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Barthli der Korber

Jeremias Gotthelf: Barthli der Korber - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen
authorJeremias Gotthelf
year1976
publisherArtemis & Winkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05090-2
titleBarthli der Korber
pages493-565
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1852
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Züseli war bei der ganzen Verhandlung gewesen, aber nicht gefragt, hatte es auch nichts dazu gesagt. Der Alte fragte ihns auch nachher nicht, ob er es ihm recht gemacht, sondern behandelte es als Mitschuldige. E Dirne, es wüsts Bubemeitschi seis, nit trocke hinter den Ohren und schon einen Mann wollen, pfy Tüfel! Kabiswasser saufen müß es ihm, bis solche Mücken vergangen seien. Daß es ihm nicht dsHerrgotts sei, mehr einen anzusehen, sonst wolle er ihm die Augen schon vermachen mit Harz oder Schnupf, was er zuerst bei der Hand habe. Er wolle ihm das Gaffen und Liebäugeln vertreiben! Es sei nichts besser dafür als eine Drucke voll Schnupf i dsGfräß. Er möchte doch wissen, was sie da mit einem Tochtermann, mit so emene Gränni machen sollten in dem kleinen Hüsli, wo sie kaum selbst Platz hätten. Es sei jetzt mehr als zehn Jahre, daß seine Alte gestorben, sie hätten es seither machen können ohne Tochtermann, er wüßte gar nicht, warum sie jetzt auf einmal einen nötig haben sollten, son e Kerli, wo freß für zwei, Platz versperr und nichts könne als die andern versäumen! »Wir mangeln keinen Tochtermann, wir können es alleine, gibt die Geiß ja längs Stück für uns kaum oder gar nicht Milch, verschweige dann für ein so groß Kalb.«

Von diesem Standpunkt aus sah Barthli die Sache an. Es wird sicher niemanden und namentlich keiner lieben Leserin unerwartet kommen, wenn wir sagen, daß Züseli nicht von diesem Gesichtspunkte aus die Lage der Dinge betrachtete. Das Tanzen und der Tochtermann hatten in seinem Köpfchen sich Platz gemacht und drehten sich darin miteinander herum, daß ihm fast alles Sinnen und Denken verging. Kaum achtzehn Jahre alt und hätte schon einen Mann haben können, und ist manche schon siebenzig Jahre alt und hat noch keinen! Dann hätte es mit ihm zMärit gehen können und beim Heimgehen tanzen, drli, drlü. Und wenn der Alte nicht dabei war, so probierte Züseli richtig, ob es es noch könne. Man sieht, Züseli hätte mit einem Tochtermann seines Vaters schon was anzufangen gewußt. Aber es sollte ihn ja nicht haben, sollte keinen Mann haben, denn der Alte wollte ja keinen Tochtermann, nie mit einem vom Märit heimgehen und mit ihm tanzen! Das kam ihm fast übers Herz, es mußte weinen, es mochte wollen oder nicht, es mußte an Benz denken. Der hätte sich doch so wohl geschickt, fand es je länger je mehr; die Mutter hätte es eben auch nicht begehrt, aber ihn wohl, und zu brauchen wäre er sicher auch gewesen, was er nicht gekonnt beim Korben, hätte man ihn brichten können.

Bis jetzt hatte Barthli mit Recht nicht über Züseli klagen können, sondern Ursache gehabt, dem lieben Gott für das Meitschi zu danken, denn es war nicht bloß die Stütze, sondern auch die Blume seines Alters. Nun begann es zu ändern. Böses machte, soviel wir wissen, das Meitschi nichts, aber mit seinen Sinnen und Gedanken war dasselbe nicht mehr da, wo es sein sollte, sie flogen ihm davon, es wußte selbst kaum, wohin. Das eine vergaß es, das andere machte es verkehrt, daß der Alte wirklich manchmal schlimm daran war. Bald war nicht gekocht, bald nicht gemolken, die beiden Handhaben an einem Korbe auf der nämlichen Seite, oder gar feuerte es mit Korbwydlene an.

Dazu begann das Meitschi schlecht auszusehen, müde zu werden, plärete viel, daß der Alte wirklich ans Krankwerden dachte und eine alte Nachbarin zu Rate zog. Die tröstete ihn. Das sei nichts anders bei jungen Mädchen, sagte sie, das gebe es oft und werde schon bessern. Da sei nichts besser dafür, als ab Bocksbart zu trinken, der sei bsunderbar gut i sellige Umständen. Zu all seinem Elend mußte nun Züseli ab Bocksbart trinken, der schmeckte ihm aber grundschlecht, und man sah gar nichts, daß er ihm anschlug, eher das Gegenteil. Je weniger er aber anschlug, desto böser wurde der Alte mit Züseli. »Du sufst ume z'wenig«, sagte er, »es würde sonst schon bessern, der ist ja expreß gut dafür. Wottsch sufe oder nit?« Wegem Bocksbart konnte er fragen: »Wottsch oder wottsch nit?« hätte er wegem Tochtermann so gefragt, es hätte vielleicht besser angeschlagen.

Ob Züseli in dieser Zeit Benz nie gesehen, nie gesprochen, wissen wir nicht, wir haben Ursache zu glauben, daß sie sich gesehen haben. Wenigstens wollte es eine Nachbarin behaupten, nicht daß sie dieselben beieinander gesehen, aber Züseli suchte das Futter für die Geißen und den Bocksbart gar oft am nämlichen Orte und an einem Orte, wo nüt Aparts für die Geißen wachse, und der Verstand gebe es doch mit, daß am nämlichen Orte nicht stets etwas zu finden sei. Aber von dort sehe man den Hof, wo Benz diene, und von dorther gehe man herunter ins Dorf, das komme ihr sehr kurios vor. Uns dagegen gar nicht, denn jedem achtzehnjährigen Meitschi ist bekannt, daß ein solches Mädchen in einem Zimmer, wo drei Fenster sind, von denen eins gegen das Haus seines Schatzes sieht, sich immer an dieses Fenster setzt, auch wenn es gar keine Hoffnung hat, mit dem Schatz hinter den Fenstern zusammenzutreffen. Es ist immer Hoffnung, vielleicht ein Bein oder einen Kuttenfecken des Geliebten zu sehen, jedenfalls hat man einen sichern Haltpunkt für seine Gedanken, und schaden kann es ja doch nicht viel!

Wir wollen nicht entscheiden, wie es sich verhielt; das wissen wir, daß am zweiten Sonntag im August vergangenen Jahres Züseli daheim vor dem Häuschen saß und grusam Langeweile hatte und ein Blangen dazu, daß es ihm sein kleines Herz fast versprengen wollte. Die Bewohner des rueßigen Grabens meinten nicht, daß sie alle Sonntage zur Kirche müßten. Wenn man die Sonntagskleider alle Sonntage anziehen wollte, man wäre ja alsbald fertig damit, meinten sie. Barthli ging noch zuweilen, und manchmal nur, damit das Meitschi daheim bleiben müsse, um zu hüten, denn das sah er sehr ungern gehen und legte ihm, wenn es einmal gehen wollte, Hindernisse in Weg, wie er nur konnte und mochte. Ledigen Leuten sollte man dsChilchegah ganz verbiete, meinte er. Es sei ihnen doch nie wegen Gottes Wort, sondern nur, daß ein Löhl den andern angaffen könne, und daraus entstünden böse Sachen, wie man Exempel genug hätte. Mit Lesen gab Züseli sich auch nicht besonders ab, und Barthli gab ihm das Beispiel nicht. Sie hatten wohl eine Bibel, aber nicht großen Appetit dazu. Hier ist das Sprüchwort besonders wahr: »Der Appetit kommt überm Essen.« Man muß früh anfangen zu lesen und gut lesen, nicht bloß halb buchstabieren können, wenn man Freude am Lesen bekommen soll. Der Sonntagsmorgen ging noch an. Es hatte für Menschen und Vieh zu sorgen, sich recht zu waschen und zu kämmen, statt Kartoffeln machte es einen Eiertätsch oder ein Eierbrot. Fleisch hatten sie des Jahres nicht oft auf dem Tisch. Diese Mahlzeit wurde schon um eilf Uhr eingenommen, lang vor zwölfe war man mit allem fertig, mit Essen und Abwaschen, und jetzt? Nun, manchmal ging Züseli beeren im Walde. Erd-, Heidel-, Him- und Brombeeren fanden sich zur Genüge. Wohl flocht es auch niedliche Körbchen mit allerlei Kunstwerken für sich, denn eigentliche Arbeit duldete der alte Korber am Sonntag nicht. Das sei das beste Zeichen, um wieviel die Menschen geschlechtet hätten und nichtsnutziger geworden seien, ehedem hätten sie arbeiten können in sechs Tagen, daß sie sieben Tage zu leben gehabt, jetzt schafften viele sieben Tage und brächten es nicht zweg, daß sie sich des Bettelns erwehren könnten, behauptete er.

Aber auf die Straße, ins Dorf hinunter, wo Wirtshäuser waren, dahin ließ es der Alte nicht, von wegen er war da nicht mit der Schnupfdrucke bei der Hand, um zu rechter Zeit vor anfälligem Schaden sein zu können. Da gab es lange Sonntagnachmittage und viel Seufzens. So war es eben an jenem genannten Sonntagnachmittag. Die Ziege mäckerte im Stalle, und der Alte sagte, es sei ihm so in den Gliedern, es nehme ihn wunder, ob es ein Wetter geben würde? Er wolle hinaustrappen auf die Egg, dort sehe man am besten, was werden wolle. Es finge sich fast an zu fürchten, sagte Züseli. Vor acht Tagen hätte es so grusam Unglück gegeben vom Wasser, und man sage, es gebe gerne zwei Wassergrößen hintereinander, und die zweite sei größer als die erste. Es wollte, er bliebe da, oder es wolle mit ihm kommen. »Dumm!« sagte Barthli, »es muß jemand daheim sein, um Bescheid zu geben; wenn es schon ein wenig Wasser gibt – und daß es gibt, ist noch lange nicht gesagt, das will ich eben gehen zu gucken -, so wird dir doch hier oben die Emme nichts tun und die Aare nichts, und wenn es wäre, könnte ich dir doch nichts helfen, und die Sündflut wär nicht mehr weit.« »Man kann nie wissen«, sagte Züseli kläglich. »Dumm!« sagte Barthli und ging langsam der Egg zu.

Wenn es doch dann an einem Sonntag vom Hause weg sein müßte, so sei es doch überall der Brauch, daß die Jungen gingen und nicht die Alten, dachte Züseli traurig. Aber es sei ein armes Tröpfli, es wollte bald lieber sterben als so dabeisein, keine Freude, keine Gesellschaft, von Lustbarkeit wolle es nicht einmal reden. Es setzte sich aufs Bänklein und hätte wahrscheinlich geweint, wenn es nicht Gesellschaft bekommen hätte. Seine Hühner kamen daher, nicht des Fressens wegen, sondern als ob sie bei ihm Schutz suchen wollten. Es wird ein Vogel in der Nähe sein, dachte es. Aber die Hühner wollten nicht von ihm weg, wie sie sonst tun, wenn sie den Vogel weitergeflogen glauben. Wie halb krank stunden sie um ihns herum und versetzten keinen Fuß, um Futter zu suchen. Warum doch die Hühner so mudrig seien? dachte es. Wenn sie nur nicht was Böses gefressen, ihm nur nicht draufgingen, es ginge ihm viel zu übel. Der Vater wolle kein Fleisch kaufen und Brot so wenig als möglich; wenn es nicht zuweilen was von Eiern machen könnte, so hätten sie dsJahr ein, dsJahr aus nichts als Kaffee und Erdäpfel, und selb wär denn doch gar zu läntwylig. Es donnerte dumpf, das Meitschi wußte nicht, von welcher Seite her. Es wurde dunkler, es sei fast, als ob es Nacht werden wollte, kein Wunder, daß die Hühner gekommen, sie würden gemeint haben, es sei schon Zeit, zSädel zu gehen, meinte es. Es fürchte sich schier; »wenn nur dr tusig Gottswille drÄtti wieder da wär!« sagte es zu sich selbst.

Es stund vor das Dach hinaus, und über sich sah es den Himmel schwarz wie ein ungeheures schwarzes Grab. »So habe ich es nie gesehen«, sagte es zu seinen Hühnern, »wenn doch nur der Ätti käme, was braucht doch der seine Gwundernase auf die Egg hinaufzutragen!« Still war es auch wie im Grabe, kein Vogel zeigte sich mehr, von ferne hörte man ein Gerolle, es war, als wenn ein gewaltiger Totengräber Erde würfe auf einen eben versenkten Sarg. Schwere Tropfen fielen. Eine Nachbarin stand zu Züseli und sagte: »Es ist mir so angst, ich bekomme fast den Atem nicht, ich weiß nicht, was es geben will.« »Ja«, sagte Züseli, »und Ätti ist noch nicht heim, wollte auf der Egg nach dem Wetter sehen, und wenn er nur das täte, so dünkt mich, er sollte heimkommen, aber er wird sich mit Klappern versäumen.« »Sieh, dort kommt er, und es pressiert ihm!« sagte die Nachbarin. »Hätte nicht geglaubt, daß Barthli noch so schnelle Beine hätte.« Da flammte es vor ihren Augen, als ob Feuer vom Himmel falle, daß beide die Hände vor die Augen schlugen, ein entsetzlicher Donner betäubte die Menschen, die Erde erzitterte, und ehe sie noch zueinander gesagt: »Gott, mein Gott!« brachen Wasserströme aus den Tiefen des Himmels, der schwarze Sarg war geborsten, und seine Wasser platzten zur Erde. Beide stürzten ihren Häuschen zu, einige Schritte weit, sie erreichten sie zur Not, naß bis auf die Haut, außer Atem. Kaum hatte Züseli ihn wieder, jammerte es: »Mein Gott, mein Gott, der Vater!«

Es war, als ob Gott ihn bringe, er stürzte unter Dach. »Mein Gott, mein Gott, so habe ichs noch nie erlebt«, keuchte Barthli. Sie flüchteten sich in die Küche, um den Herd stunden betäubt die Hühner, hinten im Stalle schrie wehlich die Ziege, man hörte zuweilen ihre jammervolle Stimme durch das Rauschen der Wasser zwischen den betäubenden Donnerschlägen. »Wenn wir nur die Geiß hier hätten!« sagte Barthli, »die hat grusam Angst, und dort ist das Dach nicht am besten.« »Will probieren«, sagte Züseli, »sie zu holen.« Dreimal setzte das Meitschi an, um aus der Küche zu kommen, dreimal schlugen es die Wasser des Himmels – denn es war kein Regen mehr, es war ein Strom, der aus dem Himmel brach – zurück. Endlich kam es zum Ställchen, konnte die Türe öffnen, da fuhr Feuer durch die Gewässer, blendete ihm die Augen, betäubt lehnte es sich an die Wand. Als es wieder Besinnung hatte nach wenigen Sekunden, war die Ziege weg, das Gitzlein auch, furchtbar brausten die Wasser, es donnerte, wie es in des Blitzes Glut gesehen, ein gewaltiger Bach durch den Graben, wo sonst nur in nassen Zeiten ein klein Wässerchen lief, das zur Not ein Rädchen trieb, wie Kinder in Bächen einzuhängen pflegen.

Züseli floh zur Küche, naß bis auf die Knochen. »Vater, dGeiß wird da sein?« rief es. »Als ich den Stall auftat, kam der Blitz, und als ich wieder sah, war keine Geiß mehr da.« »Sie wird in der Angst ums Häuschen sein, man muß ihr rufen«, sagte Barthli und rief ihr mit seiner rauhen Stimme: »Gybe, sä, sä! Chumm, sä, sä!« aber Barthlis Stimme war zu dünn, drang nicht durch den Donner Gottes und das Brausen der Wasser, Gybe kam nicht. Er drang in seinem Eifer vor die Türe, da sah er denn im Scheine der ununterbrochen flammenden Blitze den donnernden Bach, die Breite des Grabens füllend, höher und höher steigend, mit Gebüsch und jungen Tannen den breiten, trüben Rücken bedeckt. »Oh, oh, Züseli, oh, Züseli, wir müssen sterben!« schrie Barthli und vergaß die Ziege. Sie dachten einen Augenblick an Flucht, aber wohin in den wogenden Wassern? Sie dachten an den jüngsten Tag; und wenn der komme, so komme er ihnen auf den Bergen oder in den Tälern oder in den schäumenden Wellen. Sie beteten, was sie konnten, erwarteten zitternd das Vergehen von Himmel und Erde. Die Wasser brausten, die Hütte wankte, sie hatten sich ihrem Gott ergeben, achteten sich nicht mehr der Zeit, sie warteten auf das Öffnen der Tore der Ewigkeit.

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