Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Fallada >

Bauern, Bonzen und Bomben

Hans Fallada: Bauern, Bonzen und Bomben - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorHans Fallada
titleBauern, Bonzen und Bomben
publisherRowohlt
year1970
isbn3499106515
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150405
projectida9d0209c
Schließen

Navigation:

Siebentes Kapitel
Die Regierung greift durch

1

Die Musik an der Spitze des Zuges spielt den Fridericus Rex, dann das Deutschlandlied, dann das Lied von der Judenrepublik, die wir nicht brauchen.

Die Bauern trotten stumm hinterdrein, zuerst über den Burstah, am Bahnhof vorbei, und weiter durch die locker bebauten Vorstadtstraßen, wo zwischen Gärten und Villen die großen Fabriken liegen.

Polizei eskortiert den Zug rechts und links, vorn und hinten. Es ist, als führten diese dreißig, vierzig Polizeibeamten die drei- viertausend Bauern ihren Zellen zu.

Padberg, wieder an der Spitze des Zuges, neben Graf Bandekow, Rehder und Vadder Benthin, empfindet es bitter.

»Wie schmählich ist das alles!« denkt er. »Wenn wir Bauern die Hand gehoben hätten, die paar Stadtsoldaten hätten in der Blosse gelegen. Wie das Land über uns lachen wird! Das hätte die Polizei der Roten Front, Hitlerleuten, selbst dem Reichsbanner bieten sollen: weggefegt wäre sie! Und wir ... es ist nichts mit den Bauern!«

»Heiliger Himmel!« sagt er laut »Ich möchte nur wissen, was ich morgen über dies in meiner Zeitung schreiben soll?!«

»Sie müssen mit Ihren Kollegen hier reden«, sagt Bandekow vorsichtig.

»Kollegen –? Wer für die Bauernschaft schreibt, hat keine Kollegen. Ich allein sitze in der Tinte, die andern kümmert es nicht, die haben wenigstens Stoff! Soll ich schildern, wie wir uns die Fahne von drei Männekens haben klauen lassen?! Es ist schmählich.«

»Ihr lieben Leute«, jammert Vadder Benthin. »Wie soll ich noch durch Altholm gehen hiernach?«

»Konnten Sie denn nicht«, fragt Graf Bandekow, »versuchen, die Fahne durchzubekommen? Oder sie zurückzubringen ins Lokal? Warum haben Sie sich auf einen Kampf eingelassen?«

»Habe ich nicht von der ersten Minute an gegen die Fahne geredet?« fragt Padberg böse. »Nun bin ich natürlich schuld. Übrigens war ich gar nicht vom, als das passierte.«

»Wo waren Sie denn?« fragt Rehder. »Ausgemacht war, Sie sollten auf Henning aufpassen.«

»Aufpassen! Wer denkt denn, daß diese Bullen solch irrsinnige Attacke machen! Ich war hinten, wollte erfahren, was mit Rohwer los war.«

»Natürlich«, sagt der Graf spitz. »So ein bißchen erkundigen. In der kritischsten Minute. Damit man nur nicht dazwischenkommt, was?«

»Ich will Ihnen etwas sagen«, erklärt Padberg erregt. »Bin ich Führer? Oder ist es Rohwer und Rehder? Und auch Sie, Herr Graf, wo waren Sie denn alle, wenn ich fragen darf? Ja, bitte! Landsfremde vorschicken und sich die Kastanien aus dem Feuer holen lassen, was?«

»Männer!« sagt Vadder Benthin verwirrt. »Streitet euch doch nicht Der Graf war aus mit mir und hat die Kapelle holen wollen.«

»Nein«, sagt Rehder. »Der Graf hat recht. Du hattest den Henning übernommen, du trägst allein die Schuld.«

»Ich die Schuld? Ich will euch was sagen! Scheißen will ich euch was! Glaubt ihr, ich räume euern Mist nach? Erst laßt ihr Briefe von euerm Reimers veröffentlichen, die zum Himmel stinken ...«

»Der Brief ist eine Fälschung!«

»Die Berichtigung stammt von mir, ich weiß Bescheid! – Dann setzt ihr eine Demonstration an und wißt nicht einmal, daß der Führer längst abtransportiert ist –«

»Haben Sie es denn gewußt?«

»Dann nehmt ihr eine blödsinnige Fahne mit, trotzdem jeder Affe sieht, daß es Stank gibt ...«

»Sie haben ja die Sense selbst mit rauf geschraubt.«

»Dann laßt ihr eure Leute in den Klumpatsch hauen, und ich, ausgerechnet ich, bin an allem schuld. Wenn ihr glaubt, ich mache das mit – nee, ich scheiße euch was! Am Arsch könnt ihr mir lecken, alle, wie ihr da hinschusselt. Ich gehe! Ich lege die Redaktion nieder! Ich will nichts mehr mit euch zu tun haben. Da gibt es noch ganz andere Sachen in deutschen Landen, wo der Laden klappt, wo man sich nicht von solchen Stadtsoldaten mit ihren Stinkefingern in die Fresse schlagen läßt. – Danke schön! Guten Morgen, meine Herren! Ich empfehle mich. Versammelt euch alleine, ihr Arschlöcher allesamt!«

Und Padberg, wutgeschwollen, drängt nach rechts, hinaus aus dem Zug, auf den Bürgersteig.

»Halt!« sagt ein Polizist zu ihm. »Treten Sie in den Zug zurück. Hier darf keiner ausscheiden.«

»Was?« brüllt Padberg. »Ich soll hier nicht fortgehen dürfen? Wo ich freier Staatsbürger bin in eurer gebenedeiten Republik? Habe ich meine Steuern bezahlt? Ist dies ein öffentlicher Weg? Wollen Sie mich durchlassen, Herr!!!«

»Gehen Sie zurück«, sagt der Stadtsoldat. »Es ist eine Anordnung, daß keiner weg darf. Gehen Sie weiter.«

»Wer gibt denn hier solche Anordnungen? Wer ist das? Zeigen Sie mir mal den Mann! – Ich will zur Bahn. Ich muß meinen Zug erreichen. Ich bin überhaupt Presse! Hier ist mein Ausweis! Wollen Sie jetzt ...«

»Einen Augenblick doch nur! Gehen Sie doch nur die zwei Minuten zur Halle mit. Es findet sich dann schon alles.«

»Komm doch, Padberg«, ruft Rehder. »Wir müssen dir was sagen.«

Und Padberg, ganz wild: »Habt ihr das gehört? Wir werden hier eskortiert wie die Zuchthäusler. Solche Schande ...«

»Hier ist ein Herr«, sagt Rehder, »der alles mit angesehen hat, den Kampf um die Fahne. Er ist empört über die Polizei. Er will es den Bauern schildern in der Versammlung ...«

Padberg dreht sich um nach dem Herrn, der ihm das bittere Referat in der Auktionshalle abnehmen will. Er schaut sich den Herrn an.

Plötzlich ist seine Wut fort, er grinst höhnisch.

»Ach, der Herr Kommissar von der Politischen Abteilung hat Anstoß genommen? Darf ich die Herren vielleicht bekannt machen? Herr Kriminalkommissar Tunk aus Stolpe. Herr Müller, Herr Meier, Herr Schmidt, Herr Schulze. Und Sie haben Anstoß genommen, Herr Kommissar? Da haben Sie verdammt recht getan!«

»Mein Name ist Megger. Aus dem Hannoverschen. Sie müssen mich verwechseln.«

»O nein, ich verwechsle Sie nicht. Sie kann man nicht verwechseln, Herr Kommissar.«

»Auch ich kämpfe um die Sache der Bauernschaft!«

»Ja«, sagt Padberg. »Nur auf der andern Seite. – Gehen Sie weg!« brüllt er plötzlich wütend. »Sie gewöhnlicher Achtgroschenjunge, Sie! Sie Spitzel, gehen Sie weg!«

»Es muß ...« beharrt mit eiserner Stirn der andere.

»Sieh dort, Padberg«, ruft Rehder erregt, »der Gareis!«

Der Bürgermeister von Altholm fährt im offenen Auto vorbei. An seiner Seite sitzt blaß, eifrig redend, der Polizeioberinspektor.

»Na, da sind sie ja wieder beisammen, die roten Bonzen«, konstatiert Padberg. Hupend, summend drückt sich der Wagen vorbei.

»Die brüten noch ein Kuckucksei aus, diese Herzchen«, erklärt Padberg. »Na, wo ist denn unser Biedermann aus dem Hannöverschen?«

Aber der Biedermann ist fort.

2

Man kann Bürgermeister Gareis totschlagen, seine Aktivität lähmen kann man nicht.

Einen Augenblick hat er im Sessel gesessen am Telefon. »Die Bauern gehen mit Pistolen auf die Polizei los? Was ist das? Das ist unmöglich!«

Doch schon sein nächster Gedanke ist: »Wer hat da Mist gemacht?«

Und sein folgender: »Erst einmal Schlimmeres verhüten.«

Er ruft die Rathauswache an. »Wer ist dort? Soldin? Hier ist Gareis. Sagen Sie mir kurz, was passiert ist.«

»Herr Bürgermeister, es ist schrecklich. Eben bringen sie den Kollegen Hart, schwer verletzt ... Die Bauern ...«

»Danke«, sagt der Bürgermeister und hängt ab. »Fräulein! Fräulein, geben Sie mir sofort den Piekbusch! Und dann passen Sie auf: sobald ich das Gespräch trenne, verbinden Sie mich mit der Gastwirtschaft von Mendel in Grünhof. – Noch eins, Ihre Kollegin soll unterdes die Bahnhofswache anrufen und dort Bescheid sagen, daß Frerksen oder Kallene mich in zehn Minuten erwarten. Und dann recherchieren Sie, wer mich eben angerufen hat. – Alles verstanden? Also los!

Piekbusch? Sind Sie dort? Gut. Schicken Sie sofort den nächsten besten, der im Vorzimmer sitzt, zum Chauffeur. Der Wagen hat in drei Minuten vor meinem Haus zu halten. – Keine Quackelei, wörtlich ausführen. Ich warte am Apparat – Erledigt? Im linken oberen Fach meines Schreibtischs liegt ein gelber Brief vom Regierungspräsidenten, holen Sie den mal an den Apparat ...

Haben Sie ihn? Gut, lesen Sie ihn vor. Sie sollen vorlesen! Mensch, wo sind Sie?! Was machen Sie für Sachen, Fräulein?! Verfluchter Idiotenkram! – Wer ist dort? Oberleutnant Wrede?

Also, mein lieber Herr Oberleutnant, fahren Sie los mit Ihren Männekens. In zehn Minuten auf dem Jugendspielplatz. Nicht vorher eingreifen, ehe ich mit Ihnen gesprochen habe. – Der Geheimbefehl? – Ja, den lese ich auch noch. – Ja, natürlich. Fahren Sie nur schon.

Fräulein! Fräulein! – Na, da hupt das Auto schon. – Also los. Der Geheimbefehl scheint geheim bleiben zu sollen.«

Er steht ächzend auf, sieht sich noch einmal um. »Na ja«, seufzt er schwer. »Morgen zum Nordkap? Wir werden ja sehen.«

Fett und langsam schiebt er seine Masse durch die Tür, steigt stöhnend die Treppe hinab. »Los, Wertheim, zur Bahnhofswache.«

Die Straßen sind leer. Der Wagen stürmt los.

»Halt!«

Der Sanitätswagen der Feuerwehr fuhr vorbei, Gareis stoppt ihn mit Winken.

»Wen haben Sie drin?«

»Zwei schwerverletzte Bauern.«

»Wie verletzt?«

»Säbelhiebe. Arme und Gesicht.«

»Noch mehr Verletzte?«

»Noch ein Bauer. Und ein Wachtmeister.«

»Schwer?«

»Der Wachtmeister wahrscheinlich eine Gehirnerschütterung meint Doktor Zenker. Der Bauer einen Säbelhieb über den Arm.«

»Noch mehr?«

»Soviel uns bekannt ist, nein, Herr Bürgermeister.«

»Keine Schußverletzungen?«

»Davon haben wir nichts gehört.«

»Gut, fahren Sie weiter.«

Gareis klettert prustend wieder in sein Auto, senkt die Lider, dreht über dem Bauch die Daumen.

Die Leute auf der Straße sagen: »Kiek es, unser Bürgermeister. Er ist zu fett, er schläft schon wieder. Freilich ist es heute heiß.«

Gareis denkt: »Drei schwerverletzte Bauern, ein leichtverletzter Polizist. – Die Bauern sind nicht sehr aggressiv gewesen. – Ich hätte den Wrede noch in Grünhof lassen sollen. Vielleicht habe ich eben auch Mist gemacht.«

 

Als er in die Bahnhofswache tritt, sieht er am Tisch hinten, im Halbdunkel, seinen Oberinspektor hocken, das Gesicht in den Händen, mit hochgezogenen Schultern.

»Na also!« denkt er.

Und ganz strahlend: »Nun, Kinder, erzählt mal. Möglichst der Reihe nach. Sie zuerst, Kallene!«

Aber der Oberinspektor springt auf: »Ich melde gehorsamst, Herr Bürgermeister, wir haben die Fahne! Die Fahne ist beschlagnahmt und zur Hauptwache abtransportiert.«

»Was für 'ne Fahne?«

»Die Bauernfahne. Die schwarze Fahne mit der Sense darauf.«

»Eine Sense darauf?«

»Eine hochgeschmiedete Sense darauf. Ein Aufruhrzeichen. Ich habe sie beschlagnahmt.«

»Also, berichten Sie, Frerksen, der Reihe nach.«

Und Frerksen berichtet.

»Die Fahne war bedenklich. Das Publikum nahm Anstoß. Die Sense war gefährlich.«

Er schildert, wie er vorging. Einmal bat, ein zweites Mal forderte. Wie man ihn wegstieß, prügelte, den Säbel entriß.

»Sollte ich da nachgeben? Sollten die Bauern sie nun behalten dürfen? Ich habe sie dann holen lassen. Die Bauern leisteten erbitterten Widerstand. Hart ist schwer verletzt ...«

»Ich weiß.«

 

»Nun, erzählen Sie, Polizeimeister. Haben Sie die Fahne auch gesehen? Vor dem Kampfe, meine ich.«

»Ja.«

»Schien sie Ihnen bedenklich?«

»Ich habe Sie, offengestanden, gar nicht beachtet. Sie hing da so runter, als ich mit meinen Leuten vorbeikam am Tucher. Man sieht ja so viele Fahnen ...«

»Na ja. Und wie ist das mit Ihnen, Pinkus? Herr Pressemensch, was sagt das Publikum?«

»Die Arbeiterschaft ist empört. Was wollen die Bauern bei uns! Sie waren derartig aggressiv, diese Bombenschmeißer! Genosse Gareis, ich sage Ihnen, die Arbeiterschaft wird sich das nicht bieten lassen. Wir sind links hier in Altholm, hier ist kein Platz für rechtsradikale Demonstrationen ...«

»Gut. Gut. Danke schön. Also –« Der Dicke versinkt in Nachdenken. Die Uhr in der Wache geht laut: Tick ... Ticke ... Tacke ... so still ist es.

»Sie haben die Suppe angerührt«, denkt der Bürgermeister. »Wir müssen weiter davon essen. Stehen bleiben darf sie jetzt nicht.«

Trübe: »Was soll ich untersuchen, ob alles richtig war? Wir machen alle Fehler. Was ist es schließlich? Ein kleiner Zwischenfall bei einer Demonstration, eine Holzerei! Berlin hat das alle Tage. Es darf kein Pressegeschrei geben, dann ist es in einer Woche vergessen. Aber das Angefangene muß zu Ende geführt werden. Ich kann die Schupo nicht zurückpfeifen.«

Er fragt: »Wo sind die Bauern jetzt?«

»Sie werden grade in die Auktionshalle einrücken. Zu ihrer Versammlung. Ich lasse den Zug polizeilich eskortieren.«

»Schön. Schön.«

Tick ... Ticke ... Tacke geht die Uhr.

»Sie glotzen auf mich, als wäre ich der Weihnachtsmann. Frerksen starrt wie ein abgestochenes Kalb. Dabei ist es so einfach. Man muß nur immer weitergehen. Wer stehenbleibt, hat schon unrecht gehabt.«

Und laut: »Ich werde die Versammlung auflösen, da sie unfriedlich geworden ist. Wir schicken die Bauern nach Haus. Schupo trifft jetzt grade auf dem Jugendspielplatz ein. – Sie, Kallene, fahren sofort dorthin, setzen sich mit Oberleutnant Wrede in Verbindung und riegeln die Auktionshalle ab. – Wir fahren direkt. Kommen Sie, Frerksen.«

3>/h>

Das Viehhofgelände des Verbandes schwarzbunter Rindviehzüchter ist von einer hohen Backsteinmauer umgeben. Ein breites Tor führt hindurch, und an diesem Tor nimmt die Polizei Aufstellung, während der Zug, die Kapelle an der Spitze, einrückt. An diesem Tor hört die Gewalt der Polizei auf. In der Viehhalle, auf dem Hof herum haben die Bauern Hausrecht, das ist ihr Eigen. Die Polizisten stehen dort am Tor, rechts und links, in Gruppen oder einzeln. Je weiter der Zug einrückt, um so mehr werden ihrer.

Die Bauern gehen ein, manche mit gesenkten Köpfen, andere sehen die Polizisten herausfordernd an und fassen die Handstöcke fester. Die Kunde von der Beschlagnahme der Fahne, von dem Zusammenstoß hat sich verbreitet. Alle Bauern haben die Gruppe der Polizeibeamten mit der erbeuteten Fahne auf dem Burstah stehen sehen. Man spricht von Schwerverletzten, von Toten, der Name Hennings, vor kurzem in der Masse noch unbekannt, ist in aller Munde.

Ein paarmal fliegen Schimpfworte zu den Polizisten. »Bluthunde«, »Mörder«, »Räuber« werden sie genannt, aber das Stillesein überwiegt.

Die dunkle düstere Auktionshalle ist sofort überfüllt. Hier, in ihren vier Wänden, fühlen sich die Bauern unter sich. Eine Welle von Lauten brandet, ein babylonisches Durcheinandergeschwätz.

Dann leuchten die Bogenlampen auf und werfen ihr Licht auf die Versammlung.

Es ist kein Saal, diese Halle, die zum Vorführen von Rindvieh erbaut wurde, eher ein Zirkus, mit einem sandgefüllten Rund in der Mitte, mit aufsteigenden Seitenrampen, mit Galerien und Treppchen, und einer Empore an der Stirnwand, wo sonst die Körkommission oder die Versteigerer sitzen.

Zu dieser Empore, vor der die Stahlhelmkapelle sich aufgebaut hat, schauen die Bauern. Aber sie bleibt noch leer.

Im Zimmer dahinter steht eine Gruppe von Männern, unentschlossen, was zu tun sei, unentschlossen, welche Parole auszugeben sei, was über das Geschehene berichtet werden kann.

Sie reden alle durcheinander, wieder überhäufen sie sich mit Vorwürfen.

»Und ich spreche kein Wort!« schreit Padberg. »Was soll man über diesen Bockmist sagen? Alles ist falsch angefangen, falsch durchgeführt. Und ich soll es jetzt decken? Danke, nein.«

»Es handelt sich nur darum, den Bauern über das Geschehene zu berichten«, sagt Graf Bandekow. »Dafür sind Sie der Mann. Sie werden es morgen in Ihrer Zeitung auch müssen.«

»Hier berichten? Öl ins Feuer gießen? Ich danke! Hat einer von euch Ahnung, was die dreitausend tun werden, wenn sie hören, wie wir überfallen, niedergeschlagen, beraubt worden sind? Ich danke. Ich habe ein Verfahren wegen Rädelsführerschaft hinter mir, mein Bedarf ist gedeckt.«

Er dreht sich um und sieht sich einem Mann gegenüber, der, ein Pinselhütchen auf dem Haupt, im Gedränge der Versammelten aufmerksam zuhört.

»Gott verdamme uns alle!« tobt Padberg. »Hat denn keiner von uns Murr in den Knochen und schmeißt die Schmiere raus? Feinbube, Sie haben hier Hausrecht, wollen Sie dem Herrn den Weg zeigen?«

Landwirtschaftsrat Feinbube ist etwas verlegen: »Ja, bitte, Sie dürfen hier wirklich nicht sein. Nicht wahr, bitte, Sie sind von der Kriminalpolizei? Wollen Sie mir folgen oder haben Sie einen speziellen schriftlichen Auftrag?«

»Auch noch Höflichkeiten«, brüllt Padberg. »Raus mit dem Sch...«

»Sie haben Schwein gesagt«, stellt der Stulpenstiefel fest. »Sämtliche Herren sind Zeugen.«

»Ich habe Sch... gesagt, das ist keine Beleidigung. Und nun machen Sie, daß wir Sie nicht mehr sehen, Sie Sch... Sch... Sch...!«

»Also gehen wir. Eine beleidigende Absicht liegt zweifelsohne vor. Kommen Sie, Herr Landwirtschaftsrat. Ich habe genug gehört. Mehr als genug.«

Der dürre Feinbube und der unechte Agrarier gehen nebeneinander einen Gang entlang, eine Treppe hinunter, wieder einen Gang entlang.

»Ich weiß schon Bescheid«, sagt der Eindringling. »Jetzt noch über die Treppe dort hinten und der lange Gang ... ich möchte Sie nicht länger bemühen ...«

»Ich bringe Sie schon«, sagt trocken Feinbube.

»Ein schönes Haus, das sich hier die Landwirtschaft geschaffen hat. Das Ministerium gab Zuschüsse?«

»Das möchten Sie wissen«, stellt der Rat fest.

»Ganz belanglos. – Ob man hier irgendwo austreten kann? Diese Tür ...«

»Halt!« ruft Feinbube. »Da geht es in den Saal.«

Aber der Eskortierte ist ihm schon entschlüpft. Feinbube will ihm nach, aber der Saal ist gedrängt voll, in den Massen ist der Kriminalist untergetaucht, und als Feinbube nach ihm fragen will, rufen die Bauern empört nach Ruhe.

Auf der Bühne steht einer und spricht ...

Es ist Vadder Benthin, ol Mottenkopp, wie sie ihn nennen, der den Sprecher macht. Da steht er, mit seinem scheckigen Schädel, einer schmutzigen Joppe, einer Zwirnhose, schmierige Stiefel an den Füßen. Er ist ein alter Mann und die Leute lachen über ihn, weil seine junge Frau noch ein Baby gekriegt hat, das sicher nicht von ihm ist.

Aber er spricht.

Er ist der einzige, der sich hinausgewagt hat vor die dreitausend Bauern. Er spricht langsam und mühsam, in kurzen Sätzen, zwischen denen er mit halbgeschlossenen Augen dasteht und nachzudenken scheint oder zu schlafen. Aber er spricht grade recht für sein Auditorium, das Eile nicht liebt.

»Er hat mir«, sagt er grade, als Feinbube in den Saal kommt, »die Hand geschüttelt, er hat mir gesagt: ›Wir wollen uns beide als Altholmsche in die Hand versprechen, daß nichts geschieht.‹ Dann hat er es so gemacht.

Den jungen Mann haben sie zum Krüppel gehauen. Und andere haben sie auch blutig gehauen. Und warum? Um eine Fahne.

Liebe Bauersleute, ich wohne nun mein Leben in Altholm und Altholm ist vor dem Kriege schon rot gewesen. Na, laß sie, habe ich gedacht, jeder muß wissen, wohin er gehört ...

Und in diesen letzten Jahren nach der Revolution habe ich viele Fahnen gesehen. Rote ... Andere ...

Und was die Kommunisten sind, die haben Strohpuppen rumgetragen. Die eine war der Oberbürgermeister und eine unser Feldmarschall Hindenburg. An einem Galgen haben sie die getragen.

Wir haben hier eine schwarze Fahne gehabt. Und schwarz war sie, weil wir trauern um unser liebes deutsches Vaterland. Und ein weißer Pflug ist darauf, weil wir Bauern sind und pflügen das Land, und der Pflug ist das Beste auf der Welt. Und ein rotes Schwert, weil nur vom Kampf der Sieg kommen kann ...

Die mit dem Galgen sind frei rumgezogen, aber uns haben sie die Fahne genommen.

Ja, fragt ihr mich, liebe Landleute, warum haben wir denn unsere Fahne nicht verteidigt? Wir sind doch so viele und Polizei sind so wenige und Jungbauern mit starken Knochen haben wir auch genug.

Bauern von Pommern, ich sage euch, wir haben uns die Fahne wegnehmen lassen, weil wir gehorsam sind unserer lieben Regierung. Weil wir uns alles wegnehmen lassen von ihr.

Unsern Bruder Reimers haben sie uns genommen und heute auch den Rohwer weggeführt ins Kittchen.

Und das Vieh holen sie aus den Ställen und die Pferde. Und die Ernte auf dem Halm pfänden sie und von unsern Höfen jagen sie uns fort.

Ja, fragt ihr wieder, warum lassen wir denn das zu? Haben wir nicht Vertreter? Kreistagsabgeordnete? Landtagsabgeordnete? Reichstagsabgeordnete? Eine Landwirtschaftskammer und einen Deutschen Landwirtschaftsrat? Warum wehren sich die denn nicht? Warum schreien sie denn nicht?

Liebe Bauern, die schreien schon. Wenn sie hier sind. Aber dann gehen sie nach Berlin. Und dann kommen sie wieder. Und dann ist plötzlich alles ganz anders geworden. Wir müssen es dann einsehen, daß es so nicht geht, wie wir es uns gedacht hatten. Und daß die Steuern sein müssen und noch viel mehr Steuern.

Und wir sehen es ja dann auch ein ...

Und wenn ihr mich fragt, so sage ich euch: liebe Landleute, Steuern müßt ihr zahlen und noch viel mehr Steuern müßt ihr zahlen. Freuen müßt ihr euch, daß ihr soviel Steuern zahlen dürft und daß sie euch euer Vieh fortnehmen und die Höfe ...

Je weniger ihr habt, um so geringer wird dann auch eure Steuerlast. Und wenn ihr gar nichts mehr habt, dann sorgt die liebe Regierung für euch, wie sie für eure Eltern gesorgt hat, die sich ein paar Tausender gespart hatten, und die jetzt aufs Wohlfahrtsamt gehen und sich einen feinen Titel erworben haben: Sozialrentner!

Zahlen müßt ihr Steuern, bis zum Weißbluten, das sage ich euch. Bis ihr nicht mehr könnt, bis ihr keinen Murr habt in den Knochen, bis ihr halb verhungert seid. Dann macht ihr der lieben Regierung in Berlin keinen Kummer mehr, dann seid ihr fromm ...

Und darum hat sie nur recht gehabt, die Polizei in Altholm, euch die Fahne wegzunehmen. Arbeiter dürfen Fahnen haben.

Aber ihr, ihr Bauern, ihr dürft gar nichts haben.

Blutig schlagen lassen dürft ihr euch vom Verwaltungsapparat.«

Er steht da, Vadder Benthin, und augenblicklich scheint er nicht weiterreden zu wollen. Er wischt sich die Stirn ab. Hinter ihm stehen die Führer, mit gesenkten Köpfen oder in die Menge spähend, von der es aufbraust, lauter, brüllender, immer wilder ...

Und in diesem Moment tut sich die Tür links auf der Estrade auf: Polizeimeister Kallene mit der Hindenburgfigur tritt ein, im blauen Waffenrock mit roten Aufschlagen ...

Er geht die Bühne längs, bis er neben Vadder Benthin steht, und macht gegen die tobende Versammlung ein Zeichen, daß sie ihn anhören soll.

Es ist ein Moment – – – den Männern auf der Bühne bleibt das Herz stehen.

Vielleicht ist dieser Polizeimensch nur dumm, aber vielleicht ist er auch mutig.

Jedenfalls ...

Plötzlich heben sich Hunderte von Stöcken gegen ihn, man hört wilde drohende Ausrufe aus dem Gelärm gellen, gleich werden die ersten Stöcke gegen die Bühne fliegen ...

Der Kapellmeister vom Stahlhelmtrupp hat schon manche wilde Versammlung mitgemacht. In diesem Augenblick gibt er ein Zeichen mit dem Taktstock, die Kapelle setzt ein und das Deutschlandlied ertönt.

Durch die Versammlung geht ein Ruck. Plötzlich stehen alle Bauern, sie singen es mit, sie sind begeistert, sie schleudern es dem Polizeimenschen dort, dem Vertreter der deutschen Regierung, ins Gesicht:

»Deutschland, Deutschland, über alles ...«

Polizeimeister Kallene steht mit gesenktem Kopf. Er sieht nicht um sich. Vielleicht fühlt er den Gegensatz gar nicht: der kleine, dreckige, verbrauchte Bauer an seiner Seite mit dem häßlichen Kopf, und er, der Zweizentnermann, wohlgenährt, mit rosigen Wangen, sauber und heil gekleidet.

Als der erste Vers fertig ist, entsteht eine kleine Pause. Kallene macht wieder seine Bewegung, will wieder reden, aber der zweite Vers beginnt.

Er wartet weiter.

Nach dem zweiten Vers dasselbe.

Nach dem dritten Vers dasselbe.

Nach dem vierten Vers, als der erste neu beginnt, geht Polizeimeister Kallene langsam und gemächlich ab. Er gibt es auf, sie lassen ihn doch nicht zu Worte kommen.

Die Bauern sehen ihm nach.

Nun tritt eine Stille ein. Die Kapelle spielt nicht weiter. Die Bauern sehen auf Vadder Benthin, wird der weitersprechen?

Und wieder tut sich die linke Tür zur Estrade auf, aber diesmal kommt ein Bauer hindurch, ein großer, stattlicher Mensch, den Hut tief ins Gesicht gezogen.

Er bleibt stehen. Aus dem Hutschatten starrt er auf die Menge dort unten, als hätte er sie nicht erwartet. Er geht weiter, der Estradenmitte zu, mit einem seltsam torkelnden Gang, als wäre er betrunken.

Die Bauern starren auf ihn, kaum einer, der den Bauern Banz aus Stolpermünde-Abbau kennt. Sie starren auf diesen großen torkelnden Mann, ein Gefühl verbreitet sich im Saale wie Angst, als werde gleich etwas geschehen.

Der Mann hält an, hart vor Vadder Benthin. Er bewegt den Mund, aber kein Wort ist zu hören.

Und plötzlich wirft er die Arme hoch, reißt den Hut vom Schädel, schleudert ihn in die Menge. Sein Kopf ist entblößt, ein Kopf, der nichts ist wie eine furchterregende, grausige Blut- und Fleischmasse.

Die Bauern brüllen auf.

Und als habe dieser Schrei dem Mann dort oben Sprache gegeben, brüllt er: »Bauern! Bauern! Das ist die Gastfreundschaft von Altholm! Bauern! Bauern! Das sind die Taten der Regierung!«

Die Menge brüllt auf wie ein tausendmäuliges Tier.

Der Mann bricht mit einem durchdringenden Geschrei zusammen.

Alle Türen zum Saal fliegen auf.

Schupo und Polizei mit hochgeschwungenen Gummiknüppeln dringen ein. Sie rufen:

»Der Saal wird geräumt!«

»Die Versammlung ist aufgelöst!«

»Alle ruhig den Saal verlassen!«

4

»Also gehen wir«, sagt Stuff zu Blöcker.

»Ja, gehen wir«, stimmt Blöcker zu. »Das mag kein Schwein ansehen.«

Schupo und Stadtpolizei im Verein haben einen entscheidenden Sieg über die Bauern davongetragen. Die Leute sind einzeln aus dem Saal getrieben worden, haben sich aufstellen müssen wie die Puppen und nach Waffen abtasten lassen. Ihre Gehstöcke sind ihnen abgenommen. Dann sind sie auf die Straße getrieben worden, haben wieder zu einem Zuge antreten müssen, der wieder aufgelöst worden ist. Sie sind in die, in jene Straße abgedrängt worden, haben denselben Weg zwei-, dreimal laufen müssen, nach dem Sinn irgendeines Wachtmeisters. Man hat ihnen den Bürgersteig verboten und man hat ihnen aufgegeben, die Fahrbahn für die Autos freizuhalten.

Stuff wirft noch einen Blick zurück. Da steht der Bürgermeister, im schwarzen Rock, inmitten von Uniformen. Wachtmeister eilen ab und zu, und die letzten Bauern schleichen scheu, mit gesenkten Köpfen zum Ausgang.

»Wie dieses rote Schwein sich vorkommt!« stöhnt Stuff. »Sieh nur, Blöcker, wie unser Kollege von der Arbeiterpresse um ihn schwänzelt.«

Wirklich der Berichterstatter von der Volkszeitung in Stettin, vom Blatt des klassenbewußten Proletariats, ist hoch in Form. Jetzt schwänzelt der Pinkus mit lächelndem Antlitz vor einem Schupooffizier, wirft seinem Genossen von der Bürgermeisterei ein paar Worte zu, und fährt schon herum, mit ausgestrecktem Zeigefinger auf einen Bauern weisend, helle Empörung in seinem Antlitz.

»Dieser elende Abschreibling!« knurrt Stuff.

»Alles Schweine«, bestätigt Blöcker kurz. »Na, wartet ihr nur auf morgen!«

Sie sind beinahe am Tor, die beiden Pressevertreter der bürgerlichen Zeitungen Altholms, als hinter ihnen ein rascher Schritt laut wird. Sie drehen sich um.

Polizeioberinspektor Frerksen kommt ihnen nach: »Meine Herren, verzeihen Sie! Herr Bürgermeister läßt Sie bitten, morgen früh um neun Uhr zu einer Pressebesprechung zu ihm zu kommen.«

»So?« fragt Blöcker.

»Jetzt braucht ihr uns wohl?« fragt Stuff bissig.

»Ich werde einen amtlichen Bericht über die bedauerlichen Vorgänge den Herren übermitteln.«

»Bedauerlich für dich!« höhnt Stuff.

»Ich verstehe dich nicht, Stuff. Meine Vorgesetzten, Regierung und Polizei stehen hinter mir.«

»Ich nicht«, sagt Stuff.

»Du darfst nicht auf beeinflußte Zeugen hören.«

»Deine Zeugen sind unbeeinflußt.«

»Ich nehme an«, wendet sich der Oberinspektor verbindlich lächelnd an Blöcker, »daß die Nachrichten wie immer den Weg finden werden, der unserer Stadt günstig ist.«

Blöcker bewegt zweifelnd die Schultern.

»Aber, meine Herren«, ruft der Oberinspektor überrascht aus. »Die Polizei mußte einschreiten. Die Staatsautorität wurde verhöhnt Die Verfassung ist mißachtet Die Gesetze übertreten! Sollte die Polizei sich niederschlagen lassen? Kampflos von Aufrührern?«

Einen Augenblick Stille, Frerksen wartet auf Antwort.

»Also gehst du mit?« fragt Stuff. »Ich habe keine Zeit mehr. Ich habe zu tun.«

»Warte doch, Stuff. Ich komme schon mit. Guten Abend, Herr Oberinspektor.« Frerksen ruft den beiden nach: »Also morgen früh auf Wiedersehen. Um neun Uhr Pressebesprechung.«

Sie zotteln die Straße hin.

»Ach was!« ruft plötzlich Stuff. »Jetzt in die Stadt? Komm, Blöcker!«

Sie kehren um, gehen wieder am Eingang des Viehhofes vorbei, ein Stück Chaussee, dann durch ein Hecktor, über eine Weide, an Korn entlang. Durch eine Wiese, zu einem Bach.

»Hier setzen wir uns«, sagt Stuff. »Ach, das tut gut! Wie frisch es hier riecht!«

»Die Wiese muß Benthin gehören. Früher standen hier am Wasser längs Pappeln.«

»Die Wiese gehört schon zu Grünhof«, belehrt Stuff. »Und der Bach ist die Scheide zwischen Altholm und Grünhof. Wir sind schon nicht mehr auf Altholmer Boden.«

»Ich wollte, wir wären für immer fort. Was das wieder für einen Stank geben wird!«

»Hast du noch Zigarren?« fragt Stuff. »Danke, ich nehme mir eine. Ich werde hier wohl erst einmal einen Schlaf tun. Ich bin noch halbduhn.«

»Daß wir uns grade dann festsaufen müssen, wo so was passiert. Nun haben wir nichts von dem ganzen Trara gesehen.«

»Danke, ich habe genug gesehen in der Viehhalle. Ich weiß Bescheid. Und für das andere gibt es Augenzeugen genug.«

»Du hast den Frerksen ganz hübsch abfallen lassen, Männe.«

»Warum auch nicht? Mir haben sie gesagt, er hat den ganzen Mist angerührt. Ich werde ihn ausschmieren, den Schleimscheißer, den elenden!«

»Willst du nicht erst die Pressebesprechung abwarten?«

»Abwarten? Was soll ich denn abwarten?« schreit Stuff. »Daß sie um den Dreck herumlügen? Ich habe genug gesehen. Ich weiß Bescheid. Wehrlose Bauern schlagen, wartet, meine Freundchen! Jetzt geht die Chronik los.«

»Erlaubt das Schabbelt?«

»Schabbelt? Was hat der schon zu erlauben? – Ich will es dir sagen, im strengsten Vertrauen, Blöcker, Schabbelt hat verkauft.«

Stille.

Und Blöcker: »Ich will es dir sagen, Stuff, im strengsten Vertrauen: Gebhardt hat gekauft.«

»Was?!« Stuff fährt hoch. »Das weißt du schon? Das weiß wohl schon das ganze Nest und mir sagt es keiner?«

»Das weiß niemand als wir paar von der Redaktion: der Trautmann, der Heinsius und ich. Und es soll auch geheim bleiben.«

»Ich bin erledigt. Ich bin tot, Blöcker. – Stoß mich um, ich bin tot. – Warum soll es geheim bleiben?«

»Weil es dem Geschäft schadet, wenn die Leute wissen, daß die Konkurrenz keine Konkurrenz ist.«

»Na also. Zwischen zwei Stühlen. Wie immer. Die liebe Chronik. Redet dir der Gebhardt viel drein?«

»Der –? Der versteht doch nichts! Wenn es Geld bringt, darfst du mir und mich verwechseln.«

»Also! Dann läßt er mich auch die Roten anmisten!«

»Denke ich auch. Du hast doch Rechtsleser. Sprich heute abend mit ihm drüber.«

»Heute abend?«

»Ja, ob du nicht heute abend zu ihm kommen könntest? Um acht. Hinten rum, daß die Leute nichts merken.«

»O Blöcker, Blöcker, Blöcker!« schreit Stuff. »Darum hast du heute vormittag das Bier ausgegeben! Ich wußte doch ... Und wärest du etwas schneller zu Stuhle gekommen, dann hätten wir den großen Rummel nicht verpaßt!«

»Also heute abend, ja?«

»Um acht. Zur Nacht. Hintenrum. Das ist von nun an meine Devise. Anderthalb Stunden kann ich noch schlafen. Und ich werde schlafen, sage ich dir, Blöcker. Die ganze Welt stinkt mich an.«

Er legt sich zurück ins Gras, zieht den Hut ins Gesicht und schläft ein. Leise rauscht und spielt das Wasser.

Blöcker wandert der Stadt zu. Horchen.

5

Es ist Abend. Gegen acht Uhr.

Viele Leute sind noch unterwegs in Altholm. Am liebsten läsen sie schon gedruckt, was geschehen, was sie gesehen, und eine handfeste Meinung dazu. Darum drängt es sich so beim Hause der Nachrichten am Stolper Torplatz. Aber im Aushangkasten sind nur die Bilder aus aller Welt, sonst nichts. Auch die Fenster sind dunkel. Nur nach dem Hof zu sind die vier Fenster des Setzersaales hell, dort arbeiten die Setzmaschinen für den nächsten Tag voraus.

In seinem Büro der Gebhardt, er hört sie klappern. Die Vorhänge sind dicht zugezogen und nur auf dem Schreibtisch brennt eine Lampe und wirft ihr Licht auf einen Bogen mit Zahlen.

Gebhardt rechnet, er rechnet wieder einmal. Er prüft nach, er kontrolliert, er sieht sich Belege an, macht Statistik. Ihn interessieren nur Zahlen. Dieses Haus, mit seinen Maschinen, seinen dreißig Arbeitern und Angestellten, es ist nur dazu da, die Zahlen größer werden zu lassen.

Zahlen sind Sicherheit. Große Zahlen heißt große Macht. Noch wagen Leute, ihn nicht wichtig genug zu nehmen, trotzdem er schon der reichste Mann von Altholm ist, aber das liegt nur daran, daß die Zahlen noch nicht groß genug sind.

Draußen ist ein Geräusch. Jemand pusselt an der Tür, stolpert auf dem dunklen Gang herum.

Gebhardt macht die Tür auf, so daß Licht auf den Flur fällt, fragt halblaut: »Ist da jemand?«

»Ja, ich. Stuff«, und Stuff taucht auf aus dem Finstern.

»Ich habe Sie erwartet«, sagt Gebhardt und gibt ihm die Hand.

Einen Augenblick sieht Stuff erstaunt den gebeugten Nacken seines neuen Brotherrn mit krausen, schwarzen Krollhaaren, sieht in den Kragen hinein bis zum Nackenwirbel und denkt verblüfft: »Gott! Der macht ja einen ordentlichen Diener vor dir!«

Dann bittet ihn Gebhardt Platz zu nehmen: »Rauchen Sie? Eine Zigarre? Das hier ist etwas Leichtes. Diese ist schwerer. Ganz, wie Sie es lieben. Bitte, hier ist Feuer. Nein, danke, ich rauche nie.«

Stuff sitzt bequem vor dem Schreibtisch, in einem tiefen Sessel, seine Zigarre ist gut in Brand. Hinter dem Schreibtisch, auf seinem Stühlchen, hockt der Zeitungskönig, blickt in Papiere.

»Ich habe Sie hierhergebeten, Herr Stuff«, sagt Gebhardt und spielt mit seinem Bleistift, »weil ich einiges mit Ihnen zu besprechen habe. Daß ich die Chronik gekauft habe, wird Ihnen Herr Schabbelt gesagt haben.«

»Nein«, sagt Stuff.

»So. Nun, das ist sonderbar. Aber Sie wissen es jedenfalls.«

»Ja. Ich habe es gehört.«

»Ich habe die Chronik gekauft, weil das Gegeneinanderarbeiten zweier bürgerlicher Zeitungen in Altholm unsinnig ist. Wir müssen gegen die rote Front zusammenstehen.«

»Das müssen wir«, sagt Stuff, um etwas zu sagen, denn Gebhardt hat eine Pause gemacht.

»Ich wollte Sie nun fragen, ob Sie bereit sind, auch unter meiner Leitung Ihre Kraft der Chronik zu widmen.« Rasch: »Aber verstehen Sie mich recht, meine Leitung beschränkt sich auf das Kaufmännische, berührt Sie also kaum. Im Redaktionellen sind Sie frei. Das heißt, wir besprechen gelegentlich die großen Richtlinien. Aber Sie sind sonst völlig frei, kennen ja auch Ihren Leserkreis am besten.«

»Ich könnte also über die heutigen Unruhen schreiben, wie ich dürfte?«

»Unruhen? Ach so, da sind einige Zusammenstöße gewesen. Bauern, nicht wahr? Haben Sie Interesse an Bauern?«

»Doch. Ja.«

»Ich meine finanzielles Interesse. Sind Bauern wesentlich Abonnenten der Chronik?«

»Wesentlich. Nein.«

»Warum also? Wollen Sie denn gegen die Bauern Partei ergreifen?«

»Ich will über das unerhörte Vorgehen der Polizei berichten.«

»Lieber Herr Stuff! Mit der Polizei sollte es eine Zeitung nie verderben!«

»Aber es betrifft nur die Polizeileitung. Und die ist rot.«

»Ja, schon. Aber es ist städtische Polizei, nicht wahr? Eine städtische Einrichtung. Wissen Sie übrigens, warum der Oberbürgermeister jetzt grad verreist ist?«

»Er fährt jedes Jahr um diese Zeit. Seine Schwiegereltern haben Hochzeitstag.«

»So. Sie meinen also nicht, daß er diesen Zusammenstößen hat aus dem Wege gehen wollen?«

»Nein. Nicht doch. Davon hat er keine Ahnung gehabt.«

»Nun gut. Wenn Sie sicher sind –? Sie meinen also, es waren nur die Roten?«

»Die ganze Geschichte ist von den Roten angezettelt. Und im Herbst haben wir Kommunalwahlen.«

»Also gut, Herr Stuff, schlagen Sie los. Nicht zu scharf, nun, Sie wissen schon. Wir in den Nachrichten werden wohl eine abwartende Haltung einnehmen, wir haben zu viele Arbeiterleser.«

»In der Hauptsache.«

»Nein, nein, nicht so. Aber viele.«

Sie sehen sich beide an, freundlich lächelnd. Dann taucht der dicke Stuff aus seinem Ledersessel auf, etwas keuchend: »Ich werde dann also zu mir gehen und meinen Riemen für morgen schreiben.«

»Ja? – Und noch eins, Herr Stuff: offiziell haben wir natürlich nichts miteinander zu tun. Es muß das geheim bleiben. Streng geheim.«

»Wenn ich Sie sprechen will ...«

»... so kommen Sie am Abend wie heute. Nein, kein Telefon. Alles spricht sich herum.«

»Gut«, sagt Stuff, und streckt, schon an der Tür, seinem Chef die Hand entgegen.

»Richtig«, sagt der. »Da fällt mir noch etwas ein. Wir haben noch gar nicht über die Gehaltfrage gesprochen. Wie man so etwas vergessen kann!« Und er lacht, etwas gepreßt.

»Gehaltfrage –?« fragt Stuff erstaunt »Gibt es da eine Frage? Ich bekam bei Schabbelt fünfhundert und Vertrauensspesen.«

»Lieber Herr Stuff!« Gebhardt lächelt. »Sie müssen verstehen, daß das nicht geht. Grade daran ist Schabbelt kaputt gegangen.«

»Wieso?! An meinem Gehalt? Das ist doch lächerlich.«

»Nicht an Ihrem Gehalt allein – bitte, erregen Sie sich nicht –, aber überhaupt an der aufgeblähten Unkostenseite. Fünfhundert Mark und Vertrauensspesen. Nein, nein, das kommt nie in Frage!«

Stuff ist finster geworden. »Was kommt denn in Frage?«

»Nun, was soll ich sagen? Ich bin wahrhaftig kein Jude, ich will Sie nicht drücken. Ich gehe bis an die Grenze des Tragbaren, ja, darüber hinaus. Ich sage dreihundert«

»Unsinn!« sagt Stuff. »Quatsch. Ich denke gar nicht daran.«

»Lieber Herr Stuff. Ich bin natürlich gerne bereit, Sie mit Ablauf der gesetzlichen Kündigungsfrist aus Ihrem Vertrage zu entlassen. Das wäre der erste Oktober.«

»Ich habe überhaupt keinen Vertrag mit Ihnen! Ich kann jede Stunde Schluß machen.«

»Es gibt so viele junge federgewandte Menschen. Das schreibt schließlich jeder. Und das meiste liefern ja doch die Korrespondenzen.«

»Also, reden wir nicht lange«, erklärt Stuff. »Was ist Ihr äußerstes Wort?«

»Ich will Ihnen entgegenkommen. Mein Prokurist, Herr Trautmann wird empört sein, aber ich sage: dreihundertzwanzig!«

»Fünfhundert!« verlangt Stuff. »Und die Spesen.«

»Sie sind nicht mehr ganz jung«, sagt Gebhardt vorsichtig. »Und aufgeblüht ist die Chronik unter Ihrer Redaktion auch nicht grade.«

»Die Leute«, bemerkt Stuff träumerisch, »meinen, daß Sie, Herr Gebhardt, Ihren Namen nicht zu unrecht tragen. Wortspiele über Geben und Hartsein stellen sich zwanglos ein.«

»Dreihundertdreißig.«

»Wäre es Ihnen denn angenehm, Herr Gebhardt, wenn ich jetzt ausschiede? Die Übernahme der Chronik könnte dann kein Geheimnis mehr bleiben.«

»Aber das grenzt an Erpressung«, schreit Gebhardt. »Verlangen Sie, daß ich Ihnen Ihr Maul vergolde?«

»Verzeihen Sie, meine Herren«, klingt eine fette Stimme vom Eingang her. »Das Saumtier sucht im Nebel seinen Pfad. Ich fand niemanden, der mich anmeldete. Guten Abend, meine Herren.«

»Guten Abend, Herr Bürgermeister«, sagt Stuff.

6

Gareis streckt, würdig lächelnd, seine kleine fette Hand aus dem Ellbogengelenk den Herren hin, und Stuff darf feststellen, daß sein neuer Chef nicht nur vor ihm solch schuljungenhaft tiefe Tanzstundendiener macht. Er bewundert erneut das krause schwarze Krollhaar im Nacken.

»Die feindlichen Brüder einmal unter einem Dach?« fragt der Bürgermeister und blickt von dem verlegen-wütenden Verleger zum mürrischen Stuff. »In der Abendstunde finden wir unsern Weg? Oh, das liebe Publikum sollte wissen ...«

»Es war eine ganz belanglose, uninteressante Besprechung«, sagt kurz Gebhardt.

»Sie war sehr laut und uninteressant fand ich sie nicht. Nun, gleichviel ...« Des Bürgermeisters Gesicht verändert sich, wird ernst. Zwischen den Fettwülsten liegen kluge Augen. »Ich komme zu guter Stunde, da ich die Vertreter der maßgebenden Presse beisammen finde. Ich komme selbst zu Ihnen, mich Ihrer Unparteilichkeit zu versichern. Sie, Herr Stuff, schienen heute meinem Oberinspektor sehr voreingenommen.«

»Voreingenommen? Nein.«

»Nennen Sie es, wie Sie wollen. Sie mögen ihn nicht, gut. Aber, meine Herren, überlegen Sie genau, was Sie tun, ehe Sie was tun. Die Polizei steht voll zu dem, was geschehen ist. Sie hat die Regierung hinter sich. Sie hat aber auch die Arbeiterschaft – und die Arbeiterschaft, das ist Altholm – für sich. Stellen Sie sich gegen die Polizei, so stellen Sie sich gegen Ihre eigene Stadt – Vaterstadt sagt man gerne in diesem Hause –, so stellen Sie sich gegen die eigenen Interessen.«

»Ich glaube, Herr Bürgermeister, Sie überschätzen die heutigen Ereignisse. Das wird morgen eine lokale Spitze geben, dann noch zwei oder drei Notizen, in einem halben Jahre eine Gerichtsverhandlung – und alles ist vergessen.«

»Das glaube ich nicht«, widerspricht Stuff seinem Chef. »Der Kampf fängt erst an.«

»Und auf welcher Seite werden wir Sie sehen, Herr Stuff?«

»Ich bin einfacher Redakteur«, sagt Stuff.

»Ein Redakteur, gewiß«, nickt der Bürgermeister mit Mißbilligung. Und zum Zeitungsbesitzer gewendet: »Nebenbei: Sie wissen, daß der Magistrat beschlossen hat, der Chronik die amtlichen Bekanntmachungen zu entziehen?«

»Unmöglich!« schreit Gebhardt. »Davon hat mir Schabbelt kein Wort beim Verkauf gesagt.«

Und Stuff, zwei Sekunden zu spät: »Das ist kein Magistratsbeschluß!«

Der Bürgermeister lächelt, er sieht klar. Er wendet sich ganz an Gebhardt, und auf der andern Seite, im Dunkeln, bleibt Stuff: »Also, Gebhardt, Ihre Zeitung nennt sich Heimatblatt und Ihre Leser sind Arbeiter. Ich denke doch, Sie werden sie im Interesse der Heimatstadt unterrichten?«

»Im Interesse der Heimatstadt, ja«, sagt vorsichtig Gebhardt.

»Das heißt ... verstehen Sie wohl, es ist im Augenblick so leicht, einem gewissen Stimmungsdruck nachzugeben. Man muß auch einmal unpopulär sein können. Sie bekommen morgen unsern amtlichen Bericht. Halten Sie sich an ihn.«

»Wir werden zweifelsohne den amtlichen Bericht veröffentlichen.«

»Ich übe«, sagt der Bürgermeister, »ungern einen Druck aus. Aber diese Sache wird durchgefochten werden. Ich hoffe es, aber ich bin mir nicht sicher, daß ich diesmal Sie auf meiner Seite finden werde. Es ist nicht die Seite der SPD, die rote Seite, die Bonzenseite, wie Sie vielleicht jetzt glauben. Es ist die Seite der Ordnung, des Aufbaus, der Arbeit. Die Wahl müßte leicht sein ...«

Die beiden Herrn schauen vor sich hin. Der Bürgermeister sieht kummervoll von einem zum andern.

Schon erhebt er sich, und in ganz verändertem Ton: »Also, gute Nacht, meine Herren. Gute Nacht – Über Gehaltsfragen wird man sich am Ende immer einig, wenn man im Prinzipiellen so einverstanden ist wie Sie beide.«

Schon auf dem Gange: »Bitte, bemühen Sie sich nicht, Herr Stuff. Ich finde auch ohne Licht. Und man könnte Sie sehen. Wirklich. Gute Nacht!«

Stuff wieder zu Gebhardt: »Herrgott, was für ein Schwein! Was für ein Schwein!«

Und Gebhardt sauersüß lächelnd: »Etwas stachlig, der rote Herr, was?«

7

Tredup hatte geschrien aus dem Fenster des Gefängnisses, bis ihn Hände von hinten packten, hinunter zerrten.

Man hatte ihn aus seiner Zelle in den Arrestraum geschafft, der je nach Bedarf mal Arrestraum, mal Tobzelle heißt.

In jedem Gefängnis gibt es zwei Arten von Wachtmeistern: diejenigen, welche Tredup transportierten, gab es nach der Strafvollzugsordnung des preußischen Justizministeriums eigentlich gar nicht mehr.

Sie hatten ihn unter den Armen gefaßt und mit Hallo durch das brüllende Gefängnis über Gänge und Treppen geschleppt. Dabei hatten sie es so eingerichtet, daß seine Schienbeine möglichst häufig und möglichst heftig gegen eiserne Stufen und Geländerteile schlugen. Am Ende der Treppe, als nur noch zehn, zwölf Stufen übrig waren, hatten sie den Aufrührer plötzlich losgelassen, und er war wie ein Sack, sich überschlagend, die Stufen hinabgerollt auf den Zementboden des Flurs, wo er endgültig liegenblieb.

Dann hatten sie ihm dienstlich befohlen, aufzustehen, ihn ermahnt, nicht zu simulieren, auf die Folgen seiner Weigerung aufmerksam gemacht, und ihn schließlich, als alles nichts half, in die Tobzelle geschleppt, auf die Pritsche geworfen, ihm die Hosenträger abgeknöpft, damit er nicht auf törichte Ideen komme, und allein gelassen.

Tredup hatte dagelegen, halb besinnungslos, stundenlang. Eben noch schien er, ungeduldig wohl, aber doch einigermaßen untergebracht, in seiner Zelle gesessen zu haben. Dann war der komische spitzbärtige Wachtmeister gekommen und hatte ihn überredet, nach den Bauern zu schreien, was sofortige Freilassung zur Folge haben sollte. Dann hatte das Haus losgetobt wie ein wahnsinnig gewordenes Tier und dann hatten sie ihn behandelt ... sie hatten ihn kaputt gemacht ... das waren also diese Gefängnisse ...

Aufruhr hatten sie gesagt, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Meuterei ... Gab es Gefängnisse dafür? Zuchthaus? Wie lange?

Es ist eine Art Vogelbauer, in dem er liegt, mit lächerlich dicken Eisenstäben, halbdunkel, und mit nackten Wänden, die Eiseskälte atmen. Nur eine Holzpritsche, auf einem Steinfundament festgemacht, keine Decke, kein Schemel, nichts.

»Wenn ich hier«, denkt er, »einen Tag bleiben muß, eine Nacht, ich werde verrückt.«

Ein Doppelschlag gegen die Tür läßt ihn auffahren. Eine Stimme sagt irgend etwas.

»Ja, bitte?« fragt er verwirrt.

»Ob du scheißen willst?« brüllt es von draußen.

»Was? Wie? – Nein, ich will nicht.«

Draußen hört er reden. Dann klirren Schlüssel, ein Wachtmeister kommt herein, aber er steht in der andern Hälfte des Raumes, jenseits der Gitterstangen.

»Wollen Sie nicht Ihre Notdurft verrichten?« fragt der Wachtmeister freundlich. Und zum Gefangenen in Blau, der mit einem Kübel in den Händen eingetreten ist: »So fragt man das. Wie Sie das machen, ist es keine Art.«

»So ein Schwein«, murrt der Mitgefangene bösen Blicks. »Hier den ganzen Bau rebellisch zu machen!«

»Das geht Sie gar nichts an«, sagt der Wachtmeister entschieden. »Also, wie ist es mit Ihnen? Nein? Versuchen Sie es vielleicht? Wir kommen erst morgen früh wieder. Einen Kübel dürfen wir Ihnen nicht lassen, weil Sie getobt haben.«

»Nein, ich danke wirklich. Aber wenn ich eine Decke haben könnte? Hier ist es so kalt.«

»Ja, natürlich. Ihnen stehen zwei Decken zu. Böge, holen Sie die gleich.« Und als der Gefangene aus der Zelle ist: »Sie haben da ein Ding in der Wand, wir nennen es eine Flagge. Die brauchen Sie nur rauszuschieben, wenn es nötig ist, nachts.« Leise: »Aber tun Sie es nur, wenn es ganz nötig ist. Der Nachtdienst wird auch nicht gerne gestört. So, hier haben Sie Ihre Decken.«

Es ist wieder still in der Zelle, langsam wird es dunkler. Tredup möchte an sein vergrabenes Geld denken, wie er von hier fort will, sich eine andere Zukunft machen. Ob dieser nette Wachtmeister ihn rausließe, wenn er ihm fünfhundert Mark böte?

Plötzlich flammt das Licht auf an der Zellendecke. Wieder klirrt der Zellenschlüssel. Ein dicker Mann mit einem Gesicht wie eine Bulldogge tritt ein, gefolgt von einem Wachtmeister, beide in weißen Mänteln.

»Das ist der Kerl«, sagt der Dicke, »der den Krach gemacht hat. Na, sehen Sie, Troschke, das ist ein Simulant, wie er im Buch steht. Geben Sie Ihre Hand her«, grobst er. »Hier durch das Gitter!

Ganz ruhiger Puls, jetzt natürlich ein bißchen Herzpuppern. Haben wir Angst, was? Müssen wir die Suppe nun ausfressen, wie? Nun kommen die Folgen, heh?«

Wieder: »Warum haben Sie aus dem Fenster gebrüllt?«

»Ich weiß nicht ... ich hielt es nicht mehr aus ...«

Der Arzt höhnend zum Lazaretthauptwachtmeister: »Hielt es nicht mehr aus! Das Söhnchen! Ging nicht mehr, was? Na, mein Lieber, solche wie Sie, die kriegen wir hier schon klein. Mit solchen fahren wir hier ab ...«

Gesteigert: »Schlitten werden wir mit Ihnen fahren! Kommen Sie mir nur, daß Sie krank sind, Sie Simulant, Sie! Arrest werde ich gegen Sie beantragen! Sie sollen mir nicht mehr aus diesem Loch.«

Zum Hauptwachtmeister, plötzlich ganz ruhig: »Sehen Sie es sich an, dieses Jammergestell. So was bringt das ganze Gefängnis in Aufruhr. Nun hat er Tränen in den Augen. Schmach! So was will ein Deutscher sein! Zum Kotzen ist das!«

Die Tür schrammt wieder zu. Das Licht geht aus.

Im Dunkeln liegt Tredup, das Gesicht in den Decken, ein Heulen in der Kehle, das nur die Angst nicht laut werden läßt.

»Wie gehen sie mit mir um? Wie kann ich je einem Menschen wieder ins Gesicht schauen? Oh, ich halte es nicht aus, ich will heim, in die kleine Hofstube, zu Elise und den Kindern.

Willi hat seine kleine Hand in meine gesteckt, hat sich an meinem Finger festgehalten. Er hat Vertrauen zu mir gehabt. Wer soll noch Vertrauen zu mir haben? Alles ist vorbei.

Hätten sie mir nur nicht die Hosenträger fortgenommen. Ich müßte die Decke zerreißen.«

Er muß geschlafen haben, denn jetzt steht an seinem Bett wieder ein Mann in der graugrünen Uniform und rüttelt ihn an der Schulter.

»He, Sie! Wie heißen Sie?«

»Tredup.«

»Kommen Sie mit, zum Direktor. Halt, gehen Sie auf Strümpfen, nehmen Sie Ihre Schlappen in die Hand. Die andern brauchen nicht aufzuwachen, es ist heute genug Klamauk gewesen.«

Es ist ein stilles Gehen durch das schlafende Gefängnis, mit den Hunderten von Türen, hinter deren jeder einer schläft oder still wach liegt.

Leise schlurft auf Hausschuhen der Wächter hinter ihm.

»Dort die Treppe hinauf«, sagt er leise. »Hier den Gang entlang.«

»Was wird bloß mit mir?« fürchtet sich Tredup. »Werde ich schon bestraft? Hätten sie mich doch schlafen gelassen.«

»So, hier.«

Der Wachtmeister klopft gegen eine Tür, heller Lichtschein.

»Na, denn gehen Sie nur rein. – Ziehen Sie erst Ihre Schuhe an.«

Hinter einem Schreibtisch sitzt ein großer, glattrasierter Mann mit frischen Farben, einem freundlichen Gesicht, kahlem, glänzendem Schädel. Das Zimmer ist sehr hell und sauber. Da sind Blumen ...

Tredup kommt sich alt, grenzenlos müde und sehr schmutzig vor.

»So. Sie sind also Tredup.« Der Mann sieht ihn sehr lange an. »Sagen Sie, Herr Tredup, was war heute nachmittag mit Ihnen?«

Tredup sieht den Herrn einen Augenblick an. »Der ist anders«, denkt er. Und laut: »Es kam einer rein in meine Zelle und sagte mir, draußen ständen Bauern. Und wenn ich um Hilfe riefe, würden sie kommen und mich frei machen.«

Gefängnisdirektor Greve betrachtet ihn aufmerksam und sein helles Gesicht wird irgendwie matter. »Sie haben geschlafen?« fragt er. »Sie haben geträumt?«

»Ich habe nicht geschlafen. – Doch ja, ich hatte geschlafen«, sagt Tredup. »Aber es war ein Wachtmeister, ein Mann mit einem kleinen gelben Spitzbärtchen.«

»Ein Mann mit einem kleinen Bärtchen«, wiederholt der Direktor langsam.

»Wie alt sind Sie, Herr Tredup?

Sie sind verheiratet, nicht wahr?

Sie haben Kinder?

So, zwei. Sind Sie alle gesund?«

»Ich habe nicht geträumt«, beharrt Tredup. »Der mit dem Bärtchen war da und hat es mir gesagt.«

»Sie haben nicht geträumt, nun schön. Aber wenn einer kommt und sagt Ihnen so etwas, tun Sie das dann gleich, ohne zu überlegen?«

Tredup steht stumm.

»Sehen Sie, schließlich sind Sie doch in einem Gefängnis. Sie sind schon ein paar Tage hier, nicht wahr? Sie haben die Mauern gesehen und die Schlösser und die Beamten mit ihren Waffen?«

Tredup schweigt.

»Wenn der Hellbärtige Ihnen nun wirklich von Bauern gesprochen hat, wie dachten Sie sich das dann? Meinten Sie, die Bauern würden das Gefängnis überfallen und Sie frei machen? Wieviel Bauern standen denn vor Ihrem Fenster, als Sie schrien?«

»Ich habe keine gesehen. Ich habe nur gerufen.«

»Sie haben nur gerufen. Ohne Hoffnung. Bloß, weil es Ihnen einer gesagt hat?«

»Weil er von Freiwerden gesprochen hatte.«

»Ja so. Natürlich.« Der Mann senkt plötzlich den Blick. Nimmt Papiere in die Hände. Dann in einem andern Ton: »Weswegen ich Sie rufen ließ. Die Staatsanwaltschaft hat Ihre Außerhaftsetzung verfügt.«

»Ja?« fragt Tredup ängstlich.

»Ja. Heute abend kam die Verfügung. Und da Ihnen die Haft nicht zu bekommen scheint, wollte ich es Ihnen gleich mitteilen.«

»Und ich darf ...« fragt stockend Tredup. »Wann darf ich fort?«

»Morgen früh. Heute abend. Wann Sie wollen.«

»Es ist wahr? Trotzdem ich geschrien habe?«

»Trotzdem. Ja. Ich denke, es wird keine Folgen haben, das Schreien.« Der Direktor nimmt ein Blatt Papier, betrachtet es einen Augenblick mit hochgezogenen Brauen, zerknüllt es und wirft es in den Papierkorb. »Sie wollen gleich nach Haus?«

»Wenn ich darf?«

»Es wird gehen. Was Sie an Privatsachen noch hier beim Hausvater haben, können Sie sich eventuell morgen abholen.«

»Ich danke ... ja, ich danke so sehr ... nie vergessen«, flüstert Tredup.

»Ich klingle nach der Nachtwache«, sagt der Direktor. »Sie wird Sie fortbringen.«

Eine Klingel schlägt ganz fern und leise irgendwo an. Dann ist eine Weile Stille.

»Übrigens«, sagt der Direktor plötzlich. »Vor ein paar Tagen wollte Sie auch Herr Bürgermeister Gareis besuchen.«

»Ja?«

»Ich durfte es damals nicht gestatten, aber vielleicht gehen Sie jetzt einmal zu ihm, nicht? Er schien sehr viel Interesse an Ihnen zu nehmen. – Wachtmeister, führen Sie den Mann zur Abfertigung. Zenker wird noch da sein. – Gute Nacht, Herr Tredup.«

Er gibt ihm die Hand.

8

Es ist Nacht geworden, eine gute klare Julinacht ohne Mond. Über der kleinen Menschensiedlung Altholm, locker gebaut, zwei Kilometer hin, zwei Kilometer her, ist der Himmel voll ausgestirnt.

Man kann sie sehen die Sterne, klar flimmern sie herab, und Gareis, der noch mit Assessor Stein spazierengeht, blickt zu ihnen empor:

»Sie müssen sich das merken, Stein: die Hinterräder des Wagens verlängert und Sie finden den Polstern. Und die drei dort zusammen, das ist der Gürtel des Orion. Sie waren immer Städter, aber mich nahm mein Vater bei der Hand. Wir gingen über Land, heim von irgendeiner Hausschlachtung, bei der er geholfen. Barbier sein bringt auf dem Lande nicht viel ein.«

»Alles schläft«, sagt der Assessor. »Und morgen fängt der Kampf wieder an.«

»Und ist das schlimm? Es ist gut, daß wir kämpfen müssen.«

»Lohnt es sich?«

Der Bürgermeister bleibt stehen. Den Hut schiebt er in den Nacken und aus dem Dunkel wuchtet seine große Masse über das befreundete Assessormännchen. »Manchmal frage ich mich, warum Sie überhaupt in der Partei sind? Lohnt es sich –? Gewiß lohnt es sich.«

»Die Genossen sind genauso borniert wie die andern.«

»Und –? Übrigens ist auch das falsch. Sie sind unzufrieden und Unzufriedenheit ist mehr wert als Genügsamkeit.«

»Ich glaube, Sie werden allein stehen im Kampfe, der kommt.«

»Werde ich? Sie kennen die Arbeiter nicht. Die Arbeiter werden wissen, daß ich für ihre Sache kämpfe.«

»Ihre Sache? Frerksen hat doch Mist gemacht.«

»Nein. Nein. Ich gebe das nicht zu. Auch Ihnen nicht. Recht hat er getan.«

Und plötzlich ganz lebhaft: »Halt! Sehen Sie! Sehen Sie doch! – Da fiel eine Sternschnuppe. Haben Sie sich was gewünscht? Natürlich haben Sie sie nicht gesehen. Ich habe mir was gewünscht.«

Der Assessor fragt: »Und was?«

»Das sage ich Ihnen erst in vier Wochen. Oder in einem Monat. Oder in einem halben Jahr.«

»Aber Sie sagen es mir?«

»Das tue ich. Bestimmt.«

 

Auch Tredup, der vom Zentralgefängnis heimtrottet, sieht zu den Sternen empor. Aber die Sternbilder kümmern ihn nicht. Er will nur die Gegend sehen, in der er auf dem Heimweg damals von Stolpe sein Geld vergrub. Am liebsten liefe er gleich jetzt durch die Nacht dorthin, grübe es aus dem Kiefernsand, nahe den Dünen. Ginge fort aus Altholm, aus Pommern, aus Deutschland, in die weite Welt. Irgendwohin, in einen Winkel, am besten dorthin, wo man die Sprache nicht kennt, das Land nicht kennt, wo niemand je erfahren wird, was ihm geschehen ...

Aber da sind Frau und Kinder ...

Mit kummervoll hochgezogenen Schultern, den Blick scheu hinter sich nach Verfolgern, schleicht er der riechenden heißen Hofwohnung zu.

 

Stuff geht mit gesenktem Kopf. Sieht er die Sterne, sieht er sie höchstens im Wasser, im Teich, den entlang er der Kneipe zustrebt. Aber er denkt nicht an sie, er denkt an seinen neuen Chef, an das um hundert Mark verkleinerte Gehalt (sie haben sich loyal die Differenz geteilt und er hat auf Spesen verzichtet). Er denkt der Kette, an die sie ihn jetzt gelegt haben. Oh, daß er nicht beißen darf! Daß ein feiger Chef ihm den offenen Angriff auf die rote Rotte verbietet. Es wäre der schönste Lebensabend gewesen, noch einmal, verbrauchter, glaubensloser Pressehengst, der er ist, mit gutem Glauben den Kampf für eine gute Sache führen zu dürfen.

Er darf es nicht. Er muß zahm sein, wie immer. Kleine Stiche vielleicht, aber die Rücksicht auf die rote Mehrheit im Stadtverordnetenkollegium ...

»Und ich schmiere dich doch aus! Es mag gehen, wie es will!«

Er blinzelt nach einem Fenster, das hell durch Gebüsch zu ihm blinkt. »Krankenhaus«, denkt er. »Die krepieren und gebären, immer feste weiter. Was das für einen Sinn hat ...«

 

Der im Licht der blinkenden Lampe liegt, denkt nicht daran zu krepieren. Henning liegt, halb beduselt von etwas Morphium, in Wachträumen. Wieder schwenkt er die Fahne. Sie rauscht herrlich durch den blaugoldenen Tag.

Und plötzlich sind viele Männer da, das Zimmer ist so voll von Schatten. Richtig, sie halten Wache, sie haben ihm ja gesagt, daß er hier als Polizeigefangener liegt. Keine Kleider im Zimmer, nichts wie das Nachthemd auf dem Leibe.

»Aber es eilt noch nicht. Wenn es soweit ist, ich türme immer, auch aus dem Z. G. Man wird Wachtmeister Gruen sagen müssen, daß er auf Tredup ein Auge hat Es wäre schlecht, wenn sie jetzt erführen, daß ich auch in der Bombengeschichte hänge.«

 

Gruen aber ist suchen. Er streicht über die Schuttabladeplätze der Stadt, er sucht, ein verdrehter Hexerich, drei Dinge: eine Konservenbüchse, einen Karton und einen zerbrochenen Wecker. Er grinst wie ein Affe und das Bärtchen am Kinn zittert und tanzt.

›Nehmen Sie das auf Ihren Beamteneid?‹

›Gewiß nehm ich das auf meinen Beamteneid, Herr Direktor.‹

›Der Untersuchungsgefangene Tredup behauptet bestimmt, Sie hätten ihm eingeredet, die Bauern zu alarmieren.‹

›Der träumt ja. Ich war unten auf C 1, habe Wasser ausgegeben.‹

»Beamteneid. Wahrhaftig! Wie die sich haben mit ihrem bissel Republikeid, und ganz ohne den lieben Gott. Verfassung ... na ja, was man so Verfassung nennt ... Die Konservenbüchse wäre da.«

 

Im Ehebett, der Polizeioberinspektor Frerksen, hält seine Frau im Arm.

»Es war ein schrecklicher Tag, Änne. Aber ich habe richtig gehandelt. Alles steht hinter mir.«

»Und Gareis? Was hat Gareis gesagt?«

»Gareis zählt nicht. Einer von der Regierung, ein ganz Geheimer, hat mir gesagt, ich habe den Laden geschmissen.«

»Und die Verletzten? Sind sie schwer verletzt?«

»Die sind alle verhaftet. Aufrührer, wer soll mit denen Mitleid haben? – Was raschelst du, Hans? Warum schläfst du nicht?«

»Ich muß mal, Vater.«

»Man muß nicht müssen, mitten in der Nacht. Man beherrscht sich. Na, geh schon aufs Klosett. Aber leise, daß keiner was merkt.«

 

Leise müht sich auch Thiel zu sein, der im Stolper Gerichtsgefängnis den letzten Grat an den Gitterstäben seiner Zelle durchsägt. Wer durch den Schlund jenes Bücklings, den es einmal die Woche als Beikost gibt, Stahlfeilen gespießt findet, versteht schon den Wink. Nur, daß es ein wenig lange dauerte, bis er zum Ziele kam.

Heute nacht aber ist es soweit. Die Decken, zerrissen und zu einer Leine aneinander geknüpft, liegen schon auf seinem Bett. Und ist er erst auf dem Hof, ist er auch schon in Freiheit. Er ist noch lange nicht verurteilt wegen Bombenschmeißens.

Er hebt vorsichtig die ausgesägte Ecke Gitter aus, genau berechnet nach seinem Leibesumfang, legt sie auf sein Bett. Am stehengebliebenen Stummel knüpft er die Leine fest und schwingt sich in die Öffnung.

Er lauscht. Sein Herz klopft so schnell nicht, wie er gefürchtet hatte, seine Hände sind fest.

Ganz dunkel ist die Nacht. Ganz still sind die Straßen. Und oben funkeln die Sterne.

»Ja, ich war ein kleiner Angestellter und wußte nichts wie Zahlen. Und plötzlich bin ich etwas ganz anderes und es ist auch so recht. Aber dem Henning werde ich Bescheid stoßen, daß er mich hat sitzenlassen. Wenn nicht die Feilen von ihm waren. – Also los!«

Er faßt das Seil und läßt sich hinab ins Dunkel.

 

Im Dunkeln steht auch Padberg, in einem dunklen Hausflur gegenüber der Redaktion der Bauernschaft. Er späht nach den Fenstern seines Arbeitszimmers, die auch dunkel sind. Dunkel scheinen. Aber zweimal hat er jetzt dort ein Licht aufblitzen sehen, ein feines Strählchen, er hat sich nicht getäuscht.

»Der Kerl ist wieder beim Stöbern. Wie er nur reinkommt? Durch den Vordereingang bestimmt nicht, durch die Hintertür auch nicht, bleibt –? Dach oder Keller! Dann wohnt er in diesem Block, wahrscheinlich sogar in den Nebenhäusern ... Warte!«

Aber er kann sich nicht erinnern, wo seine Setzer wohnen.

»Halt!«

Eben hat der Kerl nicht aufgepaßt, ein weißer Lichtstrahl fuhr gegen die Decke, erlosch blitzschnell.

»Der geniert sich verdammt wenig. Gut, daß ich das Manuskript für morgen in der Tasche habe, sonst wäre es womöglich auch flöten. Bin doch neugierig, ob er den Hundertmarkschein klaut. Das wäre ein Fingerzeig.«

Padberg zuckt die Achseln.

»Es ist sinnlos, daß ich hier noch stehe. Schließe ich unten auf, ist er verschwunden. Aber morgen nacht, morgen, Freundchen, packe ich mich unter den Schreibtisch.«

 

Noch an einem andern Schreibtisch wird in dieser Nacht heimlich gearbeitet. Im Rathaus Altholms, längst verlassen, völlig verödet, öffnet sich die Tür zum Arbeitszimmer des Bürgermeisters.

Ein kleiner Schatten steht einen Augenblick im Rahmen, lauscht. Dann huscht er gegen den Schreibtisch, beweglich, jugendlich, rasch, macht sich zu schaffen daran, zieht das linke obere Schubfach auf. Er tastet mit seinen Händen. Obenauf liegt ein Schreiben, ein Stück Papier, in Folie. Starkes Papier, in der Mitte gebrochen, also in einem langen Folioumschlag gewesen. Die Hände tasten weiter. Siehe da, darunter liegt der Umschlag, hastig aufgerissen, aber die spürenden Finger fühlen doch die Siegelmarke, die ihn verschloß.

»Der Geheimbefehl«, flüstert der kleine Mann. »Ich habe ihn. Nun warte, Genosse Gareis, jetzt haben wir dich an der Strippe.«

 

Durch das schlafende Land fährt langsam, schleudernd, mahlend ein Auto. Manchmal, wenn es stille hält, und Bandekow und Rehder beraten über den Weg, hören sie zur Linken deutlich die Brandung der See.

Als das Auto heute morgen ausfuhr, waren darin fünf: Padberg, Henning, Rohwer, Rehder, Bandekow. Wo sind sie jetzt?

Henning zum Krüppel geschlagen und gefangen, Rohwer verhaftet und im Gefängnis, Padberg im Zorn geschieden.

Zwei nur sind übriggeblieben, aber sie haben einen dritten mitgenommen: er liegt hinten im Wagen, der Bauer Banz, den sie vor der Schupo im Keller des Auktionshauses verbargen. Meistens liegt er still, aber manchmal spricht er auch, und was er spricht, das zeigt, wie gut es war, daß sie ihn nicht der Polizei auslieferten.

»Wir müssen sehen, daß wir den Sprengstoff aus der Scheune kriegen. Bei seinem jetzigen Zustand dürfen wir ihn nicht hier lassen.«

»Den kann ich zu mir nehmen«, sagt Bandekow.

»Ja, vielleicht. Aber nicht heute nacht. Heute ist alles Unglück.«

»Das mögen Sie wohl sagen.«

Im Licht der Scheinwerfer taucht der Katen auf.

»Hoffentlich kriegen wir die Frau bald wach.«

»Und hoffentlich erschrickt sie nicht zu sehr.«

Aber die Frau erschrickt nicht: »Kommt ihr allein, das holen, oder bringt ihr ihn?«

»Wir haben ihn im Wagen, aber ...«

»Lebt er?«

»Ja, aber er ist verletzt.«

»Kann ich ihn aufs Bett legen oder sucht ihn die Polizei?«

»Die Polizei weiß nichts von ihm. Vielleicht später, jetzt noch nicht.«

»So faßt an, Männer.« Sie hält den mißhandelten Kopf mit festen Händen.

Sie legen ihn in der Stube aufs Bett.

»Können wir etwas helfen? Brauchen Sie Geld?«

»Gehen Sie nur. Ich komme zurecht.«

»Und besser holen Sie keinen Arzt.«

»Arzt –?« fragt sie verächtlich. »Ich habe alle Kinder bekommen und groß gemacht ohne Arzt. Das bißchen Wunde? Das wasche ich mit Rinderurin. Und gegen das Fieber gibt es Umschläge. In einer Woche häufelt er Kartoffeln.«

»Aber ...«

»Nein, nun geht man!«

 

Den Burstah, auf dem nur noch jede dritte Laterne brennt, schlendert ein Mann entlang. Fast kein Mensch ist mehr unterwegs, und so hat der Mann die ganze Straße für sich allein. Er schlendert in der Mitte des Fahrdamms, die Hände tief in den Taschen, und pfeift sich eins.

Auf der Verkehrsinsel an der Grünhofer Straße bleibt der Mann stehen. Er ist nicht ganz so gleichgültig und unbekümmert, wie er tut. Sehr genau mustert er Straße und Häuser, den Grünplatz, die Anlagen um das Heldenmal.

Auf einer Bank hinten entdeckt er ein Liebespaar, im tiefsten Schatten der Büsche.

Er zögert einen Augenblick, überlegt sich den Fall, aber dann geht er doch auf das Heldenmal zu.

»Die sehen nichts. Die haben kein Auge«, sagt er.

Diesmal geht Matthies, der Funktionär der KPD, sachte um das Geraniumbeet herum, bemüht sich, seinen Fuß nur auf festen Rasen zu setzen.

Dann kommt er in den Schatten des Denkmals, hinter den Sockel. Er braucht nur einmal zu tasten, schon faßt er den Griff des Säbels.

»Dacht ich mir doch! Hat zuviel zu tun gehabt, der liebe Frerksen, hat seinen Säbel ganz vergessen.«

Er zieht ihn aus der Erde und steckt ihn vorsichtig von oben in ein Hosenbein. Macht dann den Säbelkorb am Hosenträger fest.

»So. So kriege ich ihn schön nach Haus. Und ich möchte wohl sehen, was du für ein Gesicht machst, Genosse Frerksen, wenn wir ihn beim nächsten Umzug mit rumführen unter einem Plakat: ›Der Bluthund Frerksen‹.«

Matthies schlendert gemütlich an dem Liebespaar vorbei.

»Na, Mädchen, kriege ich auch einen ab?«

Das Liebespaar, ein dunkler Knäuel, gibt nicht Laut.

»Seid man recht fleißig, es gibt noch lange nicht genug Proleten.«

Er entschwindet um die Ecke bei den Nachrichten. Das Paar nimmt sich fester in den Arm, unterm Sternenzelt.

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.