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Bauern, Bonzen und Bomben

Hans Fallada: Bauern, Bonzen und Bomben - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorHans Fallada
titleBauern, Bonzen und Bomben
publisherRowohlt
year1970
isbn3499106515
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150405
projectida9d0209c
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Fünftes Kapitel
Der Blitz ist in der Wolke

1

Es ist Sonntag gewesen und nun ist es Montag geworden, auch in Altholm. Die Sonne ist um 4 Uhr 14 aufgegangen, der Himmel ist hellblau. Es verspricht ein schöner Tag zu werden, auch in Altholm.

Für Stuff ist der Montag ein schlimmer Tag, nicht nur dieser, jeder Montag. Am Sonntag wird es stets später, als es werden soll, und sein Herz hält das Trinken nicht mehr recht aus. Trotzdem ist es kaum sechs vorbei, als er den Burstah entlang schlurft, zuerst zum Hauptbahnhof, um dort die Stettiner Blätter zu kaufen, aus denen er mit seinem »Solinger Mitarbeiter« den Sportteil der Chronik zusammenstellt: reine Scherenarbeit.

»Hoffentlich ist nicht zu viel los«, denkt er, als er die Tür zur Chronik aufschließt und noch einmal den Burstah hinunterschaut. Die Straße ist fast menschenleer, sie sieht so kümmerlich aus im frischen, jungen Morgenlicht. Die Reklamen an den Läden alt und verwittert. »Als hätten wir alle zu sterben vergessen«, denkt Stuff.

Polizeihauptwachtmeister Maak kommt von der Bahnhofswache, wo er wohl Nachtdienst gehabt hat. Stuff winkt ihm. Vielleicht kann er ein paar Neuigkeiten aus der Sonntagnacht erfahren, irgendeinen fetten Lokalriemen.

Aber Maak hat nichts. Es ist alles still gewesen. Vielleicht auf der Rathauswache?

»Da komme ich noch um zehn hin. Au verdammt, wie mein Schädel schmerzt! Was wird das heute mit den Bauern?«

»Nichts. Vielleicht demonstrieren sie gar nicht. Der Reimers ist noch am Freitagabend nach Stolpe gebracht worden.«

»Ist das sicher? Woher weißt du das? Wer hat das gemacht? Euer dickes Schwein von Bonze?«

»Sicher ist es. Katzenstein hat ihn selber im Auto fortgefahren. Und der Bürgermeister war am Freitagabend im Gefängnis, das weiß ich bestimmt.«

»Die Woche fängt gut an. Denkt man, es ist endlich ein bißchen Leben in Altholm bei diesen bescheidenen Zeiten, jagen die Bürgermeister noch die Kundschaft aus dem Laden. Nun, zu einer Lokalnotiz langt es.«

»Ich hab sie dir aber nicht gegeben.«

»Nee, natürlich nicht. Ich weiß Bescheid. Morgen.«

Der Stadtsoldat schlendert weiter die Straße hinunter. Die Verkehrsposten sind noch nicht besetzt, nur ein paar Milchwagen sind unterwegs. Er ist herrlich müde und freut sich erstens auf sein Bett, zweitens auf den Morgenkaffee vorher mit frischen Semmeln und Honig, drittens, daß er die Kinder noch zu sehen bekommt, ehe sie in die Schule gehen. –

Stuff erschrickt, als er auf die Redaktion kommt, und dort sitzt ein weißschopfiger rotglänzender Zwerg: sein Chef.

»Guten Morgen, Herr Schabbelt.«

»Quatsch. Was ist mit dem Tredup?«

»Der sitzt. Er soll die Bombe gelegt haben bei dem Präsidenten.«

»Quatsch. Und was ist mit den Bauern?«

»Fällt aus. Die haben heimlich den Oberbauern am Freitag nach Stolpe gebracht.«

»Hör mal, die wollen uns die Anzeigen wegnehmen vom Magistrat. Es lohnt sich nicht mehr, haben die geschrieben, und sie müssen sparen.«

»Wer hat es unterschrieben?«

»Der Gareis.«

»Definitiv?«

»Es läßt sich vielleicht noch einrenken. Geh heute morgen mal zum Bürgermeister und sag ihm, daß wir fromm sein wollen. Vielleicht läßt er uns dann noch die Anzeigen.«

»Kann das der Wenk nicht?«

»Der kann nicht. Das ist kein Mann, das ist ein besoffener Kleiderständer.«

»Gerne tue ich es nun grade nicht, Herr Schabbelt.«

»Gerne verkauf ich den Käse auch nicht und muß doch.«

»Welchen Käse?«

»Nun den hier!« Der Gnom schlägt erbost auf die Schreibtischplatte. »Den ganzen Käse hier. Mit Rupps und Stupps. Setzerei, Redaktion – eben alles!«

»Herr Schabbelt!«

»Ich weiß. Ich weiß. Da sind Wechsel, und die Schweine haben mir die Hypotheken gekündigt, das ist ein Komplott.«

»Und wer kauft?«

»Meier aus Berlin oder Schulze aus Stettin oder Müller aus Pforzheim.«

»Irgendwer?«

»Natürlich irgendwer, für den kleinen Intriganten von den Nachrichten, den Gebhardt, der so nach Geld stinkt.«

»Herr Schabbelt!«

»Tut mir leid, Stuff. Ist bitter, von der Konkurrenz geschluckt zu werden, ich weiß das. Mußt sehen, daß du noch ein bißchen in letzter Stunde vor denen kriechst, damit sie dich übernehmen. Deswegen hab ich es dir gesagt. Morgen.«

»Na, diese Woche ...« sagt Stuff und starrt vor sich hin. –

Auch der Hauptwachtmeister Maak hat seine Überraschung auf der Wache.

Polizeimeister Kallene empfängt ihn: »Sie können heute nicht nach Haus. Wir liegen in Alarmbereitschaft. Schlafen Sie ein paar Stunden nebenan auf der Pritsche. Um neun Uhr ist Dienstausgabe.«

Auf der Mannschaftsstube sind schon mehr vergrätzte Kollegen.

»Weswegen ist denn das? So eine verfluchte Sauerei!«

»Nun weswegen denn? Auf dem Arbeitsamt wollen die Kommunisten stänkern.«

»Quatsch! Das ist wegen der Bauern.«

»Bauer kommen heute nicht in Frage. Gareis hat den Reimers höchstselbst nach Stolpe expediert.«

»Wer hat diesen Scheiß angerührt?«

»Ich wollte Frühkartoffeln aufnehmen in meinem Garten.«

»Und meine Frau sitzt und wartet mit dem Kaffee.«

»Wer soll das gemacht haben wie dieser Affe Frerksen? Dieser Hund mit seinen ewigen Schikanen.«

»Seine eigenen Eltern besucht er nicht mehr, so fein ist der Schreiberstift geworden. Weil der Vater mit Lumpen rumgezogen ist.«

»Mist. Knöppe hat er verkauft auf den Dörfern und Hosenträger.«

»Wer soll denn hier schlafen, wenn ihr alle so sabbelt? Haltet den Rand gefälligst!«

»Du kommst noch früh genug zum Schlaf bei deiner Ollen.«

»Ruhe endlich!«

»Ruhe!«

»Halt doch selber die Fresse!«

»Ruhe!!!!«

2

Polizeioberinspektor Frerksen steht auf. Es ist kurz nach sieben Uhr. Die Frau hat ihm schon Rasierwasser bereit gesetzt. Der Zivilanzug vom Sonntag ist weggehängt, die Uniform liegt überm Stuhl.

Er ist grämlich, mürrisch. Geärgert sieht er in den Sonnenschein. Als die Kinder nebenan lärmen, stößt er einen Fluch aus und wirft den Schuh gegen die Tür.

Dann fängt er langsam mit dem Anziehen an.

Die Frau kommt.

»Warum hast du mir die Uniform rausgehängt? Ich gehe in Zivil.«

»Aber ...«

»Zum Donnerwetter, ich will Zivil tragen!«

Es wird ihm hingehängt.

Frerksen fängt an, sich zu rasieren. Dazwischen murrt er: »Am liebsten meldete ich mich krank.«

»Krank! Bist du krank?«

»Wieso soll ich krank sein? Solch ein Unsinn! Krank melden möchte ich mich.«

»Was hast du heute? Hast du dich geärgert, Fritz?«

Frerksen wirft den Rasierapparat hin, schreit: »Frag mich nicht! Ich sage dir, frag mich nicht! Geh raus in deine Küche!«

Frau Frerksen geht lautlos ab.

Die Vögel lärmen in den Bäumen und nun kommt auch noch so ein Aas von Motorradfahrer mit knatterndem Auspuff vorbei.

»Schade, die Nummer ist nicht zu erkennen. Dem hätte ich es gerne besorgt. – Wäre ich doch erst auf Urlaub!«

Am Kaffeetisch wird kein Wort gesprochen. Bub und Mädel, durch die Mutter gewarnt, sitzen lautlos da und sehen nicht von ihren Tellern auf. Die Frau legt dem Mann Semmel auf Semmel gestrichen vor. Er ißt gedankenlos, den Blick zum Fenster hinaus, eine senkrechte Falte auf der Stirn.

Die schüchterne Stimme der Frau: »Möchtest du noch Kaffee?«

»Wie? Ja natürlich. – Übrigens kannst du mir doch lieber die Uniform hinhängen.«

Die Frau will es sofort tun.

»Nein. Das hat Zeit. Nachher.« – Pause. – »Übrigens, heute geht es schief.«

»Schief –?«

»Ja, schief! Heute setze ich mich zwischen zwei Stühle.«

»Fritz ... sag mir doch ...«

»Der Bürgermeister will Hü und der Präsident will Hott. Wie ich's mache, mach ich's falsch.«

»Wo wir doch dem Bürgermeister alles verdanken?«

»Himmelherrgott, dieser verfluchte Weiberklatsch! Diese elende Sentimentalität! Was hat das damit zu tun? Ja, bitte, bitte, nun noch Tränen. Statt daß man eine Hilfe hat ...« Und plötzlich: »Kinder, in die Schule, macht, daß ihr fortkommt!«

Als sie allein sind: »Verzeih mir doch, Anna, verzeih! Meine Nerven, du weißt. Und heute, wenn die Bauern kommen ... Und ich soll womöglich mit dem Säbel oder der Pistole ... Die haben mich doch so gedrängt von der Regierung. Ich habe davon geträumt. So was kann ich doch nicht. Nein, du hast natürlich recht. Ich tue, was Gareis will. Ich kann gar nicht anders.«

3

Das Zimmer des Oberpräsidenten ist halbdunkel und kühl, wie immer. Es gibt keine Welt außer dieser, der dunklen Bücherschränke, der schalldämpfenden Teppiche, der schwarzbraunen Eichenmöbel.

Assessor Meier hat eben die Reinmacheweiber hinausgejagt. Schon kommt Temborius, es ist noch nicht acht.

»Wo bleibt denn der Tunk?«

»Muß sofort kommen. Es ist noch nicht ganz acht.«

»Es ist acht. Meine Uhr ist acht. – Was haben die Landräte gemeldet?«

»In allen Kreisen gestern Versammlungen. Viel junge Burschen auf schwarzen Pferden in schwarzer Kleidung mit schwarzen Trauerfloren unterwegs, die zum Landthing in Altholm aufriefen.«

»Diese Versammlungsfreiheit für Staatsverbrecher ist ein Wahnsinn. Ich muß mit dem Minister sprechen.«

Meier verbeugt sich.

»Nun, berichten Sie schon! Was sonst? Hat der Brief in der Volkszeitung nicht gewirkt?«

»Die Bauern lesen nicht die Volkszeitung. Und wenn sie sie lesen, sagen sie, es ist alles erlogen.«

»Woher stammt er?«

»Von Gareis.«

»Von Gareis? Ausgeschlossen!«

»Ich weiß es von Pinkus. Gareis hat ihm den Brief selbst gegeben.«

»Verstehen Sie das? Die Demonstration erlaubt er und dann hetzt er dagegen?«

»Vielleicht ist ihm doch etwas schwül. Will sorgen, daß sie ihm nicht zu stark wird.«

»Schwül? Das ist ein Bulle, sage ich Ihnen! Siebzehn Landräte aller Parteischattierungen machen mir nicht so viel Sorgen wie dieser Gareis, der mein Parteigenosse ist. Das ist ein Bauernfreund!«

Kriminalkommissar Tunk wird gemeldet.

»Soll reinkommen. – Sie kommen reichlich spät, Herr Tunk. Es ist fünf Minuten nach acht.«

»Die Uhr auf dem Präsidium wird gleich schlagen.«

»Es ist fünf Minuten nach acht.«

Die Uhr auf dem Präsidium schlägt.

»Herr Assessor, sagen Sie dem Hausmeister, daß er die Uhr richtig stellt. Eine schöne Bummelei reißt da ein. Ja, bitte sofort ... Herr Kommissar, Sie kennen Ihren Auftrag?«

»Zu Befehl, Herr Präsident. Ich habe mit dem Neun-Uhr-Zuge nach Altholm zu fahren und die Bauern zu beobachten.«

»Beobachten –! Sie mischen sich unter die Bauern. Machen sich bekannt mit den Führern. Erfahren ihre Namen. Merken sich ihre Reden. Man kann das. Jawohl, man kann das, man kann immer unauffällig mal rausgehen, um sich Notizen zu machen. Sie begleiten den Zug. Sind in der Halle. Merken sich Reden und Redner. Vor allen Dingen auch, was vor dem Gefängnis geschieht.«

Der Kommissar verbeugt sich.

»Das alles ist aber erst in zweiter Linie wichtig. Wichtig ist vor allen Dingen, daß Sie ... Sie kennen die Haltung von Bürgermeister Gareis?«

»Jawohl, Herr Präsident.«

»Gareis ist der Ansicht, daß die Bauern nichts Staatsgefährliches planen, ich bin – anderer Ansicht. Ich habe ihm Schupo zur Verfügung gestellt, er hat sie abgelehnt. Von zehn Uhr an liegen zwei Hundertschaften in Grünhof.«

»Jawohl, Herr Präsident.«

»Sie sind ein alter Kriminalbeamter, Herr Tunk. Sie haben seit Jahren in der politischen Abteilung gearbeitet.«

Der Kommissar sieht seinen Chef erwartungsvoll an.

»Sie können beurteilen, wann eine Lage gefährlich wird. Der Staat, hören Sie gut zu, der Staat darf keine Schlappe erleiden. Herr Kommissar, Sie stehen mir dafür, daß die Schupo nicht untätig in Grünhof liegt – wenn die Lage gefährlich wird.«

»Jawohl, Herr Präsident«

»Sie haben mich gut verstanden, Herr Kommissar?«

»Ich habe Sie gut verstanden, Herr Präsident.«

»Sie nehmen weder mit dem Polizeiherrn noch mit Ihren Kollegen in Altholm Verbindung auf. Sie sind dort als mein Spezialbeobachter. – Nun, Herr Assessor, geht die Uhr jetzt richtig?«

»Jawohl, Herr Präsident.«

Und der Präsident, freundlich lächelnd: »Finden Sie nicht auch, Herr Assessor, daß unser Kommissar in diesem grünen Loden mit den Stulpenstiefeln und dem Gamsbarthütchen eine vorzügliche Figur macht? Was kosten die Eier, Bauer?«

Und die drei Herren lachen herzlich.

4

Auf Bandekow-Ausbau sind die Leute früh auf an diesem Morgen. Sie sitzen am offenen Fenster, das nach dem Garten geht, einem kleinen, ein bißchen spaßigen Bauerngarten mit Buchsbaum, Beerenobst, Schwertlilien und brennender Liebe. In der Mitte steht eine Art Regal mit Schilf bekleidet, etwa zwanzig strohgeflochtene Bienenstöcke drauf. Die Bienen schwirren scharenweise herein zum Fenster, angelockt vom Duft der Kreude, eines Obstmuses aus Äpfeln und Zuckerrüben.

»Die Bienen summen hoch«, sagt Bauer Rohwer. »Das gibt ein gutes Wetter heute.«

»Berufen Sie es bitte noch«, sagt Henning. »Das können wir grade noch brauchen bei dieser mißlungenen Demonstration.«

Und der Rohwer: »Wo die Bienen hoch summen, was ist da zu berufen?«

»Wollen wir«, sagt Padberg ziemlich nervös, »uns eigentlich über das Wetter unterhalten oder klarwerden, ob der Henning heute mitkommt oder nicht?«

Rohwer: »Der Henning kommt mit.«

Und Rehder: »Kommt mit.«

Und Henning: »Selbstverständlich trage ich die Fahne.«

Und Graf Bandekow: »Wer denn sonst?«

»Ich«, sagt Padberg, »scheine überstimmt zu sein. Trotzdem rede ich weiter. Was ihr machen wollt, ist Mist. Von vornherein Mist. Wenn es Schlägerei gibt, wenn es Blut gibt, springen uns die Bauern ab. Ihr wißt, wie schon die eine Unglücksbombe gewirkt hat.«

»Es ist möglich, daß es Schlägerei gibt –« beginnt Graf Bandekow ...

»Ihr seht!« triumphiert Padberg. »Geben Sie mir noch mal die Eier, Rehder.«

»– Aber nicht«, vollendet der Graf, »weil der Henning die Fahne trägt, sondern weil die Regierung nervös ist. Ich hab horchen lassen: der Henning ist ganz unverdächtig, weil sie den Thiel haben und den Tredup.«

»Und das glauben Sie?«

»Das weiß ich. Die liebe gottverfluchte Regierung will ja nun mal, daß die Bombe nicht von den Bauern stammt, denn dann könnte Deutschland doch aufhorchen. Das sind Abenteurer, das müssen Abenteurer sein. Darum, solange Henning bei uns ist, ist er auch unverdächtig.«

»Warum soll es Blut geben?« fragt Bauer Rohwer aus Nippmerow. »Wir schlagen nicht.«

»Das ist es eben«, bestätigt der Graf. »Wir schlagen nicht. Warum sollen uns da die andern schlagen?«

Henning sagt: »Ich weiß, es wird überhaupt nicht geschlagen. Der dicke Gareis ist viel zu bequem. Ol Vadder Benthin in Altholm hat mir erzählt, der Gareis hat nur eine Angst, daß was passieren könnte.«

»Daß ihr für dreitausend Bauern einstehen wollt!« spöttelt Padberg. »Drei Stänker dazwischen und es fließt Blut.«

»Jawohl. Wir verhauen die Stänker«, sagt Rehder.

»Na ja. Ihr seid Kinder. Ihr wißt gar nicht, was da Unvorhergesehenes alles passieren kann.«

»Nun hören Sie bloß auf mit Ihrem Unken, Padberg.«

»Wie ihr meint. Wie ihr meint. Ich sage nichts mehr. Ich verlange nur ein Versprechen von dir, Henning, du gehst ohne Waffe, du wehrst dich nicht.«

»Wieso ohne Waffe? Soll ich mir wehrlos in die Fresse schlagen lassen?«

»Grade das sollst du.«

»Eher fresse ich einen Besen.«

»Diesmal hat Padberg recht«, sagt der Graf. »Wenn Sie eine Waffe haben, geben Sie sie her, Henning.«

»Ich denke ja nicht daran.«

»Ich verlange dein Versprechen. Sonst bleibst du hier.«

»Ihr seid alle flau«, sagt Henning. »Ich tue und ich tue es nicht.«

»Hier wird pariert«, sagt der Graf.

»I wo, warum wird denn hier pariert? Ich denke, es gibt keine Führer?«

»Im Namen der Bauernschaft verlange ich von Ihnen die Waffe«, sagt Rehder.

Henning steckt die Hände in die Tasche und schweigt.

»Was«, sagt Bauer Rohwer, »wollen Sie eigentlich mit einer Pistole? Die Fahne ist doch groß und schwer. Wollen Sie die Fahne wegschmeißen und knallen?«

»Das ist«, bemerkt der Graf, »richtig. Ein Fahnenträger steht und fällt mit seiner Fahne. Ihre Waffe wäre nutzlos.«

»Na also«, und Henning wirft die Pistole auf den Tisch, »da habt ihr sie. Aber das sage ich euch, rührt mich so ein Männeken an, ich renne ihm die Fahne durch und durch.«

»Grade deswegen möchte ich nun noch dein Wort.«

»Das ist nun wirklich ausgeschlossen.«

»Lassen Sie ihn schon. Er wird mit seiner Fahne genug zu tun haben.« –

Sie fahren los. Das Land ist still und friedlich.

»Wenig Betrieb eigentlich.«

»Die meisten kommen mit der Bahn.«

»Wer von den Bauern hat denn noch ein Auto?«

»Bitte, viele. Aber sie haben Angst vor der Heimfahrt, wenn sie duhn sind.«

Die vier Männer lachen, nur Henning bleibt mürrisch. Dafür ist er aber elektrisiert, als sie durch Grünhof kommen. »Was ist das? Schupo? Vier Wagen!« Und sich zurücklehnend, triumphierend: »Da seht ihr! Heute machen sie aus uns Rollfleisch!«

Auch die andern sind aufgeregt, doch schließlich meint der Graf: »Warum liegt die Schupo in Grünhof und nicht in Altholm? Reine Reserve. Vorsicht. Aber daß wir Ihre Pistole haben, Henning, ist ein wahrer Segen. Und nun geben Sie mir auch noch Ihr Wort, daß Sie nicht tätlich werden.«

5

Bürgermeister Gareis sitzt auf seiner Amtsstube. Er ist in Feiertagsstimmung. Morgen beginnt sein Urlaub, morgen fährt er mit dem Schiff ans Nordkap.

Heute –: »Die Demonstration fällt ins Wasser. Ich habe eben mit dem Landwirtschaftsrat, diesem Feinbube, telefoniert, er ist verzweifelt, daß der Reimers fort ist.«

»Aber die Bauern wissen das nicht«, meint Frerksen.

»So erfahren sie es. Die Volkszeitung und die Nachrichten bringen es.«

»Bleibt die Chronik, die am frühesten herauskommt und die die Bauern noch am meisten lesen.«

»Ich werde mit dem Stuff sprechen. Ich denke, auch er wird zu haben sein.«

»Stuff ist ein gefährlicher Mensch.«

»I wo, Sie mögen ihn nur nicht leiden, weil er Sie ein paarmal angegriffen hat.«

Frerksen macht eine Bewegung.

»Na ja. Schon gut. Übrigens mag ich ihn auch nicht. Sein Gefühl läuft ihm immer mit seinem Verstand fort. Trotzdem wird etwas zu machen sein. Grade jetzt. Nun, das später. – Haben Sie schon gehört, wann Benthin mit den Führern kommen will?«

»Nein. Nichts.«

»Bis ein Uhr bin ich noch hier. Nachmittags bin ich für den höchsten Notfall in meiner Wohnung zu erreichen.«

»Jawohl, Herr Bürgermeister.«

»Die Kriminalpolizei soll in den Wirtschaften unauffällig beobachten. Sieht irgend etwas gefährlich aus, so berichtet sie sofort.«

»Ach, Herr Gareis, auf die meisten Herren ist auch kein Verlaß. Die sind genauso rechts wie die Bauern.«

»Die machen schon ihren Dienst. – Der Zug wird unter allen Umständen geschützt, Frerksen, verstehen Sie mich? Unter allen Umständen!«

»Jawohl, Herr Bürgermeister.«

»Aufstellung der Kräfte, wie ich angeordnet. Polizei gänzlich im Hintergrunde, nur beobachtend. Vor dem Gefängnis darf keine Ansammlung sein.«

»Ja – aber wie? Meine Polizeikräfte ...«

»Keine Polizeikräfte. Das machen wir so: Sie nehmen sechs, acht Leute, Zivilisten aus Altholm, die nicht so bekannt sind. Ein paar kriegen Strafanstaltsbeamten-Uniform an. Kommen zufällig aus dem Tor, erzählen den Bauern, die sich sammeln, daß Reimers nicht da ist. Ein paar andere werden wie Gefangene entlassen, erzählen dasselbe. Immer neue Gesichter, nie dieselben Gestalten, daß kein Verdacht kommt bei den Bauern.«

»Dazu brauchen wir das Einverständnis von Direktor Greve.«

»Jawohl. Sie rufen ihn in einer halben Stunde an und erzählen ihm davon. Der Vorschlag kommt von Ihnen. Ich bin seit Sonnabend auf Urlaub. Verstanden?«

»Nicht ganz.«

»Sie möchten Gründe wissen? Nun, denken Sie an einen gewissen Brief, der in der Volkszeitung erschien. Kapiert?«

Frerksen lächelt etwas verlegen: »Ja, so ungefähr.«

»Ungefähr ist gut. Kapieren Sie halb? – Was ist los, Piekbusch?«

»Oberleutnant Wrede von der Schupo ist draußen.«

»Wrede –? Na ja, der liebe Genosse Temborius. Ich sage Ihnen, Frerksen, der hat schon jetzt seine Schupo in Grünhof und zieht daheim in Stolpe rastlos die Leine am Klo.«

Der Polizeioberleutnant tritt ein.

»Nun, lieber Herr Wrede, was verschafft uns das Vergnügen?«

»Ich habe zuerst zu melden, daß zwei Hundertschaften Schupo in Grünhof zu Ihrer Verfügung liegen, Herr Bürgermeister.«

»Hoffentlich wird Ihnen die Zeit nicht lang.«

»Ich habe ferner hier einen Geheimbefehl für Sie. Der Geheimbefehl ist nur in dem Falle zu öffnen, daß Sie die Hilfe der Schupo benötigen.«

»Ich danke Ihnen, Herr Oberleutnant. Holen Sie sich das Briefchen heute abend wieder ab?«

»Wenn es nicht benutzt wird?«

»Es liegt hier. Jedenfalls, damit Sie Bescheid wissen. Ich sage es auch Piekbusch. Ich selbst gehe heute mittag in Urlaub. So viel gebe ich auf diese Demonstration.«

Wrede verbeugt sich lächelnd.

»Na also, dann auf Wiedersehen nach meinem Urlaub. – Was ist schon wieder, Piekbusch?«

»Herr Stuff von der Chronik möchte Herrn Bürgermeister sprechen.«

»Stuff? Kommt wie gerufen. Verschwinden Sie hier durch, Frerksen. Ihr Anblick soll dem Stuff nicht die Stimmung verderben.«

6

»Nun, Herr Stuff, was ist geschehen, das die Leserschaft der Chronik unbedingt wissen muß und das nur von mir zu erfahren ist?«

Stuff sagt mürrisch: »Ich sah eben Ihren Herrn Frerksen. Würden Sie vielleicht einmal diesem hohen Herrn sagen, daß er die Presse etwas besser behandelt? Auch Kollege Blöcker von den Nachrichten klagt. Wenn wir etwas wissen wollen, hat er nie Zeit, winkt hochmütig ab. Nächstens sind wir auch mal nicht zu finden, wenn die Polizeiverwaltung etwas von uns will.«

»Frerksen hochmütig? Das habe ich nie gefunden. Ich fand ihn immer diensteifrig, freundlich.«

»Ihnen gegenüber.«

»Nein, nicht nur mir gegenüber. Aber ich verstehe schon, man kann in Altholm nicht verzeihen, daß der Volksschüler Polizeioffizier geworden ist. Man denkt noch immer an seinen Vater, der ja wohl städtischer Gartenarbeiter war.«

»Hausierer.«

»Sehen Sie. Man denkt immer daran.«

»Andere sind mehr geworden und es ist recht. Dieser Frerksen ist nicht recht, weil er weder moralisch noch fachlich zum Offizier geeignet ist.«

»Er hat alle ihm auferlegten Aufgaben vorzüglich erledigt.«

»Auf glatter Straße können wir alle fahren. Warten Sie, bis es einmal holprig wird. Lassen Sie es heute bei der Bauerndemonstration nicht gut gehen ...«

»Es wird keine Bauerndemonstration geben. Der Reimers ist nicht mehr hier im Zentralgefängnis, kann ich ihnen vertraulich sagen. Ich gehe heute mittag in Urlaub.«

»Und wer vertritt Sie?«

»Frerksen!«

»Na ja. Ich kann Ihnen vertraulich oder nicht vertraulich sagen, Herr Bürgermeister, daß trotz des von Ihnen abtransportierten Führers demonstriert wird.«

»Katzenstein hat den Transport gemacht. Das nebenbei. Und wird die Chronik nun heute mittag die Nachricht bringen, daß Reimers nicht mehr hier und die Demonstration zwecklos geworden ist?«

»Reimers ist jedenfalls im Gefängnis. Wo, ist gleichgültig, ob in Altholm oder Stolpe – daß man dagegen demonstriert, ist wichtig. Auch diese Auffassung ist vertretbar.«

»Was haben Sie von den Bauern? Ihre Leserschaft ist das nicht. Übrigens, wie kann man mit Bombenlegern sympathisieren?«

»Man kann alles. Aber vorläufig ist durch nichts erwiesen, daß es Bauern waren.«

Der Bürgermeister sagt rasch und warm: »Herr Stuff, warum sind Sie mein Feind?«

Und Stuff überrumpelt: »Ich bin Ihr Feind nicht.«

»Doch. Sie sind es seit immer gewesen. Ich habe Sie stets geachtet als Mensch, wenn wir auch politisch oft verschiedener Ansicht gewesen sind. Seien Sie gerecht gegen mich. Sagen Sie, was Sie gegen mich haben.«

»Zeitungsleute haben mit Gerechtigkeit nichts zu tun. Im übrigen habe ich nichts gegen Sie.«

»Dann bin ich beruhigt.«

Der Bürgermeister lehnt sich zurück.

»Man muß klar sehen. Ich hatte den Eindruck, als seien Sie von vornherein überzeugt, ich sei gegen die Bauerndemonstration. Ich bin für sie, nicht weil es eine Bauerndemonstration ist, sondern weil es eine Demonstration ist und gleiches Recht für alle gilt.«

»Man kann offiziell etwas sein und inoffiziell etwas anderes tun. Der Abtransport von Reimers ...«

»Geschah im Auftrag der Justizverwaltung durch Katzenstein. Wenn ich Reimers zuredete, so nur dann, um ihm die Anwendung von Gewalt zu ersparen.«

»Und der Brief in der Volkszeitung?«

»Was geht mich die Volkszeitung an! Übrigens sollte auch Sie dieser Brief bedenklich machen. Für die Führer der Bauernschaft ist alles schließlich nur Geschäft, Geld.«

»Der Brief ist gefälscht.«

»Kaum. Die Erklärung der Zeitung Bauernschaft war nur Verlegenheit.«

»Wir sehen alles verschieden«, sagt Stuff. »Über keine Kleinigkeit sind wir einig.«

Und der Bürgermeister: »Wir können im Sachlichen differieren, wenn wir im Menschlichen einig sind. Ich habe Ihre Zusicherung, daß keinerlei persönliche Animosität mitspricht?«

»Spricht nicht mit.«

»Also! Und wie stellt sich die Chronik heute mittag ein?«

»Ich kann es noch nicht sagen. Ich muß erst mit Herrn Schabbelt sprechen.«

»Schabbelt! Die Chronik sind Sie, Herr Stuff!«

»Sie irren, Herr Bürgermeister. Aber davon abgesehen, wundert es mich doch, daß Sie solchen Wert auf die Chronik legen. Ein Blatt, in dem die Stadtverwaltung ihre Bekanntmachungen nicht mehr veröffentlichen will, weil es zu unbedeutend ist!«

»Nicht darum! Um Gottes willen, nicht darum! Aber wir müssen sparen. Unsere Stadtväter, na, Sie wissen ja ... Sparen. Sparen. Sparen. Das sind auch ein paar tausend Mark. Und die Chronik ist nun einmal die kleinste Zeitung am Ort. Es tut mir leid, aber das kann ich nicht ändern.«

»Unsere Auflage ist siebentausendeinhundertundsechzig. Die Volkszeitung wird in Altholm nur in fünftausend Exemplaren ausgegeben.«

»Sie irren, Herr Stuff. Sie irren wirklich. Fünftausend? Neuntausend!«

»Ich würde Ihnen raten, Herr Bürgermeister, sich einmal mittags um halb zwölf auf den Burstah zu stellen und die Zeitungspakete nachzuzählen, die aus dem Stettiner Auto der Volkszeitung an der Auslieferung abgegeben werden. Ich sage Ihnen: Fünftausend, inklusive Propagandamaterial.«

»Sie müssen sich irren, Herr Stuff, ich bin genau unterrichtet. Aber wie prüfe ich die siebentausend der Chronik nach?«

»Indem ich Ihnen eine notarielle Bescheinigung von Notar Pepper vorlege, die diese Auflage auf Grund der Bücher und der Abonnentenlisten bestätigt.«

»Diese notarielle Bescheinigung existiert, Herr Stuff?«

»Ich schicke Sie Ihnen zur Einsicht.«

»Das ist unnötig. Ihr Wort genügt mir. Also die Chronik hat siebentausend Auflage?«

»Siebentausendeinhundertundsechzig.«

»Gut. Sie bestätigen mir das noch schriftlich und erhalten weiter die Anzeigen der Stadtverwaltung.« Mit Nachdruck: »Natürlich setzt das voraus, daß die Stadtverwaltung nicht direkt von der Chronik angegriffen wird. Unser Veröffentlichungsorgan kann nicht unser Feind sein.«

»Wir können nicht alles blanko im voraus billigen.«

»Lieber Herr Stuff! Wir verstehen uns doch. Sachliche Kritik ist uns immer recht« Lächelnd: »Und wie denken Sie über die heutige Bauerndemonstration?«

Und Stuff, ebenfalls lächelnd: »Ich vertrat schon vorhin Feinbube gegenüber die Ansicht, daß sie ins Wasser fällt.«

Der Bürgermeister ganz sanft: »Sie sehen, Berührungspunkte finden sich immer. Auf gedeihliche Zusammenarbeit, Herr Stuff!«

»Wir wollen es hoffen. Guten Morgen, Herr Bürgermeister.«

7

Herr Gebhardt, der kleine Zeitungsnapoleon von Hinterpommern, wie ihn seine Freunde – er hat aber keine – spöttisch nennen, ist wie immer um neun Uhr auf seinem Büro. Prokurist Trautmann steht schon bereit, denn das Wichtigste ist, jeden Tag über Zahl und Umfang der fälligen Anzeigen Bericht zu erstatten.

»Wissen Sie«, pflegt Gebhardt zu äußern, »ich lese meine Zeitung von hinten. Was vorne drin steht, ist mir ganz egal. Die Anzeigen, die machen's.«

Heute ist Montag, ein schlechter Tag, zwei Seiten Anzeigen kaum, man wird stopfen müssen. »Nehmen wir noch mal die halbe Seite Persil mit. Wenn wir doch füllen müssen ...«

Trautmann ist anderer Ansicht: »Nein, wenn wir stopfen, dann etwas, was der Inserent selbst nicht zu Gesicht bekommt. Wir verderben uns sonst die Preise. Nehmen wir Ford, die haben keinen Vertreter hier.«

Der Chef ist einverstanden. »Übrigens, Herr Trautmann, mit der Chronik ist es nun auch soweit. Der Kauf ist perfekt. Schabbelt hat heute nacht unterschrieben.«

»Was für Bedingungen?«

»Nichts haben wir konzediert. Ich bitte Sie, wo ihm das Wasser so weit steht! Er kann froh sein, wenn ich ihm die Wohnung lasse.«

Und Trautmann: »Außerdem ginge es nicht ohne Wohnungsamt, ihn hinauszusetzen.«

»Eben. Was machen wir nun? Bestellen wir Stuff her?«

»I wo. Der kann uns kommen.«

»Wir behalten ihn doch?« erkundigt sich der Chef.

»Natürlich behalten wir ihn. Keiner hat so viel Verbindungen hier. Und er kann schreiben.«

»Wieviel Gehalt meinen Sie, Trautmann?« fragt ängstlich der Chef.

»Bisher hat er, glaube ich, fünfhundert bekommen.«

»Fünfhundert! Was denken Sie sich denn! Fünfhundert trägt die Chronik nie.«

»Nein. Vielleicht trägt sie es, aber jedenfalls geben wir das dem Stuff nicht. Dreihundertundfünfzig und, damit wir ihm die Pille versüßen, zwanzig Mark Spesen im Monat.«

»Aber wenn er dazu nicht abschließt?«

»Was will er machen? Er ist bald fünfzig und geht nicht mehr aus Altholm fort.«

»Jedenfalls muß alles so gemacht werden, daß die Leute nicht merken, daß uns jetzt die Chronik gehört. Das schadet sonst dem Absatz.«

»Nein, eben. Aber dem Heinsius und dem Blöcker müssen wir es sagen.«

»Meinen Sie? Wollen Sie das tun oder tu ich es?«

»Natürlich Sie! Sie haben die Zeitung doch gekauft.«

»Also, Herr Trautmann, rufen Sie dann die beiden. – Bitte.«

»Gut. Ich schicke sie Ihnen.«

Heinsius, der Hauptschriftleiter der größten Zeitung Altholms, ein großer kahlköpfiger Mann in einem Lüsterjackett, kommt zuerst gestürmt, ein paar Druckfahnen in der Hand.

»Guten Morgen, Herr Gebhardt! Gut geruht? Gut geruht? Wir haben da heute eine lokale Spitze zum fünfundzwanzigjährigen Jubiläum der Glaserinnung ... ich habe einige Worte geschrieben, im vaterstädtischen Interesse ... wenn Sie hören möchten, wenn Sie Zeit haben ...«

»Nicht jetzt. Was macht die Bauerndemonstration?«

»Die Bauern!« Heinsius ist Verachtung. »Ich bitte Sie, die Bauern demonstrieren doch nicht. Wo der Reimers in Stolpe ist. Sie wissen doch, daß der Reimers nach Stolpe ist?«

»Ja. Aber der Oberbürgermeister ist heute früh verreist, auf drei Tage, höre ich ...«

»Und –?«

»Ob da nicht was im Busch ist? Ob wer sich nicht drücken will?«

»Glauben Sie, Herr Gebhardt? Ich werde mich erkundigen, werde horchen. Und wenn – werde ich etwas schreiben, etwas Bissiges, Satirisches. Wir hier werden es Herrn Oberbürgermeister Niederdahl schon nicht vergessen, daß er Sie nicht zum Festessen bei der Einweihung des Säuglingsheimes eingeladen hat.«

»Er hat es vielleicht doch vergessen?«

»Er hat es nicht vergessen. Mir ist hinterbracht ... Nein, ich sage es doch lieber nicht, es ist zu häßlich –«

»Was denn nun schon wieder! Nein, bitte, sagen Sie es gleich. Ich kann diese Andeutungen nicht vertragen. Reden Sie schon.«

»Er soll gesagt haben, ich weiß es aus bester Quelle, daß der Gebhardt, und wenn er hundert Zeitungen kauft, ein kleiner Mann bleibt, der gerne groß sein möchte.«

»Das ist –! Zu wem hat er das gesagt?«

»Ich habe zwar mein Ehrenwort gegeben, den Namen nicht zu nennen, aber das gilt natürlich nicht für Sie.«

Und der Zeitungskönig gequält: »Sagen Sie es doch schon!«

»Stadtrat Meisel.«

»Gut. Wir werden uns das merken. Dieser Akademikerdünkel! – Herr Heinsius, wir kommen in eine immer schwierigere Lage. Die Politik von Niederdahl können wir nach all den Kränkungen, die er mir angetan, unmöglich unterstützen. Mit dem roten Gareis können wir nicht gehen, sonst springen unsere Inserenten, die Mittelständler ab, und den Mittelstand können wir unmöglich vertreten, weil die Mehrzahl unserer Abonnenten Arbeiter sind. Was machen wir bloß?«

Der Hauptschriftleiter tröstet: »Wir winden uns durch. Von Fall zu Fall. Überlassen Sie das mir. Ich habe das im Gefühl. Ich stoße nirgends an. Und die Spitze heute gegen den Niederdahl – ich werde mich erkundigen, warum er verreist ist. Wenn aus Verantwortungsscheu, dann soll er was erleben!«

»Erkundigen Sie sich bei Stuff. Der weiß alles.«

»Bei Stuff –? Außerdem weiß er längst nicht alles.«

»Doch! Bei Stuff.«

»Sie meinen doch Stuff von der Chronik?«

»Eben.«

»Aber Herr Gebhardt!«

»Herr Stuff ist ab heute mein Angestellter.«

»Ihr –? So ist –?«

»Die Chronik ist heute nacht in meinen Besitz übergegangen.«

Die Fahnen flattern zu Boden. Heinsius hebt die Arme, die stets geröteten Augen zum Himmel. »Herr Gebhardt! Herr Gebhardt!! Daß ich das erlebe! Die Konkurrenz ist besiegt. Stuff ist unser Angestellter! Herr Gebhardt! Ich danke Ihnen. Ich danke Ihnen. Unser Angestellter Stuff ...«

Er schüttelt dem Chef immer wieder die Hand.

»Aber es bleibt geheim, Herr Heinsius. Das Publikum erfährt vorläufig nichts. Es könnte dem Absatz der Chronik schaden, die natürlich streng rechts bleibt.«

»Geheim? Das ist schade. Immerhin, man wird dem Stuff Anordnungen geben können. Sein Material dürfen wir verwerten. Er kommt zwei Stunden früher heraus. Ich schneide ihn ab heute ständig aus. Und wir schicken ihn vor. In allen bedenklichen Fällen ...«

Heinsius ist in einem Taumel des Entzückens. Er schwelgt in Träumen. »Ich werde es ihm anstreichen, dem Stuff, daß er auf dem letzten Michaelismarkt zweihundert Exemplare von meinem Roman ›Deutsches Blut und deutsche Not‹ mit fünfzig Pfennigen verramschen ließ.«

Gebhardt räuspert sich: »Immerhin werden wir sachlich bleiben. Sie sind jetzt Kollegen, die nur den Vorteil des Betriebes im Auge haben.«

»Ihren Vorteil, selbstverständlich, Herr Gebhardt. Bei mir kommen nur sachliche Erwägungen in Frage. Sie werden sehen, welchen neuen Aufschwung jetzt die Nachrichten nehmen.«

»Sagen Sie auch vertraulich dem Blöcker Bescheid. Warum ist er übrigens nicht gekommen, der Blöcker? Er kommt etwas selten zu mir. Ich sehe meine Herren gerne täglich.«

»Ich weiß nicht. Er hatte da jemanden sitzen in seinem Zimmer. Immerhin, Sie wissen ja, er sollte nicht soviel abends ausgehen, Herr Gebhardt, in seinen Gesangverein. Ein Redakteur führt kein Privatleben.«

»Blöcker trifft ja heute irgendwo sicher den Stuff. Er soll ihn zu acht hierher bestellen. Der Stuff wird schon wissen, warum. Er soll durch den Hofeingang kommen, damit die Leute nichts merken.«

»Jawohl, Herr Gebhardt.«

»Und die Spitze gegen den Ober lassen Sie heute noch. Wir wollen erst die Bestätigung abwarten.«

»Ich erkundige mich schon.«

»Gut. Und jetzt rufen Sie mir Trautmann.«

Trautmann kommt. Der Chef ihm entgegen: »Hören Sie zu, Trautmann, Sie haben mich eingeführt in den Zeitungsbetrieb. Sie haben mich vom ersten Tage an beraten. Eben erzählt mir das Klatschweib, der Heinsius, der Ober hätte von mir gesagt, ich bliebe ein kleiner Mann und wenn ich hundertmal groß sein wollte. Wie erledigen wir den Ober?«

»Den kriegen wir auch noch. Aber zu wem soll er das gesagt haben? Dem Heinsius darf man auch nicht alles glauben.«

8

Als Stuff gegen halb zwölf Uhr aus dem Rathaus auf den Marktplatz tritt, herrscht dort nicht mehr der gewöhnliche spärliche Vormittagsverkehr mit wenigen Fußgängern und ein paar Autos, die auf dem Wege von Stettin nach Stolpe die Stadt eilig durchqueren.

Überall stehen Gruppen von Menschen und ihre Kleidung, die Art, sich bedachtsam mit schweren Knochen zu bewegen, laut und langsam zu reden, läßt sie als Bauern erkennen, selbst wenn Stuff nicht ein ganz Teil von ihnen bei Namen rufen könnte.

Aber er hat jetzt keine Lust, einen anzusprechen, er ist müde und lebenssatt, die Freundschaftsversicherungen mit dem dicken Schmuser, dem Gareis, kotzen ihn an. Er sehnt sich nach dem dunklen Winkel bei Tante Lieschen, nach Bier und Schnaps, nach Vergessen.

Im Weitertrotten denkt Stuff: »Ich werde doch mal hingehen, wenn die Bauern demonstrieren. Man kann nie wissen. Um drei soll er losgehen, der Zug, das sind noch vier Stunden. Da läßt sich noch was saufen. Und jetzt sehe ich mir erst mal die Aushängebilder am Ostseekino an, damit ich noch meine achtzehn Zeilen Kritik zusammenphantasieren kann über den neuesten Film.«

Vor den Bilderkästen steht ein bekannter Rücken.

»Blöcker, was machst du hier? Altes Aas, gestern auch nicht im Kino gewesen?«

Die feindlichen Kollegen von Nachrichten und Chronik schütteln sich die Hände.

Zeitungen mögen sich befeinden, Zeitungsbesitzer mögen einander anspeien, Chefredakteure mögen sich hassen: unzerstörbar ist die Freundschaft zwischen Lokalreportern. Sie tauschen Nachrichten untereinander aus, sie stehlen sich »Neueste«, sie helfen einander: »Geh für mich zum Schöffengericht.« – »Gib mir dein Schadenfeuer in Juliusruh.« –

»Auf der Kripo gewesen, Männe? Was Neues?«

»Ein Laubeneinbruch. In der Gastwirtschaft von Krüger eine Schlägerei. Ein Besoffener auf dem Hofe vom Kaufhaus mit blutigem Schädel. Na, ich geb es dir dann. Und du?«

»Zwei Autos auf der Stolper Chaussee zusammengerannt.«

»Tote?«

»Nee.«

»Mist. Verletzte?«

»Zwei schwer.«

»Hiesige?«

»Nein, Stettiner.«

»Dann kann ich es nicht brauchen. Aber du kannst es mir immer geben.«

»Zehn Zeilen werden es doch.«

»Fünf, mehr mach ich nicht draus. – Wie ist das, bringt ihr heute was von den Bauern?«

Der Mann von den Nachrichten blinzelt: »Bauern? Danke. Kein Interesse. Das wird nichts.«

»Denke ich auch. Höchstens fünfhundert Mann hier.«

»Dreihundert.«

»Vielleicht auch nur. Ich gehe um drei nicht hin«, verkündet Stuff.

»Um drei? Du bist blöd. Um drei schlafe ich.«

»Siehst du! Ich auch.«

Und Blöcker: »Wie ist es? Trinken wir noch einen? Ich gebe einen aus.«

»Du gibst einen aus? Am Vormittag? Du bist doch nicht krank?«

»Heiß ist es und ich habe Durst.«

»Komisch. Heute ist ein komischer Tag. Na, du erzählst mir schon, was du willst.«

»Nein, nicht hier herein. Da ist jetzt alles voll Bauern. Wir gehen in die Weinstube von Krüger. Da ist es kühl und ruhig und er kann uns von seiner Schlägerei erzählen.«

Sie gehen schweigend weiter, Blöcker druckst, wie er dem Stuff beibringt, daß er zu Gebhardt zu kommen hat.

»Na, Vadder Benthin, wen suchst du denn?« ruft Stuff den mottenköpfigen Bauern an.

»Tag ook, Stuff. Hast du den Rohwer aus Nippmerow nicht gesehen?«

»Keine Ahnung. Ist ja alles voll Bauern. Was soll er denn? Soll ich ihm was sagen, wenn ich ihn sehe?«

»Ich habe doch dem Burgemeister versprochen, ich will heute mit den Führern zu ihm kommen. Nun finde ich ihn nicht.«

»Zum Bürgermeister? Was wollt ihr Bauern bei dem Roten?«

»Der Gareis ist nicht schlecht, wenn er auch rot ist. Ich muß Rohwer finden.«

»Na, ich werde ihm sagen, daß du ihn suchst, Vadder Benthin.«

»Schön, Stuff, hör dir heute nachmittag man unsere Reden an. Das wird schlimm für Finanzamt und Staat.«

»Ich bring euch auf die erste Seite!« spottet Stuff. »Ihr Bauern! Und nun komm, Blöcker.«

Sie treten in das Lokal von Krüger.

9

Es gibt einen Hof Stolpermünde-Abbau, sieben Kilometer vom Fischerdorf Stolpermünde entfernt. Der Weg, ein jämmerlicher Sandweg, zieht sich durch Dünen und über brackige Wiesen, auf denen mehr Rohr und Schachtelhalm als Gras wächst. Hier sind die Möwen zu Haus und die wilden Kaninchen. Es kann nichts Verlasseneres und Abgelegeneres geben als Stolpermünde-Abbau.

Es ist eigentlich kein Hof, mehr eine Kätnerstelle mit vierzig, fünfzig Morgen magersten Bodens. Von dem bißchen Korn und Hafer, die gebaut werden, bekommen die Kaninchen das meiste. Die Familie des Bauern lebt von Kartoffeln.

Dort gibt es keine Knechte und Mägde. Bauer Banz und Frau und neun Kinder besorgen alle Arbeit allein. Wenn die Frau manchmal, vier-, fünfmal im Jahre, nach Stolpermünde kommt, mit ihren Kindern, so klagt sie wohl, daß die so klein geblieben sind: »Das macht die schwere Arbeit von früh auf und daß sie nicht satt zu essen kriegen.«

Der Bauer ist groß und stattlich, die Frau groß und hager, aber die Kinder sind breite knorrige Zwerge, schweigsame Zwerge mit ungeheuren Händen.

Manchmal hat der Bauer ein Pferd, manchmal hat er keines. Dann werden Frau und Kinder vor Pflug, Egge und Kartoffelhäufler gespannt. All so etwas gibt es noch.

Zur Schule kommen die Kinder fast nie. Welches Kind kann vierzehn Kilometer Schulweg gehen? Aber einmal vor anderthalb Jahren fand ein Vollstreckungsbeamter den Weg nach Stolpermünde-Abbau: seitdem gibt es dort auch nicht mehr periodisch ein Pferd. Damals verschwand auch der Bauer für einige Zeit, es war nicht glatt abgegangen bei der Pfändung, so durfte er sich ausruhen ein paar Monate im Gefängnis.

Als er wiederkam, hängte er ein Schild an die Hauswand: »Dieser Hof wurde im Winter 1927 von Landjägern und Vollstreckungsbeamten der deutschen Republik räuberisch überfallen.«

Ein lächerliches Schild, es hing dort, rein für niemanden.

Das nächste große Ereignis war, daß ein Auto ein paarmal den Weg nach dem Abbauhof gemacht hat, in der letzten Zeit, des Nachts. Die Frau und die Kinder haben es nicht gehört, aber sie sahen die Spur am andern Tage im Sandberg. Waren es Leute, die etwas vom Bauern wollten, nun, der Vater hat sie selbst abgefertigt. Der Vater ist viel nachts unterwegs.

Seitdem ist die Scheune verschlossen mit einem Vorhängeschloß. Wenn der Bauer es so will, man wird nicht fragen. Wer viel fragt, bekommt viel Antwort.

»Ich brauche auch Stroh für die Kuh«, sagt an diesem Morgen die Frau zum Bauern.

»Mach mir Brot auf den Weg«, sagt der Bauer und geht aus der Küche.

Nach einer Weile kommt er wieder. »Wo ist das Brot? Das ist alles? Ich brauche Brot für den ganzen Tag.«

»Die Kuh kommt zum Kalben heute«, sagt die Frau.

»Die Kuh kommt nicht zum Kalben«, sagt Bauer Banz.

»Schließ die Scheune auf. Ich hole mir das Stroh selbst.«

»Wenn der Franz«, sagt jähzornig der Bauer, »sich noch einmal an der Scheune zu schaffen macht, schlage ich ihn über den Brägen.«

Der Bauer geht wieder hinaus und klopft die Sense. Nach einer Weile stellt sich die Frau vor den Dengelamboß: »Was ist das für eine Art, die Scheune abzuschließen?«

»Du mähst nachher Klee für die Sau«, sagt der Bauer und wetzt die Schneide.

»Du treibst es so lange, bis sie dich tot nach Haus bringen.«

»Hast du auch viel verloren. Zu zehnen verhungert es sich nicht schlechter als zu elfen.«

»Was ist in der Scheune?« fragt die Frau böse.

»Was dich nicht beißt.«

»Ich breche das Tor mit der Axt auf.«

»Wer in die Scheune kommt, ist tot. Dann ist der Hof weg mit allem, was darauf lebt.«

»Ich will nicht, daß du ins Zuchthaus kommst, Banz.«

»Lies in der Bibel, daß du untertan zu sein hast, Frau.«

»Auch du hast untertan zu sein deiner Obrigkeit.«

»Diese Obrigkeit ist nicht von Gott.«

»Und was tue ich allein hier, wenn du tot bist?«

Der Bauer sieht auf, fährt noch einmal mit dem harten Daumen über die Schneide: »Eine Karre Klee für die Sau, nicht mehr. Und in der Futterkiste steht ein Sack Weizenschrot. Mach ihr das Futter fertig für einen Tag. Es ist möglich, daß ich erst morgen früh komme.«

»Ich will wissen, wohin du gehst.«

»Jetzt komm mit.«

Der Bauer geht voran, die Frau zwei Schritte hintennach. Er geht durch zwischen Scheune und Haus, gradeaus, den Feldrain entlang, zwischen Roggen und Kartoffeln. In den Kartoffeln jäten die Kinder.

»Neun«, zählt der Bauer.

Als sie am Waldrand sind: »Sieh dich um und zähle, ob uns auch keiner nachkam.«

»Neun«, sagt die Frau.

Sie gehen weiter. Der Boden ist glatt von Kiefernadeln, die Brandung der See wird lauter. Unter einer alten Föhre bleibt der Bauer stehen.

»Wenn ich nicht wiederkomme, und sie halten mich nur fest, kommt einer und sagt es dir. Dann lebt ihr so weiter. Fremde nimmst du nicht auf den Hof. Was in der Scheune ist, bekommt der Mann, der die Botschaft brachte.«

»Ja.«

»Wenn ich gar nicht wiederkomme, ziehst du fort vom Hof in eine Stadt, möglichst weit von hier. Du kannst Nähen oder Aufwartung tun und die Kinder können auch arbeiten. Was hier liegt, im Kaninchenloch, gibst du nicht aus. Erst in der Stadt. Und langsam, daß kein Verdacht kommt. Es sind neunhundertneunzig Mark. Alles Zehnmarkscheine.«

»Wie kommst du zu dem Gelde?« fragt die Frau.

»Gefunden«, sagt der Bauer. »Es ist in Wachstuch. Die Kaninchen hatten es vorgewühlt.«

»Gefunden, Banz –?«

»Es ist, wie ich sage. Einer hat's hier versteckt, vielleicht für einen Notfall. Es bleibt liegen. Ist Notgeld! Nur wenn du in Not kommst, rührst du es an.«

»Ich will kein Geld, ich will dich«, sagt die Frau.

»Und paß auf den Franz auf, daß er nicht in die Scheune geht. Der Franz ist neugierig.«

»Er kommt nicht in die Scheune.«

»Geh gleich zurück, daß er es jetzt nicht tut. Ich mache mich hier unten am Strand lang.«

»Gehst du gleich?«

Der Bauer Banz geht schon, zwischen den Stämmen durch, nach den weißen Dünen hin.

Die Frau sieht ihm nach. Eine Minute. Zwei Minuten.

Sie macht eine Bewegung, einen Schritt. Dann dreht sie um und geht langsam nach dem Hof Stolpermünde-Abbau zurück.

Vadder Benthin hat den Rohwer doch noch gefunden, an der Theke bei Tante Lieschen stand er und liebäugelte mit der Mamsell. Er findet, alles ist Unsinn, was Benthin mit Gareis besprochen hat.

»Ich will dir was sagen, Benthin, was sollen wir bei dem Roten? Sollen wir seine Arbeit machen? Demonstrieren dürfen wir, das ist Gesetz. Und wie er mit der Demonstration fertig wird, das ist seine Arbeit, dafür wird er bezahlt.«

»Da hast du nicht unrecht«, nickt Vadder Benthin.

»Mit den Führern zu ihm kommen?« fragt Rohwer. »Ich will dir was sagen, Benthin, wer ist denn hier Führer? Du oder ich oder der Junge da mit der Schülermütze von der landwirtschaftlichen Schule?«

»Du«, sagt Benthin.

»Quatsch. Wieso ich? Bin ich gewählt?«

»Nein. Gewählt bist du nicht.«

»Oder hat mich jemand ernannt? Der rote Gareis vielleicht? Oder der Hampelmann aus Papier in Stolpe?«

»Das nun auch nicht.«

»Wir sind keine Partei, Benthin, laß dir sagen, wir sind kein Verein. Und Führer gibt es schon gar nicht.«

»Aber wo ich es ihm in die Hand versprochen habe, daß ich mit den Führern zu ihm komme? Tu mir den Gefallen, Rohwer es dauert nur zehn Minuten.«

»Was hast du ihm in die Hand versprochen?«

»Daß ich mit den Führern zu ihm komme.«

»Und wenn es keine Führer gibt –?«

Benthin betrachtet ihn unruhig.

»Dann kannst du auch nicht mit den Führern zu ihm kommen, das ist doch klar. Dann hast du dein Wort nicht gebrochen.«

»Aber wenn er mich suchen läßt?«

»Das wollen wir schon kriegen. Der soll dich nicht finden. Bleib du man hier hübsch bei Tante Lieschen, im Dunkeln hinter der Theke. Jungbauer!«

»Ja, Bauer?«

»Geh mal in die Lokale und sag Bescheid, daß, wenn einer von den Polizeileuten kommt und nach Vadder Benthin hier aus Altholm fragt, daß ihm dann gesagt wird: er ist gerade ins nächste Lokal gegangen. Verstehst du, Jungbauer!«

»Wird gemacht, Bauer«, und der Jungbauer verschwindet.

Am Tisch an der Tür sitzen zwei Männer in schlichten halbstädtischen Anzügen, ohne weiße Wäsche, Handwerksmeister oder so was.

»Hast du das gehört? fragt Perduzke den Kriminalsekretär Bering.

»Ich höre überhaupt gar nichts«, sagt der. »Ich trinke hier Bier.«

»Die wollen uns von der Polizei in den April schicken.«

»Laß sie doch. Dafür schicken wir das fette Schwein, den Gareis, und den Frerksen in die Hölle, wenn wir unsere Spesenrechnung einreichen und haben nichts gehört.«

»Recht hast du«, bestätigt Perduzke. »Dem Frerksen, dem Schwein, gönne ich den Rotlauf. Tante Lieschen, bring uns noch einen Halben.«

Die Männer trinken weiter.

Auf geht die Tür und hastig tritt in voller Uniform der Oberinspektor Frerksen ein. Sein helles Haar kommt wirr und feucht unter der Dienstmütze hervor, sein Gesicht ist gerötet, seine Augen blicken ärgerlich hinter der Brille. Er streift seine beiden Kriminalbeamten mit einem Blick, sieht in das Gewühl von Bauern, umwölkt vom Dampf zahlloser Pfeifen und Zigarren, er setzt an, will sprechen, setzt wieder ab. Er ruft: »Ist hier vielleicht der Landstellenbesitzer Benthin aus Altholm?«

Eine Art Stille entsteht, die Bauern drehen sich um nach dem Polizeioffizier und beglotzen ihn. Aber niemand antwortet.

»Ich frage«, ruft Frerksen von neuem, »ob hier der Landstellenbesitzer Albert Benthin ist?«

Weiter Schweigen.

Dann ruft eine ganz hohe Stimme: »Hier gibt es keinen Benthin.«

Und eine andere knarrt langsam. »Vadder Benthin ist eben in 'nen Bananenkeller gestolpert!«

»Von da komme ich«, ruft ärgerlich Frerksen.

»Dann ist er im roten Kabuff!«

»Nee, im Tucher!«

»Bei Krüger!«

»Nee, bei Tante Lieschen!«

»Der hat seine Kleine in der Grotte!«

»Seine Alte hat eben 'nen Zwilling hintennach gekriegt.«

»Ruhe!« brüllt eine Stimme. Es wird still.

Frerksen steht auf der Schwelle und sieht in das Gewühl. Er ist blaß geworden. Dann dreht er sich kurz um und geht aus dem Lokal.

In das Gesumme der wieder einsetzenden Unterhaltung sagt Bering: »Junge, Mensch, Perduzke, diesmal haben wir es verschissen. Das durften wir unserm Chef nicht bieten lassen.«

»Was du nur willst! Wir sind doch hier geheim, zur Beobachtung. Da dürfen wir doch nicht mit einem Schutzmann in Uniform sprechen!«

»Na, hast du gesehen, wie er käsig wurde? Die Bauern haben einen hübschen Groll auf die Polizei.«

An der Theke sagt Rohwer zum erregten Benthin: »Jawohl, Vadder Benthin, sie haben es zu toll gemacht.«

»Gemein sind sie gewesen«, ruft Vadder Benthin. »Frerksen ist auch ein guter Altholmischer.«

»Das macht, du bist die blaue Stadtsoldatenuniform gewöhnt. Unsereiner vom Lande, was ein richtiger Bauer ist, dem wird von dem Blau gleich rot vor den Augen.«

»Die Schweine sollen meine Frau in Ruhe lassen! Der Junge ist meiner.«

»Wissen wir alle, Vadder Benthin. Du hast 'ne gute Frau. Und nun komm mit ins Tucher. Da haben wir jetzt Führerbesprechung.«

»Führerbesprechung?«

»Na ja, was man so nennt. Richtige Führer sind das nicht. Also mach schon. Komm!«

11

Rohwer und Benthin gehen still und langsam nebeneinanderher, ihre schweren Arme hängen ungeschickt herunter.

»Hast du eigentlich einen Handstock?« fragt Rohwer.

»Nein, ich ...« fängt Benthin an.

»Nun weiß ich nicht«, setzt Rohwer fort, »habe ich meinen mitgenommen heute früh oder nicht? Dann hängt er in einer Kneipe. Aber in welcher?«

»Ich habe keinen mitgenommen, weil ...«

»Ein Bauer ohne Stock ist ein Mädchen ohne Rock. Wollen uns einen kaufen beim Schirmmacher Zemlin.«

»Im Zuge dürfen wir keine Stöcke tragen.«

»Dürfen wir nicht? Was du nicht alles weißt! Wer verbietet denn das?«

»Die Regierung. Die Polizei. Stöcke im Zuge sind verboten.«

»Aber doch nicht für die Bauern? Wenn ein Arbeiter mit einem Stock geht, dann will er sich prügeln. Wenn ein Bauer mit einem Stock geht, dann will er was in der Hand haben. Also komm schon.«

»Ich kauf keinen.«

»Wie du willst Geh immer schon voran ins Tucher.«

Und Rohwer geht in den Laden.

Benthin wandert vor dem Laden auf und ab. Er sieht alle Bauern an, die vorbeikommen: fast alle tragen Stöcke. »Das dürfen wir doch nicht«, denkt er. »Aber wenn es alle tun? Es ist wirklich nichts so ohne was in der Hand.«

Er möchte sich auch einen kaufen.

»Da sind Sie ja, Herr Benthin«, sagt eine Stimme hinter ihm und Polizeioberinspektor Frerksen reicht ihm die Hand.

Benthin erschrickt tüchtig: »Ja, hier bin ich ... Ich war nur mal ...«

»Bei der jungen Frau? Beim Jungen?«

»Nein. Nicht. Ich war ...«

»Also, Herr Benthin, warum sind Sie nicht aufs Rathaus gekommen, zum Bürgermeister?«

»Weil keine Führer da sind.«

»Keine Führer?«

»Nein. Keiner. Der Reimers sitzt ja.«

»Also der Reimers ist doch ein Führer?«

»Nein, nein, das habe ich nicht gesagt, Herr Oberinspektor. Der Reimers ist auch nicht Führer. Keiner ist Führer.«

»Aber Sie sagten doch ...«

Vadder Benthin ist sehr erregt: »Fangen dürfen Sie mich nicht wollen, Herr Oberinspektor. Das ist nicht anständig. Fangen, das gilt nicht.«

»Keiner will Sie fangen. Ich frage nur so. Wer läßt denn antreten?«

»Das weiß ich nicht.«

»Lauft ihr denn so los? Wie eine Herde? Bald ein paar und dann wieder ein paar?«

»Wir haben doch«, sagt Benthin gekränkt, »die Stahlhelmkapelle aus Stettin. Und dann haben wir eine Fahne und wenn die Fahne herauskommt, dann treten, wir an.«

»Eine Fahne habt ihr auch?«

»Eine feine Fahne haben wir. Da werden die Altholmschen glotzen.«

»Dann ist der Fahnenträger wohl der Führer? Wer ist es denn?«

»Das weiß ich nicht. Fragen Sie mich nicht, Herr Oberinspektor, ich weiß gar nichts. Da habt ihr mich schon aufs Rathaus geholt, aber ich bin gar nichts, ich habe nichts zu melden bei den Bauern.«

»Das hast du auch nicht«, sagt Bauer Rohwer und stellt sich daneben.

»Vielleicht Sie?« fragt Frerksen. »Wie heißen Sie denn?«

»Danach fragen Sie mich man, wenn der Hahn Eier legt. Ich hab Sie auch nicht nach Ihrem Namen gefragt.«

»Sie haben doch vorhin an der Theke gestanden, als ich nach Herrn Benthin fragte?«

»Ich seh mich nicht um, wenn ein Blauer schreit. Da guck ich weg und da geh ich weg. – Komm denn auch bald, Vadder Benthin.«

Bauer Rohwer geht langsam weiter. Frerksen lächelt mühsam: »Das sind erregte Leute, Ihre Freunde, Herr Benthin. Das sind unsere Freunde nicht.«

»Das sind Bauern. Die meinen das nicht so. Und sie mögen die Uniform nicht sehr gerne.«

»Aber ich habe ihnen doch nichts getan!«

»Sie?! Alle Uniform hat uns was getan. Der ganze Staat hat uns was getan. Früher hatten wir zu leben, heute ... Ich möchte mal wissen, wie Ihnen das ist, wenn einer kommt in Uniform und holt Ihnen das Vieh aus dem Stall.«

»Ich habe noch keinem sein Vieh aus dem Stall geholt.«

»Aber Sie haben ihn nach seinem Namen gefragt auf der Straße, so was tut ein anständiger Mensch nicht.«

»Ich habe es nicht so gemeint. Aber alle sind heute so schrecklich aufgeregt.«

»Sie sind so aufgeregt, Herr Oberinspektor.«

»Ich? Keine Spur. Ich gehe morgen in Urlaub, ich denke überhaupt nur an meine Reise.«

»Das merkt man nicht, Herr Oberinspektor.«

»Das ist aber so. – Also, Herr Benthin, wir sind doch zwei alte Altholmer und wir wollen doch beide nicht, daß in unserer Vaterstadt was passiert?«

»Das wollen wir nicht.«

»Also, Vadder Benthin, kommen Sie, wir geben uns hier offen die Hand darauf, daß wir alles tun wollen, damit es glatt geht.«

»Das kann ich wohl versprechen. Wir Bauern machen keinen Stank.«

»Und wenn Sie was hören, Herr Benthin, daß es nicht glatt geht, daß da welche sind, die wollen stänkern, dann kommen Sie zu mir. Dann machen wir es ohne Aufheben schlicht, daß kein Krach wird.«

»Das kann ich sagen. – Wenn ich Sie finde.«

»Also«, sagt Oberinspektor Frerksen und atmet tief auf, »also haben wir uns hier unser Versprechen gegeben als Altholmer und wollen's halten. Für unsere Vaterstadt.«

»Woll, woll, Herr Oberinspektor. Und nun laufen Sie nicht mehr so in der Sonne nun, das bekommt Ihnen nicht. Trinken Sie ein Bier, das kühlt schön ab. Herrgott, Mann, was schwitzen Sie!«

»Also denn alles Gute, Herr Benthin!«

»Auf Wiedersehen, Herr Oberinspektor!«

12

Es ist die ruhige Stunde im Zentralgefängnis Altholm, mittags eine Weile nach dem Essen. Die Eisenstege in den ungeheuren fünfstöckigen Schächten der vier Zellengefängnisflügel liegen verödet da. Der Hauptwachtmeister sitzt in seinem Glaskäfig und schreibt, jetzt hebt er nicht den Blick. Um diese Stunde ist nichts zu beaufsichtigen in all den Gängen, die man von seinem Bauer aus übersehen kann: das Gefängnis schläft.

Aus der Wachtmeisterstube von Station C 4 kommt sachte ein Wachtmeister gegangen. Er bleibt ein Weilchen am Gitter seines Steges stehen, schaut in den Schacht hinunter, nach dem Hauptwachtmeister hin. Nichts rührt sich.

Er steht da, er ist kalt entschlossen, auch wenn der Hauptwachtmeister aufsieht, wird er in Zelle 357 gehen. Hilfswachtmeister Gruen geht zehn Schritt weiter, bleibt vor der Tür von Zelle 357 stehen. Er macht eine jämmerliche Figur, ein Hering mit dem rosaweißen Gesicht eines Säuglings, hellblauen Basedowaugen, einem viel zu blonden Spitzbärtchen und auf dem blanken Eischädel kein Haar. Wegen seiner schlechten Uniform kotzt ihn der Hauptwachtmeister jeden Tag an, in seinen Schuhen sind Risse, die Schnürsenkel sind Bindfäden, die von der Schuhwichse nur stellenweise gefärbt sind.

Da steht er, Hilfswachtmeister in Diensten der preußischen Justizverwaltung, Empfänger von 185 Mark monatlich, von denen er sich, die Frau und drei Kinder zu ernähren hat, zur Zeit Herr über Wohl und Wehe von Station C 4, das sind 40 Zellengefangene. Unter ihnen liegt der Untersuchungsgefangene Tredup, den Gruen für einen Bombenleger hält. Man hat ihn aus dem Untersuchungsgefängnis ins Strafgefängnis verlegt, damit jede Verständigung mit der Außenwelt unmöglich ist.

Gruen wirft noch einen Blick auf das Glasbauer mit seinem Feind, dem dicken Hauptwachtmeister. Ihm ist etwas wirr im Kopfe, er weiß noch nicht, was er tun will, aber er hat wohl gesehen, was am Tor geschieht. Wenn sie auch denken, er ist mall, er weiß doch: sie wollen wieder den Bauern eins auswischen, es ist wieder etwas Rotes im Gang, wie damals, als sie ihn an die Wand stellten.

Er schiebt den Riegel von Zelle 357 ganz leise zurück. Dann schaut er durch den Spion: der Gefangene liegt auf dem Bett und pennt. Gruen nickt vor sich hin und lacht. Er schließt vorsichtig das Schloß, einmal, zweimal. Nun macht er die Tür auf.

Jetzt kann er den Hauptwachtmeister nicht mehr sehen, wenn der aber jetzt dreimal mit seinem Schlüssel auf das Eisengitter klopft, hat er gemerkt, daß der Wachtmeister trotz des Verbotes die Zelle aufgeschlossen hat.

Es bleibt alles still. Es ist, als atme das Haus ruhig weiter. Gruen lacht wieder, tritt in die Zelle und zieht die Tür sachte hinter sich zu.

 

Draußen vor dem Gefängnis ist den ganzen Vormittag ein lebhaftes Kommen und Gehen gewesen. Wohl ist am Vormittag von Feinbube, von Rehder und Rohwer, von Benthin und Bandekow in den Lokalen immer wieder die Parole ausgegeben worden: der Reimers ist nicht mehr in Altholm, die Demonstration vor dem Gefängnis fällt fort.

Aber da sind Bauern, die neugierig sind, sie wollen das Haus sehen, in dem ihr Führer geschmachtet hat. Und dann ist da ein fremder Bauer aus dem Hannoverschen gewesen, einer mit Stulpenstiefeln und einem Gamsbart auf dem Hut, ein Delegierter, ein ganz Eingeweihter in die Bauernschaft, der hat hinter der Hand geflüstert: es ist alles nicht wahr, der Reimers ist doch hier in Altholm und sie halten ihn wie einen Hund.

Manche von den Bauern haben einfach am Tor geklingelt und haben den Reimers zu sprechen verlangt. Andere haben auf dem Platz gestanden und haben hinübergeschaut, wo sich jenseits der hohen roten Mauer die graue Zementfassade des Gefängnisses auftürmt, eine glatte trostlose graue Wand, nur gegliedert von dem Einerlei der Gitterlöcher.

Sie haben davon gesprochen, hinter welchem dieser Hunderte von Löchern der Franz wohl sitzen mag. Dann hat das Gefängnistor geknarrt und ein Beamter ist herausgekommen, mit seinem Kaffeetopf unterm Arm, nach beendigtem Dienst, oder so ein blasser halbverhungerter Gefangener mit einem Pappkarton, in dem er wohl seine sieben Zwetschgen hat, am Bändel.

Jetzt ist wieder eine Gruppe von Bauern da, die stehen stumm und sehen nach der grauen Wand hin. Es sieht alles so tot aus, unmöglich, sich vorzustellen, daß darin Leben ist, hinter jedem Loch ein Mensch, der in die Freiheit will.

Die großen Schlösser am Tor krachen, die Bauern sehen sich um. Es kommt ein Mann heraus, ein großer, starkknochiger Mann in Manchester mit geschmierten Schuhen. Er redet noch ein paar Worte mit dem Wachtmeister, der ihn hinausläßt. Dann geht das Tor zu und der Mann steht da mit seinem braunen Pappkarton an der Schnur, und sieht auf den weiten Platz, der blendend in der grellen Julinachmittagssonne liegt.

Er schiebt das Paket unter den Arm, macht ein paar Schritte, schaut sich um und bemerkt die Bauern. Er zögert wieder, dann geht er piel auf sie los.

»Tach ook, ji Buern«, sagt er und zieht an der Mütze. »Brauch keiner von euch einen Dienstknecht?«

Die Bauern betrachten ihn stumm.

»Es ist nicht«, sagt der Große, Starkknochige, »daß ich nicht arbeiten kann. Ich hab vorgemäht im Wickgemenge beim Grafen Bandekow und trage meine zwei Zentner auf den Boden wie 'nen Klacks.«

Die Bauern sagen nichts.

»Daß ich geklaut habe«, sagt der Mann, »das ist nicht an dem. Ich klaue nicht. Es war wegen einem kleinen Mädchen. Sie wollte. Aber weil zufällig Leute dazu kamen, fing sie an zu kreischen. Und da mußte sie ja dabei bleiben, daß ich ihr Gewalt angetan hätte.«

»Da bist du«, fragt der Bauer Banz, »wohl lange im Kittchen gewesen?«

»Es geht an«, sagt der Mann. »Neun Monate. Wie ist's, will keiner von euch einen starken Mann haben zur Roggenernte?«

»Da kennst du wohl alle drinnen im Bau?« fragt wieder Bauer Banz.

Der Mann lacht schallend. »Alle kennen? Na, du bist gut. Die von meiner Station und auch die noch nicht mal alle.«

»Ich weiß nicht Bescheid von solchen Dingen«, sagt der Bauer verlegen. »Aber kennst du wohl einen Franz Reimers?«

»Reimers?« fragt der Mann. »Warte mal. Da waren so viele. Lange ist der nicht drin gewesen, was?«

»Ist er denn nicht mehr drin?«

»Jetzt weiß ich. Das ist so ein Langer, bartlos, schon mit grauem Haar?«

Die Bauern nicken eifrig.

»Der hat irgend etwas gemacht, mit Steuern, er hat es mir erzählt in der Freistunde. Es war etwas mit Ochsen, was?«

Die Bauern nicken eifrig. »Das ist er«, sagt Banz.

»Ja, liebe Leute. Der Mann ist aber weg. Der ist nicht mehr hier. Der ist in Stolpe.«

»Weißt du das sicher?« fragt nach einer Weile des Schweigens Banz.

»Wenn ich es dir sage«, widersetzt der Lange. »Er hat in der Zelle neben mir gelegen, noch vor einer Woche. Dann kam er nach Stolpe.«

»Hat er es dir gesagt, daß er nach Stolpe geht?« fragt wieder Banz.

»Sie wollen mich befragen in Stolpe, hat er gesagt, weil es in Stolpe geknallt hat. Dabei war ich schon drin, hat er gesagt, als es knallte.«

Die Bauern sehen sich untereinander an, auf den Langen, auf die graue öde Zellenwand.

In diesem Augenblick kommt von dort oben ein Geräusch. Eines der Klappfenster hat sich schräg gestellt, ist aufgegangen. Etwas Weißes erscheint: eine Hand, die von drinnen um die Gitterstäbe faßt. Etwas größeres Weißes, etwas rundes Weißes: in der Ecke, gegen die Wand gepreßt, ein Gesicht.

Sie sehen es deutlich, die Bauern, von unten: ein Loch tut sich im Weißen, Runden auf, ein kleines schwarzes Loch, und nun schreit es zu ihnen herunter, eine grelle atemlose Stimme: »Helft mir, ihr Bauern! Sie bringen mich um! Helft, ihr Bauern!«

Die Bauern machen einen hastigen Schritt gegen die Umfassungsmauer, dann sehen sie auf den Langen – von oben gellt weiter die Stimme um Hilfe –, auf den Langen, der fassungslos glotzt.

»Was ist das«, schreit Banz. »Du Räuber, ich frage dich, was ist das?«

»Das ist er nicht. Das kann der Reimers nicht sein. Der Reimers ist doch fort im Auto!«

»Doch, das ist der Reimers!«

»Wer soll es sonst sein?!«

»Das ist Franz!«

»Du Lügner!«

Und Banz plötzlich: »Du Spitzel! Du Räuber, warte, ich will dir ...«

Die Stimme von oben schreit, kreischt: »Hilfe, ihr Bauern! Hilfe! Ich hab's für euch getan. Helft mir auch! Helft!«

Und plötzlich ist es, als erbrauste das Haus, das tote. In allen Gitteröffnungen stellen sich die Scheiben schräg, überall weiße Hände, weiße Gesichter mit schwarzen Mundlöchern, ein Gebrüll der Hölle: »Helft uns, ihr Bauern! Helft uns, ihr Bauern!«

Dahinein gellt unaufhörlich eine Glocke, Pfiffe, Gejohl, scharfes Klingeln.

Der Lange rafft sich zusammen, flieht vor den Händen von Banz zu dem Gefängnistor, hämmert dagegen. Zwei, drei Bauern laufen ihm nach, halten ihn sinnlos fest, heben die Fäuste gegen ihn.

Zwei starren auf die Wand, auf die Brüllenden, auf den weißen Fleck, der zuerst schrie.

»Kommt rasch. In die Stadt. Alle müssen hierher!«

Und Banz: »Alle müssen kommen! Schrecklich, was hier geschieht!«

»Alle müssen hierher. Alle!«

Und im Laufen: »War das der Franz wirklich?«

»Wie kannst du das sagen aus der Entfernung! Aber er wird es schon gewesen sein.«

Sie stürzen zur Stadt.

13

Das Tucher ist das Lokal in Altholm mit dem größten Saal.

Hunderte von Bauern sitzen hier, stehen herum, trinken, rauchen oder lehnen abwartend an der Wand.

Eine dichte Gruppe umsteht Henning und Bandekow, die dabei sind, die für den Transport auseinandergenommene Fahne wieder zusammenzusetzen. Henning hantiert, ohne aufzusehen, mit einer Zange, er dreht die Muttern an, die eine Blechschlaufe um den Schaft zusammenziehen. An ihr sitzt die Sense.

»So. Das mag halten.«

»Es sitzt noch ein bißchen wacklig«, meint Bandekow.

»Weil ich den Schraubenschlüssel vergessen habe. Aber es hält.«

»Gestatten Sie«, ertönt eine Stimme, »gestatten Sie, daß ich mich vorstelle: Landwirt Megger aus dem Hannoverschen. Bei Stade her. Meggerkoog.«

Vor Henning steht ein untersetzter Mann, in Stulpenstiefeln, mit grünem Flausch, einem Gamsbart auf dem Hut.

Henning will seinen Namen nennen, als er von hinten einen Stoß bekommt: »Was soll denn das?!«

Er dreht sich um. Hinter ihm steht Padberg, sieht ihn bedeutungsvoll an, sein Mund formt das Wort: »Schmiere!«

Henning lächelt: »Haben Sie vielleicht den Schraubenschlüssel? Würden Sie vielleicht dem Friedrich sagen ... Ach, richtig ja, verzeihen Sie, die Sense will nicht festsitzen.«

»Sie haben da eine Fahne ...« sagt der Landwirt aus dem Hannoverschen, freundlich lächelnd.

»Ja? Meinen Sie? Richtig, eine Fahne«, sagt mit Ernst Henning.

»Eine ungewöhnliche Fahne. Eine symbolische Fahne. Würden Sie sie erklären? Wir Hannoveraner Bauern nehmen starken Anteil daran.«

»Ja? Ich erkläre sie am besten, indem ich sie Ihnen zeige. – Platz, ihr Bauern, Platz!«

Ein freier Raum entsteht um Henning. Er hebt die Fahne hoch, schwenkt sie mit einer Hand, fängt sie mit der andern wieder. Brausend entfaltet sich das Fahnentuch: der weiße Pflug, das rote Schwert im schwarzen Felde.

»Antreten! Antreten!« rufen viele Stimmen. »Antreten! Es geht los. Antreten!«

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