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Barthli der Korber

Jeremias Gotthelf: Barthli der Korber - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen
authorJeremias Gotthelf
year1976
publisherArtemis & Winkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05090-2
titleBarthli der Korber
pages493-565
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1852
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Züseli war ein recht schönes Bräutchen und hatte wirklich kindliche Freude an sich selbsten, die recht rührend war. Es hatte sich selbst noch nie in einem ordentlichen Anzuge, wo alles zueinander paßte, gesehen. Wenn es schon zuweilen zu was Neuem kam, so machte das Neue das übrige nur älter und schäbiger. Es ward gar nicht satt, an den neuen Schuhen, den neuen Strümpfen und an einem Stück nach dem andern sich zu ergötzen, gerade wie ein Kind bei der Weihnachtsbescherung. Dasselbe läuft ums Bäumchen, an welchem die schönen Sachen hängen, herum von einem Stück zum andern, hat bei jedem neue Freude und jedesmal noch größere als die frühern Male.

Es war aber nicht bloß an einem Tage glücklich, wie es leider Gott so manchem armen Bräutchen geschieht, sondern alle Tage glücklicher. Züseli war, seit die Mutter gestorben, an freundliche Worte gar nicht gewohnt; wenn es das ganze Jahr durch drei oder vier der Art vom Vater erhielt, so war es aller Handel. Nun, Benz war auch kein Zuckerstengel, indessen kriegte Züseli doch alle Tage einige gute von ihm, und die anderen waren doch wenigstens nicht böse und schnauzig.

Zudem ging ihm eine schöne Zukunft auf. Benz tat zum Korben geschickt, gab schon im ersten Winter dem Alten wenig nach. Hans Uli fragte Barthli einmal: »Und jetzt, wie gehts mit dem Tochtermann, weißt ihn jetzt was zu brauchen?« »He«, sagte Barthli, »es ging, z'arbeite ist er e Gute, und wenn er dsKorbe glehrt hätt und nit drTochtermann wär, es hätt mr chönne übel gah, er ma mih bald mit drArbeit, und es rückt ihm us drHand, wie wenn er scho lang drbygsi wär. Aber zum Tisch, da ist er e Uchummlige, e Uhung, daß ihs gradusesäge, dä friß dr nit wie es arms Mannli, sondere wie e ryche Bur, wo zehn Küh im Stall hat.« »O säg du, Barthli«, sagte Hans Uli lachend, »U de du? Du hast oft an meinem Tische gegessen, und wenn einer mehr mochte, ich oder du, so warst du es.« »O ja, da will ich nichts sagen, so z'ungradem oder auf der Stör«, erwiderte Barthli ruhig, »aber ich meine nicht das, ich meine z'ordinäri daheim, einen Tag was den andern. Das ist ganz was anderes, das gspürt me, du glaubsts nit.« »Wohl, das glaub ich«, sagte Hans Uli, »habs auch schon erfahren. Oder meinst, e Bur gspürts nit o, wenn ihm einer frißt wie angerhalbe Metzgerhung?« »Er wird wohl«, antwortete Barthli, »aber was frag ich dem nach! Er wird drfür dasy, oder wofür wär er sust da?« »So, du bist mr e Lustige!« sagte Hans Uli. »Meinst du dann, wir seien hagenbuchig gfüttert? Wenn drnah öpper ghörti, wied redst, du bekämst keini einzige Stör mehr.« »Was frag ich den Stören nach!« sagte Barthli, »wenn ih ume dWydli ha, ich komme viel weiter, wenn ich sie brauchen kann, wie ich will, als wenn ich sie den Bauren verkorben muß und dabei kaum das lautere Wasser verdiene.« »Aber meinst, man lasse dir die Wydli, da steckt man dir den Nagel«, sagte Hans Uli. »Ohä«, sagte Barthli, »selb tut man nicht. Die Bauren begehren nicht, daß ich einmal wiederkomme und in ihren Matten den Weiden nachgehe, und das täte ich, müßt ja nachholen, was sie mich versäumt; sie begehren nicht, daß ich zusehe, wie sie einander das Wasser stehlen, oder in trüben Nächten den alten Bauren, welche auch wiederkommen müssen, erzähle, was für Uhüng es us ihre Bube gä heig.«

Barthlis Mundstück blieb das nämliche, aber seine Kräfte nahmen sichtlich ab, die Erlebnisse im Sommer hatten sein ganzes Eingericht erschüttert und aus dem Gleichgewicht gebracht. Er klagte es nicht, er hüstelte nur etwas mehr als sonst und wurde nie böser, als wenn Züseli ihm zumutete, er solle doch was brauchen, Tee oder Doktorzeug. Er strengte sich dann nur mehr an zur Arbeit und verbarg seine Schwäche um so sorgfältiger. Einmal brachte ihm Züseli eine Halbe roten Wein, da begehrte er über die Verschwendung grimmiglich auf, so aufgebracht hatte ihn Züseli kaum je gesehen, es fehlte nicht viel, er hätte ihm die Flasche ins Gesicht geschlagen. Solange das alte Häuschen gestanden, sei kein Wein dareingekommen, jetzt, sobald ein neues habe sein müssen, habe der Teufel seine Eier dreingelegt, und jetzt könne er schon sehen, wie es gehen werde, wenn er einmal die Augen zuhabe. Aber er täte es ihnen nicht zu Gefallen, Platz z'machen, er wolle eine Weile ihnen zeigen, wo durch es gehen müsse.

Solche Reden sind aber vermessen und stehen dem Menschen nicht zu, es ist ein anderer Meister. Am folgenden Morgen war Barthli tot im Bette, aber umgedreht war ihm der Hals nicht; er schien eines ganz friedlichen Todes gestorben zu sein. Züseli ging dieser Tod nahe zu Herzen; daß Benz trauriger gewesen als andere Tochtermänner, die einen wunderlichen Schwiegervater verloren, können wir nicht behaupten. Aber in großer Angst und Verlegenheit waren beide, wo Geld nehmen und was mit den Schulden anfangen, welche dasein mußten. Begreiflich ging Benz alsbald zu Hans Uli, um Rat und Trost zu fassen. »Geh zum Pfarrer und gib ihn an, und mit der Gräbt machts wohlfeil, allweg bloß eine Käsgräbt im Hause, keine Fleischgräbt im Wirtshaus! Ich werde noch manchmal Langeweile nach ihm haben, daneben ists ein Glück für euch und ihn, daß er nicht lange krank sein mußte, das hätte eine schwere Not gegeben«, sagte Hans Uli. Benz frug noch, wo er wohl Wein und Käs nehmen sollte, daß sie es am wohlfeilsten machten, er wüßte ohnehin fast nicht, wie zahlen; sie hätten kaum zehn Batzen Geld im Hause. Mit der Zeit könnten sie es schon bezahlen, wenn ihnen nur jetzt jemand dings geben wollte. »Warum nicht! Sag nur, man hätte euch diesen Morgen alles versiegelt, und geh gleich zu einem Gerichtssäß und laß wirklich versiegeln, da darf es dir kaum jemand absagen; ohnehin tät es kaum jemand, man ist mit euch zufrieden, und bei solchen Gelegenheiten erfährt man es, was der Name macht.«

Als nun Benz von weiterm noch reden wollte, sagte Hans Uli: »Geh jetzt, mach, wie ich gesagt! Am Begräbnistag am Abend komm dann mit Züseli, so will ich euch über dSach brichte. Fürchtet euch einstweilen nicht, so bös ist dSach nicht.« Das war ein Trost, aber vollständige Beruhigung brachte er doch nicht. Daß sie blangeten auf den verhängnisvollen Abend, wird man begreifen. Die Nachbaren zeigten sich recht gut gegen das junge Ehepaar, sie boten sich an zum Wachen bei der Leiche, zu laufen für sie, wenn sie was zu verrichten hätten; und wenn sie irgendwas nötig hätten, sollten sie es sagen ohne Komplimente. Ihrer Lebenlang hätten sie nicht geglaubt, daß die Leute es so gut mit ihnen meinten, sagten Benz und Züseli. Sie hatten die Menschen noch nicht gründlich erfahren. Es ist keine Frage, die Menschen sind gutmütig, doch nicht gerne lange hintereinander, sie sind mitleidig, aber jemand, mit dem sie in die Länge zu tun haben sollten, wird ihnen sehr leicht lästig. Nun, so vom Tode bis zum Begräbnis und bei den bessern einige Tage darüber, da geht es schon. Es kamen noch viele Leute mit Barthli zu Grabe, und an der Käsgräbt führten sich alle bescheiden auf, allgemein war die Rede, die jungen Eheleute hätten einen bösen Anfang und müßten zur Sache sehen, wenn sie gfahren wollten.

Den Nachmittag füllten sie mit Waschen und Fegen, und am Abend machten sie mit schwerem Herzen zu Hans Uli sich auf. Dort mußten sie erst essen und trinken, ehe Hans Uli an die Geschäfte wollte. Es kam ihnen vor, als seien sie am Henkermähli, und erst als der Alte sah, daß nichts mehr runterwollte, führte er sie ins Stübli. Dort lagen Papiere auf dem Tische, und in der Mitte war ein alter, wüster Kübel und was drinnen. Züseli mochte gar nicht hinsehen, was es sei, aber es dachte, sellig Sache putze man sonst fort, ehe man fremde Leute in ein Gemach führe. Die Papiere enthielten Rechnungen und Quittungen über den Bau. »Herr Jeses, wieviel!« seufzte Züseli aus gepreßtem Herzen, »das wird e Usumm mache!« »Ho«, sagte der Alte, »es macht sich; man hausete, soviel man konnte, man hätte leicht ds Halb mehr brauchen können, und fertig seid ihr noch nicht. Wenn ihr machen lassen wollt, was nötig ist, so kostet es noch einen Büschel Geld, und ich wollte es fertig machen. Es ist nichts wüster anzusehen und nachteiliger als so unausgemachte Häuser. Läßt man sie einmal liegen, so bleiben sie liegen, solche Häuser werden nie mehr ausgemacht, aber z'plätzen hat man an ihnen fort und fort, solange sie stehen.«

»Aber wieviel würden wir dann schuldig, das wir verzinsen müßten?« fragte Benz mit beklommener Stimme. »Der Vater selig mußte nichts verzinsen und konnte es kaum machen.« »He«, sagte Hans Uli, »rechnet selbst, es werden ungefähr dreihundert Taler ausgegeben sein, und mit hundert Talern läßt sich noch viel machen, wären also zusammen vierhundert Taler. Es kostet mehr, als ich anfangs dachte, aber ich dachte, es sei besser, dSach gleich recht zu machen.« »Wieviel macht das Zins?« frug Züseli halblaut. »He, sechzehn Taler machts, wenn man das Geld schuldig ist.« »Sechzehn Taler im Jahr!« seufzte Züseli. »Es ist schon ein Geld, wer es zahlen muß«, sagte Hans Uli, »aber ihr müßt es nicht zahlen, ihr seid mir das Geld nicht schuldig, es war Barthlis Geld.« Da stunden beide und hielten das Maul offen. »DsVaters?« fragte endlich Züseli. »Ja, dsVaters«, sagte Hans Uli, »und seht, da ist noch mehr, und somit schob er ihnen den wüsten Kübel dar, nahm das Papier weg, welches drin lag, und fast halb voll grober Silberstücke war er. Da verschmeieten beide fast, und Züseli sah den Alten an mit einem Blick, als ob es sagen wollte: Warum hältst du uns zum besten? »Sieh mich nur an, Fraueli! Ja, es war eueres Vaters Geld, jetzt ists euer Geld.« Und nun erzählte ihnen Hans Uli den Hergang, gab ihnen das Papier zur Hand, auf welchem von den Männern verzeichnet stand, wieviel sie im Kübel vorgefunden, woraus sich ergab, daß der bessere Teil noch vorhanden war.

Sie stunden da, daß es wohl kein großer Unterschied war zwischen ihren Gesichtern und dem Gesicht, welches Lots Weib machte, und das man noch in der Kirche zu Doberan, freilich etwas verblichen, sehen kann, als es hinter sich sah und die brennenden Städte ihm in die Augen fielen; indessen der Ausgang war anders. Züselis Gesicht versteinerte nicht, kriegte zuerst Leben, und Wasserbäche strömten aus seinen Augen, daß der Vater so bös gehabt und so viel Geld, daß er sich nichts gegönnt und nur für sie gehauset, daß sie es nicht gewußt und nichts für ihn getan, nicht den Doktor geholt oder ihm wenigstens doch eine Laxierig oder andern Zeug gegeben hätten. »Nun«, sagte endlich Hans Uli, »es freut mich, daß du daran sinnest und zerst plärest und nicht jauchzest. Daneben höre jetzt mit Plären auf und plage dich nicht zu fast mit dem Kummer, er habe seine Sache nicht gehabt! Er wollte es so, und das war seine Freude, und, wie das Sprichwort sagt, es habe jeder Narr Freude an seiner Kappe, so ists meine Meinung, daß man ihm diese Freude nicht störe, das ist sein Wohlleben, und wenn er euch jetzt gesehen und euere Gesichter, so hätte es ihn gelächert wie sein Lebtag noch nie. Diese Freude wollen wir ihm wohl gönnen, aber nicht mehr, andere Leute brauchen nicht zu verstaunen über Barthlis Schatz. Wenn es auf mich ankäme, ich ließe davon nichts unter die Leute. Daneben macht, was ihr wollt! Dir, Frauli, wär das ein schwer Zumuten!«

Benz sagte, er danke für den Rat, er sei ganz der Meinung, die Leute wären jetzt so gut; wenn sie vernähmen, wie reich sie geworden, würden sie mißgünstig. Das Best werde sein, daß sie Land kauften, daß sie eine Kuh halten könnten. Da lachte der Alte herzlich, sagte endlich: »Häbs nit für ungut, aber das wäre gerade das Dümmst. Meinst nit, es nähme die Leute wunder, woher du das Geld hättest, wenn du dich plötzlich so aufließest? Doch dHauptsach ist die: Du willst ein Korber werden, und das ist recht, du siehst, es hat seinen silbernen Boden. Aber, was ihr verdient, was die Haushaltung kostet, überhaupt wie das Haushalten geht, das wißt ihr nicht. Jetzt hürschet nicht alles durcheinander, meinet, es möge sich alles ergeben, alles erleiden, auf welche Weise die meisten Weibergütlein dahingehen, man weiß nicht, wie, und wo man obendrein noch Trom und Boden verliert. DsHüsli laßt ausbauen, dann hüselet fort, ungefähr so wie bisher! So erfahret ihr genau, was ihr verdient, und was ihr braucht, ob ihr übrighabt oder z'wenig, und dsVaters Geld laßt einstweilen ruhig, als ob es gar nicht da wäre! Läßt Gott euch gesund, so werdet ihr ohne Zweifel mehr verdienen als brauchen, daraus könnt ihr euch nach und nach Sachen anschaffen, und deren braucht ihr viel; denn ihr habt von allen Sachen nichts, in mancher Bettlerhaushaltung hat man mehr. Unterdessen laßt das Geld arbeiten, man findet ihm schon Platz, daß es hier herum nicht bekannt wird. Seid ihr dann durch eure Arbeit gut in Stand gekommen, im Handwerk brühmt und bliebt, dann ist noch alle Zeit, Land und Kuh zu kaufen, wenn es sich wohl schickt und ihr noch Lust dazu habt. Dann freut es die Leute noch, sie halten euch viel darauf und sagen: husligere Leute gebe es nicht, aber es sei ihnen z'gönnen, sie arbeiteten darnach, z'unnütz sehe man sie keinen Kreuzer vertun; wenn alle so wären, es gäbe weniger Arme, und es ginge besser auf der Welt.« Wie die jungen Leute dem Alten dankten, kann jeder sich denken. Er war selbst über die Innigkeit gerührt und ließ sich erbitten, ihnen den Schatz ferner zu verwalten.

Stumm gingen sie lange nebeneinander auf dem Heimweg. Endlich sagte Züseli, es möchte abhocken und beten. Als sie wieder aufstunden, fiel Züseli dem Benz um den Hals und sagte: »O Benz, wie sy mr jetz zweg so ungsinnet! Aber gäll, hochmütig und gyzig wey mr nie werde, zum Krüzer luege und i drLiebe blybe und nie vergesse, für e Vater z'bete alli Tag, und nie vrgesse, woher alles chunnt, und wem mr alles z'vrdanke hey?« Benz drückte sein Weibchen ans Herz, und stumm Hand in Hand wanderten sie ihrem Häuschen zu und werden darin, so Gott will, den Frieden auf Erden finden und dabei sorgen für den Frieden im Himmel.

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