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Barthli der Korber

Jeremias Gotthelf: Barthli der Korber - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen
authorJeremias Gotthelf
year1976
publisherArtemis & Winkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05090-2
titleBarthli der Korber
pages493-565
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1852
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Benz war schon fertig mit Melken, als Züseli daherkam. »Hast Zeit!« sagte er, »hätt nit lang meh gwartet, bei uns steht man des Morgens auf und nicht erst mittags.« Züseli wollte diesen Vorwurf nicht leiden, begehrte auf, da mäckerte es im Stall zweistimmig, die Tiere hatten seine Stimme erkannt, und als sie es sahen, taten sie zärtlich, daß Benz das Wasser im Munde zusammenlief. Die Alte stund an Züseli auf und leckte ihm das Gesicht, das Kleine stieß ihns mit dem Kopf und tanzte ihm um die Füße. »Seh, gib das Melchterli!« sagte er, »so kömmst nichts ans Melken.« Aber so meinte es die Alte nicht, sie wollte ihm nicht stillehalten, ihn gar nicht dulden, eines so groben Kerlis war sie nicht gewohnt, Züseli mußte sein Amt verrichten. Wie hätte die alte Geiß erst getan, wenn der alte Barthli an ihr hätte rupfen wollen! Unterdessen gewann Benz des Gitzleins Freundschaft mit einigen Handvoll schönen Grases, so daß, als Züseli fertig war und dem Gitzlein auch flattieren wollte, dasselbe in große Verlegenheit kam, von wem es sich eigentlich rechtmäßig sollte flattieren lassen, und schön war es anzusehen, wie Benz und Züseli an dem verlegenen Gitzlein wetteiferten im Flattieren, jedes dem andern zeigen wollte, daß es doch am schönsten und wirksamsten flattieren könnte. Da hätte man gar nicht glauben sollen, daß eins oder das andere von ihnen pressiert sei. Am Ende mußte es doch geschieden sein, was seine Not hatte und zwar eigentlich wegen den Geißen, die mit Gewalt Züseli nachwollten und mit Mühe in die Trennung sich fügten. Das freute Züseli sehr. »Siehst du«, sagte es, »sie haben mich doch noch lieber als dich! Ich habe es mit allen Tieren so, mit den Hühnern und den Katzen auch. Die Tiere wissens, wer wohlmeinig ist oder nicht, und können die Liebe erzeigen wie Menschen und dsGunträri auch. Aber mein Gott, was wird der Vater sagen, daß ich so lang mache, adie!« und fort wars. Benz sah ihm nach und schüttelte den Kopf. »Ist das trümpft oder sonst gstochen?« sagte er. »Meint es dann, die Tiere hasseten mich, weil die alte, dumme Geiß mich nicht wollte melken lassen? Wohl, das will ich anders brichten und zwar schon diesen Abend.«

Als Züseli heimkam, war Barthli eben am Erwachen, grunzte bedenklich und hob mühsam sein struppicht Haupt aus dem Bett empor. Als er das Meitschi angezogen sah, sagte er: »Mach zMorge, drwyle will ich gehn und melche; bisd fertig bist, bin ich wieder da.« »Vater, es ist gmulche, ich bin wieder da, und wenn Ihr auf seid, ist ds zMorge fertig.« Was da der Alte für ein Gesicht machte, und wie er mit dem Meitschi brüllte, was es so hätte zu pressieren gebraucht, seit wann man nach Mitternacht melke, und was die Leute sagen würden, was es für ein wüstes, mannsüchtiges Meitschi sei, man kann es sich kaum vorstellen. Züseli verteidigte sich mit der Abrede und mit der Zeit, und wie kein Mensch was Böses denken werde, sie wären ja dabeigewesen, wo man die Sache abgeredet usw. Aber das half alles nichts; denn der Alte war eine von den glücklichen Naturen, die auf keine Einrede achten, immer fortreden in einem Zuge, und, antworte man, oder antworte man nicht, es kommt auf eins, sie tun, als hätten sie keine Ohren; selbst der Stand der Sonne, und wäre auch der Mond neben ihr gestanden, überzeugten ihn nicht, daß er sich verschlafen habe. Es geschah ihm sonst nicht, daher hielt er es für eine Unmöglichkeit, es schien ihm viel natürlicher, daß ob dem gestrigen Wetter die Sonne sturm geworden, daher den rechten Weg verfehlt, daher sich verspätet hätte. »Es ist gut für einmal«, sagte er endlich, »zum zweitenmal wirst du nicht melken da oben!«

Nach schöner Landessitte erscheinen bei großen Unglücksfällen, Feuersbrünsten, Überschwemmungen usw., nähere und fernere Nachbaren mit passendem Werkzeuge, schaffen Schutt weg, machen, was not scheint, nicht bloß unentgeltlich, sondern viele bringen noch Lebensmittel mit und nicht bloß für sich, sondern auch für die Geschädigten. So geschah es auch am Montag nach dem verhängnisvollen Sonntag im rueßigen Graben.

Die ersten erschienen schon, während Barthli noch haderte mit seinem Meitschi; dadurch neugierig gemacht, vernahmen sie leicht von den nächsten Nachbarn des Haders Grund und Ursache. Es gab Stoff zum Lachen, und der arme Barthli war verkauft und verraten, keiner hielt es mit ihm, alle waren gegen ihn. Als man sich gehörig umgesehen, wurde Rat gehalten, wo anzufangen, was anzugreifen sei. Barthli redete stark von seinem Häuschen, das vor allem herzustellen sei. Selb meine er auch, sagte eine Stimme hinter ihm, und als Barthli hastig sich umdrehte, stand Benz hinter ihm, hoch die Schaufel auf der Achsel, als Abgeordneter seines Meisters. »Bist auch schon da, was hast du dein Maul dreinzuhängen, was geht das dich an?« schneuzte Barthli ihn ab. »Hättest daheim bleiben können, wirst doch nit viel verrichte.« »E, e, Barthli«, rief ihm ein Nachbar zu, »vergiß nit, was er gestern verrichtet hat, und allweg gehts den Tochtermann was an, wie es des Schwähers Häuschen geht.« »Er ist es einmal noch nicht!« brummte Barthli und drehte Benz den Rücken zu, als ob er ihn sein Lebtag nicht mehr ansehen wolle. Vor allem aus räumte man die Gräben und Straßen, verschaffte dem Wasser freien Lauf, kurz, schaffte da, wo ein wachsender Schade war.

Ob der fleißigen Arbeit läutete es Mittag bald hier, bald da von einem Kirchlein her, man merkte, daß man hungrig war, denn so ein Mittagsläuten ist für die Landleute das Gläschen, welches die Städter zu sich nehmen, um sich Appetit zu machen. Man stieß die Werkhölzer in die Erde, suchte sein Säcklein mit dem Vorrat, suchte ein schattig Plätzchen, eine Küche, das eine oder das andere sich wärmen zu lassen, zum Beispiel Milch, wer sie nicht kalt vertragen konnte. Am meisten sammelte man sich um Barthlis Häuschen, welches Schattseite lag und große Bäume in der Nähe hatte. Züseli hatte vollauf zu tun mit Wärmen und Leihen von allerlei Geschirr und sollte dazu Bescheid geben auf gar allerlei Reden, grobe und feine, und daß Benz nicht weit von der Küchentüre war, versteht sich von selbst. So gabs viel Lachens, und Züseli wußte wirklich nicht, wo ihm der Kopf stund, es sumste und surrete ihm in den Ohren, als ob es den mächtigsten Schwindel hätte. In Angst suchte es allen, die was wollten, zu entsprechen, hatte daher nicht Zeit, Rede zu stehen, höchstens hie und da zu einer kurzen Antwort, hörte das meiste nicht, was geredet wurde, und das gefiel den Leuten. Es sei ein recht Meitschi, sagten sie, öppe nit es uverschamts und alässigs, behülflich und gutmeinig, es gefiel ihnen am ganzen Leib besser als der alte Korber am kleinen Finger, und es wäre schade, wenn das nicht bald heiratete. »Nimms!« hieß es dann zu Benz, »nimms, sust nimmts e andere. Öppe der hübschist Schwäher bekommst nit, aber was frägt man des Schwähers Hübschi nah, si ist mängist no drzu e uchummligi Sach, bsungerbar wenn er Witlig ist u sust e Vogel. DsMeitschi ist allweg e Ma wert öppe wie du, dGeiße nit gerechnet, dem Hüsli ist sih öppe nit viel z'achte. Seh, Alte, du heißest uns dann zHochzeit cho, es wird doch e Niedersinget gä? U schieße wey mr, wennd sPulver zahlst, daß me im Äärgäu glaubt, dFranzose chömme.« Grob antwortete der Alte, und je gröber ers gab, desto lustiger gings.

Zum Glück ging es Nachmittags wie üblich, wo Gottes Hand mächtig gewaltet über den Menschenkindern: eine große Menge von Leuten kam daher, die Verheerungen zu betrachten. Aus Neugierde kamen sie, und die meisten gingen mit Erbauung, denn auf solchen Stätten sieht der Mensch am klarsten seine Ohnmacht und des Herrn Gewalt, solche Stätten predigen am gewaltigsten: »Ich bin der Herr und sonst keiner mehr, der ich das Licht formiere und schaffe die Finsternis, ich, der Herr, tue dieses alles.« Dann kommt Erbarmen in viele Herzen, und mancher schöne Batzen fließt in die Hand der Geschlagenen, und manche Gabe wird hergesandt in den folgenden Tagen.

Als es Barthli war, als sei er in einem Wespen- oder gar Hurnussennest, sah er einen alten Bauer unweit von sich stehen, der auch gekommen war, das Unglück zu sehen, und eben Barthlis Häuschen betrachtete. Er war sein Schulkamerad gewesen und, was noch mehr sagen will, mit ihm erst zum Herrn gegangen und dann zu des Herrn Tisch. Das alte, trauliche Verhältnis war geblieben, der reiche Hans Uli war Barthlis treuester Gönner. Zu dem flüchtete sich Barthli. »Kömmst auch, mein Unglück zu sehen?« sagte er. »Warum mußte ich das erleben und noch dazu mit dem Leben davonkommen, was soll ich mehr auf der Welt? Was habe ich als böse Leute und böse Tage!« »Nit, nit, Barthli, versündige dich nicht!« sagte der Bauer, »hast Ursache, dem lieben Gott zu danken, daß es dir noch so leicht abgegangen. Aber du bist immer der gleiche, siehst immer nur, was zu klagen ist, und nie, wofür zu danken wäre, bist übrigens nicht der einzige, haben es noch viele wie du, aber das ist eben lätz.« »Aber was habe ich dann da zu danken?« frug Barthli, »dsHüsli halber fort und dsHerz voll Vrdruß und e Zorn, daß ih ne nit verwerche ma, und wenn ih hundert Jahr alt würd. Ih möcht doch de da frage, was da Bsunderbars z'danke sy sött?«

»Du bist ein wüster Barthli, weißt es nur!« sagte der Alte. »Wie leicht hättest können um das Meitschi kommen, die Geißen kriegtest auch wieder, das ist dHauptsach, ums Hüsli und die paar Bohnenstauden ist nicht viel gfochte, und du weißt nit, warum danke!« »Wüßt nit, warum ich zu danken hätte, wenn man mir meine Sache ruhig läßt und mir nicht nimmt, was mein ist! Da hätte ich ja nichts zu tun als zu danken und jedem Hund zu scharwänzeln, der Mich nicht frißt. Aber z'klage habe ich, wenn mir einer, seis, wer es wolle, nimmt, was mein ist, und dazu ich mich muß lassen ausspotten, daß es mich vor Zorn fast versprengt. Daß es keine Frömmigkeit mehr gibt auf der Welt, sagte ich schon lange, aber daß es so schlechte Leute geben könnte, hätte ich doch nicht gedacht.« »Was ist dir geschehen, ward dir etwa noch gestohlen?« frug der Bauer. »Aparti gstohle nit«, antwortete Barthli, »aber mehr als gstohle. Da ist so ein wüster Schnürfli, der will für dsTüfels Gwalt Tochtermann werde, und dsMeitschi, die Täsche, hets wie die andere, es hätt nichts dagegen, ich glaub gar, es wär ihm noch anständig. Und wie das unter die Leute kam, weiß ich nicht, aber da hält mir ein jeder Lausbub den Tochtermann vor, rühmt ihn an spottsweise, preisen ihn dem Meitschi an und hetzen den Lümmel ans Meitschi, und der stolpert ihm nach, und dem muß ich zusehen, und wie das Meitschi keinen Verstand hat und keine Scham, es wär sonst über alle Berge, und die ersten Tage täte es niemand hier sehen. Und statt dessen bleibt es da, ja denk, Hans Uli, gibt ihm sogar Bescheid und wartet ihm.«

»Es wird doch nicht der sein, wo die Leute sagen, er habe euch das Leben gerettet, und die Geißen hätten ihn so gleichsam herbeigerufen?« fragte der Alte. »Wohl, grade der ists. Meinethalb hätte er gar nicht zu kommen brauchen. Und sei es ihn, oder sei es ihn nicht, so brauche ich keinen Tochtermann, zwei Unglück aufeinander will ich nicht, es ist genug, wenn ich Kosten haben muß, für das Hüsli z'plätzen, und nicht weiß, wo das Geld hernehmen, ich will noch nicht auf alles hin auch einen Tochtermann, für daß er uns die Speise, wo wir längs Stück dsHalbe mehr nähmen, vor dem Maul wegfresse. Ich sagte es ihm, ich brauche keinen Tochtermann, wir könnten alles selber essen, und er tut nichts darum, will es zwängen, dä Uflat!« »Es wird doch nicht der sein, welcher euch zu Hülfe kam im Unwetter und euch das Leben gerettet?« frug der Bauer noch einmal. »Wohl, gerade der ists«, sagte Barthli, »aber wegem Rette mag ich nichts hören, es war nicht halb so gefährlich. Es hat nicht sein sollen, darum kamen wir davon; wenn es hätte sein sollen, so würde der Kerli wenig dran haben machen können, hätte lange können brüllen. Jetzt hintendrein ists kommod, sich zu rühmen, was man alles getan.« »Hör, Barthli, du bist ein wüster Mann und tust ungattlich, es kommt dir so nicht gut, zähl darauf! Den Burschen kenne ich wohl, er ist ein guter, z'werche, und danebe e freine Schlufi und huslich, grad einen bessern findest nicht; und wenn du mußt bauen lassen, so wirst es erfahren, wozu du einen Tochtermann brauchen kannst!«

Nun begehrte Barthli erst recht auf, was er sinne mit dem Bauen; zwegmache zNot, daß dGeiß nicht erfriere, das werde sein müssen, aber von mehr sei keine Rede. »Ein Kreuzer, den du verplätzest, ist gschändet«, sagte Hans Uli. »Geh den Bauern nach um Holz! Wenn du schon ein wunderlicher Barthli bist, daß es key Gattig hat, so hast doch gut Lüt, kriegst Holz mehr als genug, und wenn du das hast, kostet dich der Rest nicht mehr viel, hundert bis zweihundert Taler ist alle Handel, mehr als genug.« »Ja, ja, hundert bis zweihundert Taler ist bald gesagt, wenn man es hat, aber, wenn man es nicht hat, wo nehmen und nicht stehlen? Und Schulden machen will ich nicht, wer sollte sie zahlen, und, wenn ich schon wollte, wer vertraute mir einen Batzen an?« »Gstürm!« sagte Hans Uli. »Aber hör, Barthli, weil wir einmal bei diesem Kapitel sind, muß ich dich doch etwas fragen, was mich schon lange wundernahm. Es gibt Leute, welche guten Verdienst haben und wenig zu brauchen scheinen, von denen man glauben sollte, sie äufneten sich, und wenn es lange währe, müßten sie notwendig reich werden. Und doch sieht man nichts davon, sie sind immer nötig oder tun nötlich, kommen nicht vorwärts, gehen oft unerwartet zugrunde. Wenn man dann untersuchte, fand man immer ein heimlich Loch, wo der Sack rann, daß es niemand merkte. Da begriff man dann bald, wo es hielt, daß es dem so ging, daß er eine Eiterbeule am Leibe hatte, welche alle guten Säfte einsog und verzehrte. Geradeso einer bist, Barthli, auch du. Verdient hast seit vielen Jahren schwer Geld.«

Potz, wie polterte Barthli da über den Verdienst und die Mißgunst der Bauern, wenn ein arm Mannli nicht Hungers verreble; und lange kam Hans Uli nicht zum Fortfahren. »Verdient hast viel allweg und dem Schein nach wenig gebraucht. Im Wirtshaus sah man dich wunderselten, mit der Hoffart übertatest du es auch nicht, deine Leute hatten es eben nicht am besten, hattest sie nicht im Salb, hättest sie lieber ins Paradies geschickt, wo man es mit Feigenblättern wohlfeil machen konnte. Jetzt, Barthli, mußt du Geld haben, oder hast ein geheim Loch im Sack, wo es rinnt? Wo hast das, hast etwa irgendwo jemanden, dem du es anhängst? Aber es dünkt mich, in der langen Zeit wäre es dir an Tag gekommen, und ich vernahm doch nie etwas der Art von dir. Glaub, es wäre dir lieber, unser Herrgott hätte nur einer Gattig Leute erschaffen statt zweier Gattig.« Nun begehrte Barthli wieder schrecklich auf über solche Verleumdungen und Zumutungen, und wie reiche Bauern nie glauben könnten, daß arme Leute so ehrlich sein könnten als die reichen Schindhunde, und er werde ihn doch nicht, mit einem Fuß im Grabe, zu einem schlechten Manne machen wollen. Er solle es probieren, wenn er könne, aber er wolle sich wehren, wie mans nicht denken sollte.

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