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Bauern, Bonzen und Bomben

Hans Fallada: Bauern, Bonzen und Bomben - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorHans Fallada
titleBauern, Bonzen und Bomben
publisherRowohlt
year1970
isbn3499106515
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150405
projectida9d0209c
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Zweites Buch
Die Städter

Erstes Kapitel
Die Erfindung des Boykotts

1

Es wird langsam hell, der Morgen naht.

Hinter den Gardinen, die ab und zu ein leichter Luftzug bewegt, hat Max Tredup die ganze Nacht die dunkleren Schatten der Fensterkreuze unterscheiden können. Doch jetzt wird das Dunkel fahl, die Umrisse gehen ineinander über. Schon rührt sich dort draußen manchmal ein verfrühter Vogel, stößt ein paar Zwitscherlaute aus und verstummt wieder in der großen Morgenstille.

Tredup liegt reglos. Mit offenen Augen sieht er gegen das Fenster und versucht, Mut zu fassen für den Tag, der naht. Wie soll er allen begegnen, mit welchen Mienen werden sie ihn anschauen, den entlassenen Untersuchungsgefangenen? Wird Stuff ihm die Hand geben? Wird Schabbelt ihn rausschmeißen?

Er bemüht sich, regelmäßig zu atmen, damit Elise sein Wachsein nicht bemerkt. Aber sie schläft wohl. Seine Schulter berührt ihre Schulter, er liegt auf der Seite, Rücken an Rücken, er fühlt, wie schwer sie ist, zu warm.

Wenn es nicht anders geht, wird er die tausend Mark nehmen und verschwinden. Irgendwo anders eine Stellung finden, in einer Zeitungswerbekolonne oder als Annoncensammler. Er wird Elise Geld schicken. Hier in Altholm kann er nicht bleiben.

»Was ist mit den tausend Mark?« fragt Elise.

»Mit welchen tausend Mark?« fragt er überrumpelt.

Also ist Elise doch wach gewesen.

»Hast du so viele? Gareis hat mir wohl Bescheid gesagt.«

»Gareis weiß nichts«, stottert er. »Ich soll Geld bekommen. Aber ob es tausend Mark sein werden und wann, das weiß ich nicht.«

»Dreh dich um, Max. Sieh mich an. Nein, du brauchst mich nicht anzusehen, ich weiß so, daß du lügst.«

»Wo sollte ich denn die tausend Mark haben? Du hast doch sicher all meine Sachen durchgesehen, als ich im Kittchen war.«

»Das habe ich auch. Aber du hast sie schon irgendwo. Du bist auch ganz anders.«

»Ich bin gar nicht anders.«

»Was soll ich heute den Kindern kochen? Die Krämersch zieht schon ein Gesicht, wenn ich immer zuschreiben lasse im Buch.«

»Vielleicht gibt Wenk Vorschuß.«

»Zehn Mark. Und zweiunddreißig schulde ich schon wieder. Wo hast du die tausend Mark? Warum gibst du sie nicht her? Du gibst doch sonst alles Geld her!«

»Ich habe nichts, das ist es.«

»Doch hast du. Was willst du tun? Willst du weg von uns? Was soll werden, wenn das neue Kind kommt?«

»Das neue Kind?« fragt er böse. »Ich weiß von keinem.«

»Du weißt ebensogut wie ich, daß es heute nacht geschnappt hat.«

»Nichts hat es. Du bildest dir das ein, weil du Geld willst.«

»Doch hat es. Was nützt es denn, wenn du ein Jahr aufpaßt, und eine Woche bist du von mir fort und verlierst sofort den Verstand.«

»Hätte ich in dem Jahr auch nicht aufpassen sollen?«

»Rede keinen Unsinn. Immer sollst du aufpassen oder gar nicht.«

»Und wenn es wirklich geschnappt hat«, sagt er langsam vorfühlend, »in Stettin auf der Kleinen Lastadie ist eine Frau, die bringt es weg.«

»Woher weißt du das denn?« fragt sie. »Daß ich auch ins Kittchen komme, was?«

»Die Frau ist gut, sie macht es mit Wasser und einer Spritze.«

»Wer hat dir das gesagt? Haben sie dir so was im Gefängnis beigebracht?«

»Nein, nicht im Gefängnis.«

»Also hast du es schon vorher gewußt? Darum hast du wohl heute nacht nicht aufgepaßt?«

»Ich stehe jetzt auf«, sagt Tredup.

»Du bleibst liegen. Daß die Kinder wach werden und ich habe das Geschrei von fünf an in der Stube.«

»Du bist ganz anders, Elise.«

»Natürlich bin ich anders, weil du anders bist. Wo hast du das Geld?«

»Ich habe keins.«

»Womit willst du denn die Frau bezahlen? Die verlangt sicher fünfzig oder hundert Mark.«

»Fünfundzwanzig.«

»Und woher willst du die nehmen?«

»Die pumpe ich mir.«

»Wer dir schon fünfundzwanzig Mark pumpt! Keiner!«

»Doch. Die bekomme ich gepumpt.«

»Von wem denn? Ich möchte bloß mal wissen, von wem denn?«

»Na, zum Beispiel, Stuff würde sie mir sicher pumpen.«

»So, Stuff. Ausgerechnet der dicke Stuff!«

»Jawohl, Stuff. Ausgerechnet Stuff.«

»Dann hat Stuff dir wohl auch von der Frau erzählt?«

»Gar nicht hat er! Ganz jemand anders hat es mir gesagt.«

»Wer denn?«

»Stuff nicht.«

»Ich habe es doch immer gedacht«, sagt Frau Tredup, »daß die Henni, mit der Stuff ging, dick war. Und mit einemmal war sie schlank wie 'ne Tanne.«

»Ihr Weiber bildet euch immer so 'ne Sachen ein.«

»Dann muß Stuff dir aber mindestens hundert Mark geben, sonst kann er böse reinfallen.«

»Ich sage dir doch«, schreit Tredup, »Stuff war es nicht. Verrückt bist du, verrückt, verrückt! Immer willst du Geld haben. Erst tausend Mark, nun hundert Mark. Das geht in einer Tour: Geld! Geld!«

»Ja, du hast gut schreien, daß die Kinder wach werden. Dir hängen sie nicht an der Schürze und plärren Hunger. Und Fräulein Lange hat mir auch sagen lassen, ich darf die Grete nicht mehr ohne Schlüpfer in die Schule schicken. Die Jungen gucken danach. Gib mir Geld für Schlüpfer.«

»Ja, ja, Geld, Geld, Geld. Ein Schwein werde ich noch. Ich werde Geld aus dem Geldschrank nehmen. Ich werde einem sein Geld klauen, wenn er besoffen ist. Ich werde die Grete zum Manzow in der Calvinstraße schicken, der regt sich an kleinen Kindern auf. Ich ...«

Es war kein harter Schlag, der ihn traf.

»Geh! Geh!« schreit sie wild. »Geh ins Geschäft, geh auf die Straße, geh hier weg! Hat tausend Mark und redet Schweinereien über seine Tochter, bloß daß er das Geld für sich behält. Geh!«

Tredup steht in der Ecke. Er starrt zu der Frau hinüber, die im Bett aufrecht sitzt, und ihn rasch atmend ansieht. Er steht da in seinem kurzen Hemd, unter dem die behaarten, dürren Beine hervorstarren, und wischt sich gedankenverloren die Stelle im Gesicht, die die Hand der Frau traf.

Plötzlich lächelt er. »Das war«, sagt er, »wie da, als sie mich im Kittchen die Treppe hinunterschmissen. Auch bei dir bin ich die Treppe runtergefallen.«

»Wovon redest du?« fragt sie.

»Nichts. Und jetzt koch Kaffee. Oder Tee. Oder Mehlsuppe. Was du eben hast. Ich will um sechs in der Chronik sein.«

»Ja«, sagt sie gehorsam. »Die Wandler wird auf sein, die pumpt mir schon ein Lot Kaffee.«

2

In seinem Arbeitszimmer sitzt früh um halb sieben der Chefredakteur der Nachrichten, Heinsius, der vaterstädtische Mann, Verfasser einiger Romane über das bodenständig hinterpommersche Bauerngeschlecht.

Er sitzt da und schreibt.

Er schreibt wirklich. Er hat die ganze Nacht nicht geschlafen, seit ihm klar geworden ist, daß er etwas wird schreiben müssen, daß die Nachrichten Stellung zu nehmen haben.

Gestern abend, als der Blöcker aufgeregt faselte, vom Bauernkampf, wildem Dreinschlagen der Polizei, tollen Vorgängen in der Viehhalle, von Polizeiknüppel schwingenden Schupos, unwürdig behandelten Bauern, einem größenwahnsinnig gewordenen Polizeityrannen – gestern abend hat er gelächelt und gesprochen: »Sie überschätzen das, Blöcker. Zusammenstöße bei Umzügen – jeden Tag zehn. Das geschieht heute und ist morgen vergessen. Eine lokale Notiz, der amtliche Bericht, meinethalben ein Stimmungsbild von, sagen wir, dreißig Zeilen, das ist alles.«

»Aber die Leute sind wild.«

»Welche Leute? Die Bauern? Was gehen uns die Bauern an! Die Bürger? Die doch nicht! Die doch ganz sicher nicht! Die freuen sich höchstens, daß sie mal was zu sehen gekriegt haben.«

»Die Bürger sind bös.«

»Gehen Sie, Blöcker, gehen Sie. Ich bringe heute die Erinnerungen einer Tänzerin, wie sie vor dem Prinzen von Wales getanzt hat. Das interessiert die Leute. Aber was hier in Altholm vorgeht? Ist hier schon je was für die erste Seite passiert? Sie überschätzen es, Blöcker.«

Das war gestern abend gewesen, dann kamen Telefongespräche.

Der Scherenredakteur Heinsius geht kaum aus dem Haus. Immer läßt er sich vertreten. Er ist der Stille in der Zelle, der geheimnisvoll Verborgene, den man nicht erraten kann. Ein Lokalreporter muß publik sein, ein Chefredakteur ist der Schrein im Allerheiligsten.

Die Leute haben sich daran gewöhnt, den Schrein anzurufen. Er ist dann da, eine Stimme, die karg antwortet, nichts verspricht, ausweicht.

»Unsere Entschließungen sind noch nicht spruchreif. Das Interesse unserer Vaterstadt gebietet ...«

Die Leute riefen an. Die erste ...

Es war eine erste, ein Fräulein, eine gehaltene Person in Silberhaar, er kannte sie. Nun, selten hatte Heinsius eine so empörte Stimme am Telefon gehört.

»Sie haben gewütet, sage ich Ihnen! Sie haben losgeschlagen wie die Wilden mit ihren blanken Säbeln auf flehend erhobene Hände.«

»Waren die Hände nicht vielleicht zum Schlagen erhoben? Entschuldigen Sie, Fräulein Herbert, die ungeheure Verantwortung, die auf uns lastet, gebietet uns, erst zu wägen. Sorgfältig.«

»Unsinn! Ich sage Ihnen, ich bin vom Balkon in mein Zimmer gelaufen. Ich mußte mich erbrechen.«

»Gewiß. Gewiß. Die labilere weibliche Psyche. Es macht Ihnen Ehre. Übrigens sind wir auch schon orientiert. Einige unserer Herren haben Ähnliches beobachtet.«

Mehr Anrufe folgten. Aber: »Soll ich mich mit der Polizei anlegen? Wenn man wüßte, was Stolpe denkt. Ach was, es bleibt bei dem amtlichen Bericht und einer lokalen Notiz.«

Dann kam – Heinsius war schon nach Hause gegangen – in seiner Wohnung der telefonische Anruf des Chefs, Gebhardts: »Was machen wir?«

»Ausgleichen. Hinhalten. Bis die Machtverhältnisse klar sind.«

»Ich habe ein Dutzend Leute gesprochen ...«

»Die Leute wissen erst, was geschehen ist, wenn sie es bei uns lesen. Bis dahin ist nichts geschehen.«

»Und was ist morgen bei uns geschehen? Wir dürfen es nicht mit Gareis verderben.«

»Nein? Nun gut. Ich werde etwas schreiben. Ich lege es Ihnen vor. Um acht.«

Er hat es gesagt, er hat die Schwierigkeiten gelöst, der Chef ist beruhigt. Öl auf den Wellen.

Nun lag er die Nacht schlaflos. Schrieb. Schrieb ...

»Krieg und Friede. Friede ist besser als Krieg. Das Symbol die Sense, dräuendes Zeichen, wenn sie grade geschmiedet gen Himmel weist. Man biege ihr Gelenk, wieder weist sie zur Erde, friedlicher Arbeit Symbol.

Die schwarze Fahne. Seeräuberzeichen. Kampf und Sieg der Gewalt. Und doch wieder aus der Nacht, dem Dunkel wird alles geboren. Der weiße Pflug pflügt die schwarze Erde – friedlicher Arbeit Symbol.

Das rote Schwert lasse ich besser fort.

Noch etwas über die erregte Zeit, die Not des Landes, die politische Zerrissenheit – wen trifft es? Keinen. So geht es. Anderthalb Spalten mache ich daraus, einen Leitartikel, und ich zeichne ihn selbst.«

Drei Stunden später, immer noch in der Nacht, immer neue pathetische Sätze formulierend: »Oder zeichne ich ihn nicht selbst? Kompromittiert er mich vielleicht doch?

Am besten warte ich die Stettiner Morgenblätter ab. Dann weiß ich eher Bescheid.«

Nun sitzt er und schreibt. Zwischendurch horcht er auf den Flur. Er kennt den leichtfüßigen raschen Gang des Chefs. Unbedingt muß er heute zuerst hin, ehe ihm dieser Fuchs, der Prokurist Trautmann, die Ohren vollbläst.

Die Morgenzeitungen haben auch keine Erlösung gebracht. Die Regierung schweigt. Die Rechtsblätter sprechen von Polizeiterror. Die Demokraten warten ab. Die SPD lobt die Polizei.

Abwarten. Die Symbole friedlicher Arbeit ...

Der Chef kommt.

»Guten Morgen, Herr Gebhardt! Guten Morgen! Ein strahlender Tag. Zu strahlend vielleicht für die Landwirtschaft, die notwendig Regen braucht. Andererseits unsere Städter: zwei Schulen machen heute ihren Ausflug.

Sie sehen herrlich ausgeruht aus, Herr Gebhardt. Ich selbst habe die ganze Nacht ... Nun, das ist mein Beruf, ein schwerer, aufreibender, zermürbender Beruf. Ich habe da etwas geschrieben. Eine Spalte. Wenn Sie Zeit hätten ...«

»Lesen Sie schon vor ...«

»Ich habe es betitelt: Schwarze Fahne – Schwarzer Tag.«

»Könnte das nicht als Angriff gegen die Bauern aufgefaßt werden?«

»Verstehen Sie es so? Das hatte ich nicht beabsichtigt! Ich werde ... Also sagen wir: Schwarzer Tag, das trifft immer die andere Partei.«

»Recht so«, lobt der Chef. »Und nun weiter!«

Heinsius liest vor, ballt die Fäuste, hebt den Blick gen Himmel, schüttelt das Papier.

Plötzlich unterbricht ihn der Chef: »Wir haben da eine kleine Anzeige vom Huthaus Mingel, die ich möglichst auf die erste Seite bringen möchte. Ein entzückendes Klischee. Sehen Sie, ein junges Mädchen vor dem Spiegel, das einen neuen Hut aufprobiert. Ganz dezent. Es stört doch nicht, wenn wir es zwischen Ihren Artikel setzen?«

Heinsius verzieht das Gesicht: »Auf die erste Seite? In diesen Artikel?«

»Wir bekommen fünfzig Prozent Aufschlag.«

»Dann freilich ...« Und er liest weiter.

Schließlich äußert der Chef: »Also gut, ich sehe, keiner kann sich getroffen fühlen. Dazu noch der amtliche Bericht. Wir werden jedem gerecht.«

»Gerechtigkeit ist immer mein Bestreben gewesen.«

»Ich weiß. Ich weiß. Und dem Stuff habe ich erlaubt, die Polizei ein wenig anzumisten, das ist für seine Richtung das Gegebene.«

»Stuff gegen die Polizei? Unmöglich! Da mache ich nicht mit. Da zerreiße ich diesen Artikel.« Heinsius gerät in Feuer. »Soll er mir den Wind aus den Segeln nehmen? Natürlich lesen die Leute lieber Geschimpfe als meine von Verantwortungsgefühl getragenen Betrachtungen. Vielleicht hundert Exemplare im Straßenverkauf bei der Chronik? Nein, daraus wird nichts.«

»Aber ich habe es ihm erlaubt.«

»So rufe ich ihn an und mache es in Ihrem Namen rückgängig. Wozu haben wir denn sonst die Chronik gekauft, wenn sie uns weiter Leser wegnehmen darf?«

»Vielleicht haben Sie recht.«

»Sicher habe ich das. Stuff darf nächstens mal den Oberbürgermeister anmisten, das freut ihn auch.«

»Also meinethalben. Rufen Sie Stuff an. Daß ich aber nichts mehr von der Geschichte höre!«

»Ich erledige alles, Herr Gebhardt!«

3

Einer zieht ganz sachte und vorsichtig die Tür zur Chronik auf, späht durch die Milchglasscheibe in die Expedition.

Gottlob, das Fräulein ist noch nicht da und auch der Wenk fehlt, der hätte ihn doch gleich losgeschickt auf Annoncen.

Tredup tritt mit klopfendem Herzen ein, sieht sich einmal um in dem bekannten Raum – das Adreßbuch liegt nicht auf dem richtigen Platz –, und dann macht er leise die Tür auf zum Redaktionszimmer.

Da sitzt Stuff, fett und zerfließend, in Hemdsärmeln, und schreibt. Schreibt mit Eifer, durch die verrutschte Brille glupschend, richtig mit roten Backen.

Als die Tür zugeht, sieht er hoch. »Schau da! Schau da! Der Tredup ist wieder da. Mensch, daß man dich Bombenschmeißer wieder frei rumlaufen läßt! Na, ich freu mich, daß du wieder hier bist, freu mich wirklich. Der Wenk ist zu öde.«

Sie schütteln sich die Hände.

»Na, wie war es denn im Kittchen? Hinter den sogenannten schwedischen Gardinen? Ich kann es mir lebhaft ausmalen! Das soll ja jetzt so ein Sanatorium sein mit Fußball, Vorträgen, Gesang und seelischer Therapie. Nein, nicht? Du wirst mir erzählen! Augenblicklich sitze ich hier in Hochdruck. Einen Mist hat die Polizei gemacht. Na, mit dir war es ja auch schon ein bildschöner Mist. Du siehst: Dank vom Hause Österreich. Du wirst denen nicht wieder Bilder verkaufen, was?«

»Ich werde mich hüten«, sagt Tredup herrlich erleichtert.

»Und nun der Bauernrummel gestern. Unser Herr Polizeioberinspektor Frerksen ...

Was? Du weißt noch nichts! Da, lies! Mensch, lies! So was lebt nicht, weiß noch nichts! Du kannst gleich die Tippfehler von der Kuh korrigieren. Ich pfeffere diesen Schweinen eins. Ich soll es nicht. Gebhardt sagt, sachte, sachte, aber ...«

»Gebhardt –?«

»Natürlich Gebhardt! Ach, Mensch, das weißt du auch noch nicht, daß die olle ehrliche Chronik dem Gebhardt seit gestern gehört? Schabbelt abgesackt? Ach, der Siebenschläfer! Der Mann aus dem Zauberberg! Mensch, Tredup, wie wirst du das überstehen? Lies! Nein, hör erst!«

Stuff hält inne, schnaufend, schwitzend. Dann trocknet er sich die Stirn: »Was für ein Morgen! Das Leben freut einen wieder. Alle werde ich anmisten.«

Das Telefon klingelt.

»Ja, Herr Bürgermeister? – Na ja, in einer halben Stunde spätestens muß ich den amtlichen Bericht haben. Die Stimmung? Ja, das ist schon so eine Stimmung. Eines ist sicher: Frerksen ist erledigt. – Wieso? Na, daß der einen ungeheuren Bockmist gemacht hat, das können selbst Sie nicht bestreiten, Herr Bürgermeister. – Recht hat er gehandelt? Sagen Sie das nicht so laut, sagen Sie das niemanden, in vierundzwanzig Stunden können selbst Sie Ihren Frerksen nicht mehr halten. – Die Regierung steht hinter ihm? Na ja ja, na nein nein. In der Blosse fließt auch jeden Tag ander Wasser, warum soll die Regierung in vierundzwanzig Stunden nicht anders denken? – Natürlich greife ich ihn an, feste greife ich ihn an, tüchtig gebe ich es ihm. – Warum? Ja, Herr Bürgermeister, da müssen Sie eben heute mittag mal statt der Volkszeitung die Chronik lesen. – Nein, das ist nicht gegen die Abmachung. Weil Sie uns die Bekanntmachungen geben, ist die ganze Stadtverwaltung bis zur letzten Scheuerfrau noch lange nicht sakrosankt – Nein, ich komme nicht zur Pressebesprechung. Ich habe keine Zeit, Herr Bürgermeister, ich muß meine Zeitung fertigmachen, die Setzer warten. – Guten Morgen, Herr Bürgermeister. Ja, gerne in drei Stunden. Nein, jetzt geht es nicht. Guten Morgen.«

Prustend steht Stuff auf. Schnaufend breitet er die Arme. »O Gott, dies dicke tranige Öl, dies Schmalz, das mich sanft machen will. Aber ich habe es ihm gegeben, was? Tredup? So hat die Chronik noch nicht mit dem Bürgermeister Gareis gesprochen. Ich sage dir, in der Halle hat er gestern gestanden wie Luther in Worms und hat die blauen Affen von der Schupo auf die Bauern dreschen lassen!«

Schüchtern bemerkt Tredup: »Aber Gareis ist doch nicht schlecht. Wenn Frerksen Mist gemacht hat und er deckt ihn, ist das doch nur anständig.«

Stuff explodiert: »Gareis und anständig! Politik ist das, weil die Roten zusammenhalten, wenn es gegen die Bauern geht. Der, dich hat er auch eingewickelt, du sollst einmal sehen, wenn du was von ihm erreichen willst, wie fein er dich im Stich läßt.«

»Hat er schon.«

Stuff triumphiert: »Siehst du! Siehst du! ... Nein, wer da ... Halt, was ist das –?«

4

An den Fenstern tobten zweie vorbei, irgendwelche wildbewegte Gestalten, und waren doch schon weg, als Stuff und Tredup die Fenster aufhatten.

»Wer war denn das?« murmelt Stuff.

Im Vorraum entsteht Bewegung, Lärm. Holz schlägt gegen Holz, Stühle fallen um, die Heinze hört man sanft kreischen, ein Gebrüll ertönt – und durch die geöffnete Tür reiten auf zwei Stühlen zwei Herren.

Voran Landwirtschaftsrat Feinbube. Auf den Stock gespießt trägt er einen Jägerhut mit Gamsbart, hoch erhoben als Panier. Hinter ihm huppelt auf dem Kinderroß der Syndikus Plosch aus dem Kreishandwerkerbund, die Schmisse alkoholisch rot glühend.

Feinbube gibt seinem Roß einen Tritt, daß es krachend umstürzt. Mit ausgebreiteten Armen stolpert er auf Stuff zu.

»Komm her, Stuff, du dickes Schwein, komm in meine Arme. Nun ist die Stunde gekommen, da du alle deine Sünden wiedergutmachen kannst. Tritt ein in die grüne Front. Gib es den Roten ... Komm!«

»Man muß«, sagt der mindestens ebenso besoffene Plosch, »unterscheiden zwischen dem Menschen Stuff, den wir lieben, und dem Journalisten, der ein Schwein ist. – Du bist eines, widersprich nicht, ein Riesenschwein bist du. Ich war selber mal Journalist.«

»Wir sind geschlagen«, triumphiert Feinbube. »Die Roten haben uns tomatscht. Aber wir feiern es als Sieg. Der Frerksen ...«

»Auch Frerksen ist ein Schwein«, erklärt Plosch. »Ein Riesenschwein.«

»Frerksen hat alles angerührt«, bestätigt Stuff. »Aber wißt ihr schon die Sache mit seinem Säbel?«

»Der Säbel«, doziert Feinbube mit schwerer Zunge, »steht dem Frerksen wie dem Juden das Schwert.«

»Ach Kinder«, jauchzt Stuff, »ihr wißt ja noch gar nichts. Seinen Säbel haben ihm die Bauern geklaut vorm Tucher. Und dann hat er die leere Scheide in den Laden von Bimm geschmissen. Und dann hat ihm plötzlich der Matthies von der KPD den Säbel nachgebracht. Da stand er nun mit der blanken Waffe ...«

»Es war«, erklärt Plosch mit schwerer Zunge, »überhaupt Wahnsinn, mit dem Säbel auf die Leute loszugehen. Wo nimmt die Polizei denn Säbel? Wozu hat sie denn Gummiknüppel? Schreib das auf, Stuff.«

»Hab ich schon. Wartet, ich werde euch vorlesen.«

»Nicht vorlesen, so trocken. Hast du keinen Cognac hier? Wir haben die ganze Nacht mit Padberg gesüffelt, du hast gefehlt, Stuff, du weißt immer noch die dreckigsten Witze. Wie war der mit der Hose und der Köchin?«

»Nein, wartet. Ich lese euch vor. Ihr sollt sehen, wie ich es dem Gareis gebe.«

»Ach scheiß Gareis, gib's dem Frerksen!«

»Dem auch. Hört doch endlich mal!«

»Weißt du schon, daß wir unser Reiterturnier in Altholm absagen wollen? Die Bauern werden sich hüten, wieder in euern Brezelladen zu kommen.«

»Bis dahin ist noch lang. Hört lieber, was ich geschrieben habe.«

»Was du schon schreibst! Du verrätst uns ja doch wieder. Als Schwein bist du geboren, Stuff, als Schwein lebst du, als Schwein wirst du krepieren. Wo ist der amtliche Bericht?«

»Noch nicht da. Aber in der Viehhalle ...«

»War ich selber. Davon kann ich dir erzählen. Da war ein Bruder von der Schmiere ...«

Das Telefon klingelt.

»Stell doch das Telefon ab, Stuff, du Affe. Das ist ja bloß Tuerei, wenn ihr hier Telefon habt. Du schreibst ja doch alles ab.«

»Tu ich auch, Feinbube. – Ja, jetzt gleich? Wird schlecht gehen. Nun ja, dann komme ich sofort. – Nein, noch nicht – Bitte – ja bitte spielen Sie sich nicht auf. Sie sind nicht mein Vorgesetzter, Herr ... Ja, ich komme bestimmt. Gleich komme ich. Das will ich doch sehen.«

Und plötzlich wütend: »Werter Herr Kollege, Sie können mir ...«

Stuff hängt ab. Er sieht sich etwas verstört um.

»Wer war denn das?« erkundigt sich Plosch. »Was für einen Kollegen hast du denn hier?«

»Ach, das sage ich nur so zum Unsinn. Das war die Feuerwehr, der Brandingenieur. Da muß ich gleich hin.«

»Nichts da. Vorlesen sollst du, das hast du versprochen.«

»Wo bleibt der Cognac?«

»Vorlesen kann auch Tredup. Nicht wahr, Tredup, du liest ihnen vor.«

»Ja.«

»Also, meine Herren, in zehn Minuten, einer Viertelstunde bin ich wieder hier.«

»Stuff!«

Stuff ist schon fort.

5

In dem Zimmer ist es sehr still, als Stuff fort ist. Am Ofen stehen die beiden Besoffenen und starren stumm auf Tredup, der verlegen in seinen Papieren blättert.

»Soll ich jetzt vorlesen?« fragt er schließlich.

Landwirtschaftsrat Feinbube rülpst gewaltig: »Sagen Sie mal, mit welchem Namen nannte Sie eben doch Herr Stuff? Wie war doch Ihr Name?«

»Tredup«, flüstert Tredup. »Max Tredup.«

Feinbube macht einen Schritt vorwärts. Schwankend. Er bohrt die Spitze seines Stockes in das Linoleum, stützt sich mit beiden Händen auf die Krücke und starrt vorgelehnt auf den Mann hinter dem Schreibtisch.

»Also Tredup«, sagt er langsam und man fühlt, wie er sich bemüht, gegen die Trunkenheit anzukämpfen. »Tredup. Ein gängiger Name bei uns in Pommern.«

Er starrt.

»Darf ich vorlesen?« fragt Tredup leise.

»Sind Sie vielleicht«, fragt Feindbube ebenso leise, »das Schwein, das die Bilder aus Gramzow an die Staatsanwaltschaft verscheuert hat? Das Schwein hieß auch Tredup.«

»Bilder? Nein, ich habe keine Bilder verkauft.«

Feinbube dreht sich um: »Sieh ihn dir an, Plosch. Sieh dir dies schlechte Gewissen an. Diesen Lügner! Diesen Feigling!«

Plötzlich sich umwendend, in rasender Wut: »Du Schwein, du! Du Judas, wo hast du deine Silberlinge, für die du unsern Reimers ans Messer geliefert hast? Gib sie her, Verräterseele!«

Er torkelt näher. Und vor ihm, mit bleichem Gesicht, weichen Knien schiebt sich Tredup immer tiefer in die Ecke.

»Wo hast du sie?« fragt der Betrunkene, hartnäckig nachrückend, den Stock mit der Krücke halb erhoben. »Wo sind sie? Hast du sie verhurt? Versoffen? Wo ist der Strick, an dem du dich aufhängen wirst?«

»Ich weiß nichts von Bildern«, sagt mit zitternder Lippe Tredup. »Ich habe kein Geld. Nichts.«

»Weißt du, was du getan hast, du Schwein! Wenn ich dir jetzt den Schädel einschlage, Wanze? Glatt mit der Krücke über deinen Verräterschädel? Sag, wo ist das Geld?«

»Bitte, gehen Sie weg«, fleht Tredup. »Sie können doch nicht ... Das geht doch nicht ... Wollen Sie mich denn so totschlagen?«

Aus dem Hintergrund ruft Plosch: »Laß ihn doch. Mach dir doch die Hände nicht dreckig, Feinbube.«

»Grade totschlagen will ich dich. Grade das.« Und die lange sehnige Hand tastet nach dem eingezogenen Hals von Tredup, legt sich darum, drückt den Kragen zusammen, legt sich wie ein immer enger werdender Ring um den Hals.

»Du hast unsern Reimers ins Gefängnis gebracht ...«

Tredup gurgelt: »Ich auch Gefängnis ... Bomben ...«

Der Griff lockert sich: »Was ist mit Bomben? Sag rasch, Lügner!«

Und Tredup hastig: »Es hat doch in den Zeitungen gestanden, daß sie mich verhaftet haben, weil ich die Bombe geworfen haben soll auf den Temborius. Tredup, erinnern Sie sich doch.«

»Das stimmt, Feinbube«, sagt Plosch. »Einen Tredup haben sie verhaftet wegen der Bombe.«

»Und weshalb läufst du dann frei herum?«

»Weil sie mich gestern abend entlassen haben, um halb zehn.«

»Und weshalb haben sie dich entlassen?«

»Weil sie mir nichts beweisen konnten.«

»Hast du denn die Bombe gelegt? Wie hast du sie denn gemacht?«

»Sie haben mir doch nichts beweisen können.«

»Mit wem hast du die Bombe gelegt? Wie heißt denn der andere?«

»Dem können sie auch nichts beweisen. Der wird auch noch frei.«

Feinbube dreht sich weg von Tredup. langsam und stakig geht er gegen die Tür.

»Komm man, Plosch, komm raus aus diesem Saustall. Hier stinkt alles.«

Er wendet sich voll gegen Tredup. »Du lügst, Bursche. Aber wir kommen dir drauf. Und dann platzt das Schädelchen. Verrottet alles. Verkommen. Mist, Scheiße, Gonokokken ihr!«

Plötzlich brüllt er wieder: »Gonokokken seid ihr. Gemeine hinterlistige Gonokokken! Aber wir spritzen euch weg, Gift, weg kommt ihr, du und dein Stuff. Mit der Tripperspritze holen wir euch weg.«

Er torkelt ab, gefolgt von Plosch. Tredup, am Schreibtisch, legt den Kopf auf die Platte und schließt die Augen.

6

Eine ganze Weile ist es still im Redaktionszimmer, es ist, als schliefe Tredup. Dann geht eine Tür und noch eine. Die Barre in der Expedition knarrt.

Tredup hebt ein wenig den Kopf, blinzelt nach der Tür: »Wer kommt schon wieder mich quälen?«

Wer kommt, ist Stuff, ein veränderter grauer Stuff, fahl, mit dicken, körnigen Tränensäcken unter den Augen. Er setzt sich schwer in seinen Sessel, starrt vor sich hin.

»Erschossen«, sagt er dann. »Weg. Tot Ausgelöscht.«

Er schnüffelt kummervoll durch die Nase.

»Wo ist das Manuskript, Tredup? Haben die es gelesen? Fanden die es gut?«

»Nein, nicht gelesen. Totschlagen wollten sie mich.«

»Was du immer für Schwein hast, Tredup. Ich wollte, mich schlüge einer tot.«

Er nimmt die Manuskriptblätter und starrt darauf. Er ist ein alter Mann, grau, schmierig, verkommen.

Er nimmt die Blätter in beide Hände und reißt sie quer durch. Glotzt drauf, wirft sie in den Papierkorb.

»Da! Das ist mein Angriff. Dynastie Gebhardt beginnt ihre Herrschaft Leise, sachte, nur dem Gegner nicht wehe tun. Ich darf nicht, Tredup! Ich darf die Roten nicht anmisten.«

»Wenn schon«, sagt Tredup. »Was hättest du davon? Ärger.«

»Dynastie Gebhardt mit dem Krollhaar und dem Tanzstundendiener. Furzen darfst du, aber nur leise. Außerdem stinkt es mehr.«

»Ich hab nur den einen Wunsch: ›Ruhe‹«, sagt Tredup. »Wenn mich der Wenk nur nicht auf Inserate losschickt.«

»Der amtliche Bericht!« stöhnt Stuff. »Ich darf nichts bringen wie ihn. O Tredup, so was Verlogenes! Höre: die Fahne wurde beschlagnahmt, da Sensen nicht ungeschützt im Stadtgebiet getragen werden dürfen. Wie findest du das?«

Tredup findet es gar nicht.

Aber Stuff fährt fort: »Die Bauern griffen die Polizei mit Knotenstöcken an. So ein Blech! Wenn dreitausend Bauern zwanzig Polizisten angreifen, bleibt nicht ein Polizist am Leben. Und ich darf nichts sagen.«

Tredup sagt auch nichts.

»Die Versammlung in der Viehhalle mußte aufgelöst werden, weil der Polizei bekanntgeworden war, daß ein Teil der Bauern sich mit Pistolen bewaffnet hatte. – Warum es dann nicht einmal geknallt hat?«

»Ich weiß es wirklich nicht«, sagt Tredup.

»Und so was muß ich drucken lassen, ohne Kommentar! Und so was liest das liebe Vieh, das Publikum, und denkt sich noch nicht mal was dabei, wenn's ihm nicht vorgekaut wird. Hätt ich das gewußt, nie hätt ich mit Gebhardt Vertrag gemacht. Der Feinbube und der Plosch haben ja recht, wenn sie einen anspucken.«

»Muß ich auch mit Gebhardt Vertrag machen? Legst du ein gutes Wort für mich ein, Stuff?«

»Der sieht mich drei Jahre nicht! Ich schwöre, drei Jahre gehe ich nicht zu dem! – Und ich darf nichts schreiben, gar nichts!« Er starrt verzweifelt vor sich hin.

»Wenn du«, beginnt Tredup langsam, »mir helfen willst, daß ich angestellt werde mit festem Gehalt, will ich dir einen Ausweg sagen, daß du doch stänkern kannst.«

»Es gibt keinen Ausweg. Er hat klipp und klar verboten: ich darf nichts schreiben.«

»Du nicht.«

Stuff glotzt. Dann rasch: »Gut. Ich helfe dir, Tredup. Du wirst engagiert. Wieviel brauchst du?«

»Doch mindestens hundertfünfzig.«

»Quatsch! Wie willst du leben mit Frau und Kindern von hundertfünfzig? Dann machst du doch bloß wieder solche Zicken wie mit den Bildern. Zweihundert mindestens.«

»Gibt er zweihundert?«

»Ich weiß einen Weg. Ich geh nicht selber, ich mach es durch einen andern. Ich verspreche dir, du wirst engagiert mit zweihundert.«

»Ehrenwort?«

»Ehrenwort!«

»Gut. – Also, du darfst nichts schreiben. Aber wenn du ein ›Eingesandt‹ bekommst von einem Abonnenten, mußt du es doch bringen? Du kannst doch deine Abonnenten nicht vor den Kopf stoßen, besonders wenn sie gut inserieren?«

Stuff starrt, starrt durch Tredup hindurch, durch die Wand dahinter.

Plötzlich springt er auf. Seine Wangen haben sich gerötet, seine Augen leuchten.

»Wer ist der Abonnent?«

»Ich kann gut mit Textil-Braun. Ich schreib eins in seinem Namen, ich sag's ihm nachher.«

»Und was?«

»Warte«, sagt Tredup. »Stänkern muß man, sie unruhig machen, die Leute. Der Feinbube und der Plosch quasselten vorhin. Gib Papier und Feder, ich schreibe gleich ...«

Stuff springt. Mit leuchtenden Augen sieht er auf den erwachten Tredup, er sagt halblaut: »Mensch, Max, wo es eine Schweinerei zu machen gibt, bist du unübertrefflich.«

Tredup schreibt und schreibt. Dann nimmt er das Blatt und reicht es Stuff.

Aber der: »Lies nur vor. Wer soll denn deine Klaue lesen?«

Und Tredup liest vor:

» Das Gebot der Stunde. In der ganzen Stadt hört man die aufgeregtesten Kommentare zu den gestrigen Ereignissen in unserer Vaterstadt ...«

»Das klingt echt«, stellt Stuff fest: »In der ganzen Stadt in unserer Vaterstadt Sehr gut.«

»Wahrlich ein schwerer Tag in der Geschichte Altholms. Aber viel wichtiger als dies Gerede ist die klare Antwort auf die Frage: wie stellt sich die Einwohnerschaft Altholms zu den Ereignissen des blutigen Montags? Ist sie einverstanden damit, daß die Bauern, die Gäste unserer Stadt waren (denn die Demonstration war erlaubt), niedergeschlagen wurden, oder ist sie nicht damit einverstanden?

Ich bin ganz entsetzt: überall höre ich, daß die Bauern ihr großes Reitturnier, das in drei Wochen stattfinden sollte, nunmehr nicht in Altholm abhalten werden. Das brachte immer sechs- bis achttausend Bauern in die Mauern unserer Stadt. Gott bewahre Altholm vor einem Boykott durch die Landwirtschaft! Darum, Geschäftsleute, Handwerker, Gewerbetreibende, erklärt kurz und bündig: seid ihr mit dem Blutmontag einverstanden oder nicht?

Ein Geschäftsmann für viele.»

Stuff nimmt das Blatt zwischen seine Hände.

»Du hast alle deine Sünden wiedergutgemacht, mein Sohn Tredup. Das trifft ins Schwarze.«

Er stürmt in die Setzerei.

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