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Barthli der Korber

Jeremias Gotthelf: Barthli der Korber - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen
authorJeremias Gotthelf
year1976
publisherArtemis & Winkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05090-2
titleBarthli der Korber
pages493-565
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1852
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Aber in unerschütterlicher Ruhe stund der Alte vor dem belferenden Barthli und entgegnete endlich: »Und sag mir, was du willst, so ists, wie ich sage! Ich habe zu lange gelebt, als daß ich mich so leicht anders berichten lasse. Entweder, Barthli, hast ein geheimes Loch oder lange mehr Geld, als für ein neu Hüsli nötig ist, und anders berichtest du mich nicht.« »Los neuis!« knurrte Barthli, winkte seinem alten Kameraden und ging mit ihm weithin auf einen freien Platz, wo weder Baum noch Strauch noch Graben war, daß jemand unbemerkt hätte lauschen können. Da stund er still und sagte: »Hans Uli, du bist ein schlauer Mann, hätte es nicht geglaubt. Ja, was recht hast du, aber schlecht sollst du mich nicht machen. Du weißt, wie das Weibervolk ist; wo es an einem Orte einen Batzen schmöckt, möchte es zwei brauchen. Nit, meine Frau selig war nicht die schlechteste und dsMeitschi könnte auch noch schlechter sein, es laufen gottlob viele herum, die dreimal schlechter sind als es, aber, wenn sie nit geng hätte müsse glaube, wir pfiffen auf dem letzten Löchlein, es weiß ke Hung, wie si ta hätte. Darum tat ich immer nötlich, und wenn ich einen Kreuzer Geld hatte, so ließ ich es nie merken, sondern tat just am nötlichsten.«

»Aber wo kamst mit dem Gelde hin?« frug Hans Uli. »Ich will es dir wohl sagen«, antwortete Barthli, »aber du mußt mir bei deiner Seele Seligkeit versprechen, es keinem Menschen zu sagen; und hälst du es nicht, soll deine Seele keine Ruhe haben im Grabe, sondern umgehen müssen eine Ewigkeit nach der andern. Einmal, als ich von einer Stör heimkam, wo ich, wie meine Alte wußte, ein Büscheli Geld bekommen, plagte sie mich wieder bis aufs Blut um warme Strümpfe für sich und wegen Lederschuhen fürs Meitschi, es wäre mir nichts übriggeblieben, wenn ich alles hätte nachsagen wollen, was sie mit vorgesagt, und hätte ich nicht nachgesagt, so hätte sie es sonst genommen, sie ließ sich nichts einschließen, und behielt ich etwas im Sack, so erlas sie mir nachts die Hosen. Ich will ihr nichts Böses nachreden, denn daneben war sie huslich, aber das war dir eine, wo man wußte, daß man eine Frau hatte. Das müsse ändern, dachte ich, und als sie einmal beide einen ganzen Tag fort waren, machte ich unter dem Bett ein großes Loch, stellte einen Kübel hinein und machte die Laden schön wieder zu, daß man es nicht merkte, wenn man es nicht wußte. Dort war es am sichersten, denn wir zogen das Bett nie hervor, und unter dasselbe kam man zNot mit dem Besen. DFrau selig merkte es auch nicht, aber manchmal gschirrete sie mit mir aus, daß ich heimlich Geld verbrauche, und wollte wissen, womit. Aber ich hatte ein gut Gewissen und hielt ihr die Stange. Da ist nun ein schöner Schübel Geld und allweg mehr als genug zum Bauen, aber es reut mich, es ist eine harte Sache, und dann noch einen Tochtermann obendrauf, es ist mir nicht zu helfen, denk doch auch, Hans Uli, und noch dazu ume son e Benz!«

»Aber Barthli, wie dumm, aber Barthli, was trägt dir das Geld unter dem Bett ab! Hättest es ausgeliehen, hätte es dir Zins getragen«, sagte der Bauer. »Öppis Dumms eso!« sagte Barthli, »meinst, wenn man gewußt, daß ich Geld hätte, ich hätte es können beieinander behalten! Erst dann hätten sie recht an die Sache tun wollen, und dBube wäre dem Meitschi erst recht nachgestrichen, hätte mir dsHüsli voll gschnürfelt und dsMeitschi hochmütig gmacht, hätts nit könne erwehre und hätt nüt als Kummer gehabt, ich müßte es verliere, bekomme es nicht wieder. Däweg hatte ich es doch, konnte, wenn niemand in der Nähe war, es gschauen und hatte große Freude, wenn ich dachte, was die Manne, wenn sie nach meinem Tode kämen, das Hüsli zu erlesen, sagen würden, wenn sie so viel Geld beim alten Korber finden würden.«

»Wie hätten sie aber Geld finden wollen, wem wäre in Sinn gekommen, unter deinem Nest Geld zu suchen?« frug der Alte lachend. »Oh«, antwortete Barthli, »dafür habe ich gesorget, so dumm bin ich denn doch nicht. Sieh, da in meinem alten Kalender, den ich immer bei mir trage, steht geschrieben, gerade vorn drin, es hats mir ein Schulkind müssen dreinmachen: ›Manne, suchit, so werdet ihr finden!‹« »Und wenn sie es nicht gefunden hätten?« frug Hans Uli. »Oh, sövli dumm Manne wird man doch so Gott will, nie an Gemeindrat wählen, die, wenn es ausdrücklich heißt: ›Suchit, so werdet ihr finden!‹, nicht suchten, bis sie es hätten.« »Aber, und wenn das Wasser heute noch ein wenig mächtiger gekommen und dir das ganze Hüsli samt dem Kübel weggenommen hätte, und dann?« »He nu«, sagte Barthli, »wenn üse Herrgott dsWüstest alles an mir machen will, su mach er! Wenn dann die Leute über nüt chömme und alli nüt meh hey, so ist er selber schuld und kanns meinethalben haben und denken: ›Selber ta, selber ha!‹ Danebe wird es ihn selbst gedünkt haben, er habe mich genug geplaget, es sei Zeit, lugg zu lassen.« »O Barthli, Barthli, was bist du für e Christ! Du wirst nie wie ein anderer Mensch, und wenn du alt würdest wie Methusalem. Aber jetzt komm, wir wollen das Hüsli gschaue und abrate, was zu machen und wo anfällig ein neues abzustellen sei.«

Das geschah. Es ließen sich noch andere Bauern herbei, Gönner, denen Barthli die Weiden fleißig stumpete, untersuchten die Sachlage; allgemein war die Ansicht, am Hüsli sei nichts zu plätzen, um einen jeden Nagel seis schade, den man einschlage, zu bewohnen sei es kaum mehr, höchstens bei ganz trocknem Wetter, regne es zwei Tage hintereinander, so rutsche wahrscheinlich die ganze Pastete in den Bach hinunter. Ein neu Hüsli, wie Barthli es mangle, sei bald auf dem Platz, wenn man einander helfe, und zur Not bewohnbar zu machen, im Frühjahr könne man dann vollständig ausbauen. Die kundigen Bauern machten Voranschläge über das nötige Holz von allen Sorten und sicher richtigere als manche Zimmerleute, die nicht selten ihren Bauherren dreimal falsch rechnen, sie dreimal in der Welt herumsenden nach fehlendem Holz und vielleicht zum vierten Male, weil sie einen Teil des Holzes zu dünn behauen, den andern zu kurz versägt. Oh, es gibt große Künstler unter den Zimmermannen!

Barthli war ganz wie verstaunet, wie die Bauern die Sache ihm so rasch und klug zweglegten, und ob ihrem Gutmeinen, wo er nicht gedacht, daß ein solches zu finden sei in Israel. Aber, wie gesagt, er war eine Persönlichkeit, man konnte sich auf ihn verlassen und über ihn lachen, und beides ist dem Bauer gleich anständig.

Plötzlich fuhr er auf, fing mörderlich an zu fluchen und wollte davon. »Was hast, hat dich ein Wespi gestochen?« frug ein Bauer und hielt ihn mit starker Hand. »Laß mich gehen!« rief Barthli, sich sträubend, »dort läuft das Donners Täschli wieder, wart, dem will ich die Haut salben, aber nit mit Öl!« Man sah hin, wo Barthli hinzeigte, und erblickte ein Meitschi, welches mit Milchgeschirr in der Hand den Berg aufging, Barthli hatte nicht gemerkt, wie es bald Abend werde, und das Melken vergessen. Züseli mußte ja exakt sein, sonst hätte Benz glauben können, es sei nichts nutz, und wollte den Vater nicht stören in seiner wichtigen Unterhaltung und war, als die Zeit um war, gegangen, begreiflich eher zu früh als zu spät. »He«, sagte einer, »das ist ja dein Meitschi, es wird die Geißen melken wollen.« »Das soll es eben nicht, wollte sie selbst melken, es soll mir nicht mehr da zu dem Hagel auf den Berg. Wollt, der Teufel hätte die Geißen geholt und den Hagel dazu! Laß mich gehen, die müssen nicht Freude haben, mich zum Narren zu halten; denen will ich, jawolle!«

Es merkten jetzt alle den Handel, lachten herzlich, ließen aber den Barthli nicht laufen. »Bleib du nur, zwängst doch nichts, ertäubst sie nur, was willst wehren, wirst den Naturlauf nicht ändern; und gönnst dem Meitschi den nicht, nimmts einen andern, der zehnmal ärger ist. Es ist schon manchem Alten so gegangen: er wollte dem Meitschi den Rechten nicht lassen, nachher kam ein anderer, und der Alte hätte sich die Finger vor abbeißen mögen aus Verdruß, daß er es das erstemal gewehrt. Denk, wenn du Werkleute bekommst, was die für Rustig mitbringen, wo der Teufel nicht sicher ist, verschweige ein Meitschi! Wieviel wöhler bist dann, wenn das Meitschi am Schatten ist, als wenn du es hüten solltest Tag und Nacht! Daneben kömmt dir der Tochtermann kommod in allen Teilen, hilft dir zur Sache sehen, und während du jetzt bald mit den Weiden machen mußt, ist er daheim und sieht, daß gearbeitet wird und nichts verpfuscht.« Kurz, man sprach ihm von allen Seiten zu, aber stellte sein Brummen nicht, brachte seine Einwilligung nicht heraus.

Derweilen stieg Züseli, unbekümmert um die diplomatischen Unterhandlungen, den Berg auf, aber nicht langsam. Oben stund Benz unter der Stalltüre. »Komm, sieh meine Kühe, ob die mich kennen oder nicht!« sagte er zum Willkomm, ging mit der Läcktäsche den Kühen nach und gab ihnen das übliche Gläck oder Salz, eins von beiden. Das war nun wahr, aller Augen sahen auf ihn, alle Köpfe drehten sich nach ihm, und kam er in die Nähe, rieben sie sich die Köpfe an ihm, er war der wahrhaftige Löwe im Stall, um den sich alles drehte, es war wirklich zum Eifersüchtigwerden, wo irgendwie Anlage dazu da war. »Gelt«, sagte er, »die kennen mich auch, so gut als dich deine Geißen, sie wissen es aber auch, daß ich es gut mit ihnen meine, und lieben mich deretwegen.« »Ja, Späß!« sagte Züseli, »dsGläck lieben sie, dir würden sie wenig nachfragen ohne Gläck.« Das nahm Benz übel, es gab Händel zwischen ihnen, Händel, wie sie gewöhnlich enden zwischen solchen Personen, ohne Schläge und ohne Schelten. Benz wollte wissen, ob er ohne Gläck nicht lieb sein könne, und Züseli behauptete, seine Geißen flattierten ihm viel uneigennütziger und zärtlicher als die Kühe dem Benz.

Darob hätte Züseli bald das Melken versäumt, wenn ihm nicht der Vater eingefallen wäre. »Ach Gott, was wird der Vater sagen!« rief es erschrocken aus und machte sich alsbald an die Arbeit. Nun fing Benz vom Vater an und wollte wissen, warum er ihm eigentlich so zwider sei, hätte doch nicht Ursache, zleid ta hätte er ihm nichts, dsGegenteil. Er müsse anfangen zu glauben, Züseli weise ihn auf, warum, das begreife er auch nicht, er meine es ehrlich und wäre noch immer gleichen Sinnes, wenn dsHüsli auch nicht mehr drei Kreuzer wert sei. Es sei ihm doch dann nicht hauptsächlich wegem Hüsli gsi; wenn dsMeitschi nit gsi wär, er hätt em Hüsli nit sövli nahgfragt, und er wetts no jetz. Eine Reiche bekomme er doch nicht, er müß auf eine Arbeitsame und Huslige luege und danebe auch uf eine, wo man Freud habe, bei ihr zu sein, und ke wüste Hung, und deretwegen wett er Züseli, wenn der Alt nit so wüst tun wollte. Danebe könnte er jetzt erfahre, daß ihm ein Tochtermann kommod komme, für das Hüsli helfe zwegzmache, wenns möglich sei, öppe Kosten sollte es nicht viel geben, er verstehe sich auf mehr, als man ihm ansehe.

»Nein, wäger ist das nicht wahr, daß ich den Vater aufgreiset, ich wüßte nicht, warum! Wenn es mir geordnet ist, z'heiraten, warum sollte ich es nicht tun, und, wenn mir ein Armer geordnet ist, was hülf wehre? Und, wenn es mir nicht geordnet wär, was wett ih uf ene Ryche warte, sellig luege armi Meitli nit a fürs Hürate. Daneben, wenn ich auch nicht viel mehr habe, bin ich doch nicht brüüchig, kanns mit wenig mache und mit Arbeite fürchte ich keine. Der Vater hat mich dazu gehalten, daß es eine Art hatte. Drnebe bist mr nit unanständig. Wüst tun kannst zwar auch, aber was will man, das ist Mannevolksart, es macht ja jeder, was er kann. Nein, gewiß nicht, Benz, den Vater habe ich nicht aufgreiset, sonst frag ihn selbst, wenn du mir nicht glauben willst!« »Man kanns machen, aber zuerst schlag ein, du wollest mich!« sagte Benz und streckte seine Hand aus, und Züseli schlug zwar nicht ein, gab aber sittig und ohne Zögern die Hand, was wohl gleich viel zu bedeuten hatte. Sie wurden rätig, Benz solle morgen früh vor dem Melken hinunterkommen und fragen. »Und will dann das alt Kudermannli nicht«, setzte Benz hinzu, »so mache ich beim -, was gut ist.«

Diese Unterhandlungen hatten ziemliche Zeit verzehrt. Züseli erschien fast schlotternd vor dem Vater, war jedoch nicht so dumm, sich zu entschuldigen, ehe es angefahren wurde, was immer das beste Mittel ist, sich ein hartes Donnerwetter auf den Hals zu ziehen. Aber der Alte sagte nichts, er munkelte bloß, brummte allerlei Unverständliches, daß Züseli nicht wußte, war er bei Troste oder nicht, oder waren dies Präparationen auf eine gründliche Abwaschung seiner Sünden. Es machte daher, daß es zu Bette kam sobald möglich, es wußte aus Erfahrung, daß man die schärfsten Predigten um so leichter erträgt, je besser man schläft. Am Morgen früh kam richtig Benz und wollte eine Rede dartun, aber kaum hatte er angefangen, fuhr zu seiner Verwunderung der Alte ihn an: »Schweig mit dem Gstürm, weiß schon, wasd witt, es mangelt des Redens nüt; wenns wottst, so nimms! Aber daß du dich stellst und hilfst und nit meinst, du sygist ume Fresses twege da, es muß gschaffet sy jetzt, wenn mr vor em Winter unter Dach wey.« Züseli hörte das drinnen und erschrak. »Mein Gott, was hets em Vater gä, ist er vrhürschet im Kopf?« Endlich vernahm sie den Beschluß, daß das Hüsli neu gebaut werden müsse, und daß man Barthli gebrichtet, dabei wäre ein Meitschi übel zu hüten, dagegen ein Tochtermann kommod zu brauchen, darum Benz den Dienst aufsagen und sich alsbald hermachen müsse, sonst nehme er einen andern.

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