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Barthli der Korber

Jeremias Gotthelf: Barthli der Korber - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen
authorJeremias Gotthelf
year1976
publisherArtemis & Winkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05090-2
titleBarthli der Korber
pages493-565
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1852
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Wie es einem ist, wenn man aus dunkelm Keller plötzlich in die Sonne tritt, werden wohl die meisten erfahren haben; geradeso war es den beiden, die so plötzlich zu Brautleuten wurden ohne Sturm, Blitz und Donner, sie wußten nicht, wo sie waren, stunden sie auf dem Kopf oder auf den Füßen. Darum glotzte Benz den Alten mit großen Augen an und behielt z'leerem den Mund offen, bis der Alte sagte: »So, jetzt ists dir nicht recht; laß es hocken, es gibt drei für einen.« Da wurde es Züseli drinnen todangst, jetzt könnte es noch fehlen, es taget Meitschine immer am ersten, wenn es ums Heiraten zu tun ist; es kam ganz wie von ungefähr zur Türe aus, wünschte guten Tag, damit kam Benz die Sprache wieder, mit wenig Worten wurde die Sache richtig und Benz ganz feurig, wollte ans Abbrechen des Häuschens hin, sobald er die Kühe gemolken. Mit Mühe war er zu brichten, mit Abbrechen sei es frühe genug, wenn man zum Aufrichten zweg sei; wo sie hinsollten unterdessen? Benz ließ sich endlich brichten, obschon er es lange im Kopf hatte, eine provisorische Hütte aufzuschlagen am Walde wie die Zigeuner. Wenn dsHüsli verbrannt wäre, was wollten sie anders? frug er. »Es ist drum nit verbrannt«, antwortete der Alte. Das schlug dann Benz, denn darauf wußte er nichts zu antworten.

Barthli hatte keinen Begriff vom Bauen, Benz nicht viel, dagegen begriff er leicht, was Verständigere rieten, Barthli gar nichts, er fragte immer nur nach den Kosten, und wenn dieselben drei Kreuzer überstiegen, jammerte er, als ob es um seinen letzten Heller ginge. Der alte Hans Uli mußte sich der Sache annehmen, angeben, wie das Hüsli sein müsse, mit den Meistern akkordieren usw. Holz wurde ihm verheißen mehr als zur Genüge, unentgeltlich zugeführt, auch Steine führten benachbarte Bauern gerne ohne Lohn. Bräuchlich ists, daß, wenn man auch nicht eigentliche Fuhrmähler anstellt, man doch den Fuhrleuten nach dem Abladen etwas von Wein oder Schnaps und Käs und Brot gibt. Da hatte man mit Barthli seine liebe Not. Wenn er mit einem Kreuzer ausrücken sollte, tat er, als ob er sich hängen wolle. Züseli hatte seine schwere Not. Die Donners Bauern vermochten es besser als er, Wein und Schnaps zu zahlen, die täten ihre Knechte daheim füttern, die Knechte hätten nichts nötig in der Zwischenzeit. Sie hielten ihm nichts darauf, täten es ihm auslegen als Hochmut und Vertunlichkeit. Nun achtete sich Züseli besser dessen, was die Leute sprachen, und Benz wußte aus eigener Erfahrung, wie es die Knechte hatten, und was sie erwarteten, beide kannten die öffentliche Meinung, also das Urteil des Publikums, welches ihrer wartete. Sie besserten nach Vermögen nach. Benz gab dabei seine ganze Barschaft hin. Barthli schien das nicht zu sehen, sah es aber doch, und es lächerte ihn gar herzlich, daß er den Tochtermann schwitzen lassen und ihm das Zeug abpressen konnte, statt daß es sonst umgekehrt der Fall ist.

Da wärs wohl gegangen, aber es kam Barthli noch was ganz anderes, wo weder Benz noch Züseli ihm helfen konnten. Maurer und Zimmermann hatten die Arbeit in die Hände genommen, keiner von ihnen hatte überflüssiges Geld, die Gesellen noch weniger, wollten, wenn nicht Vorschuß, so doch alle acht Tage den Lohn, zudem war es ihnen nicht zu verargen, wenn sie wissen wollten, ob die Arbeit ihnen wirklich auch bezahlt werden würde. Sie klopften bei Barthli ganz unverdächtig an. Am Freitag kam der Maurer und sagte: er möchte gerne wissen, wie es mit dem Zahlen sei, damit er sich rangieren könne. Morgen müsse er seine Gesellen auszahlen, und wenn er das Geld gleich hier haben könnte, so brauchte er nicht welches mitzunehmen. »He, bring nur Geld!« antwortete Barthli, »es dücht mih, du solltest erst anfangen, ehe du schon wolltest zahlt sein. Ich muß meine Körbe auch erst verkaufen, wenn sie fertig sind, und nicht, wenn ich dran hingegangen.« Der Maurer zog ein flämsch Gesicht, sagte: »Es ist in allem ein Unterschied; du mit den Körben kannst es machen, wie du willst, kannst sie behalten, wenn sie dir niemand bezahlt, aber was soll ich mit der Arbeit machen, wenn sie einmal gemacht ist an deinem Hüsli, die kann ich nicht mehr brauchen. Daneben ists nicht, daß ich so use bin mit Geld und sövli hungerig; wenn man nur immer wüßte, daß es einmal käme, so könnte man schon zuweilen Geduld haben.« »He, wenn du meinst, du werdest nicht bezahlt, so kannst ja machen, was du willst, du wirst nicht der einzige Maurer sein auf Gottes Erdboden«, sagte Barthli. Barthli hätte es wahrscheinlich nicht ungern gesehen, wenn alle Arbeiter davongelaufen wären, denn das Bauen war ihm alle Tage widerlicher. Das Donnerwerk werde am Ende zahlt sein müssen, und er möchte doch wissen, was er davon hätte. In der alten Hütte wäre es ihm lange wohl gewesen, aber üse Herrgott habe dies ihm nicht gönnen mögen, räsonierte er.

Am folgenden Morgen trat ihn der Zimmermann an mit seinem Spruch. »Was ich dir sagen wollte«, sprach er, »ich sollte neuis vo Geld ha, für die Gsellen könne ufzwarte, ih bi uff. Hätt yzzieh, aber es wott nit ygah, es ist bös mit dm Geld, es ist nie so gsi, ih glaub, es schlüf i Bode. Gell, du machst zweg; wenns Fürabe ist, sött ihs ha, öppe zwänzg Gulde oder was, oder wenn es dir gleich ist, so mach gleich hundert, ih bruche dih de am andere Samste nit z'plage.« Potz Himmelblau und Türkenbund, wie da Barthli auffuhr, als wollte er eines Satzes in Himmel hinauf! Er frug den armen Zimmermann, ob er ein Narr sei oder sonst sturm? Er werde meinen, er könne mit ihm machen, was er wolle, weil er nur ein arm Mannli sei, aber er sei am Lätzen, lebendig lasse er sich nicht schinden. Er solle da einziehen, wo man ihm schon lange schuldig sei, selb sei billig, und nicht da, wo er die Arbeit nicht einmal z'grechtem angefangen. Der Zimmermann schlotterte aber nicht leicht, mit Worten schoß man ihm keine Löcher in Leib, er erklärte rundweg, am Abend müsse er Geld haben, und rücke Barthli nicht aus, nehme er ab, und Barthli sehe ihn einstweilen nicht wieder. Barthli sagte ebenso kurz: »E mach, wasd witt!« und dachte dazu: Geh du nur, mir ists das Rechte, kannst lange warten, ehe ich dich heiße wiederkommen!

Als es Feierabend wurde, suchten die Meister den Bauherrn, aber fanden ihn nicht, Züseli und Benz wußten nichts um ihn, er war verschwunden. Da brach großer Zorn aus, worob Benz und Züseli sehr erschraken, als sie den Grund davon vernahmen. Sie sollten erst heiraten, wenn das Häuschen bewohnbar war, und wann käms dazu, wenn die Meister aufpackten und mit all ihrem Werkzeug weiterzogen? Sie boten allem auf, die Meister zu begütigen, und Benz versprach, für Geld zu sorgen, wenn der Alte nicht geben wolle. Sie glaubten nicht, daß er diesen Augenblick ihnen begegnen könne, denn viel Geld hätten sie nie bei ihm bemerkt, aber vielleicht sei er eben um Geld aus und habe noch keines bekommen können. Wenn er keins bringe, so wolle er, Benz, für welches sorgen zur Not, er wisse, wo er bekomme. Endlich setzten sich die Meister, versprachen, am Montag wiederzukommen, aber unter dem heitern Vorbehalt, daß in der nächsten Woche Geld auf den Laden müsse. Als es dunkelte kam Barthli heim. Die jungen Leute hatten sein mit Bangen geharrt, ja Züseli sogar daran gedacht, er könnte sich ein Leid angetan haben, weil er um Geld gedrängt worden und keins hatte. Aber in seinem Gesichte war keine Spur von Leid, und als die Jungen ihm jammerten, zog er die Maulecken zweg und sagte: »Gschäch nüt Bösers!« Er wett, er gsäch se nie meh angers als am Rücken u de no vo wytem. Natürlich ließen dies die beiden nicht so kaltblütig hingehen, aber Barthli sagte eben kaltblütig: »He nu so de, su machits angers, we der cheut!« und ging schlafen.

Am folgenden Morgen hatte Hans Uli, der alte Bauer, einen strengen Tag und sagte mehr als einmal, das hätte man davon, wenn man sich eines Menschen annehme, Plag vom Tüfel. Wenn er nicht dächte, das sei eben dsTüfels Bosheit, um den Menschen es gründlich zu erleiden, etwas um Gottes willen zu tun, er hätte längst mit der Geißel vom Leib gejagt, wer was von ihm gewollt. Rat oder Geld oder sonst Hülf. Es kam ihm nämlich am Morgen, er hatte kaum noch Schuhe an den Füßen, der Zimmermann, begehrte mit ihm auf, daß er ihn hineingesprengt und in großen Schaden gebracht, er werde sich jedoch an ihn halten, mit ihm habe er akkordiert. Aber so hättens die Donners Bauren, sie hülfen gerne mit Worten, wo nichts kosteten, aber dSach solle ein anderer machen, und wenn sie so einen armen Handwerker hineingesprengt, so hätten sie des Teufels Freude dran und lachten den Buckel voll.

Kaum hatte er sich vom Zimmermann losgemacht, stieg der Maurer daher und noch viel zorniger, an einem Fuß hätte man ihn gradaushalten können, so steif hatte ihn der Zorn gemacht. Hans Uli ward wärmer und fertigte den Maurer etwas unglimpflicher ab. Er sagte ihm, es sei unanständig, gleich die erste Woche Geld zu wollen von einem armen Mannli, einem reichen hätten sie es kaum gemacht. Übrigens sollte er wissen, daß er, Hans Uli, noch niemanden hineingesprengt, und wenn er nicht gewußt, daß sie bezahlt würden, hätte er ihnen die Arbeit nicht angetragen. Es sei aber gut für ein andermal, sie sollten künftig seinetwegen keinen Kummer mehr haben.

Diese Worte kehrten den Maurer wie einen Handschuh, er ließ sich nieder wie ein Strohfeuer, sagte, es sei nicht böse gemeint, er solle ihm die Worte nicht bös aufnehmen, es seien so schlechte Zeiten, das Geld so rar, daß er oft nicht wisse, wo nehmen und nicht stehlen, und seine Gesellen müßten den Lohn haben, es vermochte keiner zu warten. Wenn die Erdäpfel gefehlt, müßte man alles kaufen, da läng kein Geld. Wenn doch üser Herrgott nur die Erdäpfel wieder einmal graten ließe, es dünke ihn, die Leute sollten ihn doch afe erbarme, bsunderbar die arme King. Hans Uli wurde es heiß ums Haupt. »Schön gredt wär das«, sagte er, »aber nicht witzig. Unser Herrgott wird wissen, was er macht. Er wird einmal zeigen wollen, wer Meister ist, und woher alles kommt. Das wißt gerade ihr nicht, Meister Maurer, und bis ihr es erkennet, wird er die Not wohl stehen lassen. Gerade du bist auch einer von denen, welche Tag für Tag die Reichen verfluchen und Rache predigen gegen sie, als wären sie an allem schuld, und an unsern Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde, denkst du das ganze Jahr nicht. Und wenn du ihn auch ins Maul nimmst, so ists ungefähr, als ob du einen Knittel in die Hand nehmen würdest, es ist nur, um deinen Nächsten zu treffen. Und weil ich doch dran bin, so will ich dich noch fragen, warum sollte sich Gott der Menschen erbarmen, da sie sich untereinander nicht erbarmen?« »Ja«, sagte der Maurer, »da habt Ihr ganz recht, das ist gerade auch meine Meinung. Da läßt man ganze Haushaltungen vernebeln und verhungern, und kein Mensch erbarmet sich ihrer, und wenn man es noch so wohl hätte und so ring könnte.« »Ja, Maurer, du hast recht, du hast den Nagel auf den Kopf getroffen, und wer erbarmet sich am allerwenigsten?« »He die, wo es am besten könnten«, sagte der Maurer. »Sag lieber die, wo am ersten sollten, Vater und Mutter. Maurer, ich will dir deine Sünden nicht vorhalten, und deine Kinder werden kaum hungrig vom Tisch gegangen sein, daneben weiß ichs nicht. Wenn es aber wäre, wer wäre schuld als du, du könntest ein hablicher Mann sei, aber deine Nase kostet dich zu viel, du hängst alles an sie. Es wäre besser, du sorgtest für grüne Pflanzplätze statt für eine blaue Nase. Und deine Frau staffiert ihr ältest Meitschi aus, es ist eine wahre Schande, hergegen die jungen Kinder läßt sie barfuß laufen und in armen Hüdelen halb erfrieren. Was hast dann erst für Gesellen, und wie erbarmen sich die ihrer Kinder, für ein Gläslein Schnaps jagten sie dieselben dem Teufel barfuß zu, und will sie wer anders zum Guten halten, so brüllt ihr, als ob man sie ans Messer stecken wollte, und achtet es einem Raube gleich, wenn man für ihre Seele sorgen will. So ist es, Maurer, daß es du nur weißt, und wenn ihr wollt, daß unser Herrgott Erbarmen erzeigen soll, so müßt ihr darum tun.« »Ja und andere auch noch«, sagte der Maurer. »Und also soll ich Geld bekommen, auf wann kann ich rechnen, damit ich mich darnach rangieren kann?« »In der andern Woche kannst zu mir kommen, da sollst Geld kriegen im Verhältnis zur Arbeit, aber auf Vorschuß zähl nit!« »Davon hab ich noch nichts gesagt; wenn ich nur schon hätte, was ich verdient, ich wäre zfriede«, antwortete der Maurer unwirsch und fuhr ab mit Geräusch.

Kaum war er fort, erschien Benz in großer Not. Sein Meister konnte mit Geld ihm nicht helfen, er hatte es in diesem Augenblick wirklich selbst nicht. Jetzt, was machen? Drauf und dran war Hans Uli, Benz klar Wasser einzuschenken und ihm zu sagen, wo Geld zur Genüge sei. Indessen er hatte Stillschweigen gelobt, tröstete ihn bestens mit der Verheißung, daß zu rechter Zeit Geld dasein werde, er solle sich nur nicht ängstigen. Kaum war der fort, kam Hans Ulis Tochter aus der Kirche, und sagte, Barthlis Züseli lasse ihm dr tusig Gotteswille anhalten, er solle nachmittags hinaufkommen, es wisse seines Lebens nichts mehr anzufangen, es wollte am liebsten, es wäre sechs Schuh unter dem Herd. Es hätte briegget, es hätte einen Stein erbarmet, man hätte die Hände unter seinen Augen waschen können. »Wer kommt wohl noch?« sagte Hans Uli, »jetzt hätte ich es bald satt.« Doch es kam niemand mehr, Barthli hütete sich wohl, der fünfte zu sein, er hatte ja auch nichts zu fragen oder zu klagen, war froh, wenn niemand des Häuschens wegen etwas zu ihm sagte.

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