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Barthli der Korber

Jeremias Gotthelf: Barthli der Korber - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen
authorJeremias Gotthelf
year1976
publisherArtemis & Winkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05090-2
titleBarthli der Korber
pages493-565
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1852
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Als Barthli hinaufkam mit der Wirtin, da war Züsi zum großen Ärger des Alten bereits mitten im Tanzen. Es war ihm wirklich zu seinem eigenen Erstaunen gegangen wie, doch per se nicht zusammengezählt, einem jungen Hunde, und seine Beine bewegten sich ungesinnet und ungeheißen, wie der Geiger es aufmachte. Gar freundlich wurde Barthli oben empfangen, mit Wein und Speisen reich reguliert, Gläser von allen Seiten ihm dargestreckt, man wollte ihn versäumen, mit Wein zudecken, daß er Pressieren und Heimgehen vergesse. Aber Barthli war nicht erst gestern auf die Welt gekommen und von Natur nicht dumm. Ein Glas Wein, wenn es ihn nichts kostete, trank er nicht ungern, er teilte diese Schwachheit mit noch ganz anderen Leuten, aber das Spiel mit sich treiben ließ er nicht gerne, den Posten, anderer Narr zu sein, liebte er nicht, auch wenn er was eintrug und er, Barthli, geizig war. Er nahm, bis es ihn dünkte, er hätte genug, und drei Tänze sollten getanzt sein. Da wollte er sein Meitschi haben und fort, aber man lachte ihn aus, und der Spektakel ging von neuem an. Das Meitschi hörte es, und obgleich es ihm beim Tanzen war, als sei es halb selig, so stellte es doch dasselbe ein, wollte keinen Fuß mehr versetzen, sondern mit dem Vater heim. Aber Benz wollte es nicht gehen lassen, sondern zerrte immer frisch an ihm. Da kam die Wirtin wieder und sagte: »Jetzt laßt mir das Meitschi, ich versprach es dem Alten, und er soll es haben, und wer es nur noch anrührt, den treffe ich und, wenn es an einem Mal nicht genug ist, zweimal. Es nimmt mich wunder, ob in meinem Hause die Leute nicht ein- und ausgehen dürfen, wie sie wollen.« »Aber, Wirtin, hätte geglaubt, du hättest mehr Verstand als so. Seit wann ists Sitte, mit einem Mädchen zu tanzen und es so z'trocknem laufen zu lassen? Das tut dir kein rechter Bursche, einmal wenn er noch einen Kreuzer Geld im Sacke hat«, hieß es von allen Seiten. »Mir wärs manchmal lieber gewesen, z'trocknem zu gehen als so einem Schnürfli ein Glas abzunehmen«, antwortete die Wirtin. »Aber meinetwegen! Soll ich eine Halbe bringen?« Als die Halbe getrunken war, fing die Geschichte wieder von vornen an. Benz wollte das Meitschi nicht lassen, erst jetzt habe er recht Mut zum Tanzen, und mit dem Trinken sei es nicht gemacht, es müsse gegessen auch sein, die Wirtschaft solle aufwarten mit dem, wo zu haben sei, heute müsse was gehen, er setze nicht ab. Das Mädchen weinte, und der Alte war fuchswild. Benz schimpfte ihn mit allen möglichen Ehrentiteln aus und fing den Schreiß wieder an. Da erschien die Wirtin, warf Benz mit ihrem mächtigen Arm in die lachenden Zuschauer hinein, daß er davonfuhr wie ein Kegel, von gewaltiger Kugel getroffen. »Jetzt, Alter, nimm das Meitschi und mach, daß du mit ihm fortkommst; und daß mir sie keiner anrühre oder plage, sonst treffe ich ihn, daß er weiß, daß er getroffen ist!« so rief das zornige Weib. Und unangetastet im Frieden zog der Alte mit seinem Kleinod ab. Man glaubt nicht, was so eine mutige Wirtin für eine Herrschaft übt. Der Wirt ist immer nur ein Fösel dagegen.

Der Alte fuhr wie ein großer Feuerteufel oder feuerspeiender Berg dahin, schimpfte über alles im Himmel und auf Erden und nicht am wenigsten über sein Töchterlein, daß das einen Fuß zum Tanzen aufgehoben, gäb wie das sagte, es hätte nicht anders können, es hätte sich ja gewehrt bis z'usserist use. »Zum Schein, du Täschli!« polterte der Alte, »wenn es dir ernst gewesen, du hättest dich gstabelig gemacht wie ein buchenes Scheit, daß der Tüfel ghört hätt, mit dir z'tanze, jawolle!« Ja, so ein alter Barthli, ein sechzigjährig Kudermannli hat gut reden, so einer, der von Natur gstabelig ist wie ein Garbenknebel, der weiß nicht, was das Unghürigs wär für ein achtzehnjährig Meitschi, wenn es sich gstabelig machen sollte, wenn der Geiger einen recht Lustigen aufmacht und ein Benz mit ihm tanzen will. Dem Meitschi gings ganz wunderlich im Kopf herum, bitter und süß durcheinander. Das Schelten des Alten tat ihm weh. Das Wüsttun von Benz plagte ihns. Daß er so einer sei, so wüst tun könnte, hätte es keiner sterblichen Seele geglaubt, dachte es, und zu diesen Gedanken machte der Geiger lustig auf, die Töne zuckten ihm durch den ganzen Leib, die Füße trippelten im Takt. Es war in dem seltsamen Zustand, wo man oben weint und unten tanzt, Füße und Augen allen Rapport zueinander verloren haben.

So kamen sie heim, und dsMeitschi sollte die Haushaltung machen und zwar hinten und vornen im Hause. Wie die Ziegen mit ihrem Traktament zufrieden waren, wissen wir nicht, Klagen darüber kamen uns keine zu Ohren, aber über das seine schimpfte Barthli ungemessen, und zwar hatte er etwas recht, wir müssen es sagen. Der Kaffee war ganz ohne Sinn und Verstand, das Meitschi hatte das Pulver vergessen, er kam ganz weiß aus der Kanne. Die Erdäpfelrösti war schwarz wie ein Wollhut, ungesalzen und ungeschmalzen. Die Milch war ein unerhört, nie erlebt Getränke, denn im Verschuß hatte Züseli Salz und Butter in die Milch getan statt in die Rösti. Man kann sich denken, was das für den hungerigen Barthli für ein Herrenleben war! Er war drauf und dran, was er sonst nie machte, ins Wirtshaus zu gehen und nachzubessern und den Leuten zu klagen, wie es ihm ergangen, und was er für ein Meitschi habe. Zu gutem Glück fiel ihm noch zu rechter Zeit ein, der Teufel sei von je ein Schelm gewesen, es wäre sehr möglich, daß er es jetzt noch wäre und Benz und Züseli zusammenführen könnte so oder so. Er besserte sein Hundefressen mit einem Stück Käs aus, trank frische Geißmilch dazu und paßte scharf auf Züseli, in welcher Richtung dessen Augen gingen, ob es wohl jemanden erwarte oder nicht? Und als es ihm sagte, es wolle zu Bette, es sei müde und schläferig, da ward ihm die Sache erst recht verdächtig. »Aber wart, du Täschli, du bist mir noch lange z'wenig, Barthli ist dir und andern schlau genug, du Täsche! Wart bis morgen, dann will ich dir die Schlauheit auflegen, daß du sie faustdick am Leibe greifen kannst!« brummelte der Schlaue.

Nun machte es der Alte schlau. Er stellte sich in die sieben Bohnenstecken, von denen aus er die Zugänge zum Häuschen übersah und namentlich die Fensterchen allzumal, die blinden und die halbblinden. Da lauerte er wie die Katze auf die Maus und dachte: Wartet nur, der alte Barthli ist euch schlau genug, der tut euch Pulver in die Kanne und Salz in die Rösti. Er machte sich gstabelig wie ein buchenes Scheit in seinen Bohnenstecken, und das war ihm keine Kunst, denn er war von Natur schon fast so, und spitzte die Ohren wie ein Has in einem Kabisplätz. Er hörte immer etwas, bald hinten, bald vornen, bald links, bald rechts, es knisterte was im Laube, es trappete auf der Straße, es schlich etwas, es hustete, kurz, er hörte alles mögliche, aber es kam niemand. Es fror ihn, es fiel ihm ein, der Kerl könnte schon drinnen sein, er hörte drinnen was. Richtig, da redete es. Barthli schlich wie eine Spinne, wenn sie eine Fliege um ihr Netz surren hört, gegen seiner Tochter Bett, stand stille und wollte wissen, wer da spräche und was, und, wenns Benz sei, ihn verprügeln nicht für Spaß. Aber er verstand sich nicht auf die Töne, bis er dicht vor dem Bette stund. Da hörte er, wie Züseli brummte: »Drli, drli, drli, drli, drlum, drlum, drlum, drlurili, drlurili.« Das gute Meitschi tanzte im Schlaf und machte den Geiger dazu und war sicherlich selig in seiner Freude. Es fehlte aber nicht viel, der Alte hätte sie ihm rauh vertrieben und ihm zugemessen, was er Benz zugedacht. Hart rüttelte er das Meitschi auf und gab ihm einen väterlichen Zuspruch nicht bloß aus dem Salz, sondern aus dem Pfeffer, der aber dennoch nicht tief ging; denn kaum stand der Alte wieder in seinen Bohnenstecken, da sumste es im Stübchen wieder: »Drlü, drlü, drli, drli«, und lustig gings in des Mädchens Seele zu, während draußen der Alte fror und fluchte und alles umsonst. Benz kam nicht, aber kommen hatte er wirklich wollen, der Geist wäre willig gewesen, aber das Fleisch war zu schwach. Er war hart betrunken, fand den Weg nicht, fand überhaupt keinen Weg mehr, und wie und wann er nach Hause kam, darüber gehen verschiedene Gerede. Als Benz wieder zu ordentlicher Besinnung kam, da ward sein Gewissen beschwert durch die Art und Weise, wie er Barthli behandelt und tituliert hatte. Das Meitschi stak ihm im Herzen und dsHüsli im Kopf und beide tief. Das Meitschi gefiel ihm wohl, es war eingezogen, flink und fleißig, hübsch genug für ihn, wie er sagte, aber es chömm nit alles uf dHübschi a, sondern ds meiste ufs Ordelitue, und dann könne er einmal noch ein ganzes (die Löcher im Dache rechnete Benz für nichts) Hüsli erben, da brauche man keinen Hauszins, könne pflanzen, ja, das wäre ein schöner Anfang und viel gewonnen. Wenn man ein Meitschi gerne möchte, so schien es Benz denn doch nicht als zweckmäßige Präliminarien, den künftigen Schwäher zu mißhandeln, er erachtete, der Schaden müsse ausgebessert werden, aber das Wie, das gab ihm lang zu sinnen. Endlich fiel ihm was ein. Er stahl seiner Meisterfrau einige alte, zerrissene Körbe und machte sich nach dem Feierabend mit denselben dem rueßigen Graben zu.

Er fand den Alten auf dem Bänkli vor dem Häuschen. Das Meitschi saß neben ihm auf dem Tritt der Stege, die ins Obergaden führte. Die Meisterfrau schicke ihn, sagte Benz, er hätte da einige alte Körbe zum Flicken, wenn es sich der Mühe lohne, er solle sie gschauen, und somit saß er ohne weitere Komplimente neben den Alten auf das Bänkli ab. Der Alte hatte alsbald die Trümmer der Körbe zur Hand genommen und geriet in schauerlichen Zorn. Er ließ ihn zuerst los über die Baurenweiber, wie die immer hundshäriger würden, wüst Gythüng. Da solle er Körbe flicken; fordere er mehr als zwei Kreuzer für einen, so sage sie ihm wüst, und habe er mit demselben doch mehr zu tun als mit einem neuen, dreibatzigen. So gehe man mit armen Leuten um; nachdem man sie blutt gemacht, wolle man sie noch schinden. Nachdem er alles gemustert, wandte sich sein Zorn. »Los, Bub«, sagte er, »mit solchem Zeug schickt dich keine Bäuerin, wenn sie recht im Kopf ist, und das ist deine, das ist eine rechte Frau. Du Lumpenkerli willst anfangen, wo du es gelassen, ich soll dein Narr sein, aber da bist am Lätzen, stell einen hölzernen an, wenn du einen Narren haben mußt, oder sei ihn selbst, aber den Barthli laß ruhig, der zeigt dir sonst den Weg unsauber! Nimm den Zeug und packe dich, und daß du mir nicht mehr unter das Dach kömmst, sonst mache ich, was gut ist.« Benz blieb sitzen und sagte ruhig: »Etwas recht hast und etwas nicht. DMeisterfrau hat mir in der Tat diesen Zeug nicht gegeben, sondern ich kam aus mir selbst, und weißt, warum? Ich wollte schon am Märitabend kommen, es war aber besser, ich kam nicht, ich war z'volle, mein Lebtag nie so, wie ein Kalb, sag ich dir. Nachher kams mir, ich sei wohl grob mit dir umgegangen, und es war mir leid, von wegen sieh, es geschah nicht aus Absicht oder gar aus Bosheit, sondern wegen der Bekanntschaft. Sieh, ich will es dir gradusesäge, dein Meitschi gfallt mir, es dünkt mich, es schicke sich niemand besser zueinander als ich und es. Wir sind beide jung und hübsch genug füreinander, können beide wohl verdienen, es bekömmt ein Hüsli und ich keins, es hat einen Ätti und ich ein Müetti, beide alt, wegen der Hübschi haben sie einander nichts vorzuhalten. Wenn du und es einander heirateteten, so brauchte ich für dsMüetti keinen Hauszins mehr, es könnte die Haushaltung machen und dsMeitschi desto besser verdienen, und wenn denn da alles zusammenkäme, so hätten wir bald Geld zweg und könnten entweder mehr Land kaufen oder das Hüsli neu unterziehen lassen, es mangelt dasselbe grusam. Wenn du mir dsMeitschi gä wottsch, es hat nichts dawider, ich wüßt nicht, was es wett ha, so bsinn dih nit lang und sägs, daß ih mih rangieren cha! Mit Werche mag mich keiner, und sparsam bin ich auch. Daß ich mich vollgesoffen letzthin, daran stoß dich nicht, das geschieht des Jahrs nicht manchmal, und selb macht nichts, sagt man. Die Mutter ist huslich, für Schmutziges z'spare i dSuppe, i dsKrut u sust, kratzet si all Egge us. Die erspart dir manche Krone des Jahrs. Lue, du bist afe alt, und lang wirst es nicht mehr machen, aber du sollst deine Sache haben wie recht und brüchlich, für einen Hund sollst nicht gehalten werden, wie es an manchem vornehmen Orte der Brauch ist, wir wollen dich für e Ätti ha, seiest wunderlich oder nicht, krank oder gesund. Ich habe gedacht, du werdest froh sein, wenn dein Meitschi einen habe, ehe du davonmüssest. Da habe ich gedacht, du gebest mir die Tochter, sie machts auf my armi türi besser mit mir als mit einem, der manch tausend Gulden hat, daneben dann aber ein Hudel ist, und dann ists auch nicht, daß ich ganz nichts hätte. Oder was meinst, Barthli, nicht wahr, du gibst mir dTochter?«

»Ja, ja, ja, einem solchen Lausbub wie du die Tochter geben, ja, ja, ja, das wär es witzigs Stückli vo Barthli, einem, wo nichts als plagen kann und damit anfängt, mich zum Narren halten zu wollen. Ich glaube, du möchtest gern es Hüsli und dazu noch mir deine Alte, die wüste Schnupfdrucke, anhängen, so was käme noch manchem Narr in Sinn. Mein Meitschi mangelt keinen Mann, wir mögen die Sache, welche wir pflanzen, selbst fressen, brauchen keinen Schmarotzer und Unflat dazu. Und jetzt mach, daß du fortkömmst, und das Gnist, wo du gebracht, nimm mit, oder ich schlage es dir ums Gesicht.« Benz wollte frisch ansetzen, versuchte, Barthli darzutun, wie kommod in alle Spiel ein Tochtermann wäre, wie er doch einen haben müsse und viel besser täte, einen zu nehmen, der am Tag komme, als einen, den ihm das Meitschi znacht zucheschleipfe. Er sollte nur das Meitschi fragen, ob es ihn wolle oder nicht. Aber Barthli fragte das Meitschi nit: »Wottsch oder wottsch nit?« Benz hatte seine Sache nur schlimmer gemacht, den Verdacht geheimen Einverständnisses erweckt und jetzt wirklich Zeit zu gehen, wenn er nicht fremde Hände am Kopf haben wollte. »Sag«, rief ihm Barthli nach, »deinem alten Kratte, wenn sie einen Mann wolle, solle sie sich einen kuderigen machen lassen, andern bekomme sie keinen!« Da drehte sich Benz um und sagte: »Jetzt schweig, Alter, und wart du nur, es kömmt einmal die Zeit, wo du froh über Benz wärest, aber dann kannst du lange pfeifen, du alter Wydlimuser du, wasd bist!«

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