohnt war, zum Wochenmarkt zu fahren nach Altholm, der fahre weiter zum Markt. Er darf verkaufen, aber kaufen darf er nicht. Wer gewohnt war, ins Haus zu liefern in Altholm, Eier, Butter, Kartoffeln, Geflügel oder Holz oder was es sei, der bleibe fort aus Altholm, denn ihr sollt kein Haus betreten in dieser Stadt.

Achtet auch auf eure Frauen, daß sie tun wie verordnet ist von der Bauernschaft, daß sie nicht laufen in die Läden in Altholm und nicht kaufen in den Kaufhäusern der Juden.

Und wer übertritt diese Acht, im großen oder kleinen, willentlich oder unwillentlich, der sei wie aus Altholm, ein Teil der Geächteten sei er, keiner spreche mit ihm, keiner kenne ihn.«

Der Bauer schweigt. Padberg beugt sich zu ihm und flüstert etwas.

Reimers sagt: »Es ist ein Spion unter uns gewesen, wir wissen noch nicht, wer, aber wir werden es erfahren. Was der Mann gehört hat, das kümmert uns nicht, morgen weiß doch das ganze Land, daß wir die Acht beschlossen haben über Altholm. Wenn wir uns im Dunkeln treffen und heimlich, doch nur darum, damit uns nicht die Büttel der Republik auseinanderjagen.«

Mit erhobener Stimme: »Geht nach Haus, Bauern!«

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