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Barthli der Korber

Jeremias Gotthelf: Barthli der Korber - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen
authorJeremias Gotthelf
year1976
publisherArtemis & Winkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05090-2
titleBarthli der Korber
pages493-565
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1852
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Es war Hans Uli zwider, am Sonntag blieb er am liebsten daheim und lebte wohl an der Sabbatsruhe auf dem Bänklein vor seinem Hause. Er wußte aber wohl, daß Barthli in seinem Eigensinn nicht zu ihm kommen würde, und wenn er ihn siebenmal kommen hieße, darum machte er sich gegen Abend auf, dem rueßigen Graben zu. Barthli erschrak, als er Hans Uli sah. Hätte er ihn früh genug erblickt, er wäre nicht mehr zu finden gewesen. Als Hans Uli ihn beiseite hatte, begann er ihm den Text zu lesen und zwar scharf. Keine Manier sei es, sagte er, wenn man es gut mit ihm meine, dann zum Dank mit solchem Koldern einen zu plagen. Er hätte ja Geld mehr als genug, warum nicht zahlen, was er schuldig sei, einmal müsse es doch geschehen, oder ob er sich einbilde, es sei einer auf der Welt Narrs genug, es für ihn zu tun? Er solle machen, daß morgen Geld da sei, er solle denken, wie ungern er es habe, wenn man ihn von einer Stör unbezahlt entlasse. Barthli wand sich wie ein Aal zwischen Brummen und Flattieren, meinte, Hans Uli solle vorstrecken, er habe so ans Bauen gesetzt, ohne ihn hätte er es nicht unternommen, er habe ihm ja gesagt, er habe viele gute Leute, darum habe er sich auch darauf verlassen, er werde ihm vorschießen, nach und nach könne er es wieder abverdienen.

Hans Uli stand fast auf den Kopf ob solcher Rede. »Aber hast du mich dann angelogen, als du mir sagtest, du hättest einen versteckten Schatz und darin mehr als genug für ein Häuschen?« fuhr er ihn an. »Wäger nicht!« sagte Barthli. »Aber wie soll ich aus dem Kübel Geld nehmen? Tags kann ich nicht, da stürmt alles aus und ein, nachts kann ich nicht, da merkte es dsMeitschi, es ist nit z'mache, wäger nit!« »Und warum soll es das Meitschi nit wüsse?« frug Hans Uli und stellte Barthli handgreiflich die Dummheit vor, den Schatz den jungen Leuten länger verheimlichen zu wollen. Nichts dagegen hätte er, wenn er denselben des weitern nicht austrommeln ließe. Aber Barthli war wie ein beinerner Esel, tat keinen Wank. Erst stellte er sehr beredt die nachteiligen Folgen für die jungen Leute vor, wenn sie den Schatz entdecken würden. »Alle Laster täten sie kriegen«, sagte er, »würden hoffärtig, hochmütig, vertunlich, Uhüng in alle Wege.« Als Hans Uli ihm daraus nichts gehen ließ und sagte: »Und dann nachher, wenn du tot bist, was dann? Es ist doch besser, du legest das Geld jetzt zNutzen an, als sie kriegen es nach deinem Tode, jetzt kannst du wehren, bist tot, kannst nichts mehr dazu sagen«, sagte Barthli: »Und hör uf, u säg, wasd witt, es nützt dih alles nüt, un ih tues nit, u vo dem Geld bruche ih nüt u nime nüt drvo! Soll ih vrgebe bös gha ha u mih gfreut, was dManne säge werde, wenn sie dsGeld finde, u wie dLüt dNaselöcher ufmache werde, wenns heißt: ›Dä alt, wüst Korber het e ganze Kübel voll Geld hinterla, wer hätt das glaubt, wer hätts dem agseh? Er wird nit so dumm gsi sy, als me ne drfür aglueget het.‹ U das alls soll nüt sy und all my Freud vrgebe! Ney, bim Donner, Hans Uli, das mut mr nit zu, das tuen ih nit, lieber will mih no hüt henke, de cheu sis de morn füreloche, ih bi doch de gstorbe, u dSach geit, wien ih däicht ha.«

So was war Hans Uli wirklich nicht vorgekommen, er erschrak fast ob solchen Reden, er kannte Barthli mit seinem Eigensinn und wußte, wie solche Leute so leicht etwas zu Gemüte fassen und so schwer es nehmen, daß es sie zum Äußersten bringt. Es war von Barthli freilich eine ärgerliche Wunderlichkeit, aber sie berührte seinen Lebenszweck und war seit Jahren eingewurzelt, sein ganzes inneres Leben ging in ihr auf, daß Hans Uli dachte, da könnte einer sich übel verfehlen und etwas zwingen, woraus er sich sein Lebtag ein Gewissen machen müßte. Er kapitulierte lange, lange mit Barthli hin und her, bis endlich Barthli sagte: »Es kommt mir ja nicht drauf an, sei der Kübel unter meinem Bette, oder sei er in deinen Händen, aber ich will nicht wissen, wie viel darin ist, will nichts darausnehmen, die schönen Stücke, die ich dreingetan, kann ich nicht drausnehmen, und dsMeitschi und sein Löhl sollen nichts darum wissen. Es wüßte kein Mensch, wie die täten, vor dem Vollmond wär alles fort, die Lumpenleute würden noch sagen, es sei mir recht geschehen, und tapfer mich auslachen.« »Aber nun die Arbeitsleute, wer soll die zahlen?« frug Hans Uli. »Du, wer anders!« antwortete Barthli, »nimm du es draus!« »Selb ist mir zwider«, sagte Hans Uli, »und zuerst müßte gezählt werden, was drinnen ist.« »Ghörst«, fuhr Barthli auf, »von dem will ich nichts wissen und nicht, was du ausgibst, und wenn ich was verdiene und beiseite machen kann, will ich es dir geben. Den Lumpenleuten kannst du es dann einmal sagen, wo der Barthli mit dem Gelde hingekommen.«

Dem Hans Uli war dieser seltsame Handel sehr zuwider, und, wäre Barthli nicht der alte Schulkamerad gewesen, derselbe wäre nicht zustande gekommen. Hans Uli erbarmte sich, wurde mit Barthli endlich tätig, derselbe solle den jungen Leuten ein paar Batzen geben und sie ins Wirtshaus schicken, dann, wenns finster sei, den Schatz in Hans Ulis Haus schaffen, derselbe solle ihn geheimhalten, bis Barthli sterbe, und für den Fall, daß Hans Uli früher sterben sollte, es irgendwo vernamsen, wem das Geld gehöre, und was mit zu machen sei. Barthli brachte das Geld.

Aber wie es verabredet war, machte Hans Uli es nicht, durch zwei vertraute Männer ließ er das Geld zählen und legte ihre Bescheinigung obendrauf. Die jungen Leute hatten sich sehr verwundert über Barthlis noch nie erlebte Großmut und hätten das Opfer kaum angenommen, wenn Hans Uli, der dabei war, nicht gesagt, sie sollten es nehmen, wenn der Vater es geben wolle, es könnte vielleicht lange gehen, bis den Alten wieder so was ankäme. Es sei ein Zeichen der Zufriedenheit, und solche dürfe man nie ausschlagen. Sie sollten ihm fürder treu sein und von der Bürde das schwerere Ort auf ihre Achsel nehmen, sie seien jung und sollten auch stärker sein als Siebenzigjährige. Sie gingen endlich, aber Züseli war immer das Weinen z'vorderst. Das sei eine Änderung vor dem Tode, es könne es nicht anders einsehen, sagte es. Hans Uli hätte lange einreden können, wenn den Vater nicht etwas Übernatürliches angekommen wäre; denn, was er nicht im Kopf gehabt, das hätte ihm kein sterblicher Mensch hineingebracht, kaum der Herrgott.

Am Montag stellten die Arbeiter sich ein mit kühnen Gesichtern, auf denen geschrieben stand: Wart, du alter Schelm, dir wollen wir es zeigen, wenn du heute nicht ausrückst! Der Maurer mochte fast nicht warten bis am Abend, um zu erfahren, wie es stehe, es versprengte ihn fast vor Ungeduld. Ehe es noch recht Abend ward, trat der Maurer den Barthli an mit der Frage: »Und jetzt, wottst füremache oder nit? Möchts gerne wissen.« »Wer hat gesagt, daß es heute sein müsse?« frug Barthli. »Hans Uli hat es verheißen« antwortete der Maurer. »He nu, wenn es der verheißen hat, warum fragst du mich? Geh zu Hans Uli, der wird schon halten, was er versprochen!« Erst begehrte der Maurer auf, er wolle seinem Gelde nicht nachlaufen und wahrscheinlich um nichts und wieder nichts. Wenn Barthli einen Narren haben wolle, so solle er sich einen eisernen machen lassen. Benz, dem es natürlich himmelangst war, beschwichtigte, so gut er konnte, und am wirksamsten mit dem Bescheid, daß Hans Uli gestern dagewesen und sicher eine Abrede werde getroffen worden sein. Der Vater könne nicht rechnen, kenne keine Zahl und das Geld übel, so werde Hans Uli die Zahlungen übernommen haben. »Kann sein«, meinte der Maurer, »aber warum sagte der alte Schalk es nicht? Wenn er es so machen will, so soll es dem eingetrieben werden.« »Und warum wollt ihr mich plagen«, sagte Barthli, »nicht acht Tage arbeiten ohne Bezahlung? Probierit mit Ytrybe, es wird sih de scho zeige, wer zletzt Meister wird!« Wir glauben, Barthli mit seiner zähen Schlauheit wäre Meister geworden, war aber nicht nötig. Als die Arbeiter Geld sahen und wußten, daß Hans Uli seine Hand in der Sache habe, ließen sie die Flausen fahren und förderten die Arbeit so, daß das Häuschen unerwartet schnell zu beziehen war.

Nun ließen die jungen Leute verkünden, meinten endlich, glücklich am Ziel zu sein, da kam ein Neues dazwischen, eine neue Verlegenheit, an die sie nicht gedacht, es sollte bei ihnen sich so recht erwahren »Per ardua ad astra«, das heißt: durch dick und dünn zum Himmel. Es ist Sitte, daß man zum Hochzeithalten sich neue Kleider machen läß. Es herrscht der Glaube, daß, sowie die Hochzeitkleider, namentlich die Hochzeitschuhe, brechen, auch die Liebe auseinandergehe. Bekanntlich halten nun in der Regel neue Kleider länger als alte, ja viele hängen den ganzen Anzug in den Spycher, tragen denselben selten oder nie mehr und glauben, auf diese Weise für eine ewig junge Liebe vollständig gesorgt zu haben. Wäre allerdings ein ring Mittel und sehr zu empfehlen, wenn es probat erfunden würde als Universalmittel zur Erhaltung ewig junger Liebe. Es fiel den jungen Leuten ein, daß sie solche Kleider haben müßten notwendig, besonders Züseli, aber woher das Geld dazu nehmen, ohne es zu stehlen? Benz hatte das seine fast ganz in Barthlis Nutzen verbraucht, Züseli nie welches gehabt, und zwei ganze Bkleidige, sie mochten so wohlfeil rechnen, wie sie wollten, kosteten immer schon eine Summe. Sie hätten wahrscheinlich es machen können wie andere, auf Borg nehmen, aber sie schämten sich dessen und wußten, daß man auf diese Weise alles teurer bezahlen muß. Da sie nun an eine Zukunft dachten, so graute es ihnen vor Schulden und unnötigen Ausgaben. Als Barthli einmal guter Laune schien, chlütterlete ihm Züseli sehr, hätte ihm fast vorgetanzt wie dem Herodes seines Weibes Tochter, und als er eben recht ermürbet schien, rückte Züseli aus mit seinem Anliegen. Aber potz Himmelblau, wie gabs da plötzlich schwarze Wolken, und wie blitzte und donnerte es aus denselben schrecklich! Was ihn das angehe, begehrte er auf, er wolle es ja nicht heiraten; wer es haben wolle, der solle ihm auch für die Kleider sorgen, er sei mit einem Tochtermann gestraft genug, er wüßte nicht, aus wes Grund er jetzt noch mit solchen Kosten solle geplagt werden, kurz, er machte es ungefähr so wie mit den Arbeitern, hatte es mit der Tochter wie mit dem Hüsli, am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn es beim alten geblieben wäre. Züseli wollte ihm vorstellen, wie Benz bereits soviel Geld in Barthlis Nutzen verwendet, so manche Maß Brönz oder Wein und anderes mehr angeschafft usw. »Wer hat ihn gheißen?« brüllte Barthli; »wer ihn gheißen hat, der soll es ihm wiedergeben. Wenn eins von euch einen guten Blutstropfen hätte, ihr kämet mir nicht mit solchem Anmuten jetzt, wo ich solche Kosten habe, worob ich fast zhinterfür grate.« Wie das Züseli wehtat, besonders wegen Benz, und wie es sich vor ihm schämte, kann man denken. Es dachte oft, am Ende könne es ja auch in seinen alten Kleidern gehen, es werde doch an denen allein die Liebe nicht hängen. Wenn es sein möglichstes tue mit Arbeiten, Huse, Liebha und Benz die Hände unter die Füße lege, so könne es doch fast nicht glauben, daß es gestraft werden sollte für eine Sache, deren es sich so gar nichts vermöge.

Einmal, als es alleine vor dem Häuschen saß, Erdäpfel rüstete und dazu bitterlich weinte, kam Hans Uli dazu und wollte wissen, was es habe. Nach vielen Ausflüchten beichtete endlich Züseli. Erst wurde Hans Uli zornig, dann lachte er und sagte: »Dr Alt ist doch immer der gleiche, den könnte man in einem Mörser zerstoßen von unten bis oben, er bliebe der Barthli und würde um kein Haar anders. Aber tröste dich, du mußt Kleider haben und Benz auch, der Alte muß zahlen, er mag wollen oder nicht, ich verrechne ihm dieses in die Baukosten.« »Das nit, Hans Uli, ume das nit! Ich betrog den Vater mein Lebtag nie um einen Kreuzer, obschon ich es oft nötig gehabt wegen Hunger und Durst; jetzt will ich nicht anfangen und bsunderbar nicht mit den Hochzeitskleidern; was hülfen neue Kleider, wenn sie mit veruntreutem Gelde angeschafft wären, ich müßte mich ja drinnen schämen, ich dürfte nicht vor aufluegen!« antwortete Züseli. »Du bist ein wunderlich Ding«, sagte Hans Uli, »und wenn du alt wirst, wirst einen Kopf haben akkurat wie dein Alter, vielleicht nit so e wüste, aber uf das allerwenigst ebeson e wunderliche.«

Glücklicherweise kam Barthli zufällig zu diesem Handel. Hans Uli wusch ihm tapfer die Kutteln, sagte ihm, er sei der wüstest Alt gegen seine Kinder im ganzen Emmental; und wenn sie nit warten möchten, bis er aufhören müsse, sie anzugrännen und auszubranzen, so geschähe es ihm recht, denn er wäre selbst schuld daran. Mit diesen und ähnlichen kräftigen Redensarten brachte er es endlich dahin, daß Barthli sagte, des Tüfels Zwängs hätte er bald genug. Das werde schön herauskommen, wenn jedes Bettelmensch in Seide und Sammet zchilche well. Er solle machen, was er wolle, es gehe zum andern, er wäre alt genug, um in solchen Sachen Verstand zu brauchen. Daneben sei es ihm ganz gleich, am Ende müßten sie denn doch sehen, wer zahle. Schulden seien bald gemacht, aber wiedergeben, das habe eine Nase, sie würden es erfahren. Er machte Züseli bitterlich Angst, es wollte verzichten auf neue Kleider, aber Hans Uli tröstete und sagte, hoffärtig habe er die Leute nicht gerne, aber wer bei solchen Anlässen nicht tue wie üblich und bräuchlich, werde später reuig oder ein Kolder, der sein Lebtag tromsigs drin sei. »Das ist grober Tubak«, sagte Barthli. »Kannst mit machen, was du willst«, lachte Hans Uli, »ihn liegen lassen oder schnupfen, es stößt dir ihn niemand in die Nase.«

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